Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 226. Sonnabend, den 19. November. 1910 (Nachdruck verdate».) 171 ift Ruhm? Roman von Max Kretze«� Walzmann lachte grimmig auf und stapfte vor der Tafel auf und ab. In einer solchen Stunde, wo er mit sich selbst kämpfte, um enthaltsam zu bleiben, weil der andre Tag drohte, hatte er merkwürdige Anwandlungen, die ihn dem Weinen nahe brachten. Es waren die Tränen über seine eigne Schwäche, die er nur mühsam zurückhielt; und man merkte es schon seiner Stimme an, was in ihm vorging. Dann wurde die große Tragödie seines Lebens in ihm wach, die Geschichte seiner Liebe, die ihn in den Sumpf gezogen hatte und die er selten jemand offenbarte. Kempen war einer der wenigen, die sie kannten: und noch entsann er sich der Dämmerstunde in der alten Scheune, wo der Alte sie ihm erzählte: Wie er seine Braut, eine fleißige, nicht mehr junge Näherin, die er mit vierzig Jahren kennen gelernt und die keinen Anstoß an seiner Mißgestalt genommen hatte, an der Schwindsucht stückweise sterben sah, ohne ihr helfen zu können. Schon lange waren sie verlobt, und immer mußte die Hochzeit aufgeschoben werden, weil der Arzt dagegen war. Von dem brennenden Wunsch er- füllt, sie nach dem Süden zu bringen, hatte er damals be- gönnen, sich zum Lohnsklaven zu erniedrigen, ohne an seine Weiterentwickelung zu denken. Der Sohn einer armen Mutter, der Witwe eines Land- messers, der sich nicht viel um die Häuslichkeit hatte kümmern können, war Peter ganz auf seine zwei Hände angewiesen. Stets eine einsame Natur, hatte er sein Herz an ein einfaches Geschöpf verschenkt, um jemand zu haben, der ihm Halt brächte; denn ohne Erziehung und ohne besseren Verkehr aufgewachsen, nur ganz seinen Leidenschaften überlassen, führte er schon als junger Mensch ein ungebundenes Leben, das ihn mit zweifel- hafter Gesellschaft umgab. Nur sein Kunstdrang rettete ihn stets aus den Abgründen der Berliner Vorstadt. Wie so manche Künstlernatur, die von der Begierde nach dem Weibe gelenkt wird, fragte er nicht viel nach dem Woher und Wohin. Endlich, als er schon glaubte, sein Ziel erreicht zu haben, war es mit ihr vorüber. An einem regnerischen Herbstnachmittag trug er sie zu Grabe, weit draußen im Süden der Stadt, wo die Landstraße durch das Armenviertel führt. Nur seine Mutter und er folgten dem Sarge. Das Spiel war aus, und er konnte seinen Schmerz nun zügellos in die Nachtstätten tragen, die er mit Gewalt gemieden hatte. Solange seine Mutter noch lebte, ging es, denn er hatte jemand, mit dem er reden konnte. Als er dann aber allein stand, verlassen wie ein Stein auf der Straße, überließ er sich ganz dem dunklen Drange seines schlechteren Menschen und schwamm gleichgültig in dem Strom seines verfluchten Daseins. „Nuschke, Nuschke, was bist Du zu beneiden!" unterbrach er diese Stimmung mit Gewalt, um am Klang seiner Stimme Halt zu finden.„Fährst dort runter, wo einem das Herz auf- geht. Gerade in der schönsten Zeit. Du— meine Augen, als ich die Alpen hinter mir hatte! Dann Mailand, dann Rom. Dann in Sankt Peter. Das Herz zitterte mir. Ich weinte vor Freude. Noch jetzt wird's mir feucht. Dja." Seine Augen waren kleiner geworden, aber aus einem Grunde, den er mit dieser Ausrede verschleierte. Und er schwelgte weiter in Erinnerungen, die ihm das Land wieder zeigten, wo ihm das Gesundheitsedcn für die Geliebte hatte erblühen sollen; und es geschah mib jener grausamen Wollust, mit der man der eigenen Seele manchmal süße Schmerzen bereitet. Alle kamen nun auf Italien zu sprechen, das uur . Blankert und Nuschke noch nicht kannten. Selbst Kempen wurde redselig und kramte seine Eindrücke aus, während . Lorensen mit seiner Deutlichkeit das ganze Luderleben schilderte, das sie beide geführt hatten, als ihnen vor einem Jahre durch Ersparnisse sür Bauarbeiten die Reise ermöglicht Wörden war. Von Mailand aus waren sie zu Fuß gegangen, hatten in elenden Herbergen geschlafen, in ihrem Räuber- zustande kaum zu Unterscheiden von dem niederen Gesindel. � Alles tauchte wieder vor ihnen- auf: das bunte Lebei, in der Osteria, der Chiantitaumel und der Dalles, den sie zuletzt hatten, aus dem nur die offene Hand der deutschen Künstler� kolonie sie herausreißen konnte, damit sie notdürftig wieder in die Heimat könnten. Denn Lorensen, dieser Bruder Leicht- sinn, der alles gründlich auskosten wollte, hatte den Strengen mitgerissen, der, vom frent en Klima berückt, fast selbst seine Grundsätze wanken sah. Schmarr, der endlich satt war, fing sogar an zu singen und plärrte sein„funiculi, funicula" so herausfordernd her- vor, daß die übrigen lustig einfielen. Nur Walzmann ver- sagte; die Hände auf dem Rücken stand er da, den Blick zu Boden gerichtet. „So kommen Sie doch mit, Meister, wir schinden uns schon durch," rief ihm dann Nuschke halb im Scherz zu, nach- dem der Lärm verstummt war. Walzmann jedoch, der lvre aus einer Betäubung erwachte, drehte sich um und zog den Kopf mit, den er nur so bewegen konnte.„Danke, mein Sohn. Zu spät für mich. Glaubte auch mal die Fahrt zu zweien zu machen, neuen Frühling zu holen. Nun ist ewiger Winter bei mir. Dja.... Das ist nur für die Großen, für die Glückspinscher ü la Heilke." Er gluckte ein Lachen heraus. „Ich verrecke doch mal hinter der Hecke. Dja. Als Ruhm- loser, als bloße Nummer, unbekannt, unbeweint. Dja. Aber besser, mein Sohn, mit Spottdreck gesalbt, als mit un- verdientem Lorbeer bestattet." „Oho, oho," schallte es ihm entgegen; er aber versuchte, seine Stimmung durch andere Dinge abzulenken. Auf dem Wandbrett stand der Gipsabguß eines Reiters, der von Grebemann stammte, einem längst Verschollenen. Sofort be- gann er, sich damit zu beschäftigen.„Auch einer, der im großen Massengrab Italien zugrunde gegangen ist. Aus- geflogen und hat sein Nest verloren. Nicht verstanden worden. Zu stolz gewesen, um sich das Futter zusammenzubetteln, das der Sperling auf der Straße findet. Konnte niemals die Hintertreppe benutzen. Hab ihn noch gekannt, war immer ein Sonderling... Dieser Gaul, wie er schreitet, man möchte mitlaufen. Gleich wird er dort in der Ecke sein. Paßt auf." Und wie närrisch geworden, fetzte er sich in Bewegung und trabte schwerfällig das Brett entlang, was sich so komisch ausnahm, daß ein brüllendes Lachen entstand. „Das Hindernis,, das Hindernis! Springen Sie über die Kiste!" gröhlte Blankert los.„Ich setze auf Sie." „Nuschke jedoch, der ihn für kindisch geworden hielt. glaubte sich seinen Zustand erklären zu können.„Trinken Sie doch endlich einmal, Meister, zuviel Wasser regt auf." Und er goß ein Glas voll, trug es ihm entgegen und wollte auf sein Wohl anstoßen. Walzmann jedoch bekam plötzlich seinen Rappel, den er oftmals zeigte, sobald er stark bleiben wollte und etwas Be- sondercs in ihm vorging.„Ich muß fort, ich muß fort," rief er erregt aus und stieß sanft die Hand zurück.„Kempen, Du weißt es, ich habe noch Maß zu nehmen. Sohn Blankert hatte recht. Ich muß noch nach dem Kirchhof. Gleich, gleich, fönst wird's finster. Ein Auftrag, ein Auftrag, schon lange liegt er bei mir. Seid mir nicht böse, Zigeuner. Manchmal packt's mich, und dann schäm ich mich. Schäme mich, so die Zeit zu vertrödeln... Doch, doch, mein lieber Kempen, ich muß fort." Er wehrte sich, als man ihm nicht den Mantel geben wollte. Die andern hielten das für eine feiner verrückten, Possen, trotzdem sie wußten, daß er auch hin und wieder einem Steinmetz weit draußen vor der Stadt hilfreiche Hand leistete. Kempen jedoch kannte dieses Spiel, das so komisch ch.irkte und gerade dann aus der Tiefe dieses seltsamen Menschen kam, sobald die Reue ihm mit der Gewalt eines Seelenaus- bruchs packte. Seit Jahren schon hatte er sich vorgenommen, der Ver- storbenen ein Denkmal zu fetzen, aber nie kam er dazu/weil die Erinnerung daran am stärksten aufloderte, sobald er kein Geld zur Ausführung hatte. Etwas Großes, noch nie Da- gewesenes schwebte ihm- vor, in das er all sein Ringen und seinen Kummer legen wollte. Wenn er einsam in seinem Stall stand und. sich beim gleichmäßigen Kneten seinen Gedanken überließ, dann reifte das. Werk in seiner Phantasie zu einer Kolosialgestalt,- zu einem männlichen Genius/ der, hoch- thronend mit gebrochenen Flügeln, tausend Schmerzen im hageren Antlitz, anklagend ins Wesenlose starrt«. Aber dies Gedänkenbilö Sftt so überirdlsch-schLm erweckte so ti�e Schauer in ihm, daß er sich scheute, es festzuhalten, aus Fu'rcht, er könnte es tn der Wirklichkeit niemals erreichen. SeUsame Stimmungen machten ihn vollends kraftlos. Die Tt*s stand ihm vor Augen mit ihren blassen, kranken Zügen, wie sie bis zuletzt für ihn gearbeitet hatte, um ihm empor zu helfen: zarte Scham erfaßte ihn. das Geheimnis seiner Seele könnte entschleiert, ihre Ruhe im Grabe gestört werden, wenn dort draußen zu ihren Häupteu sich Plötzlich etwas erhöbe, was er dei ihrer Lebzeit angestrebt hatte, niemals aber erreichen konnte. Derartige Anwandlungen waren Kempen bereits so be- kannt, daß er ihnen keinen Wert mehr beilegte.«Das wird |a schon noch kommen, bleiben Sie doch," raunte er ihm zu. „Sie sehen doch, es ist schlechtes Wetter." An dem großen Fenster strich langsam der Schnee herunter, dessen Weiß wie kaltes Sonnenlicht wirkte.„Gut, gut, mein Sohn, ich bleibe." gab Walzmann zurück, denn sein Widerstand war bereits gebrochen.„Weil Du es bistl Hast mich immer verstanden. Aber nächsten Sonntag fange ich an — bestimmt! Den will ich mir stehlen. Im August mutz es fertig sein, dann ist ihr Geburtstag. Nur Zeit, nur Zeit! Wenn ich diesen Jux hinter mir habe, will ich festbleiben." Kempen nickte nur gleichgültig, denn er hatte diesen Ge- dnrtstag schon viermal kommen sehen, ohne daß das ange- kündigte Ereignis eingetreten war. Walzmann flüsterte jetzt mit der Freude eines Kindes, wobei er Kempen mit dem Ellbogen anstieß.„Du, das soll mein Meisterstück werden. Ich gehe gleich im vollen los. Die Kerle sollen platzen. Ganz Berlin soll rufen:„Walzmann lebt noch, der alte Walzmann von Einundsiebzig." Meine Gruppe damals, Du. das war was! Herrgott, ich fühle mich wieder jung... Uebrigens— ein halbes Glas könnte ich trinken, aber nicht mehr. Nur einen Schluck, auf Deinen Kämpfer! Sei nicht grausam, ich bitt Dich... Du, sag mal, fjast Du noch Achtung vor mir?... Gut, gut, ich glaub Dir's. Einen Halt müssen wir alle haben, einen Halt. Bleib nie einsam in Deinem Leben, das ist das schrecklichste. Für uns, die wir der Sonne so sehr bedürfen! Und ein Mensch kann diese Sonne sein. Vor allem ein Weib, ein Weib! Weißt Du, eine Frauenhand, die auf nnsrer Stirne liegt, so in kummervollen Stunden, die beruhigt, ist Labsal für unsre Seele. Du lachst natürlich, Egoist Du! Ich sehe in jedem Weib die Mutter." Kempen lachte allerdings über diese närrischen Reden, aber mehr aus Gewohnheit: dann schritt er zum Tisch und füllte ein Weinglas mit der Bedächtigkeit eines Apothekers bis zur Hälfte, das er ihm mit dem Bemerken reichte, daß es auf keinen Fall mehr geben würde. Walzmann betrachtete ihn nun gewissermaßen mit einem feindlichen Blick, denn, plötzlich von einem Lebcnsruck gepackt, hatte er sich bereits heimlich darin gefunden, den andern Tag noch zuzugeben. Aber besser so: dann brauchte er sich keinen Vorwurf zu machen und konnte abwarten, was sich weiter entwickeln würde. „Also doch, Meister!" rief ihm Nuschke vergnügt zu. »Das Leben ist so kurz, das ist ja Ihre Rede. Prosit." Walzmann stieß mit ihm an, leerte sein GlaS und stellte es dann in einen verlorenen Winkel, damit er es nicht wieder fände, wie er sich einreden wollte: aber schon fühlte er den wohligen Strom in seinen Adern.„So spiel doch Beethoven, -ich warte darauf," sagte er dann.„Belebe den Kasten noch mal— er versauert doch zeitig genug." Blanikert jedoch wollte davon nichts wissen, denn jetzt sei man lustig zusammen, und da könne der Unsinn steigen. Er habe sogar gehofft, hier tanzen zu können, und wenn man gar keine Schürzen herbeischaffen wolle, dann werde er es einmal mit Schmarr versuchen. Einen Schuhplattler oder einen Niggertanz: etwas Blödsinn müsse doch getrieben werden. .(Fortsetzung folgt.)! UKeater- Ausstellung. In den Hallen am„Zoo" dehnt sie sich ans; weder stilvoll, noch prunkhaft; weder modern, noch besonders lehrreich. Eber g e- lehrt— es ist, als wäre sie von ein paar bezopften Doktoren in «w philologisches System gebracht worden. Das Oel der Vernunft ward über einige winzige Kränselwellchen ausgegossen.„Still ruht »«r See, die Boglein schlafen usw." Nun gondeln wir weg vom Strande der Gegenwart in Vergangenheitszeiien. bis beinahe an die Schwelle deutscher Theaterei. Von den Wänden grüßen uns zahl» loie Bildnisse ehedem als Sonnen, Fixsterne und Kometen der Schauspielkunst, des Gesanges und Tanzes verhimmelter Bühnen- leute. Wenn einer sich tüchtig in theatergeschichtlichen Regionen ge- tummelt hat, so wird es ihm zweifellos einen extrafeinen Genuß bereiten, nun mal wieder mit all jenen Helden und Heroinen, Rittern vom hohen„C" bis hinunter zum gröhlenden Kontrabaß, Primadonnen und Ballerinen stiller Zwiesprache zu pflegen. Serenissimus von Dingsda ist Alleinherrscher auch über seine Theater- sklave». Wenn er besiehlt, singen, mimen oder tanzen sie. Ein gnädig-lüsternes Augenzwinkern„erhebt" heute diese Mimin zu seiner Kurtisane; eine verächtliche Handbewegung bedeutet mirgen für jene Kehlkopf- oder Beinkünsilerin deren Plötz- liche Kaltstellung, manchmal nur auf Tage, Wochen, Jahre— meist aber auf immer. Unter all jenen Singvögelchen, Sprecherinnen und Tanzköniginnen gibt's allerdings auch solche, die nnt Sere- nissimus— mochte er nun ein„Sonnenkönig" oder nur ein simpler deulscher Miniallirfürst sein— förmlich Fangball spielten und sogar ganze Staaten und Volkschaften ins Verderben stürzen halfen. Wozu Namen nennen? Namen sind Schall und Ranch. Nur höfische Sittenschilderer und byzantinische Soldhistoriker machen da- von ein Aufheben. „Die Nachwelt flicht den Mimen keine Kränze." Waren's zu- weilen solche von Silber und Gold, die eine vernarrte Mitwelt stiftete, so kann man sie jetzt in einzelnen Exemplaren wiedersehen; während alle Lorbeerkronen ihr ephemeres Ruhmdasein längst im Ofenloch höchst prosaisch beschlossen haben und Staub geworden sind, gleich ihren glückberauschten Trägern von dazumal... Denn es sind doch zumeist Hoftheater und Raritätensammler. die ausgestellt haben. Nicht viel der Rede wert. Was sollen uns all die„Generalintendanten" usw. mitsamt ihren Stammbäumen und ellenlangen Titelchen? Da doch selten einer drunter war, dem die Götter künstlerische Einsicht, geschweige denn künstlerische Talente in die Wiege gelegt ballen I Ja. wenn die heutigen Hosbühnenbeherricher mehr wären, als simple „KunstleutnontS" mit höfischen Rückgratsallüren, dann. ja dann hätte eö in der Theateransstellung auch so etwas wie satirische Glossen" auf alle Serenissimuslunst gegeben. ES wäre gar nicht übel, in karikaturistischen Gegenstücken zu sehen, wie furchtbar„nett" manche dieser Schranzen mit einem Schiller(Mannheim). Karl Maria von Weber(Dresden) Mozart und Beethoven(Wien) umgesprungen find; wie selbst ein Goethe, trotz seines Ministerportefenilles als Theater- intendant durch einen Kotzebue lahmgelegt wurde. Nun erst an Richard Wagner zu denken I Was für böle Sachen hätte der Herr v. Hülsen über seinen Vater Botho, den Berliner„Zirkus"-Hülsen auflegen können I Und die Dresdener Hofinrendanz hätte sicherlich zur allgemeinen Belehrung beigetragen, wenn sie den„Fall" des Barrikaden- Wagners dokumentarisch ausgestellt hätte. Minister Beust, der zur Niederwerfung des Dresdener AusstandeS— preußisches Militär in« Land rief, Beust. der geschworenste Feind Wagners, den er noch bis ins Grab hinein als Brandstifter, Mordshalunken und dergleichen verleumdete, Beust mitsamt dem bornierten Hofgesinde von dazumal hätte wahrlich eine fürtreffliche Staffage gebildet! Nichts von alledem auf dieser Theateransstellung— und vom Hause„Wabnftied" keinen Hauch. Gerade Frau Cofiina wäre im- stände gewesen, dem byzantinemden Berliner Universilätssenat nachträglich für ihren„Ehrendoktor" eine DiffertationSarbeit zu liefern, die das Kapitel: Preußische Hofkunst und Wagner vor aller Welt an de» Pranger gestellt hätte! Aber freilich— die Hüterin des beiligen Grals und mit ihr so mancher musikkiilikasternde , Stiefelwichser' von Bayreuth wollte nie von„Richard Wagner in der Karikatur" etwaS wissen. Dann— sollte man meinen— hätte wenigstens das Wagner-Museum in Eisenach seine Schätze ausbreiten können. Leider ist es über ein paar harmlose Bilderchen und Theaterzettel, die obenein bekannt find, nicht hinausgegangen. Kurz, wohin man blickt:— entweder PerfoncitlultuS oder Lieb- baberfammlungen von Bildern, Theaterschriften. Erstdrucken, Briefen, Partituren, Schanspielerrollen, deren man in jedem spezifischen Antt- quariat teilhaftig werden kann. Ist doch sogar der Spazier- st e de n Talmas und— man staune— ein Rock von Corona Schröter, Goethe-Weimarischen Angedenkens zu sehen.... Lediglich die FuchS sche Kollektion erlesener karikaturistischer Zeichnungen usw. eines Daumier, Gavarne u. a. springt aus dem Rahmen, insofern.nänflich, als hier auch einmal vom Theater- Publikum gehandelt wird, ohne daS keine Kunst, geschweige die Bühnenkunst bestehen kann. WaS diesen Versuch zu einer wirklichen Theater-AuSstellung erHoden hätte, müßte auf anderen Gebieten gelegen haben. Eine Schau von Modellen neuerer Theaterbauten, von Dreh« und Versenkbühne», von technischen Hilfswerkzeugen auf der Bühne— beispielsweise: die Verwertung des elektrischen Lichts, Donnermaschinen, Rcgenopparate zu szenischen Zwecken wie auch zur Unterdrückung von Brändei,; ferner aller auf rasche Entleerung abzielenden Einrichtungen des Zuschauerraumes usw., in kleinen Maßen zwar, dennoch praktisch vorführbar:— eine Gciamtschau in dieser Richtung, sage ich, wäre fraglos interessant und lehrreich gewesen. Allerdings, nm solche Ausstellung anfzubringen, hätten sowohl staatliche als stadtkommiinale Barmittel bewilligt werden müssen. Aber selbst ohne sie sollte ein auch nur halbwegs auf moderne Erfordernisse gerichteter Sinn immer zunZchst danach trachten, die Wißbegier kunst- empfänglicher Gemuter zu reizen— weil denn doch daS grotje Publikum die Tdeater, so lange sie vorwiegend noch privatkaptta- listisäie Unternehmungen sind, aktionssähig erhält. Glücklicherweise wurden Versuche solcher Art von verschiedenen Seiten unternommen. Wir finden außer zahlreichen Kostümbildern und gleichfalls farbigen Dekorationsentwürfen, worunter gerade Goethes Handzeichnungen. Silhouetten und Pro'pelte ganz besonders auffallen, auch mehrere Theatermodelleibren Halt in schweren ge- mauerten Backsteinklötzcn, die im Dreieck um das Stationsgebäude herumliegen und durch kleine Häuschen geschützt sind. Die Erdungs- anlage besteht aus strahlenförmig im Erdreick angeordneten Eisen- drähten, die eine Fläche von 126 666 Quadratmeter überdecken und deren Mittelpunkt im Telegraphierraum mündet. Die innere Ein- richtung umfaßt die den Strom hergebende Energiequelle, die Gebe- und die Empfangsapparate. Als Energiequelle dient eine Loko- mobile, die durch Riemenübertragung den EinpHasenwechselstrom-« generator antreibt, der durch eine direkt angebaute Erregermaschine betätigt wird. In den Gcberkreis ist eine Batterie von 366 Leidener? Flaschen eingeschaltet, die durch vier Induktoren geladen werden. Die verwendeten Relaistaster gestatten eine Telegraphier-! geschwindigkeit von 26 Wörtern in der Minute. Will man Tele- gramme aufnehmen, so werden die Antennen- und die Erdleitung durch einen Handgriff vom GebertrciS auf den EmpfangSkreiS umgeschaltet. Als Empfangsapparate dienen Morseschreiber oder; Fernhörer, die ganz nach Delieben benutzt werden können. Die ersten Versuche auf dieser Station fanden im Jahre 1909 statt, und hier wurde nur mit einem Bruchteil der Gesamtenergie gearbeitet. Man erzielte damals Verbindungen auf 866 Kilometer mit Rigi-Scheidegg(Schweiz), größtenteils über Gebirge, auf! 1356 Kilometer mit St. Petersburg, größtenteils über Flachland, auf 2140 Kilometer mit dem Dampfer„Eap Ortegal", der in der Biskayabucht lag, größtenteils über Land, auf 2466 Kilometer mit dem Dampfer„Bremen". Von diesen Erfolgen ist der mit„Cap Ortegal" am bedeutungsvollsten. Hier gelang die Verständigung von der Station zum Schiff und vom Schiff zur Station tadellos. Man hatte daran gezweifelt, daß ein Verkehr vom Schiff zur Station überhaupt möglich sein würde, weil die Luftleitec auf den, Schiffen nicht sehr hoch sein und deshalb nur sehr geringe Energie- mengen ausgestrahlt werden können. Diese Erfolge veranlassten 1967 Thurn in seinem übersichtlichen Bändchen über„Die Funken- telegraphie" zu den Worten:„Diese glänzenden Ergebnisse be- rcchtigen zu der Hoffnung, daß be iweiteren Fernverfuchen mit voller Energie nock größere Entfernungen— mindestens bis 3000 Kilometer— zu überbrücken sind und die Funkentechnik somit, frei von Laboratoriumsversuchen, den großen Anforderungen, die die neue Zeit an sie stellt, vollauf gewachsen sein wird. ES eröffnet sich hier auch eine für die Interessen deutschen Handelt und i - 904 •nriWet Sckiffa'hrk. wie deutscher Politik gleich bedeutsame Per- Kektive. Mit mehreren Riesenstationen, mit etwa 100—200 Meter hen Antennen und einer Anzahl kleiner Stationen wird sich ein telegraphischer Verkehr mit Afrika und Asien ermöglichen lassen, der unabhängig von fremden Kabelgesellschaften ist." Daß diese Hoffnungen heute— nach drei knappen Iahren— schon ihrer Verwirklichung ein gut Teil nähergekommen sind, zeigen ein paar Angaben der„Gesellschaft für drahtlose Telcgraphie". Danach hat Nauen in den letzten Jahren auf 3800 Kilometer mit dem Dampfer„Luise Bioermann", auf 4100 Kilometer mit dem Dampfer„König Friedrich August" und auf 5200 Kilometer mit dem Dampfer„Bosnia" funkentelegraphische Nachrichten getauscht. Die Ueberbrückung des Ozeans ist also zur Tatsache geworden. Mit einem Netz von Unterstationen aber wäre damit die Er- schlietzung weiter Strecken für den telegraphischen Verkehr gesichert, wenn man sich nur dazu verstehen wollte, überall solche Stationen zu bauen, statt immer neue Kabel zu legen. kleines feuiUeton. Völkerkunde. D i e Erforschung der Eskimos. Ein Mitglied der Expedition, die im Jahre 1909 zur Ergründung einer neuen Station von der dänischen Missionsgesellschaft nach Grönland ent- sandt wurde, Dr. Steensby, hat die Zeit seines dortigen Aufent- Halts zu einem ungewöhnlich gründlichen Studium der Eskimos benutzt, dessen Ergebnisse er jetzt in einer in Kopenhagen vcröffent- lichen Schrift bekanntgegeben hat. Es handelt sich um den Eskimo- stamm, der unter dem besonderen Namen der Polareskimos be- zeichnet wird und die Hayes-Halbinsel im nordwestlichen Grönland «bewohnt. Man kann sich denken, dah die Leute in dieser Gegend ein sehr kümmerliches Dasein fristen, darf sich daher aucb nicht wundern, dag die dortige Gemeinde nur aus etwa 200 Seelen besteht. Und dennoch ist ihr ethnologischer Charakter von großer Wichtigkeit, weil er scheinbar zu einer ganz anderen Raffe gehört, als die Eskimos weiter im Süden von Grönland. Dr. Steensby unterscheidet jene als einen mongolischen Typus, diese als einen indianischen. Die sogenannten mongolischen Merkmale bestehen in einer platten Nase, schiefen Augen, flachem Gesicht, breiten und großen Backenknochen. All diese Eigenschaften treten an den Frauen noch stärker hervor als an den Mänern. Die Kopfform ist langschädelig, die Grundfarbe der Haut gelblich. Besonders auf- fällig ist der Umstand, daß auch der berühmte Mongolenfleck an den Kindern in der Lendengegend auftritt. Die Kultur, die bei den Polareskimos zu finden ist, stammt wahrscheinlich von einer Wanderung her, die vor etwa fünfzig Jahren stattfand. Es ist fast unglaublich, wie sich diese Leute in der kurzen Zeit, seit sie mit Europäern in Berührung gekommen sind, von der niedrigsten zu einer verhältnismäßig hohen Kulturstufe gehoben haben. Der Polarfahrer Kane, der sie vor etwa 60 Jahren zum erstenmal sah und beschrieb, erzählt von ihnen, daß ihr ganzer Reichtum in etwas Eisen oder Holz bestand und daß sie Knocken als Schlittenkufen und einige alte Faßreifen, die sich zu ihnen verirrt hatten, als Mvffer benutzten. Sie kannten nickt einmal Bogen und Pfeil, ebensowenig den Kajak und konnten daher weder auf die Renntiere zu.Land noch auf den Lachs im Waffer Jagd machen. Dann lernten sie von Auswanderern, die von der ainerikanischen Seite kamen, den Gebrauch von Bogen und Pfeil und die Benutzung von Booten, sie gewannen Hebung in Jagd und Fischerei, und nun bc- gann ein vergleichsweise gewaltiger Aufschwung. Vor ztvanzig Jahren hat dann Peary diese Eskimos mit den besten amerika- nischen Schußwaffen im Austausch gegen Fuchs- und Bärenfell der- sehen und ihnen damit einen sehr zweifelhaften Dienst erwiesen, da die Gefahr besteht, daß die Eskimos das spärliche. Wild ganz ausrotten und dann ernstlich Mangel zu leiden beginnen werden. Immerhin waren bis zu Pearhs erstem Besuch noch Messer und Aexte aus Steinen in Benutzung, außerdem Geräte aus Meteor- eisen. Noch jetzt verfertigen die Eskimos Harpunen mit einer eisernen Spitze und einem Schaft aus Knochen. Auch ihr Hausbau hat große Fortschritte gemacht. Ursprünglich dienten zur Stützung de» Daches nur Rippen von Walfischen. Sckacb. Unter Leitung von S. A l a p i n. Lösung. sl2. November. Pollmäcker Capriccio Ich-.) Stellung: Weiß: K�d; Db4; Ta3; TeS; Lfl; Se7; 867: BB: 64. g2, g5. Schwarz: Ke4