Anterhattungsblatt des Horwärts Nr. 213. DienStag� den 1. November. 1910 (Naqvrua ver»?tto.7 q Mas ift Ruhm? Roman von Max Kretzei; Minutenlang blieb er unbeachtet, denn Blanker! erzählte den anderen eine lustige Geschichte. Er malte in einem alten Bodenraum der Luisenstadt, den ihm der Hauswirt durch dünne Kalkwände hatte erträglich machen lassen, weil er mit seinem Vater bekannt war. Eine unstete Natur, hatte er, kaum flügge geworden die Akademie verlassen und sich zwischen den vermörtelten Latten eingekapselt, von dem Wahn befallen, er könnte sich schon jetzt durch ein unsterbliches Meisterwerk sein Glück erzwingen. Allen diesen jungen Leuten, in denen es fortwährend gärte, schwebte immer etwas Großartiges, noch nie Dagewesenes vor, das sie allein be- wältigen müßten: sie hatten etwas von Einsamkeit gehört, aber nicht richtig verstanden. Und so patzte auch Blankert auf seinen erweckten Lazarus die unmöglichsten Farben, kratzte sie immer wieder ab und strich aufs neue drauf los, ohne Befriedigung zu finden. Es war die Zeitvergeudung eines Menschen, der zur Höhe möchte, ohne die nötige Kraft zu haben. Schon verschiedene Male hatte er die ganze Zeich- nung umgestoßen, je nachdem er einen anderen Kerl fand, der sich gegen wenig Geld hinaufschleifen ließ, um sich einige Stunden als Lazarus zu fühlen. Letzthin nun tat ihm ein Dienstmann den Gefallen, der aber plötzlich die Krämpfe bekam, so daß Blankert. tödlich erschreckt, schon glaubte, er werde ihn als Leiche in seinem Atelier haben. „Ich lief hinaus, um Hilfe zu holen," schloß er drama- tisch,„und denkt Euch nur, als ich zurückkomme, sitzt der Kerl wieder gesund da, lacht mich an und sagt vergnügt:„Nun bin ich wirklich erwacht." Was für einen Effekt habe ich mir entgehen lassen!" „Du, den hätt ich gleich lebend nach der Ausstellung ge» tragen," witzelte Nuschke.„Die kleine Goldene wär Dir sicher gewesen." „Das kommt nur alles davon, wenn man die Dienst- leute nicht an der Ecke stehen läßt," mischte sich Kempen trocken hinein und reichte nun das belegte Brot herum. Das Bier kam, und man aß und trank. „Nein, es geht nicht, es geht wirklich nicht," sagteSchmarr plötzlich wie aus einer Betäubung erwacht, während die anderen sich den Mund gehörig stopften. Und er begann, Blankert auseinanderzusetzen, daß ihm niemals etwas ge- länge, sobald er Fratzen vor sich habe; er möchte es ihm nicht übelnehmen, wenn er seine Bemühungen mit Dank ab- lehne. Er war nicht mehr der Spötter, sondern der Duld- fame, der anderen nicht mehr weh tun möchte. „Was, es geht nicht!" hauchte ihn Nuschke nun an, der rasch das zweite Glas Bier heruntergestürzt hatte.„Lieber Sohn, bist Du verrückt geworden? Dreihundert Mark, be- denke doch! Das ist ja ein kleines Kapital. Du könntest Dir gleich die Haare schneiden lassen und uns alle zu einem Diner bei Dressel einladen." „So viel Geld gibt's ja gar nicht," warf der Maler ein. Und auch Lorensen stimmte in diese Entrüstung mit ein.„Das ist mal wieder furchtbar echt von Dir, dieser Eigen- finn," sagte er kauend.„So etwas nimmt man doch mit, man lernt doch dabei." „Nein, es geht nicht," wiederholte Schmarr und ließ die langen, dürren Finger durch den sprossenden Christusbart gleiten, während er die klaren, braunen Augen zu den Freunden aufschlug.„Seht Ihr, ich kann nur hübsche Ge- fichter vor mir sehen, dann gelingt mir's. Die Schönheit ist der Quell, aus dem ich schöpfe und der mich begeistert. Die Häßlichkeit stößt mich immer ab, und dann erstarrt mir der Ton in den Händen. Es ist wirklich so. Mein Auge will trinken, aber nur das, was meiner Seele schmeckt. Schlag mich tot, Blankert, nennt mich alle einen Faulpelz, meinet- wegen einen Idioten, aber es ist nicht zu ändern; ich kann keine verkrüppelten Linien sehen." „Aber Herrgott, einmal ist doch keinmal," ließ Lorensen nicht locker, der noch zwanzig Mark von ihm bekam und nun hoffte, bei dieser Gelegenheit die Schuld getilgt zu sehen. WM „Doch, doch!" fuhr Schmarr mit geröteten Wangen fort, die seinem schmalen Gesicht den Glanz lebhaften Feuers gaben.„Einmal ist manchmal hundertmal. Wie viele haben dasselbe gesagt und sind dann hübsch weiter gepatscht, bis sie ihr Ideal in einem Sumpf begraben haben. Kinder, laßt mir doch das bißchen Eigensinn. Wenn ich in dieser kunst- feindlichen Welt mal verhungern sollte, möchte ich wenigstens von der Schönheit beweint werden. Na, und ein paar Putten werden auch noch zur Seite stehen." Es war sein altes Lied, das er sang und das die Streber, die gern gut lebten, nicht verstanden. Selbst von der Natur mißgestaltet, betete er sie doch an, aber nicht im Lichte seines Spiegelbildes, sondern in aller Herrlichkeit ihrer Vollendung, die ihm die eigene Gebrechlichkeit erträglich machte. Er aß und trank jetzt nicht, denn wenn er bei diesem Punkt ange- langt war, brachte er seine Ueberzeugung gründlich zum Durchbruch, wobei ihm die Rede von den Lippen perlte. Stets die Ahnung von einem frühen Tode in der schwachen Brust, klammerte er sich förmlich an sein Kunstevangelium, wie an einen heiligen Retter, der ihn in dem Drangsal seines Leidens beschirmen müsse. „Das gefällt mir, bleib Dir nur treu," mischte sich Kem- pen hinein, der seine eigene Meinung von ihm verfochten sah. „Seht Ihr, ein bißchen Ruhm möchte ich doch auch noch erleben," fuhr Schmarr fort und griff nun endlich zu, er- freut über die Anerkennung des Hamburgers.■ „Ach, was heißt Ruhm?" hielt ihm der lebenslustige Nuschke entgegen, der gern zum Wortstreit herausforderte, sobald die Gelegenheit es mit sich brachte.„Erst kommt der Erhaltungstrieb, dann die Widerstandskraft und dann all- mählich das Klettern auf die Höhe. Ich könnte nur schaffen, wenn ich meine Bequemlichkeit hätte." „Ruhm ist Martyrium, eine lange Kette von Enk- täuschungen," wandte Schmarr ein. Die Frage war angeschnitten und brachte nun ein wüstes Durcheinander der Ansichten hervor. Nuschke schrie am lautesten und lachte jedesmal, sobald ihm etwas gegen den Strich ging: in solchen Dingen unterdrückte er gern seine Ueberzeugung und ließ seine Witze los, um recht zu behalten. „Der Ruhm ist ein schwaches Weib, das heute steht und morgen fällt," rief Lorensen eifrig und wiederholte es mehr- mals, weil er ganz etwas Besonderes gesagt zu haben glaubte. „Sehr richtig! Wer besitzt mehr Launen als ein Frauen- zimmcr," übertönte ihn Blankert.„Das habe ich neulich erst erlebt. Eine ganze Stunde habe ich vergeblich an der Normaluhr gewartet. Mein Mädel kam nicht." Selbst Kempen mußte lachen, wogegen Nuschke, neidisch auf den Erfolg dieses Witzes, sich einen„anderen Gast" ausbat. Dann aber behandelte Blankert die Sache doch ernst. „Schließlich hat Lorensen doch recht," sagte er wieder, indem er auf seinen langen Beinen im Zimmer umherstelzte,„schon deswegen, weil wir Künstler ohne die Weiber nicht leben können. Was sollten wir wohl machen, wenn wir keine Mo- delle hätten! Mancher alte Kracker, der heute als Großer rumläuft, würde seinen Lorbeer hübsch zerfetzt sehen, wenn der weibliche Ateliergeist ihm ausbliebe. � Na, und von der Liebe, die uns inspiriert, will ich gar nicht reden! � Etwas fürs Herz müssen wir immer haben. Ergo: Das Weib führt immer zum Siege." Plötzlich mischte sich Kempen hinein, der nach seiner Ge- wohnheit wenig gesprochen hatte.„Ach, was wollt Ihr denn! Der Schöpfer ist immer der Ma�n, und der Ruhm ist ein Zwillingsbruder von ihm," knurrte er hervor, wobei er die kurze Holzpfeife nicht aus dem Munde ließ.„Glaubt es mir. Das Weib ist nur die Begleiterscheinung, die wir als not- wendiges Uebel mit in den Kauk nehmen müssen, der Parasit, der sich an uns vollsaugt und uns die beste Kraft nimmt, sobald wir ihn nicht überwinden können. Sie sind gerade gut genug, uns die Suppen zu kochen und die Strümpfe zu stopfen. Glaubt es mir. Man muß sich ja doch aus einem Dutzend zusammensuchen, was der einen fehlt, die wir brauchen." Rlle lachten, weil sie ihn kannten. Nuschle jedoch rief sofort:„Hermann, das hast Du wieder einmal gut gesagt." Und als die anderen nun eifrig dagegen sprachen, fuhr er mit erhobener Stimme fort:„Aber natürlich doch, es ist so. es ist sol Das Weib ist schöpferisch immer subaltern und kann nur reproduktiv wirken. Seht Euch doch die ganze mo- derne Frauenbewegung an, dann habt Jbr den Beweis dafür. Wo ist da Größe, wo der geniale Zug? Weim sie malen, sinds Blumen und Stilleben. Lampenschirme. Fächer. Ofen- Vorsetzer sind das Schlachtfeld, auf dem sie sich messen. Und wenn sie modellieren, dann gibts Vasen niit Schlangen und Nirenköpfe mit Seerosen an der Brust. Was sie den Männern abgeguckt haben, bringen sie als dritten Aufguß glücklich auf die Tafel... Jawohl, mein lieber Sohn Lorensen— Du bist natürlich schon total verweiblicht. daher Deine Oppo- sition in solchen Dingen.... Prosit Kempen, auf Dich als Schöpferl" „Dein Lieblingsthema!" rief ihm der Holsteiner zu und wickelte ein langes Redeknäuel auf, in dem er sich schließlich verhaspelte. Stets auf der Suche nach Bildung, las er alles. was ihm unter die Augen kam, und verteidigte dann mit Zähigkeit die Ergebnisse seiner letzten Gcisteswanderung. So hatte er einen Zeitschriftartikel:„Die Frau in der Kunst" noch nicht gehörig in sich verarbeitet und schwamm nun in dem Gedankenstrom des Verfassers.„Die Frauen sind bisher immer von den Männern unterdrückt worden, ihre Skia- Vinnen gewesen," kaute er sorgsam wieder, was er in sich aufgenommen hatte,„sie sind immer als Menschen zweiter Güte behandelt worden." «Das sind sie auch," schrie ihn Nuschke nun fuchswild an.„Schon die Natur hat sie dazu gestempelt, denn sonst würden sie nicht mit breiten Hüften auf die Welt gekomnien sein, die nur dazu geschaffen sind, die Röcke festzuhalten. Der Mann jedoch schreitet in seiner ganzen Gloriole dahin— „Und zeigt dafür auch manchmal seine krummen Beine," warf Blankert rasch ein.„Ob das nun gerade ästhetisch ist..." „Und die George Sand, die Rosa Bonheur, wie?" mischte sich Schmarr hinein. „Ach, das sind Ausnahmen," erwiderte Nuschke.«Ent- schieden ein Versehen der Natur. Sie fühlten es auch, sonst wären sie nicht in Männerkleidern herumgelaufen." Und plötzlich, als Lorenseu mit seiner Gegenmeinung schon er- schöpft war, begann er, ihnen allen aufs neue einen schlagen- den Beweis für seine Behauptung zu geben, worauf er erst kürzlich nach ernstem Denken gekommen sei. Man spreche so viel von der Gefühlswelt im Weibe, von der Weichheit seines Seelenlebens, von der Empfindungszartheit der Frau. Mitleid sei der Grundzug ihres Wesens, göttliche Schwäche ihre Stärke, Anschmiegung und Hingebung die köstlichsten Seiten ihrer Natur. Alles in ihr vereinige sich zu einem großen Orchester herrlichster Töne, das die Männer mit Circengewalt in den Musikrausch dieses Geschlecksts treibe. Und doch sei es dem Weibe gerade am meisten versagt, dieses innere Leben in das umzusetzen, wozu es von Natur geradezu geschaffen sei: in Töne nämlich. Die Kunst der Tondichtung sei ihm völlig verschlossen, denn nirgends höre man von einer Komponistin, nicht einmal von einer solchen, die ein klang- volles Lied zustande gebracht habe, ganz zu schweigen von einer Sonate, einer Symphonie, oder gar von einer Oper! Das könne gar nicht scharf genug betont werden, um die Schöpferohnmacht des Weibes gründlich festzunageln. Es sei und bleibe nur Mitempfindcrin, die wohlige Schling- pflanze am starken Lebensbauni des Mannes, die kümmer- lich am Boden dahinkriechen müsse, wenn sie ihren mächtigen Halt verliere: ihr Saft würde vertrocknen und ihre natürliche Kraft verderben. Die Natur lasse sich eben nicht meistern, sondern wandle ihre ewigen, fest vorgeschriebenen Bahnen." Alle waren über diese neue Auslegung verblüff und schwiegen still, um sich erst zu sammeln. Nuschke jedoch be- nutzte diese Pause und ließ sofort den Schalk in ihm wieder steigen, indem er vergnügt ausrief:„Deshalb sage ich: die beste Frauenbewegung ist ein guter Walzer... Spielt nur gehörig auf, und sie werden sich sorglos in Eure Arme hän- gen, die Führung Euch überlassend. Schon Eva tanzte, als die Vögel sangen Ter Geist des Weibes liegt in seinen Reizen. Basta." In dem lauten Lochen, das jeden Widerspruch auflöste, wurde dreimal so stark geklopft, daß Kempen fast erschreckt Hie Tür öffnete. 3. Bildhauer Walzmann schob sich auf seinen kurzen Bei- nen herein, halb seitwärts, in jener eigentümlichen Gangart die durch die rechte emporgezogene Schulter hervorgerufen wurde, hinter der das mächtige Haupt eingeengt, fast halslos lag. Etwas Monumentales sprach aus diesem Kopf, der, fest gefügt, den wackligen Körper mit seiner Wucht zu erdrücken versuchte, so daß die Beine mit dem hervorgekehrten Knig etwas Schlotterndes hatten. „'n Abend. Kollegen,'n Abend," sagte er eintönig mit seiner verrosteten Stimme, ging im Kreise umher und schüttelte jedem kräftig die Hand.„Ich suchte Dich schon, ich suchte Dich schon," wandte er sich dann sofort an Kempen. „Es gibt zu tun. Neue Nahrung!... Unhöfliche Menschen hier im Hause! Dja. Kann man auch nicht wissen, daß Du vier Treppen wohnst. Dja. Die Maler ziehen nächstens in den Keller. Verkehrte Welt." Jeden, der zum Bau gehörte, nannte er Du. wie ein Fürst, der besondere Gnaden erteilt, wobei es ihm gleich- gültig war, mit welcher Anrede man ihn bedachte. Im Dunkeln hatte er bereits die beiden großen Höfe hinten abgesucht, um die Spuren der Freunde zu entdecken, bis man ihn schließlich hier hinauf wies. „Wie gehts Ihnen, Meister?" sagte Kempen, der ihn mit ersichtlicher Achtung behandelte. „Danke, danke," erwiderte Walzmann in seinem Tele- graphenstil, klemmte den schäbigen Schlapphut unter den linken Arm und kraute sich mit der Rechten in dem kurzen, stark ergrauten Flockenhaar.„Man vegetiert. Backt seinen Kunstmist ruhig weiter... Dja. Und Ihr lebt bon. Praßt. Habt wohl geerbt? Kann mir nie passieren. Ich beerbe mich! selbst. Meinen Kadaver. Ist auch danach. Krepiere ich, heulen nur die Professoren." '(Fortsetzung folgt.)) 22] Die farmUc Krage. Von Johann Skjoldborg. Autorisierte Uebersetzung von Laura Heidt. Der lange Jens aber, der ein alter Infanterist war, stieß her- vor:„Du darfst nicht vergessen, Jens, daß das Fußvolk sowohl stechen als schießen kannl" Krün Hvas schüttelte seine Locken:„Wir müßten elende Wichte sein, wenn wir nicht das verteidigen könnten, was unsere Vor- fahren erworben haben. Ich möchte ungern meinen Eltern ins Ge. ficht spucken und es wäre mir unangenehm, wenn meine Kinder Grund hätten, dasselbe mit mir zu tun!" Anders Krage hob sein Saupt und sagte mit dem gewohnte» festen Klang dar Stimme:„Recht hast Du, Krün." Und diese sonst so trockene Stimme hatte heute einen Klang, der seinen Worten Hoheit verlieh. Seine Lippen schlössen sich wieder und er sah die Männer fest an. Es lag Unbeugsamkeit auf seinen scharfen, gradlinigen Gesichtszügen. Einen Augenblick ward es still im Zimmer. Die Männer schauten sich an. Es war, als hätte das Gewissen selber gesprochen und ihre Gedanken bestätigt.— „Es ist trotz alledem ein wunderlicher Gedanke,"— Michel Peter hob seine hellen Augenbrauen—,„daß wir vielleicht sozusagen ins Feld ziehen sollen!" „Ach," meinte der kleine Jeb,„die meisten von uns haben wohl schon früher Pulver gerochen! Und dann und wann muß die Rinne gereinigt werden, damit das Ganze wieder in Fluß kommen kann!" „Ich weiß nicht, ob es noch einen anderen Ausweg gibt." ES war Jürgen, der das sagte.„Aber ich glaube, es wird nicht so schwierig sein, wenn nur das ga n z e Volk mitgeht,— denn die Flintcnkugcln der Soldaten werden bestimmt nicht gegen uns ge- richtet sein!" „Aber zum Beispiel nun die Munition?" fragte Jens Ron. „Ja, das Faß P yiver, das Krön und ich kürzlich in Sundby kauften, das steht dort drinnen." Jürgen zeigte in der Richtung der nach Norden gelegenen Kammer.„Aber das ist zu wenig. Wir müssen mehr kaufen, doch in kleinen Portionen, damit die Obrigkeit nicht vor der Zeit dahinter kommt und die Sache hintertreibt." „Welchen Kurs, meinst Du, sollen wir hier in der Gemeinde einschlagen?" fragte der lange Jens. „Das weiß ich noch nicht. Aber unsere Führer verlassen sich auf uns und zwar mit Recht!" „Das ist wahr!" antworteten mehrere. «Und darum ist für mich die Hauptsache, daß wir, wenn sie uns rufen und fragen, ob wir etwas wollen und tonnen— sofort antworten können: fertig!" warf Jürgen keck mit frischem Mut hin. Und es hatte den Anschein, als drückten die Gesichter den Männer dasselbe aus, als wiederholten ihre Lippen unwillkürlich fertig! ---- Bevor fie gingen, wollte der kleine Ieb das Faß Pulver sehen und Jürgen führte sie alle hin und zeigte ihnen das Faß, das unter dem Tisch neben einer Tonne mit Fleisch stand. Und dann gingen sie alle fort aus dem Krageschen Hause und gerstreuten sich nach allen Himmelsrichtungen. 24. Es war um die Mittagszeit im Hochsommer. Die Schafe mußten sich wohl in den kühlen Sand auf der Schattenseite der Dünen hineinwühlen und die Kühe mochten im Stall liegen und pusten; denn die ganze Gegend war wie ausgestorben; man sah weder Mensch noch Tier. Es blieb allein noch das funkelnde, zitternde Sonnenlicht nach, das sich auf alles legte, das die Hügel blendend weiß erscheinen ließ und hier und da in den Fenster- scheiden aufflammte. Und es herrschte vollkommene Stille. Kurz nach 12 Uhr kamen einige Männer hinter den hohen Dünen zum Vorschein. Bald erschienen andere von einer anderen Seite. Der kleine Jep tauchte im Nordosten wie aus dem Erd- boden empor an der Spitze der Moormänner, unter lebhaften Be- wegungen und Armschtvenkungen. Bei Drösbak gewahrte man Jens Ron, dem Niels Malle folgte; Mads Kirk humpelte auf seinem schlechten Beinen hinterdrein und der stille Peter folgte in einiger Entfernung. Dann tauchte eine Schar Mastruper auf, unter denen der lange Jens gleich einer Bohnenstange emporragte, vom Westen her erschien Krön Hvas, den Fischer-Tammes begleitete, der bei jedem«Schritt die Beine hob, als wate er im Wasser.«Sie trugen Röcke und Hosen aus halbwollenen und halbleinenen, eigengewebten Stoffen, die in Falten und Säcken ihren Körper umschlossen, wie es gerade traf; denn Stotter-Niels, der als Schneider in den Dünen von Haus zu Haus zog, hatte nie sonderlich viel vom Handwerk verstanden.* Dagegen lieh der Anzug der Hofbesitzer von der Torupcr Seite deutlich erkennen, daß er in nähere Berührung mit der Kultur ge- kommen fei. Sie schritten langsam vorwärts und rauchten aus ihren Meerschaum- oder Kurländer Pfeifen, die mit grünen Quasten verziert waren. Aus dem Wiesenhofc, der ganz allein und für sich lag, kam eine einzelne, hohe, dürre, vornübergcbcugtc Gestalt. Sören, der Bauer, pflegte sich sonst selten blicken zu lassen und nie am Wochen- tag zu feiern. Seine Falkenaugen spähten daheim stets hinter den Leuten her und verfolgten ihr Tun vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Aus dem«vandmoor tauchte bald hier, bald dort einer auf. Sie kamen unausgesetzt, aus Tarup, von den Wiesen, den Mooren und den Dünen. Sogar der„Brillcnmann" mit den schwachen Augen und den krummen Beinen, und der alte, achtzigjährige Vater des«Strandvogtes, der seit vielen Jahren nicht den Holzhackraum des alten Strandhofcs daheim verlassen hatte, kamen auf ihren steifen Beinen angehumpelt. Da waren der„lahme Hineig" und„der Schleicher",„der Knochenmann" und„die Ameise", Leute, die sonst niemals dort zu sehen waren, wo es viele Menschen gab, mit Ausnahme der Strand- auktionen... überall wimmelte es von eckigen, vornübergcbeugten Düncnbewohnern, die hinter den Höhen und vor den Hütten im hellen Sonnenlicht auftauchten. Und alle strebten sie über die Heide dem Krageschcn Hause zu. Dort hielt ein Wagen, der von Lern herübergekommen war. Auf dem hinteren Wagensitz saß das Mitglied des Folkcthings, Mads Peter, der den Kreis vertrat, ein älterer Bauer, und zu seiner Rechten ein politischer Führer, der augenblicklich die Gegend bereiste. Jürgen kam barhäuptig heraus, um sie zu bewillkommnen. „Aber wo in aller Welt kommen die vielen Menschen her?" rief der fremde Politiker, als er vom Wagen sprang.„Sind es Unter- irdische? Man kann ja fast keine Wohnungen entdecken!" Jürgen antworkcte voll stolzer Freude:„Wir schlafen hier auch nicht." „Ich bin völlig Überrascht, das muß ich sagen." Mads Peter legte seine Hand auf Jürgens Schulter und sagte lächelnd:„Dieser hier hat ihnen tüchtig eingeheizt!" Im Versammlungshause zu Lern hatte Jürgen am vorher- gehenden Abend um eine Zusammenkunft in den Toruper Dünen an diesem Tage gebeten. Der Führer hatte dazu den Kopf ge- schüttelt; er konnte auf seiner Tournee nur bestimmte Knoten- punkte besuchen, und„Sie wohnen da draußen in einem Sibirien!" Er hatte über seine Brillengläser lächelnd hinweggeschaut und ge- meint:„Außerdem kann es ja nicht mehr bekannt gemacht werden!" Mit einem kecken Zurückwerfen des Kopfes hatte Jürgen ge- antwortet:„Im Laufe von drei Stunden will ich 300 Mann zusammenbringen!" Da hatte der Führer einen Augenblick verwundert aufgeschaut und plötzlich geantwortet:„Gut, wir kommen!" Sic traten ins Iimmer, wo die Vorsitzenden schon versam- melt waren. Der Führer war ein Hüne, dessen Gestalt bis zur Decke reichte. Als er seine Kopfbedeckung lüftete, sah man einen kahlen«Scheitel, der sich in gewaltiger Rundung hinter der breiten, vorspringenden, faltenreichen Stirn wölbte, die er senkte, sobald er üben die Brillengläser hinweg den scharf und durchdringend an- sah, mit dem er sprach. Die Vorstandsmitglieder standen im Hlnfergrundc des Jim« mers, mit wachen Sinnen den Mann betrachtend, dessen Namen sto so oft in der Zeitung gelesen hatten. Sie zuckten zusammen, so kräftig ertönte sein tiefer Baß. Wenn er etwas sagte, überschüttete es sie gleich einer Sturzsee, in der si� völlig verschwanden. Kjesten lief hinaus auf die Vordiele zu Marie.„Ach herrsch!" was sollen wir mit zwei so Feinen anfangen, die sogar eine weiße Hemdbrust haben!" Sie stemmte die Handflächen gegen den Magen.„Vor dem einen habe ich direkt Angst, der sieht bös aus!" «Es krachte, als der Führer sich in der Ecke der Sofabank nieder- ließ; und einen halben Krug Bier trank er in wenigen Zügen aus. Es gehörte wohl etwas dazu— zum Abkühlen; in solch einem kochte es wohl inwendig. So also sah er aus I Die Dünenbewohnev starrten ihn an, wie Kinder einen Fremden anzustarren pflegen. Marie brachte Kaffee. Sie war rot vor Eifer und Stolz über die seltenen Gäste. Sie grüßte geniert. Die Männer beobachteten währenddem den Führer.«Schweigend saßen sie da und suchten ihn zu ergründen. Nach und nach jedoch, als er von Dingen sprach, die sie selbst in den Zeitungen lasen, oder die sie selber dachten, ward er ihnen vertrauter. Er war ja doch i h r Mann, i h r Führer. Bisher hatte nur Jürgen mit den beiden Politikern gesprochen. Er erkundigte sich nun nach den Zukunftsplänen. „Es ist eine Zeit des Kampfes!" sagte der Führer feierlich. „Und der Kampf kann lang, er kann Wohl auch hart werden." Hierauf folgte eine Pause. „Ob es nicht bald losgehen sollte?" fragte der kleine Jeb mit funkelnden Augen. „Was uns anbetrifft, so sind wir fertig." fügte Krön HvaS hinzu und zupfte feinen lange» Bart. Es ward unter allgemeiner Spannung lautlos still. Der Führer blickte nachdenklich zur Decke hinauf.„Re— vo— lu— tion," sagte er,„gibt es kaum. Hier nicht, in diesem Lande!" Bei diesen Worten glitt eö wie ein Schatten über die Gesichtec der Dünenbcwohner. Sic saßen mutlos da, als hätten sie den festen Halt verloren und als glitte ihnen die«Sache aus den Händen. „Das Pulver haben wir!" sagte Jens Rön und spuckte aus. „Flinten können wir uns wohl�auch auf dem Wasserwege der- schaffen, wenn es auch verboten istrrügte einer der Moorinänner hinzu. „Unsere Fischer können sie in Norwegen holen," warf der lange Jens dazwischen. „Und Geld," bemerkte Michel Peter,„Geld werden wir schon herbeischaffen." „Ja, kaust Ihr nur Flinten!" antwortete der Führer lebhaft. „Die sind immer gut gegen äußere und innere Feinde!" (Fortsetzung folgt.j, Oer als Gärtner und Kleintierzüchter. Kleintierpfleg e im Winter. Wenn der Gartenkolonist im Oktober sein Obst unter Dach und Fach gebracht, das frostempfindliche Gemüse in den Kellern oder in Erdmieten gelagert hat, dann sind für ihn Parzelle und Garten vor- läufig erledigt. Seine Wintcrarbeit besteht dann in der Hauptsache darin, die aufgespeicherten Schätze zu kontrollieren, dem Umsichgreifen der Fäulnis vorzubeugen und, was die Hauptsache, tüchtig zu essen. Es gibt ja auch eigentliche gärtnerische Winterarbeiten, die drängen aber nicht und beschäftigen in der Regel nur kurze Zeit, weshalb man dafür immer möglichst schöne, nicht zu stostige und sonnige Tage abwartet. Anders liegt die Sache, wenn man, wie Prietzke, Pflanzen- und Kleintierzüchter zugleich ist. Gurken kann man einsalzen, Weißkohl kann man, indem man Wein- oder Sauerkohl daraus macht, gewissermaßen pökeln, vergängliches Obst einlochen, aber das Kleingctier, was da draußen fliegt, läuft und hüpft, läßt sich leider nicht über Winter in Blechdosen einlöten und bis zu der Zeit sterilisieren, zu der die Bienen wieder summen, die Hühner erneut Eier legen und die Karnickel mit Eifer der Fortpflanzung ihrer wichtigen Gilde obliegen. Jetzt, nachdem die Lauben ausgeräumt, die Betten und das notwendige Geschirr wieder als schwere Lasten in die lichtarme Stammwohming des Großstadtsumpfes zurückbefördcrt sind, besinnt sich der Kolonist erst darauf, daß es verschiedene Jahres- zeit«» gibt, von denen manche für den Kleintierzüchter recht unbehaglich sind. Mannigfach sind die Lvge, durch die man sich die Sorgen um das Kleingetier erleichtert. Die Ziege, die Kuh des kleinen Mannes, die sich vom Frühling bis zum Herbst eifrig und mit Erfolg anzapfen, d. h. melken lassen mußte, wnd für ein Spottgeld losgeschlagen oder abgeschlachtet. Wenn die ältere Ziege im Gegensatz zum einige Wochen alten Lämmchen auch ke nen saftigen Braten liefert, so läßt sich doch ms Fleisch in Verbindi.ng mit Rind- und Schweinefleisch z» einer guten HanSmacherwurst»erarbeiten. Würste dieser Art hat schon mancher gegessen, ohne es zu ahnen. Das Federvieh der Parzelle, nanenUich die Tauben und Hühner, wandert jetzt häufig mit zurück in die Stadt. Mancher Kolonist überwintert die Tauben in Küche ober Kammer, die Hühner im lustigen Keller. Das ist zwar kein beneidenswerter Ausenthalt für flatterhafte.Hofdamen�, aber die kernigen deutschen Rassen finden sich in das Unvermeidliche. Ob eine derartige Ueberwinterung lohnend ist, steht freilich auf einem andern Blatt. Di: Flitterkosten sind hoch und höher geworden, und die Ererproduktion fällt in ungeeigneten Loka- litäten so gut wie ganz fort, während die Fretzlust in ziemlich im- verminderter Weise bestehen bleibt. Auch Kaninchen werden häufig mit in die Wohnung genommen, da ihnen schliehlich eine geräumige Kiste mit reichlicher Streu, die aber stets bollkommen trocken sein muß, zusagt. Aber die Hausagrarier sehen mit und ohne Brille scharf, haben ein wachsames Buge auf ihre Mieter nnd dazu einen solch grimmen Hast gegen alles, was unter den Begriff Haustier sällt, dast es so mancher Kolonist vorzieht, die kleinen Tiere brausten zu lassen, ungeachtet der gewaltigen Umstände, die die Pflege und Versorgung da brausten zur kalten Jahreszeit macht, und ungeachtet der Gefahren, die dem Tierbestand durch vierfüstigeS und zwei- beiniges Diebesgefindel droht. Bon Erstgenannten werden gelegentlich Füchse, Marder und Iltisse, häufiger Katzen, Wiesel, Ratten den kleinen Hauslieren gefährlich. Diesen Räubern ist oft nur schwer mit Fallen beizukommen. Was die Winterfütterung des Federviehs auf der Parzelle an- betrifft, so macht zunächst das richtige Tränken der Tiere erhebliche Schwierigkeiten. Wohl kenne ich Liebhaber, deren Parzellen fich m weiter abliegenden Vororten befinden, die es aber fertig bringen, bei zweimaliger wöchentlicher Fütterung die Tiere verhälwiSmästig gut durch den normalen Winter zu bringen. Sie verwenden auto- matifche Fnttergefätze, die immer genau, dem Bedarf entsprechend, soviel Futter nachrollen lassen, dast im Futtertroge ständig ein bestimmter Vorrat vorhanden ist; wobei natürlich nicht verhindert werden kann, dast Mäuse und Ratten nach Belieben mitfressen. Was die Tränkung betrifft, so ist es eigentlich erfordcr- lich, den Tieren zweimal täglich etwas angewärmtes Wasser zu reichen. Das ist steilich unter Verhältnissen, wie den eben er- örterten, unmöglich. Selbst bei geringen Kältegraden friert das Wasier innerhalb weniger Stunden. Es gibt automatische und zu- gleich heizbare Saufgcfäste, zu deren Erwärmung ein kleines Oel- lämpchcn dient. Diese und die Brikettheizung stellen aber keine Dauerbrandheizungen dar»ni�müsien morgens und abends nach- gesehen nnd erneuert werden. Trotzdem kommt es vor, dast die Oel- lampen mitsamt dem Oel einfrieren, wie mir dies vielfach passiert ist. Bei sogenannten Feldlauben, die freien Ausflug haben, fällt das Tränken fort, da die durstigen Tiere in der Berliner Umgegend jederzeit zu offenem Flust- oder Teichwaffer gelangen können. Füttert man Hühner durch automatische Futtergefäste. für die nur Trocken-, d. h. Körnerstitterung in Frage kommt, so ist deren Wasserbedürfnis ein beträchtliches; es wird aber wesentlich gemindert, wenn man Runkelrüben, die man mit 80 bis 100 Pf. pro Zentner bezahlt, als Beifutter und zugleich als Grünfutterersatz gibt. Diese Rüben stellen ein billige? und bekömmliches Futter dar; man teilt sie in der Mitte und spiestt sie auf einen kräftigen Nagel auf, den man durch ein breites, festliegendes Brett schlägt. Ein mir bekannter Liebhaber zerstötzt bei frostigem Wetter wöchentlich zweimal einen grösteren Posten Eisstücke, die er, der Not gehorchend, den Hühnern als Tränke vorsetzt. Dast das empfehlenswert und den Tieren bekömmlich sei, möchte ich nicht behaupten. Bei Kaninchen kann man bekanntlich vom Tränken vollständig absehen, wenn man nur wenig oder ausnahmsweise mit Körnern(Hafer) füttert, sondern in der Hauptsache zerschnittene Runkelrüben, eben- solche Kartoffeln, Grünkohl, Feldsalat. Spinat �usw. gibt. Grünkohl ist übrigens auch ein vorzügliches Wintergrünfutter für Hühner, Enten und Gänse; man soll ihn deshalb überall da, wo Kleintiere gehalten werden, anbauen. Wenn man nicht sehr am Hausgeflügel hängt und nicht besonders schöne und rassige Tiere besitzt, die einen weit höheren als Schlacht- wert haben, wird man immer vorteilhast dabei fahren. Jie jetzt abzuschaffen, h. h. nach und nach zu schlachten und im Frühling durch junge, legefähige Tiere zu ersetzen. Am kostspieligsten und un- angebrachtesten ist die Ueberwinterung von Gänsen und Enten. Beide Geflügelrassen find als Vielfresser in der Haltung auster- ordentlich kostspielig. Gänse kommen als Nuygcflügel für grost- städtische Verhältnifie überhaupt nicht in Frage, von Enten höchstens die sogenannten indischen Laufenten, die man auch da halten kann, wo kein Teich und Tümpel vorhanden ist, da sie sich schliestlich mit einer Wafierbütte, in der sie ihren unersättlichen Durst stillen und ihre wiederholten täglichen Toiletten machen können, begnügen. Diese Enten find wenigstens fleistige Eierleger, die, wenn man den Angaben in der Fachliteratur glauben kann, pro Jahr bis 160 und mehr ihrer grasten Eier legen. Auf eine solche Leistungsfähigkeit hat es bei mir bisher noch keine dieser Enten gebracht, trotz bester Pflege und Fütterung. Ich bin schon zufrieden, wenn ich 120 Eier pro Ente und Jahr verzeichnen kann, aber auch das ist ein ganz annehmbares Ergebnis. Es gibt be- sondere Gaumen, die das Entenei dem Hühnerei vorziehen, und es werden auch für Enteneier, ihrer Gröste halber, gewöhnlich 1ö Pf. pro Stück bezahlt. Die geringsten Sorgen bereiten uns zur Winterzeit die Bienen, die übrigens Prietzke vorläufig gründlich auf dem Strich hat. Der verflossene, vorwiegend nasse Sommer war der Bienenzucht auster- ordentlich ungünstig. Vermehrt haben sie fich ja wie immer hin- reichend, und auch die Drohnen, die nur fressen und nichts arbeiten, sind zur rechten Zeit aus dem Bau herausgeschmissen und dem wohlverdienten Verderben überlassen worden. Aber mit dem Honig- ertrag sah eS schlecht aus; die Züchter, die einem Volke IS bis 20 Pfund des süsten Nektars enwehmen konnten dürfen zustieden sein. Prietzke bat aus den Waben seines alten starken Volkes knapp 3>/z Pfuud ausgeschleudert, den er bisher wie ein Heiligtum ausbewahrte, um ihn jedem mit Stolz zu zeigen, der ihn sehen will. Diesen S1/� Pfund Honig stehen aber 35 Pfund Zucker gegen- über, die das betteffende Volk im September/Oktober teils sofort aufgezehrt, teils als Wintervorrat in die ausgeschleuderten Waben wieder eingetragen hat. Jetzt sind die Bienen zur Ruhe ge- kommen; die Frestlust ist geschwunden, und sie sitzen dicht gedrängt im Bau. Es heistt sie nun gegen Winterkälte schützen. Der nun leere obere Raum in jeder Beute, der Honigraum, wird mit Holz- wolle oder Wirrstroh dicht ausgestopst, ebenso der steie untere Raum der Beute. Auch die Räume zwischen den einzelnen Beuten stopft man mit Holzivolle oder Stroh aus, die Ausflugöffnungen werden bis auf die untere, die übrigen? bei manchen Stöcken die einzige ist, geschlossen, während man vor die untere ein Brikett legt, das sie gleichfalls schliestt, aber doch trotzdem eine bescheidene Ventilation ermöglicht. Bei sehr strenger Kälte können dann die Beuten noch mit Packleinen, alten Säcken oder Teppichen verhängt werden. Es sei noch unseres treuen Haussteundes, des Hundes, gedacht, der da, wo im Winter Kleintiere auf der Parzelle verbleiben, ge- wöhnlich die Rolle des Wächters spielen muß. Er bedarf einer warmen, durchaus wasserdichten und nicht direst auf dem kalten Boden, sondern auf untergelegten Mauersteinen stehenden Hütte, die man so aufftellt, dast die Oeffnung nicht nach der Seite der vor- herrschenden Windrichtung gerichtet ist. Bei sttenger Kälte nagelt man so über die Oeffnung noch ein Stück dicken Stoffes, dast dem Tiere das Aus- und Einschlüpfen möglich bleibt. Selbstverständlich Must die Hütte stets mit trockener Streu versehen sein. Der Hund be- darf im Winter mindestens zweimaliger Tränkung mit sauberem, mästig angewärmtem Wasser, dagegen nur einer einmaligen, aber reichlichen Fütterung. Für Kuchen, besonders aber für Hundekuchen schwärmen die Tiere weniger, ist man aber auf diese angewiesen, so sollte man sie ab- wechselnd trocken oder aufgeweicht und dann vermischt mit der- schiedenarttgen Küchenabfällen bieten. Die Haltung der Hunde auf der Parzelle bietet den Vorteil, dast dadurch io ziemlich jedes Diebs- gesindel, auch das vierbeinige, abgehalten wird, nnd datz die Hunde- Haltung hier steuerftei ist, während die in Groh-Berlin sonst übliche Steuer 20— 30 M. pro Tier jedem vernünftigen Menschen die Lust am Weiterhalten eine« Hundes verleiden sollte. Hd. Hua freien Stunden. (Zur Ausstellung der Lithographen im EewerkschaftShause.) Vom freudigen Schaffen steier Stunden erzählt eine kleine Aus- stellung im GeiverkichaftShause. Lithographen zeigen, was daS eigene, von dem Must der Arbeit besteite Empfinden an Er- lebnisien hatte und zu gestalten vermochte. Die Psychologie deS Wandern? und der Sehnsucht nach der Sonne ist das eigentlich Wert» volle, das den einzelnen Blättern eine Art höheren Lebens, eine Tendenz nach dem Idealen verleiht. Diese Männer wollen sich nicht damit begnügen, dauernd Diener am Gefühl anderer zu sein, dauernd zu übersetzen; einmal, wenn die Notdurft schweigt, möchten sie die Augen in Freiheit schweifen und die Hände dem so ge- ernteten Glück Antwort geben lassen. Es ist gar nicht so wichtig, dast solche Dokumente innerer Bereicherung dem äußeren Schein nach Meisterwerke der Technik sind. Freilich, eins ist notwendig: auch die Begeisterung must den Dilettantismus und das Ueber- flüssige(im Sinne von Holzbrand und Bienenkorb) meiden. Der ehrliche Beurteiler darf nun nicht verschweigen, dast einige der malerischen Versuche dem erforderlichen Niveau allzu fern� blieben. Doch darf er auch feststellen, daß sonderlich zwei der Aussteller er- mutigt werden dürfen, ihre Studien fortzusetzen. H. Ludwig ist ohne Zweifel die stärkste Begabung unter den hier Versammelten. Eines seiner Oelbilder, eine gut ersehene Allee alter Bäume, mit den flotten Sonnenflecken und einem gelblichen Streifen dämmernden Lichtes am Horizont, zeigt eine kluge Disposition der Massen. Der „Biergarten' beweist, daß Ludwig auch die Unruhe geschickt in Bild- form zu bringen vermag. Da» laufende Kind rechts im Vorder- grund mit dem weißen Kleid und der roten Schärpe würde hin- reichen, ein cntwickelungssähiges Talent zu bezeugen. Ein Talent wird auch O. Wolf zu nennen sein; seine Landschaften bewähren ein zartes Gefühl für Tonwerte und überraschen durch das Geschick ihrer fleckigen Manier. Vielleicht wäre zu erwägen, ob bei einer künftigen Aus- stellung neben den seligen Flügen inS Reich der reinen Künste nicht auch Proben der eigentlichen Berufsarbeit vorgeführt werden könnten. Vor allem: Berufsarbeiten von besonders hoher Qualität. Diesmal gibt es davon nur einige lithographierte Karikaturen von G. Koch und zwei, drei Plakate. Man sollte meinen, dast es ein leichtes wäre, solch Programm von der Emporzüchtung des beruflichen Könnens zu erfüllen. Jedenfalls: von welchen Freuden auch immer das Bildermalen Zeugnis gibt, entscheidend bleibt die Frage noch der Meisterschaft im Lithographischen._ Dabert Breuer. Verantw. Redakt.: CarlWermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.«ert«g«anlMUPaul«i!iLerSrEo..>v«rttn6>�.