Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Vh. 208. Dienstag öen 25. Oktober. 1910 (Nachdruck cctOoterU 783 Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer. Eine Depesche von Professor Winter war eingetroffen. Sie lautete kurz:„Sofort kommen!" Philipp depeschierte zurück, fragend, lvas denn sei. Aber es kam nur die Ant» Wort:„Sofort kommen!" So fuhr er hin. Nun war er wieder in der alten Universitätsstadt. Sie war tot für ihn. Sie war so tot für ihn, daß er ihre alten Häuser hätte stu- dieren und" nach den Daten ihrer Erbauung registrieren - können, nur interessiert für ihr Alter und ihre künstlerischen Eigenschaften und Werte. Er ging ruhigen Gemütes durch die winkeligen Gassen. Er war nicht heiter, nicht traurig. Er war nur ernst und still. Nun stand er seinem Lehrer gegenüber. Sie waren beide noch nicht alt. Der Altersunterschied, der zwischen ihnen be- stand, zählte nun nicht. Sie konnten als gleichalterig an- gesehen werden. Vielleicht sogar erschien Philipp der ältere von beiden. Sein Haar war licht und an den> Schläfen er- graut. Sein Bart war meliert. Und sie standen einander gegenüber in dem Gefühl ihrer Geltung. Die Begrüßung war kurz und einfach gewesen. Dann sagte Professor Winter: „Ich habe nicht geringen Groll gegen Sie gehegt, als Sie mich schmählich verlaffen hatten. Ich habe etwas erreicht hier, aber ick hatte immer das Gefühl, es wäre mehr ge- worden mit Ihnen. Aber nun ist's gut. Nun habe ich er- kannt, daß es so besser war. Man muß abwarten können. Aber wer kann das heutigentags noch? Wo die Behörde nicht drängt, drängen die Winkelschreiber. Das ganze heutige Leben ist eine ungeiunde Hetze, und die Kleinstadt ist die ungesundeste Institution, die es im heutigen Leben gibt, sie ist nicht mehr Dorf und ist noch nicht Stadt— darum bringt sie einen ex- panierten Menschen um. Aber was ich sagen wollte: bei mir ist nun kein Platz mehr für Sie— aber über mir wäre einer. Der richtige Platz ist für sie frei: im M i n i ste r i u in. Ihr Wirken bekommt Weite, das ganze Land hat Nutzen da- von, und Ihre Persönlichkeit garantiert dafür, daß ihre Ar- beit nicht in dem deliebten Bureaukratismus erstarrt, der allen Fortschritt unterbindet und alles auf das Schema fest- legt. Ich bin noch der alte Gegner, der ich war. Und weil ich ein Gegner bin, darum habe ich für Sie vorgearbeitet. Nehmen Sie den Posten an, dann löst sich meine Gegnerschaft in das auf, wesbalb sie existiert: in die stete, freie Arbeit der EntWickelung. Welcher Mensch von heute ertrüge noch anders das Leben? Uebrigens, mein Freund, man sieht Ihnen die Zeit an, die Sie hinter sich haben! Was denken Sie zu meinem Vorschlag?" „Ist es Ihr Ernst?" „Vollkommen!" „Täuschen Sie sich nicht in mir!" „Ich täusche mich nicht." „Uebernehmen S i e das Amt?" „Mein Freund, es gibt Kaufleute, die sind gute Geschäfts- / fllhrer für andere. Wenn sie sich selbständig machen, machen sie bankerott. Ich kenne mich"— er lächelte—„und ich weiß, wo ich mein Bestes leiste. Ich schreite weiter fort und gehe weiter voraus hier auf meinem Posten, den ich mir geschaffen, als ick andere weiterführen könnte." „Aber ich?" „Sind Sie eitel geworden in den Jahren?— Uebrigens will ich Ihnen etwas sagen: ich habe gestern an den Groß- Herzog geschrieben und"— er lächelte wieder—„unter uns: eine glänzende Empfehlung von Doktor Laforet mitgeschickt riebst Ihrem gemeinsamen Werk." „Ich habe Feinde da oben— und das ganze Land wäre gegen mich." „Da werden Sie also umso deutlicher zeigen, wer Sie find!" Philipp entschied sich nicht. Sie verbracywn den Abend zusammen. Philipp erkundigte sich nach seiner geschiedenen Frau. „Sie ist wieder verheiratet, an einen Fabrikdirektor bei Frankfurt. Es soll ihr gut gehen." Philipp ward still. „Sie schleppen das noch mit sich?" bemerkte Professor Winter. Philipp wurde eine Schattierung bleicher. „Es vergißt sich ja doch nicht. Es bleibt eine Narbe davon. Man hat das Schicksal, man hat Leid und Schmerzen eine? Menschen auf dem Gewissen. Dann fröstelt man im Sonnen- schein, weil man an kalte Tage denkt— und wenn etwas still in einem gsvorden, dann hört man auf einmal ein leises Tropfenrinnen, wie im Herbst, wenn die Feuchte von den Blättern fällt. Das gibt jedesmal ein Zucken und Brennen, und man kann sich nicht verschließen." „Ja aber—" wollte der Profesior einwerfen. „Ich kenne alle Aber— und dennoch." „Ich wollte nur das eine Wer sagen, man muß das eben mit sich tragen und sich nicht davon unterkriegen lassen. ES gehört zu einem, wie zu einem Menschen ein Muttermal ge- hört. Im Gegenteil, was eil« Schwäche ist— ich meine, eine schwache Stelle— daraus kann eine Stärke werden. Wenn einem der eine Arm fehlt, so muß er den anderen so gut aus- bilden, daß kein Mensch daran denkt, daß er alles, was er leistet, nur mit einem Arm leistet." Am Morgen packte Philipp die Lust, alle Wege zu gehen. Und er ging sie. Die Straßen der Stadt, die Spaziergänge draußen, tiefer in den Wald hinein. Erinnerung. Wie viel war nun schon Erinnerung geworden in seinem Leben im Freudigen und im Schmerzlichen, und er sah ihm gelassen und ruhig ins Auge. Es wurde nicht mehr seiner Herr, es zwang ihn nicht unter. Er verkroch sich nicht davor und fühlte keine Unrast davon. Es lag alles als ein schöner und reicher Besitz in ihm, gegenwärtig stets, alles Frohe lind und lindernd, alles Schwere gewiß und sacht. Und wo es Rechenschaft forderte, gab er sie, und er gab sie ohne Scheu, frei und verant- wortungsvoll. Vom Hofe war die Antwort an Profesior Winter ein- getroffen. Der Großherzog erwarte den Doktor Kaiser gegen Abend im„Neuen Palais". Philipp fuhr hin. Der Fürst empfing ihn in seinem Arbeitszimmer, das von Otto Eckmann herrührt. Im Kamin brannte ein Scheit. Es war eine wohlige Wärme in dem Raum. Der Großherzog ging ihm entgegen und reichte ihm die Hand. Philipp ergriff sie. Und nun sah ihn der Fürst mit einem langen, schweigenden Blick an. Ein Lächeln glitt über seine Züge. „Ich kenne Sie," sagte er. Dann bat er Phifipp, Platz zu nehmen. Sie sprachen zunächst nicht von der Angelegenheit. Sie sprachen Allgemeines, vom Leben, von der Kunst, von der Zeit, von Vergangenheit und Zukunft, von Zusammenhängen und Forderungen. Sie unterhielten sich angeregt. Philipp war bald ganz frei von Scfcu und abwägender Zaghaftigkeit geworden. Er fühlte den Menschen, der ihm gegenübersaß, der die Interessen und Wesentlichkeiten seiner Zeit verfolgte, zu verstehen trachtete und tausend Fühler nach ihnen aus- streckte, sie wirklich und im Kerne zu erfassen, in seine Natur hereinzuziehen und für feine Stellung fruchtbar werden zu lassen. Sie sprachen von dem Aufbau des Lebens, von dem Ausbau der Persönlichkeit. Sie sprachen vom Beruf der Zeit und ihrer Menschen und sprachen von ihren Reibungen und Trieben, um zu ihrem Hauptzuge, ihrer eigentlichen Kraft vorzudringen. Das Scheit knisterte fin Kamin. Dämmerung lag im Zimmer. Sie trank den weichen rötlichen Feuerschein weich in sich ein. Ter Großherzog saß im Sessel am Fenster, Philipp saß dem Kamin gegenüber in einem niedrigen Fauteuil. Und je nachdem er den Kopf bewegte, fiel der schein des Feuers auf fein Antlitz. Das Gesicht des Großherzogs aber war ständig von der matten Helle des verwehenden Tages beleuchtet, die noch draußen den Garten erfüllte. Dann wurde draußen eine Laterne angezündet, und der Schein, der durch das Fenster fiel, war weiß und scharf. Aber die Züge des Fürsten wurden nicht hart. Sie bewahrten ihren inneren Glanz, ihre bewegte Interessiertheit, ihre freudige Angeregt- Heft gegen das scharfe Licht, das sie traf. Die Augen funkelten. Philipp war in der Erregung des Sprechens auf- gestanden. «Es ist richtig," sagte er,«die barbarischen Völker haben immer den starken historischen Zug bewiesen. So kamen die Römer über die Griechen, die Germanen über die Römer. So kommt nun der Norden über den Süden. Und unsere älteren Kräfte, weit sie ihres Alters wegen die schwächeren sind, werden von den jüngeren, die die robusteren siird, aufgesogen und vernichtet. Aber wir haben unsere Kultur zu wahren und unser historisches, unser geistiges, unser kulturelles Besitztum zu hüten. Tazu sind wir noch lange nicht zu alt. Ter Norden hat die staatliche Uebennacht erhalten. Setzen wir ihm unsere kulturelle entgegen. Es ist Zeit, daß wir den Wall aufrichten. Wir können dann noch siegen. Wir haben das stärkere und feinere Lebensbewußtsein, das bessere und edlere Lebens- besitztum. Es soll kein Kamps sein— es ist zu spät, die Kampfesstirn zu bieten. Der Süden hätte früh wachen sollen. Aber wir können ein anderes tun— wir können uns geistig ausbreiten, wir können Brachliegendes wecken, ausbauen, freimachen. Je mehr die Staatsgewalt des Nordens an Stärke gewinnt, desto mehr wagt sie es mit der geistigen Unterdrückung, zumal hier ein Volk nicht Freiheitsgefühl, nicht Freiheitsbedürfnis, nicht Freiheitswillen genug hat, schon genug hat, um diesem Zug zu widerstehen. Macht breitet sich immer nur durch Gewalt aus— äußere Macht. Aber wir im Süden, wir wollen eine innere Macht schaffen, eine geistige Macht, eine Kulturmacht. Vielleicht werden wir unterliegen — gegen den Zug der Geschichte gibt es keinen Widerstand, aber so wollen wir mit Ehren unterliegen. So wollen wir der Zukunft unser volles und reiches geistiges Besitztum über- machen. Vielleicht wird es ihr Kern werden. Und es wird ihr Kern werden, wenn wir es zum Höchsten und Stärksten und Reifsten treiben, dazu es die Kräfte enthält, dazu wir die Kraft haben. Wir wollen fortschreiten. Königliche Hoheit, wir wollen vorausschreiten. Wir hier, die Vormacht des Südens. Ehe unsere Donnereiche gefällt ist, soll die Jrminsul des Südens nickst fallen können. Ist es unsere letzte Ehre, die wir erstreben können, wir wollen sie erstreben. Sie soll die unsere sein." Er besann sich. Er sah dem Fürsten klar und groß ins Auge. Und er sagte ganz ruhig, mit einem letzten leisen Zittern der Erregung in der Stimme: „Ich habe das in einem freien Lande frei für mich ge- dacht. Nun habe ich es ausgesprochen-— zu frei vielleicht. Ich mache mir einen Vorwurf deshalb, in dem gleichen Augen- blick, da ich ein Gefühl des Stolzes nicht unterdrücken kann. Ich bitte Eure Königliche Hoheit um Verzeihung. Ich bin Süddeutscher mit ganzer Seele. Ich habe einen Traum von einem Großdeutschland in mir behalten, er ist mir von meinem Großvater vererbt, und ich weiß, daß er eine Utopie ge- worden. Dennoch, Rhein und Freiheit, Königliche Hoheit. sie sind für mich Symmyme, Rhein und Süden und Freiheit, und ich blicke dabei nach Norden ins deutsche Land hinein und — er verneigte sich— ich verschweige den Namen, den ich auf der Zunge habe." Einen Augenblick blieb es still. Philipp hörte sein Herz schlagen. Ganz Herr seiner selbst, mit einem weiten unbestimmten Blick, sagte der Großherzog: „Sie treten ins Ministerium ein— Sie sind einver- standen?" Philipp sah ihn erstaunt an.� „Ich werde mich nicht dazu eignen." „Dafür trage ich die Verantwortung." Er drückte auf eine Klingel. Die elektrischen Lichter gingen an. Es war hell im Raum, und die rote Glut des Feuers wurde von der Helligkeit der Birnen verschlungen. „Ich habe viele Feinde im Lande," sagte Philipp. „Denen nicht zu trotzen wäre?" warf der Großherzog ein. „Und Feinde hier am Hofe, Kön, gliche Hoheit." Der Großherzog lächelte und kniff das eine Auge zu. Und was weiter?" fragte er. Philipp richtete sich gerade auf. „Ich brauche geraden Weg und freie Bahn. Ich suche keinen Vorteil und ich schmeichle nicht, ich habe den ausrechten Gang notwendig. Ich stamme aus einer Ziegelhütte, an deren Lehmtisch meine alte Mutter noch arbeitet, und ich habe mich zu dem, was ich bin. so wenig es sei, allein und mit eigener Kraft durchgerungen. Ich war untergegangen und tief gesunken, das macht, daß ich nun ein deutlicheres Be- wußtsein von meinem Aufstieg habe. Und ich habe ein starres Selbstgefühl von ihm und einen unbeugsamen Stolz. Ich weiß: wo ich mich hinstellen werde, wo ich mir den Platz suche, werde ich einen Umkreis ziehen und ein Feld erobern, wo mein Schaffen fruchtbar und meine Persönlichkeit h wurzelt sein wird. Aber ich weiß nicht, ob ich mich für die engen Geleise des Bureaukratismus eigne und ob ich seinen Fallstricken ge» wachsen bin. Ich bin kein Haster mehr, ich weiß mein Tem- perament zu zügeln— ich werfe mir vor. daß ich es vor Eurer Königlichen Hoheit habe ausbrechen lassen— aber ich brauche ein Tempo für mein Wirken. So wie es meine Sicherheit in meiner Sache fordert und regelt. Ich kann träumen, die Welt zu beherrschen, aber ich kann mir nicht vorstellen, ein behutsamer Beamter zu sein, der tausend Rücksichten nehmen muß und zuletzt nur sich kennt." Der Großherzog war unruhig geworden. „Und gilt es Ihnen nichts, wenn Sie mich auf Ihrer Seite haben?" „Alles!" antwortete Philipp rasch und verneigte sich. „Wenn wir zusammen freien Weg machen für das Not- wendige?" ergänzte noch der Fürst. „Wenn das Notwendige, das ich erkannt habe, auch das Notlvendige ist, das Eure Königliche Hoheit erkennen werden." Der Großherzog trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Ich bin nicht den gewiesenen Weg gegangen, der zur Staatsstellung führt," bemerkte Philipp. „Ich habe noch keinen Menschen nach seinem Wege ge- fragt. Es kommt nicht auf den Weg an, sondern auf den Platz, auf dem einer steht. Oder auch das nicht einmal, es kommt nur darauf an. was einer ist." „Aber die Anschauung des Beamtentums?" „Wollen Sie das als Grund nehmen, auszuschlagen?" „Es wird einen Kampf geben, und er wird sich weiter fortsetzen und jede Wirksamkeit um ihre Frucht bringen. Denn Beamtentum ist Unbeweglichkeit und Marasmus, jedes Zeit- Verständnis fehlt hier. Hier begegnen die Kräfte, die frei werden wollen oder frei geworden sind, dem stärksten Wider- stand. Das Beamtentum als Apparat ist notwendig, sein Geist aber muß überwunden werden. Alles, was Freiheit braucht, wollen wir ihm aus den Händen nehmen, dem le- bendigen Geist soll sein Recht werden, und der Beamte soll der Vollstrecker seines Willens sein, bis vielleicht auch einmal das Beamtentum dem Geiste frei wird." „Ich bitte Sie, annehmen zu wollen," sagte der Groß- herzog rubig, mit einer gleichmäßigen Betonung und reichte ihm die Hai.d. Philipp schlug ein. „Aber ich müßte Eure Königliche Hoheit bitten, mich nicht bor dem neuen Jahre verpflichten zu wollen— ich brauche noch so viel freie Zeit." „Sie ist Ihnen gewährt. Auf Wiedersehen!" , Schluß folg». 17] Die f atmlic Krage. von Johann Skjoldborg. Autorisierte Nebersetzung von Laura Heidt. XVI. Marie war damit beschäftigt, Knöpfe in Jürgens blauen Rock zu nähen, denselben Rock, den er angehabt hatte, als er zum ersten Male das Haus betrat. Er war jetzt verblichen, die Knopflöcher waren ausgefranst und rings um die Ränder hatten die Knöpfe hellere Flecke hervorgebracht; die Kanten waren durchgestoßen und zcrsplissen.— Sie kehrte die Innenseite nach außen, an mehreren Stellen war das großkarierte Futter gerissen. Jürgen saß und rechnete. „Was willst Du nun dem Kaufmann sagen bei der Vergleichs- Verhandlung morgen?" fragte sie. „Was ich sagen will? Daß ich nicht bezahlen kann!" Pause. „Glaubst Du, daß er sich damit zufrieden geben wird?" „Er kann im nächsten Monat das Schwein bekommen. DaS schreibt er dann davon ab. Das will ich ihm sagen!" Sic hielt ein Weilchen inne und blickte zu ihm hinüber.„Und was bleibt dann für uns für den Winter, Jürgen?" Er wurde rot rot.„Wir müssen versuchen, neues zu beschaffen," sagte er. Er stand auf und schritt hin und her. „Die andern haben es gut, die sich keine Gedanken machen. Die können ruhig in ihren Betten liegen und schlafen!" „Du hast früher nicht so gesprochen, und das ist wohl auch nicht Deine Meinung." „Hätten wir nicht die Fleischfässer bis an den Rand voll und vielleicht noch Geld auf der Sparkasse haben können, wenn ich nichts anderes gewollt hätte als Dein Vater?" Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und blickte ihn fragend an. „Und dann brauchte ich nicht morgen in den Termin mit dem Kaufmann und hätte nicht nötig zu zittern, sobald einer die Tür- klinke ansüßt I" „(SS gibt noch andere, die arm sind und die Abnahme zu ent- richten haben gleich uns," bemerkte sie. „Willst Du damit sagen, daß es meine Schuld ist!" Er hielt inne und blickte sie fest an. „Mir scheint, es müßte auch bei uns möglich sein!" Sie glättete den Saum mit dem Fingerhut. „Möglich sein! Ja, aber Du weißt ja auch, daß so einer wie Mads Rick..... sein Leben unterscheidet sich m keiner Weise von dem des Gauls, der täglich Oles Frachtwagen zieht: wenig Hafer und Tag für Tag im Geschirr!— Ganz gewiß, ich liebe es nicht, so vorgespannt zu werden. Grad dieses tierische Schuften ist mir ent- setzlich. Denn das ist sicher, die Seele mutz unter solchen Verhält- nissen zugrunde gehen.— Ich weiß nicht, ob D u es recht begreifen kannst, was es heißt, seine liebsten Gedanken..... welken zu sehen!" „Es ist hauptsächlich eins, das ich begreife und das mir in dieser Zeit am meisten zu schassen macht, der Gedanke, wie wir uns unser Haus und Heim erhalten können!" antwortete sie fest. „Das ist nur Dein Hauptinteresse!" „Ja, welche Meinung ist denn sonst in alledem!" Sie ward erregt.„Oder ist vielleicht überhaupt keine Mei- nung drin?" Pause. „Ich Hab schon manchmal gedacht," begann er zögernd,„ob ich nicht irgendwo eine Stellung kriegen könnte und— na— man könnte ja auch dem Kaufmann morgen sagen, daß er sich zum Bei- spiel mit der Hälfte begnügen soll und— äh— dasselbe könnte man den andern Kreditoren sagen. Das ist etwas, das heutigen Tags so oft geschieht!" Aber da sandte sie ihm einm Blick zu. daß es ihm heiß um die Ohren ward. Das waren ja die Augen des Vaters. Das war der Blick, den er wohl nimmer los ward. Er folgte ihm aus dem Fenster des Ab- nahmezimmers, das wußte er wohl. Aber das Merkwürdige daran war. daß er unter dem Einfluß dieses Blickes stand, selbst wenn er fort war. So viel Mühe er sich auch gab, den Blick ward er nicht los. Er folgte ihm auf das Feld hinaus und starrte ihm entgegen aus allen Winkeln und Ecken des Krageschen Hauses. Wohl war Anders ausgezogen, aber sein Geist ging gleichsam um hier drinnen. Nur wenn Jürgen zur Versammlung oder unter fremden Leuten war, ward er ihn los. Kaum hatte er jedoch mit dem Fuß die schad- hafte Brücke betreten, die zu dem Krageschen Besitz führte, so war der Blick wieder da. Er irritierte ihn, dieser verfolgende Blick. Und jetzt, wo er auch in den Augen der Tochter auftauchte, schien er überhaupt kein Ende nehmen zu»ollen. Während er in solch unruhigen Gedanken auf und ab schritt, hatte sie ein Preßeisen geholt, um die Jacke zu glätten und die Flecke zu entfernen. Sie legte, ausruhend, beide Hände auf das Eisen und sagte freundlich:„Ich begreife ja gut, Jürgen, daß es schwer ist, aber wenn wir einander helfen, dann wird es schon gehen. Und mir scheint, es ist besser, daß wir alle Außendinge fahren lassen und uns um unser Haus kümmern und versuchen, unsere Schulden zu be- zahlen!" Er hatte sich gefaßt und blickte vor sich hin. „Wenn wir auch vieles ertragen müssen, dann können wir doch hier ein schönes Familienleben führen, worüber wir so oft gesprochen haben. Wir besitzen ja einander!" Pause. „Wie oft haben wir nicht gesungen:„Ein schlichtes und fröh- licheS, doch arbeitsames Leben auf Erden." Er stand hastig auf:„Ja, das wird wohl ein fröhliches Leben werden!" lachte er höhnisch. Doch da funkelten ihre Augen:„War es denn Lug und Trug, alles was Du sagtest?" fuhr sie auf.„Habt Ihr mich alle mit- einander belogen? Waren es nichts als Redensarten, mit denen Ihr mich hingehalten? Oder was war es?— Können arme Leute. weil sie in einer niedrigen und armen Stube wohnen, nicht ebenso gut ein Leben voll hoher und reicher Gedanken leben? Das war es doch, was Ihr alle miteinander mir vorgepredigt habt!-- Ich fürchte mich nicht, mit anzufassen, darauf kannst Du Dich verlassen", fuhr sie in milderem Tone fort.„Geh Du fort und verdien etwas Geld, damit wir einen Teil der Schulden los werden. Ich werd schon den Kram hier zu Hause besorgen. Ich kann Häcksel schneiden und auch das Korn zermalmen!" „Ob Du nicht auch dreschen kannst!" Jürgen ging und tvarf krachend die Tür hinter sich ins Schloß. Sie hing die blaue Jacke an einen Nagel und strich mit der Hand«in paar Mal darüber hin. Dann stand sie still und blickte vor sich hin und stocherte mit der Nadel in den Zähnen herum, wäh- rend die Tränen von den Wangen herabrannen. XVII. ES war an einem Herbsttag. Die Regenschauer trieben wie Rauch vor dem Winde über die Dünen hin und die Häuser lagen halb versteckt im Nebel. Die Tür des Brauraumes im Krageschen Hause stand offen. und drinnen hingen drei nackte Schafskörper mit ihrem rötlichen Fleisch unter den weitzgrauen Häuten. Jürgen ergriff die blutigen Felle und trug sie hinaus. Marie schlitzte die Schafsmägen auf und fing die dampfenden Eingeweide in einer Wanne auf. Die Kinder standen daneben mik iveik auf« gerissenen Augen und offenen Mäulern und waren oft im Wege. Späterhin hatten die Frauen mit dem Zerstückeln und Ver« teilen viel zu tun. Als aber ausgewogen werden sollte, ward Jürgen abgerufen. Er hängte Stück auf Stück an den Eisenhaken der Wage und schrieb dazu mit Kreide an die Tür. Und das Fleisch ward in zwei Haufen geteilt, von denen der eine doppelt so groß ward als der andere. Während des Wiegens machten nur die Kinder' vergnügte Gesichter. Als Jürgen fort war. legte Kjesten ein paar gute Stücke hin» über auf den kleinen Haufen. Jürgen aber dachte, daß dieser Schafskörper den ganzen Winter» Vorrat ausmachte, den er zu beschaffen imstande war. Ihm war so« als könne die Familie bequem das Ganze in einer Woche verzehren. Gott mochte wissen, wie lange man das Ende hinausziehen konnte, wenn es in ganz kleine Bissen geteilt ward..... Und dann bekam der Alte doppelt so viel, als sie selber! Dazu noch den Speck, den er beanspruchen konnte. Und dann all das Viele, das noch dazu kam, Torf und Talg, und Geld, und Wolle, und Mehl, und Salz. und Butter!..... Anders war im Grunde sein Unglück! Er war es, der infolge des Kontraktes alles verschlang!— Und dabei nicht so viel wie einen Finger rühren. War das etwas für solch einen großen und kräftigen Mann!.... Er war es auch ge° Wesen, der sich ihm von Anfang an entgegengestellt hatte, sonst wäre alles anders gewesen; er hatte ihn gequält und würde ihn quälen. so lange er lebte. Und er konnte noch viele Jahre leben. Er hatte za eine Pferdenatur..... Als beim Abendessen eine Schüssel mit dampfenden Würsten auf den Tisch kam, waren die Kinder kaum zu halten; sie waren so unruhig wie die Ferkel, wenn sie Futter haben sollen. Aber Jürgen rührte das Essen kaum an und sprach fast gar nicht. Marie fiel es auf, und ihr schien, als sei er bleicher als sonst und als lägen seine Augen tiefer in den Höhlen und hätten eine dunklere Farbe. Er hatte den ganzen Tag Anders nicht loswerden können aus seinen Gedanken. Es ermüdete ihn derartig, daß er fast krank daran war, und trotzdem bohrte und bohrte es weiter in seinem Ge- Hirn. Denn womit er auch immer seine Gedanken zu fesseln suchte, stets kehrten sie zurück zu dem Alten da drinnen im Abnahme- zimmer, genau so wie Gänse, die ins Korn wollen. Er zündete die Laterne an und ging zur Tür hinaus. Die Laterne hängte er im Stall auf und ging wieder hinaus; bald darauf stand er vor den Fenstern des Abnahmezimmers. Dort blieb er stehen. Er konnte Anders' Schatten auf dem Kattun- Vorhang sehen.— Ja, der Alte da drinnen, das war sein Un° glück! Fast sollte man glauben, daß kein Leben in ihm sei; sein Schatten war so starr und unbeweglich, als sei es eine feststehende Figur des Vorhangs...... Wenn er nur stürbe, dann brauchte nur eine Tür hineingefügt werden und sie hätten zwei Zimmer und nur eine Speisekammer zu füllen und nur einen Ofen zu heizen. Er könnte e,ne Hypothek aufnehmen, all die Kleinigkeiten in Ordnung bringen und sofort obenauf sein..... (Fortsetzung folgt.) Drei QXallfahrtötagc in Czenftochau« Von G. Scho schn i ko w. Eine breite Straße, zu deren beiden Seiten ein holpriges Stein- Pflaster an den niedrigen alten Häusern entlang führt. Der Fuß- weg liegt viel höher zum Schutze gegen Schnee- und Wassermassen. In der Mitte eine breite Promenade von zwei Reihen mächtiger Bäume umsäumt. Lang streckt sich die Straße aus, eine halbe Stunde Weges dann steigt sie zu einem Berge hinauf. Dort steht das Kloster. Es ist Abend, der Mond sendet hin und wieder seinen fahlen Glanz dürch die eilenden Wolken, auf die kahlen Bäume herab. Diese strecken ihre starken Aeste gleich flehend erhobenen Armen dem Kloster entgegen, als seien auch sie in tiefer Andacht versunken. und leise murmeln die Zweige und Aestchen im rauschenden Abend- wind« ihr Gebet. Still liegt die Stadt, nur aus den„Reswuratien" klingen da johlende Stimmen, dort Fiedclton, oder der Refrain: „Heida Troika". Langsam schreite ich dem Klosterberge zu. Aus dem Schatten der Bäume löst sich eine Gestalt ab, kommt auf mich zu und spricht mich an. Es ist ein Mädchen, ich soll sie begleiten. „Wie heißt Du?„Ruscha." Wo wohnst Du?"„Am Kleister." „Am Kleister?"„Ja!"„Bstis ist das?"„Wo sie beten."„Ach, Du meinst das Kloster?"„Nein, Kleister!"„Nun gut, Kleister. Dn bist Jüdin?"„Ja."„Und in Eurem Jargon heißt das Kleister, wo die Mönche wohnen?"„Ja." Bei dem matten Licht, das jetzt meine Begleiterin trifft, kann ich ein schmales, schlankes Figürchcn orit schönen, zarten Gesichts- zügen und rötlichbrarinem Lockenhaar erkennen. „Bist Du aus Tfchcnstochowa?"..Nein, aus Warschawa!"„Mas machst Dr hier?"„Ich bin zur Wallfahrt gekommen."„Zur Wall- fahrt, Du?"„Ja, wir sind jedes Jahr hier." „Wir, wer ist das?"„Run. Freundinnen, Bekannte, viele viele."„Alles Jüdinnen?"„Nein, nur einige." »Gehst Du denn auch in das«Kleister"?«Ach» wir kommen doch mir wegen den reichen Russen."»Sch so, ich verstehe.".Wollen Sie nicht mit mir kommen?"„Nein, ich danke. Wo wohnst Du?" »Gleich beim Kleister."„So können wir noch ein Stück zusammen gehen, ich wohne auch hier oben." Sie nickt, sieht mich scheu von der Seite an und tappt neben mir hin. Wir sind den Berg hinaufgestiegen. Gleich einer Festung Mit riesigen Umwallungsmauern und einem hohen Turme, der wie eine spitze Lanze kriegerisch in die Lüste ragt, liegt das Kloster vor uns. Nne Freitreppe führt hier zu einem Denkmal empor, der Eingang zum Kloster liegt links seitlich an einem großen freien freien Platze. „Wer ist das auf dem Denkmal, Ruscha?"„Der hat tsite Leite labendig gemacht, er war der Größte von alle."„Also Ge- storbcne auferweckt?"„Jak" Wir wenden uns links. Schliffiger, unebener Boden, unzäh- lige Steine und Finsternis auf dem großen Platze vor dem Kloster lassen uns fortgesetzt stolpern. Der Wind fegt rauh und pfeifend um die Mauern; gespensterhaft huschen die Schatten der Wolken twr unseren Augen dahin. Keine menschliche Seele west und breit. Der Eingang des Klosters starrt wie ein schwarzer Riesenrackcn unheimlich uns entgegen, als führe er in die Unterwelt, die Ver- hammnis. Wir eilen an ihm und den Holzbuden vorbei, die längs der Klostermauer stehen, als seien sie ungestaltene Geister, die hier Wache stehen. Da hebt die Uhr des Klosterturmes an zu schlagen und spiest ein Kirchenlied. Der Sturm faucht wütend dazwischen, treibt die Klänge auseinander, zerreißt sie und nur ein klagendes Jammern zieht schauerlich über die Stadt.— Eine Viertelstunde um die andere mischt sich in meinen Traum das wehe Klagen vom Tum.— Feiner, durckdringender Regen strömt hernieder und eisiger Wind peitscht das flüssige Naß über den Klosterplatz. Auf diesem bleibt man bei jedem Schritt in dem aufgeweichten Boden Neben und vor Menschenmassen und Prozessionen kommt man nicht weiter. Es ist der i>. September. Gegen hunderttausend Wallfahrer sind hier zusammengeströmt. Sie knien in dem Regen und singen und beten. Dazwischen ziehen Prozessionen laut singend um das Kloster herum. In den Holzbuden werden Heiligenbilder usw. feilgeboten und die Frommen kaufen alle. Um den Eingang hat sick eine ganze Mauer von Krüppeln und sonstigen Bettlern versammelt, durch die man Spießruten laufen mutz. Scbritt für Schritt wird man mit der Menge vorwärts geschoben. Alles schmutzige, zerlumpte Gestal- ten, alles schmierig, kleistrig— der Ausdruck„Kleister" ist mir schon verständlicher. Hinter der äußereil llmfassungsinauer ist ein tiefer, breiter Graben, m dem Schweine, Ziegen. Hirschkühe sich tummeln; alles Optergaben. Eine zweite Festungsmauer richtet sich hinter dem Graden auf, Durch mehrere, nicku überdachte Torwege gelangt man zu dem Vorhof der großen Klosterkirche. Ein aus Zypressenholz gemaltes Marienbild, das göttliche Wunderkräste haben und uralt aus Byzanz stammen soll, ist über dem Eingang der Kirche angebracht. Vor diesem Bilde stürzt jeder nieder, küßt den Boden und dann erst steigt er einige Stufen zur Kirche hinunter. Ein großer Opscrkasten hängt zur Linken, ein Kirchendiener in ziegelrotem Priestergewande sitzt mit einem Sammelbecken zur Rechten. Unaufhörlich fallen die Geldstücke in den Holzkasten und Klirren solche auf dem Becken. Halbdunkel umgibt uns; eine kleine „ewige Lampe" erhellt den breiten Gang nur schwach. Hinter einem kunstvollen Eisengitter, das eine Kirch« abschließt, strahlt sie uns entgegen. In der geräumigen Kirche, das Ende des Ganges, steht eine Madonnenfigur. Sic ist umhüllt von goldgestickten Seidenge- wändern und behangen mit unzähligen Brillanten, die ein Meer glühender Feuergarben um die Heilige senden. Die Edelsteine, viele von ganz ungewöhnlicher Größe, repräsentieren einen Wert von Millionen— wenn sie echt wären. Einstmals waren sie eckt, da ein reicher Sünder zur �Erleichterung seines Gewissens sie dieser Heist- gen schenkte. Die Geistlichen wiederum erleichterten die Heilige— nein, nur die Holzsigur, nahmen die echten Steine, damit diese nicht gestohlen werden, und heute knien in dem Glänze böhmischer Glasstcine die Gläubigen, denen der bunte Tand als göttliche Pracht erscheint. Zu Füßen der Madonna stehen silberne Schalen, welche Goldgeschmeide, in kleinen Bergen aufgehäuft, enthalten. Vor dem Griter sitzt wieder ein in Ziegelrot gekleideter Diener mit einer Schale, um Opfer für die Heilige zu sammeln und Ringe, Arm- bänden, Gold- und Papiergeld drängen sich um ein Plätzchen in der Schale.— Bald wären wir gefallen— platt auf dem Bauche hingestreckt liegen da Betende regungslos, als seien es Leichen. Zur Rechten öffnet sich ein riesenhafter Säulcnraum, die Haupt- halle der Kirche. Zu lausenden zählt die Menge, die fast geräusch-, los wie Schatten hier auf und ab wogt. Im Hintergrunde thront ein Priester auf kostbarem Höchaltar. Er steigt hernieder, Chor- knaben und andere Geistliche folgen ihm. Die Orgel setzt ein und unter Absingen von Litaneien schließt sich ein Teil des Volkes an zu neuer Prozession. In dem tiefen Schatten der mächtigen Säulen, in dem Dunkel der vielen Winkel, stehen Beichtstühle. In jedem sitzt ein Priester und nimmt die Beichten entgegen. Immer i.eue Sünder drängen sich heran, um Vergebung zu erlangen. Erschöpft verläßt der Priest.�, durch einen Bruder abgelöst, den Beichtstuhl. In drei Stunden hat er bald hundert Gläubigen ihre Lebensreinheit zurück-- gegeben und wie er noch zwanzig und noch mehr Geistliche,— moderner Großbetrieb, Seelenwäsche mit mechanischem Antrieb.— Links und rechts schließen sich neue Hallen an den großen ßöerantw. Redält.: CarlWcrmuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag; Ramn, zu den«! Stufen hinaus oder hinunter führen. Neberall Altäre, an denen Priester zelebrieren, überall Nischen, Heistgenbilder, Kostbarketten, Eisengitter, ewige Lampen, Ziegelrote, Ve- tende und Spendende.— Unten in der Stadt drängen sich viele hundert stämmige Ge» statten, mit wulstigen Lippen, stechenden Augen und krausen Voll- bärten. Aus einer. Kneipe geht es:n die andere. Die wetten Pluderhosen in hohen Schaftsttefeln, lange blaue Ueberröcke mtt silbernen Knöpfen und vielen Falten um die Taille. Das sind die Lebemänner, die man oben im Kloster nur vereinzelt iah und sich nun in den Nächten um die Gunst der Ruschas, Saschas und Merrys bewerben. Sie sind generös, Geld spielt keine Nolle. I» dem dumpsigen Räume der Restaurcttien stehen auf schmutzigen Tischen Sekt, Kaviar und die auserlesensten Gerichte, alle gut zu- bereitet. Und die Dämchen essen, essen, essen. Do sitzt meine Freundin vom ersten Abend, sie ist beim Deycrt angelangt. Eine Schüssel geriebener Radieschen mit Sahne hat sie vor sich und mit einem Eßlöffel direkt aus der Schüssel genießt sie wie— ein Großknechi. Mich streift nur ein halder Blick tiefster Verachtung, dann küßt sie ihren'Galan, als wollte sie sagen:„Siehst Du. da Haffs", und löffelt weiter. Eine Damenkapelle spielt, die Mäd- chen kreischen, die Kellner schreien und die wallfahrenden Liebhaber oder liebenden Wallfahrer trinken, singen und küssen. Einer der Gentlemans will nicht bezahlen, was der„Tschcllowe?" verlangt. Tschellowek heißt„Mensch", und die Kellner haben den Vorzug so gerufen zu werden. Der Tschellowek, kurz angebunden, haut dem Gast ein Bierseidel aus den Kopf, daß es knackt. Ich erkenne in dem Tschellowek eiiicu„Ziegelroten", der am Tage im Kloster saß. Er gehört zu dem Orden der Kirchendiener, die an Wallsahrts. tagen dort beschäftigt werden.— Die Schädeldeckc, auf der daS Glas niedersauste, muß kaput sein,— nein, nur das Bierglas. Der Mann steht auf und nun beginnt unter den frommen Wallfahrern eine wilde Prügelei. AlleS haut durcheinander. Keiner sieht, wohin er schlägt,— aber sie hauen, daß die Stücke stieg en. Ich habe glück- lich die Straße erreicht. Musik und Hilferufe. Gelächter und Angst. geschret, Flüche und fromme Gelänge fluten zusammen, lösen sich auf und verklingen in der Nacht. Drei Nächte geht es so bis zum frühen Morgen unten in der Stadt, und drei Tage, bis zum späten Abend— oben am Klchter. Dann ist der religiöse Jahrmarkt vorüber. Di« Frommen ziehen wieder nach ihrer"Heimat, oft weit, wett in? Land, Tschenstochowa wird wieder still und leer. Die Gastwirte, Pr ivatlogierhäuser, Re- liquien- und andere Händler für den Winter genügend verdient. Die Ruschas, Saschas und McrrhS sichren mit vollen Geldtafcken nach Warschawa zurück und die Klosterbrüder mack-en Kasse. Der goldene Segen ist wie alle Jahre wirklich sehr reichlich hernieder gegangen. Es regnet, regnet, regnet. Ocde und leer liegt das Kloster und der große Platz. Langsam trollt der Gaul dem Bahnhos zu und vom Turme jagt der Wind schwermütig klagende Töne de? Glockenspiels über die fromme Stadt.— Kleines feuilletom Der Weltkrieg gegen die Ratten. Die Ausrottung von Tieren ist den Menschen bisher immer mit in solchen Fällen gelungen, wo ihm an diesem Erfolge durchaus nichts gelegen ivcir, also namentlich bei größeren Tieren, die ihm in ihrem Pelz oder Fett oder sonstigen Körperteilen einen besonders werloolle» Stoff lieferten. Mir dem eigentlichen Ungeziefer aber ist der Mensch noch in keinem einzigen Falle fertig geworden, und es ist sehr die Frage, ob er damit jemals zustande kommen wird, obgleich die Wissenichatt täglich neue Beweise dafür beibringt, wie nötig die Ansrorlnng mancher Fniekten und auch anderer Tieraxten für die Verminderung der Krankhertsgefahr wäre. Namentlich gegen zwei Tiergruppen wird jetzt geradezu ein Wett- krieg gepredigi, eiiimal gegen die Slechinücken. die für die Verbreitung von Malaria und gelbem Fieber verantwortlich gemacht werden, und zweitens gegen die Ratten. Seil Jahrbilnderten wird den Ratten die Nebertragung der Pest zur Last getegl. aber das ist doch nur eine von ihren vielen Sünden. Sie beherbergen wenigstens noch zehn andere iür den Menschen gefährliche Reime und tun außerdem einen unendlichen Schaden durch Vernichtung von Korn. Be- schädigung von allerhand Waren, durch ihr Treiben in den Grund- festen der Häuser usw., während all diesen Nebeltaten auch nicht eine einzige Eigenschaft gegenübersteht, die im Sinne des Menschen als gut zu bezeichnen wäre. Dazu kommt die ungeheure Forlpflanzimgsfähigkeit dieser Nager. Würde doch cm einziges Raitenpaar, wenn all seine Nachkommen am Leben blieben, in fünf Jahren mehr als 900 Billicknen Ratten dos Leben geben. Danach erscheint eine Vernichtung deS Rattengcschlechts fast als eine biologische Unmöglichkeit, und doch darf der Mensch nicht ablassen, nach diesem Ziel zu streben, weil last jeder Tag neue Enthüllungen bringt, die- i hm die Ratten als seine ärgsten Feinde darstellen. Nainentlich in einer Zeit, wo die Pest nach langer Unter« brechnnjj wieder einmal an die Pforten Europas klopft, muß der' Kampf gegen die Raiten mit größtem Ernst geführt werde», zumal die gefährlichen Keime durch die fast auf allen Schiffen vorhandene Ratteiibevölkerung über weite Strecken des Weltmeeres hinweg ver» schleppi werden können. Vvr»«rr» Bucvdruckerei u-Verlaglangali Paul Snig-l&t8..iöetimSW.