Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 229. Donnerstag den 24. November. 1910 (Nachdruck vkrvsten.) »I Mas Llt foidm? Roman von Max Kretzei; Klara hatte oftmals an ihn gedacht und sich gefragt, ob er diese Kinderei immer noch nicht abgelegt habe und endlich ein Mann ohne Furcht und Tadel geworden sei. Und wenn nicht, dann wäre es vielleicht eine Aufgabe gewesen, ihn dazu aufzustacheln, ihm diese Jämmerlingsrolle zu nehmen, in der sie ihn so greulich fand. „Man gut, daß die Alte nicht mehr auf Wache zichen kann," sagte Lorensen eines Abends zu Kempen, weil ihm alle Tugendwächterinnen gegen den Strich gingen, mußte dann aber verdutzt aufblicken, als der andere kurz hervorquetschte: „Schadet auch nichts, ich bin ja hier." „Nanu, was ist denn los. Hermann?" gab Lorensen mit einer gewissen Entrüstung zurück.„Sie soll mir doch zu meiner Eva stehen. Ich begreif Dich wieder mal nicht." „Hast Du schon mit ihr darüber gesprochen?" fragte Kempen wieder, diesmal lauernd. „Nach nicht, sie ist ja kaum warm geworden bei uns. Hättest Du ja auch hören müssen, wir sind doch beide im Atelier." „Na, dann bewahr Dich nur vor dem Abfall," knurrte Kempen wieder. Lorensen lachte.„Furchtbar echt von Dir. Du kennst eben die Weiber nicht." „Wollen sehen," quetschte Kenipen wieder hervor, fügte dann aber rasch hinzu:„Das war ja Wortbruch von Dir. Lockst so'n Mädel aus ihrer guten Stellung und möchtest sie dann erniedrigen. Und erniedrigst sind sie doch alle, die eines Tages so vor uns stehen, wie Gott sie geschaffen hat. Ent- weder tun sie es aus Dummheit oder aus Not." „Oder aus Eitelkeit... kann auch Verderbtheit sein," warf Lorensen überlegen ein und kaute an seinem belegten Brot. Sie waren allein im Atelier, nachdem Sorge! ihnen das einfache Abendbrot zusammengeholt hatte. Vier Wochen lang war Klara Münk bereits wieder bei ihnen ein» und ausge- gangen mit der frohen Laune einer guten Freundin, die mit Heiterkeit kommt und mit den besten Wünschen geht. Der Kopf der Leda war fertig, auch im großen, und so trat nun an Lorensen die Frage heran, was er jetzt am besten machen könnte. Auch der Faun war von Kempen in zweiter Ausführung glücklich überstanden worden. Nun wurden die Gipsgießer erwartet, brachten ihre Wirtschaft ins Atelier und machten aus der Kunst das Scharwerk, über das man alles andere vergessen mußte. Wenn dann aber die weißen Puppen hinaus waren, um ihrer Marmorauferstehung entgegen zu gehen, konnte man wieder um so freier atmen, sich an das machen, was die Seele bedrückte und wodurch man sie er- leichtern wollte. „Ja, wenn du immer so denkst," wandte Lorensen wieder ein,„dann werden wir nie ans Ziel kommen. Solche Weiber hat es immer gegeben und wird's auch immer geben. Und du weißt doch, es gibt ganz anständige darunter, die uns gehörig auf die Finger klopfen, wenn wir uns mal vergessen wollen. Ja." „Es kommt ganz darauf an, was man Anstand'nennt," gab Kempen mit Zähigkeit zurück.„Für einen können sie heilig sein, für den zweiten und dritten sind sie entweiht. Das Schönste am Menschen bleibt doch die Scham." Nun geriet Lorensen, der das alles auf Klara Münk bezog und schon sieine Pläne durchkreuzt sah, in eine gewisse Erregung, die ihn stets packte, sobald er seiner Meinung nach Dummheiten hörte. Er vergaß das Essen, warf das Messer hin und ging, die Hände in den Hosentaschen, großspurig vor Kempen auf und ab.„Ja, Hermann, weißt Du. da begreife Dich, wer es kann." polterte er hervor.„Das ist ja gerade—. Du bist ja wie umgewandelt, ich kenn Dich gar nicht wieder. Furchtbar echt, wirklick furchtbar echt! Modell ist doch Sache, das war stets Deine Rede. Mehr als meine, denn siehst Du, eigentlich besteht dock ein großer Unterschied zwischen uns. Ich könnt mich noch eher in so'n Modell verschießen, Du nie." Kempen, der ruhig am Tisch sitzen geblieben war und sorgsam einen Happen nach dem anderen in den Mamd steckte, schluckte plötzlich ohne zu kauen. Fast schien es, als wäre ihm etwas in der Kehle stecken geblieben: und als sieine braunen Augen zu Lorensen gingen, umfaßten sie seine ganze Gestalt� als müßte er etwas Besonderes an ihm entdecken, was ihm bisher entgangen sei. „So, also das könntest Du," würgte er dann die Worte heraus.„Das war ja immer meine Angst, und gerade bei dieser. Daher mein Aerger bei Deinem Schöntun während dieser ganzen Wochen. Damals, als sie zuerst bei uns war, hättest Du schon Süßholz geraspelt, wenn sie nur schneller ge- wachsen wäre. Wenn Du mal hängen bleibst, beibst Dii gründlich hängen." „Ach, Dummheit, Hermann, Du kennst mich noch gay nicht," schnitt ihm Lorensen das Wort ab. Kempen lachte grimmig, sagte aber nichts. Lorensel» dagegen, der das Lachen richtig deutete, fuhr gemütlich fort: „Kannst ruhig sein, Hermann. Es könnte höchstens'n Baum mit goldenen Früchten sein, an dem ich mich aufhinge, und wo man von zarter Hand abgeschnitten wird. Na, bis dahin laufe ich noch ohne Schlinge herum... Ich mich in ein Modell verlieben, im Ernst? Nee, Du, so war's nicht gemeint. Daraus entwickelt sich nichts Gutes, das wissen wir doch. Das sehen wir auch an Kötter und an Maler Nambas. Die laufen mit ihren Weibern herum und wissen nicht warum." „Sind auch traurige Kerle," brummte Kempen, der nun wieder ruhiger aß. „Na, siehst Du," sprach Lorensen weiter, nun bedeutend besänftigt.„Weshalb aber soll man sich so'n Mädel nicht halten? Gerade dadurch bleibt sie uns sichex. Früher warst Du derselben Meinung... ganz gewiß, das warst Du! Ein gutes Modell ist selten." „Ach, das ist sie ja gar nicht," warf Kempen wieder ein, der zwischen den Worten des Freundes immer etwas andres heraushörte. „Ja, was denn sonst?" fragte Lorensen und blieb voy ihm stehen. „Ein Mädel, das Dir'ne Gefälligkeit erweist," erwiderte Kempen. Nun lachte Lorensen wie immer sorglos und klopfte ihn auf die Schulter. Na, Hermann, dann sind wir ja einig. Weiter verlange ich ja auch gar nichts von ihr. Altes Rauh- dein Du!" Aber diese Einigkeit war nur äußerlich, sozusagen vom Augenblick aufgedrungen. Sie fühlten es, ohne es sich ge- stehen zu können, weil ihre Umwandlung erst begann. Es war plötzlich etwas zwischen sie getreten, was jeder mit andren Augen sah, was jeder anders bezeichnete und das doch dieselbe Wesenseinheit und Gestalt hatte. Dieses Nebelgeschöpf streckte die Arme aus und maß die Klust, die sie beide zu trennen begann: es schwebte zwischen ihnen auf und ab, lächelnd, tändelnd und lockend, und hielt immer den gehörigen Abstand, bis es allmählich zu Fleisch und Blut wurde und sie nur zu deutlich empfanden, daß es das Weib war, die heim- lich längst gefürchtete, die sich hinein in ihr Seelenleben stahl und Besitz ergriff von ihrer Zweicinigkeit. Von Tag zu Tag tauchte es drohender auf, mit der uralten Verheißung, die dem einen Freude bereitet und dem andern Schmerz, solange die Welt besteht. Und wogegen der Starke kämpfte mit an- geborener Feindschaft, das nahm der Schwache hin wie ein Ge- schenk des Tages, an dem man sich erfreuen müsse, um sorg» los die Nacht verschlafen zu können. Lorensen war der Glückspilz, wie er im Buche stand. Kaum hatte man Platz in der Werkstatt, als ein neuer Auf- trag seinen Kopf noch höher schob. Diesmal handelte es sich um etwas, womit er sich sehen lassen durfte, weil es die Oeffentlichkeit beschäftigen mußte. Einem nordischen Dichter sollte dort oben in seinem Vaterstädtchcn ein Denkmal gesetzt werden, und Nensdahl der Gute, durch den die Sache ange- regt worden war, hatte sofort an seinen Schützling gedacht. Die Bestellung sei zwar noch nicht sicher, aber er werde sie schon durchdrücken: Lorensen solle sich nur getrost auf die Strümpfe machen, nähere Mitteilung von ihm entgegen- nehmen und dann rasch los schaffen, damit man mit etwas Greifbarem dienen könne. Und so kam es. Lorensen haite sich zuerst eine der üb- ktchen Hermen gedacht, der die Muse, frei nach Tasso, den Lorbeerkranz aufs Haupt drückt. Kempen jedoch regte eine andre Idee an: eine durchaus realistische Büste, die den Ein- druck mache, als wenn der ganze Kerl aus einen: Blütenhain herauswüchse. Die Poesie sollte herantreten, die Leier bei- feite stellen, eine Rose vom Strauch brechen und sie lächelnd dem Dichter reichen, der darüber hinaus ins Wesenlose blickt. Beide stritten sich darum, denn Lorensen, der eine Ver- stiinniung bei dem Konntee befürchtete, fand das zu wild und gewagt. Kempen aber führte als letzten Grund sogar eins der wundersamen Gedichte des Landsmannes ins Gefecht, das er noch von der Schule her kannte. Zwar quetschte er die Verse nur hervor, so daß Klara, die als Vertraute dabei saß, heimlich lachte, aber er betonte richtig und fand zum Schluß den gehörigen Schwung der ihn beinahe mit fortriß. „Drück mir zuletzt die Rose an die Lippen, Zu der mein müdes Haupt sich oft geneigt. Ich sah die Falter sorglos an ihr nippen, Die mir im Leben Tarnen nur gezeigt." Es Ivar, als wenn er darin etwas von seinem eignen Dasein fände, das er besonders zum Ausdruck bringen müsse. Und er wurde redselig, sprach in einer Viertelstunde soviel wie in acht Tagen zusammen nicht, so daß Klara beinahe auf den Gedanken kam, es handelte sich diesmal bei ihm um etwas mehr als bloß um Geld, das aufs neue in den gemeinfamen Beutel fließen sollte. Schließlich wurde sie um Rat gefragt, und als sie ihrem„fein-fein" sogar ein„sehr fein" anhängte, was Lorcnsen mit einen: überlegenen Lächeln aufnahm, kamen beide schließlich übcrein, zwei verschiedene Entwürfe einzu- liefern, die sie denn auch zusammenkneteten, als ginge es auf Tod und Leben. Der Eifer des Künstlers hatte sie wieder gepackt, der alles um sich herum vergißt, sobald er nur sein gelobtes Land sieht. Rensdahl, der den Pegasus augenblicklich unbesetzt ge- funden zu haben schien, telegraphierte eines schönen Tages an Lorensen: „Die Rose hat das Richtige getroffen, Es dankt dein Gönner rasch dir hochbeglückt. Du darfst auch diesmal, junger Meister, hoffen, Das ganze Komitee ist laut entzückt." Lorensen ging herum wie im Trauni, wo man rufen möchte und nicht kann. Ein schwerer Alp lastete auf ihm, den er vergeblich abzuschütteln versuchte. Er hatte bestimmt gehofft, daß man Kempens Entwurf ablehnen würde, und sah sich nun getäuscht, nicht aus einem unedlen Grunde, sondern aus Aerger darüber, daß Klara darum wußte, dieses jugend- frische, lachende Geschöpf, das mit klugen Augen in die Welt blickte und sich um alles im Atelier bekümmerte, als bildeten alle drei eine Familie. Seine Eitelkeit war stark verletzt, und zun: ersten Male, seitdem die Kunst beide verwachsen gemacht hatte, schlich sich leise der Neid in die Achtung vor dem Können des andern. „Tarauf hätte ich fast gewettet, wollen Sie glauben?" sagte sie zu ihm, als sie zufällig allein waren und sie ihm zu einer neuen Skizze stand. Er hatte die Reise nach dem Norden hinter sich, mit der Bestellung neues Lob eingeheimst und sich zu einigen Aende- rungen verpflichten müssen, die mit der Ausführung in Bronze zusammenhingen.„Was Sie klug sind," erwiderte er unwirsch.«Das kann jeder sagen." „Der Zug geht doch jetzt ins Moderne," fuhr sie fort. „Das kommt aus Frankreich, wie ich gelesen habe. Dort suchen die Künstler schon lange nach der Natur. Stimmt's nicht so?" „Was Sie nicht alles wissen, Sie Suppenhühnchen I" grimmte Lorensen weiter.„Halten Sie denn Kenchen für modern?" „Sicher. Für moderner als Sie, wenn er auch sonst nicht nach der neuesten Mode ist. Aber wissen Sie, Herr Lorensen, darauf kommt's gar nicht an. Man darf nur nicht zopfig sein, nicht inimcr den alten Kohl aufwärmen. Neue Bahnen muß man gehen, auf das Sujet kommt's doch gar nicht an. Lachen Sie nur, ich weiß genau, was das ist. Bei uns wurde genug darüber gesprochen... Löwenkämpfer hat's schon früher ge- geben. Aber wie liegt das Biest, und wie steht der Kerl! Passen Sie auf, der macht Furore." „Wenn er nur erst einen Käufer hätte, das wäre die Hauptsache," wandte Lo.�nsen etwas hochmütig ein. „Das ist ja richtig, Sie haben mehr Glück," sagte sie wieder und beobachtete njn, wie er hastig den Ton schmierte, als wäre er über etwas in seinem Innern nicht einig.-„Herr Kempen kann eben persönlich aus sich nichts machen. Aber die Hälfte von Ihrem Glück trägt er doch." „Das lassen Sie ihn nur nicht hören, dann wird er süchtig," ivarf er leicht gestachelt ein, denn er empfand dept- lich, daß sie ihn reizen wollte. „Das sind eben alles Kleinigkeiten für ihn," sprach sie weiter,„er will viel höher hinaus." Nun fuhr Lorensen auf.„Kleinigkeit? Das nennen Sie Kleinigkeit? So ein Weib, wie ich es jetzt backen werde? Sie sind furchtbar echt." „Macht er im Handumdrehen," gab sie erhaben zurück. (Fortsetzung folgt.). (Nachdruck verdoleu.Z Steuern. Bon Leo N. T o I st e i. Deutsch von Adolf Heß« Berlin.*). Außer den gewöhnlichen Besuchern und Bittstellern kommen jetzt noch besondere zu uns: erstens ein kinderloser Baucrngreis, der sein Leben in großer Armut verbrocht hat; zweitens ein sehr armes Weib mit einem großen Hamen Kinder; drittens«in. so viel ich weiß, begüterter Bauer. Alle drei find aus unserem Dorf und kommen in ein und derselben Angelegenheit. Bor Neujabr werden die Steuern eingetrieben; da bat man bei dem Greis den Samowar, bei dem Weibe ein Schaf und bei dem wohlhabenden Bauern eine Kuh gepfändet. Alle bitten um Schutz oder Hilfe, oder um beides. Zuerst spricht der vermögende Bauer, ein großer, hübscher. alternder Mann. Er erzählt, der Dorfälteste sei gekommen, hätte die Kuh gepfändet und verlange 27 Rubel. Dabei handle eS sich um Verpflegungsgelder, die man nach Ansicht des Bauern jetzt nicht beitrciben könne. Ich verstehe davon nichts und sage, ich würde mich beim Gemeindevorsteher erkundigen und ihm dann sagen, ob es möglich wäre, von der Zahlung frei zu kommen oder nicht. Dann spricht der Alte, dem man den Samowar gepfändet hat. Ein kleines, mageres, schlecht gekleidetes Männchen, erzählt mit rührendem Kumnier und Unkenntnis, wie man seinen Samowar ge- nommen und 3 Rubel 70 Kopeken verlangte, die nirgends aufzu- treiben wären. Ich frage, für welche Steuern. „Wer weiß das I Irgendwelche Kronssteuern. Wo sollen ich und meine Alte das Geld hernehmen I Können so kaum leben! Was find das kür Zustände I Haben Sie doch wenigstens Mitleid mit unserem Alter und helfen Sie unS. Ich verspreche, mich zu erkundigen und zu tun, waS ich kann. Dann wende ich mich dem Weibe zu, einer mageren, abgehärmten Frau. Ich kenne fie und weiß, daß ihr Mann ein Trunkenbold ist und fünf Kinder da find. „Haben unser Schaf gepfändet." jammert fie.„Kommen und sagen: gib Geld! Ich sage: der Mann ist nicht zu Hauie; auf Arbeit. Geld her. heißt eS wieder. Woher soll ich es nehmen? Da pfänden sie unier einziges Schaf," bricht das Weib in Tränen aus. Ich verspreche, mich zu erkundigen rmd wenn ich kann, zu helfen und begebe mich vorerst zum Dorfältesten, um zu hören, was das für Steuern sind und warum fie so strenge eingetrieben werden. Auf der Straße halten mich noch zwei Bittstellerinnen an. Die Männer sind auf Arbeit. Eine bittet, ihr Leinen abzukaufen; sie gäbe eS für zwei Rubel her.„Man hat mir die Hühner ge- pfändet. Mit Mühe und Not hatte ich sie aufgezogen. Ernähre mich davon, daß ich Eier verkaufe. Nehmen Sie, ist gutes Leinen. Ich würde eS für drei Rubel nicht hergeben, wenn ich nicht in Not wäre." Diese Frau schicke ich nach Hause. Wenn ich zurückkomme. wollen wir sehen. Vielleicht kommt noch alles in Ordnung. Bevor ich zum Dorfältesten gelange, tritt mir noch eine frühere Schülerin, ein schwarzäugiges Weib, Olga, jetzt eine alte Frau, entgegen. Dasselbe Leiden: ihr hat man das Kalb gepfändet. Endlich gelange ich zum Dorfältesten, einem kräftigen Bauer mit grauem Bart und verständigem Gesicht. Er tritt zu mir auf die Straße hinaus. Ich frage, waS da für Steuern erhoben werden und warum man sie so strenge eintreibt. Der Aelteste sagt mir. daß ganz bestimmte Weisung ergangen sei, zu Neujahr alle Restanten beizulrciben. „Ist denn etwa befohlen, den Samowar und das Vieh zu pfänden?" „WaS soll man machen?" sagte der' Alte achselzuckend.„Es geht nicht ander?, die Leute bezahlen einfach nicht. So zum Bei- spiel Abakumow," nennt er den wohlhabenden Bauer, dem nian wegen irgend welcher Furage- oder Verpflegungsgelder eine Kuh geptändcr hat.„Ter Sohn fährt dreispännig zur Börse. Kann der etwa nickt bezahlen? Dabei drückt er sich doch darum." *) Diese bisher deutsch noch nicht veröffentlichte Arbeit deS ver- storbenen Dichters trägt als Datum der Niederschrift den Vermerk: Jasnaja Poljana, den 28. Januar IVIO. ,9hm, das mag sein/ sagte ich.„Aber was ist's mit den Armen?" Ich nenne ihm die alten Leute, denen man den Samowar abgenommen hat. „Die sind allerdings bedürs lg, da ist nichts zu holen. Aber man macht eben keinen Unterschied!" Ich nenne die Frau, der man das Schaf gepfändet hat. Auch da äuverl der Vorsteher sein Bedauern, rechtfertigt sich aber damit, daß er die von oben gegebenen Befehle ausführen müsse. Ich frage ihn, ob er schon lange Vorsteher ist und wieviel Gehalt er bekommt. „Ja, etwas bekomme ich," antwortet er nicht auf meine aus- gesprochene, sondern auf die unausgesprochene, von ihm erratene Frage, warum er an solcher Tätigkeit teilnimmt.„Man möchte es ja aufgeben. Dreißig Rubel monatlich, aber die Sünde wird man nicht los!" „Und dann nimmt man die Samoware, Schafe und Hühner weg!" sage ich. „Was soll man machen? Ist einmal befohlen. Das Amt hat schon die Aukiion angesetzt." „Da werden die Sachen verkauft?" „Werden schon untergebracht..." Ich begebe mich zu der Frau, die wegen deS SchafeS gekommen ist. Eine winzige Hütte, im Flur das einzige Schaf, das das Staatsbudget iompleltieren soll. Nach Weiberart beginnt die nervöse, von Not und Arbeit erschöpfte Frau sofort erregt und hastig: „Da sebcn Sie: so lebe ich hier. Das letzte Schaf nimmt man mir fort. Ich bringe mich so schon kaum durch mit dem Kahlbäuchen da." deutet sie auf die Pritsche und den Ofen.„Kommen Sie doch näher, haben Sie keine Angst!" Die„Kahlbäuche" sind wirklich nichts anderes. In zerrisienen Hemden, ohne Hoien klettern sie vom Ofen und umringen die Mutter. An, selben Tage fahre ich aus das Amt, um mich nach den Einzelheiten der Steueremtreibung zu erkundigen. Der Vorsteher ist nicht da.„Er kommt sofort," wird mir ge- sagt. Hinter dem Giller stehen ein paar Leute, die ebenfalls auf ibn warten. Zwei kommen in Paßangelegenheiten. Bringen Geld für ihren Paß. Einer erzählt eine verwickelte Erbscdaftsgeschicbte. Dann tritt ein großer Bauer mit strengem, mürrischem Gesichts- ousdruck zu mir. Er gräbt auf seinen, Acker Erz. Schon seit Generationen. „Nun ist plötzlich eine Verfügung erlassen, die das Graben ver- bietet. Auf seinem eigenen Grund und Boden soll man nicht graben dürfen?" sagt er.„Wer kann einem daS verbieten? Wir leben ja davon! Schon seit acht Wochen bemühen wir uns darum und finden kein Ende. Die Leute haben keinen Verstand. Ruinieren uns einfach!" . Ich kann auch diesem Manne nicht« Tröstliches sagen und wende mich mit meiner Erkundigung nach den Maßregeln, die jetzt bei der Eleucreimreibung angewandt werde», an den inzwischen erschienenen Vorsteher. Der teilt mir mit. daß die Bauern jetzt mit sieben Arten Steuern im Rückstände sind: 1. KronSZteuern. 2. SemstwolLandschasts-jSteuern. 8. Assekuranzsteuer». 4. Verpflegungssteuern. B. Furagesteuern. 6. Amlssteuern. 7. Doristeuern. Der NmtSvorsteHcr sagt mir, ebenso wie der Dorfvorsteher, daß der Grund der besonderen Strenge in der Beilreibung eine Ver- ordnung von oben ist. Er gibt zu, daß es schwer sei. den Armen etwas abzunehmen, zeigt aber schon weniger Mitgefühl, als der Dorfälteste, erlaubt sich nicht, seine Vorgesetzten zu kritisieren und zweifelt nicht im mindesten an der Notwendigkeit und Berechtigung seiner Tätigkeit. „Man kann den Leuten doch nicht alles nachsehen l" Bald darauf sprach ich über denselben Gegenstand mit dem Landschafts-