Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 209. Mittwoch 26. Oktober 1910 (Nachdruck verbolen.j m Der Entgleiste. Von Wilhelm Holzamer. (Schluß) Um Philipp wirbelt« die Welt. Es war ihm heiß ge- worden. Der Herbstabend war feucht und kühl. Er fröstelte. Rings um ihn war es wie ein Kichern. Kichern von tausend dünnen, höhnenden Stimmen. Was hatte er auch sein Herz aufgeschlossen! Was man verschlossen darin hält, bleibt reiner Besitz— was man den Menschen daraus dar» bietet, wird hintennach doch nur verhöhnt. Gegen sich selbst offen— anderen verschlossen, das ist die höchste Weisheit und Klugheit. Er verschloß gewaltsam seinen Sinn gegen alles Höhnen und Kichern. Dann sprach eine weiche Stimme ganz von ferne. Sie zog ihn weiter. Er ging wie im Traume durch die Stadt. „Auf Wiedersehen!" klang ihm im Ohre, und es löste den Gedanken aus, dieses Wiedersehen zu vermeiden und alles auszuschlagen, was so verlockend an ihn herangetreten war. Er hatte sich verlocken lassen daran würgte er nun. Es ließ ihn wie Spott und Vorwurf die ganze Fahrt nicht los. Sie schien ihm ewig. Endlich war er in Mainz und hatte gerade eine Minute Zeit, in seinen weiteren Zug zu springen. Und er kam zu Hause an— und er fand Melanie bei seiner Mutter bei der Lampe sitzen. Da war ihm aller Wider- spruch in diesem Bilde gelöst, das voll des Friedens und schönen Menschenseins war. Melanie trat auf ihn zu, und er umarmte sie, während sie sagte:„Ich danke Dir, daß Du mich gerufen hast, mein Ge- tiebter— o, ich dank Dir so sehr! Und daß ich zu Deiner Mutter habe kommen dürfen." Auf ihrer Bank hinter dem Tisch weinte die Mutter. Philipp legte ihr die Hand auf den Scheitel und sagte:„Es wird nun alles schön für Dich, Mutter, schöner als Du Dir denken kannst." Sie fragten einander, wie es ihnen gehe. Da lächelte die Mutter. „Das müßt Ihr Euch morgen sagen— dazu reicht der Abend und die Nacht nicht. Seid froh, daß Ihr Euch habt." Sie schickte Philipp hinauf in sein Stübchen. 24. Das Dorf lag in seinem Sonntagstraum. Vom Sonntag war Philipp überrascht worden. Er hatte die Tage der Woche nicht gezählt. Tief klangen die Glocken und zogen voll übers Tal hin. Im Felde draußen war es still. Die Gärten schlummerten. Drei Menschen gingen schweigend durch das Feld. Sie fanden nicht Worte, sie wußten nicht wo beginnen. Der Mutter riß die Geduld. „So redet doch— was habt Ihr denn?" Sie lachten. „Wir reden ja, Mutter," erwiderte Philipp. Und bald kam auch eine Unterhaltung in Fluß. „Wo hat Dich mein Brief gmoffen?" fragte Philipp. „In Paris selbst. Ich bereitete mich für die kommende Saison vor, ich hätte in Paris jetzt gespielt und hatte mit Astruc schon abgeschlossen." Sie sprachen von Paris. „Wird Dir's nicht schwer, nicht zu spielen?" „Wenn ich Dich habe— nein!" „Und wurde Dir die Zeit nicht schwer?" „Wie Du fragen kannst! Ja, sie wurde mir schwer. Und dennoch, ich habe so an Dich und Deine Liebe geglaubt, und ich war meiner Liebe so froh und so glücklich in ihr— ich wollte ihr jedes Opfer bringen. Ich wollte verzichten und nichts besitzen im Leben, denn ich wußte, ich hatte doch ein Glück in ihr, und es müßte von meinein Glück eine Wärme und eine Kraft zu Dir strahlen— und das müßte Dir nützen. Es war so ein wunderbarer Glaube und ein so wunderwirkendes Vertrauen! Weißt Du, wie Priester die Monstranz tragen— so trug ich meine Liebe. Und ich hatte aus meinem Herzen eine heilige Monstranz gemacht, und mein ganzes Wesen war von Heiligkeit erfüllt. Ich wurde gesund, und ich war heiter. Es ist nichts Schö»eres in der Welt, als Glauben und Vertrauen haben." Die Glocken läuteten und verkündeten die Verwandlung des Brotes in den Leib des Herrn. Melanie weinte. „Ich weiß nicht, ob ich je so glücklich sein werde im Er- reichten, wie ich es in der Erwartung war," flüsterte sie.„Und ich habe doch so viel ausgeholten. Aber ich will gut sein. Ich werde gut sein." „Und Deine Kunst?" Sie besann sich. „Ich werde sie ja nicht verlieren. Sie wird eine Stimme sein in unserem Glück, die spricht, wenn sonst keine Stimme innig genug sein könnte. Ich will sie Dir schenken und allen, die Dich lieb haben und die Du lieb hast. So besitze ich sie ja am schönsten." „Und"— er zögerte—„Deine Gesundheit?" Sie errötete tief. „Taormina hat mir geholfen— das Meer— die Ruhe — und die Kraft meiner Liebe, weil sie mir den Willen ge- geben hat, gesund zu sein und die Energie, eS zu werden. Und weißt Du, wenn ich oben in Taormina auf meinem Plätzchen faß, weißt Du. was ich gedacht habe: wenn Du da wärest! Wenn Du da vielleicht ein Krankenhaus hättest, in diesem Paradies, in dieser Schönheit, und könntest heilen. Aus der ganzen Welt müßten die Kranken hier zusammen kommen." „Die reich genug sind," warf er ein, und es klang hart. Sie sah ihn erschrocken an. „Ja, Tu hast recht. O Du Guter, daß Du gerade für die Armen da sein willst! Ich will es auch! Ich habe ihnen manchmal gespielt in Taormina— sie waren wie die Kinder, so glücklich und so dankbar. Aber sehen solltest Du dies Fleckchen Erde doch, es ist wunderbar." Er sann nach. Und er sagte: „Ob ich noch so recht glücklich fein kann, ich glaube nicht. Ich glaube, ich habe die Kunst des Glücklichseins verlernt. Oder ich habe sie nie recht besesien. Was ich aber davon be- sessen, das haben mir die Jahre zermürbt und zerrieben. Es geht nicht anders, man kommt ohne seinen Verlust nicht davon. Wenn man nur nicht ganz bankerott geworden, dann soll's schon gut sein.". Sie sah ihn lange an, und ihr Gesicht wurde immer heller und strahlender: „Ich werde Dich das Glück lehren. Das ist das Schönste und Beste an uns Frauen— wir sind dem Glück näher als ihr Männer, und ich glaub« sogar, wir sind da, daß wir es in uns tragen, um es Euch zu bereiten. Darum will ich Dir auch meinen schwersten Vorwurf sagen, an dem ich gelitten. Es ist der, daß ich mein Glück, mein gebendes Glück, nicht gleich bereit hatte für Dich und daß ich Dich ohne Besinnen einlud, an meinem Tische zu prassen. Aber siehst Du, ich wußte ja nicht, ob ich eine Tafel Dir decken könnte— und ich wußte auch nicht, ob Du prassen könntest. Ach nein, das nicht, dies war es: ob Du prassen dürftest, wußte ich nicht. Ich trug zu viel Verantwortung fiir Dich, ich fühlte zu viel Ver- antwortlichkeit." „So hätte jener Zyniker Recht, der gesagt hat, die Frau dürfe kein Verantwortungsgefühl haben?" „Ich will Dir sagen, es sollte so und nicht anders sein. Und es konnte vielleicht auch nicht anders sein. Wir sind alle als Probleme in die Welt gesetzt, ohne daß wir ihren Sinn wissen— und wir sind uns überlassen, wie wir unser Problem lösen wollen. Dem einen gelingt's leichter, dem anderen schwerer. Aber wenn es nur gelingt. Ich glaube, u n s ist's gelungen. Und wenn nicht, so werden wir einander helfen, daß es uns gelingt. Jedenfalls aber werden wir einander nicht im Wege sein." Die Mutter kam ihnen nach und rief ihnen zu: „Ich hätt gedächt, daß Ihr lustig wärt— aber Ihr geht nebeneinander her, wie die teuer Zeit. Danzt doch— Herrgott, wenn ich Euch tttfr! Gelacht Hab ich und gcdanzt Hab ich, und wenn's Mühlstein vom Himmel geregnet hat. Seid Ihr Lemi Inder? MiN�pI Wenn Du's Dein gorz Leben so halten willst, tat ich mich bedanken, Dein �rau zu ieinl" Lben auf der Sörgcnlocher und unten aus der Pariser Chaussee sah man die Kirchengänger nach den verschiedenen Mühlen gehen. „Tie Kirche ist aus." sagte die Mutter,„'s wird Zeit, daß wir heimgehen. Aber lustig müßt Ihr sein, sonst ist's ganze Leben nix. Ich hält mein Leben ohne Lustigkeit nit ausgehalten, und Ihr habt doch noch all die Jahre vor, die ich hinter mir Hab." Ter Heimweg gestaltete sich denn auch fröhlich und heiter. Weder Melanie noch die Mutter wußten etwas von der Unterredung mit dem Großherzog. Philipp hatte Scheu, es zu erzählen. Als sie heim kamen, lag auf dem Fensterbrett ein dicker Brief, den der Postbote während ihrer Abwesenheit hingelegt hatte. Es waren die ersten Korrekturen von Philipps neuem Werk. Bei Tisch traf die telegraphische Ernennung ein. Der Großherzog hatte sie also am gleichen Abend noch in Auftrag gegeben. Tie Mutter konnte nicht begreifen, nicht fassen. Ihre Aug�a starrten groß den Sohn an. Sie weinte. Tann sagte sie- „Tu s nit, Phrllpp, tus nit! Wer so klein herkommt, gehört nit so hoch hinauf. Tu's nit— Du wirst Dich schämen müssen, weil ich Dein Mutter bin. Und ich will nit, daß Du Dich schämst." Melanie strich ihr über den Scheitel und suchte sie zu be- ruhigen. Aber sie weinte erschüttert, und sie sagte beständig: „Tu's nitl ich Hab so Angst— Gell, tu's nit!" Philipp hatte die Korrekturen neben sich liegen. Als sich die Mutter etwas beruhigt hatte, sagte er: „Siehst Du, Mutler, damit stell ich mich auf einen ganz anderen Platz in der Welt, als auf den mich die Depesche ruft. Das ist ein Platz vor der ganzen Welt— und der hier gilt nur in unserm kleinen Hessenland,'s ist nit so arg hoch, 's gibt noch Höheres." Sie biß sich auf den Daumen und starrte ins Leere. „Und das sollt für Dich sein!— Und Du sollst der sein!... Und sie haben doch all gesagt, daß Du ein Lump geworden wärst— und Tei'm Vater nachgeschlagen wärst I" Melanie küßte sie aus die Stirne. „Und da sitzt Ihr zwei bei mir— und mein Herz kann's nit fassen. Heiland, wenn ich's große Los gewonnen hätt. könnt's mich nit ärger treffen. Zum erste Mal in mei'm Leben, daß mir die Lustigkeit vergeht." Das Essen blieb unberührt. Die Mutter sagte dann: „So schlecht er auch war— ich wollt doch, daß Dein Vater das noch erlebt hätt!" Sie trocknete ihre Tränen. Es blieb still zwischen den dreien. Philipp sagte: „Du bist die beste Mutter, die's in der Welt gibt." Sie lächelte. „Ich Hab nur immer den guten Glauben gelzabt. Der wird ei'm nie zu Schande, hat immer die alt Lisbeth selig gesagt. Und da mocht's geben, wie'» will.— Das will ich Dir sagen: mein Leben bleibt, wie's ist. Hier bleib ich in mei'm Häuschen, und wenn ich Lust darnach krieg, mach ich mein Ziegel, grab, als wär nir anders geworden. Hochmut Oibt's bei mir keiu! Und fortgehen tu ich auch nit von hier — ick, Hab mit den Leut gelebt, bab mich mit den Leut gezankt und bin wieder gut mir ihnen gewesen, ich will auch bei ihnen sterben. Daß Du's weißt!" „Du sollst's haben, wie Du's willst, Mutter!" Und als er dies sagte, traten auch ihm die Tränen in die Augen. Es war ihnen weh vor lauter Glück, ihnen allen drei. Und sie saßen still beisammen. Bis die Mutter einen Lacher tat. laut, daß er durchs ganze Haus schallte. „So," sagte sie,„das wär auch überstanden. Man darf doch nit den Kopf hängen lassem Und was geht's einen Menschen in der Welt an, wenn wir wie ein Vögelchen im Hanfsamen sind. Kein Mensch gibt uns'was dazu, wenn wir ein Armesündergesicht aufsetzen. Ab— und en Walzer! Ich wünsch Euch alles Glück! Tic Suppe ist jetzt kalt, und die Kartoffel sind steif— aber essen müssen wir doch. Ich wärm's auf. Essen wir Gewärmtes: wem's nit schmeckt. macht en lang Maul, hat de alt Mitittes gesagt." Und so aßen sie Gewärnites, und es chmeckte ihnen.' ig. Die familie Krage. Von Johann Skjoldborg. Autorisierte Uebersetzung von Laura Heldk. Lange stand er so da, und der Wind warf ihm die Regen- schauer ins Gesicht. Es war stockffnster. Dann begann der da drinnen sich zu regen, er schritt hin und her. Die Türklinke ward herabgcdrückt und Jürgen sah in der Dunkelheit, als Anders den halben Fensterschein passierte, drei schwach leuchtende Punkte, die sein Kopf und seine Hände sein mußten. Der Alte stellte sich dicht an die Mauer. Jürgen war ihm so nahe, daß er seinen Atem hören konnte. Er fühlte, wie seine Stirn glühte, dabei schlugen seine Zähne fast hörbar auf- einander, und er zitterte am ganzen Körper. So nahe war er dem Alten, daß er ihn mit dem Arm erreichen konnte, wenn er sich vorbeugte..... Anders zuckte erschauernd zusammen, ging schnell wieder hin- ein und warf die Tür ins Schloß. Und plötzlich war es Jürgen, als hätte die Laterne Unheil angerichtet. Es kam ihm so merk- würdig vor, daß in den Außenräumen Licht war. Er mußte schrecklich lange hier gestanden haben,— und er lief, so schnell chn seine Beine tragen konnten, um zu retten und zu loschen. Aber die Laterne hing ganz ruhig an ihrem Platz und schwärzte mit ihrem Qualm nur ein wenig den Balken. Dann ging er hinein durch all' den Schlachtgeruch, der Brau- haus und Küche erfüllte. Er öffnete die Tür des täglichen Wohnraumes, wo die kleinen Holzschuhe der Kinder in Reih und Glied vor dem Bett standen, wo sein Weib mit einer Näharbeit beim Lampenlicht saß und alles so still war. Ihm schien die Tür, durch die er gekommen war, die Scheide- wand zwischen zwei Welten zu sein. Still ließ er sich auf einen Stuhl nieder und betrachtete die gesunden Kinderköpfe, die auf den Kiffen lagen. Er saß so. daß er Maries dicken Haarknoten und ihren geraden Nasenrücken zugleich sehen konnte. Sein Blick verfolgte die Naht ihres Kleides, das den schlanken Rücken fest umschloß und blieb an dem blauen Kinder- strumpf hängen, der auf dem Tische lag...... Im Grunde sah er das Zimmer und all diese viele Kleinig- ketten zum ersten Mal. 18. Im Spätherbst desselben Jahres beobachteten die Dünen- bewohner wie Jürgen, Spaten, Schaufel und Forke auf dem Nacken, zweimal täglich durch die Dünen schritt, beim Morgen- grauen, wenn er fortging und in der Dämmerung, wenn er heim- kehrte. Wo das eigentliche Dünenland aufhörte und in Moorland überging, besaßen mehrere Dünenbewohner eine Parzelle zum Torfitcchen, die Bewohner des Hauses Krage ebenfalls. Bon dieser Parzelle kultivierte Jürgen einen Teil, um daraus Ackerland zu machen. Es war eine schwere und mühsame Arbeit. DaS unebene, durch zeitweiliges Torfstechen ausgehöhlte Terrain, das mit einer dichten Schicht zähen Buschwerks und kleinen Reisern bewachsen war, mußte geebnet werden. Es mußten Abflußgräben gegraben und eine dicke Schicht Sand rn die Oberfläche geschafft werden, die mit dem Spaten tief unten aus dem Erdboden hervorgeholt ward. Dazu mußt« dieses erst beiseite geworfen werden. Im Handumdrehen war das alles nicht gemacht, da zugleich alles geschah, was geschehen konnte, um die Felder daheim in Ord- nung zu bringen. Aber der Winter war sehr milde in diesem Jahr und Jürgen arbeitete und schaffte unermüdlich. Als so eine Zeit vergangen war, sagten die Dünenbewohner zu einander, daß doch eine riesige Arbeitskraft in dem jungen Mann stecke, ganz egal, wohin dies nun führen werde. Er sei trotz alledem ein echter, rechter Häusler.-- Anders sckaute in diesem Herbst interessiert zum Fenster hin- aus und ein Paket Tabak, das sonst wohl 14 Tage reichte, war letzt verbraucht am 11. Tage gegen Mittag. Als er durch Kjestcn erfuhr, wo Jürgen sich tagsüber aufhielt. konnte er sich wohl denken, daß dies etwaS von der sogenannten Moorkultur sei. von der di» Zeitungen redeten und sie versucht werden sollte; Jürgen war sktzks so fix bei der Hand, all das zu probieren, was geschrieben stand.— Anders kraute sich den Kopf. Wenn er dann aber allabendlich bis spät die flinken Schläge des Dreschflegels auf der Tcnu? hörte, dann rieb er sich vergnügt den Arm. Eines Morgens, als er ganz zeitig draußen var sah er eine Scheibe des Schuppenfensters erleuchtet, hört« aber von drinnen kein Geräusch. Er preßte die Nase an die Scheiben. Da saß Jürgen auf dem Milchschemel an einem Ende der Tenne. Er senkte die Schaufel in einen großen danebenliegenden Haufen und dann warf er mit einer geschickten Handbswegung den Inhalt derart au» die Diele, daß Körner und Spreu sich teilten und sich in je zwei halbmoudsörmigen Haufen lagerten.„Korn werfen vor Tagesgrauen, das nenn ich die Zeit rusnutzen!" Airders blieb in diesen Anblick verloren stehen. Jürgens Antlitz konnte er nicht sehen, denn er saß in einer dichten Staubwolke und die Laterne schimmerte nur schwach. Aber es ging ihm schnell voff der Hand. „Dieser Jürgen kann wirklich mancherlei!" murmelte der Alte. Während dieses Vormittags fuß Anders mit lächelndem Munde da. Kjeften war die längste Zeit des TageS drinnen, um die Kinder zu warten; Meine mutzte ja das Vieh besorgen, wenn Jürgen im Moor war. Aber an diesem Vormittag kehrte sie ständig ins Ab- nahmezimmer zurück, nur um die'es Lächeln zu sehen. Und wenn sie dann wieder zur Tochter zurückkehrte, sagte sie:.Du solltest nur mal sehen, wie veränt:rt Vater jetzt ist!"— Es liefe dem alten Anders keine Ruhe; er mutzte hinaus, um zu sehen, was Jürgen da drautzen im Moor vorhatte. In einer Vollinondnacht schlich er hinaus. Er ging drautzen umher und wunderte sich nicht wenig über daS, was hier geleistet worden war. Die hohen grauen Sand. berge auf der einen und die schwarzen Moorerdwälle auf der an- deren Seite der beiden tiefen Gräben nahmen sich im Mondschein nicht kleiner aus. Das waren ja beinahe Festungswälle..Gott weife, was daraus wird," dachte er..aber manchen Schweitztropfen hat es Dich gekostet, Jürgen!— Das ist gut gemacht! Ich glaube, ich hätte es Dir nicht nachmachen können. Wenigstens jetzt nicht mehr!" Er liefe sich auf einen Sandwall nieder und ruhte aus. Man vernahm einen einsamen Vogelschrei, und der Mond spiegelte sich tm Wasser der Moorgräben. Und dann satz er da und dachte, wie weh die Glieder hatten tun müsien beim Umwühlen dieser Erd- mengen und was wohl Jürgen gedacht haben mochte, wenn er hier in dem kalten Sumpf vom Morgen bis Abend stand...„Ich war wohl etwas hart gegen Dich, bester Jürgen!" sprach er halblaut zu sich selber. Und der alte Anders Krage wischte sich die Augen mit dem Handrücken ab.— Am nächsten Morgen, als Kjesten und Anders über Ver- schiedenes miteinander plauderten, bemerkte sie, datz Jürgen nie etwas anderes als amerikanisches Fett auf sein Frühstücksbrot be- komme, wenn er ins Moor ginge. .Das ist. hols der Teufel. Unrecht!" entfuhr es Anders. »Aber Kjesten, wir haben ja beim Himmel doch Fleisch und Speck genug!" Bon dem Augenblick an gab es im Krageschen Hause nur eine Speisekammer. Im Laufe des Tage? ging Anders hinein in Stall und Scheune. Es ward ihm ganz wunderlich dabei zu Mut, hier wieder an den alten Orten umherzugehen. Es war, als sei er lange krank gewesen. .Hör Du, Marie!" sagte er zu seiner Tochter und nahm den Arm voll Heu, den sie trug.„Geh Du lieber rein und tu was anderes, ich werde dieL hier schon besorgen, denn Du bist ja doch nur ein Frauenzimmer." Danach arbeitete Anders wieder darauf loS genau so erfrischt, wie wenn er ehemals hinter dem Bettvorhang gelegen hatte.— Es war eine grotze Freude und Hilfe für Jürgen, bei seiner Heimkehr nicht nur alles Vieh versorgt und alles beiseite geräumt zu finden, datz kein Stäubchen mehr zu entdecken war. sondern auch das Korn gedroschen und den Häcksel geschnitten und dies und jenes ausgebessert zu finden. Er wutzte ja gut. wer es getan hatte, aber Anders verschwand stets bei eintretender Dämmerung in sein eigenes Zimmer, so datz Jürgen ihn bis jetzt weder gesehen noch gesprochen hatte. Aber dann eines Tages kehrte Jürgen zur Mittagszeit heim; er hatte seinen Spatenstiel zerbrochen. Anders sah ihn kommen mit den zerbrochenen Stücken unter dem Arm und schleppenden Schritten in den schweren Holzschuhstiefeln. Als Jürgen nahe herangekommen war, öffnete der Alte die Hanstür, wo er in seiner grauen Wollbluse und mit dem talcr- grotzen, leuchtenden, kupfernen Hosenknopf mitten auf dem Magen stehen blieb:.Willkommen daheim. Jürgen! Hör einmal, könntest Du nicht einen Augenblick mit mir hinauskommen, um etwas an» zusehen?" Jürgen ging mit..Nach meiner Meinung könnte ... aber ich weife nicht, ob Du auch so denkst..." Die Frauen hörten Anders andauernd reden, während er hinausschritt; sie schauten lächelnd einander an. .Ja. siehst Du..." begann Anders und spie aus.„Ich Hab mir gedacht, mufet Du wissen..." er setzte ihm eine kleine Ver- besserung auseinander, die er sich an der Scheune und am Stall «usgedacht hatte.„Aber ich weife nicht, ob Du damit einverstanden bist?" Jürgen folgte aufmerksam Anders' erklärendem Zeigefinger. Im Grunde sah er aber nichts; denn seine Augen schimmerten feucht.„Ja. das ist'sehr gut. Anders," sagte er. „Ja, denn..." Er begann seine Erklärung noch einmal von dorne.„Mir scheint, es wäre praktischer auf diese Weisel" .Ja, das ist sehr gut. Anders I" „Na," schlafe der Alte vergnügt,„dann will ich Dir nur jetzt einen neuen Spatenschaft zurecht machen,— denn darin bin ich Dir über, Jürgen!" An dem Abend blieben sie beieinander. Marie kochte Kaffee und buk Pfannkuchen, und Kjesten strahlte über daS ganze Gesicht, «ls sei ein Fest im Hause. Der Alte hatte den kleinen Anders auf den Knien und sang nach der Melodie von„Ach, Du lieber Lugustin": „Tra la la la la la la Tra la la tra la la.. Aucy Jürgen sah vergnügt aus, aber es lag doch ein still-weh- mutiger Ausdruck auf seinen gereiften Zügen. (Fortsetzung folgt.). Elektrotechnik. In einem Vortrag. der im Austrag des ReichskommisiarS«tf der Weltausstellung zu Brüssel gehalten wurde und der jetzt in der .Elektrotewnischen Zeilschrist' veröstenllicbt wird, schilderte Dettmar in grofeen Zügen den gegenwärtigen Stand der Elektrotechnik tn Deutschland. Die Elektrotechnik spielt besonders in Deutschland ein« grotze Rolle im volkswirtschaftlichen Leben, da sie beule ungefähr 150 000 Arbeiter und Beamte beschäftigt und der Wert ihrer Pro« duktion, die au erster Stelle der elektrotechnischen Produktion aller Länder steht, etwa 1000 Millionen Mark beträgt. Troydem man erst seit wenigen Jahrzehnren von einer elektrotechnischen Industrie sprechen kann, hat die Elekirolecknik doch schon heute eine wahr« Umwälzung aus fast allen anderen Gedielen der Industrie hervor« geruicn und auch einen immer mehr steigenden Einstufe auf di« Gestallung unseres persönlichen täglichen Lebens— elektrische Bahnen, clellriiche Veleuchiung— gewonnen Die Entwickelung der Elektrotechnik vollzog und vollzieht sich mit Rleiemchrnlen, nicht nur was die Summe des arbeitenden Kapitals und die Höhe der Umsätze betrifft, sondern auch in techni» scher Beziehung. An einem kleinen Beispiel kann diese rasche technische Eutivickelung sebr schön geiehen werden. Ein Gleichstrom» elektromoror. der zehn Pferdestärke bei lausend Umdrehungen bietet, hatte im Jahre 1833 ein Gewicht von 910 Kilogramm, alio neunzig Kilogromm iür eine Pferdestärke. Heute wiegt derselbe Motor nur 3t0 Kilogramm, also fast nur ein Drittel des alten Wertes. Aehn» liegen die Verhältnisse in fast allen Zweigen der Elektrotechnik, die durch die früher nie geabnre Ausnutzung der Konftruktioiismaterialien, Vereinfachung der Konstruktionen selbst und Verbesserung der Fabrikationsprozesse geschaffen wurden. Der Einstufe der Steklroiechnik macht sich heute in jeder grötzeren Werkstatt in den Antrieben, in der Kraftveri orgung und in der An- ordnung geltend. Verichwunden sind die grotzen Schwungräder, die Lickr, Luft und Sicherheit raubenden TranSmissionsseite und Riemen, sie haben alle dem Elektromotor, der wenig Rai n braucht, ökoiiomiich arbeitet und sich»en Anforderungen eines jeden Betriebes anfs wunderbarste anpassen kann, Play machen mSffen. Aber nicht nur der Fabrikationsgang, sondern auch die Fabrikate selbst find durch die Entwickelung der Elektrotechnik wesentlich beein» stutzt worden. Dies gilt vor allem für die AntriebSmaichinen der Erzenger elektrischer Energie, für die Wärmemotoren: Dampf» ma'chine und Gasmotor. Die langsam lauiende alte Kolben« damvfmaschine ist für grötzere Leistungen fast vollständig durch die rai'ch laufende rotierende Dampfturbine, die fast nur zum Antrieb von Dynamos benutzt wird und dader auch von den Firmen der Elektrizitätsüidustrie gebaut wird, verdrängt. Der GrotzgaS« motor wurde liberhaiipi erst durch die Elektrotechnik geschaffen, die indirekt eine rationelle Ausnutzung der früher unauS- genutzren Gichtgase(Gase. die beim Hochofenprozefe entstellen) ermöglichte Die Elektrotechnik ermöglicht durch die elektrische Kraftübertragung die Ausnutzung der ungeheueren Energien, die uns in den Wasserkräften zur Verfügung stehen, er» niö licht aber auch die rationelle Verwertung minderweltiger Brenn» stoffe. wie Tors, wie die neuen grotzen Ueberlandzentralen im sriefi» scheu Hochmoor zeigen. Man geht heule bereits so weit, datz man es für zweckmStziger hält, minderwertige Kohle nicht weiter zu transportieren, sondern durch sie an Ort und Stelle ihrer Ge- wninung elektrische Energie zu erzeugen und diese Energie durch dünne Leilnugen in einfacher und billiger Weise bis zur Verbrauchs« stelle zu leiten. Der Bedeutung der Elektrotechnik entspricht auch die Grötze und der Umfang der einzelnen Anlagen. Bei der Erzeugung elektrischer Energie lieg: die Tendenz vor. möglichst grotze Betriebe mit grotzen Einbetten zu schaffen, wer! so die Erzeugungskosten elektrischer Energi« auf ein Minimum gebracht werden können. Man baut beute Motoren und Dynamos, die in einer einzigen Maschine 15 000 bis 18 000 Pierdestärke entwickeln können, während vor 20 Jahren ein Generator von 150 Pferdestärken als„Grötze" an» gestaunt wurde. Die ganze Entwickelung der elektrischen Kraffüber» trogung war aber nur durcki die Fortsedritte der Berwenoung hoch« gespannter Ströme möglich Bei Hochspannung find bei einer gleichen Energiemenge viel kleinere Ströme erforderlikd, als bei niedrigeren Spannungen, wodurch dünne Leitungen, niedrige Anlage» kosten und geringe Betriebsverluste erzielt wurden. Die ersten An» lagen arbeiteten mit 65 bis 500 Volt Spannung, allmählich ging man mit der Spannung höher, und heute beträgt die höchste Span» nlmg. die in einer von einer deutschen Firma ausgeführten Anlage verwendet ist. 77 000 Volt, während eine Anlage mit 110000 Boll Spannung im Bau ist und Betricbssvamnmgen von 20 000— 40 000 Bolt nichts Autzergewöhiiliches mehr darstellen. Da hochgespannter Strom die schlimme Gewohnheit hat, sehr leicht den ihm vorgeschriebenen Weg zu verlosten und wegen seiner hohen lebensgerährlictien Spannung leicht schweres Unheil stiften kann, liegt die Haupischwietigken bei der Ausführung derartiger Anlagen darin, dem Strom das Entweichen aus den Leitungen unmöglich zu machen, das heitzr die Isolation autS vollkommenste auszugestalten. Bei den Apparaten war diese Schwierigkeit vielleicht noch eher gelöst als bei den UcbertragungSleiriingen, die ans Kupfer, manchmal auch bei hohen Kupierpreoen, aus Aluminium bestehen. Hier hat die deutsche Porzellanindustrie vorzügliches geleistet, indem sie die für Frei» leilungen erforderlichen Stützpunkte, die Porzellanisolatoren so ausbildete, daß heute in dieser kein HiuderungSgnmd mehr für die Verwendung hoher Spannungen zu suchen ist. Von den Anwendungsgebieien der Elektrotechnik ist die B e-> leuchtung das ältere. Gerade hier sind in den letzten Jahren geradezu epochemachende Neuerungen zu verzeichnen, von denen an erster Stelle die Ein- führuug der M e l a l l t a d e n l a ni p e n zu nennen ist. Während die bis vor ö— 6 Jahren allein gebräuchlichen Kohlenfadenglüh- lampen einen Energieverbrauch von 3 bis 4 Watt für jede Kerzen- stärke aufwiesen, verbraucht die moderne Merallfadenlampe uur den dritten Teil an Strom. Die elektrische Beleuchtung kann daher jetzt, unier Berücksichtigung ihrer sonstigen grosten, ideellen und hygieni- schen Vorzüge auch in wirtschaftlicher Hinsicht mit der Gas- fceleuchtung erfolgreich in Wettbewerb treten. Auch in der Stark- lichtbeleuchrung, die durch Bogenlampen bewirkt wird, sind große Er- folge zu verzeichnen. Einerseits wurde der Energieverbranch durch Verwendung bestimmter, mit Meiallialzen getränkter Koblensnfte bedeutend herabgesetzt. andererseits schuf man Lampenkon- struktionen, bei denen der Kohleiiverbranch gleichfalls �verringert «vurde.(Dauerbrandlampen, Sparlampen.) Die Verioendung elektrischer Energie für Beleuchtung ist aber gegen« über der für die K r a s l v e r s o r g u n g in den Hintergrund getreten. Man kann die Gesamtleistung der in Deutschland in Betrieb defind- lichen Motoren auf zirka ö'/z Millionen Pferdestärken schätzen. Der Elektromotor hat dadurch alle anderen Kraftmaschinen lowohl im Kleingewerbe als auch in in der Großindustrie überflügelt. Bon den Großindustrien wären hier in erster Linie Bergwerke und Hütten- Werke zu erwähnen, für die die Elektrotechnik jetzt auch die größten Antriebe mit wirtschaftlichen Vorteilen auszuführen vermag. Besondere Schwierigkeiten bot eS, Betriebe von großen Leistungen, die fortwährend ihre Größe und Bewegungs- richtung ändern, in zweckmäßiger Weise zu bauen. Auch diese Schwierigkeiten wurden durch Einschaltung von Schwung- rädern, die die BelastungSschwankungen ausgleichen, überwunden. Die große Zahl der in den letzten Jahren nach diesem System aus- geführten BergwerkSsördermaschinen und Walzeuzugsmaschinen ist dafür ein glänzendeö Zeugnis. Durch die Fortschritte in der Beleuchtungstechnik und der Kraktveriorgung ist eine außerordentliche Zunahme der Zahl und des UmfangcS elektrischer Anlagen hervor- gerufen. Einige trockene Daten auS der Statistik veranschaulichen dies Wachstum. In Deutschland bestehen heute zirka 50 MV Einzel- anlagen und 2350 eigentliche Elektrizitätswerke. Die Leistung dieser Zentralen beträgt ungefähr l'/z Millionen Kilowatt, die Zahl der angeschlossenen Glühlampen 15 000 000, der Bogenlampen ca. 300 000. Die Zahl der Anschlüsse an die einzelnen Werke hat sich außer- ordentlich vermehrt. Dadurch ist erreicht, daß der Peiroleumverbrauch pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland, der bis 1000 regelmäßig und rasch gestiegen ist. seit dieser Zeit auf gleicher Höhe bleibt. Augenscheinlich wird also jetzt weniger Petroleum für BcleuchlungS- zwecke verwendet, was vom volkswirtschaftlichen und hygienischen Standpunkt nur zu begrüßen ist. Die Elektrizitätswerke sind(falls sie nicht nur Dividendenpotitik treiben) in der Lage, die Anschluß- bewegung durch günstige Tarife noch mehr zu fördern, da ihr Be« trieb immer verbefiert und wirtschaftlicher geführt wird. So haben eS z. B. die Berliner Elektrizitätswerke in vier Jahren erzielt, daß aus der gleichen Menge Kohlen bei gleichen Eigenschafren anstatt 111 Wattstunden 123 Waltstunden elektrischer Energie gewonnen werden. Ein besonderes Gebiet der elektrischen Anschlüfie ist auch in der Landwirtschaft gefunden. In den letzten Jahren ist eine große Zahl von Anlagen ausgeführt, die nur die Elektrizitätsversorgung deS platten Landes zur Aufgabe haben. Die ausgedehnte Verwendung des Elektromotors soll unter anderem auch als Hilfsmittel gegen die »Leutenot" dienen. Eine besonders erfolgreiche Rolle spielt die Elektrizität im TranS- Portwesen, da fast sämtliche Bahnen innerhalb der Städte Deutsch- lands elektrisch betrieben werden. Aber auch verschiedene Ucberland- und sogar Vollbahnen sind schon gebaut oder im Entstehen begriffen. Insgesamt sind heute in Deutschland elektrische Bahne» mit einer Betriebslänge von über 4000 Kilometer vorhanden. Ueber den Stand der elektrischen Vollbahnfrage ist an dieser Stelle wiederholt berichtet; hier sei nur noch einmal die Talsache hervorgehoben, daß wir langsam aber sicher einem elektrischen Vollbahnbelrieb entgegengehen. Durch die Ausnutzung der Wasserkräfte wird auch die elektro- chemische Industrie, der jetzt billige elektrische Energie zur Ver- fügung steht und die sich deshalb in der Nähe der Wasserkraftanlagen ansiedelt, beeinflußt. Die Entwickelung auf diesem Gebiete ist sehr mannigfaltig. Zu den bedeutendsten Verfahren gehören die Stick- oxydherstellung und die Kalkstickstoffherstellung aus Karbid, für die zirka 200 000 Pferdestärke verwendet werden und die in erster Linie für die Herstellung künstlichen Düngers als Ersatz für Chilisalpeter Bedeutung haben. Ferner beschäftigen die Chlor-Alkaliindustrie sowie die Fabriken zur Herstellung metallischen Natrium» und des Aluminiums bedeutende Mengen elektrischer Energie. Zu den wichtigsten chemischen Prozessen. bei denen die Elektrizität eine Rolle spielr, gehört auch die Her- stellung und Anwendung des Ozons oder des„aknven Sauer- stoffes", der in großem Maßslabe für chemische Industrien und für Trinkwassersterilisation an Stelle der teuren Sandfiliration Verweudimg findet. Solche Ozonapparate werden auch in ganz kleinem Umfange für den Privatgebrauch zur Reinigung von bakteriologisch nicht ganz einwandfreiem Wasser oder.schlechter" Lust ausgeführt. Die Elektro- technik nnmnt sich in letzter Zeit überhaupt mit immer größerer Liebe der Apparate, die für den Einzelhaushalt in Betracht kommen, an. Die wichtigste Gruppe dieser Apparate sind die Koch- und Heiz- apparale, die heute in sehr ökonomischen und praktischen Ausführunge» zu haben sind. Auch die Bedenken gegen die Kostspieligkeit in der Anwendung derartiger Apparate schwinden immer mehr, da bei einem Strompreise von 18 Pf. für die Kilowattstunde eine Konkurrenz mit Ga§ schon möglich ist. Zum Schlüsse sei von den vielen Gebieten menschlichen Lebens, in denen die Elekto- technik eingedrungen ist. ein große» technisches Gebiet hervor- gehoben. Es ist dies die Anwendung des Magnetismus in verschiedenen Betrieben. Man verwendet heute Magnete zum Heben und Transportieren von Eisenwaren, zum Aufipannen von Werk- stücken bei BcarbeitungSmaschinen, zuin Scheiden und Sortieren von Erzen, Knocken usw. Wir sehen, daß schon die Starkstromtechnik, ganz abgesehen von der für unser Verkehrsleben unentbehrlichen Sckwachstromrechnik(Telegraph, Telephon), tatsächlich unser ganze? technisches Leben beeinflußt und dazu bestimmt ist, auch in unserem persönlichen Leben eilte bedeutende Rolle zu spielen. A. Kleines Feuilleton. Künstliche blaue Saphire. Bisher ist die Technik nicht in der Lage geivesen. blaue Saphire und Smaragden auf künstlichem Wege herzustellen, wenigstens nicht solche Kristalle, die in ihrem chemischen und physikalischen Verhallen die gleichen Eigenschaften zeigten, wie die echten Edelsteine. So entsprechen denn die augenblicklich im Handel befindlichen synthetischen Saphire durchaus nicht den Origi- nalen der Natur. Die Blaufärbung der Grundfubitanz. der ge- schmolzcnen und sich kristallisierenden Tonerde, wurde bisher mit Kobaldoxyd versucht; allein da eine gleichmäßige Lösung des Färb- stoffes nicht zu erzielen war. mußte noch ein Bindemittel von 2Proz.Kalk mit Magnesia zugesetzt werden, so daß also daS Endprodukt von der usammensetzung deS echten Edelsteines schon in vielen physikalischen igenschaflen abweicht. Nun ist es dem Erfinder der künstlichen Edel- steine. Professor V e r n e u i l, wie die„Polytechnische Rundschau" mitieilt. nach langwierigen Versuchen gelungen, durch Zusatz von 1.5 Proz. Eisenoxyd und 0,5 Proz. Titansäure die Blaufärbung der Saphire auf wahrscheinlich demselben Wege zu erreichen, den die Natur für einen Teil der Sapbirbildung einschlägt. Die Anordnung zur Synthese der Edelsteine ist folgende: In einem Gefäß befindet sich daS Tonerdegemcnge. Durch einen Sauerstoffstrahl wird eS durch eine enge Röhre geblasen, in der das Pulver-Gasgemcnge noch von zuströmendem Wafferstoff getroffen wird. Wafferstoff und Sauerstoff geben Knallgas, das in emem feuerfesten Tiegel zur Entzündung gebracht wird. Da die Wärme aus einen sehr kleinen Raum beschränkt ist. entstehen Temperaluren von 2000 Grad Celsius. In dieser schmilzt da» Gemisch und sammelt sich in Tropfenform aus einem Plariupostamente an, wo es erstarrt. Der so entstandene birnenförmige Körper wird dann zu einem regelmäßigen Kristall umgeschliffen. Die Höhe der Nordlichter. Es wäre von großem Wert für die Beurteilung der magnenicken Verhältnisse der Atmosphäre, wenn man die Höhe bestimmen könnte, in der die Nordlichter anftretcn. Zu diesem Zweck hat jetzt Karl Stönner ein photographisches Ver» fahren ausgearbeitet und der Pariser Akademie der Wissenschaften vorgelegt. Leider sind die Nordlichter wegen der Schwäche ihrer Strahlung und wegen der in ihnen fast dauernd vorgehenden Be- wegungen schwer zu photographieren. Aber Stürmer ist mit einer Kinematographenlinse von 25 Millimeter Durchmefier und 50 Milli- meter Brennweite und mit Beuutzung der Lumiörescken Violett- platten zu einem ziemlich guten Erfolg gelangt. Zur Bestimniung der Höhe ist es nötig, die Photographie gleichzeitig von zwei ge- nügend weit von«inander entfernten Orten auszuführen, was Slörmer versuchsweise gleichfalls bereits getan hat. Der Vergleich der Photographien kann durch die auf ihnen erscheinenden Sterne leicht vorgenommen werden. Nach den ersten vier vorliegenden Proben ist die Höhe der Nordlichter sehr verschieden, nämlich zwischen 50 und 100 Kilometer über der Erdoberfläche. Eine Statistik der zoologischen Gärten. Der Leiter de? Zoologischen GartenS in Gizen bei Kairo in Aegypten. Kapitän Flower, der vielleicht etwa» mehr Zeit zu solchen Arbeiten hat als die Direktoren der großen Gärten der europäischen Hauptstädte, hat jetzt eine Statistik dieser Anstalten in allen Teilen der Erde veröffent- licht. Demnach gibt«S jetzt im ganzen 104 zoologische Gürten, deren Zahl sich aber in einer nahen Zukunft vermehren wird. Dafür sind viele Gärten, die früher bestanden haben, eingegangen. Der älteste von allen Tierparks scheint der von Sckönbrunn bei Wien zu sein, der im Jahre 1752 begründet wurde. Dann folgte im Jahre 1774 der zoologische Garren in Madrid und erst 1703 die Menagerie im Jardin deS Plante» zu Paris. Der erste deutsche zoologische Garten war der von Berlin. Die jüngsten zoologischen Gärten der Erde sind die von München und Birmingham._ Verantw. Redakt.: EarlWermuth» Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorworl« BuchSruckere, u.«trl«g»an,ratt Paul Singer»Eo..>v«rlin:äW.