Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 210. Donnerstag den 27. Oktober 1910 (Nachdruck verdoren.) 1] das ift Rubin? Roman von Max Kretzer. 1. An einem Abend des Jahres 1890 erregte ein sonder Kares Fuhrwerk die Aufmerksamkeit der Passanten im ver- kehrsreichen Westen von Berlin. Ein Handwagen mit Bretter wänden, der vollgepfropft mit allerlei Gerumpel war, aus dem ein Modellierbock seine drei Beine in die Luft streckte, um das Herabrutschen der Gipsbüste einer Venus zu verhindern, wurde von einem schmächtigen, jungen Mann, Mitte der Zwanzig, gezogen, der als Laterne eine Papierdüte trug, in die man ein Licht gesteckt hatte. Hinten schritt der ältere Ge- nosse, der, in der Linken eine kleine Petroleumlampe haltend, mit der Rechten kräftig nachhalf, sobald der Deichsellenker sdjtoach zu werden drohte. Der große Oktoberumzug war im Gange, und so mußten sie sich wiederholt an riesigen Möbelwagen vorbeiwinden, aus denen noch kurz vor Toresschluß die letzten schweren Stücke in die Häuser getragen wurden. Namentlich in der Potsdamer- straße, wo das Leben gewaltig brandete und die Pferdebahn alle Augenblicke ihre Warnungsklingel ertönen ließ, war das Leiten des Gefährtes mit einer gewissen Gefahr verbunden, die durch das ungewohnte Amt des Führers noch erhöht wurde. Wenn sie sich dann glücklich wieder seitwärts an der Bordschwelle des Bürgersteiges befanden und einige Augen- blicke anhielten, um Luft zu schöpfen, kamen sie sich mit ihren Habseligkeiten wie verkrümelt vor beim Anblick der glänzen- den Möbel, die noch umherstanden, bevor kräftige Arme sie verschwinden ließen. Sobald dann die Träger die bleiche Venus erblickten, die, aufgepflanzt und von Stricken gehalten, mit ihren leeren Augen das Licht der Laternen auffing und das einzig Wertvolle bei diesem Wohnungswechsel zu sein schien, fielen derbe Witzworte, die auch die Heiterkeit der Vor- übergehenden erweckten. Die Damen musterten die Gruppe und vergnügten sich lächelnd daran, was Lorensen, dessen noch milchbärtiges Gesicht von dem Lichtstumpf rötlich beleuchtet wurde, Veranlassung gab, seine breiten, gesunden Zähne zu zeigen und ihnen vertraulich zuzunicken, als gehörte er eigent- lich in ihre Gesellschaft und hätte sich heute nur einen Jux gemacht, den Ziehhund zu ersetzen. Trotzdem er sich auf den ersten Blick als der Zartere von beiden erwies, war er doch der Keckere, sozusagen der Himmelstllrmende, der den Lorbeer bereits in der Tasche hatte und die bewundernde Welt zu seinen Füßen sah. Gleich einem Rastelbinder trug er die Krempe des»Deichen Filzhutes weit heruntergestreift, weil er das Bedürfnis gefühlt hatte, sich hier, wo die Atelierzigeuner zu Hause waren, ein»venig unkenntlich zu machen. . Kempen war straffer und untersetzter, mit seiner Ruhe im schon vollbärtigen Gesicht mehr der Gegensatz zu der Lustig- keit des andern, der uin Worte nie in Verlegenheit geriet und gern schwatzte,»vo es eigentlich gar nicht notwendig»Dar. So wurde Lorenseu auch jetzt wieder lebhaft, als sie in die Steg- litzer Straße einbiegen wollten, wo ihr Dach ihnen winkte-, er blieb aufs neue stehen, so daß der Wagen einen Ruck bekam, und tviichte sich unter dem gelüfteten Hut den Schweiß von der Stirn, wobei eine Fülle hellblonden Haares sichtbar wurde: denn»"cht nur die Anstrengung hatte ihn ivarm gemacht, sondern auch der milde Abend, der noch nichts von der Kühle des Herbstes verriet. Währeird des ganzen Tages»var Berlin von der Sonne des Spätsommers durchzogen gewesen, deren Abglai»z noch immer von den Mauern der riesigen Steinkästen ausgeschwitzt wurde, so daß der Dunst zwischen den Häusern lag. Lichtnebel wogte in der Ferne, der wie ein Niederschlag der ewig rastlosen, dampfenden Stadt sich mit den Menschen fortbewegte, gleichsam wie von ihnen mit- geschleppt. „So treck doch man weiter," sagte Kempen unwillig. Solange sie unterwegs waren, hatte er in seiner Verschlossenheit immer dasselbe geknurrt, weil ihm die Glocke der alten Lainpe Sorge machte. Sein grauer Hut saß ihm lvie ein Fez aus dem Kopfe und Paßte nicht recht zu dem kurzen schwarzen Rodt, der ihm etwas Schulmeisterliches gab. „Ja, das sagst Du so, Hermann," siel der andere mit seiner holsteinischen Gemütlichkeit ein und setzte ihm ausein« ander, daß seine rechte Schulter durch den Strick bereits lveich wie Ton geworden sei. Ganz unten auf dem Wagen lag eisernes Rüstzeug, delsen Schwere sich besonders fühlbar ge- macht hatte. Plötzlich fing Lorensen an zu blasen, denn die Papierdüte ging in Flammen auf und erregle das Wohl« gefallen einiger Jungen, von denen der eine lustig„Groß- Feuer" rief. Aergerlich, mit verbrannten Fingern, ließ er den Lichtstumpf zur Erde fallen und trat die Flamme aus.� „Das hast Du wieder mal gut gemacht I Guck doch nicht so viel nach den Mädels," brummte Kempen aufs neue und richtete die Venus wieder in die Höhe, die sich allmählich auf die Nase gelegt hatte. Hinten fielen Blechgefäße heraus, die mit einem Halloh von der hilfreichen Jugend aufgehoben wurden. Schon wollte man ohne Laterne weiterfahren, als sich drohend ein Schutzmann nahte mit jenem berühmten Griff nach dem Taschenbuch, der den Schrecken aller Kutscher bildet. Kempen setzte ihm ihr Pech auseinander und holte zugleich zehn Pfennig aus seinem Portemonnaie hervor, die er Loren- sen zu einem neuen Licht gab, denn dieser verfügte niemals über Geld, weil er leichtsinnig veranlagt war und daher dem stets nüchternen und sparsamen Hamburger die gemeinsame Kasse überlassen mußte. Hurtig hatte sich Lorensen den Strick von der Schulter gestreift und suchte mit den Augen nach einem geeigneten Laden, innerlich erbost über die Knickrigkeit des Freundes, denn gern würde er gesehen haben, daß er ein größeres Geldstück empfangen hätte, um rasch seinen Durst durch ein Glas Bier zu löschen, wie er es bei ähnlichen Ge- legenheiten zu tun pflegte. Ein halbivüchsiges Mädchen aus der Schar der Neu- gierigen erbot sich, ihm gefällig zu sein. Flugs legte sie ihr Paket auf den Wagen und eilte fort, um schon nach wenigen Minuten wieder zur Stelle zu sein. Aufgelveckt wie ein früh- kluges Berliner Volkskind, hatte sie sich sofort eine durch- sichtige Düte geben lasten und überreichte Lorensen die neue Laterne fix und fertig, die er nun vergnügt in Brand setzte, wobei er das hübsche, frische Gesicht der Kleinen mit den Augen des Künstlers betrachtete. „Du bist ja mal'n nettes Ding," knurrte Kempen mit seiner höchsten Liebenswürdigkeit und musterte sie ebenfalls, aber mit reinerem Blick als der andere, der in jedem hübschen Gesicht nur das Modell sah und alles, was dazu gehörte. „Wie heißt Du denn?" fügte er mit harmloser Neugierde hinzu und opferte ein zweites Streichhölzchen, um den Tabaksrest in seiner kurzen Holzpfeife zu entzünden. „Klara Münk," erwiderte sie und machte einen leichten Knicks, was sich wie einstudiert ausnahm. Und als sie mit geschärftem Blick sofort erfaßt hatte, daß sie hier reine ge- wöhnlichen Arbeiter vor sich habe, sondern bessere Leute, die auf alle Fälle Bildung besaßen, ließ sie lächelnd die Frage los, ob sie dem„Herr»»" vielleicht die Lampe abnehmen und ein tück Weges tragen dürfe. Sie würde es gern tun und habe Zeit, wenn es nicht gar zu weit wäre. Etwas wie Bedauern sprach aus ihren Zügen darüber, daß diese beiden Männer noch spät am Abend sich so quälen müßten. „Laß sie, Hermann, sie bringt uns Glück," sagte Lorensen lachend und spannte sich wieder an die Deichsel.„Man jut, daß uns keen altes Weib über'n Wej jeloofen is." Manch- mal suchte er etloas darin, die Sprechweise des niederen Ber- liners anzuwenden, was sich in seinem singenden Tonfall sehr merkwürdig anhörte. „Pfui, wie gewöhnlich spricht der," dachte die Kleine und wurde schrvankend in ihrer bessere»- Meinung. Erst Kempen, der in gut getoähltem Hochdeutsch dankend die Begleitung an- nahm und ihr die Lainpe reichte, stimmte sie wieder um. So bogen denn alle drei links um die Ecke, dem stilleren Teil der Steglitzer Straße zu, der in der Nähe der Eisenbahn liegt. Es»var nicht inehr weit bis an ihr Ziel: schon nach fünf Mi- nuten machten sie vor einem Durchschnittshause Halt, das aus älterer Zeit stammte und weder Balkon noch Erker zeigte. Da es bereits auf zehn ging, so griffen sie kräftig zu, um ihr Eigentum in das v'erte Stockwerk hinaufzutragen, Ivo sie bei einer Witwe ein großes zweifenstriges Zimmer gemietet hatten. In dem breiten, ausgefahrenen Torweg standen Be- wobner des Hinterhauses, die von der Abendluft noch nippen wollten. Lorensen nahm die Venus vom Wagen, drängte sich durch und schritt als erster die etwas unsaubere Treppe hin- auf. die von zirpenden Gasflämmchen nur schwach erhellt war. Die Schönheit mutzte voran gvstragen werden, das leuchtete ihm ein. Ein altes Weib, das er mit der weitzen Larve er- schreckt hatte, lachte hinter ihm her. Dann hörte er, wie oben eine helle Kinderstimme rief:„Mutta, die Kinstler kommen!" s�rau Lemke, eine kleine Person mit breiter Taille und aufgeschwenunten Zügen, aus denen aber gntmütige Augen sprachen, stand mitten in der erhellten Flurstube und begrützte freundlich die neuen Mieter: aber schon beim zweiten Gange der Freunde wurde sie mitztramsch, denn vergeblich wartete sie auf Koffer und Kisten. Und als dann Kempen wiederum beladen die Stufen nahm, hörte er sie durch die offene Tür mit Lorensen keifen:„Nein, nein, das geht nicht! Wenn Sie keine Sachen haben, dann kehren Sie nur gleich um. Sie wallen wohl einen Stall aus meiner Wohnung machen? Wenn-ich das nur geahnt hätte!" Sie hatte erst jüngst schlimme Erfahrungen mit einem Möblierten gemacht, und so schüttete sie rücksichtslos ihren Aerger aus. Schon, als sie zum Fenster hinauslag, war sie verwundert darüber, datz diese Herren wie die Knechte ihren Wagen selbst schoben und statt der Herrlichkeiten Lumpen und Eisen mit sich führten. „Aber erlauben Sie mal, beste Frau," muckte Lorensen laut auf.„Das verstehen Sie nicht, hier steckt enormer Wert drin. Unsere Modelle sind unbezahlbar. Die Büste allein kostet hundert Mark. Warten Sie nur erst ab." Er schnitt gern auf, und so versuchte er, sie mit seinen Worten zu be° täuben, die endlich in dem Satze gipfelten:„Wir haben eine Zukunft, liebe Frau, eine grotze Zukunft!" Klara Münks helle Stimme klang dazwischen:„Aber :das sind ja Künstler, das müssen Sie doch sehen. Die sind anders wie gewöhnliche Menschen." Ohne erst viel zu fragen und als verstünde es sich von selbst, hatte sie wacker Hand mit angelegt und hinaufgetragen, was ihre schwachen Arme der- mochten. „Gehörst Du vielleicht auch dazu?" fiel ihr Frau Lenike spöttisch ins Wort. „So halb und halb," erwiderte sie lachend. Lorensen blickte auf, konnte aber nicht mehr fragen, denn Kempen kam und beruhigte Frau Lemke, indem er ihr mit seiner trockenen Würde auseinandersetzte, datz sie durchaus nichts zu befürchten habe. Sie seien anständige und ehrliche Leute, die zwar keine Reichtümer besätzen, aber doch so viel verdienten, um eine brave Frau nicht schädigen zu brauchen. Und um seinen Worten Nachdruck zu verhelfen, zählte er ihr sofort die Miete in harten Talern auf den Tisch: dann bat er, ihnen für heute etwas Petroleum abzulassen, damit sie ihre Lanipe füllen könnten. Und um ihr Zimmer brauche sie nicht zu fürchten: es seien ganz reinliche Dinge, die sie hier trieben, dafür bürge»r. Sic würde sich bald überzeugen, datz sie sehr gut mit ihnen auskäme, denn sie wollten nichts umsonst haben. Sein gesetztes Wesen, das dem des andern so sehr wider- sprach, gefiel ihr, und so strich sie vergnügt das Geld ein, was ihr im Augenblick die Hauptsache tvar: dann hatte sie wieder freundliche Worte bereit und erfüllte sofort die kleinen Wünfche der beiden. „Na, und Du?" knurrte Kempen das Mädchen an, als die Wirtin hinaus war.„Was sind wir Dir denn schuldig?" „Freundliche Behandlung," erwiderte sie lachend, wobei ihre Zähne blitzten. Er wollte ihr einen Nickel schenken, sie aber dankte mit den Worten, datz es gern geschehen sei. „Na, dann scher Dich nach Hause," brummte er. ohne es böse zu meinen. � � v Die Tür stand noch offen, und so nahm sie rhr Paket und wollte hinausflitzen. Lorensen jedoch hielt sie zurück.„Nimm doch einmal die alte Schute vom Kopf," rief er ihr zu, und als sie ohne Ziererei seinen Wunsch erfüllt hatte und nun lächelnd den Hut mit den roter, Bändern hin und her schwenkte, rig er seine blauen Augen, die sonst immer ettvaS müde unter den Lidern lagen, grotz auf. Er sah eineil schön gewölbten Scheitel, der sich in dem Glanz der saftigbrauncn Haare wiegte, das zusammengeknotet üppig über den Nacken fiel. Kleine, anliegende Ohrmuscheln leuchteten zart auf diesem dunklen Grunde, und die Läppchen unten drängten sich nur wenig hervor, zerflossen fast in der weichen Fülle deS schlanken Halses. Die Nasenflügel waren vielleicht etwas zu breit, aber sie stimmten zu den vollen Lippen des prachtvoll geschnittenen Mundes. Ueberall die keuschen Linien der knospenden Jugend, die aus dem Frühling in den Sommer hineinwächst..(Fortsetzung folgt.) 19z Die famlllc Krage. Von Johann Skjoldborg. Autorisierte Uebersetzung von Laura Heidt. 19. Eines Sonntagvornlittags im Spätherbst sah Jürgen auf seiner Sofabank. Vor den Fenstern drautzen sah man gelbe Stoppeln, schioat�e Ackerfurchen und trockenes Gras. Seine Augen wandten sich dem Bilde des Lehrers seiner Jugend zu, das über dem Balken am Bette hing. Er erinnerte sich des ärmlichen Pultes, von dem aus er zu ihnen gesprochen hatte und sah ihn lebhaft vor Augen in seinem ärmlichen, grau- melierten Anzug, wie er mit den groben, rotknochigen Händen gestikulierte. Und was ihm vor allen Dingen unvergetzlich schien, war der Ausdruck seiner Augen, war der Widerhall, den seine Worte in Jürgens eigener Brust erweckten, die ihm die unumstötz- liche Gewißheit gaben, datz es etwas gäbe, das nicht mit Händen zu greifen sei und doch existiere. Und das das Feinste und Herr- lichste von allem sei... Und gerade das war es. was er so gern die anderen gelehrt hätte.— Ob er mit zu grotzen Erwartungen hier hinausgekommen war?— Jedenfalls fühlte er, datz der einsam wird, der die Dinge nach seinem eigenen Ermessen einschätzt. Die grotzen Namen der Geschichte kennen, in Verbindung stehen mit dem Geist der Zeit und der ganzen Kette der Entwickelung und des Fortschritts hier draußen, wo man nur mit Scheffeln und Tonnen maß,— hier ward es bald stille im Herzen und Hirn. Es machte einsam, der- gleichen für sich allein zu haben.— Bisweilen konnte ihm wohl die Sehnsucht nach Gesellschaft kommen, aber dann wieder war es ihm, als berge gerade diese hoheitsvolle Stille doppelte Freude. Was immer geschah, so hatten doch er selber und Marie einen Fonds, den ihnen niemand rauben konnte.... Lärm und Geschrei unterbrachen seinen Gedankengang und gaben demselben eine andere Richtung. Er beschäftigte sich mit den Kindern und begann mit ihnen zu spielen. Dann ging er hinaus ins Moor, wo auf dem tiefergclegenen Boden die Frucht erst spät gereift war. Bald darauf lehrte er eilig zurück und sagte, datz das Korn jetzt sofort auf der Stelle her- ein müsse, jetzt sei es trocken und gerade so, wie es sein müsse. Anders war sofort bereit. War Jürgen in sich gekehrter und ruhiger geworden, so war der Alte dagegen jetzt um so lebhafter. So wie das Vieh sich im Felde ermuntert, wenn es im Frühjahr hinausgelassen wird und die Ketten fallen, so schien auch Anders jetzt das Freiluftleben zu genießen. Und aufrechter war er ge- worden, gleichsam als sei er krumm gefroren gewesen dort drinnen im Abnahmezimmer und richte sich jetzt auf im Sommersonncn- schein. Drei Fuhren brachten sie heim von der Moorparzellc, so schnell, wie die Ochsen nur immer den Wagen durch die Dünen zu ziehen vermochten und hätten die Frucht beinahe nicht unter Dach ge- bracht. Zuletzt mutzten sie sie in alle möglichen Ecken und Winkel stopfen, die eigentlich gar nicht dafür bestimmt waren. Anders schwitzte, datz das Wasser in hellen Tropfen niederrann; er stampfte und stopfte mit den Armen und den mit Leder umwickelten Strumpffützcn und war so recht in seinem Element in all der Fülle des raschelnden Strohs und der vollen Aehren. Und als sie dann fertig geworden waren und eine Weile die Zeitungen studiert hatten, stand Anders auf, zupfte Jürgen am Aermel und machte ihm mit den Augen Zeichen, daß er ihm folgen solle. Kjesten wandte den Kopf wie ein Vogel. Als sie ins Abnahmezimmer hineingekommen waren, begann Anders:„Es war nur..." er hielt inne und horchte, schritt zur Küchentür, öffnete sie und entdeckte Kjesten, die dicht dahinter stand. „Bleib Du doch bloß mit Deinem Schnabel davon!" sagte er. „Es ist nur ein bißchen Geld," fuhr er leise fort und öffnete dabei einen kleinen, verschlossenen Schrank.„Aber warum sollen die Frauenzimmer ihre Rase in alles hineinstecken.— Hier müssen sechsundachtzig Kronen sein— und nicht wahr, das ist doch auch Geld. Ter Termin steht vor der Tür. und Marie ist wohl auch bald wieder so weit und so folgt immer eins aufs andere.„. Geld kann man immer gebrauchen. Und der kleine Anders trägt ja doch auch meinen Namen-- und so—" Er schob Jürgen das Geld hin, der sich leise und innig dafür bedankte. „Ach, wir haben ja doch alles gemeinsam— wir haben ja doch alles zusammen, Jürgen... und dann wollen wir hierüber kein Wort weiter verlierenl"— Im Laufe des Nachmittags ging Jürgen einmal hinaus. Es war ja Sonntag. Einstmals hatte das Leben vor ihm gelegen wie ein einziger, herrlicher Sonntag, der ihm viel prächtige Dinge verhieß. Aber man konnte nicht immer im Sonntagsstaat eiicher- gehen. Wer dort lebte, wo die grotzen Fortschritte und die Volks- erwecknngen vor sich gingen, dem mutzte das Leben wie ein ein- ziger Festtag erscheinen. Diese historischen Augenblicke waren wie die Abschnitte eines Gottesdienstes, der das Volk dem Himmel näher brachte!— Einstens war es ihm gewesen, als wenn auch er die Erlaubnis haben sollte, hier mitzuwirken... aber— ja, es gab Stellen hier im Lande, wo derartiges vor sich ging,— aber hier hinaus reichten nicht einmal die Klänge der nächsten Dorsiirchenglocke, wenn es zum Sonntagsgottesdienst läutete. Hier lvar daS Orgelgebraus Les MeereS und eine bleifarbene Himmelswölbung, und hier war ein blühender Teppich von Heide- kraut, um darauf zu knien,— aber ein Chor innerlich bewegter, menschlicher Stimmen, der war hier nicht. Ja. dann gab es noch Zugvögel hier, denen das Auge folgte und die Gedanken ebenfalls, bis sie weit, weit hinten am Horizont verschwanden. Jetzt im Spätherbst schwebten sie unter der Him- melswölbung dahin, flogen zum einen Kirchenfenster hinein und zum anderen wieder hinaus... Als dann Jürgen wieder in sein Zimmer hineintrat, fühlte er. wie fest der Boden unter seinen Füßen sei; über diesem festen Grund wölbte sich die kleine Kirche des eigenen Heims, und das helle Jauchzen der Kinder klang wie die Glocken eines Gottesdienstes voll Sonntagsfrieden. LO. Wenn die Zugvögel in den Lüften dahergesegelt kamen, über die braunen Moore und die weihen Sanddünen flogen, dann hoben die Dünenbewohner ihre Augen auf zu den geflügelten Wesen, die so leicht durch das Dasein glitten. Sie zeigten sich als undeutliche Punkte ganz in der Ferne, schössen vorwärts in punktierten Winkeln und Dreiecken, die sich auf dem blauen Himmelshintergrund auf« lösten und von neuem bildeten. Der Dünenbewohner lauschte den Lauten der ziehenden Vögel, die langsam in der Luft erstarben und horchte auf das Flügel- rauschen über seinem Haupte. Er starrte nach dem Punkte am Horizont, wo die Scharen auftauchten und verschwanden. Dann suchte sein Blick das Kragesche Haus, als ertvarte er von dorther irgendeine Botschaft. Oft trat er anS Fenster oder an die Luken, um hinaus- zuschauen, wie die Vögel stetig weiterzogen, und die Abcndsitzungen mit ihren Pausen traten wieder in sein arbeitsames, mühsames Leben. Es waren die neuen Zustände im Hause Krage, die ihn nicht zur Ruhe' kommen ließen. Eines Abends— der Alte und die beiden Frauen saßen jeder mit einer Arbeit beschäftigt da— trat Jens Run mit einigen anderen Düncnbewohnern zur Tür herein. „Guten Abend!" sagte er und reckte die gekrümmten Knie, so gut es gehen wollte. „Na, habt Ihr Euch heute abend mal hinausgewagt!" ant- tvortete der Alte. „Ja, wir dachten, wir könnten ural einen Augenblick hier vor- schauen, um uns die Zeit zu verkürzen." „Ich habe lange genug nach Dir ausgesehen, Jens!" Anders blickte ihn fest an.„Setz Dich!" „Hm!" meinte Rön und schielte aus den Augenwinkeln hervor. Ein Gespräch kam nicht in Gang. Anders Krage saß schweigend da. Niels Malle blickte ihn lauernd an mit seinen lebhaften, kleinen Augen und Mads Kirk saß mit hängendem Munde da und hielt Maulafsen feil. Endlich fragte Rön, ob Anders jetzt gut zufrieden sei mit der Stellung. „Stellung!?" fragte Anders barsch. «Ja. so. so, hm,— im Ganzen genommen!" „Jawohl, so iin(stanzen genommen sehr gut, Jens." Um den Mund des Alten spielte ein leises Lächeln. Wieder trat eine Pause ein. Diesmal war es Niels Malle, der das Schweigen dadurch brach, daß er sich nach Jürgen erkundigte. „Er und Sören Knak sind nach Lcm zur Versammlung gc- gangen. Er glaubt nämlich, daß— äh— daß es mit der Politik schlimm aussieht... und nach den Zeitungen zu urteilen, tut es das ja auch!" setzte Anders wie zu sich selber hinzu und spuckte derbe aus. Die Männer blickten einander an.„Die Politik!" sagten sie. „Was meinst Du denn von unserer Politik?" fragte Jens Rön. „Ach, Ihr versteht ja davon nichts, alle miteinander!" pustete Anders, als fege er sie alle zusammen in einen Winkel. Rön rümpfte die Nase, Kirk zog schnüffelnd die Luft ein, MalleS Augenbrauen zogen sich zusammen, und der stille Peter endlich saß da und bewegte den Mund, als ob er kaue. „Nirgends geht Ihr hin, und Zeitungen haltet Ihr ja auch nicht!" (Fortsetzung folgt.)) Oer(Intergang der dcutfcben freideit. Eine vollständige soziale Gleichheit hat beim deutschen Volk, soweit wir dessen Geichirble kennen, eigentlich nie bestanden. Und folglich auck keine vollkommene Freiheit und Unabhängigkeit aller Einzelnen. Denn die Ungleichheit besteht ja eben darin, daß der «ine vom anderen abhängig ist. Schon in derjenigen Periode, die wir die gernmnischc Urzeit nennen, weil weiter hinauf unsere Kennt- nisse nicht reichen— es sind das die Jahrhunderte unmittelbar vor und nach dem Beginn unserer Zeitrechnung— hat es Unfreie Bei den Germanen gegeben. Allerdings waren das wahrscheinlich Kriegsgefangene, also Stammesfremde. Aber auch die Stammes« genossen umer sich waren nickt völlig gleichberechtigt. ES gab ein, wen» auch nur sehr ge'-'ng is Vorrecht einzelner Familien: nur deren Mitglieder wurden zu Häuptlingen gewählt. Unseres Wissens war es nicht einmal ein eigentlicher Anspruch, den diese Familien hatten, sondern es war nur eine tatsächlich geübte Gepflogenheit, daß man immer wieder auf Mitglieder derselben Familie znrllcfgriff. Zudem ragte die Stellung des Häuptlings wie des Königs nur wenig über die der übrigen Volksgenossen empor. Er führte z. B. den Vorsitz in, Gericht, aber nur Vorsitzender war er, nicht Richter. Das Urteil fällte nicht er, sondern die umstehende Versammlung der Volksgenossen. Man darf somit annehmen, daß eine gewifie soziale Ungleickbeit unter den Stammesgenossen damals eben erst im Entstehen begriffen war, und daß die große Masse der Germanen— soiveu sie nicht in Kriegsgefangenschaft gerieten— wirtlich frei und unabhängig war. Tausend Jahre später ist die germanische Freiheit verschwunden. Da« Mntelalter ist ja geradezu ch'arakterifiert durch die Gebunden» heit in der sozialen Verfassung; es gibt nur noch Herren und Knechte. — Wie ist das zugegangen? Der Untergang der deutschen Freiheit erfolgte nach der Völker» Wanderung, in der Zeit der mcrowingischen und karolingischen Könige, d. h. mit runden Zitsern ungeiähr in der Zeit zwischen dem Jahre SOV und dem Jahre 900. Ein entscheidender Schritt ivar freilich schon vorher geschehen durch die Enlstcbung eines wirklichen Königtums mit tatsächlicher Herrschgewalt. Wie bereits bemerlt. war der König der Urzeit kaum mehr als die übrigen Stainmesgenosscu. Nicht einmal im Kriege, denn zu kommandieren gabö noch nicht viel, der König ging einfach voran im Kampf. In den unaufhörlichen Kriegen der folgenden Jahrhunderte jedoch und besonders während der Völker- Wanderung entwickelte sich daraus ein wirkliches Kommando und aus ihm eine tatsächliche Macht und Hoheit des KöniaS. Dieses Königtum hat aber der Freiheit der Volksgenossen nichts geschadet. Im Gegenteil, die Macht des Königs beruhte geradezu auf der Heeresgefolgschaft der freien Männer. Und der Untergang der deutschen Freiheit ging Hand in Hand mit dein Verfall des Königtums, zugunsten einer neu emporkommenden Klasse: der große» Grundbesitzer, des Adels. Ein Adel hat in der germanischen Urzeit nicht existiert. Konser- vative Schriften behaupten zwar gern das Gegenteil und suchen die Meiiinng zu verbreiten, als ob es von jeher im sdelitschcn Volke einen Kern von besonders„edlen" Familien gegeben habe. Das ist aber einfach unwahr. Nicht einrnal diezenizcn Familien der Urzeit, aus denen— wie oben erwähin— stets die Könige gewählt wurden, kann man als adlig bezeichnen, denn nicht aus ipien ist der spätere Adel hervorgegangen, vielmehr ans einem ganz atitzerM Keim. Schon in der Urzeit hallen die Konige das Recht, sich eine be- ritten« Leibwache zu halten. Dieses Recht behielten und erweiterten die rnerowingische» Könige; man nannte ihr Gefolge die„Antrusti- onen". Das war nun nicht mehr bloß eine Leibwache, sondern das königliche HauS hatte jetzt einen viel größeren Betrieb und brauchte dazu eine ganze Anzahl von Beamten und Bedienten. Sie alle ge- hörten zu den Antrustionen, an deren Spitze als oberster Horbeam- ter der sogenannte HauZmeier stand. Meier aus dem lateinischen insjor entstanden, das„der Größere, der Obere, der Vorgesetzte" be- deutete.) Bekanntlich waren die Karolinger ursprünglich Hausmeier der Merowinger und stießen sie von» Throne.— AuS den Antrustionen ist der Adel hervorgegangen, und zwar dadurch, daß diese Ge- folgSlcule des Königs großen Grundbesitz erwarben. DaS Gleiche gilt ferner auch für die Staatsbeamten, die für Zwecke der Staats- Verwaltung unlcr der Bezeichnung„Grafen" angeitellt waren. In der germanischen Urzeit gab es nicht nur keinen großen Grund- besitz, sondern überhaupt keinen Privatbesitz an Grund und Boden. Nach oltgermanischcr Vorstellung geHörle das Land dein ganzen Volke, d. h. ollen Freien gemeinsam. Es wurde an sie zur Bebauung in sogenannten„Hufen" ausgeteilt, aber so eifersüchtig wachte man über der Erhaltung des Gemeinbesitzes, daß man ursprünglich keinen dauernd in» Besitz seiner Hufe ließ, sondern von.Jahr zu Jahr eine neue Verteilung vornahm.„Niemand besitzt eine abgesonderte Feld- mark oder eigene Grundstücke, sondern die Obrigkeiten und Vor- stände weisen jährlich den Sippen, die sich zusainmeiihalten, Feld an... und lassen sie im folgenden Jahre anderswohin ziehen." So berichtet Cäsar, der etwa SO Jahre vor Beginn unserer Zeit- rechnung in Germanien lvar. Und noch ISO Jahre später schreibt TacituS:„Die Ländereien werden nach der Zahl der Bcbauer von der Gesa ittzahl abwechselnd in Besitz genommen und dann unter die Einzelnen verteilt.... Alljährlich wechselt man mit dem Ackerlande." An dauernde Besitz- ergreifung war ja auch schon deshalb nicht zu denken, weil die Ger- manen damals von dauernder Seßhaftigkeit weit entfernt waren. Sie lebten noch bald als Nomaden,»nd die linaufhörlicheti Kriege, besonders in der Bölkcrwandcrung, wirbelten die einzelnen Stämme unablässig durcheinander, von der Ostseeküste bis»ach Italien, nach Spanien, ja nach Afrika hinüber. Da zog man stets init Weib und Kind, mit Roß und Wagen loeiter, und dachte nicht daran, in die verlassenen Wohnstätten zurückzukehren. A»S jenen fernen Tagen lvar in der Zeit der fränkischen Könige noch die Vorstellung lebendig geblieben, daß aller Grund und Boden dem Volle und in dessen Namen dem Könige gehöre.„Eigentum oder wenigstens Obereigentnm des KInigS an Gnind und Boden, kollekiivistische. ja kommunistische Ausnutzung seiner Kräfte durch die Untertanen das war. wenn auch keineswegs die Wirklichkeit, so doch das Ideal ,och deS frühesten ftänkischen �taatSlebens.' So erzählt Professor l imprecht in seiner„Deutschen Geschichte". Mit dem Ackerbau, der die dauernde Seßhaftigkeit erforderte, hat sich dann, aber nur langsam, ganz allmählich und gegen starke Widerstände das Privateigentum an Grund und Boden durchgesetzt. Es erwuchs zuerst wirklich sivie die notionalökonomischen Theoretiker des 13. Jahrhunderts aus nur geringe» Kenntnissen der geschichl- kichcn Tals ichen kombiniert haben) aus der eigenen Arbeit, die Pro- duktivilät des Ackerbaues selbst erforderte es, daß man das Land dem dauernd überließ, der es bearbeitete. Und dann auch als sein Eigeiitmii, das er leinen Söhnen vererbte, die es ja mit ihm be- arbeitet halten. Wie schwer jedoch diese Neuerung sich durchsetzte. zeigt sich z. B. daran, daß uisprünglich nur die Söbne erben durften, nicht einmal die Enkel. Waren die Söhne vor dem Vaicr gestorben, so fiel das Land an die Gemeinde zurück. Lange, sehr lange dauerte es, bis auch das Erbrecht der Eiikcl und schließlich der Brüder des Verstorbenen Geltung fand.*) Schon das Privateigentum an sich führte zu merklicher Ungleich- heit des Grundbesitzes. War man erst so weil— im sechsten Jahr- hundert— daß der Einzelne über sein Land frei verfügen konnte, so wurden die Anteile der einen größer, die der anderen kleiner. „Hilfen wurden verkleinert", sagt Laniprecht,„zeriplittert, abgerundet vergrößert, bald gab es in allen Dörfern mehr und minder reiche Hüfncr". Weit nachhaltiger jedoch und folgenschwerer waren die Wirklingen, die sich aus der Entstehung des großen Grundbesitzes ergaben. Mindestens alles unbesetzte Land— und das war noch auf Jahrhunderte hinaus weit mehr als das besetzte— blieb nach germanischer RechlSaiiichaunng zur Verfügung des Königs. Außerdem galten die Könige als Rechtsnachfolger der römischen Kaiser. Es fiel ihnen also auch deren gewaltiger, aus Konfiskationen usw. entstandener Grundbesitz zu. Mir diesen ungeheuren Landstrecken konnten sie selbst kaum etwas anfangen. Sie teilten sie an solche Perioncn ans, deren Unterstützung sie sich sichern wollten. Vkan kaiin es nicht eigentliche Schenkungen nennen. Denn nach altgermanischem Reckt war jede Schenkung widerriltlich bei Undankbarkeit des Beschenkten. Das bedeulele also: das Land verblieb ihm, so lange er im Kriege und bei allen solistigen Gelegenheiten dem Könige treu blieb; wurde er abtrünnig, so harte er auch keinen Anspruch mehr an das Land. DaZ war die ursprüngliche Rechtsidee. Aber tatsächlich haben die Dinge einen ganz anderen Verlauf genommen. Die also Be- schenkten waren zumeist die Hosbeamreu und die Staatsbeamten. d. h. die Mitglieder der Antnislionen und die Grafen. Es war das schließlich nick die einzige Art, wie man diele Beamten besolden konnte. Denn die Geldwirtichast, die im römischen Reich hoch ent- wickelt gewesen, war wieder vollnäiidig zurückgedrängi worden Es herrschte im Frankenreich wieder die Naiuralwiiifchaft. Somit konnte man die Beamten nicht anders besolden, als indem man ihnen un- mittelbar die Nutzung von Landgütern überließ. Und die Könige, wie gesagt, glaubten besonders klug zu verfahren, wenn sie solchen Perionci!, deren Treue ihnen viel ivert war, große Strecken Landes zuwiesen; denn um so größer war ja der Verlust, den diese im Fall der Abtrnnnigkeit erleiden mußten. Daniil war der große Grundbesitz geschaffen; bald aber stellte sich heraus, daß die große» Besitzer ihr Land nicht mehr heraus- gaben, und daß der König auch nicht in der Lage war, es ihnen »oieder abzunehmen. Das kam io. Der große Gnmdbesitz brauchte zu seiner Bewirtschaftung als- bald eine ganze Wirtichafts organisation, nud mußte sie sich schaffett. Der Herr eines solchen RietenbesitzeS konnte nicht daran denken, ihn in der allen Weise selbst zu bewmich.iften, er mußte sich dazu Leute besorgen. Das geschah in ähnlicher Form, wie er selbst das«-uid vom König erhalten hatte: er bclieh kleinere Leute da- mü Jti t zu eigener Niitzlliig bestellten und als Entgelt dem Grundherrn gewiffe Dienste imd Abgaben leisten mußlen. Weil e? aber so viele waren, komite der Gruudaerr nicht persönlich mit jedem in Berührung treten.„So stellte er für jede Gruppe benachbarter Leibbanern eine Eliwfaugsstellc der; eine Hufe ward zu diesem Zweck einem seiner Diener, der nun meist den Namen Meier führte, übergeben; der nahm die Natiirallicscrmigen ein und verrechnete sie dem Herr», der beallssichtigte die Leistung der Pflug- und Ertileftonden auf dem herrschaftliche» Roilselde seines Bezirks. Ein Netz von Meiereien breitete sich unter der Zentralstelle aus" sLmnprrcht.) Dazu kamen bald noch andere Beamte der Grundherren, wie Jäger, Hirten, Bienenzüchter usw. Damit war die Organisation des großen Grundbesitzes geschaffen. Und dieser konnte ans die Treue der kleinen Leute, die von ihn: Teile seines Gutes zu Lehen halten, viel sicherer zählen, als der König ans die Treue der Grundherren. Denn auch damals hieß es schon: Der Himniel ist chock und der König ist weit. Der kleine Bauer verspürte die Macht des Grundherrn und feiner Beamten Unsere Agrarier behaupten bekanntlich, das Erbrecht sei dem„alt- gerniaiiischeii Familiensinn" ciltipriliigen und habe von jeher bei den Denlscheii gegolten. Das Gegenteil ist, wie nian sieht, geschichtliche Wahrheit. stets unmittelbar in nächster Nähe. Was aber konnte der König gegen einen großen Grundherrn unternehmen, dem nunmehr die kriegerische Macht seiner Hintersassen zur Berftigung stand I Das Heeresaufgebot des Königs stützte sich jetzt vornehmlich gerade auf die Mannschaften, die ihm die großen Grundherren zuführten. Daneben verfügte er Keilich noch über den Heerbann der Freien, aber der schmolz immer mehr zusammen, und zwar gerade infolge der Entwickelnng des Großgrundbesitzes. Ursprünglich mögen es wohl nur unfreie Leute gewesen sein, die sich von den großen Grundherren gegen Dienste und Ab- gaben mit Land belehnen sbeleihen) ließen. Aber der Stand der kleinen freien Bauern, der daneben zunächst weiter existierte, kam dadurch in immer tiefere Bedrängnis. Die Vorrechte des Freien gegenüber dem Unfreien waren von uralter Zeit her der Heeresdienst und die Milwirkung bei Gericht. Gerade das waren aber Verpflichtungen, die ihnen je länger, desto lästiger wurden, ja die sie auf die Dauer geradezu ruinieren mußlen. Hören wir wieder Laniprecht:„Heeresaufgebole ergingen(allein unter Karl dem Großen! z. B. 773 nach Spanien. 788 gegen Tassilo von Bauern, 79! gegen die Awaren, 809 gegen die Slawen, 810 gegen die Dänen. Wie sollte ein einfacher Freier auch nur einem oder zweien dieser Gebole auf eigene Kosten nachkommen ohne schwere Schädigung seiner wirtichafttichen Loge?"— Dazu kam die Ver- pflichtung zur Rechtsprechung, die de« Freien ebenfalls oft tagelang von Haus und Hof fern hielt, und die zu allein Ueberfluß nicht einmal etwas auszurichten vermochte, sofern sie sich gegen die großen Grundherren wandte. Denn die halten die Macht m Händen und dachten nicht daran, sich der Gerichtsbarkeit der kleinen Freien zu unterwerfen. Natürlich fanden sie auch juristische Vorwäitde dazu. Umgekehrt gegenüber ihren eigenen Hinieriasien; da lag eine gewiffe Rücksicht im eigenen Jntcreffe des Grundherrn, denn das waren ja schließlich die Leute, aus deren Hilfe seine Macht beruhte. So mußten den Freien, die noch übrig geblieben, gerade die Vorrechte ihrer freien Stellung niit der Zeit immer mehr eine Last und Bürde werden. Den Unfreien ging es tatsächlich besser als ihnen. Wollten sie nickt zu Grunde gehen, so mußten sie nach einem Mittel suchen, sowohl den Wehrdienst aus eigene Kosten als auch die Pflicht der Rechtsprechung lvS zu werden. Sie fanden dieses Mittel, es war der Berzichr auf ihre Freiheit, der Eintritt in den Dienst der großen Grundherren, ihre Per- schmelzung mit deren unfreien Hintersaffen zu einer«neu Klaffe der sogenannten Gnmdbolden.„Es ward gewöhnlich", sagt Lamprecht,„daß Freie ihr Gütcken einem Grundherrn gegen Zins- Pflicht»nd Empfang grundherrlichrn Landes zur Leihe auftrugen, um seines Eintretens gegenüber den Ansprüchen ver Heeres- und Dingpflicht und der gerichtlichen Vollstreckungsgemalt gewiß zu sein." An den wirtschaftlichen Noiwendigleiien der damaligen Zeit ist somit die deutsche Freibeil unrergegangen. Um ohne allzu große Sorgen leben zu können, mußten die Germanen die Vorrechte und Ehrenpflichten des Keien Mannes gegen Abhängigkeit und Knecht- schast vcrtauschelr. kleines f eiiülcton* Aus der Borzeit. Menschenfresserei im alten Aegypten. ES gilt unter den Anthropologen als eine ziemlich feststehende Tatsache, daß der Urmensch Menschenfresserei gerrieben hat. weil es für ihn zu schwer und gefährlich war, sich auf andere Weise mil Fleisch zu versorgen und daß darin wenigstens ein Grund gegeben ist, weshalb man so wenig Menscheureste aus der früdesteu vorgeschichtlichen Zeit findet. Je weiter die Forschung vorschreuer, desto mehr bestätigt sich diese Vermutung und der bekannte Aegyptologe FlinderS Pclrie stellt sich im Gegensatz zu seinem Fachgcnoffen Elliot Siniih auf den Staiitipunkt, daß auch die alten Aegypler Menschenftefferei getrieben haben,»iud zwar nicht anders wie die Urbeinowrer von Italien und dem übrigen Europa oder etwa ivie aftikanische Völker, wo eine solche Sitte uoch heutigen Tages mit mancherlei Zeremonien verbrämt zu finden ist. Während Elliot Smith die Meinung vertritt, daß ein Grab, in dem einzeln durcheinanderliegende Knochen gefunden werden, eine Plünderung erfahren haben muß. hält es Perrie für unzweifelhaft, daß diese Verbältnisse auch an sicher unberührt gebliebenen Gräbern beobachtet werden können. Es sei auch gar nicht einzusehen, warum die allen Aegypter sich in dieiem Punkt anders verhalten Hobe» sollten als die übrigen Völker im Urzustände, zumal auch in den ägyptischen Riten und Soge» mancherlei Hinweis auf eine Menschenfresserei in früherer Zeit enthalten ist. Erst in diesem Jahre ober hat Petrie zwei Gräber in Aegypten aufgedeckt, nach deren Inhalt es nicht dein geringsten Zweifel unterliegen kann, daß die Knocken zuerst von dem Fleisch befreit und dann einzeln in Leinen verpackt begraben wurden. Professor Petrie glaubt, daß das Ablösen des Fleisches von den Knochen bei den Ikrbewohnern Aegypten? zu den Begräbnis- zeremonien schlechthin gehört habe, denn die betreffenden Gräber ent- hielten die Reste von böckst angesebeneii Personen der dritten Dy» nastie, also einer Zeit, in der die Bevölkerung Aegyptens nicht mehr zu den Barbaren gerechnet werden konnte._ Verantiv. RcbuJ,,: CarlWermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Bua.»ruUerei u.«crr»(j«ai>ucerlrnSW.