Mnterhaltungsvlatt des Horwärts Nr. 216. Freitag, den 4. November. 1910 lNaHdru« herbst«!,.) 7] Älas ist Rubm? Roman von Max Kretzei� Ms Lann die Aushilfezeit bei Walzmann Med'er vor- über war, wurde Lorensen plötzlich ht das Atelier seines Pro- fessors gerufen, der das Lehramt an der Akademie aufgegeben hatte und ihn nun bei der Ausführung eines großen Brunnens für eine kleine Residenzstadt beschästigen wollte. Ersteut willigte er ein, denn er bekam gut bezahlt und durste dadurch auf weitere Beziehungen hoffen. Einige Tage darauf trat man auch an Kempen mit einem Austrag heran. Ein bekannter Kunstgießer hatte in Paris eine Genrebüste gesehen, die viel gekauft wurde. Ein junges Mädchen trug einen zwitschernden Bogel auf der Schulter, mit dem sie sich anscheinend unterhielt. Er dachte an etwas Aehn. liches für den Handel und versprach sich ein Geschäft davon. Kempen lag die Sache nicht, die Lorensen jedenfalls vortreff- lich gemacht haben würde, wenn er jetzt den Tag über nicht aus dem Hause gewesen wäre. Trotzdem wollte er nicht gern ablehnen, um sich die Gunst des Mannes nicht zu verscherzen. Es war morgens, als die Freunde beim Kaffe saßen und dariiber berieten. Da der Februartag neblig und dunkel war, so hatte Lorensen es heute nicht eilig. Plötzlich, nachdem es bescheiden geklopft hatte, trat Klara Münk herein, einen kleinen Deckelkorb am Arme, aus dem ein leises Gurren sich vernehmen ließ. Beide hatten sie nicht mehr gesehen seit dem Vormittag, wo sie wirklich aufgetaucht war. um nach Wäsche zu fragen, aber erfolglos, denn die Künstler hatten ihre be- sondere Alte, der sie nicht untreu werden wollten. Nun stand die braune Hexe vor ihnen, die Nässe des Tau- Wetters an den derben Schuhen, Feuchtigkeit im Kleidchen, im ausgefransten Jackett und aus dem glänzendeen Haar, das noch wie früher schwer herniedorhing. Jlire Augen blitzten im frischen Gesicht, und unter den vollen Lippen leuchteten die Zähne, denn sie lächelte vergnügt wie ein Kobold, der seine Mucken treibt. Ob die Herren vielleicht ein paar Tauben kaufen wollten? Mutter habe noch zwei zu vergeben, die letzten von dem Dutzend, das sie sich gehalten hätten. Sie hatte den Deckel bereits aufgerissen und eins der Weißen Tierchen hervorgelangt, das sie nun fest an ihre Brust drückte, den Schnabel auf ihr Mündchen gerichtet. „Bleib so stehen, bleib so stehen!" rief Lorensen begeistert aus und sprang vom Tisch auf. Ruhig verharrte sie in derselben Stellung, die langen Wimpern gesenkt, von köstlicher Ahnung bewegt, was die Männer am Fenster leise besprechen würden. Und als Lorensen sie bat, die dumme Jacke abzulegen und das Tierchen noch ein- mal so zu halten, erfüllte sie ohne weiteres diesen Wunsch. Sie war rot geworden, in jener freudigen Erregung eines flüggen Mädchens, das den Mittelpunkt eines wichtigen Vorgangs bildet. „Hör mal," sagte nun Kempen nach einiger Ueberwin- dung.„Könntest Du Wohl vormittags ein paar Stunden Modell sitzen? Du weißt doch, was das ist?" Ein erhabenes Nicken kam, dem die Worte folgten:„Sie müssen aber erst Mutter fragen." 5bempen kaufte die Tauben ohne zu handeln, was Lorensen merkwürdig fand. Dann tat der Bärbeißige die Tiere in eine Kiste, warf die Erbsen hinein, die noch im Korbe waren, und ließ das Mädchen gehen. In der Dämmerung machte er sich auf den Weg zu Frau Münk, die nicht weit wohnte, in einer der Straßen, die auf Schöneberger Gebiet lagen. Als er den schmalen, unsauberen Hof hinter sich hatte und dann glücklich durch den schwach be. leuchteten Flur in die verbaute Parterrewohnung des Quer- gebäudes gelangt war, erstaunte er, keine von den gewöhn- lichen Witwen zu finden, denen man ihr Gewerbe st fort an- sieht, sondern eine stattliche Person, deren Eindruck an bessere Tage erinnerte. Fast geriet er in Verlegenbeit, als sie ihn mit Anstand in das saubere Zimmer hinter der Küche führte, wo alles weiß von Wäsche war. die der Bearbeitung harrte. Es roch nach Stärke und nach Plätteisen, un� die bachge Wärme legte sich Kempen sofort auf die Lunge; aber mit einem gewissen Behagen atmete er diese Stubenluft, die ihn an die enge Klause der Mutter daheim erinnerte. „Ah, der Herr Künstler!" Nach einem Wink von ihv schlürfte ein kräftiges Mädchen in Heller Bluse, das mit seinen derben, entblößten Armen am Fenster das Eisen gestrichen hatte, auf weichen Sohlen hinaus, wobei die Dielen erzitterten, Dann warf Frau Münk mit einem Schwung einen Berg Chemisetts von einem Stuhl auf das Sofa an der Hinteren Wand und lud ihn zum Sitzen ein. Die einzige Lampe stand auf der Kommode; im tiefen Schatten des äußersten Winkels kicherte jemand, und als Kempen den Blick dorthin richtete, sah er Klara auf einer Fußbank hocken und ihren Kaffee trinken. Wie der Wind hatte sie sich bei seinem Eintritt ver» zogen, um versteckt zu hören, was man sprechen würde. „So ist sie nun. immer hat sie Possen im Kopf," sagte die Mutter, ohne es ernst zu meinen.„Aber sie ist ein gutes Kind, brav und fleißig. Sie war immer die Beste in der Schule. Wenn ich sie jetzt nicht hätte—! Man hat es nicht leicht, Herr Kempen. O, ich weiß schon, wie Sie heißen. Und auch von dem drolligen Umzug hat sie mir erzählt. Sie spricht immer die Wahrheit und verschweigt mir nichts. Ist das nicht hübsch?" Und als der Bildhauer, wortlos darüber, hier wie ein guter Bekannter behandelt zu werden, nur nickte, fuhr sie fort:„Ich habe lachen müssen. Ja, die Kunst geht nach Brot, das war immer so." Sie sprach in einem Zug weiter, von ihrem Vater, der noch als Greis ein schöner Mann gewesen sei mit roten Wan- gen und langem, weißen Bart, und den sich alle Maler geholt hätten, um ihn zu verewigen. Auf vielen Gemälden sei er zu sehen, und da oben über der Tür hänge noch sein Bild, mnt schon verräuchert durch die Jahre, das ihm ein Künstler ge- schenkt habe. Er sei sparsam gewesen, aber ihr Mann, der Mechaniker, habe mit seiner Erfindungssucht die paar tausend Mark wieder verpulvert, und nun müsse sieflich durchschlagen, wie es gehe. Aber nicht lange mehr solle ihre Tochter so herumlaufen, denn sie müsse in irgend ein Geschäft, um etwas Tüchtiges zu lernen. Merkwürdig sei nur, daß sie für Kunst schwärme, das müsse wohl so in ihr liegen; denn vor keinem Bilderladen könne sie vorübergehen, ohne nicht zu gaffen und zu staunen. „Aber so laß mich doch. Mutter, das ist doch das einzige Vergnügen, das ich habe," klang es aus dem Winkel, mit einer gewissen Traurigkeit, so daß Kempen davon gerührt wurde. Er sah nur die Armut an diesem Ort und dachte an die gleiche Not seines Lebens, in der Tag für Tag brennend der Wunsch in seiner Brust gezehrt hatte, hinaus ans Licht zu kommen. Und dort in der Ecke saß Eine, die vielleicht dieselbe Sehn- sucht hatte und deren kindliche Frische in dumpfer Lust erstickt wurde, ohne daß man ihr Hangen und Bangen begriff. Weshalb sollte sie nicht als Modell gehen, wie ihr Groß- Vater, tvenn der innere Drang sie dazu trieb? Hermann Kempen hatte schon wieder seine Arbeit im Sinn, vergaß ganz die Person und kam kurz und bündig auf die Sache zu sprechen. Zwei Stunden am Vormittag würden genügen, die man täg- lich bezahlt bekommen könnte. Frau Münk hatte ihre Bedenken. Die Künstler, die Künstler! Das sei ein Völkchen mit leichten Anschauungen. und ihre Tochter sei ein unverdorbenes Knd; zwar schon auf- geweckt, ober doch unschuldig wie die Sonne. Nein, es ginge nicht, so sehr sie auch zu Gefälligkeiten geneigt sei. Hermann Kempen, durchaus würdig anzuschauen, kehrte den Trotz des Mannes hervor, der etwas erreichen will. Er wolle doch nur den Kopf modellieren, das Gesicht mit den Grübchen! Sie lachte und schickte Klara in die Küche.„Das sagen die Herren Künstler immer," fuhr sie dann fort.„Und dann wollen sie immer mehr sehen. Mein Vater hat schöne Ge- schichten darüber erzäblt! Zum Kopf gehört doch auch ein Hals, und dann das übrige. Obendrein sind Sie zwei. Meine Tochter würde sich zu Tode schämen." Endlich, als Kempen auf seine Mannesehre versichert hatte, daß sie deswegen nicht in Unruhe zu schweben brauche, und er sich freuen würde, wenn sie mitkäme, um sich von der Harmlosigkeit der Arbeit zu überzeugen, gab sie nach. Die zwei Mark lockten auch, die fast mühelos inS Haus kommen sollten. To reichte i?r denn Kempen zum Schluß die Hand und verließ sie mit Befriedigung. Noch in der Küche hatte er Klara gesprochen; kaum aber war die Tür hinter ihm ge- schlössen, so hörte er sie drinnen wie jubelnd ausrufen:„Das wird schön, Mutter, das wird schön I" „Das müssen wir erst abwarten." knurrte Kempen vor sich hin, wobei er aber nur an seine Kunst dachte. Schon am anderen Tage, kurz vor zehn Uhr, kam sie, ge- bracht von ihrer Mutter, die sofort sagte:„Ich mutz doch ein- mal sehen.. Und sie blickte sich wirklich neugierig im Zimmer um, lachte über die Venus auf dem Spind, der man einen alten Strohhut aufgesetzt hatte, und musterte auch sonst all die Dinge, die der Stube einen malerischen Anstrich gaben. Lorensen, der die Buntheit liebte, hatte seidene Fetzen ausge- kramt, die in kühnen Falten vereint mit zwei Papierfähnchen zwischen den weißen Abgüssen hingen. Einer anatomischen Gipsfigur war ein billiger, roter Fez aufgestülpt, der von einem Atelierfeft stammte. Photographien, Holzschnitte und Kupferstiche ohne Rahmen klebten an den Wänden, in jener göttlichen Unordnung, die der Philister so sehr hatzt. Ucber Nacht hatte es wieder streng gefroren, und so trat Frau Lemke mit einer Schürze voll Holz ein, um kräftig nach- zufeuern: sie kannte das Mädchen wieder, sah die fremde Frau und dachte bei sich:„Was wird das nun werden?" Kempen klärte sie auf, und sie ging mit jenem verdächtigen Blick, der mehr als Worte sagt. Diese Künstler zahlten wenig und ver- langten viel— das war der ewige Gedanke, den sie in sich verschloß. Klara trug ihr blaues Sonntagskleid mit Spitzen am Hals und an der Asrmelöffnung. Sie hatte Stiefel mit Lack an, und ihr Haar war sauber gekämmt und geknotet. Man fah, wie die Mutter sie zurechtgemacht hatte mit der Sorgfall ehrbarer Frauen, die mit ihrem Liebsten prahlen möchten. Aber alles für die gute Stube, nur nicht für die Kunst! Kem- Pen sagte es sich sofort und bat die Mutter, die Flechten auf- lösen zu dürfen, was sie mit einem sauren Gesicht zugab, denn sie hatte sich gehörig Mühe gegeben und ihre Arbeit darüber vergessen. Fast bis zu den Fersen reichte das Haar, das, nun ledig seiner Fesieln, die Kleine wie ein brauner Mantel aus loser Seide unvvogte. Kempen hatte zwei flache Kisten zusammengestellt, und als sie nun oben auf dem Sttihl saß, immer lautlos, mit pochendem Herzm, ergriff er ihren Naturschmuck und schlang ihn geschickt zu einem großen Knoten, der mit seinen Enden nach vorn über die Schultern rieselte. Und er dachte sich dazu etwas anderes: ein weißes, durchsichtiges Kleid, das den schwachen Schmelz ihrer Haut zeigen würde, die ganze Plastik dieser knospenden Büste, deren schöne Rundung selbst die mummelige Taille nicht verbergen konnte. „Wie Sie das alles verstehen," warf Frau Münk ein und lachte abermals. Breit und fest hatte sie sich auf das Sofa gepflanzt, die Rechte auf den derben Schirm gestützt, mit der ganzen Koketterie einer noch hübschen Frau, die nun von Eitel- keit auf ihre Tochter erfüllt ist, in der sie ihr Ebenbild erblickt. „Ach, da bist Du ja wieder. Du licbeS Turtelläubchen," rief sie dann aus, als Kempen die weiße Taube aus dem Behälter nahm und sie Klara in die Hände gab, um zu sehen, wie sich alles machen würde.„Laß Dich nur nicht beißen, sie war immer so wild." Das Tier flügelte und schnäbelte nach dem Mund, saß dann aber still an der Brust wie lebender Flaum. Kempen rückt? den Modellierbock zurecht und begann schweigend seine Arbeit, um die erste rohe Skizze zu haben. Kühn warf er den Ton an, knetete dann darauf los, wobei die Finger ihm das Werkzeug ersetzten. Alles wuchs unter seinen Händen, zwar nur in groben Zügen, aber als Abbild besten, was er zeigen wollte. Niemand sprach ein Wort. Zweimal noch ließ Frau Lemke sich blicken, um sich am Ofen schaffen zu machen; aber ihre Miene verriet, daß nur die Neugierde sie hereingetrieben habe. Die Mutter hielt wacker bis zum Schluß aus. Zwar war sie auch am anderen Morgen wieder zur Stelle; als sie dann aber eine halbe Stunde unverwüstlich dagesessen hatte und nur das ernste Arbeiten dieses merkwürdigen Mannes sah. der stets knurrte und brummte, höchstens mit den Fingern sein Modell zurechtrückte, sonst aber kein Lächeln und kein zärt- liches Wort herausbrachte, fand sie diesen Bewachungsdicnst ebenso langweilig als überftüsfig, und so empfahl sie sich mit K« Ausrede, noch einen wichtigen Gang zu haben. Ilgortsetzung folgt.)! w, Die familie Krage. Von Johann Skjoldborg. Autorisierte Uebersetzung von Laura Heldk, 27. Es geschah nicht selten, daß eine Schar von Männern sich aus den Wegen und Fußsteigen zeigte, die von den Toruper Dünen ia die Umgegend führten. Das war, wenn em Hochschulvorsteher in Lem sprach und namentlich, wenn in Tarup über irgend etwas abgestimmt werden sollte. Still betraten sie stets die öffentlichen Lokale und hielten sich gern, zu einem Klumpen vereinigt, etwas im Hintergrunde, wo sie still und beobachtend standen, leicht zu erkennen an ihrem starken Haarwuchs und der groben, selbstgefertigten Kleidung. Wenn aber über etwas abgestimmt werden sollte, da öffneten sich die stummen Munde und nannten alle dasselbe Wort oder den- selben Namen mit lauter, wetterharter Stimme, einer nach dem anderen die ganze Reihe entlang— oder alle streckten wie auf Kommando die starkknochigen Hände in die Höhe. Drinnen standen sie schüchtern, als wenn sie in der Kirche wären. Wer wenn sie erst aus den Versammlungen heraus und allein draußen auf den Dünenwegen waren, dann konnten sie scher- zen, bisweilen sogar ausgelassen sein wie die Jugend, die Mannes- stärke durch ihren Körper rinnen fühlt. Denn setzt kannten die von Arbeit gekrümmten Häusler die Macht des Stimmrechts. ES war ein starker Arm, der in den Sattel heben und auch wieder herunterzerren konnte. Wo Jürgen Krage sich zeigte, da waren die Dünenbewohner nicht allzu weit entfernt.„Sie sind überall und treten gleich in Mengen auf, diese verdammten Dünenkrähenl" sagte der Guts- besitzer Skov. Ihn hatten sie aus dem Gemeinderat heraus und Jürgen hineingebracht. „Gegen die Eigenmächtigkeit des Provisoriums setzen wir das allgemeine Wahlrecht I" hatte Jürgen gefagt, als sie mit der Un- ruhe neuerweckter Energie in ihn drangen, etwas zu unternehmen. „Langsam aber sicher! Wenig auf einmal, aber oft!"— Und damit war die neue Taktik in die Wege geleitet, die sie nun mit Erfolg durchführten. „Schließlich mußte er doch runter, der Mann vom Pughokel" sagte Jens Ron eines Tages, als mehrere Dünenbewohner auf dem Wege nach Tarup waren. Damit meinte er die Ausschußwahl im Kreditvereine, die kürz« lich so verlaufen war, daß ein Bauer gewählt ward, an Stelle des Besitzers vom Pughofe, Herrn Bruhn, der viele Jahre diese Stellung innegehabt hatte. „Ja, ob er nun wollte oder nicht, herunter mußte er meiner Seell" lachte Niels Malle. „Uns Bauern kann ein Bissen frisches Fleisch dann und wann auch nicht schaden!" meinte Ron. „Langsam aber sicher!— so werden wir sie hols der Teufel wohl kriegen!" sagte Krän Hvas und zupfte an seinem Bart. „Meinst Du nicht auch, Jürgen?" „Ja, aber es wird noch eine Weile dauern!" „Meinethalben, und wenn es so lange dauern sollte als dieser König regiert! Hier geben wir ihnen eins auf den Kopf und dort überstimmen wir sie— schließlich werden wir schon mit ihnen fertig werden!" „Nur eins dürfen wir nie vergessen," sagte Jürgen,„nämlich, daß der Tüchtigste auch stets der Stärkste ist! Daher ist die heutige Versammlung, die über die Gründung �einer Genossenschaftsmeierci beraten soll, außerordentlich wichtig. Seht, wenn wir es in dieser Weise treiben, dann bekommen wir Häusler genau so viel für unsere Butter wie die Gutsbesitzer, begreift Ihr das!— Aber zusammenhalten müssen wir!" „Das versteht sich von selbst," pflichtete Ron bei. „Ja, ohnedem können wir nichts durchsetzen— aber dann— er fluchte— können wir es auch!" sagte Krän Hvas. „Können sie es anderswo, dann können wir e« meiner Seel auch!" Das war Mads Kirk. — In der Versammlung sprach Volksschullehrer Frode Eskildsen«ms Lem über den Gciwssenschaftsgedanken. Seine schmale, mit blauen Adern durchzogene Hand strich liebkosend den langen, wohlaepflegten Bart und seine großen, hellblauen Augen blickten über die Versammlung hin. Seine biegsame Stimm« war daran gewöhnt, den Stimmungen des Herzens und der Phantasie Ausdruck zu verleihen und in Wendungen, wie sie auf Bolksver- fammlungcn gebräuchlich sind, sprach er in seinem weichen, fingen- den, fühnschen Dialekt— vom Boll der Dänen, von Volksfrciheit und Selbstverwaltung, von den menschlichen Taten im Reiche des Geistes, davon die augenblicklichen ökonomischen Hindernisse in neue Kraftquellen zu verwandeln... Doch enthielt sein« Rede auch viele Zahlen, Erläuterungen und gute Gründe. Und die Zukunftsaussichten, die er vor ihren Augen entrollt« mit rauchenden Schornsteinen, wirbelnden Zentrifugen und mächtigen Stapeln großer Butterfässer ließ der Versammlung das Ganze nicht nur als ein gutes Geschäft erscheinen, sondern auch als eine lobenswerte nationale Tat, die den Anbruch einer neuen Zeit verkünde. Als er geendet, war niemand mehr im Zweifel, und das Zeichnen von Beiträgen ging daher schnell von statten. Aber als die Gesetze verhandelt wurden und man zu dem Punkt des Stimmrechts gelangte, erhob sich Sören vom Wiesen- Hose mit seinem Vogeigeficht itnv sagte:.ES ist doch nur billig, baß die, die die meisten Kühe haben und den großen Beitrag zahlen— daß die auch am meisten zu sagen haben in bezug auf die Einrich- tung und den Betrieb der Meierei. Dafür werde ich stimmen!" Frode Eskildsen hielt darauf eine kleine Rede über daS rechte Verständnis für Freiheit und Menschenrechte, die für alle gleich sein müßten, einerlei, ob sie eine oder mehrere Kühe hätten. Trotzdem steckten die Toruper Hofbesitzer die Köpfe zusammen, und Michel Peter wagte zu äußern, daß ihm doch schiene, Sören Andersens Vorschlag habe etwas für sich. Da erhob sich Jürgen..Wenn wir alle, klein und groß, gleich gut sein sollen im Kampf um unsere Freiheit und unser Recht, dann können wir wohl auch gleich gut sein in diesen Dingen hier. ohne daß der eine mehr Rechte hat als der andere. Stimmt es, daß wir alle gleich sein sollen, das Land zu regieren, dann dürfte doch wohl auch kein Unterschied sein bei der Leitung solch einer Meierei." Er schleuderte die Sätze sehr kräftig und nachdrücklich heraus. Und es entstand eine kleine Pause. Diese ward dadurch unterbrochen, daß Krän Hvas zu Sören Andersen gewandt, bemerkte:.Du bist, hols der Satan, nicht viel besser als ein Konservativer!" Sören Andersen ward dunkelrot, rümpfte die Nase und be- tvegte heftig die mageren, ausgespreizten Finger. Und über seinen Vorschlag ward nicht weiter gesprochen. — Am Spätnachmittag, als die Sonne schon gleich einer blanken Scheibe über den westlichen Dünen hing, gingen die Dünenbewohner heim, den neuen, breiten, ausgeschaufelten Weg entlang, der von Tarup nun direkt hinaus in die Dünen führte, und der noch unvollendet dalag mit halbfertigen Gräben und Erd- klumpen, die in die Mitte geworfen waren. Sie standen still und schauten darauf hin von einer seitlichen Erhöhung im Heidekraut aus. und ihre schwarzen Schatten fielen weit hinaus in die Heide. Krän Hvas putzte mit großem Nachdruck seine Nase und trock- nete dann seine Finger ab:.Du hast sogar den Gemeinderat ver- mocht mitzugehen, Jürgen!" Es war, als ob Jürgen lächelte. Mads Kirk, der sich auf seinen hinterrücks in die Erde ge- steckten Stab stützte, wackelte ein paar Schritte vorwärts und sagte vergnügt:„Ja, es sind meiner Seel viel schöne Dinge passiert in der letzten Zeit!" .Der Augenblick fordert daS, Mads!" antwortete Rön und brüstete sich. Und dann schritten sie wieder weiter miteinander den Dünen zu, gefolgt von den langen, schwarzen Schatten. 23. Anders Krages Haar färbte sich heller und immer heller. Er wurde jetzt alt. Nicht nur. daß seine Glieder steif waren, so daß er beim Gehen stolperte und schwankte, er trug auch noch an einer Krankheit. Von einem Arzt wollte er nichts wissen. Aber eines Tages trank er eine halbe Flasche Kräuterbranntwein, denn.es sei doch möglich, daß die Geschichte inwendig in Fluß kommen könne," meinte er. Und dann zog er sich aus am hellichten Tage. Er saß auf dem Bettrand in seinen gelben, baumwollenen Unterhosen und löste die langen Strumpfbänder, die an der einen Seite der un- gefärbten Strumpfborte befestigt waren; aber die Strümpfe selber mußte Kjesten ihm ausziehen. Und der alte Anders blieb im Bett liegen viele Tage und Wochen. Da lag er drinnen im Alkoven mit seiner dicken Mütze; denn er fror am Köpft. In gewissen Zwischenräumen hob er die flache Hand ans Licht, um zu sehen, ob sie bald durchscheinend sei. Das war für ihn das Zeichen, ob er leben oder sterben werde. Er klagte nie. denn er wußte wohl, daß es erst noch ganz anders kommen mußte, ehe das Leben im Körper ertötet war. Aber ihn schauderte, wenn Kjesten abends zu ihm ins Bett kroch und er sich weiter dort hineinlegen mußte, wo das Bett noch kalt war. Dafür freute er sich aber um so mehr, mit ihr plaudern zu können, bis sie einschlief, meistens über Dinge aus alten Tagen. Jürgen und Mari« hörten auf der anderen Seite der Bettwand jeden Abend Anders tiefes Gemurmel und dazwischen Kftstens schwache Altweiberstimme, die leiser und leiser wurde, bis sie zu. letzt in Schnarchen überging. Anders selber schlief nicht viel nachts. Aber mitten am Tage wollte er eine Weile Ruhe haben. Eines Mittags störte Kjesten ihn durch irgend eine Arbeit, die sie verrichtete. Da steckte er den Kopf mnt den grauen, unter der Mütze hervorquellenden Haarsträhnen aus dem Alkoven heraus und sagte in seinem alten, barschen Ton:.Könntest Du nicht noch «in wenig mehr Spektakel machen!" Sie biß sich auf die Lippen, und eS ward danach so still, daß «an das Summen einer Fliege hatte hören können. Später ging sie hin und schaute nach ihm. Dort lag ihr alter, starker Anders, mager und gelb mit entzündeten Augenlidern und blickte sie so eigentümlich an. Sie legte eine Hand auf die Bett» decke und fragte:„Glaubst Du, daß Du drüber hinwegkommst, Vater?" „Ja, das Blut ist wohl noch zu warm, Kjesten," antwortete er und legte seine Hand riben auf bft ihr«. Alles Strenge Aar au« seinem Blick verschwunden, schien ihr.— Jürgen mußte ihm jeden Tag erzählen Von den Tieren im Stalle, von den noch restierenden Futtervorräten in der Scheun« und wie viel Tonnen die verschiedenen Kornarten nach dem AuS» dreschen gaben.— auf diese Weise vermochte Anders dem ganz«, Betriebe zu folget». An der Innenseite der Betiwand hatte Jürgen ein Bort am gebracht, auf das der Alte ftine kleinen Gebrauchsgegenstände legen konnte. Dort lagen ftine doppelkapselige Taschenuhr und ftin» Tabaksdose. In kurzen Zwischenräumen nahm er ein Stück Kau- tabak, spie es aber bald darauf wieder aus in den hölzernen Spuck- napf, der vor dem Bette stand; er ko.int« den Tabak nicht lange im Munde behalten, aber er vermochte ihn auch nicht zu entbehren. Auf dem Bort lag ebenfalls seine Brille, und er benutzte si« jeden Tag. Er war nämlich der erste im Haus«, der die Zeitung las, die Sören Knak ihm jeden Tag auf die Bettdecke legen mußte, (Schluß folgt.) kK-chdruck toBoMD Maller und Leben. Von Eduard O p p e l. Wilhelm Völsche wirft in seinem Werke:„Das Liebesleben in d«r Zlatur" die Frage auf: Was ist der Mensch? und kommt iukH langen philosophischen und genetischen Betrachtungen zunächst zu dem Ergebnis: ein Weltlörper, der eine bestimmte Stelle in einer gewissen Reihenfolge der Weltstoffgebilde einnimmt. Und im Ver- laufe seiner anschließenden Erörterungen chemischer Verbindungen meint er: man muß sich bloß an die simpelste aller solchen Verbin» düngen erinnern, die berühmte H a O, wie der Chemiker sagt: zwei Teile Wasserstoff und ein Teil Sauerstoff zum Rezept„Wasser" verbunden. Was sollte dein Leib anfangen ohne Wasser? Es ist nicht nur eins seiner wichtigsten Nahrungsmittel, sondern geradezu der Hauptbestand seines ganzen Gebäudes. Ein großes Venedig ist alle feste Substanz in uns, vom Wasser umspült, auf dem Wasser schwebend. Das neugeborene Kind besteht zu L6 Proz. aus Wasser, oer Envachsene immer noch aus b3 Proz. Selbst deine soliden Knochen haben noch 12 Proz. Wassergehalt, dein denkendes Gehirn hat 75, dein Blut gar 83.... Wo die Temperatur bi» auf eine gowisse mäßige Wohligkeit heruntergeht— wo das Eisen hart wird und an seiner harten Rinde mit dem Sauerstoff chemische Liebeleien anzubändeln beginnt, daß eine Rostkruste auf ihm entsteht—, wo die wilden Luftgeister Wasserstoff und Sauer- stoff sich ebenfalls in Liebe galten und als wunderbares taufrisches Wasserkind auf einmal einen blauen Himmeisbogen über das Ge- bilde spannen, von dem es in Tropfen fällt, die sich unten zu sozialen Genossenschaften, Quellen, Seen, Ozeanen vereinigen: oa ist das geheimnisvollste aller Weltkörperchen erst daheim: der Mensch. Solcherart führt uns Bölsche in seiner anschaulichen Dar- stellungsweise vor Augen, wie unzertrennlich deS Menschen Existenz von dem Vorhandensein des Wassers ist. Der enorme Wassergehalt des menschlichen Körpers spricht Bände dazu, und wenn uns der zum Unfug ausgeartete Sport der Hungerkünstler nichts weiter gelehrt hat. so doch eines, daß kein Mensch längere Zeit ohne Wasser zu leben imstande ist, denn Wasser nehmen auch die söge- nannten Hungerkünsller zu sich. Tagtäglich. In der Tat, mit Wasser vermag es eine angepaßte Natur wohl 30 und mehr Tags auszuhalten; ohne Zufuhr von Wasser würde der Mensch in acht Tagen tot sein. Ein« andere Kategorie von Lebewesen würde noch viel rascher dem Wassermangel erliegen, das sind die Pflanzen. Man sehe nur, wie rasch die Gewächse verdursten, wenn man ihnen die Wasser. zuftihr abschneidet. Sie werden welk, lassen die Blätter hängen, schrumpfen ein und verdorren. Wasser brauchen die Pflanzen zu ihrer Endwickelung, zur Atmung, zu den BeivegungSvorgängcn, zu den Rcizerscheinnngen, kurz: zu allen Lebensprozessen. Eher kann ein Nährsalz vorübergehend fehlen, als das Wasser. Wasser ist keine Minute entbehrlich, sollen nicht sofort krankhafte Verände- rungcn bei der Pflanze auftreten. So ist es denn auch mit dem Wassergehalt der Pflanze ähnlich wie mit dem des menschlichen Körpers. Regelmäßig übertrifft der Wassergehalt der lebenden Pflanze die Menge der Trockensubstanz ganz bedeutend. Manche Pilze enthalten 92 bis 98 Proz. Wasser. Wachsende Organe grüner Pflanzen führen gewöhnlich 80 bis 90 Proz., ausgewachsene Blätter weisen noch 60 bis 70 Proz., fleischige Wurzeln und Früchte gar 70 bis 90 Proz. Wasser auf. Festes Splintholz enthält noch 30 bis 50, Kernholz, lufttrockener Splint und Borke der Bäume immer noch 8 bis 15 Proz. Wasser. Lufttrockene keimfähige Samen enthalten noch 10 Proz., lufttrockene, aber noch gärungs- und wachstumsfähig« Hefe immerhin noch 10 bis 13 Proz. Duhamel war schon 1758 bekannt, daß man Landpflanzen, selbst Holzgewächse, in natürlichen Wässern zur Entfaltung bringen kann. Wiegmann und Polstorfs wollten alsdann die für die Pflanzenernährung notwendigen Mineralswffe feststellen, indem sie genau kontrollierte Bodenftofte den Gewächsen darreichten. Aber «rst, als Knop 18kl auf Duhamel zurückgriff und die„Wasser- kulwrmethode" ausbaute, lernte man die für die Pflanzen un- entbehrlichen Badensalze iNährsalze) kennen. Dabei ergab sich, daß zur Erziehung der meisten Gewächse in Wasserkultur sich folgende Nährstofflösung eignet: auf 1000 Gewichtsteile Wasser 1 Teil salpetersaurer Kalk, je V*. Teil salpetersaures Kali, saures phosphorsaures Kali und schwefelsaure Nlagnesia. und ein fünf- zigstel Teil phosphorsaures Eisenoxyd. Die Lösung ist allo kaum zweipromillig, genau 0,177 prozentig, also ein sehr verdünntes Salzgemisch. Aber so und nickt anders findet es die Pflanze im Boden. Das Verhältnis der Wassermenge zur Nährsalzmenge ist bOO: 1. Die Zahl der chemischen Individuen(elementaren Substanzen), die von der Pflanzenwelt produziert werden, ist erstaunlich groß. Weit mehr als 1000 dieser Körper sind aus der Pflanze schon her- gestellt worden. Abgesehen von Kali, Kalk, Schwefelsäure und Phosphorsäure, Magnesia und Eisen, findet man in der Pflanzen- asche z. B. Chlor(an Metalle gcbundem), Mangan, Kieselsäure, Natron, ja sogar Jod, Brom, Fluor, Lithium, Baryum, Strontium, Rubidium, Aluminium, Kupfer, Blei, Silber, Zink,� Nickel, Arsen und Kobalt. Während diese zuleht genannten Bestandteile ver- hältnismässig selten sind, trifft man Scliwefel und Kali in jeder Pflanzenzelle. Sckwefel ist für die Eiweißverbindungen unent- behrlich, ohne die keine Zelle existenzfähig ist; dagegen ist noch nicht ganz klar, warum die Zellen auch regelrecht Kali enthalten. Aber selbst in Pflanzen, bei denen der eine oder andere dieser vor- genannten Körper überwiegt— in der Asche mancher Getreide- körner hat man z. B. 50, in der von Schachtelhalmen gar bis 60 Proz. Kieselsäure festgestellt, andere Getreidekörner enthalten bis 53 Proz. Phospborsäure, die Asche von l�cogadium com- planatum wies 38 Proz. reine Tonerde auf usw.—, selbst in solchen Pflanzen spielt das Wasser die Hauptrolle. Das Wasser, das die Gesteine netz! und das Erdreich tränkt, hat die wichtige Aufgabe, die niineraliscben Stoffe aufzuschließen und Lösungen herzustellen, aus denen sich die Saugwurzeln der Gewächse ihre Nahrung auswählen. Diese Nahrung wieder kann nur durch Vermittelung des Wassers— als'wässerige Lösung— in die Wurzeln gelangen und auch von da aus nur durch Hilfe des Wassers an die Stelle des Verbrachs geleitet werden. In der leben- digen Pflanze ist daS Wasser also Transportmittel, treibend« Kraft und Betriebsmaterial. Dieses Nutzwasser wird nicht festgehalten, sondern strömt durch die Pflanze hindurch und wird von den Blättern in Dompfform der atmosphärischen Luft zurückgegeben. Die Menge dieses Betriebswassers, das ohne Rast und Ruhe un- ablässig die Millionen Pflanzenzellen durchwandert, die in ihm gelösten Nährstoffe in die Zcllenlaboratorien der Blätter trägt, um in den Kreislauf der Atmosphäre zurückzukehren, nur um neuem, immer neuem Wassernackschub Platz zu machen, übersteigt das Ge- wicht der Pflanze im Laufe der Zeit um das Hundertfache. Man fann annehmen, daß es im Durchschnitt überhaupt zwei Drittel des augenblicklicken Gewichts der Pflanze ausmacht, während auf die erarbeitete Trockensubstanz nur ein Drittel fällt. Ein Nostok, der frisch L,224 Gramm wog, enthielt nach dem Austrocknen nur noch 0,126 Gramm, bestand also zu mehr als 94 Proz. au? Wasser. Torfmoos, das im frischen Zustande 25,067 Gramm Gewicht hatte, ckesaß ausgetrocknet nur noch 2,535 Gramm, enthielt demnach 90 Proz. Wasser, und man trockne einmal einen zentnerschweren Kürbis aus! Man wird staunen über die geringe Trockensubstanz. Aber nicht nur als Betriebsfaktor kommt das Wasser hier in Frage, es ist auch ein direkt unentbehrlicher Nährstoff für die Pflanze. Bei dem Aufbau der Moleküle deS Zuckers, der Stärke, des Zellstoffes, der Fette und Säuren, der eiweißartigen Verbin- düngen, also aller wichtigen Substanzen, aus denen die Pflanze besteht, haben sich die Atome des Wassers als Bausteine einzu- fügen, und es könnte ein Wachstum der Pflanze, eine Zunabme ihrer Masse ohne Wasser gar nicht erfolgen(Kerner). Abgesehen von der�ebenso unentbehrlichen Kohlensäure kann die Pflanze jede andere Substanz eher kürzere oder längere Zeit entbehren als das Wasser. Wir können ja nicht einmal einen Samen zum Keimen bringen, wenn wir ihm nicht genügend Wasser zuführen. Die Salze und Säuren im Innern der Samen ziehen mit großer Energie Wasser an, mit gleichem Eifer fesseln die Moleküle deS Zuckers und der Eiweißstoffc das Wasser an sich, die Zellen werden ausgefüllt, das immer nachdrängende angezogene Wasser bringt sie in einen straffen Zustand der Spannung, den man Quellung oder Turgor genannt hat. und kommt nun die notwendige Wärme dazu, fo werden die Samen gesprengt: sie keimen. Wir erleben dos zu Millionen Malen im Frühjahr, wenn sich im Reiche der Flora das neue Leben regt, wenn die Fluren grün werden, die Saaten auf den Feldern sprießen, die Knospen schwellen und die Bäume mit frischem Laube und präcktigcn Blüten sich schmücken. Außer allem Zweifel ist, daß die Ueppigkeit der neuen Sprosse und Organe in direktem Verhällnis zu der Wassermenge steht, die der Pflanze zu- geführt wurde. Der Hauptarbeitsprozeß der Pflanze ist an das Masser ge- Kunden. Die Produkiion fester Substanz ist ohne Wasser nicht denkbar. So ist es nickt verwunderlich, daß viele der zu Nähr- werten umgewandelten Nährstoffe noch hohe Prozentsätze an Wasser enthalten. Die wicktige Zellulose besteht aus 5 Atomen Sauer- ftoff, 6 Atomen Kohlenstoff und 10 Atomen Wasserstoff. Die äthe- rischcn Oele setzen sich zumeist aus 10 Atomen Kohlenstoff und 16 Atomen Wasserstoff zusammen, und selbst Stärke ist mehr oder weniger wasserhaltig. Auch so dokumentiert sich die AllgegenwaP und Allnotwendigkeit des Wassers. Ohne Wasser kein Leben. Denken wir an die Wüste! Ihr fehlt das Wasser und die Flora. Nur in den wasserhaltigen Oasen regt sich Tier- und Pflanzen- leben. Unzertrennlich ist das Leben an das Wasser gebunden, so- wohl das Pflanzen- wie das tierische und menschliche Leben. Man bestreitet, daß es auf dem Monde irgendeine Art Leben gibt, ledig- lick weil es dem Monde an Wasser fehlt. Die Schwefelbakterien, niederste Pflanzenwesen, atmen Sckwefelwasserswff, der jedes andere Leben ertöten würde, sie fressen in buchstäblichem Sinne Steine als Brot, aber ihr Leben wäre verwirkt, wenn man ihnen das Wasser entzöge. Selbst diese anspruckslosesten unter den mikroskopischen Existenzen können ohne Wasser nicht leben. DaS vielgeschmähte Wasser entpuppt sich also da als von einer Wichtig- keit, die man einer Verbindung von der simplen Zusammensetzung H- O gar nicht zugetraut hätte. 8eefifcknakrung. Seefische, die in der täglichen Nahrung der Küstenbewohner eine so große Rolle spielen, werden im Binnenlande immer noch nicht nach Gebühr geschätzt. Das beweisen vor allem die Zahlen über den Seefischvcrbrauch in Deutschland. Während der Konsum von Warmblütertleisch sich auf etwa 40 Kilogramm im Jahre pro Kopf der Bevölkerung stellt, beträgt der Seefischkonsum nur 6 Kilogramm pro Jahr und Kopf; von diesen 6 Kilogramm ent- fallen etwa 4 Kilogramm auf ausländische Seefische— hauptsächlich kommt hierbei der beliebte Salzhering in Betracht—, so daß der Konsum an friscken Fischen aus deutscher Seefischerei nur ganze 2 Kilogramm lährlich pro Kopf beträgt. Das ist in der Tat außerordentlich wenig. Dabei haben wir im Fleisch der See- fische ein Nahrungsmittel, das dem Warmblütcrfleisch in den meisten Beziehungen völlig ebenbürtig, ja diesem in einigen sogar überlegen ist. Die billigsten Eiweißträger aus dem Tierreiche sind zweifellos die Seefische, eine Tatsache, die in der Zeit der Teue- rung aller notwendigen Lebensbedürfnisse die verständnisvolle Beachtung aller Hausfrauen finden müßte. In einem Vortrage, den der Hamburger Fischereidirektor Lübbert im Berliner Rathause kürzlich auf Veranlassung des deutschen Vereins für Volkshygiene hielt, wies der Redner ein- gehend die Haltlosigkeit der landläufigen Vorurteile gegen die Seefische nach. Vielfach meint man z. B., es handele sich dabei um abgestorbene Fische. Dem ist nicht so. Unmittelbar nach dem Fange werden die lebenden Fische an Bord der Fischdampfer oder Fischerboote von der Mannschaft geschlachtet und gesäubert. In Eis verpackt gelangen sie auf dem schnellsten Wege in das Binnen- land, wo man heute Seefische jederzeit in tadelloser Frische kaufen kann. Eingehende Untersuchungen über den Nährwert der See- fische haben ergeben, daß z. B. der zurzeit billigste Seefisch, der Köhler- oder Seelachs, mehr Eiweiß enthält, als Schweinefleisch und nur etwas weniger als Rindfleisch. An Fettgehalt steht das Fischfleisch vielfach hinter dem Warmblüterfleisch zurück. Dafür besitzen Fische einen nicht unerheblichen Gehalt an Phosphor, der besonders bei Kindern in der Zeit des Knochenwachstums von günstigem Einfluß auf die Entwickclung ist. Frischgckochter Fisch ist dem Fleisch der Vierfüßer überlegen in Bezug auf Verdau- l i ch k e i t und Ausnutzung im Körper. Die Ausscheidung von Harnsäure ist bei Seefischgenuß um die Hälfte geringer, als bei Warmblüterfleisch. Da starke Harnsäurcbildung oft zu quä- lcnden Krankheiten führt, spricht jene Tatsache auch zugunsten der Sccfischkost. Durch Versuche am Kraftmesser ist die Eben- bürtigkeit der Scefischnahrung mit anderen Fleischsorten gleich- falls nachgewiesen. Nicht so günstig steht eS mit dem S ä t t i- gungsgefüyl nach einer Fischmahlzeit. Nur Obst, Eier und gekochter Reis übertreffen die Fische an Verdaulichkeit. In diesem Vorzug liegt aber auch der Nachteil begründet, daß der Magen nach Fischgenuß bald wieder leer ist. Frischgekochter Fisch„hält nicht lange vor". Wo dieser Uebelstand empfunden wird, kann man ihm abhelfen, indem man den Fisch mit sättigenden Zutaten reicht, wie Makkaroni, Sauerkohl und Hülsenfrüchte. Ueberhaupt sollte man sich gewöhnen, das Fischfleisch genau so wie anderes Fleisch zu behandeln. Es läßt sich z. B. zu schmackhaften Ragouts, Frikassees und zu Gulasch ebensogut Herrichten, wie zu Koteletts, Klopsen und Klößen. Um die Kenntnis rationeller Zubereitungs- Methoden zu verbreiten, veranstaltet der deutsche Seefischerei- verein in großen Städten gelegentlich unentgeltlicke Fischkochkurse. Wo sich den Frauen des Proletariats die Möglichkeit bietet, solche Kochkurse wahrzunehmen, da sollten sie es tun. So werden sie am besten von ihren Vorurteilen gegen den Seefischgenuß kuriert werden. Wenn ferner der Kleinhandel es den großen Waren- Häusern gleichtun und nach besonders ergiebigen Fängen ent- sprechend mit den Detailpreisen Heruntergehen würde, dann wür- den wir eher zu einem Massenkonsum eines unserer wertvollsten Nahrungsmittel kommen und frische Seefische würden das werden, was sie längst sein sollten: ein Volksnahrungsmittel ersten Ranges._ M. Kt. Berantw. Redakt.: EarlWcrniulh, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwaris Buckiruckecei u.Ver!«g»anstatt Paul Singer sr>to..B«rllnLAl.