Nnterhallungsblatt des Horwärls Nr. 215. Donnerstag, den 3. November. 1910 (NaHdruck verbottn.) ei Alas Llt ioman von Max Kretzen »Ist sie jung? Herein mit ihr!" schrie der Me sofort: dann aber, als er hörte, daß die Dame eine Lehrerin von fünfzig Jahren sei, fügte er hinzu:„Laß sie draußen, laß sie draußen! Wir können nur Jugend und Schönheit gebrauchen, die Häßlichkeit wird abgeschlachtet. Sieh mich an, ich wäre beinahe als Appoll auf die Welt gekommen, aber meine Mutter war dagegen. Du hast einen Jungen? Steck ihm das in die Sparkasse und halt Dir die Ohren zu." Kopfschüttelnd über diesen Unsinn verzog sie sich, umbrüllt von den heiteren Gesellen. Alle sechs drückten sich in dem Zimmer umher, durch das der Tabaksqualm seine blauen Wogen trieb, die die Köpfe umnebelten, unaufhörlich zur Decke stiegen und erst allmählich durch das geöffnete Fenster zogen. Sie schwatzten und lärmten, sprachen von ihren Plänen, schimpften auf die Kritik und rissen die Größen herunter, die augenblicklich mit Kaiserdenk- mälern das beste Geschäft machten. Ein Scherzwort von Begas rief lautes Gelächter hervor. Er sollte über die Ein. tönigkeit der vielen Reiterstandbilder des alten Kaisers die Bemerkung getan haben, daß in späteren Jahrhunderten bei einer Ausgrabung all dieser Arbeiten ein zukünftiger Schlie- mann die Worte sprechen würde:„Hat der Mann viel zu tun gehabt." Und Walzmann erzählte von einem bekannten Dutzendfabrikanten, der Denkmäler in jeder Größe und in jeder gewünschten Veränderung anbiete und die Probemodelle dazu stets auf Lager halte. Er selbst habe in diesem„Pferde- stall" die Paraderosinanten geknetet und Bewegung in die steife Gangart hineingebracht. Als er dann aber einmal etwas „geschlütert" habe, sei ihm der„Konditormeister" gleich mit dem Vorwurf der Unnatur gekommen, die heute nicht mehr herrschen dürfe, mit dem Hinweis auf Rollkntscherbestien und schwere Litauer, die dem Zeitgeschmack nickch mehr entsprächen. „Jungs, Jungs, das ists ja eben, worunter leiden," rief er wild aus,„unter dem Kleingehirn dieser Marzipangießer. Sie sehen nur die Gattung und nicht das Individuum. Ewig- keitsgröße will ich sehen Ewigkeitsgröße! Rosse will ich sehen, aber keine Pferde. Dja. Ein großer Mann muß auch sein großes Tier haben. Menschliches und tierisches Ideal ver- eint zu einem Guß. Herrscher ohen und Herrscher unten. Zwei Größen in einer. Das Pferd des Kompagniechefs ist nicht das Pferd des Kaisers. Und der alte Wilhelm auf dem Tempel- hofer Feld ist nicht der Wilhelm auf dem Postament. Ge- stalwng, Kinder, Gestaltung, nicht hlödcn Abklatsch. Aber wo ist das Großgehirn unsrer Zeit, das diese Kunst erfaßt? Tausend Zwerge und kein Riese... So, nun wollen wir Sekt trinken, Kinder. Kommt, ich lade Euch ein." Es war nichts dagegen zu machen: sie mußten alle mit. Der Quartaltrinker in ihm hatte sich plötzlich gemeldet, der ihn in solchem Zustand von einer Budike zur anderen trieb. Nur Kempen blieb zurück, denn jede Schlemmerei erfüllte ihn mit Widerwillen. Es war noch nicht zehn Uhr, und so stol- perten sie lachend die Treppe hinunter. Als der Enthaltsame sich dann zum Fenster hinauslegte, sah er sie drüben auf der anderen Seite in einem gewöhnlichen Lokal verschwinden, zu dem die Stufen direkt von der Straße führten. Vorn trank man Weißbier und Schnaps: nebenan, im besseren Zimmer, durste der gute Rock sich breit machen. Für solche Halb- Destillen hatte Walzmann eine besondere Vorliebe: dann setzte er sich mitten unter die Arbeiter, ließ sie trinken, was sie wollten, und hielt ihnen einen Vortrag über Kunst, wie sie ihn sicher noch niemals zu hören bekommen hatten. - Es war still in diesem Winkel: kein Wagen fuhr, so daß der Schall jedes Wort herauftrug, das drüben gesprochen wurde. Tür und Fenster standen osfen.„Sekt, Sekt wollen wir haben. Laß ihn holem wenn er nicht da ist," hörte Kempen den Wunderlichen laut rufen.„Jawohl, Herr Pro- fessor," war die Antwort von jemand, der ihn schon kennen mußte.„Scher Dich mit Deinem Professor zum Teufel! Be- leidige mich nicht," rief Wakzmann wieder. Dann, als man im dunklen Zimmer Licht gemacht hatte und die Köpfe sich in dem hellen Schein bewegten, brüllte er sofort:„Beethoven, Beethoven, mein Junge. Schlag den Kasten auf." Rauschend drangen die Klänge einer Sonate heraus. Zwei Droschken fuhren vorüber, deren Gerassel die Stimmung zerstörte. Hin und wieder trat ein schwarzer Schatten in die orleuchtete Tür, verschtvand drinnen oder verlor sich auf der Straße, deren Häuser fast schon dunkel lagen. Als Kempen dann schärfer hinunterblickte, beinerkw er drüben ein Mädchen, das unbeweglich lauschte, dann aber die Augen zu ihm erhob und freundlich nickte, als begrüßte sie einen guten Bekannten. Es war die Kleine, die ihr Paket trug und sich wahrscheinlich verspätet hatte. „Bist Du schon wieder da, scher Dich doch nach Hause!" knurrte Kempen vor sich hin, selbst überzeugt davon, daß sie ihn nicht verstehen würde. Aergerlich und versümmte über das Ende dieses Abends zog er den Kopf zurück, brachte den Tisch in Ordnung, holte Papier, Tinte und Feder hervor und schrieb an seine Mutter, in großen und kräftigen Buchstaben, die sich wie mit einem Streichholz gemalt ausnahmen. Des- habe hatte er den Stubengenossen gehen lassen, um noch eine Stunde allein mit seinen Gedanken zu sein. Als er fertig war und Lorensen noch immer kein Pfiff- signal gab, wie sie verabredet hatten, stülpte er sich den Hut auf und stieg die Treppe hinunter, um ihn von drüben zu holen. Durch die Tür sah er nur den Wirt, der einsam am Schanküsch saß und seine Zigarre rauchte: nebenan jedoch schlug die Unterhaltung ihren tollen Wirbel, gingen die Wogen des Gelages hoch, so daß sie in kräftigen Worten über- schäumten. Die Vorhänge waren zugezogen, ein Fensterflügel jedoch stand noch offen. Schon wollte Kempen hineingehen, als er Walzmann mächtig dazwischenfahren hörte, der schon ganz nett angeschmort zu sein schien und mit schwerer Zunge sprach.„Was hat Kempen gesagt? Der Ruhm ist ein Mann? Quatsch! Der Ruhm kommt von Kunst, und die Kunst ist ein sprödes Weib, das erobert sein will. Herkules ist Roheit, Venus Vollendung. Dja. Nur das Weib gibt uns Kraft, ja- wohl, meine Jungs. Denn die Mutter trägt uns bis zum Licht. Auf das Weib also! Auf die passive Athletin, die alle Goliaths bezwingt! Stoßt an! Hoch das Weib, hoch die Schöpferin hinter der Kulisse! Alles Leid kommt vom Weibe, alles Große kommt durch das Leid. Ergo!" „Jawohl. Hoch das Weib!" brüllte der Chor in wüstem Zecherton, und die Gläser klirrten. „Pst. Nicht so laut, meine Herren!" rief der Wirt hinein. „Noch eine Pulle," grunzte Walzmann und empfing so- fort höfliches Entgegenkommen: dann bezwang seine Stimme wieder die anderen.„Lorensen, er kann was, er kann was, das muß ich Dir sagen." fuhr er fort.„Du bist Teig, er ist Eichenholz. Bin neugierig, wer weiter kommen wird, er oder Du. Merkwürdige Kerle, die Ihr seid! Aber beim Becher bist Du mir lieber, denn Du bist kein Spielverderber. Er aber ist ein Wasserheiliger... Nuschke, schenk ein. Trinkt, Kinder, trinkt! Das Leben ist so kurz." Ein neuer Propfen war gesprungen, und der Knall hatte sich scharf und hell in die Nacht hinaus gefunden. Kempen ging nicht hinein, denn sicher würde man ihn mit einem Halloh empfangen und nicht mehr loslassen. Es bohrte etwas in ihm, was ihn traurig stimmte um Lorcnsens willen, der nie an sein gegebenes Wort dachte, sobald er beim Becher saß. Mochte er sehen, wie er ins Haus kam. Kempen schritt wieder hinauf in seine Wohming und legte sich aufs Ohr, bewegt von dem Gedanken an sein großes Ziel. IV. LorenseN kam erst am frühen Morgen nach Hause, als die Sonne schon hell ins Zimmer schien. Beim Grauen des Tages war Kempen erwacht, und als er das Bett auf der anderen Seite leer fand, hatte er sich erhoben, die Tür aufge- riegelt und sich wieder schlafen gelegt. So konnte Lorensen sich dann hineinschleichen und den Freund über die Zeit täuschen, wie es oftmals geschehen war, wenn er keinen Schlüssel bei sich hatte und der Verführung unterlag. Dies- mal jedoch war er ertappt, denn Kempen reckte sich mit offenen Augen, so daß die alten Bretter knackten, und machte ihm m seiner derben Art Vorwürfe. Seit einiger Zeit ernährten sie sich durch Kleinvlastik, un� so h'aKen sie dringmsie Auftrage erhalten, die rasch erledigt werden mußten. Es waren Vasen mit Amoretten, Einzelfiguren und Karikaturenköpfe— alles Fabrikware, die aber unter ihren Händen fix zu Geld wurde. „Wie spät ist es denn?" fragte Kempen, da sie keine Uhr besaßen; und als er hörte, daß es erst vier sei, wußte er Be- scheid, denir dieser Bruder Leichtsinn Pflegte die Stunden ge- hörig zurückzuschrauben, sobald ihm das Gewissen schlug. „Dann wirds wohl sieben sein," knurrte Kempen und wollte ihn veranlassen, den nötigen Schlaf ohne weiteres nachzu- holen. Lorensen jedoch, der ihm die üble Stimmung anmerkte, sehte sich zu ihm auf den Bettrand, noch im Mantel wie er gekommen war, und bat ihn, nicht den Bösen zu spielen. Bei solcher Gelegenheit empfand er seine verwerfliche Schwäche ganz besonders, fühlte er die Stärke dieses Braven, dessen gute Lehren sich auch stets in gleiche Handlungen umsetzten. Er zerfloß dann förmlich in Weichheit, schämte sich ein wenig und kramte einen Korb voll Entschuldigungen aus, zum Schluß mit der Beteuerung, daß es„das letzte Mal" gewesen sein solle. Es sei eben nicht anders gegangen: Walzmann habe nicht nachgegeben, und so hätten sie alle mitbummeln müssen, noch in ein halbes Dutzend Caf6s und wer weiß wohin! Zu- letzt spielte er den großen Trost aus, daß �es ihn nichts gekostet habe, wobei er wohlweislich verschwieg, daß er die Ab- Zahlung von Schmarr bis auf den letzten Pfennig an den Mann gebracht hatte. „Aber die Zeit, die Zeit!" stieß Kempen zwischen den Zähnen hervor, verzieh ihni dann aber schnell, weil er wußte, daß Lorensen, sobald er wieder bei der Arbeit saß, sich nicht umzublicken pflegte. Trotzdem schimpfte er auf Walzmann, auf diesen unglücklich veranlagten Könner, der durch seine Wüstheit die Jugend mit sich fortriß, hinein in den Sunipf, in dem er seinen Meistersessel aufschlug. Nun hatte er sich wieder um acht Tage gebracht und ihn, Kempen, auch, denn gern hätte er die Gelegenheit wahrgenommen, schon in dieser Woche einen Batzen Geld bei ihm herauszuholen. Er liebte den großen Zug, das Arbeiten mit vollen Händen, wo man nicht zu sinzeln brauchte. (Fortsetzung folgt.)) 24) Die familie Krage. Von Johann Skjoldborg. Autorisierte Ucbersetzung von Laura Heidt. LS. Die Düncnbewohner befreiten Raine und Grabenrändcr von dem spärliche» Gras, das dort wuchs. In Hemdsärmeln schritten sie mähend über die Felder und schichteten die kleinen Grasbündel in Reihen auf. Und dann strichen sie die Sensen, daß es zwischen den Sandhügeln sang und klang. Zuweilen standen sie stille und schauten nach dem Horizont, die Hände auf den Sensenstiel gestützt. Dieser Horizont war ihnen nicht mehr eine feste Mauer, die die Gedanken nicht zu überspringen versuchten. Im Gegenteil; sie flogen jetzt hinaus über das ganze Land bis an die Knotenpunkte, wo die Sache des Volkes verhandelt ward, wie sie es täglich genau in den Zeitungen verfolgten. Sie warteten auf das Wunderbare, das geschehen sollte, auf die große Abmachung, die bald kommen mußte, wenn sie so da- standen und nach dem Horizont ausschauten. Die hauptsächlichste Begebenheit des Sommers war die poli- tische Versammlung im Krageschen Hause gewesen. Aber auch die Zusammenkunft des Schützenvereins in Lem, namentlich der Zug hinauf nach dem Hofe des Gemeindevorstehers, stand hoch über dem Alltäglichen. Der alte Gemeindevorsteher, der seit mehr als zwanzig Jahren dieses Amt bekleidete, hatte es nämlich niedergelegt, weil er nicht die Steuern nach dem provisorischen Finanzgesetz eintreiben mochte. Und als dann einer der Schützen den Vorschlag machte, ihn um dessentwillen durch einen Volkszug zu ehren, fand der Vorschlag allgemeinen Beifall und ward sofort ausgeführt. An der Spitze schritt der große Paul, mit seinem unerschrockenen Blick grade vor sich hinsehend. Er war im Jahre ö4 Sergeant gewesen und leitete die Schützcnvereine der ganzen Gegend mit fester und sicherer Hand. Er gestattete keinerlei Einwendungen. So hatte ihm z. B. ein Kürschner aus Brönderslev SV Schützen- Mützen zuviel geschickt und sich dann geweigert, sie zurückzunehmen; aber Paul hatte ihm geschrieben, daß er ihn„das Volk der West- jüten kennen lehren werde, falls er sich nicht fügen wolle". Wonach die Sache dann geordnet ward, Auf Paul folgte dann die Musik, zivei Klarinetten und eine Flöte, und dann kamen die zahlreichen Schützen unter Kommando und mit Fahnen, die von Frauen gestiftet waren, alle in weißen Mützen und mit Flinten und Gewehren bewaffnet. Die älteren Jahrgänge schlössen den Zug, der im Staub der Landstraße bei brennendem Sonnenschein dahinschritt. Und all diese Menschen schwenkten unter Gesang und Musik und mit festen Tritten hinein in den Hof, daß das ganze alte Gebäude erzitterte. Hinter allen Fensterscheiben gewahrte man Gestalten, und der Gemeindevorsteher selber erschien in der Tür mit seinem langen, weißen Haar, das weich und dicht das ehrwürdige Haupt, mit den männlichen, noch kräftigen Zügen, umrahmte. Er blickte etwas verwundert drein. Unter lautloser Stille wurden diese wenigen Worte gesprochen: „Wir, die Jungen, grüßen Dich, Gemeindevorsteher, als einen gut dänischen Mann und Demokraten, der nicht einer gesetzlosen Regle- rung dienen will! Hoch, unser Gemeindevorsteher lebe hoch!" Der alte Mann senkte die Augenlider, und seine Mundwinkel zitterten, als die Huldigung des Volkes über sein weißes Haupt dahinbrauste. Ruhig hob er die eine Hand und sagte laut:„Seht, ich gehöre noch zu denen aus der ersten Freiheitsperiode. Haltet Ihr nur ge- treulich fest, bis ihr eben so alt seid, wie wir es sind. Das werdet Ihr nie zu bereuen haben. „Bitte schön, tretet näher, alle miteinander!" fuhr er dann nach einer kleinen Pause fort, und wandte sich darauf an seine Frau, die hinter ihm stand:„Und Du wirst nun den großen Kessel aufs Feuer setzen müssen, Mutter!" Aber was die Düncnbcwohner in dieser Weise erlebt hatten und was sie lasen— das war noch nicht das Entscheidende, das kommen mußte. Am Sonntag versammelten sie sich im Krageschen Hause und diskutierten die Neuigkeiten der verflossenen Woche. Der stille Peter kam beständig auf seinen Lieblingsvorschlag zurück, der darauf hinausging, daß eine Abordnung, bestehend aus einem Erwählten jeder Gemeinde zum König selber vordringen sollte. Denn wenn i h m nur die Situation klar gemacht wurde, dann würde der Mann so vernünftig sein, die Sache in Ordnung zu bringen. Die Großen gingen natürlich tagtäglich umher und logen ihm etwas vor. An Wochentagen gingen sie ihrer Arbeit nach in den entlegenen Hütten und spähten nach dem Horizonte. Und dann knallte der Schuß und traf den Ministerknopf. Die Augen des kleinen Jep funkelten, und Kräu Hvas sagte: „Das war der Erste, aber es wird nicht der Letzte sein." Doch eS geschah nichts weiter. Im Hause Krage konnten sie keinen rechten Bescheid mehr bekommen; es war so merkwürdig still dort während der Zusammen- künfte. Und je mehr Zeit verstrich, um so leerer und unheimlicher ward es nach diesem einen Schutz. 26. Die Scheidewand, die das Abnahmczimnier von dem Wohn- räum ini Krageschen Hause trennte, hatte eine Tür bekommen, wodurch das Ganze zu einer aus zwei Zimmern bestehenden Woh- nung ward. Das vordere Zimmer trug etwas das Gepräge einer „besten Stube"; dort stand die Sofabank, hingen die Bilder des Schulvorstehers und Friedrichs VII., alles, was ein wenig putzen ckoimtc. In dem inneren Räume, der alten Stube, wo die ganze Familie schlief und sich gewöhnlich aufhielt, war der ursprüngliche Hausrat wieder an Ort und Stelle geschafft. An dem langen Tisch saß die Familie Krage beim Abendessen. Die beiden Jungen, die beiden Alten, Anders mit dem Kleinsten auf den Knien und fünf bis sechs Kinder wie die Orgelpfeifen in Reih und Glied. Vor dem Platz eines jeden lag eine Scheibe Schwarzbrot niit einem Stück Speck darauf, genau in ganz gleiche Rationen geteilt. Auf dem Tisch standen ein gelber, glasierter Bierkrug mit zwei Henkeln und eine Pfanne, deren Füße genau in die Löcher eines Holzkreuzcs hineinpaßten. Sie langten mit den Horn löffeln in den Kartoffelbrei. Das Zimmer ward erhellt von einer Lampe, deren Glocke ge- sprangen und deren Messingfuß sehr schief war— es war dieselbe Lampe, die vor vielen Jahren«ine so bittere Stimmung in diesem selben Zimmer hervorgerufen hatte Nur wenige Worte unterbrachen das Schweigen, das bei dem Einnehmen der kärglichen Wahlzeit herrschte. „Ja, es vergeht heutzutage kaum ein Tag, ohne daß jemand um eines freien Wortes willen verfolgt und bestrast wird!" sagte Anders ernst. „Am schlimmsten ist es mit Berg," sagte Jürgen traurig.„Ihn können wir schlecht entbehren." „Am wenigsten gerade jetzt, scheint mir!" meinte Anders kauend. Einigen Kindern mußte geholfen werden. Anders umschlang das Kind auf seinen Knien mit dem Arm, und während er ihm zu essen gab, drückte er es fest an sich. Der kleine Anders, der jetzt schon ein großer Junge war, fragte:„Was hat denn Berg eigentlich getan?" „Er ist ein Freund der Freiheit mein Junge!" antwortete Jürgen.„Er hat unsere Sache, die Sache der kleinen Leute in die Hand genommen, und das wollen die, die am Ruder sind, nicht haben. Darum ergriffen sie ihn; er war der Beste von uns!" Nach einer Weile setzte Anders hinzu:„Und nun geht es ihn: tvohl ans Leben da drinnen im Gefängnis." Wieder entstand eine Pause. Die Erwachsenen erhoben sich, die Kinder krochen vom Tisch herunter, und tue kleinsten von ihnen kamen ins Bett. Jürgen und Anders schleppten Stricke und Riemen herbei für ein neues Ochsengeschirr, Kjesten setzte sich an den Ofen, um Wolle zu kratzen, während Marie ein paar kleinen Kerlen das Lesen beizubringen suchte. So kamen sie alle zur Ruhe bei einer neuen Beschäftigung. „Nein, sie sind stark!" nahm Anders nach einer Weile das Gespräch wieder auf uud bearbeitete nachdenklich sein Stück Kautabak. Sein Haar war stark ergraut und seine Backenknochen traten schärfer hervor als ehedem. „Ja.— Ihre Macht ist alt!" äußerte Jürgen diel später als Resultat einer langen Gedankenreihe. Dann arbeitete jeder schweigend weiter.— Anders nähte Polster mit einem geteerten Faden und Jürgen fertigte und splitzte Ringe, durch die die Leine laufen sollte. Klein-Anders wollte etwas aus dem Atlas wissen, das ihm sein Vater beantwortete, der sonst oft in Nachdenken versank, das Splißeisen in der Hand. „Ich habe das Gefühl, Jürgen, als hätte man uns doch halb- Wegs zum Besten gehabt!" sagte Anders. „Wir dürfen nicht vergessen," antwortete Jürgen,„daß es unsereinem schwer wird, alle die Winkelzüge zu kennen, die bei solcher Gelegenheit angewandt werden!" „Nein, aber wenn man vorwärts gehen soll, muß man doch eigentlich den Weg sehen können!" meinte Anders. „Ich bin nicht sicher, daß der stets geradeaus läuft, nament- lich in schwierigen Zeiten; aber eins weiß ich bestimmt, nämlich daß Wahrheit und Recht siegen werden, wenn die Menschen nur fest bleiben!" „Ja— a.� Anders seufzte.„Aber es kann lange dauern!" „Das kann es natürlich,' gab Jürgen zu. „... und der Fuchsgräben ward des Fuchses Grab, und das war das Ende vom Liede," buchstabierten sie drüben am Tisch.— „Und es ist nichts weiter zu tun als auszuharren und fest zu bleiben," sagte Jürgen später.--„Und weißt Du, die Zeit kann manches ändern. Anders!" „Das versteht sich," nickte der Alte.„Jetzt locker lassen, das wäre meiner Seel das Dümmste, was man tun könnte!" und er kaute seinen Tabak. Kiestcn hielt in ihrer Arbeit inne.„Wißt Ihr, Kinder, ich habe solche Angst vor dem Pulver! Ob Ihr deswegen nicht auch Scherereien kriegen könnt!" „Das Pulver ist unser Eigentum. Mutter!" Jürgen lächelte. „Ja, aber ich habe solche Angst, daß es eines Tages losknallt. Grabt den Dreck doch in die Erde!" „Das wäre ein merkwürdiges Gebaren, Kjesten!" sagte Anders in halb vorwurfsvollem Ton-und spuckte aus. --- Es war Dcttzeit, und man rüstete zum Aufbruch. „Ja, Gott mag wissen, waS noch einmal daraus wirdl" Jürgen öffnete seine Weste. Darauf antwortete Marie mit einer Ruhe und Bestimmtheit, die an ihren Vater erinnerte:„Ich weiß bestimmt, daß etwas Gutes daraus wird; denn die letzten Jahre sind die schönsten, die wir ge- habt haben, und es wird schon noch etwas Gutes dabei heraus- kommen!" Anders blickte mit Wohlbehagen auf sein« Tochter, und über Jürgens Antlitz glitt ein freudiger Schimmer. Bald verlosch das Licht im Krageschen Hause, und die Nacht brütete über den Dünen und dem ganzen Lande. lFortsctzung folgt.); IZuslancUlcKe ßcllctnfrtk. Seit Jahren wird offen Klage geführt, daß uns die Auslands- literatur wie eine schlimme Seuche überschwemme, daß es jetzt Mode sei, Skandinavier und Russen zu lesen, wie es früher Mode war, französische oder englische Romane zu lesen. Ein Körnchen Wahrheit steckt in diesen Behauptungen. Die Unterhasiungsliteratnr wird von der niodiichen Strömung, die gerade die mächtigste ist, bestiimnl. Denn der heutige Buchhandel beruht ja auf kapilaliilischeu Boraus- setzungen. Er sucht deshalb wieder das besitzende Lesepublikum für seine Interessen einzufangen, indem, er sich dessen Geschmack anpaßt. Da aber die Schriftsteller meist nicht imstande sind, sowohl den Buchhändlern als dein Publikum Widerstand zu leisten, so müssen sie sich prostituieren. Die das verabscheuen, zehren am Hungertuch. Es gibt aber noch andere Ursachen für diese Erscheinung. Die Schreibenden wollen auch vielfach nichts anderes geben, als was das Wohlgefallen des bürgerlichen LesepnblikumS zu erwerben ge- eignet ist. Sie habeil einfach nicht den Mut, den Stier bei den Hörner» zu packen, will sagen, den sozialen Käinpfen ihrer Zeit nach- zugehen und sie wahrheitsgetreu zu schildern. In dieser Hinsicht ist es gerade um die deutsche Belletristik der Gegenwart sehr schlimm bestellt. Obwohl die Zensur im eigentlichen Sinne nicht mehr be- steht, s» sorgt die ewige Angst vor dem Verlust der Fleischtöpfe der vorherrschenden Klassen, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Wir haben zurzeit weder soziale Romane. noch soziale Dramen— diese am allerwenigsten. Trotzdem ist das Bedürfnis für eine derartige Literatur vorhanden. Nur dürfen es beileibe nicht deutsche Zustände, deutsche Ver» hältuisse sein, die da geschildert werden. Dieser Vagantenneigung entspringt die modische Hinneigung zur AuslandSbellelristik. Man kann hier, was das deutsche Bürgertum anlangt, wirklich von Mode sprechen. Oder war es etwas anderes, was z. B. die Berliner Bourgeoisie scharenweis ins Theater trieb, um mit Gorkis Barfüßlern im Nachtasyl sich anzubiedern? Ja, man vermochte sogar Krokodilstränen ob dieies Elends der Ausgestoßenen zu weinen, wie jener große ZeitungSverleger, der für das grenzenlose Elend eines jungen talentierten Schriftstellers, der zudem noch seines Glaubens war, nichts als höhnische Abweisung übrig halte... So was ist doch, sagen sie pharisäerhaft,„nur— in Rußland� möglich. Zu natürlich auch: sie sehen den Wald vor Bäumen nicht — wollen ihn nicht sehen. Und die deutsche Unterhaltungs- literatur ist. mit wenigen kläglichen Ausnahmen, auch ganz danach beschaffen. Daß es anderswo anders, sehr viel anders aussieht, lehrt ein Blick in' die Gegenwartsbelletristik des skandinavischen Nordens und besonders des Zarenreiches mitsamt seiner total verwahrlosten Re» gierung— doch auch mit seiner des revolutionären Geistes über- vollen Wirklichkeitsdichtung! Indem wir aber diese beiden schroffen Kontraste andeuten, drängt sich auch sofort die Notwendig» keil aus, den Ursachen dieser Erscheinung nachzugehen. Erstens sind die russischen„Intellektuellen" im großen ganzen um 99 Prozent besser als die deutsche Bourgeoisie. Sodann find die meisten. russischen Schriftsteller ganz andere Kerle, als z. B. die meisten vom Troß der absterbenden„Allen" sowohl, wie der „Jüngstdeutschen" und„Allerjüngstdeutschen" bei uns. Jene fühlen ihrem Bolle gegenüber die beilige Mission des Wahrheits» kämpfers— nicht des Possenreißers und Brettlhupfers! In ihnen lebt der fanatische Drang des echten sozialen Füdlens und Berstchens. Sie offenbaren nicht nur Talent, sondern auch Charakter! Troy Gefängnis und Verbannung. Man nenne mir«inen bürgerlichen deutschen Schriftsteller von heule, der daS Exil auf sich nähme— nur um aus seinem Herzen keine Mörder- grübe machen zu müssen. Die Russen tun's. Ihre bestell revolu- tionären Schriftsteller sind gezwungen, das Brot des Emigranten zu essen. Da ihnen aber die ruisische Zensur die Veröffentlichung von Büchern im Lande selbst schlankweg verwehrt, so bleibt ihnen keine andere Wahl, als vom Auslande her zu ihrem Volke in seiner Sprache zu reden, mit anderen Worten: hier ihre Schöpfungen zu publizieren. Nun genießt Deutschland seit Herders und Goethes koSmo- politischer Propaganda den Vorzug, unter allen Landern das eigcnt- liche Sammelbecken für die Literatur aller Völker zu sein. Man wird den hieraus erwachsenden Segen rückhaltlos anerkennen dürfen, ohne sich der Beobachtung gewisser Nachteile zu verschließen. Diese bestanden und bestehen zu einem Bnuvteil in der N a ch ä f f u n g der anderen. Dies Abhängigkeitsverhältnis der deutschen Lite- ratur von der fremdländischen komlnt aber gerade dieser letzteren zugute. Wäre es anders, so hätten wir allerdings weniger den Einfluß zu verspüren, den die Auslandsliteratur auf die deutsche von jeher ausgeübt hat; wir hätten uns dann aber auch schwerlich so rasch zum Realismus durchgerungen, und ferner wäre uns die nordische, vor allem die russiiche Belletristik verschlossen ge» blieben. Der Nutzen, den namentlich die proletarische Leserwelt von von diesem Zustand hat, steht fest. Ihr erschließt sich der besondere Wert dieser Äuslandslireratur von selbst. Sie verspürt da den heißen Atem deS nach Entknechtung verlangenden Volkes; sie empfängt da Belehrung über seinen Charakter, seine Leiden, über die heillosen Zustände in Rußland, über den Geist des Aufruhrs, über die Richtung und die Aussichten der revolutionären Bewegung. Denn die russische Literatur ist das unverfälschte Spiegelbild Rußlands I Sie hat die Mission» ganz Tendenz zu sein und beweist somit aller Welt, daß es mit den althergebrachten Lebren von der Tendenzlosigkeit eines Kunstwerks nichts mehr ist, sobald hinter diesem das ethische Pathos einer vollen Menschen- und Künstlerpersönlichkeit steht Uud sie zwingt uns. uns mit dieser neuen Aesthelik, die hier so überwältigend angebahnt und von Tag zu Tag reicher ausgebaut wird, allen Etiistes zu befassen. Das aber ist neben ihrer Wirklichkeitstreue der höhere Gewinn, den wir von der erzählenden Literatur Skandi- naviciis, hauptsächlich Rußlands haben I— Nicht alles, was von deutschen Uebersetzern serviert wird, besitzt über den Tag hinansweisende Werte; und die Melodie, die da er» klingt, ist in Melancholie gebellcl und monoton. Dennoch hört man sie ,mmer gern wieder: es schwingen so unsagbar feine poetische Reize mit. Eine Reihe von Büchern ausländischer Autoren liegt vor mir. Zunächst sei„Unser Verbrechen." Ein Ronian aus dem russischen Volksleben von Iwan A. Rodionow, übersetzt von Axel Ripkc(Verlag der Literarischen Anstalt Rülten u. Loening, Frankfurt a. M.) herausgehoben. Der Verfasser ist ein ehemaliger Kosakenobcrst, der den Krieg mitkämpste und während der südrussischen Bauernunruhen auf seinem Gut ausharrte. Man kommt ihm erst mit einigem Mißtrauen entgegen. Es schwindet aber, sobald man ein paar Kapitel gelesen hat. Er schildert daS Bauernbolk. wie es ist: roh. gewalttätig— dem SdmapStenfel wehrlos ergeben.„Das Volk bat sich ins Elend getrunken, es ist verwildert und verwahrlost, e» will nicht arbeiten, hat arbeiten nie gelernt... hilflos und un- wissend lebt eS, sich selbst überlasten, sein eigenes, armseliges Ge- schick.. Rodionow wil mit seinem Buche, wie er im Borwort sagt,„die Aufmerksamkeit der gebildeten russischen Gesellschaft auf ihre schwächeren Brüder lenken, denen der Untergang droht". Das Unterfangen wird aber der russischen Bourgeoisie herzlich gleichgültig bleiben. Ist sie eS doch selber, die das Volk in Dumniheit und ärgster Lasterhaftigkeit versumpfen lästt, un, es so sich für die eigenen Lüste und Verbrechen gefügig zu erhalten I Die Bilder, die der Verfasser entwirft, sind keine Erdichtungen, sondern direkt dem Leben des Bauernvolkes entnommen— weder mit verstärkten noch gemilderten Farben. DaS großzügige Gemälde ist von erschütternder Wahrheit und kann sich auch, was die naturalistische, doch küust- kerische Darstellung betrifft, der wuchtigen Schwere einer Dosto- jewskyschen Feder an die seite stellen. Während deS russisch-japanischen Krieges, präziser um den Fall von Port Arthur herum, spielt:„Aus Slurmeszeit" von Anastasia Werbizkaja, verdeutscht von Frieda Stock(Berlin. I. Ladyschnikow Verlag). Der Titel dieses großangelegten, an igurcn und Handlungen reichen Romans ist in doppelter insicht gut gewählt. Es geht wie ein Sturm durch das ganze 847 Druckseiten starke Buch. Alles ist voll Bewegung, alles ist draina- tisch. Glutvolle Leidenschaft in Liebe und Haß quillt uns entgegen. Die Revolution in Moskau mit ihren Straßenkämpfen, kosakiichen Metzeleien, Streiks, Barrikaden bildet gewisicrrnaßen den Gluthcrd für die Konflikte, tragischen Geschicke und heiteren Episoden sogar. Alle Charaktere: Kaiserlich gesinnte wie Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre, Intellektuelle wie Arbeiter, Männer wie Frauen sind plastisch gezeichnet; insbesondere aber die Frauen. Und das ist natürlich; denn die Autorin ist wohl selbst dabei gewesen. Indessen ist in diesem kühn entworfenen und mit genialer Kraft auS- gestalteten Gemälde doch die Geschichte einer Ehe mir allem Drum und Dran die Hauptsache. Der Held ist eine durch und durch egoistische Natur, der sich zum Anarchisten entwickelt. Seine Frau teilt seine revolutionären Anschauungen nicht. Sie will den Mann nur für sich haben. Das ist ihm unmöglich. Sein sinnliches Naturell entzündet sich an anderen Frauen. Die Seine entfremdet sich ihm mehr und mehr; und er entfremdet sich ihr. In seinem Wesen dokumentiert sich der Zusanmiensturz des Alten, der Aufbau de« Reuen.„In unserer Umgebung, sagt er selbst, hätten sich keine Elemente gefunden, die das Alte zerstört und Neues geschaffen hätten. Nur die Epochen, in welchen das gesellschaftliche Bewußtsein er- wacht, erzeugen diese persönlichen und Familiendramen. Nur die Revolution deckt alle Gegensätze zwischen den Menschen auf. die sich in der Epoche der Reaktion ebnen und nicht zum Vorschein kommen. Ich liebte meine Frau und wurde ihr täglich immer fremder. Ich liebte Tanja und Wera Jwanowna nicht, und trat ihnen täglich immer näher. Ja, die alte Ethik stürzt zusammen. In Qual und Blut, im Dunkel der Nacht keimt eine neue Ethik empor. Der Sturm des neuen Lebens erstickt mit seinem glühenden Atem das heilige Feuer des häuslichen Herdes. Und niemals werden wir umkehren, um uns an dem alten Aschenhaufen zu wärmen!" Mit «iner Hymne auf die neue Zeit, die angebrochen ist, schließt das Buch. Paul B a r ch a n, ein anderer Russe, der übrigens auch ein sehr gutes Deutsch schreibt, weshalb er keines Uebersetzers bedarf, hat sich im Gegensatz zu Moskau Petersburg als Schauplatz für seine Schilderung erkoren.„Petersburger Nächte"(S. Fischer, Berlin) nennt er die Skizzensammlung. Sie zerfällt in folgende Rubriken:„Fremde";„Petersburg und die Jahreszeiten";„Russische Verhältnisse":„Russisches Wesen";„Um die Literatur". Es sind witzige, doch auch nicht des Ernstes und selbst der satirischen Seiten« fprünge entbehrende Betrachtungen eines gründlichen Kenners des Petersburger Wesens, dem man sich schon anvertrauen darf. Ein Unternehmen jedoch, das vom„Internationalen Komitee zur Unter st ützung der Arbeitslosen in Rußland"(Sitz in Lausanne) vor zwei Jahren bereits begonnen wurde nnd das jedenfalls uns Sozialdemokraten am allernächsten liegt, stellt sich dar in dem Buche:„Freiheit und Arbeit". Dies ist der erste Sanimelband eines auf mehrere Bände geplanten Werke?. Es ist aus freiwilligen Beiträgen bekannter Dichter und Schriftsteller zusammengesetzt, und Genosse Eduard B e r n st e i n, der ihm ein zweckdienliches Vorwort auf den Weg gegeben, hat recht, wenn er es in bezug auf„Gaben verschiedener Gattung und wohl auch von verschiedenem Wert. Gaben von verschiedenen' Ver- fassern, die in ihren Grundanschauungcn vielfach auseinandergehen", einen geistigen„Bazar" nennt. Der Inhalt des Buches setzt sich aus Novellen, Konwren, Märchen, Fabeln und Legenden, ferner aus zahl- reichen Gedichten und Artikeln zusammen. Unter diesen letzteren find höchst bemerkenswert die„Motive" über ästhetische Kunst- fragen von Alfred Mayer und ein Bruchstück„Frankreich" aus einem Essay von Heinrich Mann. Die Expektoration „Revolution" von Johannes Schlaf dürfte aber doch mit einigem Kopfschütteln hingenommen werden; wenigsten? in dem Teile, den Schlaf Rußland widmet. Rußland werde niemals aus der theokratischen Staatsform herauskommen; allenfalls sei eine theo- kratische Konstitution denkbar usw. usw. Das Heil aller Welt erblickt Schlaf in einer ch r i st l i ch e n Sozietät usw. Jeden« falls ist sicher, daß er sich über den Sozialismus noch wenig Kopf- schmerzen gemacht oder ihn gar nicht verstanden hat. Glücklicher« weise hat alles noch so tiefsinnig sich gebärdende Theoretisieren bürgerlicher Ideologen kaum jemals einen mehr als vorüber« gehenden Einfluß auf die Menschheitsentwickelung genommen. Es geht vorüber„wie der Kaffee", um einen Ausspruch der Madame de Sevignö zu brauchen. Im übrigen ist anzuerkennen, daß alle in diesem interessanten Buche vertretenen Autoren sich, nach Bernstein, in dem einen schönen Bestreben zusammenfinden, dem daS Erträgnis aus diesem Unternehmen dienen soll. Und das heißt: Unter st ützung der Arbeitslosen in Rußland. Aus Rußland hinaus führt uns ein Kranz von Novellen, den ihr Verfasser: Otto Alscher unter dem Titel:„Mühselige und Beladene"(Egon Fleischel u. Co., Berlin) gewunden hat. Rumänien ist der Swauplatz; Hirten und Zigeuner sind die Helden dieser von eineni eigenartigen poetischen Dust umwehten Erzählungen. DaS ist sicher ein Buch, das Freude macht. .,. AehnlicheS läßt sich auch von„See Volk", Erzählungen aus nordländischem, besser schwedischem und finnischem Seemannsleben, (Leipzig, Georg Merseburger) behaupten. Ihr Verfasser, John William Nylander, stammt von der Südküste Finnlands und war wirklich Seemann von Beruf. Das erinnert lebhaft an de? verstorbenen Dänen Holger DrachmannS„Srrandgeschichten". Chaf. H. Fisher hat diesem„Seevolk" eine Biographie des Dichters vorausgeschickt, aus der höchst interessante Einzelheiten zu erfahren sind. Jeden- falls ist es eine originelle Gabe, die auch ihren Weg machen wird. Endlich verzeichnen wir eine Uebersetzung der Werke des in London lebenden Ghettoschriftstellers I. Z a n g w i l l von Hans Heinz EwcrS(Berlin, Siegfried Cronbach). wovon bisher drei Bände („Der Meister",„Der Mantel des Elijah", Romane, sowie der Novelleubaud„Die graue Perücke") erschienen sind. Ernst Kreowski. kleines feuiUeton. Statistisches. Das enorme Anwachsen New DorkS. Noch immer ist London die größte Stadt der Welt und wird es auch unbestritten in den nächsten Jahrzehnten bleiben. Sic ist an Bevölkerungszahl den übrigen Städten, mit einer Ausnahme, weit voran. Diese Ausnahme bildet New Fork, das London nahe auf den Fersen ist. Es zählt bereits eine fast doppelt so große Bevölkerung wie Paris, die drittgrößte Stadt der Welt. Nehmen aber beide Städte, Lon- don und New Dork, in gleichem Verhältnis wie in den letzten zehn Jahren an Bevölkerungsmenge zu, so dürfte es nur einiger Jahr- zehnte bedürfen, und New Aork hat London den Rang abgelaufen. Das Wachstum New Dorks seit zehn Jahren muß als geradezu wunderbar bezeichnet werden. Im Jahre 19tK> betrug seine Bevölkerungsziffer, nach„Scient. Am.", 8 437 202. Am 1. September 1910 wurden durch das städtische Zählungsbureau 4 766 883 Ein- wohner festgestellt. Der Zuwachs innerhalb der zehn Jahre betrug somit 1329 681 Personen, also 33,7 Prozent. In kleineren ameri- konischen Ortschaften, namentlich in aufblühenden Minendistrikten, mag ja manchmal der Prozentsatz ein noch weit höherer sein— für eine Stadt von der Größe New Dorfs muß der vorliegende aber als ganz außerordentlich bezeichnet werden. Von jeher schon zeichnete sich New Dork durch sein außerordent- lich schnelles Wachstum aus. In den 126 Jahren seit 1796 waren nur. vier Jahrzehnte zu verzeichnen, in denen der Prozentsatz hinter dem letzten zurückblieb. Von 1816 bis 1826 betrug die Zunahme 23,4 Proz., und sank in der 1876 endenden Dekade infolge des Krieges auf 16,8 Proz. herab, stieg aber 1886 wieder auf 28 Proz. Der größte Zuwachs, nämlich 82,7 Proz., war in den zehn auf den Revolutionskrieg folgenden Jahren zu vermerken, denn 1796 hatte die Stadt nur 33171 Einwohner, 1866 dagegen schqssi 66 515; die Zunahme war auch in dem darauffolgenden Jahrzehnt eine sehr bedeutende, nämlich 59,3 Proz. Während sie im Jahrzehnt 1816 bis 1826, wie schon erwähnt, auf 28,4 heruntergegangen war, schnellte sie 1826 bis 1836 wieder auf 63,8 Prozent empor, und hielt sich in den drei folgenden Jahrzehnten stets auf mehr als 56 Proz. Die erste- Million hatte die Stadt New Dork erst in dem 1886 endenden Jahrzehnt überschritten; in diesem Jahre zählte sie 1 266 299 Einwohner. Die Bevölkerung Londons belief sich im Jahre 1961 auf 6 581 372 Personen, und gegenwärtig schätzt man die Einwohner- zahl auf über 7 566 666. Paris besaß im Jahre 1961 eine Bevölke- rung von 2 714 668 Seelen, und mag jetzt aus beträchtlich über 3 Millionen angewachsen sein. Berlin zählte 1966 2 646 143 Ein- wohner; es wird nie, auch bei stärkstem Wachstum nicht, die Be- Völkerungszahl Londons oder New Dorfs erreichen können, da bei ihm nur das Stadtgebiet, nicht aber das seiner Vororte, zählt. Tokio, Japans Hauptstadt, hatte vor zwei Jahren eine Bevölkerung von 2 685 166 Seelen. Auch Chicago hat sich während des letzten Jahrzehnts bedeutend vergrößert, und es ist leicht möglich, daß es schon jetzt den Rang der vierten Stadt der Welt einnimmt._ verantw. Redakt.: Varl Mermuth, Berlin-Rixdors.— Druck u. Verlag; Voruuirl« Buchtruclerei u.VerUrgsanjtalt Paul Singer slEo..«erUn Li«.