Nnterhaltungsblatt des'Dorwärts 9h. 224. Mittwoch� den 16. November. 1910 Machdruck fcctDotcn.). 15] Mas ift Ruhm? Roman von Max Kletzen Diese Auslegung war ihr schnell eingefallen, d'enn ihr Vater hatte sich direkt nach hier auf den Weg gemacht und sie einfach mitgeschleppt aus Gründen, die sie noch nicht kannte, wohl aber ahnte.„Nein, ist das hier warm bei Ihnen." Sie riß die Flügel des Mantels auseinander, so daß sich der Blonde ein Weilchen an dem Anblick des teuren Kleiderbesatzes erfreuen durfte. Heute gefiel sie ihm besser als das lctztemal, denn sie sah frischer und unternehmender aus: sie war nicht mehr so„patzig", wie er es nannte, als sie sich manchmal über seine Reden lustig machte und ihn wie einen Einfältigen behandelte, dessen Bemerkungen stets unzeitig sind und der überall mit den Ellbogen anstößt. Namentlich war es ihr saftig roter Mund, der ihn jetzt besonders anzog und ihm wert erschien, einmal die Probe mit den Lippen darauf zu machen. Seine Keckheit stieg, und er sah sie furchtlos und zu- gleich verlangend an mit einem Ausdruck seiner großen, blauen Augen, als wollte er sagen: Sieh nur, ich bin schon etwas geworden. Du Verwöhnte kommst zu mir, und wenn ich wieder bei Euch bin, wirst Du mich gewiß anders be- handeln." „Leg doch ab," ermunterte sie der Alte,„Du wirst Dich sonst erkälten." Lorensen wollte sie bedienen, sie aber gebrauchte die Aus- rede, daß sie ja doch bald wieder gehn würden. Aber mit der natürlichen Gewißheit des jungen Mannes, der schon seine Schule mit den Frauen hinter sich hat, merkte er ihrem Ver- halten an, daß es nur Mache sei und daß sie zu den Geschöpfen gehöre, die sich selbst um Kleinigkeiten gern mehrmals nötigen ließen. „So, so, das ist also Ihr Gönner." sagte Heilke wieder, nachdem Lorensen ganz gehörig mit Rensdahl geprahlt hatte. „Warten Sie mal, übrigens-- entsinne ich mich... Ja, ja, der Mann wollte auch mal was von mir haben, irgend eine große Sache, aber ich mußte ablehnen, war zu schr be- schäftigt". Das sagte er jedesmal, sobald er von einem reichen Auf- traggcber hörte, der andre in Nahrung setzte, womit er an- deuten wollte, daß es gabz unmöglich sei, ihn zu übersehe». „Die Kollegen müssen auch leben— mein Gott, man kann doch nicht alles machen I Man arbeitet sowieso zu viel... Wissen Sie schon, daß ich die neuen Figuren im Schloß kriege, die historischen?... Und dann das Kaiserdenkmal für Dingsda?... einen neuen Monumentalbrunnen für die Provinz... Brückenausschmiickung für die Stadt. Daneben soll man noch Porträts schaffen. Man möchte sich wirklich zerteilen. Wissen Sie, lieber Lorensen, manchmal dachte ich an Sie. Sie waren doch immer recht fix und verstanden, was man wollte. Aber mich aufdrängen— nee! Sowas gibt's bei mir nicht." Lorensen beglückwünschte ihn zu alledem. Kempen je- doch, der zuletzt die Ohren gespitzt hatte, verzog ungesehen den Mund zu einem behaglichen Grinsen: denn un- willkürlich mußte er an die Fabrikwirtschaft in den Riesenateliers des Professors denken, wo stets vier bis sechs Gehilfen tätig waren, meist junge, begabte Bildhauer, die sich zwar vor dem Verhungern retteten, bei dieser Arbeit aber ihre Eigenart verloren und schließlich ihr Talent in Durchschnittsware zu Markte trugen. Jhni wieder seinen Lorensen nehmen wollen? Jawohl, das hätte diesem Meister- gigerl so behagt, der sich bei großen Festen mit seinen vier Orden und der griinbändigen, goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft(um den Hals zu tragen) herumschleppte, als hätte er extra für sich allein einen Sternenhimmel ent- deckt. Nein, der gute Junge sollte diesen Weg nicht weiter- schreiten: davor wollte er ihn bewahren mit all der tiefen, echten Freundschaft, die ihn mit ihm verband: in schlechten und in guten Zeiten. Und niemals sollte seine feste Hand ihn anders lenken als zur Höhe, wo die Schwächen des Künstlers ausgeglichen wurden durch den Nuhmeskranz, den ihm die göttliche Eine kraftvoll auf das Haupt drückte. Und Kempen war es plötzlich, als müßte er sich jetzt schon als der Wall zeigen, den man mit Gefahren erst übersteigen müsse, um zu dem Freund zu gelangen. Er trat vor und mischte sich ins Gespräch.„Ja, Herr Professor, das ist nun wohl vorüber," kaute er die Worte hervor.„Jetzt haben wir selbst genug Aufträge: auf ein paar Jahre sicher. Wenn die noch langen." „Wir, wir.-. wie meinen Sie das?" gab Heilke trotz des verschluckten Aergers mit einem Höflichkeitslächeln zurück, „Ich denke, Lorensen hat sie." Dann-aber, nachdem Kempen ein„allerdings" hervorgewürgt hatte, glaubte er ihn zu verstehen.„Ach. Sie haben das Atelier wieder zu- sammcn.„So, so," fuhr er lachend fort.„Immer noch dis alte Doppelwirtschaft... Ja, ich heb« viel davon gehört, Alles in einen Topf." Und als müßte er seiner Tochter ein« Aufklärung geben, wandte er sich an diese.„Das wird Dich interessieren, Marianne, das ist ein Unikum beim Bau, Denk Dir nur: die Herren haben eine sogenannte Kunstehe geschlossen. Es gibt nur ein Etatbuch, eine Hand, die ein» nimmt und ausgibt. Der Geist des einen wird mit dem des andern multipliziert, das gemeinsame Denken wird dann von der Hauptsumme abgezogen. Ob es mit dem Talent auch so ist, weiß ich nicht." Er wollte beweisen, daß er auch geistreich sein könne, lind überzeugt von der Wirkung seiner Worte, vergnügte er sich selbst mit hellem Lachen darüber. Und fast ebenso laut wie er, lachte auch Sörgel, der sich hinten im Atelier herumdrückte, zeitweilig an irgend etwas kratzte, um sich zu beschäftigen, und dann wieder an den Petroleumkocher ging. „Wenigstens doch mal eine ganz ideale Ehe," stimmte Marianne lustig mit ein. „Ja, das ist sie, gnädiges Fräulein, aus ganz reinen, edlen Motiven geschlossen," erwiderte Kempen, bemüht, den ernsten Ton aufrecht zu erhalten. „Na, das Beste daran ist jedenfalls, daß der Bruch einer selchen Kunstehe niemals bestraft werden kann," witzelte Heilke aufs neue.„Mann kdnn doch leichter auseinander- gehn, als Mann und Frau." „Ja, das ist wahr," bestätigte lachend Lorensen. Er wollte noch hinzufügen:„Aber daran denken wir noch lange nicht," die Worte blieben ihm aber in der Kehle stecken, ohne daß er recht wußte, woher es kam. „Und was die Herren praktisch sind!" sagte Marianne wieder, die mit ihrem Schlcppkleid noch immer herumfegte. „Was gibt's denn heute?" Längst hatte sie die Nasenflügel gebläht, denn allmählich zog der Gargeruch von der Wand herüber und machte sich auf- fallend bemerkbar. Nun stand sie glücklich vor dem Kocher und nahm den Deckel von dem großen Behälter.„Ah, Erbsensuppe mit Schinkendust. Papa, was sagst Du dazu? Nach allen Regeln der Kunst. Sieht ganz einladend aus. ... Soll ich helfen, Herr Lorensen? Vielleicht fehlt doch noch etwas. Einen Löffel, einen Löffell Bitte darum." Während der schöne Anton vergnügt grinste, warf sie rasch ihren Mantel ab, ganz mit der Geschäftigkeit eines übermütigen Mädchens, das endlich eine Abwechselung findet und sehr wohl weiß, daß ihr Scherz gut aufgenommen wird. Sie nahm den gereichten Löffel, tat etwas von der Suppe auf einen Teller, rührte, blies und kostete dann immer unter der Heiterkeit der Herren: dann ging sie damit nach vorn, ver- jüngt und rosig angehaucht von diesem kleinen Erlebnis. „Schmeckt auch ganz vorzüglich, Papa. Besser macht's unsere Köchin auch nicht. Etwas zu dick ist sie noch. Dem kann aber gleich abgeholfen werden, wenn Sie erlauben, Herr Lorcnsen? Oder auch Herr Kempen? Sie sind ja wohl der Hausvorstand?" Ilnd nach einer anerkennenden Verbeugung vor ihm eilte sie wieder nach hinten und plemperte heißes Wasser, das ihr Sövyel gereicht hatte, in den großen Blech- topf.„Das wollen Sie alles allein essen?" rief sie wieder nach vorn.„Eine Familie kann ja davon satt werden." «Wir ahnten, daß Sie mit Ihrem Papa heute kommen fbörFerf* gab Lorensen nun Äenfalls seinen Mutwillen zum besten. Hüilke sah jetzt erst die Tellerburg und machte sich seinen NMin daraus. Schon längst hatte ihm etwas nicht behagt: ein gewisses dumpfes Stöhnen und ersticktes Lachen, das sich anhörte, als bisse man irgendwo in ein Kopfkissen, um nicht laut los zu platzen. Sein Blick ging wiederholt nach dem Borhang, ohne daß er aber wagte, sich darüber aufzuhalten. Er wußte ja, wie es in den Ateliers dieser Junggesellen zuging. Wahrscheinlich steckte dahinter ein Modell, womöglich noch mit einer Freundin, die sich über alles vergnügten, was sie hörten, und den Besuch zu allen Teufeln wünschten.. Und daß er gerade mit seiner Tochter hier sein mußte I Sonst hätte es ihn weiter nicht geniert; er würde die Bälger vielleicht in Parade haben aufziehen lassen, um die eine oder die andre als gute Bekannte zu begrüßen. Besser aber, er ließ nichts meuken, schon um Mariannes willen nicht. Trotzdem konnte er sich nicht enthalten zu fragen, ob man vielleicht noch Mittagsgäste erwarte? Und als Lorenjen genickt hatte, warf Marianne altklug dazwischen:„Damen vielleicht auch? Dann wollen wir nur rasch ausrücken, Papa. Herr Lorensen, Sie hätten uns das gleich sagen müssen." Wie der Wind huschte sie in ihren Mantel, trotzdem sie innerlich wünschte, die Ateliertüre ginge auf und die„Erbsen- kostgängerinnen" erschienen, damit sie sie rasch beäugeln könne; denn gar zu gern hätte sie Lorensens Geschmack in dieser Beziehung einmal kennen gelernt. Er beruhigte sie und wies auf einige gute Freunde hin, waS aber weder Vater noch Tochter zu glauben schienen. Bis dann Kempen in seiner bärbeißigen Offenheit dazwischen platzte:„Gnädiges Fräulein haben nichts zu befürchten, Weiber werden bei uns nicht geduldet, was man so darunter versteht... Ich meine solche, die nickst Sache sind." „Da hast Du'sl" warf Heilte ein.„Mit einem Weiberfeind ist nicht zu spaßen." „So, sind Sie das wirklich?" fragte Marianne und be° trachtete ihn aufmerksam wie eine Sehenswürdigkeit. Und zugleich mußte sie über einen Einfall lächeln, den sie unterdrückte.„Er wird wohl wissen, warum," dachte sie. Ein junger Mann, der noch Umlegekragen trug, dazu die un- modernste Krawatte, machte sicher keinen Eindruck auf Damen, die ihm gepaßt hätten. Merkwürdig, wie der hübsche, flotte Lorensen sich an diesen Kollegen hängen konnte. (Fortsetzung folgt.), Machdru««ervokcn.Z Zwei ßcfchwerdcn. Von A u g u st W i n n i g.' < Schluß.) Vor dem Kompagnieredier mutzten wir halten. Der.Alte" wartete mit dem Feldwebel schon auf uns. Nachdem wir uns aufgestellt hatten, befahl der Hauptmann dem Feldwebel, die llr- tauber vorzulesen. In dumpfer Resignation hörten wir die Namen «ms der ersten, zweiten und oritten Korporalschaft verlesen. Dann kam unsere. Da wurde mein Name aufgerufen. Ich war wie aus den Wolken gefallen und glaubte mich der- hört zu haben. „Na, wollen Sie nicht?" rief der Feldwebel lauter. „Hier!" schrie ich und trat zu den Urlaubern. Dann kamen wieder andere Namen und auch die übrigen drei Zeugen wurden mit aufgerufen. Wir mutzten nicht, was das zu bedeuten habe. Als alle aufgerufen waren, hielt uns der Nlte noch eine schöne moralische Standpauke, von Saufen, Arrest und Arbeiterabteilung, dann erhielten wir unsere Urlaubspässe. Um drei dampften wir nach dem Westen und sahen die grauen Klötze der Festungswerke im Dunstschleier verschwinden. Während des zehntägigen Urlaubs dachte ich nicht oft an die Nffäre Stöben; äber wenn ich es tat, dann war mir gar nickt sehr wohl dabei zumute; ich hatte die Empfindung, datz hier etwas nickt in Ordnung sein konnte. Nach den durchjubelten Tagen fuhr ich mit gemischten Gefühlen wieder zur Garnison zurück. Es war Mitternacht, als' ich in die Kaserne kam. Ich weckte einen der Kameraden und fragte ihn nach dem Ausgang der Sache. „Ach," sagte er schlaftrunken,„das ist eine dumme Geschichte gewesen. Den Stöben haben sie dabei zu packen gekriegt." „Den Stöben? Wieso den?" fragte ich. „Ja." sagte er etwas munterer,„die Sacke war doch die, daß er keinen Zeugen hatte. Ihr wart aus Urlamb, den anderen beiden hat mau nicht geglaubt; das sind doch alte Leute, weiht Du, und die wollten aus Rache den Unteroffizier reinreitzen. so sagte man. Und da hat der Oberst den Stöben wegen Nichtausführens eines Dienstbefehls mit drei Tagen Arrest bestrafen lasien." „Welchen Tienstkefehls?" „Ja. weil er nicht gelaufen, fondern langsam gegangen ist; und der Unteroffizier hatte doch laufen befohlen. Die Strafe wegen falscher Meldung will ihm der Oberst schenken, weil er dachte. Stöben sei von anderen Leuten dazu angestiftet gewesen. Wenn er sich aber in diesem Jahre noch etwas zuschulden kommen lätzt, soll er deswegen auch noch bestraft werden." „Ist Stöben schon im Kasten?" „Gr ist schon wieder draußen. Ihr seid Gründonnerstag fort» gefahren und Stöben ist am stillen Freitagmittag in'n Kasten gcs gangen." „Donnerwetter! Also deswegen hat man uns auf UrlauH geschickt! So'ne Gemein �---—" „Sst! Der Unteroffizier ist noch nicht lange schlafen gegangen; sei rubig!" Diese Affäre lehrte uns, was wir an dem Beschwerderechk hatten. Nach solchem Ausgang hatte natürlich keiner mehr Lust, sich über Mißhandlungen zu beschweren, und diese wurden ärger und häufiger als zuvor. Doch nicht allein die Unteroffiziere schlugen und stießen die Leute, auch die Leutnants und der Hauptmann» dieser erst recht, büttelten drauf los, als ob sie Hunde zu dressieren hätten. Sogar der Major schämte sich nicht, die Leute mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Wir— ein kleiner Kreis von Ver- trauten— nahmen das mit wachsender Erregung wahr. Manchmal ging ich abends ins Gehölz, das das Glacis bedeckte und hing dort meinen Zorngedanken nach. Ich phantasierte von einer großen blutigen Abrechnung und grübelte über die Möglich- leiten nach, wie sie wohl herbeigeführt werden könnt«. Je länger, je mehr litt ich unter dem, was ich tagtäglich sehen und hören mutzte. Aber ich litt nicht allein. Wir sprachen oft untereinander darüber und die charaktervollen Leute waren alle von Erbitterung erfüllt. Die meisten waren arme oder poch nur wenig begüterte Burschen vom Lande, die wohl nie auch nur ein leiser Hauch oppositioneller Zeitstimmung gestreift hatte. Jetzt aber hatte sich Rebellenfinn ihrer bemächtigt, der freilich nur die Gedanken aufwiegelte oder sich höchstens im vertraulichen Kreise an die Oberfläche wagte. An einem Sonnabendnachmittag, der zufällig einmal bei uns dienstfrei war, stand ich mit einem Freunde am Fenster und sah auf den Kasernenhof hinab. Es regnete schon seit der Nacht in gleichmätzigcm Gusse und der ganze Hof war von Waffcrpsützen bedeckt. Der zermürbte, schmierige Kies bildete eine schwarze, breiige Masse. Der Hof war leer. Nur hin und wieder lief eine Ordonnanz eilig vorüber. Aber er blieb nicht lange leer. Aus dem Revier des ersten Bataillons traten zwei Leute im Exerzieranzug, es waren Rekruten, wie wir an ihrem Anzug erkannten. Ihnen folgte ein Offizier in langem Mantel, dessen Kragen hoch auf- geschlagen war. Er stellte sich unter einen kleinen Pavillon, steckte die Hände in die Manteltaschen und lieh die beiden Leute«xer- zieren. Zuerst übten sie langsamen Schritt.„Hoch raus die Beine!" rief der Leutnant ihnen zu, als sie sick etwas schonten. Die Leute bauten mit den Beinen drauf los, datz jedesmal dicke Garben von Schlamm und Wasser aufspritzten. So ging das eine Weile fort. Tann mutzten sie marschieren. Schließlich mutzten sie im Lauf- schritt den Hof durchmessen. Der Leutnant kommandierte, immer vom schützenden Pavillon auS.„Hinlegen!" schrie er. Die Leute zögerten.'„Hinlegen!!" Die Leute legten sich zögernd auf die Erde.„Auf! Laufschritt— maarsch— marsch!— Halt, hinlegen!— Ah, Ihr könnt nicht runter kommen; na, vielleicht lernt Jhr's noch. Auf!— Hinlegen I Auf!— Hinlegen! Auf!— Hinlegen!" Das wiederholte sich ein halbes dutzendmal. Schließlich hatten die beiden das richtige Tempo für das Niederwerfen ye- funden. Klatschend warfen sie sich in den Morast, um mit gewalt- Samen Ruck wieder aufzuschnellen, wie Maschinen. Dann mutzten ie noch einige Runden im Lauffchritt machen. „Was mögen die beiden ausgefreffen haben?" fragt» mein Freund, ein Gefreiter vom älteren Jahrgang, „Die haben heute morgen beim Parademarsch gebummelt," mischte sich ein Dritter ins Gespräch.„Sie sind von der zweiten Kompagnie." Dem Leutnant schien es jetzt genug zu sein. Seine beiden Opfer waren vom Hals bis zu den Stiefelsohlen mit nassem Schlamm besudelt und standen nun vor ihm. Er schien ihnen eine Strafpredigt zu halten. Jedenfalls, um seinen Worten mehr Nachdruck zu geben, haute er jedem einigemal ins Gesicht und jagte sie in die Kaserne. Dem letzten gab er noch einen Tritt mit auf den Weg. „Ei, die werden nicht dummer danach!" krähte ein Mann hinter uns. Es war eine greuliche Hundeseele aus der Gegend von Birnbaum. „Scher' Dich raus. Du Knecht! Putze dem Leutnant die Stiebel!" schrie ihm der Gefreite zu. „Wenn ich bei ihm Bursche werden könnte, würde ich sie ihm schon putzen!" antwortete der. „Mensch, wat is dett vor'n Knav! Pfui Deubell Du kap'tulier man, so'ne Kirls könntse hier bruken!" Wenn der Gefreite aufgeregt war, redet« er stets plattdeutsch. Der andere verfügte sich aus der Stube und wir sprachen nun mit offener Entrüstung über das, was draußen vorgegangen war. „Wenn ich wüßte, datz es nicht'rauskäme, schriebe ich nach dem Generalkommando," sagte der Gereite.„Aber das ist ja auch so. Dann suchen sie den Brieffchreiber, um ihn ins Loch zu stecken» imb fiet Suntse da kriegt höchstens ein paar Tage Stubenarrest. Und die arnicn Kerls sind dann erst recht schlimm d'ran. Wir hcbcn's ja bei Stöben gesehen." „Ich wüßte, wo eine Beschwerde Zweck hätte," sagte ich leise zu ihm. »So? Wo denn?" «Beim„Vorwärts"." „Was ist das?" «Ein Blatt in Berlin." «Eine Zeitung?" »Ja. Es ist die sicherste Stelle für unsere Beschwerde." „Du, das machen wir heute abend. Aber es darf keiner'was davon merken!" Wir sprachen noch weiter darüber und als es Abend war, setzte ich mich ruhig an den Tisch und verfaßte den Brief. Kein Mensch fand etwas dabei; denn Briefe werden nirgends mehr ge- schrieben als beim Militär. Ich schrieb alles, was uns bedrückte, wie wir behandelt würden, wie vom Unteroffizier hinauf bis zum Negimentskommandeur alles daran mitarbeite; ich nannte alle Namen und belegte alles mit Zeugen uud Daten. Als ich fertig war, las der Gefreit« den Brief, aber er war mit meiner Arbeit nicht zufrieden. Er winkte mir, hinauszukommen, und schon stieg ein schwerer Verdacht in mir auf. Meinte er es ehrlich? fo fragte ich mich besorgt. Aber er meinte es ehrlich. Trotz seiner lln- erfahrenheit in öffentlichen Dingen, die erklärlich war, da er dem Kaufmannsstande angehörte, hatte er ein gerüttelt Maß von ehr- licher Entrüstung in sich aufgesammelt. Mein Brief war ihm zu unvollständig, ich hätte noch lange mcht alles geschrieben, was an die Oeffentlichkeit müßte. Ich wollte ihm das ausreden, aber er ließ nicht nach, ich mußte noch einen Nachtrag schreiben. Nachdem auch das geschehen war, trug er den Brief in die Stadt, denn dem Brief- kästen auf dem Kafernenhofe wagten wir unser Geheimnis nicht anzuvertrauen. Dann warteten wir mit Ungeduld auf ein Zeichen, ob unsere Beschwerde wohl wirken würde. Ob sie der„Vorwärts" aufnahm, konnten wir freilich nicht wiffen. denn in der Stadt war uns keine Stelle bekannt, wo das Blatt zu finden war, so viel ich auch danach forschte. Aber ich zweifelte nicht daran, daß man es tun würde, und ich hatte mich auch nicht getäuscht. Seitdem waren etwa drei Wochen vergangen. Wir hatten auf der Es plan ade„Parademarsch tm Regiment" geübt. Der Oberst hatte dann«die Herren Hauptleute" zu sich befohlen, während wir einrücken und vor den Kompagniercvieren warten sollten. Es dauerte etwas lange, ehe wir den Platz verlassen konnten, denn der Mmarschtveg war nur sehr schmal. In Ermangelung einer anderen Beschäftigung beobachtete ich die Gruppe der Hauptleute, die mit ihren Pferden einen Halbkreis vor dem Obersten gebildet hatten. Es schien dort eine wichtige Sache verhandelt zu werden, denn der Oberst gestikulicrle lebhast und redete laut. Aber doch nicht so laut, daß mir ihn hätten verstehen können.„Plamasche! Mein Rögümönt!" weiter verstanden wir nichts. Dann marschierten wir ab. Auf dem Kascrnenhof« warteten wir wie alle übrigen Kompagnien aus unfern verehrten Herrn Chef. Nach einer Weile kam die Ge- sellschaft durchs Tor geritten; Flüche und zornige Scheltworte zeigten ihr Kommen an. Ein Blick auf unseren Alten überzeugte mich, daß er wieder in seiner Redelaune war. „Einen Kreis bilden!" rief er uns gleich entgegen. Wir bildeten einen solchen Redcring, er stieg vom Pferde ab und kam in unsere Mite. Wie gewöhnlich ließ er erst einige wegen schlapper Haltung zum Nachexerzieren notieren, hakte seinen Degen los und fing nach einigem Räuspern an: „Also der Parademarsch war im ganzen gut, besonders bei unserer Kompagnie. Der Herr Oberst hat speziell das stramme Marschieren gelobt. Das bitte ich mir aber auch aus! Glaubt nicht, daß ich mir von Euch Bummelei bieten lasse! Wer die Beine nicht rausschmeißt, den lasse ich ohne Gnade exerzieren und ge- niere mich auch nicht, ihn bei erster bester Gelegenheit einzubuchten. Der Herr Oberst konnte es nicht sehen, daß doch wieder einige maß- los gebummelt haben, ich habe mir die Schweine aber doch gemerkt und weroe sie jetzt mal'rauösuchen." Er nannte etlickc Leute, die gleich nach dem Essen wieder exerzieren sollten. Hierauf fuhr er fort: „Und dann ist da noch eine ander« Geschichte. Eine ganz Wider- liche Affäre(ich bekam leises Herzklopfen), jawohl, ekelhaft und gemein, hundsgemein! Es gibt ja allerwärts ehrlose Schweine, die sich ein Vergnügen daraus machen, den guten Ruf des Regiments zu schädigen. Jcnvohl! Ich habe es schon gleich gesagt, schreibt nichts von dem, was hier passiert, nach Haus! Das gehört sich nicht und wird auch sehr schwer bestraft. Was in der Kaserne passiert, das geht das Zivil gar nichts an! Das sollte jeder Mann wissen! Leider hat sich also doch ein Schwein gefunden, das was nach aus- wärts geschrieben hat, und das ist nun an die große Glocke ge- kommen.(Des Schuldbewußtseins Röte färbte mein Gesicht und ich nahm genau Vordermann.) In einer Zeitung, die jeder an- ständige Mensch noch nicht einmal auf der Latrine gebraucht, haben verlogene Sachen von unserem Regiment gestanden.(Mein Freund hustete dreist und versuchte mit mir„Tuchfühlung" zu bekommen.) Stehen Sie da still, verfluchter Heringsbändiger! Also solche Subjekte gibt es im Regiment! Nehmt Euch vor diesen Leuten in acht. Die Sache ist weiter nicht schlimm, denn jeder halbwegs anständige Mensch weiß, daß eS Lügen find, wenn behauptet wird, hier würden die Mannschaften überanstrengt und mißhandelt. TaS wißt Ihr alle!(Hundert Augenpaare trafen sich.) Ich frage nun (mit erhobener Stimme) die Kompagnie, ob dieser gemeine Lump unter ihr ist. Wenn der ehrlose Kerl etwa in unserer Kompagnie ist, dann trete er vor und verantworte sich. Wenn es nicht geschieht, dann ist damit bewiesen, daß es Lügen sind.— Na, es meldet sich keiner. Natürlich ist solch ein Kerl ja auch zu feig, um fiir seine Tat einzustehen. Das wußte ich vorher; wenn wirklich so ein Scbwein hier drunter ist, dann ist es auch zu ehrlos, um sich zn melden. Ich muß aber nun doch den Unteroffizieren sagen, daß sie sich vorsehen uud etwas mehr an sich halten. Hat einer einen dickfelligen Kerl, dann darf nicht gleich geschlagen werden; es gibt genug andere Mittel, womit man ihn zahm kriegen kann.. Exer« zieren, und wenn das nicht hilft, Arreststrafen, und bei solcher« Lümmeln, wie diesem hier(Stöben flog durchs zweite Glied hin- durch), wird bei der ersten Gelegenheit Tatbericht eingereicht. Tann geht es nach der Festung und gleich anschließend auf die?lrbeiter- ohteilung! Jawohl, ohne Federlesen! Rein mit der Schweine, bände!" Als ich später mit dem Gefreiten allein war, fragte ich ihn;, was wohl geschehen wäre, wenn wir uns gemeldet hätten. „Er hätte uns niedergestochen." sagte er,„und dann wärea wir noch auf die Arbeiterabteilung gekommen." Das hört sich sehr unwahrscheinlich an, mir erschien cZ aber aar nicht unmöglich. Der Hauptmann ist sehr häufig mit gezücktem Degen auf die Leute eingesprungen; vom Zustoßen hatte ihn aber doch noch immer ein Rest von Besinnung zurückgehalten. Hätte er es aber wirklich einmal getan, so wäre es auch nicht weiter schlimm für ihn gewesen. Wir hütete» unser Geheimnis mit großer Sorglichkeit. Die Beschwerde hatte wenigstens für einige Wochen die Mißhandlungen vermindert. Doch wir erstickten den Ehrgeiz, das als unser Werk auszuposaunen und freuten uns im stillen über unsere Tat und ibre Wirkung. Nur der grauhaarige Sergeant, der, wenn ihn Armut und Langeweile plagten, gern zu uns kam, um mit uns zu plaudern, kniff oft, wenn die Rede auf diese Sache kam, ein Auge zu und fixierte mich unauffällig. Ich ließ ihn ruhig fixieren und machte das harmloseste Gesicht, dessen ich fähig war. Ich war über, zeugt, daß er mich im Verdacht hatte; aber er hat nie etwas gesagt, weder zu mir, noch zu andern. Als ich einmal unter Beobachtung aller Borsichtsmaßregeln eine Parallele zwischen Stöbens Be- fchiverde und der an den„Vorwärts" gerichteten zog. lächelte er azzf feine feine Weife und ging pfeifend davon. Hntiqua oder fraktur? Wie bekannt sein dürfte, bezeichnet man mit.Fraktur" den Schriftsatz, in dem die vorliegende Nummer des«Vorwärts" gedruckt ist. Unter„Antiqua" versteht man die Art, in der das ein- geklammerte Wort gesetzt ist(KapiUlismus). Beim Schreiben entspricht der Fraktur dw sogenannte.deutsche" Schrift, der Antiqua aber die„lateinische" Schrift. lieber die Bevorzugung in der Verwendung beider Schriftarten ist seit einiger Zeit ein harter Streit entbrannt. Und zwar führt man den Kamps mit Schönheits- und„nationalen" Gründen. Die einen treten für die alleinige Verwendung der Antiqua ein und behaupten: Antiqua sehe ästhetischer auS; auch sei es im Interesse der Ausländer, die nur Antiqnasatz kennen, geboten, ihnen die Leltüre deutscher Bücher nicht durch eine fremdartige Schriftart noch mehr zu erschweren. Die Anbänger der Fraktur wenden dagegen ein: gerade i h r Lieblmgsiay gebe ein schöneres Druckbild. Einige Fanatiker wollen uns ernsthaft glauben machen, sogar di« Schönheit des Inhalts gehe durch Antiqua verloren. Der„Faust" in Antiqua sei z. B. ein geringerer Genuß! Ebenso komisch wirken aber die.nationalen" Gründe, die sie ins Feld führen. Kein Eng- länder oder Franzose tut uns Deutschen den Gefallen und lasse seine Bücher in Fraktur drucken I Weshalb sollten gerade wir Germanen uns auch darin den Fremden anpassen?! Wer deutsche Bücher lesen wolle, müsse sich auch unsere Schrift aneignen I usw. usw. Höchst gewichtig wird dann weiter erklärt, daß wir unsere Schriftart durch lange Neberlieferung in voller Selbständigkeit gebildet und bewahrt hätten. ES wäre falsch, von der„ureigensten" Art zu lassen. Ueber die Schönheit des Schriftbildes läßt sich nun leicht streiten, aber schwer entscheiden. Lassen wir diesen Punkt alfo zu- nach st. Was aber die nationalen Motive anbelangt, so sind die „Teutschen" wieder mal gründlich reingefallen. Denn rein historisch genommen, haben wir zu allererst die lateinische Schrift gehabt. Wie so viele Worte und Gegenstände übernahmen wir zur Zeit, als Ger- manen in die europäische Geschichte eintraten, von den Römern auch die lateinische Schrift. Getreulich zeichneten die Schriftgelehrlen des Mittelalters Buchstaben für Buchstaben— Drucke gab es noch nicht — den römischen Pergamentrollen nach und setzten natürlich aus den gleichen Zeichen die eigenen Schriftstücke zusammen. Erst im spätem Mittelalter, als die Mönche in ihrer Klause ewigen Fleißes die Werke der alten Klassiker und„modernen" Theologen nach- malten, verführte die sauberste Sorgfalt dazu,� Worte mit dem Pinsel auszumalen. So entstanden Schnörkel und Ver» zierungen an den Anfangsbuchstaben und bei den Worte», die man besonders hervorheben wollte. Allmählich übertrug sich diese Art — 896 auf ble ganze Schrift, und es entstand jene als besonders deutsch geaiEimte„gotische" Schreibart. Sehr leicht zu widerlegen ist der Einwand, dost wir bei der nun mal entstandenen Schrift bleiben und uns nicht Freindlingen anpassen sollen. Das Interesse der Wissenschast gebietet, die Berständigung zwischen den Völkern zu erleichtern und es nicht durch selbst so klein- licke Schranken wie verschiedene Drucktypen zu erschweren. In unserer Zeit, wo die Möglichkeil einer Weltsprache zu wissenschaftlichen Zwecken ernsthaft diskutiert wird/) wirkt es besonders abgeschmackt, künstliche Grenzen aufrecht zu erhalten. Die Hauptfrage ist aber bisher noch nicht erörtert worden: welcher Typ stellt sich für den Deutschen, abgesehen vom Verkehr mit Ausländern, als zweckmässiger heraus? Die Antwort vermögen uns nur die Physiologie(die Wissenschaft vou den körperlichen Vor- gängen) und die Psychologie sdie sich mit geistigen Erlebnissen beschäftigt) zu geben. Jene behandelt das Sehen der Buchstaben als eine Funktion des Auges, diese das Auffassen und Verstehen des Gelesenen als eine geistige Tätigkeit. Bereits Anfang der neunziger Jahre wurden im psycho- logischen Jnstilut zu Leipzig unter Mündts Leitung V-rtuche angestellt. Sie bestanden im Prinzip darin, daß in dem Spalt eines Verdeckungsschirmes für ganz kurze Zeit(etwa Vw Sekunde lang) nacheinander Buchstaben und Worte in Antigua und Fraktur geboten wurden. Sodann wurde zahlenmäßig festgestellt, wieviel Prozent jeder Druckart.gesehen" und aufgefaßt werden konnten. Es stellte sich dabei durchgängig hcrans, daß von den Antiqua-Buch- staben oder Worten mehr behalten wurde als von den Fraktur- Buchstaben oder Worten. Da auch zum Lesen und Verstehen eine gewisse(meßbare) Zeit gehört, ist zu schließen, daß für das Lesen von Frakturlatz mehr Zeit und Kraft aufgewendet werden muß als für das Auffassen des AntiquadruckcS. Natürlich gilt dies Ergebnis auch für zusammenhängende Sätze;'und mit Recht ruft E a t t e l l, der erste Forscher auf diesem Gebiet, aus: Wieviel Kraft geht nicht durch das Lesen von Fraktur verloren I Bis auf die neueste Zeit hin find nun die Resultate der Ver- suche mit verfeinerten Methoden wiederholt nachgeprüft worden. Die Resultate sind nicht nur bestätigt worden, man fand auch die Gründe heraus. Beim Lesen einer Zeile umspannt das Auge im allgemeinen nicht etwa die ganze Höhe und Tiefe der Buchstaben: es gleitet vielmehr über die Buchstaben etwas oberhalb ihrer Mitte hinweg. Man kann das selbst leicht nachprüfen. Verdeckt man die untere Hälfte eines Zeilensatzes, so wird sie dennoch durch die obere lesbar und verständlich. Legt man jedoch ein weißes Blatt Papier auf die obere Hälfte einer unbekannten Zeile, so wird das Entziffern schon schioieriger. Der Antiquadrnck zeichnet sich nun überhaupt da- durch auS. daß niehr Buchstaben nur die ganze Milte der Zeile aus- füllen. Bei der Fraktur ragen dagegen viele Zeichen über die Zeile hinaus und unter sie herunter. Dadurch wird das Auge bald nach oben, bald nach unten gezogen, um die Buchstaben genau zu erkennen und sich nicht zu verlesen. Antiquasatz sieht über- Haupt einheitlicher, gedrungener, geschlossener aus. Fraklur erscheint zcrrtsiener, wirrer. An den Untersuchungen nahmen Personen verschiedenen Alters, Geschlechts, Standes mit verschiedener Vorbildung teil; die Ergeb- niste blieben überall die gleichen/") Nur Schulkinder, die gerade erst deutsche Schrifizeichen lesen und schreiben gelernt haben, also lateinisch noch nicht oder sehr wenig kennen, fassen Fraktur besser auf. Noch während der Schulzeit verschiebt sich die Sachlage aber zugunsten der Antiqua. Von diesem Standpunkt aus vermögen wir zum Schluß noch die Frage zu entscbeiden, welches Satzbild ästhetischer wirkt. Eben- falls durch psychologische Experimenle ist festgestellt worden, daß allgemein die Einheitlichkeit eines Gegenstandes schöner anmutet als die Zerrissenheit. Die größere Einheitlichkeit des Antiquasatzes wird daher unserem ästhetischen Gefühl mehr entsprechen als die mannig- fächeren Unterschiede der Fraklur. Die runderen Formen erscheinen wohlgefälliger als die Spitzen und Widerhäkchcn. Hiermit stimmt andererseits gut zusammen, was das moderne Kunstgewerbe für sich als Gesetz aufgestellt hat. Ein Gegenstand ist um so schöner, je besser er seinem Zwecke dient und diesen Zweck in seiner Gestalt auch vollendet zum Ausdruck bringt. In unserem Fall bevorzugt das Gewerbe tatsächlich für künstlerisch ausgestaltete Bücher die Antiqua, denn sie dient dem Zweck des Lesens bester und schneller als die Fraktur._ E. M. Steht ein strenger Mnter bevor? Schon wiederholt sind in diesem Jahre Voraussagungcn über den Charakter des bevorstehenden Winters veröffentlicht worden, die fast sämtlich einen kalten und schnecreichcn Winter ankündigten. Auch aus den verbreiteten Schneefällen, die dieser Tage in Deutsch- iland auftraten, wurde schon wieder auf den frühzeitigen Eintritt strenger Kälte geschloffen. Darauf muß gesagt werden, daß von *) Selbst ein so besonnener Forscher lvie der bekannte Natur- Philosoph Wilhelm Ostwalch früher Professor in Leipzig, tritt energisch für Esperanto und dann für Jdo ein. ""I Aucb inachte es keinen Unterschied, ob eS sich um geschriebene oder gedruckte Sätze handelte._ Kerantw. Siedakte«?«ichard Barth, Berlin.— Druck u. VerIag:VorwärtsBuchdruckereiu.VerlagsanstaltPaulSingerLcCo�BerlinLW7 streng kvissenschaftlichem Standpunkt aus derartige Prognosen etwas voreilig erscheinen. Die Ankündigung eines strengen Winters beruhte auf der Erwägung, daß die Eisverhältniste im arktischen Meere nördlich von Europa in diesem Jahre ganz be» sonders ungünstig waren. Dementsprechend reichte das Treibeis im letzten Sommer überhaupt ganz ungewöhnlich weit nach Süden, und fein Einfluß auf die meteorologischen Verhältniste machte sich denn auch andauernd durch die Verlagerung eines von der Kälte erzeugten Hochdruckgebietes über dem Eismeere und dem nördlichsten Europa bemerkbar. Dieses polare Maximum bildete die eigentliche Ursache des verregneten Sommers; denn die atlantischen Depressionen vermochten das Hoch nicht beiseite zu schieben und nahmen insolgrdestcn ihren Weg durch ziemlich sttd- liche Breiten, so daß Mitteleuropa fortwährend im Bereich der Cyklonen blieb. Wenn aber auch die Kühle des Sommers eine Folge der Eisverhältnisse im hohen Norden war, so ist damit noch keineswegs gesagt, daß auch der Winter vom Eismeere her seinen vorwiegenden Charakter erhält. Denn die atmosphärischen Strö- mungen, die für das Klima Europas den Ausschlag geben, sind im Winter wesentlich andere, als in der warmen Jahreszeit. Vor allem sind die ozeanischen Cyklonen im Winter unvergleichlich tiefer, daher auch wirksamer als im Sommer. Die Ursache dieser Er- scheinung ist in den Wärmcvcrhältnisten des tropischen und ffub- tropischen Atlantik zu suchen. Minima mit einem Zentrum unter 730, oft sogar unter 720 Millimeter Tiefe beherbergen außerordent- lich starke wirbelnde Kräfte, und ihrem meist mit größter Ge- schwindigkeit erfolgenden Ansturm pflegen selbst die höchsten Winter- lichen Maxima von 790 Millimeter Höhe nicht standzuhalten. Sie weichen zurück und machen die Bahn frei für den Ricscnwirbel erwärmter, dampfgesättigter Meeresluft, die die Cyklone über den europäischen Kontinent trägt. Damit findet auch die strengste Kälte, die aus dem hohe» Norden oder aus Rußland bis zu uns gelangt ist, stets ein jähes Ende. Aber selbst wenn die anrückenden Depressionen polare Hochgcbietc nicht zum Weichen bringen, ge- Winnen sie trotzdem sehr schnell Einfluß auf die Witterung Mittel- europas; sie schlagen dann, statt der Bahn, die durch Skandinavien nach Nordosten führt, südlichere Zugstratzen ein, bewegen sich durch das Nord- und Ostseegebiet oder in südöstlicher Richtung durch Frankreich nach Oberitalien. Gerade die letztere Zugstraße, die von Obcritalicn aus wieder nordostwärts verläuft, wird häufig von den Depressionen eingeschlagen, wenn in der nördlichen Hälfte Europas polare Maxima lagern. Es herrscht bei einer derartigen Wetterlage in Deutschland gewöhnlich auch nur ganz leichter Frost, es gehen aber dann meist große Schneemengen nieder. Daß die arktischen Eisverhältnisse in diesem Jahre die winterliche Wittcrungsgesialtung kaum beeinflussen werden, zeigt schon der Verlauf des Wetters im Monat November. Seit dem ersten sind bereits mehrere sehr tiefe atlantische Minima erschienen, die durch- weg ihren Weg durch das Nordseegcbiet genommen und die Kälte, die sich im hohen Norden bereits ausgebildet hat. von uns fern- gehalten haben. Der starke Schneefall der letzten Tage besagt aber für die Wetteraussichten der kommenden Monate nicht das ge- ringstc. Derartige Schneefälle treten stcrs ein, wenn sich atlantische Depressionen mit großer Schnelligkeit dem Kontinent nähern, während sich über diesem bei höherem Luftdruck Kälte, wenn auch nur von geringer Intensität, ausgebildet hat. Solchen Schnee- fällen folgt aber ausnahmslos Regen und Erwärmung. Der Cha- raktcr des Winters hängt überhaupt weit mehr von den Tiefdruck- als den Hochdruckgebieten ab. Folgen sich, wie so oft, atlantische Cyklonen in fast ununterbrochener Reihenfolge, so wird der Winter in Mitteleuropa immer sehr mild sein, mag im hohen Norden und im Innern Rußlands auch strengste Kälte herrschen. Ungünstiger ist es schon, wenn statt der atlantischen pazifische Cyklonen nach Europa gelangen, die vom hohen Norden aus, meist auf dem Wege über Lappland und das Weiße Meer, zu uns gelangen. Der- artige Wirbel bringen zwar der östlichen Hälfte Deutschlands mildes Wetter bei Schnee- und Regcnfällen, doch verlagert sich der hohe Druck dann vielfach über dem westlichen und südlichen Mittel- curopa, und die strengste Kälte hat bei diesem Wintcrtypus Süd- deutschland und das Alpengcbict. Die Häufigkeit atlantischer und pazifiscker Depressionen sowie die Art ihrer Aufeinairderfolge läßt sich aber überhaupt nicht voraussagen; handelt es sich, wie schon gesagt, bei diesen Erscheinungen um Vorgänge in den Tropen. Fehlen uns aber auch direkte Anhaltspunkte,»nc den Charakter de? Winters vorherzubestimmen, so gibt es. doch noch indirekte Mittel, die mit einiger Aussicht auf Erfolg winterliche Fernprognose er- möglichen. Aus Beobacbtnngen, die sich über rund 200 Jahre er- strecken, und die namentlich Hellmann fiir Berlin und Hann fiir Wien angestellt hat, geht nämlich hervor, daß kalte Winter am wahrscheinlichsten zu erwarten sind, wenn der vorangegangene Sommer sehr warm war. Das letztere kann man nun vom ver- gangencn Sommer beim besten Willen nicht behaupten. Allerdings dürfen wir kaum einen so ungewöhnlich milden Winter wie im vergangenen Jahre erwarten, denn solch abnorme Erscheinungen kommen höchstens alle zebn Jahre einmal vor. Erwartet man aber auf Grund dieser langjährigen Erfahrungen einen ziemlich milden Winter mit nur ganz kurzen, mäßigen Frostpcrioden, so dürfte das der Wirllichkeit am nächsten kommen. Und da milde Winter stets niederschlagreich sind, so kann auch auf häufige, ergiebige Schnee- fälle gerechnet werden.