Anterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 221. Freitag, den 11. November. 1910 (Nachdruck verdotea.) Mas Llt R.uKm? Roman von Max Kretze� 6. Herr von Rensdahl hatte seinen Besuch angekündigt und kam an einem Vormittag, als frisch gefallener Schnee auf den kahlen Aesten lag und mit seinem bleichen Widerschein Pracht- volle Helle im Atelier schuf. Man hatte gehörig aufgeräumt, alles Gerumpel hinter die grüne Gardine gebracht, die den verlorensten Teil abschloß, und den Lutherstuhl auf einen kleinen, alten Teppich gestellt. Davor stand die Drehscheibe mit dem Gipsmodell der Faungruppe. Um den Gönner nicht zu verwöhnen, hatte man die angefangene„Leda" hinten in einer großen Kiste untergebracht, die auf dem Deckel eine so schwere Last trug, daß man den Einblick scheuen mußte. Lorensen hatte sein Samtjackett angelegt und sah mit der mächtigen, punktierten Künstlerschleife sehr unternehmend aus; um seine Aufregung zu verbergen, rauchte er eine Ziga- rette nach der anderen. Auch Kempen war endlich mit seiner Hausknechtsarbeit fertig: er hatte den Schnee vom Garten- weg gefegt, die ein wenig blind gewordenen Atelierfenster geputzt und zum Schluß noch die Tonne mit trockenen Ton- und Gipsresten hinausbefördert nach der großen Abladungs- stelle für derartige Dinge, die sich hinten an der Gartenecke zwischen vermorschten Zäunen befand. Dann säuberte er sich, putzte sich die Stiefel noch einmal blank und zog den schwarzen Rock über, unter dem die stählerne Kette auf der Weste glänzte. Man hatte sich jetzt eine Uhr zugelegt, die er aber nur trug, seitdem Lorensen vor zwei Jahren so leichtsinnig gewesen war, die seinige irgendwo in einer Nacht zu lassen, ohne sein Ge- dächtnis daran jemals wieder auffrischen zu können. Der Zufall wollte es, daß Grete Schlemmer, elegant auf- gedonnert, gerade hereingeflitzt kam, als man jede Minute den gewichtigen Mann erwarten durfte. Sie wollte fragen, wann sie wieder kommen könne, da sie sich ihre Stunden jetzt anders einteilen mußte. Nach einem kühnen Griff in die Zigarettenschachtel wollte sie sich wieder davonmachen, als endlich der Ersehnte auftauchte, der, sobald er die stark nach Reseda Duftende erblickte, ihr gnädig zuwinkte, zu bleiben, mit jener Verbindlichkeit, die alte, empfängliche Herren für ein glattes Gesicht stets bereit haben. Lorensen sah darin ge- wissermaßen einen besonderen Wunsch, dem er nicht wider- sprechen dürfe, und so raunte er ihr rasch zu. ihren losen Mund zu halten, zeigte jedoch keine Neigung, sie vorzustellen, denn das wäre ihm wie eine Beleidigung dieses vornehmen Adligen erschienen. Im hochmodernen Pelzpaletot, den glänzenden Zylinder- lhut auf, den er nur leicht gelüftet hatte, die tadellos braun belederten Hände auf der silbernen Schirmkrücke gestützt, saß der von der Kälte rosig gerötete Kunst- und Lebemann be- haglich im Gönnersessel, ungefähr wie ein gefllrchteter Zeus, der in jedem Augenblicke seine vernichtenden Blitze auf die schweigsame Umgebung schleudern kann. „Hören Sie, das ist gut, das gefällt mir, ja eh, einfach jprächtig," meckerte er endlich los, nachdem man ein Weilchen nur die Zeichen seiner Erkältung vernommen hatte. Lorensen geriet in Bewegung und kam mit einer über- flüssigen Erläuterung, wobei er mit der Nymphe anfing, die ihm in der Bewegung vortrefflich gelungen war, und von der er annahm, daß sie die schwache Seite dieses Noblen am meisten befriedigen werde. Herr von Rensdahl aber winkte gewisser- maßen ad, indem er mit seiner Kehlkopfftimme rasch da- zwischen fuhr:„Auch gut, auch gut, mein Sohn, gewiß., aber dieser Faun, das ist ja ein Prachtkerl, ja eh. Meisterhaft, wirk- lich meisterhaft I Ich will Ihnen da keine Elogen sagen. Gra- tuliere dazu, gratuliere. Vollendet, vollendet! Mann, Sie können etwas." Lorensen, der neben ihm stand, schwieg sich plötzlich aus. Dieses einseitig-überschwengliche Lob kam ihm so unverhofft, daß ihm der Aerger ins Gesicht stieg, denn Grete war dabei, die die Arbeitsteilung kannte. Sein Blick ging auch auf Kempen, der sich abseits gedrückt hatte, nun aber sofort, eine Dummheit befürchtend, ihm heimlich ein Zeichen gab, nicht aus der Rolle zu fallen. Und Lorensen der an die gemeinsame Kasse dachte, war rasch wieder gefestigt und heimste nun die Anerkennung mit großer Pomadigkert ein. Gott fei Dank, daß die Nymphe endlich auch etwas ab- bekam! Es wäre ja auch noch schöner gewesen, wenn diese ge- schmeidige Hexe mit den vollen Formen und mit dem betören- den Lächeln nicht die Aschefunken in dem alten Krater auflohen gemacht hätte! Schließlich jedoch blieb es immer dasselbe Lied: der Faun, der Fcmn! Es war gerade, als hätte Rensdahl sich in diese Glotzäuglein verliebt wie jemand, der aus Eitelkeit fortwährend sein Spiegelbild betrachtet. Zum Schluß stand es bei ihm fest, daß dieser verlangende Grasteufel weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden müsse. „Hören Sie, mein Sohn, hören Sie, ja eh, das müssen wir ausstellen. Der Kerl wird typisch." überschlug sich seine Stimme wieder beim Betrachten des saftigen Burschen.„Man los damit, wenn's soweit ist. In Marmor, in Marmor! Das kommt ins Vestibül, zu schade für den Garten." Er erhob sich und ging um das Modell herum, trotzdem ihm Lorensen durch das Drehen der Scheibe alles bequem ge- macht hatte. Während er dann im Atelier herumtroltete und neugierig die Nase nach rechts und links steckte, ohne viel zu sehen, wandte er sich plötzlich an Kempen:„Was machen Sie denn eigentlich hier, mein Bester? Auch schon was geleistet, eh? Pardon, wenn ich..." Grete Schlemmer fand diese Frage so komisch, daß sie mit ihrem unschönen Lachen hervorplatzte, sich dann aber sofort den Mund zuhielt. Lorensen legte sich ins Mittel, indem er Kem- Pen gehörig herauszustreichen begann. Sein Freund schlage eine ganze andere Richtung in der Kunst ein, denn er lehne sich mehr an die Antike an. Hier der Löwenkämpfer, dort der sterbende Goliath.... Schon die Skizzen zeigten die ganze Kraft: die Welt werde darüber staunen. Geschäftig holte er das Ton- und Gipsgewirr von dem Wandbrett herunter, drehte die rohen Entwürfe vor den Augen des Gönners und stellte sie lmnn auf die Modellier- böcke, um sie in das beste Licht zu rücken. Und er vertiefte sich in die Einzelheiten mit einer Begeisterung, als handelte es sich um sein eigenes Werk, denn er fühlte den inneren Drang, etwas gut machen zu müssen, das er vorhm versäumt habe, gezwungen durch die äußeren Gründe. „Sehr schön,, sehr schön," warf Rensdahl ein wie jemand, der eine Verbindlichkeit zu erfüllen hat.„Jawoll, ich seh das alles. Aber sagen Sie mal— wer kämpft denn httlt noch mit Löwen? Das ist doch undenkbar, ja eh. Alles schon dagewesen, mein Sohn.... Pardon, Pordon, Verehrter, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten," unterbrach er sich, mit einem leichten Kopfneigen zu Kempen gewendet, der etwas in seinen Bart hineinmurmelte, was man nicht verstand. Herr von Rensdahl war entschieden zerstreut geworden. Fort- während hatte er Grete Schlemmer beäugelt, die allmählich mit häuslicher Sicherheit näher getreten war.„Aber schönes Kind, Sie sind doch... gewiß, man sieht es. Die Aehnlich- keit ist unverkennbar." Sie zeigte ihr Sirenenlächeln, machte etwas wie einen Knicks und zog mit geheuchelter Verschämtheit an den beiden Enden ihrer langen Pelzboa, die ihr lose über den Schultern hing. Und als Lorensen nun zugeben mußte, daß'seine Vermutung, es mit dem Modell zu tun zu haben, richtig sei, stieß er plötzlich in ein anderes Horn, indem er auf die Gruppe deutete:„Sehr schön, diese Nymphe, ja eh. Natur, Natur, man sieht es! Prachtvoll festgehalten, lieber Lorensen, das soll wohl sein." Grete blähte sich und steckte dieses Lob für sich ein, denn sie merkte, wie er sie mit Wohlgefallen betrachtete. Rensdahl lud die beiden Künstler zum Diner um drei Uhr ein, wobei man ja Gelegenheit haben werde, noch ge- schäftliche Dinge zu erörtern, und ging dann, hinausgedienert von Lorensen, ohne nicht zuvor noch daß Spiel seiner Glotz- äugen ermunternd an Grete zu üben. Draußen war er wieder anderer Meinung geworden.„Der Faun, wie gesagt, ja eh— unübertrefflich. Natürlich auch die Nymphe«. ,* •■i'■ ÄÄ..»•'•v. '„'Kunstfatzke." knurrte Kempen hinter ihm her, wohk- Weislich nur für sich allein. Grete Schlemmer warf sich in den Lutherstuhl und stram- pelte vergnügt mit den Beinen, wobei sie sich ausschütten Wellte vor Lachen. Und als Lorensen wieder zurückgekehrt war, spielte sie ihr Theater weiter, das selbst für Kempen in diesem Augenblicke etwas Versöhnliches hatte. Unver- schämt meckerte sie los:„Ja eh, der Faun... ja eh, die Nymphe, eh, oh. eh, eh. Ter spricht ja förmlich, eh. eh... und die, eh, die hat ja wunderschöne Beine. Ueberhaupt ein Faun und eine Nymphe, das sind zusammen ein Faun und eine Nymphe. Und die Nymphe, ja eh, die hat Hunger... und die Herren Künstler gehen zu Borchardt, und die Nymphe, ja eh, die mit zur Kunst gehört, kann Luft schnappen." Unwillkürlich war sie in die Wirklichkeit umgeschlagen, mit dem Groll des schönen Kindes, das den viel bewunderten Körper auf den Kunstniarkt getragen sieht, ohne mehr als die Tagesbatzen davon zu haben. Entrüstet stand sie auf und sagte wie beleidigt:„Ein Wort von Euch und er hätte mich auch eingeladen. Wenn ich dabei bin, wird's imnier gemütlicher. Ich merkte es schon, er hatte etwas für mich übrig. Was der für einen teuren Pelz trägt! Diesen Gold- Konzen möchte niancher von Euren Kollegen haben.... Ja, ja — ich halte schon den Mund," niaulte sie dann Kempen an. „Ach Sie—! Sie können ja kein Wort sprechen. Wenn Herr Lorensen nicht wäre.. Sie hatte gesehen, wie er ein Rad auf seiner Stirn drehte, während der Blonde immer nur lachte.„Na, dann denkt wenigstens au mich, wenn Ihr Eure Austern schlürft: Das ist auch'ne Kunst, die nicht jeder kann. Jawohl, Herr Ken.pen!... Sonderbare Heilige seid Ihr doch. Ein Atelier, ein Geldbeutel und eine Vernarrtheit in Eure Kunst. Dieselben Stiefel habt Ihr auch schon getragen. Nur dasselbe Weib fehlt noch. Aber vielleicht... Na, lieber nicht, denn dann kommt's immer anders... Adieu, die Herren Künstler." Und wieder meckernd:„Eh, eh."' Mit einem Kußhändchen auf Lorensen flatterte sie hinaus und hinterlieh nur eine große Duftwolke ihres Reseda.. Heftig fiel die schwere Tür hinter ihr zu, so daß die alte verrostete Klingel leise erbebte. Kempen und Lorensen konnten zufrieden sein: sie be° wegten sich jetzt in aufsteigender Linie, denn ihre Zukunft war vorläufig gesichert. Wenn es ihnen Herr von Rensdahl nicht schon versichert hätte, so würden sie es auf alle Fälle durch den alten Lorensen erfahren haben, der in einem langen Schreibebrief sein drangvolles Herz freudig darüber aus- schüttete und dabei nicht vergaß, je einen Ausschnitt des „Holsteinischen Kurier" und der„Kieler Zeitung" beizulegen, in denen gehörig die Posaune über das neuentdeckte, bildne- rische Talent geblasen wurde: über den jungen blonden Lands- mann, der in dem überall angesehenen Herrn von Rensdahl einen wohlmeinenden Gönner gesunden habe und hoffentlich feiner Heimtsstadt dereinst große Ehre bereiten werde. Man freue sich bereits allgemein daraus, sein erstes selbständiges Werk, eine Faungruppe, recht bald in Kiel bewundern zu können. Es war ein bißchen viel Tanitam dabei, so daß Loren- sen den Alten im Verdacht hatte, er habe sich selbst dahinter gesteckt, um den Klöpfel in Bewegung zu setzen; vielleicht aus besonderer Dankbarkeit für den hohen Herrn. Fast ver- stimmte es ihn ein wenig, daß man nur von dem Faun sprach, aber er ließ sich zu Kempen nichts davon merken, was ihm auch um so leichter wurde, als dieser gleichgiiltig mit den Worten:„Das ist unter Kameraden ganz egal!" darüber hinweggegangen war. Nur immer vorwärts, über die Füllsel- schmiere hinaus zu großen, unsterblichen Werken! Zu der „Kunstzyklopie", wie Walzmann das Höchste, das Ueber- menschliche bewortet hatte. So ein bißchen Fratzengesicht — du lieber Himmel, das müsse man eigentlich nach Feier- abend mache», oder am Sonntagvormittag, wenn die Kirchen- götzen beteten und nicht daran dächten, daß nian auch im stillen Kämmerlein seinem Gott durch ein keusches Bildwerk Ehrfurcht vor der ewigen Allmacht beweisen könne! Kempen opferte denn jetzt auch täglich in diesem Sinne und knappste sich jede Stunde vom Scharwevk ab, um seine erste große Schöpfung aus dem Keim zum Wachsen zu bringen. Man hatte mit Rensdahl abgemacht, die beiden Grupen zusammen abzuliefern, und so hatten die Freunde gehörig Bewegungsfreiheit und konnten ihre Zeit hübsch ein- teilen. Während Lorensen die Leda wieder vornahm und vorläufig gemächlich an dem Schwan herumfinzelte, weil ihm Grete Schlemmer ausgeblieben war, ging Kempen über seinen Löwen her, der, unter dem wuchtigen Stoß des Kämpferschwertes noch einmal aufbrüllend, am Boden liegeird gedacht war, die rechte kraftlose Pranke erhoben zum herkulischen, nackten Mann, der siegesbewußt wie ein Gott auf ihn herabblickt, in Ruhe wartend auf das verlöschende Auge. Im vergangenen Sonimer hatte er von dem Direktor des Zoologischen Gartens die Erlaubnis erwirkt, auch in Ton seine Studien treiben zu dürfen; und so war er schon in aller Frühe zur Stelle, wenn das Publikum noch keinen Zutritt hatte oder doch erst spärlich sich in den Gängen ver- lor. Es waren Junge im großen Käfig, die ihre possier- lichen Sprünge niachten. Und wenn dann der mächtige ' Löwenvater im Sande sich streckte, auf dem Rücken lag, oder manchmal vor Langeweile zu einem letzten Gähnen den Rachen aufriß, die Tatzen noch erhoben zum Kosen mit den Sprößlingen, die soeben über ihn hinweggesetzt waren, dann brachte Kempens Fingerfertigkeit reiche Ernte. (Fortsetzung folgt.Zj (Nachdruck verbalen.) Lebende und Sterbende. Von Leo N. T o l st o i. Uebertragen von Adolf Heß. (Schluß.) Die Soldatenfwu klettert vom Ofen herunter und bittet eben- falls, ich solle mich bemühen, ihren Mann frei zu bekommen. Ich sage, daß ich das nicht kann, und frage, welche Habe ihr Manst zurückgelassen habe. Es ist nichts da. Das Land hat der Mann beim Fortgehen dem Bruder übergeben; dafür sollte er sie und die Kinder ernähren. Drei Schafe waren da, aber zwei sind bei der Abschiedsfeier der Rekruten draufgegangen. Geblieben ist, wie sie sagt, nur etwas Gerümpel, ein Schaf und zwei Hühner. Das ist alles. Die Schwiegermutter bestätigt ihre Worte. Ich frage die Soldatenfrau, woher sie stammt. Aus Ser- giewskoie. Das ist ein großes, reiches Dorf, 40 Werst von uns. Ich frage, ob Vater und Mutter noch leben, und wie es ihnen geht? — Sie sagt: gut. „Warum ziehst Du nicht zu ihnen?" „Das habe ich auch gedacht. Aber ich fürchte, sie nehmen uns zu viert nicht auf." „Vielleicht doch. Schreib ihnen. Wenn Du willst, schreibe ich." Sie ist damit einverstanden; ich notiere mir die Namen ihrer Eltern. Während ich mit den Frauen spreche, tritt das älteste Kind der Soldatenfrau, ein dickbäuchiges, kleines Mädchen, an sie heran, zupft sie am Aermel und bittet um etwas— wahrscheinlich will das Kind essen. Die Frau spricht mit mir, achtet nicht darauf. Das kleine Mädchen zupft noch einmal und murmelt etwas. „Seid ihr denn gar nicht satt zu kriegen?!" schreit die Frau und schlägt das Kind an den Kopf. Das Mädchen sängt laut an zu brüllen. Als ich hier fertig bin, gehe ich zur Witwe mit dem Kalbe. Sie erwartet mich schon vor dem Hause und bittet mich wieder, nach dem Kalbe zu sehen. Ich trete ein. Auf der Diele steht wirk- lich das Kalb. Sie bittet mich, es anzusehen. Ich sehe es an und merke, daß das Leben der Witwe so sehr an dem Kalbe hängt, daß sie sich gar nicht vorstellen kann, daß es mich nicht interessiert. Als ich es betrachtet habe, gehe ich ins Haus und frage:„Wo ist die Alte?" „Die Alte?" fragt die Witwe zurück. Sie ist offenbar erstaunt. daß mich nach dem Kalbe noch die Alte interessieren kann. „Auf dem Ose». Wo soll sie sonst sein?" Ich trete zum Ofen und begrüße die Alte. „A— ach!" antwortet mir eine schwache, heisere Stimme. „Wer ist da?" Ich nenne meinen Namen und frage, wie es ihr geht. „Wie kann es mir gehen!" „Tut etwas weh?" „Ach, alles! A— ach!" „Bei mir ist ein Doktor; soll ich den holen?" „Dochtur? Ach, was soll mir Dein Dochtur? Bleibe mir mit Deinem... A— ach!" „Sie ist schon so alt," meint die Witwe. „Doch nicht älter als ich?" sage ich. „Wieso? Viel älter. Die Leute sagen: neunzig. Ihr fällt schon alles Haar aus. Neulich habe ich sie geschoren." „Warum denn geschoren?" „Es fallt ja alles aus; da habe ich es abgeschnitten." „A— ach!" stöhnt die Alte wieder.„Ach, Gott hat mich ver- lassen. Nimmt meine Seele nicht zu sich. Er ninnnt sie nicht, und von selbst geht sie nicht. A— ach! Sicher wegen meiner Sünden. Und nicht einmal die Kehle kann man»anfeuchten. Wenigstens noch einmal Tee trinken! A— atst!" Der Arzt kommt; ich verabschiede mich; wir gehen auf die Straße, setzen uns in den Schlitten und fahren in das kleine Nach- bardorf, zum letzten Krankenbesuch. Gestern hat man nach dem Arzt geschickt. Wir gehen zusammen in die Hütte. Eine kleine, aber saubere Stube; in der Mitte eine Wiege, die von einer Frau stark geschaukelt wird. Am Tisch sitzt ein Madchen von acht Jahren, das uns erstaunt und erschreckt anblickt. „Wo ist er?" fragt der Arzt nach dem Kranken. „Auf dem Ofen," sagt das Weib, immerfort die Wiege schau- kelnd. Der Arzt steigt auf die Bank, stützt den Ellbogen auf den Ofen, beugt sich über den Kranken und nimmt etwas mit ihm vor. Ich trete zun? Arzt und frage ihr?, wie es dem Kranken geht. Er antwortet nicht. Ich steige ebenfalls auf, schaue in die Dunkel- heit und unterscheide allmählich den zottigen Kopf eines Menschen auf dem Ofen. Ein drückender, übler Geruch geht von dem Kran- ken aus. Er liegt auf dem Rücken; der Arzt fühlt seinen linken Puls. „Was macht er, geht es schlecht?" frage ich. Der Arzt antwortet nicht; wendet sich an die Wirtin.„Zünd die Lampe an!" sagt er. Die Frau ruft das kleine Mädchen, läßt sie die Wiege schaukeln, zündet selbst die Lanrpe an und reicht sie dem Arzt. Ich steige her- unter, um ihn nicht zu stören. Er nimmt die Lampe u??d setzt seine Untersuchung am Kranken fort. Das Mädchen schaut auf uns, schaukelt die Wiege nicht stark genug, und das Kind fängt jämmerlich und durchdringend an zu schreien. Die Mutter stößt das Mädchen ärgerlich zurück und be- ginnt selbst wieder zu schaukeln. Ich trete nochmals zum Arzt und frage wieder:„Was macht der Kranke?" Der Arzt sagt mir, immer noch beschäftigt, ein Wort. Ich habe nicht verstanden, was er gesagt, und frage noch einmal. „Agonie," wiederholt er, klettert schweigend hinunter und stellt die Lampe auf den Tisch. Das Kind schreit ununterbrochen kläglich und eigensinnig. „Ist wohl schon tot?" meint die Frau, als ob sie das Wort des Arztes verstanden habe. „Noch nicht, aber es dauert nicht mehr lange." „Muß ich wohl zum Popen schicken?" fragt sie unzufrieden und schaukelt dabei das schreie??de Kind immer stärker.„Wenn noch jemand zu Hause wäre; aber jetzt fahren alle Holz!" „Ich habe hier nichts mehr zu tun," sagt der Arzt, und wir gehen hinaus. Später erfuhr ich, daß die Frau jemanden zum Popen schickte und daß der Pope dem Stcrbe??dcn noch eben das Abe??dmahl reichen konnte. Wir fuhren nach Hause utib schwiegen. Ich glaube, wir hatten beide dieselben Gedanken. „Was fehlte ih?n?" frage ich. „Lungenentzündung; ich hatte ein so schnelles Ende nicht er- wartet; ein mächtiger Organismus, aber schwere Komplikationen. 40 Grad Fieber, draußen S Grad Kälte, da geht er und setzt sich hin." Wir schwiegen wieder und fahren schon ziemlich lange. „Ich habe weder Bett noch Kissen auf dem Ofen bemerkt," sage ich. „Gar nichts," erwidert der Arzt und fährt dann, meine Ge» danke?? erratend, fort: „Gestern war ich in Kr. bei einer Wöchnerin. Zur Unter- suchung mußte man sie ausgestreckt hinlegen. In der Hütte war kein Platz dafür." Wir schiveigen wieder und haben wahrscheinlich dieselben Ge- danken. Schweigend fahren wir nach Hause. An der Treppe hält ein prächtiger Zweierzug vor einem Teppichschlitten. Stattlicher Kutscher in Pelz und Pelzmütze. Da ist mein Sohn von seinem Gut gekommen.— Dann sitzen wir am Mittagstisch mit zehn Gedecken. Ein Platz ist leer. Das ist der der Enkelin. Sie ist heute nicht ganz wohl und ißt bei der Wärterin. Für sie ist ein besonders kräftiges Essen bereitet: Bouillon mit Sago. Beim Essen— vier Gänge mit zwei Sorten Wein, zwei Diener, Blumen auf dem Tisch— wird eine lebhafte Unterhaltung geführt. „Woher find die herrlichen Rosen?" fragt mein Sohn. Meine Frau erzählt, die Blumen seien aus Petersburg von einer Dame anonym gesandt. „Solche Rose?? kosten 1/4 Rubel das Stück," sagt mein Sohn, und erzählt, wie man bei einem Konzert oder einer Vorstellung die ganze Bühne mit solchen Blumen überschüttet habe. Das Gespräch geht auf Musik und einen bedeutenden Kunstkenner und Mäcen über. „Was macht denn seine Gesundheit?" „Immer nicht gut, fährt wieder nach Italien. Erstaunlich, wie er sich dort jeden Winter erholt." „Die Reise ist aber doch recht lang und anstrengend." „Wieso? Mit dem Expreß 39 Stunden." „Doch lang." „Wart nur, jetzt fliegen wir bald,. Mrtim. Die Bedeutung, die heute Weihnachten im deutschen Volkslehen genießt, hatte bis zum 14. Jahrh??ndert die Martiniscier besessen. Während Weihnachten dem deutschen Volke von der Kirche mir mühselig aufgedrängt werden koi?nte, gehen die Wurzel?? der Marti??i» feier bis in die graue Vorzeit zurück. Anfang bis Mitte November, je nach den klimatischen Verhältnissen, fiel in Europa mit Beendigung der Ernte aurb von jeher das Ende des Wirtschaftsjahres. Daher ist dieser Zeitpunkt bei allen europäischen Völkern mit ent- sprechenden Feierlichkeiten, sowohl materieller als religiöser Art, verknüpft geivesen. Die Griechen feierten z. B. die Vindemiae zunächst als Kultseier zu Ehren AeSkulaps. in materieller Hinsicht lvar es die herbstliche Winzerfeier zu Ehren des neue?? Weines, der an diesen Feste?? als neuer Most zum ersten Male probiert wurde. Bei den Römern gestalteten sich die Herbstfeste auch iir kultureller Beziehung imrner mehr zu Witizerfesten, der Bacchusdienst verdrängte den Herkuleskult. Jrn Jahre 281 n. Chr. sühne Kaiser Probus jenen offiziell ein, nach harte??? Kampfe mit den Herkulespriestern, die z. B. den Kaiser Domitian veranlaßt hatten, den Bacchusdienst zu verbieten und alle Weinreben zu vernichten. Bei den Germanen war die in den November falle??de Ernte- und Dankfeier die wichtigste im ganzen Volksleben. In den alten Zeiten der Weidewirtschaft??nterschieden die Germanen nur zwei Jahreszeite??, den Frühling und den Winter als Anfangs- und Endp????kte des Weideganges. März und November sind denn auch immer die Zeitp??nkte der großen altgennanii'chen Stammesfeste ge- Ivesen und geblieben. Und welcher Zeitabschi?itt des damalige?» Wirtschas?slebc??s hätte sich wohl auch besser zur Stan?mesfeier ge- eignet als Anfang und Ende einer neuen Arbeits- und Wirtschafts» Periode? In der einen verkörperte sich die Hoffnung, in der anderen die Freude über das Gelingen all der aufgewendeten Mühe und Arbeit. Der letztere gab auch der altgermairischen November- feier den so nötigen materiellen Hii?tergrund. Denn das Ende des Weideganges war auch die Zeit des großen allgemeinen Schlachtcns. Bevor die Germanen seßhaft geivordcn, fehlte es ihnen ebenso sehr an Winterställen als an Winterfutter, um die vermehrten Viehbestände durch die knappe Jahreszeit bringen zu können. DieS galt vor allem für das Haupti??ltzr???gslier der alte?? Germanen, das Schwein. In? September wurden damals die Sclnveineherden, wie dies auch noch bis zum 16./17. Jahrhundert der Fall war, in die Wälder z??r Eichel??-??nd Bucheckernmast gelrieben, und war diese Anfang November vorbei, w??rde ganz geivalrig?l??ter ihne?? aufgeräumt. Gegen Ende des Monats kam dann das Großvieh, Rind und Roß, sowie die bis dahin aufgesparten Zuchteber an die Schlachtreihe. So »vor bei den Germanen der November neben der cingetretei?en Wirtschaftsruhe die Zeit des quellenden Ueberflusses, kein W??nder, daß unsere Vorfahren gerade jene Zeit benutzten,??»» nach Kräften lustig und fröhlich zu sein, ehe der harte, lange Winter sie in ihre Hütten bannte und zu schmaler Kost verurteilte. Ehe Wege und Stege gänzlich unwegsam wurden, traten die Stan?lnesgenossen dam? auch noch einmal zur Regelung der Stammes- lind Marken- geschäfte zusammen und einten sich zu einer letzteren größeren gemein- san?en Kultfeier. Der llebergang zum Ackerbau und zum Christent????? ra»lbte der Novemberfeier nichts von ihrer Bedeutung im germai?ischen Fest- leben. Wohl schob sich, als die Seßhaftigkeit die Errichtllng aus- reichenderer Stallung und Beschaffung von Winterfutter ern?ög- lichte, die Schlachtzeit für einen Teil'des Großviehes bis in den Dezember, ja Jannar hinaus. Aber auch flir die Feldwirtschaft blieben Fastnacht?lnd Martini die zwei wichtigsten Etappen im landwirtschaftlichen Betriebslcben. Zu Martini zog der IBaner seinen Pflug in den Hof, zl?m Zeiche??, daß nunmehr alle Feldarbeiten be- endet, um ihn erst zu Fastnacht wieder hinarlSzuziehcn. Die Ernte ruhte in den Scheuern und der Laildmann fand nunmehr reichlich Zeit??nd Muße, sich nach soviel Mühe rrnd Plage der Früchte seiner Arbeit und seines Fleißes zu freuen. In diese Zeit der Ruhe und des Feierns fiel dann auch i?n Mittelalter, wie vorde?n in der altgerma- nischcn Vergangenheit, die Erledigung fast aller für denBaucrn wichtigen Geschäfte. In? November war der Termin der gegenseitigen Ab- rechnungen. die Ablieferung der Zinsen und Beden, besonders die an lebendem Vieh; daher die Martinsrinder, die Martinshühner??nd Gänie. In den Gemeinden w??rde die Gemeindercchnu?ig abgelegt, die Gemeinde-»?nd Fl??rbeamtc?? neu gewählt, die.Hege?nahlzeiten" gehalten. Die herbstlichen Gerichtstage der Hof- und Markgenossen- schaft fanden statt und das Gesinde iv??rde abgelohnt oder neu an- genommen. Die Kirche hatte sich inzwischen den vorgefundenen Verhältnissen insoweit anbequemt, als sie der ältger?nanischen Novemberfeier in der Person des heiligen Martin einen christlichen K??llheiligen a??fgedrängt hatte. Damit wurde der 11. November zum Mittel-??i?d Zentral- punkt der bisher' zeitlich nicht genau fixierten Feierlichkeiten. An dem?irspninglichen Zwecke der Feier, dem Herbstdankfeste und seinem materiellen Hintergrunde änderte natürlich auch das Christentum nichts. Nach wie vor blieb Martini dem Volke ein Freuden- und Ge??ußfcst, an dem Essen und Trinken im Vordcrgr??nde der ganzen Handlung stand. Daher ivettcrte denn auch die Kirche, so im sechsten Jahrh?indert die Synod« von Alixerre, gegen die heidnischen Schmäuse und Gelage, gegen das ga??ze Heid- Nische Wesen, das überall bci der Feier ganz??nver- hüllt zutage trat. Trotz aller UnterdrückungSversuih« der Kirche blieben bei der christlichen Martinifeier alle Traditionen der Vergangenbeit im Volksbewuhtsein lebendig und in voller Uebung. Und zwar oft in einer ganz seltsamen Mischung, bei der altrömische und altgermanische Festsittcn und Festgebräuche friedlich nebeneinander herliefen. In den Gegenden, denen von den Römern der Weinbau gebracht worden war, lebte der römische Bacckusdienst durch die christlichen Jahrhunderte hindurch fort. So ernannten die Weingärtner von Bacharach a. Rhein zur Zeit der Traubenlese die sieben Trinker oder gute Gesellen, deren Aufgabe es nicht nur war, zur Feier der Traubenlese das in uralter lleberlieferung seit Jahrhunderten gefeierte„Bacchusfest" durch- zuführen, sondern auch das Straf- und Rügeamt zu vollziehen, über alle Dinge und Streitigkeiten, die den Weinbau betraten. Sehnlich feierte man den Bacchusdienst zu Vilry bei Paris, dessen sieben Vorsteher die sieben Weisen genannt wurden. In allen Wein- gegenden war die Martinsfeier vor allem Winzerfeier. An diesem Tage probte man erstmalig den neuen Most, und zwar allgemein dermaszen gründlich, dasi dieser Tag sdas gunze Mittelalter hindurch ein einziges grosies Bacchanale war. Man trank untereinander die „Mattiiismmne" zur Erneuerung der alten und zur Besiegelung der neu geschlosicnen Freundschaften. Am Marlinstage nüchtern zu bleiben, galt dem Mittelalter als Schande. Im Jahre 1179 verloren die Kreuz- sahrer Joppe an die belagernden Sarazenen, weil der Martinsfeier wegen im christlichen Verteidigungsheere alles total betrunken war. Wie allgemein in allen Bevölkerungsklassen, städtischen und ländlichen, des Mittelalters die Martinsfeier war. bezeugt ziln, Bei- spiel Sebastian Franck in seiner 1ö38 zu Augsburg erschienenen „Germania oder Chronica des ganzen teutscheu Landes", indem er schreibt,„St. Martins Fest celebrirt disi volck wunder ehrlich; erstlich loben sie Marti» mit gutem Wein, gänsen big sie voll werden. Unselig ist das Hauß, daß nicht auff diese Nacht ein Gansi zu essen hat; da zcpffen sie ihre uewe Wein an, die sie bisher behalten hoben". Die Gans, die ja noch heuie der typische Martinibraten ist, hatte also schon zu Seb. Francks Zeiten das altgermanische Schwei» als Opferbraten fast vollständig verdrängt. Der Volksmund der Vergangenheit feierte denn auch die Martinsgans in freudigem Gedenken an die fettriefenden Genüsse. die ihm jene bescherte, in einer Unzahl von Versen und Liedern, deren jede Gegend fast eine besonders charaktertsttsche Art aufzu- weisen hat. Neben dem besonderen Festbraten erscheint am Martinstage das besondere Festgepäck, das auch heute nock in den verschiedensten Bariationen, je nach der Gegend, ganz regelmäßig gebacken wird. So die„Martinshörner" in Schlesien, in Sachsen, in Thüringen, die„Martinszöpfe", die„Martinskrapfen", die„Martinibrorstollen" in Strasburg, die„Martinswecken und Schiffchen" im Schwäbischen usw. Sie wurden den eigenen Hausgenossen, den Kindern, dem Gesinde oder wer irgend davon heischte, auf das freigebigste aus- geteilt. Denn neben Gastfreundschaft war Gcbefrcudigkeit eine der charakteristischen Begleiterscheinungen des Martinsfestes. Daher wurde denn auch der Marlinstag besonders in den Gegenden, in denen der Winter frühzeitig einsetzte, im früheren Mittelalter, ehe das Weihnachts- fest seine Rolle einnahm, für die Kinderwelt zum allgemeinen Schenkungs- und Bescherungslage. Man reichte den Kindern Kuchen, Aepsel, Rüste. Spielzeug und was sonst ein Kinderherz erfteuen inochte als einfache Gabe oder nach� landesüblicher Sitte und Gebrauch, auf die verschiedenartigste Weise. Die Kinder der Halloren stellten z. B. am Vorabende des Martinstages Wasserkrüge in die Saline, wobei sie sangen:„Martcine, Marteine—-- Mach das Wasser zu Weine". Am anderen Morgen waren die Krüge mit Most ge- füllt, von Martinshörnern und sonstigen Geschenken bedeckt oder umgeben. In den meisten deutschen Gegenden trat der heilige Martin in eigener Person den Kindern gegenüber als Geber auf, die artigen Kinder beschenkend, die unartigen aber bestrafend. Die Gestalt, in der er dabei erschien, war aber nicht die eines christlichen Kultheiligsn, sondern vielmehr die Personifikation des altgcrinanischen Wintergottes! Nach altem Volksglauben hielt ja auch zu Martini der Winter seinen Einzug. Im Schlefischen sagte man z. B.„zu Martini kommt der Winter auf einem Schimmel geritten". Der Schimmel ist dabei alt- germanische Wolansreminiszenz, denn nach gernranischer Auffasiung zog Wotan aus weißem Rosse durch das Land, das Haupt bedeckt mit einem großeu Hute, den Leib gehüllt in einen weiten, dunkel- farbigen Mantel, begleitet von der Freya(der Saatenschützerin, Haus- göttin), dem Donnar iGewittergottj und dem Frü(Gott der Fruchtbar- teil). Wotan galt unseren Altvorderen als der große und gütige„Wunsch- erfüller". Die Rolle des„Wunscherfüllers" der Kinderwelt gegen- über spielen auch alle die ihr großes Vorbild symbolisierenden Martinsspender, die in der Gegenwart und der Vergangenheit auf- treten. So der Knecht Rupprecht, der schon zu Martini seinen Rund- gang durch die Kinderwelt antritt, der Pelzmärte oder Klos im Schwäbischen oder wie sie sonst heißen mögen, alle die durch Pelz und Schellengeklingel den Winter verkörpernden Kinder- ibeglücker. Aligermanisch ist neben dem Opserfeuer, das hier und da am Rheine und in einigen Schweizergegenden, z. B. am Zürichsee, am Abend des Martinstages noch auflodert, auch der Ursprung des Aber- glaubens, der sich so vielfach bis in die Gegenwart hinein um den Martinitag rankte. Denn ivie die Öfter-, Pfingst- oder Johannis- nacht brachte auch die Martininacht Glück und Segen und ließ in die Zukunft schauen, besonders in allen Herzensangelegenheiten, des- halb ging ftüher in Bayern der heiratslustige Bun'ch kurz vor Mitternacht rund um sein heimatliches Dorf. Dann erschienen ihm alle heiratslustigen Mädchen im Traume und die ihm bestimmte Zukünftige reichte ibm eine Rose. Im Brandenburgischen gingen am Martinsabend Liebesleute in den Garten und schnitten einen Zweig. Grünte er im Waffer fort, dauette auch die Liebe an. Ver- dorrte er aber schnell, so wurde nichts aus der Heirat. Eine besondere Bedeutung für den Bauern und Landmann ge- wann der Martinitag auch als Witterungsprophet. In Ermangelung meteorologischer Berichte galten sie dem Bauern der Vergangenheit als unfehlbar. So hieß es im Bolksmunde z. B.„wenn am Martini Nebel sind, so wird der Winter meist gelind",„Martins Schnee, tut den Früchten weh" und andere mehr. A. Ad 6. Kleines f eullleton» Aus dem Pflanzenleben. Lebensverlängerung einjähriger Pflanzen. Als einjährige Pflanzen oder Annuellen bezeichnet man in der Bo- tanik solche Gewächse, die in demselben Kalenderjahre blühen, fruchten und absterben, in dem sie zur Keimung gelangten. Die Bezeichnung ist insofern nicht ganz treffend, als die Pflanzen nicht, wie man wohl vermuten konnte, ein Jahr alt werden, sondern meist'nur wenige Monate leben. Die Lebensdauer mancher dieser Annuellen ist so kurz, daß dergleichen Pflanzen in einem Kalenderjahre nicht selten zwei oder drei Generationen hervorbringen, ja selbst das Entstehen einet vierten Generation ist keine große Seltenheit. Das manche Gartenunkräuter, ivie beispielsweise das einjährige Bingelkraut und die Sternmiere, fast unausrottbar erscheinen, ist zum großen Teil darin begründet, daß dergleichen Pflanzen eine schnelle Generalionsfolge besitzen. Bei den meisten einjährigen Pflanzen liegen aber die Berhälmisse so. daß der in einem Jahre gezeugte Samen viele Monate der Ruhe bedarf und erst im folgenden Jahre zur Keimung gelangt. Die Pflanzen selbst gehen aber jedesmal nach der Samenreife zugrunde, sie haben ihren Lebenszweck, Nach- kommenschaft zu zeugen, ersiillt. In der Samenerzeugung erschöpft sich die Lebenskraft der Annuellen. Sobald nun die Samenerzeugung verhindert wird, bleibt die Lebenskraft erhalten, und diele äußert sich sodann dadurch, daß die Pflanze immer aufs neue versucht, ihren Lebenszweck doch noch zu erfüllen. So kann man die bekannte Reseda jahrelang im Topfe in Vegetation erhalten und aus der sonst einjährigen krautigen Pflanze ein mehrjähriges holziges Gewächs erzielen, wenn nur dafür gesorgt wird, daß die Pflanze keinen Samen ansetzt. Man braucht nur die Blumen jedesmal abzuschneiden, bevor Befruchtung eintritt. Die Pflanze verwendet dann alle Stoffe, die normalerweise zur Samenbildung erforderlich sind, zu neuen Baustoffen; die krautigen Stengel verholzen und ständig werden neue Triebe erzeugt. Auch in der Natur retten sich bisweilen einjährige Pflanzen unter besonders günstigen Umständen in daS folgende Jahr hinüber, wenn sie im Jahre ihrer Geburt keinen Samen mehr hervorbringen konnten. h. h. Phstsikalisches. Ein Mikroskop für das Ohr. Es ist eigentlich ein Widerspruch, wenn man von einem akustischen Mikroskop sprechen wollte, weil in dem Begriff des Mikroskops die Bestäsigung des Auges vorausgesetzt ist. Dennoch ist ein solrver Ausdruck' jetzt mit Bezug auf phonographische Aufzeichnungen angewandt worden. Die größte Sammlung dieser Alt besitzt bisher die Akademie der Wissen- schaften in Wien, und der besondere Ausschuß, der mit der Verwal- wng und Erweiterung dieses eigenartigen Archivs betraut ist, ist jetzt eifrig bestrebt, zunächst eine möglichst vollständige Zusammen- stellung aller Sprachen und Dialekte zu beschaffen. Zu diesem Zweck sollen der Reihe nach alle Länder bereist und untersucht werden. Fürs erste wird man sich selbstverständlich vorzugsweise auf Europa beschränken, und zwar hat der Wiener Ausschuß bei seinen Forschungen dem Gebiet von Schweden und Norwegen den Vorrang gegeben. Die Studien sollen aber nicht nur für die Zwecke der Sprachengeschichte und der Kulturwissenschaft dienen, sondern auch zur Förderung der physikalischen Wissen- schaft. In dieser Hinsicht gewinnt der erwähnte Begriff des Phonographen als eines akustischen Mikroskops eine Bedeutung, weil dieser Apparat seine Aufzeichnungen in tausendfacher Vergrößerung fest- hält. Dadurch wird ein unschätzbares Vergleichsmaterial für die Ergründung der schwierigen Frage geliefert. wie die verschiedenen Geräusche und Klänge und insbesondere die Laute der Sprache zustande kommen. Ein Beispiel der jüngsten Erfahrungen auf diesem Gebiete zeigt, daß man auch zur Feststellung von Unter- schieden und AeHnlichkciten zwischen tierischen und menschlichen Lauten gelangen wird. Es ist den Nawrforschern längst aufgefallen, daß beim Quaken der Frösche ein Laut, der dem„a" unserer Sprache entspricht, auftaucht. Die phonographische Untersuchung bat nun deutlich bekundet, daß das„a" der Frösche' ein Laut mit vielen kurzen Unterbrechungen ist, die nur so schnell aufeinanderfolgen, daß das menschliche Ohr sie nicht wahrzunehmen vermag. Auch die krankhaften Sprachstörungen werden durch das akustische Mikroskop am besten erkannt werden können. Verautw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag:VorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingerLeCo., Berlin LW,