Anlerhaltungsblatl des vorwärts Nr. 219. Mittwoch, den 9. November. 1910 (Nachdruck vervettil.) Mas ist tliibm? Roman von Max Kletzen Dieser Bericht wurde wieder aufgefrischt, als Klara zur nächsten Sitzung kam. Es war Sonntag, da Kempen die ausgefallenen Stunden einholen wollte. Lorensen konnte sich also behaglich um die beiden herumdrücken und sich ausreden, wo- bei er niemals vergaß, sein kritisches Gutachten über Kempens Arbeit abzugeben. Gewöhnt, Hand in Hand mit ihm zu schaffen, griff er manchmal selbst zum Modellierholz, um etwas hineinzubringen, was der andere übersehen hatte: denn in solchen weichen Köpfen war er bereits ein kleiner Meister. Wenn er erzählte, geschah es plastisch, mit einer be- stimmten, launigen Bezeichnung, die Vorgänge und Menschen fast sichtbar hinstellte; dann gebrauchte or derbe Worte, die, oft ins Platt übergehend, Klara laut zum Lachen reizten, so daß Kempen sich genötigt sah, wiederholt an ihrem Köpfchen zu rücken. Seitdem sie verdiente, suchte sie etwas darin, auch in ihrer Kleidung netter und appetitlicher auszusehen. Sie hatte sich eine neue, fast durchsichtige Bluse zugelegt, seidene Schleifen angesteckt, trug einen Hut mit Federn und pralle, braune Glacehandschuhe. Die Mutter schien darauf auszugehen, ihr Nesthäkchen immer mehr zur kleinen Dame zu machen, mit der sie Stolz einlegen könne. „Weißt Du, Hermann, es ist doch schön, so'n Geldtopp im Hus zu haben, dann drückt man schon'n Auge zu," sagte Lorensen gähnend, denn niemals hatte er ganz ausgeschlafen. Und er sprach von den schiefen Hüsten der Frau Professor, von ihrer kurzen Taille und ihrem latschigen Gang, was alles durch ihr hübsches Gesicht nicht ersetzt werden könne. Dafür habe sie aber ein mächtiges Mundwerk und verstehe es, ihre Gäste durch Liebenswürdigkeit förmlich zu beäthern: und wenn sie lache, reiße sie ihre„Futterluke" so weit auf, daß mau den Kautschuk des falschen Gebisses sehen könne. Dabei sei sie eitel und eifersüchtig, zwinge ihren armen Kerl von Mann, alle zwei Jahre eine Büste von ihr anzufertigen, und störe ihn immer zu ungelegener Zeit in seinem Atelier, sobald er weiblichen Akt habe. Ihr drittes Wort sei immer:„Mein Mann, der Professor." „Na, da siehst Du ja, was aus solcher Ehe wird," knirschte Kempen hervor und riß die Leistungen Heilkes ganz gehörig runter. Fricher habe er etwas gekonnt, jetzt mache er nur noch Dutzendware,„Bunzlauer Geschirr mit Figurengewürm", was man frevelhafterweise für Kunst ausschreie. „Ist ja alles richtig, Hermann, aber er ramscht sich seine achtzigtausend Mark jährlich zusammen und hat Aufträge für drei Jahre." gab Lorensen zurück und ließ so etwas wie einen Seufzer folgen. „Na, dann ramsch noch drei Jahre lang mit," schnauzte ihn Kempen an und zeigte eine wilde Miene. „Das ist wieder mal furchtbar echt von Dir," erwiderte Lorensen, nun ebenfalls aufgebracht.„Plan kann doch mal so was sagen." „Aber nicht ohne Bedauern," hielt ihm Kempen entgegen, der in solchen Dingen zäh an seiner Meinung hing. Klara hatte derartige harmlose Neigungen zwischen ihnen schon öfters erlebt, und so wollte sie rasch Frieden stiften, in- dem sie fragte:„Und meine Blume?" „Herrjeh, richtig! Man gut, daß Du mich daran er- inner st." Lorensen erhob sich mit einem Satz und schritt zu dem Leihfrack, der immer noch nicht abgeliefert war. Er hatte wirklich geräubert, worauf drei Importierte hinwiesen, echte und teure Festtüben mit der Wertmarke auf der goldenen Leibbinde, die noch friedlich auf der Kommode lagen und des Genusses beim Ausgehen am Abend harrten. Nun wühlte er in den Tiefen der Hintertaschen, wo sich seinem schwachen Er- innern nach noch etwas verkrümelt haben mußte; dann brachte er es endlich zum Vorschein, das gemauste Konfekt vom Nach- tisch: Pralines in Gold- und Silberpapier, gebrannte Man- fccin und Zuckerwerk mit Fruchtsaft gefüllt; aber alles war in einem heillosen Zustande, zusammengebackt und zersessen. Lose hatte er es eingesteckt, ganz offen mit der scherzboldigen Aus- rede, er habe seinen Kanarienvogel zu fiittern. „Na, das hast Du ja wieder mal gut gemacht," brummte Kempen, rasch wieder von Humor erfüllt. Einige Augenblick« wurde die Arbeit unterbrochen, so daß Klara drauf los naschenj konnte, wobei ein„Hum, schmeckt das!" ihrem Mündchen ent« fuhr. Eine Zuckerbirns wollte sie für die Mutter aufheben« Auch Lorensen griff zu, denn er war stets für Süßigkeiten« Kempen jedoch sah ein, daß die Fracktasche gehörig ausge, waschen werden müsse, wollte man das Pfandgeld wieder er- halten: und so machte er sich sofort an die Arbeit, denn Lorensen würde die Sache jedenfalls nur noch mehr versauen. Dem Blonden fiel ein, daß irgendwo auch noch eine zerdrückte Rose stecken müsse, und er fand sie auch in seiner inneren Manteltasche: eine langstielige, dunkelrote la France, aber schon halb verwelkt, mit schwarzen Rändern an den Vlättchen. „Hier, damit Du noch was hast— die hat mir Professors Tochter geschenkt. Stell sie ins Wasser, vielleicht erholt sie sich« Kostet'ne Mark so'n Ding." Aeh, die mag ich nicht, wenn sie von der ist. Sie hätten eine für mich mopsen müssen." Mit der Gebärde des Wider- willens schob sie den Stengel zurück, so daß er nur die Spitzen ihrer schlanken Finger berührte. „Na, da hör doch einer diese Krabbe," rief Lorensen aus und lachte schallend.„Du scheinst ja schon höllisch verwöhnt zu sein. Hermann, was sagst Du dazu?" Kempen, die Holzpfeife zwischen den Lippen, rieb schwei- gend an der umgekehrten Tasche, die er gründlich eingeseift hatte; dann aber brummte er:„Würde ich auch nicht nehmen. Wer weiß, was Fräulein Heilke für eine Nase hat." Er gönnte dem Freunde diesen kleinen Reinfall, nachdem es ihm gestern wegen seiner Grobheit ebenso gegangen war, wenn auch in anderer Art. „Na, klassisch ist sie, sie kommt nach dem Alten," warf Lorensen ein, nahm die Rose und steckte sie an den Strohhut der Venus, was sehr drollig wirkte. Es kam die Zeit, wo Klara sie verlassen mußte, denn es gab für sie nichts mehr zu tun.„Dann also besten Dank für alles. Adieu," sagte sie lächelnd, aber mit einem gewissen Zittern in der Sttmme, und reichte jedem von ihnen die Hand. „Laß Dich mal wieder sehen," redete ihr Kempen gut zu, als er ihre betrübte Miene sah, und versprach ihr, bei einer ähnlichen Arbeit wieder an sie zu denken. Im nächsten Jahr trat ein völliger Umschwung in den Verhältnissen der Freunde ein. Lorensen hatte in seiner Heimat einen reichen Gönner gefunden, einen alten, adligen Herrn, der zwei Güter besaß, mehrere Stiftungen verwaltete und in seinem Kreise eine gewichttge Person war. Ein merk- würdiger Zufall hatte alles gemacht. Im Sommer waren die Genossen zusammen nach Neumünster gereist, um einige Wochen in Ungebundenheit$u verleben, nachdem sie sich in Hamburg von dem Wohlbefinden der alten Frau Kempen uberzeugt hatten. Zu allen tollen Streichen aufgelegt, gingen sie ins Land hinein und beteiligten sich an einer Treibjagd, nicht als Jäger, sondern als Verscheucher des Wildes, wober sie es bald mit den Leuten zu tun bekamen. Es gab einen Radau, so daß die ganze Jagdgesellschaft zusammenlief, an der Spitze der alte Herr von Rensdahl, eine hübsche, mann- liche Ruine, die aber noch feste Grundmauern hatte. Die Künstler in ihren Räuberhllten, unter deren tief herunter- hängenden Krempen die offenen Gesichter winkten, stachen merkwürdig ab von dem übrigen Pack, so daß sie sofort den Eindruck von ideal veranlagten Landstreichern machten. Ein Wort gab das andere und schließlich auch die nötige Aufklärung. Herr von Rensdahl meckerte sehr erregt, be- ruhigte sich dann aber bald, trotzdem ihm das ganze Jagd- vergnügen verdorben war. Wie, was? Zwei Berliner Bild- Hauer unter seinen Treiben:? Das war ihm noch nicht vorgekommen. Und gar der junge Lorensen aus Neumünster? Ei, das war die schönste Ueberraschung. Er kannte den Alten sehr gut, diesen Braven, der ihm wiederholt in Stiftung?- dingen eine hilfreiche Hand gewesen war. Er hatte ihm auch viel von seinem Sohn erzählt, der eine große Leuchte werden wollte, ohne daß man sie bisher irgendwo flackern gesehen hatte. Na, vielleicht konnte man sie etwas zum prassel«, brin- gen aus Liebe zur heimatlichen Erde. Mußten ja merkwürdige Kerle sein, diese beiden, die, statt größenwahnsinnig in Lack- stiefeln herumzutreten wie der Neffe seines Duzbruders Hol, - 874— fcEeft in 5er Berliner Melierdilla. sich hier im Tagewecks- kittel unter die Bauern mischten. Herr von Rensdahl hatte hin und wieder künstlerische An- tvandlungen, die er bei Gelegent?eit gern zeigte, um von sich reden zu nmäzen: denn dieser alte Provinzgourmand. der sich selbst auf dem Lande seinen Pariser Koch hielt und, obwohl schon in hohen Jahren, noch empfänglich für Frauenschönheiten war, hatte seine besonderen Eitelkeiten, die man ihm aber um seiner sonstigen guten Eigenschaften wegen gerne aeizich Schon am anderen Tage sah man sein bekann:es Schim- ruelgespann in Neumünster, wo er mit dem Bataillonotuin- mandeur der Fünfundachtziger gut dinierte und dann im Hotel den alten Lorensen empfing, den er sich vom Rathaus Mtc kommen lassen. Er mutzte doch hören, wie der bewährie Magi- stratsgehilfe selbst über seinen Sohn dachte. Bald spih/e er die kleineil Ohren, die stets rot wie erfroren aussahen, und lietz obendrein die runden Glotzäuglein spielen, d re:' stee«' Beweglichkeit seinem Gesichtsausdruck etwas Ps'sf'.ges gab. ».Was, das ist schon aus ihrem Jungen geworden?" meckerte er ohne Zwang los.„Und davon hat man n'.chls gerochen? Hier fliegt de Ühl auch man nachts umher, das merkt man, ja eh... Also Professors Liebling ist er sogar, eieiei! Tann kann er ja wohl was." Was der König im Staate, das war ihm der.Professor" im Reiche der Kunst und der Wissenschaft, und so gab es für ihn in dieser Beziehring kein Aber mehr. Der schwere Bor- deaux hatte ihn nicht nur krebsrot gemacht, so dutz der kurzgestutzte weitze Bart wie Schnee leuchtete, sondern ihn auch in eine gebefreundliche Stimmung versetzt. Vater Lerer sen konnte also seine Beleibtheit mit einem wohligen Gcfiiül, wie seit langer Zeit nicht, zur Tür hinaustragen. Die Zukuufts« sorge um seinen Sohn würde er sicher los werden, denn wer diesen Gönner bekam, der konnte sich vergnügt eins auf seiner LebenSgeige aufspielen. Drei Tage später wurde Fritz Lorensen nach Kiel b.'stellt, wo Herr von Rensdahl nach Düsternbrook hinaus n Land- Haus mit schönem Park besatz. in dem er einen Teil des Winters verbrachte, falls er sich nicht auf Reisen besan� Pünktlich zur richtigen Stunde tanzte der Blonde an in Frack und karierten Beinkleidern, einen alten braunen Haud'>nili übergestreift und einen verjährten Zylinderstöpsel a-s. den er sich rasch vom Hutmacher geliehen hatte. Natürlich begleitete ihn Kempen, der weniger geneigt war. seinen bequemen Zu- stand zu verändern, es aber als ganz selbstverständlich ge- sunden hatte, mit in die Erscheinung zu treten, wo es sich um Ateliergeschäfte handelte. Herr von Rensdahl konnte sich die Notwendigkeit dazu weniger erklären: als er dann aber aus Lorensens Munde in treuherziger Osfenheit von dem unvermeidlichen Zusammenleben dieses Toppelgestirns erfuhr, lachte er der- gnügt und lud sie beide zum Frühstück ein, um erst zu forschen und dann zu einem Entschluß zu kommen. Lorensen sprach fast allein in seiner drolligen Weise. Kempen schwieg sich wie gewöhnlich aus. hörte jedoch mit vier Ohren zu und warf nur dann ein gewichtiges Wort ein, sobald es ihni schien, als könnte der Kunstgenosse den ganzen Brei wieder verderben. Es handelte sich vorerst um einen Versuch, um ein paar Eartengruppen, in denen Faun und Nymphe die Haupt- rolle spielen sollten. Kempen wollte ihm zwar einen anderen Gedanken eintröpfeln, indem er von Herkulessen, Ringern und von sonstigen männlichen Kraftgestalten sprach, aber das„ja eh, ja eh", mit dem ihn: der Gönner das Wort ab- schnitt, begleitet von einem Blick, der deutlich fragte:„Was willst D u eigentlich?", klang so entscheidend, datz der Weiberverächter jeden weiteren Versuch aufgab. Es war unschwer zu erraten, daß Herr von Rensdahl ein gewisses Mitleid mit diesem knorrigen Gesellen empfand, der sich vermaß, in die Schönheitsanbetung eines alten Frauen- kcnners einzugreifen. Ter Blonde mit den weichen Zügen dagegen hatte einen anderen Geschmack, der flüssig wie Honigseim von den Lippen kam, so datz es ein Vergnügen war, seinen Erörterungen zuzuhören. Ein Junge, der noch die späte Sehnsucht eines Herzens verstand und es ganz natürlich fand, datz man sich an dem Anblick schöner Frauen- leiber ergötzen wollte, geschähe es auch nur in Marmor oder in Bronze I Lorenscn, dem es leicht wurde, diesen Widerhall seiner eigenen Gefühle aufzunehmen, und der den andaueruden Goldregen dieses Reichen bereits verspürte, der ihm Lust und Wonne bringen würde, sprach wie ein Mühlrad, wobei «x den Empfindungen des Gönners Rechnung trug. Er bat sich ein Blatt Papier aus und entwarf sofort kühn emkge Skizzen, trotzdem er eigentlich wenig Zeichentalent hatte. denn seine Begabung für solche Andeutungen lag nur im Gesicht der Fingerspitzen. Und als sie dann durch den Park schritten, wo alte, narbige Steinfiguren ihr verlassenes Dasein fristeten, verstand er es, alle lauschigen Winkel derartig mit Nyniplien, Nixen und Liebesgöttinnen durch seine Schilde» rungen zu beleben, daß Herrn von Rensdahl bei dieser Wortplastik das Wasser im Mund zusammenlief. Die sinn» lich glänzenden Aeuglein kugelten sich bedenklich nach außen. und seine Schlutzanerkennung lautete vergnügt mit einer gewissen väterlichm Würde:„Gut. mein Sohn, sehr gut. Ich glaube, wir haben uns verstanden, ja eh. Das muß hier ganz anders werden. Mehr Lebensfreude, mehr Lebens- freude! Alles zu tot und zu nüchtern. Im nächsten Früh- jähr— dann muß eine neue Welt hier entstehen, ja eh. Grotten, Fontänen, Kaskaden— na. wir sprechen noch darüber. Ter Gärtner mutz mir einen neuen Plan machen.... Ich liebe die Leute, mein Sohn, die mir Ver- ständnis entgegenbringen. Man mutz etwas für die Kunst tun, ja eh. Ich werde die Presse laden, unser Licht soll leuchten. Man schnell, man schnell, damit ich etwas sehet Dann kommt auch Brot in Euer Haus." (Fortsetzung folgt.) l)er Hochverräter. Aus Briefen Fritz Reuters an seinen Vater. Auf Festung Glogau. Im ganzen genommen bin ich doch ein wahrer Unglücksvogel, selbst bis zu den kleinsten Dingen herab: denke Dir, meine Sachen. die Du mir im Januar zusandtest, sind noch nicht mein geworden... Man hat mir geantwortet, sie wären nicht auf der Grenze dekla- riert und müßten bis zur Entscheidung... in Frankenstein blei- ben.... doch würde die Steuer vielleicht mehr betragen als sie wert wären, nämlich 26 Taler 5 Silbergroschen. Glogau, 23. Februar 1837. Man hat bei dieser Untersuchung folgende Kategorien gc- bildet und demnach verurteilt. Man hat eingeteilt in: nicht gra- vierte Verbindungen und in gravierte Verbindungen. Zu den ersteren gehören alle Burschenschaften von dem Jahre 32 und eS find die Mitglieder derselben mit 6 Jahren verurteilt... Diese sind begnadigt, entweder ganz oder zu Strafen bis zu einem Jahre; darauf folgen die Breslauer, deren Tendenz nicht so schroff aus- gesprochen war,... sie haben erhalten: 6— 8— 10 und die Gravierten in ihrer Verbindung 12— 16 Jahre. Zu den gravierten Verbindungen gehören alle Burschenschaften mit Ausnahme der Breslauer, die im Jahre 32 und 33 existierten zu Heidelberg, Bonn, Jena, Tübingen, Erlangen, Würzburg, Greifswald. Halle und Kiel... Zu den nicht gravierten wirklichen Mitgliedern dieser gravierten Verbindungen gehöre ich mit allen Mecklen- burgern, mit Ausnahme von..., und diese Kategorie ist durch die Bank zu dem Beile verurteilt worden und zu 30 Jahren begnadigt worden, die Gravierten dieser Verbindungen sind zu dem Ii ade verurteilt und zu lebenslänglicher Festungshaft begnadigt worden, wie das Urteil eines gewissen Otto zu Stettin bezeugt. Bei meiner Untersuchung habe ich mich beschränkt, die Wahrheit von Tatsachen einzugestehen, die schon eingestanden waren.... Von dem Frankfurter Attentat konnte ich keine Kenntnis haben, da ich schon an dem 18. Februar Jena verließ und seit Mitte des Januar freiwillig aus der Ver- bindung ausgetreten war. Törichte Redensarten habe ich auch nicht ausgestoßen.... Der ganze traurige Unterschied in der Bestrafung der Mecklenburger mit einem ganzen Jahre und meine mit 30 Jahren, liegt in der Verschiedenheit der Gesetze und in der Konsequenz deS preußischen Gerichtshofes; betrachtet man mich als Preußen oder als einen, der gegen den preußischen Staat ge- sündigt hat, so habe ich mich nicht über Härte der Strafe zu be- schweren, da alle dasselbe erhalten haben, die das- selbe gewollt haben, denn getan haben wir nichts. (Reuter schreibt dann seinem Vater, er wolle auf das„Rechts- mittel der weiteren Verteidigung" verzichten, er wolle sick lieber unmittelbar an die Gnade Sr. Majestät wenden, da könne er doch mit Sicherheit darauf rechnen, daß sein Vertrauen auf wertere Begnadigung nicht getäuscht werde.) Vier Jahre will ich noch ruhig ausharren, und werde sie noch ertragen, ist dann noch kein Ziel, dann lebe wohl Hoffnung auf Erdenglück, dann werds ich grenzenlos unglücklich werden. Glogau, 11. März 1837« * (Die Magdeburger Hölle schildern namentlich Kapitel 7 und 16 ,.Ut de Festungstid". Die folgenden Briefe hatten wieder bis Dämpfung der Zensur.) In der Magdeburger Hölle. Bei alledem sehe ich mich genötigt. Deine Ausgaben durch eins unerwartete zu verüvchren, nämlich durch die Erstattung der Reise» kosten von 20 Taker 25 Silbetgroschen Pr. gouranf, Me Du gefälligst so bald wie möglich an d«e hiesige königliche hochlöbliche Kommandantur einsenden wirst.... Wie es mir hier geht, dar- über kann ich Dir nicht schreiben, und muh ebenfalls bitten. Deine Briefe genau so einzurichten, daß darin etwa nicht etwas ent- halten ist, welches ihre Ablieferung an mich erschweren oder ver- hindern könnte. Magdeburg, 31. März 1837. Die Grunde deS Erkenntnisses find mir noch nicht mitgeteilt. doch hoffe ich alle Tage sie zur Kenntnis zu erhalten. Magdeburg, Ib. April 1837. (Im Frühjahr richten Reuter und sein Vater Begnadigungs- Gesuche an Friedrich Wilhelm III. In Fritzens Gesuch heißt es: „<3o schrecklich sich auch in der gesetzlichen Beurteilung das Wesen meiner Vergchung entfaltet hat...., so drängt mich doch mein eigenes Bewußtsein zu dem Tröste, daß nie in meinem Leben ein wirkliches Verbrechen das Ziel meiner Bestrebungen war. Leicht- finnige Erfassung des Augenblicks, Mangel an ernstlicher Erwä- gung der Dinge und ihrer Folgen und jugendliche flüchtige Be- geistcrung für alles Gute konnten wohl manches falsche Ideal für eine Zeitlang vor meinen Blicken fesseln, aber niemals bin ich mir bewußt gewesen, den verbrecherischen Unternehmungen, wie sie mir zur Last gelegt werden, mein Herz oder meine Hand zu leihen. Von diesem tröstlichen Gedanken ermutigt, wage ich es. von der Gnade Sr. Majestät eine Milderung der schweren, von dem Gesetz mir zuerkannten Strafe zu hoffen, und flehend darum mich vor Allerhöchst dem erhabenen Throne niederzuwerfen. Schon seit 4 Jahren büße ich die leichtsinnigen Verirrungen meiner Jugend in einer strengen Gefangenschaft usw.) Hier sind alle aufs äußerste gespannt, und ich muß gestehen. ich gehöre zu den höchsten Sanguinikern, indem ich mich im Geiste von Gendarmen nach Mecklenburg eskortiert sehe.... Ich muß gestehen, daß ich vor vier Jahren nicht recht lüstern nach dieser Ehre gewesen wäre, doch die Zeiten ändern sich. Magdeburg, 16. Juli 1837. Meine Gesundheit ist nicht die beste, weshalb ich mich jetzt im Lazarett befinde.... Heber die Auslieferung in die Heimat, sowie über das Resultat meines Gnadengesuches ist mir neuer- dings nichts bekannt geworden. Magdeburg, 10. September 1837. (Die„Begnadigung" traf dann ein: Statt 30 Jahre, 8 Jahre, von der Auslieferung an die Heimatbehörde kein Wort.) Wenn Du glaubst, diesem Brief Kälte vorwerfen zu müssen, dann irrst Du. wirfst Du ihm aber Verworrenheit und Unklarheit vor, so hast Du Recht, denn ich befinde mich in einer Gemütö- Verfassung, die es mir unmöglich macht, die Sachen, die mir durch den Kops gehen, zu ordnen und Dir deutlich zu machen.„An meinem Hoffnungshimmel stehen aber andere Sterne, die ich Dir jedoch nicht mitteilen kann, weil nur deren Erfüllung mir das Recht dazu gibt." Magdeburg, 21. Oktober 1337. Es verbreitete sich ein Gerücht, welches sewst in unserem Kerker widerhallte, daß Sr. Majestät 40jähriges RegierungS. Jubiläum(am 16. d. M.) den politischen Gefangenen eine günstige Veränderung bringen würde; man sprach von einer gänzlichen Amnestie �.. Und wie sehr auch die Hoffnungen von Tage zu Tage wuchsen, wie sehr auch die Pläne zur Reise beraten wurden, die Amnestie blieb aus... Eine Hoffnung haben wir alle� noch, nämlich wenigstens auf die Zitadelle zu kommen, da nämlich schon hier eine Kommission zur Untersuchung der Gefängnisse gc- Wesen ist, um zu bestimmen, ob dieselben gesund sind und ist dann berichtet worden,— aber waS berichtet worden ist, weiß ich nicht, und wenn ich es wüßte, dürste ich es doch nicht schreiben. Magdeburg, 29. November 1837. Unsere Zimmer liegen gänzlich nach Norden, so daß bis jetzt noch kein freundlicher Sonnenstrahl durch die Gitter und in das kleine... Fenster gedrungen ist; die Lokale sind so feucht, daß Stiefel, Bücher, ja selbst Holzwaren, vom Schimmel überzogen und verdorben werden. Die Heizung wird mit Luft bewerkstelligt, die unsinnigerweise oben hereinströmt, anstatt unten, so daß man kalte Füße und heißen Kopf erhält...; das Wasser ist Elbwasser, widerlich weich und zuweilen gänzlich durch Schmutz und Sand untrinkbar. Des Tages haben wir zwei Freistunden, die in einem von hohen Mauern umschlossenen und gegen Norden ge- lcgenen Hofe abgehalten werden und dem man, der Gesundheit wegen, an jedem Ende eine große Kotgrube zugegeben hat. in welchen beiden Gruben sich die Abgänge von zirka 200 Menschen sammeln. Alle diese Umstände, vereint mit der äußersten Äe- schränktheit der Zimmer, erzeugten häufige Krankheiten, die in diesem vergangenen Soinmer sich so häuften, daß über die Hälfte im Lazarett sich befanden, worunter auch ich�(Reuter erzählt dann weiter, daß einige aus dem Lazarett entflohen seien— die „Hoffnungssterne" im Brief vom 21. Oktober!—; darauf habe man dem Stabsarzt vorgeworfen, er nehme unnötigerweise die Gefangenen ins Lazarett auf. Der Arzt berief sich auf die lln- gesundhcit der Lokale. So kam die Kommission und erklärte die Räume für durchaus ungesund. Es wurde dann die Versetzung der Gefangenen beschlossen.)... Deine Befürchtungen i« Hinficht der spiritiiosa muß ich in meiner jetzigen Stimmung... für unbegründet erklären... Wenn auch in G. kein jjutes Bier ist, so empfinde ich diesen Mangel durchaus nicht, da ich seit einiger Zeit, freilich ist sie nur kurz, nur Wasser trinke, und so werde ich mit Gottes Hilfe diesen meinen größten Feind auch überwinden.,» Soeben kehre ich aus der Freistunde in meine Zelle zurück..., Ich habe den H af gekehrt. Ein schmutzig Geichäft. aber doch ein Geschäft.(Dieser letzte Brief aus Magdeburg ist geschmuggelt! worden.) »„ In Graudenz. (Auf dem Wege nach Graudenz wird Reuter in Berlin in dev Hausvogtei untergebracht. Der alte Vater ist in Berlin. Der Sohn fleht, ihn sehen zu dürfen. Der Krimnaldirektor Dambach verweigert es. Im 12. Kapitel„Ut mine Festungstid" schreibt Reuter, und man fühlt die bei der Erinnerung aufschäumende Erregung:„Jk will den Herrn Kriminaldirektor Dambach datj nich anreken, eben so as ik äwer sine annern Quälerien, de hei in den Uennersäukungsarrest gegen mi utäuwt hett, uk einen oicken Strich maken will; äwer in eine Hinsicht soll hei mi Red' stahn— hei is all dod, up dese Jrd kann hei't nich unhr— äwer up Jensid soll hei sik verantwürten, worüm hei minen ollen Vader, de grad in desen Danen in sine hartliche Leiw för sinen einzigsten Sähn nach Berlin kamen war, üm wat för sin Frikamen tau dauhn— worüm hei minen ollen Vader de twintig Schritt tau min Ge-, fängnis nich wis't hett, bat de Sähn dort an Vaders Bost mal utweinen künn, doräwer sollst Du mi Red' stahn I") Wie sehr habe ich gebeten am 11., 12. und 13. d. Mts., als ich mich zu B. auf der Hausvogtei befand, daß man mir erlauben möge, einen kleinen Zettel än Marggraff schreiben zu dürfen, doch vergebens, man hat mir nicht einmal Antwort auf meine Bitten gegeben, selbst nicht als ich aufs dringendste bat, mit der Bemer-, kung, daß es nun bereits fast fünf Jahre wären, wo ich Dich nicht gesehen hätte.... War mein Abschied traurig in Magdeburg, so war meine Ankunft Hierselbst sehr erfreulich. Wir find von der Hölle in den Himmel gekommen.... Wir bewohnen hier freilich Kasematten, doch scheinen sie nicht so feucht und so ungesund zu sein, wie die Silberbergs. Graudenz. 17. März 1838. Meine Begnadigung ist mir rund abgeschlagen worden und zwar in sehr untröstlichen und determinierten Worten:„dem usw. Reuter ist zu melden, daß eine weitere Ermäßigung der bereits bedeutend herabgesetzten Freiheitsstrafe des usw. Reuter nicht stattfinde". Also kann ich noch vier Jahre, nicht drei, wie Du meinst, da mir ver Untersuchungsarrest nicht angerechnet wird, auf preußischen Festungen verbringen. Graudenz, 10. Oktober 1838. (Endlich gelingt es den unausgesetzten Bemühungen deS Vaters, durch Vermittelung des menschenfreundlichen und libe» ralen mecklenburgischen Ministers von Lützow, den Grohherzog von Mecklenburg zu einer Verwendung bei Friedrich Wilhelm III. zu veranlassen. Die bisher gesetzwidrig verweigerte Auslieferung wird Frühjahr 1839 gestattet. Reuter bezieht die mecklenburgische Festung Dömitz. Vor der Uebersiedelung muß er noch Urfehde schwören, zeitlebens keinen Fuß auf preußisches Gebiet zu setzen.) Auf mecklenburgischer Festung. In Berlin, wo ich noch zuletzt einen Tag lang Gelegenheit hatte, auf der Stadtvogtei bei streng verschlossenen Türen über die Tyrannei der Preußen Betrachtungen zu machen, wurde mir der Gebrauch der Schreibmaterialien nicht gestattet; gottlob, ich bin jetzt auf vaterländischem Boden. Dömitz, 24. Juni 1839. (Der Vater macht dem Sohn Vorwürfe wegen der Schulden« die er in Graudenz gemacht. Fritz antwortet darauf:) Mein Los ist es gewesen, stets mit Leuten zusammen zu sein, die außer 6 Silbergroschen täglich nichts hatten, die früher eS besser gewohnt waren und durch die harte Gefangenschaft körper- lich heruntergekommen, unmöglich existieren konnten. Du hast den Anblick nicht gehabt, daß ein Schwindsüchtiger, der täglich 5 Silbergroschen zu verzehren hatte, 10 Silbergroschen für Medizin aus, geben sollte, ein gesunder Mensch aus Mangel an Stiefeln Wochen» lang in der dumpfen Kasematte liegen muhte. Denke Dir nun, daß ich bei keinem Kaufmann, bei keinem Handwerker selbst kaufen oder dingen konnte, daß ich auf alle Weise übervorteilt und von den Aufwärtern betrogen worden bin. Dömitz, 6. Juli 1839. Ich wollte, ich könnte Dir noch etwas Gutes nach so vielem Uebeln schreibe»..... im Gegenteil muß ich Dir die abermalige Vernichtung meiner Hoffnungen melden, indem die Großherzog« liche Regierung meine Bitte um Verwendung beim König von Preußen rund abgeschlagen hat. Dömitz, 20. Januar 1840. Du verlangst, ich soll Dir die Versicherung geben, nicht wieder in das Laster des Trunkes zu verfallen.... Du hast wohl keine Leidenschaft zu bekämpfen gehabt, oder doch keine so tief eingc« wurzelte? sonst würdest Du Dich gratulieren, daß ich schon so weit bin, keinen Branntwein zu trinken, zumal wenn Du mich früher gekannt hättest.... Sicher kannst Du darauf bauen, daß es bei mir abnehmen wird, da ich eigentlich gar nicht darauf ausgehe, mich zu berauschen, sondern da es mir ohne meinen Willen und Wissen über den Hals kommt. Dömitz, 4. März 1840. Ich habe wiederum zu viel Wein getrunken und bin krank gewesen. Man hat mich hier öffentlich zum...... gestempelt und eine darauf abzweckend». Order erlassen. Du siehst, meine Straf« Ist eine sehr harte. Es gehen Tage, Wochen. Monate Hin, wo ich an keine Getränke denke, wo nie die Lust dazu in mir erwacht, und bann mit einem Male verfalle ich auf die unseligsten Dinge. Wie ich diesmal dazu gekommen bin, kann ich Dir nicht sagen; ich weiß' es selbst nicht; mein Innerstes ist in zu großer Verwirrung. Dömitz, 13. Mai 1840. (Friedrich Wilhelm III. stirbt. Beim Thronwechsel werden die Demagogen amnestiert, aber Reuter wird vergessen.) Ich mache alle Augenblicke Pläne zur Reise und bringe meine sieben Sachen in Ordnung, damit es gleich fortgehen kann, sowie bie Nachricht(der Amnestie) kommt. Dömitz, 14. Juni 1840. Der alte König hat allen seinen Beleidigern vergeben; ob wir auch wohl unter diese rechnen, oder ob hier zu unserem Schaben ein Unterschied zwischen König und Staat gemacht wird, den doch sonst jene starren Anhänger des stabilen Prinzips nicht gelten lassen. DaS wäre schön, wenn sie bei dieser Gelegenheit ihr berüchtigtes Motto(I'etat c'esl moi) fallen ließen, bloß um das Vergnügen zu haben, einige 40 junge Leute noch länger zu quälen und einem Hirngespinst von Recht soviel Lebensglück zu opfern. Dömitz, 24. Juni 1840. (Der Vater richtet jetzt ein Begnadigungsgesuch an den neuen Preußcnkönig Friedrich Wilhelm lV. Auch dieses Gesuch blieb gänzlich unberücksichtigt. Nun aber greift der Großherzog von Mecklenburg ein und entläßt einfach den bei der preußischen Amnestie Vergessenen.)_ Kleines f euiUeton» Lebende Bilder von Bakterien. Die Ausnutzung des Kinemato- graphen für wisienschastlicbe Zwecke wird ohne Zweifel noch außer- ordentliche Erfolge und Ueberraschungen bringen, und bielleicht er- leben wrr es noch, daß sich wenigstens einige von den grotzstädlischen Mnochcarern zu einer wirklich wertvollen Beiäligung aufschwingen. indem sie nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Belehrung dienen. Was auf diesem Gebiete zu erwarten ist, hat eine kinematographische Veranstaltung gezeigt, die von einergroßen ärztlichen Gesellschaft in London veranstaltet wurde. Die bei dieser Gelegenheit vorgeführten lebenden Bilder hatten sämtlich die Besonderheit, daß sie mit Hilfe des Mikroskops aufgenommen waren, also die Bewegungen einer Welt vorführten, die dem menschlichen Auge unter gewöhn- lichen Verhältnissen gar nicht zugänglich ist. Die Hauptrolle in diesen Dramen spielten Bakterien und Urtiere, die als Urbeber ge- fährlicher Krankheiten studiert und verfolgt werden. Die erste Bilderreihe schilderte die künstliche Erzeugung von Schlafkrankheit bei einer Ratte und die Bewegungen der die» Leiden erregenden Urtiere(Tr�xunosomsri). Dann folgten die Spirochaeten, eine merkwürdige schraubenförmige Art von Bakterien des Rückfall- typbus und zeigten sich in ihren ganz eigentümlichen Be- vegungen. Ferner traten verwandte Bakterien auf, die das Geflügel befallen und zum Teil innerhalb der roten Blut- körperwen ihr Unwesen treiben. Als Numero vier wurden die Be- wegungen von Infusorien in dem Darn, einer Maus gezeigt. Den Schluß machte die Darstellung der berühmten L�iroobaota pallida, die als Erreger der Syphilis betrachtet wird. Sie ist ein winziges Lebewesci' von nur 1 Zweitausendstel Millimeter Länge, das aber tn diesen lebenden Bildern als em wahrer Riese mitwirkte. An einer anderen Gruppe von lebenden Bildern waren auch die Röntgen-Strahlen beteiligt, indem beispielsweise lebende Aufnahmen der Bewegungen des menschlichen MagenS in gesundem und krankem Austande gezeigt wurden. Originelle Grabinschriften. Ein eigenartiger Beleidigungsprozeß beschäftigte vor einiger Zeit das Schöffengericht in Groß-Schönau in Sachsen. Die geichiedene Frau eines Fabrikbesitzers hatte ihrem Kinde einen Grabstein setzen lassen, der die Inschrift trug:„Das treue Vaterherz, das Du so sehnsuchtsvoll gesucht auf Erden, soll Dir im Himmel beschieden werden." Durch diese Inschrift fühlte sich der geschiedene Ehemann beleidigt, und das Gericht kam zur Verurteilung der Frau zu einer Geldstrafe und zur Beseitigung der Inschrift. Ein ähnlicher Fall wurde vor einigen Tagen aus Wien berichtet. Nur daß dort zwei Aerzte sich beleidigt fühlten. Ein Schmied hatte auf dem Grabmal seiner Frau folgende Inschrift an- bringen lassen:„Hier ruht Frau... Sie ist durch gewissenlose Behandlung nach langen Leiden gestorben." Nicht alle Männer sind von Gefühlen trauernder Liebe beseelt, wenn ihre besseren Hälften Abschied von ihnen nehmen. Derb und beutlich gibt die Gefühle des Zurückgebliebenen eine Grabinschrift wieder, die in Tirol ein Pfannhausarbeiter seinem Weibe widmet: „Hier liegt begraben mein Weib, Gott sei'dankt! Sie hat ewig mit mir gezankt. Drum, lieber Leser, geh von hier. Sonst steht sie auf und zankt mit Dir!"— Nicht minder boshaft ist die Inschrift eines Steines in Bingen a. Rh. Wie auf der Rückseite zu sehen ist, wurde das Grabmal von dem„Stadirat und Baumeister" Wendel Dachlinger seiner am 3. März 1820 verstorbenen„geliebten Gattin" Regina gesetzt. Die Vorderseite zeigt folgende auf den ersten Blick harmlose Verse:„Wohl auch die stille Häuslichkeit Ist eines Denk- rnals wert, Ihr sei es hier von mir geweiht. Und wer die Tugend ehrt Auch in dem schlichtesten Gewand. Mir, meinem Schmerz, ist er verwandt." Bei näherem Zusehen entpuppen sich die Zeilen als ein recht sarkastisches Akrostichon. Die Anfangsworte der einzelnen Zeilen ergeben, von oben nach unten gelesen, nämlich den Say:„Wohl ist ihr und auch mir..." In M ü n ch e n ruft ein Ehemann seiner Gattin nach:„Tränen können Dich nicht mehr lebendig machen— darum weine ich." Und auf dem Pariser Psre Lachan'e steht auf einem Steine:„Attends-moi longtemps."(Du kannst lange auf mich warten.) Oft gibt die Grabinschrift in kurioser Form die Todesursache an, wie der bekannte Spruch auf einem Marterl bei I s ch l, der den Unfall des betreffenden Toren drastisch und knapp schildert: „Aufi g'stieg'n, Abi g'fall'n. Hin g'west. Die Ehre sei der heiligen Dreifaltigkeit." Auf einem Steine des S a ch f en h ä u f er Friedhofes stand vor kurzem noch zu leien:„Hier ruhet Peter Laam, Starb dorch an Srorz vom Baam. Eigentlich heißt er Leim, Das batzt ebber net in'n Reim." Neben dielen drollig-naiven Inschriften finden sich auch andere, die einen recht sarkastischen Beigeswmack haben. So schrieb man einem Brauer aufs Grab:„Chnst l stehe still und bet' a bißt, Da liegt der Brauer Johann Nißl; Zu schwer fast mußt er büßen hier: Er starb an selbstgebramem Bier." Die Grabinschrift der Kinder eines Bürgers von Hameln warnt vor schlechten Aerzten: .Wir sind durch Pferdcarztes Hand Zu früh hierher geschicket. Zur Warnung für das Vaterland Und den, der dies erblicket, Sein'n Leib vertraue jedermann Nur sichrer Aerzte Hände an; Geht er dann auch die Todesbahn. Hat er doch seine Pflicht getan." Voll unfteiwilligen Humors ist die Grabinschrift, welche die Witwe eines Wirtes ihrem Manne widmete. Auf der vorderen Seite des Steine? liest man:„Zu ftüh trank er den bitteren' und dann folgt auf der Rückseite:„Kelch des Lebens aus." Sprachwissenschaftliches. Weichbild. Die nächste Umgebung einer Stadt wird noch häufig ihr Weichbild genannt. Mancher denkt. eS gehe bis an die Stelle, wo einem das Bild der Stadl aus den Augen weicht. Das ist aber eine rein äußerliche und falsche Erklärung. Kluge lehrt uns die richtige. Der zweite Bestandteil des Wortes— bild— ist desselben Stammes wie„billig", das ursprünglich„passend, geziemend, gemäß" bedeutet— so noch in der Wendung„was recht und billig ist",— und wie das„bill" in„Unbill, Unbilde", da» Ungemäßhech Ungerechlheit bedeutet.„Bilde" also ist Recht, Gerichtsbarkeit.— Der erste Bestandteil aber. Weich, heißt Flecken, Stadt und ist ent- standen aus dem lateinischen Wort vious.— Wie nun mittelhochdeutsch der Stadtrichler wlchgräve, der Stadtfriede wlchvride Hieß, so war wtclibilde die Stadlgerichtsbarkeit; daraus entwickelte sich erst später die Bedeutung Stadtgebiet. Die Gefahr war eine große. Eine schlimme Unart ist der Zusatz des unbestimmten Geschlechtsworts vor Eigenschafts« Wörtern, die in der Satzaussage stehen. Beispiele: 1.„Die Gefahr war eine große", als wenn„groß" nicht genügte. 2.„Die Schreib» weise war eine schwankende"— ja doch, sie schwankt. 3.„Der Stand der Reben ist ein befriedigender." 4.„Der Vorfall war ein unerhörter." b.„Der Sonnrag war ein ganz kritischer für unser Dorf." 6. Der Verkehr war ein ganz enormer und der Durst ein ungewöhn» lich großer." 7.„Der Schaden an Obst ist ein bedeutender." 8.„Die Finanzlage soll eine schwierige>ein." S.„Der Fremden- verkehr ist ein sehr reger." 10.„Die Aussichten find keine günstigen." Unsere Zeit verlangt doch sonst überall Kürze, woher und weshalb denn diese schleppende Sprache?— Richtig ist diese Fügung nur, wo die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder Klasse be» zeichnet werden soll, zum Beispiel: Dieser Winkel ist ein rechter, jener ein stumpfer. Verkehrswesen. Eine neue Pacificbahn. Eine neue Rieseneisenbahnlinie wird, wie die„Umschau" berichtet, Nordamerika erhalten. Sie wird das große Festland in seiner ganzen Ausdehnung von über 6000 Kilometer von Boston bis Prince Rupert durchqueren. Der größte, östliche Teil ist bereits fertiggestellt und schon einige Jahre im Be- triebe. Der bisher schon beträchtliche Verkehr wird erheblich zu- nehmen, da besonders im letzten Teile fast noch jungfräuliche Ge- biete aufgeschlossen werden. Der Reichtum an Bodenichätzen, Getreide» Wild und Fischen ist hier besonders groß. Fast überall wird zu beiden Seiten der Linie fruchtbares Getreideland berührt, das in Verbindung mit dem großen Waldbestaude gute Verkehrsgrundlagen für die Bahn ergeben wird. Obschon ein eigentlicher Wettbewerb mit den anderen Pacificbabnen wegen der Entfernung der Linien und der besonderen zu befördernden Güter kaum in Frage kommt, so ist die Bahn den etwa mitbcwerbenden Strecken gegenüber im Vorteil, da sie einmal etwas kürzer ist als die anderen und sodann auch günstigere Steigungsverhältnisse aufweist. Infolgedessen sollen Züge mit der fast unglaublich klingenden Nutzlast von 2000 Tonnen be- fördert werden, obschon die Wasserscheide 1100 Meter über dem Meere liegt. Eine ganz besondere Bedeutung erhält die Bahn noch durch die Hafenanlage an ihrem Endpunkte bei Prine Rupert, von wo aus die Entfernung nach Asien geringer als die der übrigen Häfen ist. ES wird daher auf einen lebhaften Verkehr dorthin, insbesondere auch mit Japan, gerechnet, da außerdem die geichützre Lage deS Hafens, seine Tiefe und sonstige günstige Verhältnisse eine gute Benutzung ermöglichen.___ Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag:VorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingerLeCo., Berlin LW«