Anterhaltungsblatt des Horwarts S!r. 217. Sonnabend, den 6. November. 1910 lStachdruS tneetts.! bZ Mas ift Ruhm? Roman von Max Kretz«?. Die Skizze war fertiss und hatte gefallen. Nach einer zweitägigen Pause ging Kempen an die Ausführung im Groben. Jeden Morgen pünktlich erschien Klara und nahm sofort ihren Platz ein: stets hatte sie ihren besten Staat an, «n dem sie sich ungemein wohlig zu finden schien, denn sie be» tvegte sich freier, fühlte sich mehr als ein gewichtiges Per- sönchen, gehoben durch diese neue Welt, in die sie plötzlich der- fetzt worden war. Sie ahnte chren Wert, sah sich ans Licht gebracht wie ein armseliges Hauspflänzchen, das erst der Sonne bedurfte, um sich zu entfalten. Frühzeitig sich selbst überlassen, hinausgeschickt in die große Stadt, um treppauf treppab zu laufen, war ihr Verstand geschärst worden, hatte sie sich jene Lebensklugheit angeeignet, die bei diesen Kindern den Jahren voraus zu eilen Pflegte. Ihr größter Stolz war. daß sie beim Nichtstun verdiente, immer geputzt wie zum Gang nach der Kirche. Wie hatte sie sich sonst manchmal ab- schleppen müssen, um nachher, sobald das Gluck ihr günstig war, mit fünf Pfennigen Trinkgeld von bannen zu gehen! Wenn es jetzt nach ihr gegangen wäre, so hätte sie auch nach- mittags so gesessen, in ihre Gedanken versunken, die kraus genug sich kreuzten, nachdem sie sich an die peinliche Sülle im Limmer gewöhnt hatte. Kempen sprach bei der Begrüßung sein Dutzend Worte, die fast immer die Frage nach dem Befinden ihrer Mutter enthielten: dann war die Unterhaltung vorüber. Er sah nicht mehr das Mädchen, das heranwachsende Weib, sondern nur den atmenden Gegenstand, den er in ein anderes Dasein zu übertragen habe: in das seiner Kunst, in die Empfindung Seiner Schöpferwelt. Er erblickte nur Linien und Rundungen. >ie er veränderte, sobald es ihm geeignet erschien. Und sie sah, wie er das linke Auge zukniff und an seinem Modellier- holz das Luftmaß vornahm, verspürte seinen Hauch, wenn er dicht an sie herantrat, um die Feinheiten ihres Antlitzes zu studieren, was sie mit der Musterung eines Steines verglich, der ihn kalt lasse, wie ein Gesicht aus gefrorenem Schnee.„Das sollte nur Mutter sehen mit ihrer Angst!" dachte sie und kicherte innerüch.„Er könnte mich aufessen, ich würde nichts davon merken." Da war doch Lorensen ein anderer Kerl, als er eines Morgens nicht versäumte, der Sitzung beizuwohnen, um sich mit Kempen über die Arbeit auszusprechen. Die Gewohnheit hatte sie beide künstlerisch verwachsen gemacht, und so lieh sich jeder die Augen des anderen, um seine eigenen Mängel ent- deckt zu sehen. So lange sie ihre vier Wände teilten, war das Gleiche geschehen, denn niemals hatte Neid und Eifersucht ihre Seele bewegt: nur der eine Gedanke beherrschte fie: ge- meinsam fortschreiten bis zur Höhe ihres Könnens. Diesmal gab also Lorenzen den nöügen Fingerzeig. Auch er trat dicht an Klara heran, damit er sich besser in ihre Züge vertiefen könne; aber er übte dabei nicht die Zartljeit wie der Genosse. Kempen hatte sich nur den bloßen Hals gedacht, der von einem feinen Linnen umschlossen sein follte. Lorenzen jedoch war anderer Meinung; er wollte dem Auge mehr sinn- lichen Reiz bieten, was ganz feiner Natur entsprach. „Halt mal, mein Kind," sagte er geschäftsmäßig, löste isie oberen Haken des Kleidchens und legte die Kanten nach innen um, so daß ein spitzer Ausschnitt sich zeigte. Trotzdem es nicht gefährlich war, stieg brennende Röte in ihr Gesicht, denn sie hatte seine Finger auf ihrer Haut gefühlt; sie welirte sich nicht, aber wie vom Schreck gelähmt saß sie da, unfähig eines Wortes. Loreissen, der sich nichts Schlimmes dachte, wollte noch weiter gehen. Kempen aber, der ihre Qual bemerkte, fuhr mit einem strafenden:„Nicht doch, nicht doch!" dazwischen. Kramphast hatte sie die Taube erfaßt und schob sie wie schützend in die Höhe, bis zum Kinn hinauf, selbst nun ein furchtsames Tierchen, das von einem andern Hilfe erwartet. Lorensen begriff üjn nicht, denn er wollte nur belehren Und nichts erleben. Er hatte schon genug enthüllte Jugend gesehen, die dem edlen Zweck der Kunst dienen mußte; und niemals war deswegen ein Zetergeschrei entstanden, denn maH ergötzte sich daran mit geschlechtslosen Augen. Dieser Herr» liche Getreue aber wurde sofort von philisterhafter NeigunA durchzogen, sobald Sein Eigensinn sich regte: er haßte dis Weiber, und doch hatte er etwas von ihrer 5keuschheit, wenn et sein zartes Wesen offenbarte. „Herrgott, Hab Dich doch nicht, Hermann," sagte Lorensets ärgerlich, ohne sich Zwang anzutun.„Zu was ist sie denI hier? Manchmal bist Du furchtbar echt." „Sie ist doch noch ein Kind," brummelte Kempen durch seinen Bart zurück. „Ja, wenn Du so denkst, Hermann, weißt Du— bann geh in keine Venushalle. Sie fleddern Dich dort ordentlich, Das soll wohl sein." Trotzdem sie am Fenster standen, hatte Klara alles g«. hört; und als nun Lorensen, der bald fort mußte, ein paa» freundliche Redensarten zu ihr machte, die sie über dm Zweck dieser winzigen Entblößung austlären sollten, war ihr Schreck schon überstanden. Nein, sie wollte kein Kind mehr ssein, wi» Kempen von ihr behauptet hatte, denn dadurch fühlte sie sich gekränkt. Sie sollten doch sehm, daß sie keine Furcht vor ihnen hatte, daß sie wohl zu würdigen wußte, weswegen sie hier sag und was sie den Künstlern schuldig war.„Soll ich morgen ein Kleid mit Ausschnitt anziehen?" fragte sie vergnügt mch zeigte ihre kleinen Zähne.„Ich Hab eins, ein Weißes. MutteI kann es rasch waschen und plätten." „Wollen mal sehm," knurrte Kempen. Lorensen jedoch, der das für Verstellung hielt, begann, si« plump zu loben, zugleich erfreut darüber, mit seiner Kenntnis von dieser Gattung dm Sieg davongetragm zu haben.„Na« siehst Du, blödes Kücken, das ist doch noch mal'n Wort," sagt» er gemütlich und griff zum neckischen Spiel in ihr loses Haar. wogegen sie diesmal nichts einzuwenden hatte.„Man nicht immer gleich so kratzbürsüg,'n hübsches Mädel darf sich nis» mals so zieren, höchstens mal, wenn es vor'm Spiegel steht. Und hier sitzt Du vor der Kunst, die versteht keinen Spaß..- Das alles brauchst Du Mutter nicht zu sagen, sonst steckt sie Dich wieder in'n Aschenkasten. Und hier, siehst Du, hier sitzt Du auf dem Präsmti«rteller und machst der Welt Freude, die Dein Naschen bald bewundern wird." Sie lachte nun mit ihm, denn sie hatte alles überwunden mit dem gesunden Frohsinn der Jugend, die schon für gut» Worte dankbar ist; sie zümte ihm nicht mehr, denn es saß ih» noch im Gedächtnis, daß er es gewesen war, der sie damals zu» erst schön gesunden hatte, was nun jetzt von chm wiederholt wurde. Und sie fand es merkwürdig, daß der andere bis jetzt nicht das gleiche getan hatte, daß er ihr zuerst aus dem Weg« gegangen war, aber sie doch nun für würdig erachtete, sich s» eifrig mit ihr zu beschästigen, als wäre sie wunder was für eine erlesene Person. Lenzeseinfalt wohnte noch in ihre» Brust, und so sang sie mit, wo sie das Singen hörte, ohne alt die Gefährlichkeit der Sänger zu denken. Richtig erschim sie auch am anderen Tag in ihrem weißen Kleidchen, das ihr Aussehen völlig veränderte. Vorher hatt» fie in einem Sack gesteckt, nun aber prallte alles an ihr in zarter Rundung. Man sah es, sie war herausgewachsen auÄ diesem lustigen Gewebe, das oben und unten schon zu wenig hatte. Alles an ihr gewann: der schlanke Hals, die Schultern und die schon vollen Arme. Wie sanfter Schmelz schimmert« die glatte Haut unter dem durchbrochenen Stoff. „Ei, das laß ich mir gefallen. Du Zauberbalg," rieß Lorenisen aus, der auch heute wieder zurückgeblieben war. E» schritt um sie herum, labte sich an der köstlichen Nackenlinie� verschlang ihre Schönheit mit dem Blick des Kenners unh dachte dabei an seine„Eva in Scham erglüht", an das her» liche Gcdankenbild, das ihn bewegte, wo er ging und stand. Kempen sah zwar dasselbe, aber mit anderen Augen. St« erschien ihm plötzlich älter, gereister, nicht mehr feinem Ge, schmack angemessen. Zum ersten Male befolgte er nicht den Rat Lorensens, der verwundert aufschaute, als er sie schon anl andern Tage wieder in dem„Blauen" sitzen sah und nun be- merkte, daß die Brustpartie am Tonmodell hübsch züchtig gv« halten war.„Schnökerst so viel an ihr herum und der. bummelst die Zeit," bekam er zu hören. Und versessen auß sein Werk fügte Kempen noch hinzu:„Zur Taube gehört die Unschuld, in Dir rast wieder mal her Fleischbescharter." Ja Wahrheit befürchtete er, der Blonde könnte sie mit seinem Herumschnüffeln, begleitet von seinen dreisten Redensarten, aufs neue in Verlegenheit bringen und ihm die ganze Stim- mung verderben. Betrübt über den Querkopf, dessen Widerwillen an dieser Arbeit immer deutlicher wurde, machte Lorensen ärgerlich die Türe von draußen zu. Dann lenkte ihn etwas von diesem Zwischenfall ab, das ihn in eine gewisse Gehobenheit versetzte. Sein Professor Heilke hatte ihn in aller Form zu einem Hausball geladen. Der Briefträger brachte die große, goldumränderte Karte, durch die das Künstlernest in Aufruhr geriet, denn noch nie- mals war ein solches Ereignis eingetreten. Stets hatte man zurückgezogen gelebt, wie häuslich verkapselte Junggesellen, die Familicnverkehr weder kennen noch suchen. Trotzdem Kempen die Nützlichkeit eines gesellschaftlichen Verkehrs ein- sah, hatte er eine gewisse Scheu vor dem Sichaufdrängen, dem? wie alle stillen Geister, die ihre Kraft in der Einsamkeit schöpfen, ließ er sich lieber suchen. Aber es war bisher nie- tnand gekommen, denn in den Kunstbuden, in denen sie herum- wanderten, angelte man nicht nach unbekannten Größen: es gab nur Anschluß nach unten, nicht aber noch oben. Nun aber stieg wenigstens der eine, und der andere freute sich darüber, als wäre es ihm selbst geschehen. „Hermann, glaubst Du, das kann uns nützen, so was bringt uns vorwärts," meinte Lorensen und griff imnior wieder zu der Karte, mit der sich all seine Vorstellungen von der sogenannten großen Welt verbanden. Stets hatte die Sehnsucht danach in ihm gebrannt mit der lieimlichen Gier des Frauenfreundes, der von dem Glanz duftender Salons träumt, die er wie das gelobte Land bisher immer nur von weitem sehen konnte. Er vernahm berefts das Knistern der seidenen Kleider, berauschte sich an brillantgeschmückten Nacken und Armen, die ihm einen anderen Reiz geben sollten, als die Blöße der gewöhnlichen Weiber. Kempen nickte nur, war dafür aber um ÜJ mehr bei der praktischen Seite der Sache. Man mußte einen Frackanzug pumpen, für all das Drum und Dran sorgen, das zu einem patenten Menschen gehörte, der kein gewöhnlicher Sterblicher war und obendrein in der Einbildung lebte, alles werde sich beim Eintritt um ihn drehen. (Fortsetzung folgt.), m Die f amüie Krage. Bon Johann Skjoldborg. Autorisierte Uebersetzung von Laura HelbU t Schluß.) Eines TageS, als Jürgen hereinkam, um aus dem Bierkruge AB trinken, sagte Anders in mildem Ton: .Komm einmal Hierherl" Als Jürgen an seinem Bett stand, ergriff der Alte mit der «tuen Hand die Bettschnur und wandte sich ihm mühsam zu. „Kann ich Dir helfen. Vater?" fragte Jürgen. Aber Anders steckte den Kopf ganz heraus und blickte sich um, «l» wolle er sich vergewissern, daß sie allein im Zimmer'seien; dann legte er sich wieder zurück. „Du bist mir ein guter Sohn gewesen! Ich habe viel Freude an Dir— zetzt.-- Es mag sein, daß ich einst recht hart gegen Dich war, Jürgenl" Das Schluchzen saß dem Alten in der Kehle, und er nahm alle Kraft zusammen, um sich zu beherrschen,— trotzdem rollten ihm die Tränen in die Bartstoppeln hinein. Jürgen beugte sich vornüber auf den Stuhl, auf dem er saß; er wollte es Anders nicht merken lassen, wie viel er im Grunde von ihm hielt. .Aber Du tust besser daran, einiges zu vergessen, Jürgen!" „Ich erinnere mich nur des Guten, das wir zusammen gehabt haben... und ich habe auch viel von Dir gelernt, AndersI" Jürgen blickte ihn mit seinen guten Augen an. „Hast Du das!" sagte Anders froh, aber er weinte trotzdem. »Woran liegt es wohl, Jürgen, daß alle Leute so leicht weinenl— Das mutz doch eine Art Schwäche seinl" meinte er gleichsam ent« fchuldigend und trocknete sich die Augen. „Ja, ich habe sicher mehr von Dir gelernt, als Du ahnst, Anders!" „HumI" lächelte der Alte.„Ja. eigentlich gibt es ja zwei Arten zu leben; das eine muß man tun und das andere darf nicht ver- säumt werden. Ich glaube wohl, daß wir uns jetzt verstehen, Jürgen!" — Der alte Anders konnte nicht Sonnenschein genug kriegen; der Bettvorhang ward gänzlich entfernt, damit die Sonnenstrahlen besser in den Alkoven hineingelangen konnten zu ihm. Und immer wieder hielt er die Hand ans Licht. Er hatte ja lein besonderes Zeichen, ob«S zum Leben oder zum Tode ging. LS. Als die Sommersonne allüberall aus dem Erdboden Leben hervorzauberte, kroch Anders Krage aus dem Alkovenbett heraus. Er humpelte bis an den Hausgiebel oder saß an der Südseite mit seiner wollenen Kopfbedeckung und lieh sich von den Sonnenstrahl«» durchwärmen. Wenn er so dasaß, pflegte er mit den Kindern zu plaudern« die zu seinen Füßen spielten und umherkrochen, oder er stützte da? Kinn auf den Stock und sah mit einem langen Blick vor sich hin, gleich einem Wanderer, der sich umwendet, um einen langen« langen Weg, den er hinter sich hat, noch einmal zu überschauen. Die Sonnenstrahlen sickerten durch die Poren der welken Haut und wärmten die kalten Finger, und der alte Anders fühlte auf? neue das Leben durch seine Adern rinnen. Da lächelte er. Und wie er so dasaß während der ganzen langen Sommertage und den Rauch aus dem Schornstein der Meierei steigen sah und das Pfeifen der Lokomotive hörte, die in den letzten Jahren auch bis hierher vorgedrungen war, da erwachte in ihm die Sehnsucht. einmal alles in der Nähe zu besehen, sich so recht einmal von seiner kleinen Häuslerbesitzung loszureißen. .4?ör, Jürgenl" sagte er eines TageS.„Du wirst mich am Ende für kindisch halten... aber ich habe eine so unbändige Lust gekriegt, einmal die Genossenschaftsschlächterei zu sehen I Fünf-- hundert Schweine auf einmal zu schlachten, da? ist doch einfach un» glaublich, nicht wahr? Ich möchte im Grunde schrecklich gerne ein- mal sehen, wie so etwas überhaupt vor sich gehen-dann.— so das Ganze!" „Dann laß uns einmal dahin gehen!" antwortete Jürgen freundlich. „Ja aber, ist eS nicht eigentlich närrisch?,.. Ach was, wir wollen«S doch einmal versuchenl" unterbrach tt sich selbst und lachte leise. Und so geschah eS. Die Ochsen ließen sie an der nächsten Station, wo sie den Zug bestiegen Vorsichtig und mißtrauisch bestieg Anders Krage das Coupä, wo er sich in seinem Abendmalsanzug so steif und feierlich hinsetzte. als sollte er photographiert werden. Ein Pfiff und noch einen und das Stationsgebäude lag hinter ihnen, und Anders runzelte die Brauen bei dem donnernden und rollenden Geräusch. Während der ganzen Fahrt sah er am Fenster und blickte hinaus auf die Felder, Häuser und Bäume, die vorbeiflogen. Nach und nach verschwanden die Falten, und er lächelte hin und wieder, er murmelte wohl auch vor fich hin und lachte leise. Inmitten der Stadt lag die Genossenschaftsschlächterei.„Ja, hier müssen wir hinein!" sagte Jürgen und hielt inne. Anders beschaute den umfangreichen und verwickelten Gebäude- komplex mit den Luken und Türen und dem Auszug, dem hohen Schornstein und den weißgetünchten Dächern. „Ist das die Schlächterei?" Anders wischte sich um den Mund und folgte vorsichtig Jürgen mit hinein in den Hof, wo die Angestellten hm und her liefen. „Du hast doch wohl Dein Mitgliedsbuch in der Tasche. Jürgen? Es ist ja nur, falls uns jemand anreden sollte I" meinte der Alte etwas ängstlich und blickte sich um. AuS dem Wieaeraum gelangten sie in Ställe, die voller Schweine waren und hielten an einem Platze an, wo ein Mann in langen Schaftstiefeln mit entblößten blutigen Armen und einem blanken Messer in der Hand stand. Er befestigte eine Klammer an dem Hinterbein eines Schweines, zog an einer Schnur und— im selben Augenblick hing das schreiende Tier oben in der Luft mit dem Kopf nach unten. „Das ist, weiß Gott, eine bequeme Methode!" sagte Anders lachend und schaute hinauf nach den Rollen und Schnüren des Aufzugs.„Ich sage, das ist eine bequeme Methode, nicht wahr, Jürgen,— wie!" Das Messer fuhr in die Schwcinebrust hinein, daß da? rauchende Blut in einem dicken Strahl in ein gemauertes Bassin floß, an den Wänden hochspritzte und die Ohren des unruhigen Tieres rot färbte, das in den letzten Zuckungen des Todeskampfes dahing. Der Mann zog abermals an einer Schnur, und das tote Schwein mit der offenen Wunde in der Brust flog oben unter der Decke hin bis zu einer Reihe anderer Schweinekörper. Diese wur- den dann in kochendes Wasser getaucht, flogen abermals hoch und verschwanden schließlich hinter einer selbsttätig sich öffnenden Eisen- tür, hinter der man ein großes Feuer gewahrte. „Donnerwetter, das ist beinahe wie das höllische Feuer!" sagte Anders. Darauf lächelte er schelmisch:„Sie werden wohl auf der Stelle gebraten, wie?" Jürgen zog den Alten mit fich hinter den Ofen, wo zwei Männer standen und aus einem tiefen Wasserbassin das eine abge» kühlte, schwarz-braune Schwein nach dem anderen herausfischten, um es dann auf Haken und bewegliche Stangen unter der Decke aufzuspannen. „Also so ist das! Was sie doch auch alles anstellen!" Er schüttelte bewundernd den Kopf.„Was sie doch auch alles an- stellen!" wiederholte Anders ein paarmal und schaute und schaute und konnte sich nicht satt sehen. Männer mit langen Messern schabten die versengten Borsten ab und ließen die gelblich-weißen Tierkörper weitergleiten bis zu einer Stelle, wo die Eingeweide herausgenommen wurden. ES war ein scharfer Geruch und viel Geräusch in dem Raum, LaS Schreien der Schweine, das Plätschern des Wassers, Ofen- türen, die auf- und zugeschlagen wurden, das Stehen und Reiben der Maschinenteile, dazu die mannigfachen Geräusche der verschie- denen Arbeiten; doch die beiden Männer folgten durch alle Stadien den Schweinen, die, an den Hinterbeinen fangend, an der Gleit- stange oben unter der Decke hin und zurück fuhren, bis die schieren und sauberen Tierlörper zum Schluß in den Kühlraum hinein- glitten, wo sie in Reih und Glied neben die anderen gelegt wurden. Der Alte strammte sich aus:..Puh— hal Dies hier ist fast mehr, als man vertragen kann; übrigens ist es in einer Weise das Schönste, was ich je gesehen Habel" „Wir sind noch nicht fertig I" und Jürgen führte Anders hin- ein in große, leere, halbdunkle, kühle Räume mit Zementfutzboden, auf dem der Alte vorsichtig weiterschritt, um nicht zu viel Lärm zu verursachen. Jürgen rüttelte vergebens an einigen verschlossenen Türen. Aber der Alte fuhr ihn an:„Laß das, in des Teufels Namen! DaS kann doch nicht angehen!" „Du vergißt." antwortete Jürgen lächelnd,»daß es unsere eigene Schlächterei ist. Wir auf der Generalversammlung be- herrschen den ganzen Klimbim!" „Das ist auch wahr, Jürgen, he!... und das ist im Grunde merkwürdig genug, wie?" Der Alte lachte laut. Als es aber in der großen Kühlhalle widerhallte, hielt er sofort inne und blickte sich scheu um. Eine Tür gab endlich unter Jürgens Händedruck nach, und sie gelangten in einen dunklen Keller, in dem Licht brannte. „Nein, so etwas Hab ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen!" rief Anders, als er all die Speckseiten gewahrte, die hier schichtweise aufeinander gehäuft waren. Und je länger sie durch diese Berge von Speck schritten, um so größer ward seine Ver- wunderung. Schließlich hielt er inne und sagte:„Um des Htm- mels willen, so viel Fleisch habe ich in meinem ganzen Leben nicht auf einen Haufen gesehen!" Sie durchschritten viele Räume und viele Türen, vielleicht waren es wieder dieselben; denn sie wollten kein Ende nehmen. Und es war außer ihnen niemand zu sehen noch zu hören; die beiden waren ganz allein. Trotzdem Anders so leise wie möglich sprach und sich bewegte, hallte es unausgesetzt wider in den großen, totenstillen Räumen. Diese Türen und Tore, Räume und Kellergänge, die alle im Halbdunkel lagen, nahmen kein Ende. Plötzlich packte Anders heftig Jürgens Arm und rief:„Jetzt will ich meiner Seel nausl Und das auf der Stelle!" -- Als sie wieder auf der Straße standen, atmete der Alte tief auf und sagte um sich blickend:„Es ist doch schön, wieder das Tageslicht zu schauen!" Und vergnügt fügte er hinzu:„Und wenn Du auch noch so abstinent bist, so will ich meiner Treu doch bei Jens Madsen einen Rumgrog haben, bevor wir nach Hause gehen!" -- Gegen Abend kehrten sie heim und benutzten dabei den eben erst mit Kies bestreuten Weg, der direkt zum Krageschen Hause grte, das dort in weiter Ferne lag, leuchtend im letzten Strahl untergehenden Sonne mit seinen weißgetünchten Mauern und fernem roten Postkasten. Da war der alte Anders so müde, daß er auf dem Wagonsitz hin und her taumelte.„Ich glaube, mir wurde schlecht von all dem vielen Schlachtgeruch," sagte er und gähnte. „Und dann die Rummelei in dem geschlossenen Kasten!" Aber gleich darauf fügte er mit schelmischem Lächeln hinzu: «Es ist ja nicht so einfach, Jürgen, wenn man auf der Höhe der Zeit sein soll!" Wmg Oeäipus. lZur Aufführung im Zirkus Schumann.) Max Reinhardt, der Leiter des Deutschen Theaters und der Kaminerspiele, der in seiner zehnjährigen Direktorentätigkeit an Berliner Bühnen eine Fülle eigenartiger und immer interessanter Experimente durchgeführt hat, bringt jetzt die alte griechische Oedipustragödie des Sophokles in einem Rahmen, dessen Dimen- Konen, wenn auch in weitem Abstand, an den mächtigen Umfang der antiken aus öffentlichen Mitteln für das ganze Volk erbauten Theater erinnern. Zwanzig bis dreißigtausend Bürgern boten die im Halbkreis aufsteigenden Steinbänke des klassischen, von keinem Dach bedeckten athenischen Theater Platz. Soweit das Zirkus- gebäude, das für die Sonderaufführung gemietet wurde, hinter solchen Matzverhältnissen zurücksteht, soweit überragt sein Raum unmerhin auch den der größten modernen Bühnen. Die Masse der Zuschauer und das volksmäßige Gepräge, das so die Darstellung erhält, soll der Stimmung sdahin geht wohl die künstlerische Ab- ficht) eine erhöhte Feierlichkeit verleihen, den individuellen Ein- druck durch die wuchtige Resonanz des Masieneindrucks steigern; ähnlich wie jenen alten Zeiten, da nicht ein zahlungsfähiges Publi- kum, sondern die gesamte Bürgerschaft der Stadt sich bei den Spielen einfand. Wie immer der Erfolg sei, jedensalls hat der Versuch lebhaftes Interesse. Das griechische Schauspiel hat sich ohne Kreuzung durch fremde Einflüsse aus Chorgesängen herausgebildet, die nach uraltem reli- giösem Brauch bei den Festen des Gottes Dionysos, des Schirmers schwellender Lebens- und Naturkraft, vorgetragen wurden. Der Chor, der in freien Strophen die Abenteuer und Erlebnisse des Gottes verherrlick,!, teilt sich zum Wechselgesang, in dem ein ein- zelner die Führung übernimmt. Diesem, dem Chorführer, fällt oann die Aufgabe zu. die Sagen in gehobener Rede darzustellen, der Chor greift nur von Zeit zu Zeit, dem Mitgefühl und der Bewunderung lyrischen Ausdruck zu verleihen, mit seinen Liedern ein. Aus dem Chorführer, der in Maske und Kostüm rezitiert, wird eine Art Schauspieler, der die Erzählung durch Einschaltung von Worten, die der Gott und seine Widersacher sprechen, durch Nachahmung des Tonialls und der Gebärde immer farbiger zu gestalten sucht. So soll noch Thespis, der sagenhafte Ahnherr des Mimentums, seine Kunst geübt haben. Erst durch Aeschylos, den ältesten der großen attischen Tragödiendichter, der um die Wende. deS sechsten Jahrhunderts vor Christus, zur Zeit der Perser- kriege lebte, wurde die primitive Schranke erweitert, der eine vortragende Schauspieler durch ein Schauspieler paar, das hinter- einander verschiedene Rollen übernahm, ersetzt, und damit die dramatische Grundform des Dialogs, das sinnlich-anschauliche Zu- sammen von Spiel und Gegenspiel geschaffen. Sein jüngerer Rivale Sophokles fügte, zum Zwecke der freieren Beweglichkeit der Szenen dann einen dritten Darsteller hinzu. Der Stoff ist den griechischen Tragikern gemäß dem Ursprünge des Dramas durch die Mythologie, den reichen griechischen Sagen- schätz von vornherein gegeben. Sie find die Interpreten und Gestalter eines durch die Tradition fixierten und allen Bürgern wohlbekannten gemeinsamen Besitzes, für dessen lebendige Be- wachung das Staatswesen mit seinem Götterkulte eintritt. Das Schauspiel ist eine öffentliche, dem Kreis privater Spekulation und des Alltagstreibens entzogene Angelegenheit. Nur einmal im Jahre, zur Zeit der Dionysosfeste ziehen auf der Bühne die Gebilde des aus dem Born der Allgemeinheit schöpsenden Dichtergeistes vorüber. Drei Tage dauert die Feier, an zedem gelangen drei oder vier Tragödien, die natürlich kürzer sind als unsere modernen Trauerspiele und in ununterbrochener Szenenfolge ohne Aktschlüsse fortlaufen, zur Aufführung. Dem schweren Ernst folgt am Schlüsse ein parodistisch übermütiges Satyrspiel. Um allen Bürgern von Athen den Besuch zu ermöglichen, zahlen die ssefüllten Kassen der seebeherrschenden, auf breiter Basis der Ausbeutung ruhenden kleinen Republik Festgelder an die Aermeren. Dichtung und Darstellung sind gleichmäßig auf einen friedlich gemessenen, im Ausdrucke der Affekte zu machtvollem Pathos sich erhebenden Stil gestimmt. Schon allein der Chor, der mit all- gemeinen Reflexionen als„idealer Zuschauer" der Handlung folgt, markiert eindringlich den Abstand des dramatischen Bildes von der Wirklichkeit, schließt im Prinzip die Annäherung an einen naturalistischen Realismus aus.„Ein lyrisches Prachtgewcbe um- gibt und durchflicht", nach einem schönen Worte Schillers, der diese fjorm in feiner Braut von Messina ja zu erneuern suchte, das Ganze, gleichsam ein weitgesaltetes Purpurgewand, worin die handelnden Personen frei und edel in gehaltener Würde und hoher Ruhe sich bewegen. Unübertrefflich ist die Gewalt und düstere Erhabenheit, mit der das antike Drama auf die Gemüter eines gläubig horchenden Volkes gewirkt haben mag, in seiner allbe- kannten Ballade:«Die Kraniche des JbikuS" veranschaulicht. Die Werke der Tragiker sind nur zum verschwindend kleinen Teile erhallen geblieben. Bon Sophokles, der über 100 Stücke schrieb, nur sieben, freilich darunter die auch im Altertum berühm- testen: fein Schicksalsdrama„Oedipus" und die von, Geiste reiner freier Ethik getragene„Anligone". Hier feiert er in der Gestalt der Heldin, der tapferen Tochter des Oedipus, die um dem Gebot der Götter und der inneren Stimme treu zu bleiben, dem Befehl des harren Königs Kreon rroyr, die Krakt und Freibeil hoher Menschenwürde; dort im Oedipus gilt ihm der Mensch, im Geist der alten Sage als ein unentrinnbarer Vorherbesliininung unterworfenes Wesen, und willenloser Spielball des Geict'Vfes. In seiner Seelenstiinmung ist dies Werk dem resignierenden Peisimismus des biblischen Hiob ver« wandt, das Lied des ChoreS:«Ihr Menichengeschleckner»cd— Euch, die wandeln im Lichte, wie«cht ich ähnlich dem Nichts Euch", durch» klingt das Ganze mit düsterer Melodie. Eine Stunde zertrümmert, was Jahre mühsam bauten. Gleich Hiob ist Oedipus i» seinem Elend sich keiner Schuld bewußt, durch die er den Zorn der Himm» tischen hätte reizen können. Sie senden das Schicksal, wie es ihnen beliebt; kein Schimmer vergeltender Gerechligkeil verklärt das furcht- bare Verhängnis. Was Menschenwitz auch immer ersinnen mag, um solchem Ratschluß zu entgehen, ist nur ein Glied der Kette, die un» sichtbar fest und sester den Fliehenden umwindet und zu Boden ziehet. Die Dichtung schließt sich eng der Sage an. Dem Thcbaner- könig LaioS ist geweissagt worden, der Sohn, den die Gemahlin Jokaste ihm geboren, werde ihn löten. Er befiehlt, den Knaben aus- zusetzen, doch der Hirt, der den Auftrag ausführen soll, übergibt aus Mitleid den Kleinen an der Grenze einem Fremden. Durch diesen gelangt das Kind ins Haus des Korintherkönig» Polybos, der es als seinen eigene» Sproß erzieht. Heran- geivachsen. hört Oedipus, daß seine königliche Herkunft insgeheim bezweifelt werde und sucht das delphische Orakel auf, um sich Gewißheit zu verschaffen. Seine Frage bleibt unbeant- worter, doch die prophetische Stimme des Golies verkündet, ihm sei beschteden, den eigenen Vater zu töten, die Mutter zum Weibe zu nebmen. Der schrecklichen Drohung zu entfliehen, verläßt er seine Heimat, doch eben diese Flucht wird sein Verderben. In einem Hohlweg reizt ihn das bewaffnete Gefolge eines großen Herrn an. Ein blutiger Streit entspinnt sich, mid all die Uebermütigen. Herrn — 868— und Knechte, fallen unter seinem Schwert. Er odnt nicht, daß mit diesem Siege die Erfüllung des Verhängnisses begonnen hat, daß der Führer, den er im Kampfe niederstreckte, LaioS, sein Erzeuger, ist. Begierig, sich im schwersten Wagnis zu erproben, nimmt der junge Held, auf seiner Fahrt in das Tbebanerland gelangend, den Kamps mit der Sphinx, dem sagenhasten Rätselwesen, auf, dessen Blutdurst die Felder verödet. Nur wer das Rätsel, da« sie in ihrer felsigen Behausung dem Wanderer ausgibt, löst, vermag das Land von der sonst Unbezwinglichen zu beireien. Oedipus. ebenso klug als kühn, findet Schlüssel und Antwort auf die geheimnisvolle Frage des Ungeheuers und vor seinen Augen stürzt die Sphinx zer- schmetternd in den Abgrund. DoS dankbare Boll erhebt den Fremd- ling aus den Thron, und mit des Laios Krone übernnnmt OedipuS zugleich die Witwe deS Getöteten. So ist der unheilvolle Ring vollendet, ist OedipuS, wie ihm geweissagt, Mörder seines Vaters, Gatte seiner Mutler geworden. Eine verheerende Seuche bricht aus, und OedipuS, der wie das ganz« Volk in diesem Unglück ein Zeichen von dem Zorn der Olympischen erblickt, sendet seinen Schwager Kreon zum Orakel, um zu erkunden, ob irgendwo ein Frevel gegen göttliches Gesetz begangen worden sei und wie der Staat ihn sühnen könne. Mit Kreons Rückkehr setzt baS Drama, im raschen Lauf der Katastrophe entgegeneilend, ein. Kreon meldet den Spruch: Blut- schuld liege auf der Stadt, da der Mord des Laios ungerächt sei, der Uebeltäter immer noch im Licht der Sonne wandele. Oedipus gelobt, nicht zu rasten, bis er den Frevler entdeckt hat. Viel be« wundert ist die Kunst, mit der der Dichter aus der so gegebenen Situation heraus, zusammen mit dem Fortgang der Handlung das weit verschlungene Gewebe der Vergangenheit Zug um Zug entrollt. Diese Kunst rückichauender Beleuchtung, die längst Verschollenes aus seinem Grabe auferstehen läßt, ist später vielleicht nur in einigen bürgerlichen Meisterdramen Ibsens übertroffen worden: In den .Gespenstern' und in.Rosmersholm', Dramen, deren seelischer Gehalt, aus unserer eigenen Well geschöpft, in der Verkettung der Notwendigkeiten auch das Mitgefühl moderner Zuschauer naturgemäß unnmittelbarer wachruft, als der Anblick eines freuiden, durch Orakel- spräche sich verkündenden Fatums. OedipuS schickt nach Tirefia», dem blinden Seher, besten starres Auge den verborgenen Zusammenhang der Dinge schaut. Der muß es wissen, wer den Mord verübte. Der Greis ver- weigert eine Auskunst, dann aber, bedroht von OedipuS Zorn, schleudert er dem Könige die AnNage entgegen, er selber sei der Schuldige. Empört fährt Oedipus auf, er wittert hinter der wahnwitzigen Beschuldigung ein tückische» Komplott, ihn von dem Thron zu stoßen. Io käste sucht den Gemahl zu beruhigen. Ihre Rede, die ihn besänftigen sollte, wirst ihn in bangen Zweifel. Er drängt mit Fragen in sie und alle«, was sie ihm erwidert, schürt die Furcht. Er berichtet von dem Orakelsprnche, der ihm wurde vor seiner Flucht, vom Kampfe in dem Hohlwege. Ein Bote aus Korinth, der den Tod de« Laio« meldet, er- weckt in seiner Seele neue Hoffnung, die aber rasch furchtbarer Gewißheit weicht; als dieser auf einen Einwurf des Königs erklärt: Oedipus sei nicht PolyboS' Sohn, sondern von fremdem Stamme. Ihm, dem Boten, sei Oedipus als ein Knäblein vor vielen Jahren von einem Thebsnerhirten übergeben worden, er selber habe das Kind Polybos zugeführt. Der herbeigerufene Hirt bezeugt, gezwungen, die Wahrheit der Aussage. Di« letzte Hülle ist zerrissen. Oedipus erkennt sich als des LaioS Sohn, der nach der grausigen Prophezeiung den Bater tötet«, die Mutter steile. Er stürzt in den Palast. Jokaste erhängt sich in dem Frauengemach. OedipuS in der Raserei deS Schmerzes, im«bscheu vor der Schuld, die ihn, das Schicksal aufgebürdet, blendet sich. Grausig in seiner bluttgen Lersttimmelung kehrt er zurück. Seine jammernde Klage mit der des EhoreS zu vereinigen. In der Wüste will er, abgetrennt von allen Menschen, seine Schmach verbergen. Da« Schluhlied des Chores mahnt die Hörer, beim Bilde der gestürzten Größe deS allgemeinen Menschen- loseS zu gedenken: Ihr Bewohner meiner Thebe, sehet, daS ist OedipuS, Der entwirrt die hohen Rätsel nnd der erste war an Macht, Dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten, Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank! Drum der Erdensöhne keiner, welcher noch auf jenen Tag Harrt, den letzten seiner Tage, preise du vorher beglückt, Eh er drang ans Ziel des Lebens, unberührt von Schmerz und Leid. ät. Sckacb. Unter Leitung von S. A l a p i n. Schachnachrichten. Eine interestante Polemik spielt sich fett einiger Zeit in der Schachpresse ab. Während der Delegierten- Versammlung deS letzten Hamburger Schachkongrestes des.Deutschen SchachbundeS' erwähnte der Vorfitzende der Bundesverwaltung in üblicher Weise die in der Rechenschaftsperiode vorgekommenen TodeS« fälle unter den Bnndesmitgliedern. Er unterließ dabei die Namen des Geheimen HofrateS R. v. Gottschall sdeS bekannten Dichters) und deS Meisters R. Slviderski zu nennen, die beide als Mitglieder des Leipziger Schachklubs.Augustea' statutengemäß auch Bundesmitglieder waren. Die.Augustea' machte auf die er- wähnte Unterlassung in der Schachpreste aufmerksam, worauf der Borsitzende des Bundes im Wege der Presse sich bezüglich des Ge« Heimen Hofrates mit zufälliger Vergeßlichkeit entschuldigte, jedoch den Meister Swiderski demonstrativ wiederum verschwieg. Gegen diese Demonstration, die auf persönliche Reibungen zwischen dem Ver» storbenen Swiderski und dem Bundespräsiden sDr. Gebhard) zurück» zuführen ist, protestterte nun förmlich die.Augustea' in den Schach- zeitungen. Hierauf veröffentlicht jetzt der gesamte Borstand d«S Bundes eine Erklärung f.D. W.' Nr. 43), in der er den Protest gegen seinen Borsitzenden.entrüstet' mit der Begründung zurückweist, Dr. Gebhard habe nur die.Freunde und Gönner des Deutschen Schachbundes' erwähnen wollen, während der verstorbene Meister Swiderski zu den letzteren angeblich nicht gehört habe. In bezug auf die letztere Behauptung wenden sich mehrere Meister an die Leitung der unabhängigen Schachspalt« des .Vorwärts' mit der Bitte folgende Berichtigung bekaimt zu geben. ES ist nicht richtig, Meister Swiderski sei kein Freund und Gönner des Deutschen SchachbundeS gewesen. Im Gegenteil, wie sämtliche Meister hatte er für den.Deutschen Schach- b u n d' als Institution nur Gefühle aufrichnger und warmer Sympathie. Richtig ist vielmehr, daß der verstorbene Meister— in Uebereinstimmüng mit der überwiegenden Majorität seiner Kollegen übrigens—.kein Freund und Gönner der gegenwärtigen B e r« w a l t u n g des Deutschen SchachbundeS war. Und hierin liegt ein Riesenunterschied. Am 7. und 12. Oktober hat der Arbeiter-Schachklub in München mit dem dortigen bürgerlichen Schachklub.Andersen' einen Maffenwettkampf und einen Revanchewcttkampf von jedesmal 18 Partien ausgefochten. In beiden Fällen blieb der Arbeiter» Schachklub in entscheidender Weise Sieger und zwar zuerst mit 11'/, zu S>/, und dann mit 12 zu ü Zählern. Am 8. November soll in Berlin(Kerkau-Palast) ein Wettkampf LaSker-JanowSki beginnen. Täglich(außer Montag und Freitag) von 4'/, bis 7'/, und von 9 bis 11 Uhr nachmittags. Eintrittsgeld 1, S und 5 M. In unseren zwei letzten Spalten hatten wir einige Jllustrattonen zu verschiedenen Typen von Schachpartten aus moderner und alter Zeit angeführt. Um das Thema:.Zum Kapitel Oualitätspartten' <16. Oktober) zu schließen, bringen wir nachstehend eine Partte, die unseres Erachtens auf einer der höchsten Stufen der modernen Forderungen steht, die einstweilen allerdings nur in Korrespondenz- Partien erreicht werden. Sticegambtt. Durch vrieswechsel 1904 gespielt. R o b i n o Balliert (PariS)(Marseille) 1. s2—«4 e7— e5 2. f2—£4«S Xk4 3. Sgl— f3 g7— g5 4. h2— h4 g8— g4 6. Sf3-e5 Sg8— f0 6. Lfl— c4 S7— ckä 7. 64X65 DK— 6« 8. 0—0...... Sierdurch der Name der Eröffnung. ünder ist 641 8....... Ld6Xe5 S. Tfl— el Dd8— e7 10. o2— c3 14— f3 Auch bei 10..... 8h5(was für stärker gilt): 11. 64. 867: 12. DXgH-c. hat Weiß genügende Remis-AuSstchten. 11. 62—64 AS— 64! Droht£3— k2t. 12. TelXe4 Le5— h2t IB. KglXk2 vo7Xo4 14. g2— g3?...... 14....... 0— 0 15. Lei— f4 d7— dö! 16. Lc4— 631...... Räch 16. LX55, Im8 nebst Ab- tausch der Läufer kann Weiß das eutscheldende Eindringen schwarzer Türm««ach«2 nicht verhindern. 16....... D 64X65 17. c3— c4 1 b5Xo4 18. Sbl— c3 D65— b7II Die einzige Verteidigung(Gegen- angriff), um vom EntwickelungS- vorsprang des Gegners nicht erdrückt zu werden. 19. L63— c2 1 Db7Xb2 20. 1)61—62.....- Droht Lblf. 20....... vb2X»l 21. L{4— 66!!...... Die Stellung ist sehr beachtenswert. Z. B.: 21..... 0X66?; 22. Dgbf, Kh8; 23. Dh8 nebst 34-. Oder: 21..... 16?; 22. Dh6, Tf7; 23. LX h7+I, TXb7; 24. DkS-v. Odert 22. Dg5f, Kh8: ewigen Schach auf Lc8— f5! 858—671 Kg8— h3II Ta8Xf8 21..... Dfl; 23. Df6t nebst kö und g5. 21. 22. Lo2Xk5 23. 165X67 24. L66XK 25. L67Xg4 Weiß war gezwungen, alle bis- herigen Opfer deS Gegners anzu- nehmen, weil er sonst dem materiellen Ucbergewicht unterliegen würde. Nu» aber ist schon Weiß im materiellen Vorteil! 25....... Tf8-b8 26. ScS— 61 c4— c3l 27. D62— c2I...... Aus 27. vs3(UM Mit DoBf nebst DgSf ewiges Schach zu suchen) folgt 27..... DXaäf; 28. Sf8, Dd2l und gewinnt. Jedoch wie soll Schwarz jetzt(nach 6 Zügen der Kombination I..) weiter fortsetzen?... 27....... Dal— blll 27..... Tb2; 28. 8Xb2, oXb»; 29. Lk5, ß; 80. DX«-c. führt ,U nicht». 28. Lg4-f6l...... 28. DXbl, TXbl(droht c4— c3); 29. 8Xo3r£2 und gewinnt. 28....... DblXo2t 29. Lf5Xo2 Tb8— e8 30. S61Xc3 Te8-e2t! 31. Sc3Xe2 f3Xe2 Ausgegeben. Ein einziges vänerleln hat Noch die Entscheidung hcrbeistihren können i Berantw. Redakt.: Carl Mermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: BorwärtsBuchdruckerei u-Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin SW«