Zlnterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 231. Sonnabend den 26. November. 1910 lNaSdruck verlöten.) 2-y Alas ilt Ruhm? Roman von Max Kretzen Lorensen, der gut gefrühstückt hatte, war nicht böse über diese abermalige Zweiteilung der Arbeit, die vortrefflich ge- lungen erschien. Er wollte ihn in der Vollendung nicht stören, und so ging er wieder mit einer Ausrede, ohne Klara eines Blickes zu würdigen. Als er aber draußen war, lachte er still vor sich hin bei dem Gedanken daran, wie ungefährlich ihr Kempen erscheinen müsse, dem sie sicher nur das Modell sein wollte und weiter nichts. Dieser Brave war ihr der Eiskübel, in den sie nur die Finger tauchte, um die Hitze zu kühlen, die sie von ihm, Lorensen, empfangen hatte. Er freute sich seiner Weiberkenntnis und war beruhigt. Trotzdem sollten sich die beiden in ihrer Siegessicherheit nicht wiegen, denn schon am andern Tage hatte Lorensen seine Ansicht über den zweiten Entwurf geändert. Er nahm den Ton zur Hand und ver- deckte die Nacktheit wieder durch Gewandung, mit der gleich- gültigen Miene des Künstlers, dem es nicht leid tut, die ver- pfuschte Arbeit noch einmal zu machen. Aber in seinem Innern gärte es, denn er malte sich aus, wie schön Klara sein müsse nach diesen kümmerlichen Andeutungen eines jungen Meisters. Kempen hatte ihm gehörig den Mund wässerig ge- macht in seiner trocknen Art, mit der er die Kunst über alles im Leben stellte: aber aus seiner Stimme war ein Zittern gegangen wie Schwingungen einer ergriffenen Seele. Klara stand ruhig und gelassen in ihrer faltenreichen Ge- wandung, ein Lächeln auf den Lippen, das fiir Lorcnseu eine Sprache mit tausend Worten war. Aber nur die Arbeit vor Augen, tat er so, als sähe und hörte er nichts. Sie aber ahnte, was in ihm vorging: und als er mit kalter Miene einige Falten an ihrer Gewandung verlegte und dabei über ihren Nacken streichen mußte, erschauerte sie am ganzen Körper. 10. Nicht lange darauf wurden die Freunde zu einem Kehr- aus geladen, den Professor Heilke etwas spät als Schluß der Winterfestlichkeitcn für die Intimen seines Hauses gab. Kempen war erstaunt, denn noch niemals hatte er die Schwelle des großen Mannes betreten. Lorensen jedoch, der in letzter Zeit des Abends seine besonderen Gänge gehabt hatte, gab ihm die nötige Aufklärung. Heilke fiihle sich jedenfalls ver- pflichtet dazu, nachdem er unlängst in ihrem Atelier auf- getaucht sei: er lasse Kempen ausdrücklich bitten, von jedem Besuch vorher Abstand zu nehmen, denn eS sei durchaus kein großer ,,Fez", und unter.Kollegen brauche man nicht viel Umstände zu machen. Dabei verschwieg Lorensen wohl- weislich, daß er die ganze Sache eingerührt hatte, um dem treuen Kunstgenossen dienlich zu sein. Im nächsten Jahre wollte Kempen seinen Löwenkänipfer in die große Ausstellung bringen: wenn dann Heilke in die Jury gewählt wurde, was als sicher anzunehmen war, dann konnte das ihnen beiden zugleich von großem Nutzen sein, denn auch Lorensen würde dann mit seinen, großen Modell zum Denkmal soweit sein, um es dem Publikum am Lehrter Bahnhof vorzuführen. Draußen vor dem Gitter der Villa, die im vornehmsten -Teile Charlottenburgs lag, zögerte Kempen noch, wie jemand, der erst ein unbehagliches Gefühl unterdrücken muß, bevor er irgend einer dunklen Gefahr entgegengeht. In den, kleinen Vorgärtchen sah er„Die Ringerinnen" stehen, ein Werk Heilkes, das er vor mehreren Jahren ausgestellt, aber nicht verkaust und hier als Schmuck aufgepflanzt hatte. Lo- rensen lobte es sehr. Kempen jedoch konnte in diesen gedrun- genen Posefiguren, auf deren dunkler Bronze sich der Schein der hellerleuchteten Fenster wiegte, nichts besonderes entdecken. Lorensen aber, heute zu allerlei Scherzen geneigt, faßte die Gruppe symbolisch auf. „Siehst Du, so kämpfen die Frauenzimmer um den Mann, der irgenwo im Hintergrund steht," sagte er heiter.„Die dann oben liegt, die kriegt ihn." Kempen lachte erst kurz, als er hörte, daß die Ringe- rinnen auch in kleiner Ausgabe bei Gladenbeck erschienen seien und sogar auf dem Schreibtisch der Kaiserin stünden, wie Heilke prahlerisch erwähnt habe.„Hübscher Brief- beschwerer," knurrte er, ließ sich dann aber geduldig fort» ziehen, denn aus einem Landauer hinter ihnen wirbelten so- eben helle, duftige Kleider. „Ah, Herr Lorensen... Willkommen." Die Frau Pro- fessor, ganz in pfirsichfarbiger Seide, von oben bis unten rot bebaspelt, schob sich aus einer Herrengruppe hervor und reichte ihm die fette, sechsmal beringte Patsche, die sie so hoch hielt, daß sie sich fast von selbst den aufmerksamen Lippen des Blonden zuneigte. Ihr rundes, fast braunrotes Gesicht strahlte: ihr mächtiger, eingeengter Busen guoll fast freudig unter dem feinen Spinngewebe des Brusteinsatzes hervor, und seinem Wogen entströmte der starke Duft von Äbazziaveilchen, in dem sie sich förmlich gebadet hatte. Und n,it ihrer runden Beweglichkeit funkelten die Brillanten an den Ohrläppchen, an dem Halbmond auf der Brust und an dem Stern auf der hochgewölbtcn, grauen Frisur. Und Lorensen verstand dieses Entgegenkommen zu wür- digen: er fand sich jetzt hier ganz anders zurecht als vor Jahren, wo er von ihren„schiefen Hüften", ihrer„kurzen Taille" und ihrem„latschigen Gang" gesprochen hatte. Jede Unbeholfenheit war verschwunden, und so glich er dem ent- puppten Schmetterling, der lustig dahinflattert, sobald er Freiheit der Bewegung hat. Die großen Füße in schmale Lackstiefel gezwängt, den Nacken gespannt unter dem tadel- losen Smoking, machte er, während er langsam die gelben, schon etwas angefetteten Glacöes abstreifte seine Verbeugung überall dorthin, wo er bekannte Gesichter erblickte. Und wie angelernt folgten nach derselben Richtung die Worte:„Gnä- dige Frau... Gnädiges Fräulein..." Zwar blickte ihm noch der Schalk aus den Augen, jener gesunde, nordische Humor, mit dem er früher diese gesellschaftlichen Maskierun- gen verlästert hatte, aber schon schwamm er unbewußt mit in diesem seichten Strom, der für den Naturmenschen so gefähr- lich ist, weil er über unzählige, scharf geschliffene Klippen führt. „Sie blühen wieder, Frau Professor. Wie machen Sie das bloß mit Ihrer ewigen Frische? Und dieses Kleid... Märchenhaft. Tausend und eine Nacht." . Kcnipen staunte und bewunderte fast diese Leichtigkeit Lorensens, mit der er sich so ernst über jene Schwächen andrer hinwegsetzte, die für den schönheitgewohnten Blick etwas Narreuhaftes hatten. „Unverbesserlicher Schmeichler." Sie wollte tadeln, aber ihre klugen, dunklen Augen sprachen dagegen. „Aber gewiß doch, gnädige Frau. So ein Kleid, wissen Sie, das ist wie ein Gedicht, verklärt durch die Dichterin, die da brin steckt." „Ei, ei. Na, ganz unrecht haben Sie nicht. Wird alles nach meiner Angabe komponiert." Lorensen hob den blonden Kopf, der nichts mehr von dem einstigen Urwald zeigte.„So was ist immer furchtbar echt, nicht wahr, Hermann?" Selbst seine angestammten Redensarten hatten in dieser Umgebung etwas Liebenswürdiges, was seinen Nimbus nur erhöhte. „Ihr Freund?" Lorenscn nickte bedeutungsvoll: dann erst stellte er vor. Kcnipen, der im zugeknöpften, schwarzen Gehrock erwartungs- voll beiseite gestanden hatte, verbeugte sich leicht, ohne ein Wort zu finden: auch dann nicht, als sie ihm unter dem üb- lichen Geschwätz die Fingerspitzen reichte. Ihr Mann habe ihr bereits von ihm erzählt, und sie sei begierig gewesen, ihn kennen zu lernen: auch ihre Tochter habe ihr über die lustige Atelierwirtschaft berichtet. Sie wisse aus Erfahrung, wie es die Künstler trieben, die sich die Tageshellc manchmal ab- stehlen müßten. Das hänge alles mit dem Milieu zusammen, das die Menschen nun einmal mache: daher gebe es gerade unter den Bildhauern so viele unverdauliche Leutchen, die man am liebsten nur vou weitem sehe. „Ich sage Ihnen, mein Manu, der Professor, könnte da- von ein Liebchen singen." Kempen hatte sich zu keinem Handkuß ausschwiugeu können, und so war sie schon halb gegen ihn eingenommen, ohne jedoch ihren Worten Anzüglichkeit beizulegen Cr jedoch fühlte sich herausgefordert.„Das ist so die An. schauung der Modernen," knurrte er kühn hervor.„Wenn sie die eigne Schwäche fühlen, dann jammern sie über chre Ver- Hältnisse und ihre Umgebung. Ich denke darüber anders, Frau Professor. Der Starke wächst über die Verhältnisse hin» aus, er läßt sich nicht unterkriegen von seiner Umgebung. Darum bleibt er auch. Die Schwachen sehen immer den Staub an ihren Füßen, die Starken achten nicht darauf, sie schreiten zum Gipfel, den Blick nach oben gerichtet. „Sehr hübsch gesagt," warf sie ein, aber mit dxr zer- streuten Miene einer Frau, die einen derartigen Ueberfall nicht recht begreift.„Sie sind wohl Kraftmensch?" Und ihr Trillerlachen solgte, das den Gästen stets ihre Nähe verriet. „Ja, das ist er." lenkte Lorensen ein, der erstaunt darüber war, wie rasch der Schweigsame den Mund aufriß.„Er könnte Steine verzehren, wenn es darauf ankäme." „Dann guten Appetit dazu!" warf sie heiter ein. Marianne war langsam herangebummelt gekommen und stand nach der Begrüßung neben der Mutter. Schon vorher hatte Kenipen sie hinten in einem Türausschnitt bemerkt, wie sie, bei einer Uniform stehend, fortwährend die Hände an das Haar brachte, so daß die losen Spitzenärmel über die schönen Unterarme fielen. In dem meergrünen Kleid schillerten die Goldfäden wie ein Netz von zarten Lichtstreifen, das sie, glitzernden Sonnenstrahlen gleich, mit sich schleppte. „Leutnant Vorbusch bringt wieder recht abgestandene Sachen mit," sagte sie mit einem leisen, versteckten Gähnen hinter der Hand.„Manchmal hat er'ne Troddel im Kops." „Aber Aennchen, wie kannst Du nur—." „Es ist wahr. Dieses ewige Honigschmieren wird lang- weilig. Man will doch mal was andres hören... Was macht die Kunst?" wandte sie sich dann rasch an Lorensen, während ihre beweglichen Augen auf Kempen gingen, dessen letzten Erguß sie vernommen hatte, und der ihr, nachdem Lorensen wiederholt erbauliche Dinge von seinem Weiberhaß erzählt hatte, jetzt noch mehr wie ein Wundertier erschien. Und so fuhr sie, nun zu ihm gewendet, in einem Atem fort:„Und Ihre Küche, Herr Kempen? Wie geht's da zu? Soll ich wieder einmal die Honneurs machen? Aber mich brauchen Sie wohl nicht mehr. Sie sollen ja jetzt ein nettes Haus- tierchen haben, ein bildhübsches Modell. Ich verrate nicht, von wem ich's weiß... Herr Lorensen, Sie sind ein ganz ver- ftockter Mensch... Diese Bildhauer überhaupt, Mutter! Sie sind noch schrecklicher als die Maler. Na, Du weißt's ja. Kein Mädchen sollte so dumm sein, sich von ihnen heiraten zu lassen." Und sie maß Lorensen mit einem kalten Blick, den er am besten verstand, ohne sich in seiner Verblüffung dagegen wehren zu können. Endlich sagte er lachend, wobei er besonders an Kempen dachte:„Modelle sind Sache, nicht wahr, Frau Professor?" „Nicht immer," warf Marianne aufgeklärt ein, ließ den Glanz ihres Kleides spielen und schritt fast schroff hinweg von ihm, einer einsamen Dame zu. „Kommen Sie, Sie werden eine Ueberraschung erleben," sagte Frau Heilke rasch gefaßt zu Lorensen und reichte ihm Shren Arm, in den er sich einhakte. Kempen folgte ihnen langsam, die Hände auf dem Rücken, durchaus nicht eingeschüchtert durch seine Umgebung. Trotz- dem ihm diese ganze Welt fremd war, kannte er sie bereits aus Büchern, und so und nicht anders hatte er sie sich vor- gestellt. Stets ein wortkarger Mann, dem die harte Arbeit seiner Jugend Verschlossenheit auferlegt hatte, gebrauchte er um so mehr Augen und Ohren, um die Geheimnisse des Lebens zu enträtseln. Seine Innenwelt war so reich, daß er wie ein Blinder an dieser äußeren hätte vorübergehen können, ohne die Erkenntnis zu verlieren. Hinter ihm öffnete sich wieder die Tür; ein Herr schlüpfte herein. Und einige Augenblicke sah er in dem Lichtschein des Eintrittsraumes den Diener stehen, wie er einer Dame half, sich auszuschälen. Dieser Mensch mit der spitzen Nase hatte ihn sonderbar gemustert nach Abnahme des Ueberziehers, dessen Aermelfutter nicht mehr ganz zusammenhielt. Es war, als hätte er sagen wollen:«Wie kommst Du hier her?" Lo- rensen dagegen hatte er mit einer gewisien Ehrfurcht behan- delt, wie man sie gern gesehenen Gästen entgegenbringt, deren Wert bereits feststeht. ilFortsetzuna folgt.)! tNachdruck Mtfertn.J Protektion. AuS dem Russischen. Der KreiSschulinsvektor Fedor Pelrowitsch KraSmuchm, der sich selbst stets als einen liberalen, gerechten Beamten hinzustellen pflegte, empfing in seiner Kanzlei den Lehrer Wremensky. „Nein, Herr Wrcmensky", sagte er,.Ihre Entlassung ist unver» weidlich. Mit solch einer Stimme wie Sie kann man unmöglich weiter unterrichten. Wobei haben Sie denn Ihre Stimme verloren?" „Ich war erhitzt, trank kaltes Bier.. entgegnete der Lehrer heiser, iast tonlos. .Welch ein Jammer! Da dient der Mensch nun vierzehn Jahre und plötzlich— solch ein Unglück! Der Teufel weiß, durch was für Kleinigkeiten man sich die Karriere verderben kann I... Was gedenken Sie nun weiter zu tun 1 Sie find verheiratet?* .ftrau und zwei Kinder..." Es trat eine Pause ein. Der Kreisschnlinspektor stand auf und ging erregt aus einer Ecke in die andere. „Ja, ich weiß wahrhaftig nicht, was ich mit Ihnen anfangen soll?" sagte er.„Lehrer können Sie nicht bleiben. Pensions» berechtigt sind Sie noch nicht... Sie der Willkür des Schicksals zu überlassen, ist andererseits auch nicht gut möglich: Sie find doch immer einer der Uttfrigen, haben vierzehn Jahre gedient— folglich ist es unsere Pflicht, Ihnen zu helfen... Aber wie? Was kann ich für Sie wn?" Wieder trat Schweigen ein. Der Vorgesetzte ging sinnend hin und her. Erdrückt von seinem Kummer, saß Wremenskh auf einer Kante des Stuhles und dachte ebenfalls nach. Plöylich erglänzte das Gesicht des Kreisschulinspektors vor Freude und er schnippte vergnügt mit den Fingern. .Daß ich nicht früher darans gekommen bin!" wunderte er sich. «Hören Sie, was ich Ihnen vorschlagen kann.-. Nächste Woche nimmt der Sekretär des hiesigen Waisenhauses seinen Abschied. Wenn Sie wollen, können Sie seine Stelle bekommen. Na, wollen Sie r Wremensky, der solch ein Glück nicht im entferntesten erwartet hatte, begann gleichfalls vor Freude zu strahlen. „Also schön I" sagte Fedor Pelrowitsch.„Reichen Sie noch heute ein Gesuch ein."... Nachdem Wremensky gegangen war, fühlte der ftreisschul- inspeklor Erleichterung, sogar Vergnügen. ES war ihm angenehm, sich sagen zu dürfen, daß er eine gute, edle Tat vollbracht, daß er sich wieder einmal als liberalen, gerechten Beamten gezeigt hatte. Als er, nach Hause zurückgekehrt, sich zu Tisch setzte, erinnerte sich seine Frau Nastasja Jwanowna plötzlich: „Ach ja I Beinahe hätt' ich? vergessen j Gestern besuchte mich Nina Sergejewna. Sie verwendete sich für einen jungen Menschen. Sie sagte, im Waisenhaus werde eine Stelle frei..." .Diese Stelle ist bereits einem anderen zugesagt," unterbrach sie Fedor Petrowitsch und runzelte die Stirn.„Du kennst doch meinen Grundsatz, nie eine Stelle nach Protektion zu besetzen?" .Jaioohl. jawobl, aber ick denke, für Nina Sergejewna kannst Du schon eine Ausnahme machen. Sie liebt uns wie eine Ber» wandte, ist immer so aufmerksam gegen uns. imd wir haben uns bisher noch mit nichts revanchiert. Du darfst unter keinen Um* ständen.nein" sagen, Fedja l Damit würdest Du sie und mich aufs' tiefste verletzen!" „Wen empfiehlt sie denn „Poluchin." .Welchen Polsuchin? Doch nicht etwa den, der Neujahr im Kasino den Tschatzki spielte? Den Stutzer— auf keinen Fall l" Der Kreisschnlinspektor hörte auf zu essen. „Auf keinen Fall!" wiederholte er.„Gott soll mich bewahren!" „Aber warum denn nicht?" «Warum nicht? Weil... Begreife doch. Liebste, daß ein junger Mann, der nicht selbst für sich spricht, sondern sich hinter Weiberröcken verkriecht, daß solch' ein junger Mann ein Lump ist l Weshalb kommt er denn nickt ber?" Nach dem Esten legte sich Fedor Petrowitsch im Kabinett ausS Sofa und begann die eingelaufenen Zeitungen und Briefe zu lesen. .Mein lieber Fedor Petrowitsch!" schrieb ihm die Frau des Bürgermeisters..Sie sagten neulich, Sie schätzten mich als ge- wiegte Psychologin und Menschenkennerin. Jetzt können Sie die Probe darauf machen. I» den nächsten Tagen wird nämlich ein gewister Polsuchin. den ich als angenehmen jungen Mann schätze und achte, zu Ihnen kommen und sich um die Stelle des Waisen- Haussekretärs bewerben. Ein sehr sympathischer junger Mann. Indem Sie ihm Ihr Jntereste zuwenden, verpflichten Sie usw." .Aus keinen Fall!" sagte der Kreisschulinspektor zu sich.„Gott soll mich bewahren l" Von nun ab verging nicht ein Tag, ohne daß er nicht Briefe erhielt, in welchen ihm Polsuchin rmpfoblen wurde. Eines schönen Morgens erschien Polsuchin selbst, ein dicker, junger Mann mit rasierter Jockeyphysiognomie und im neuen, schwarzen Anzug. „In Dienstangelegenheiten bin ich nur in der Kanzlei zu sprechen," sagte Fedor Petrowitsch stocken, nachdem er den Zweck des Besuches erfahren hatte. «Entschuldigen Sie, aber unsere gemeinsamen Bekannten rieten mir, mich gerade hierher zu wenden. ...• brummte gebot Petrowitsch, voll Haß dt« Lackstiefel ded jungen ManneS belracbiend.„Soviel ich weiß, ist Ihr Barer Vermögend— weshalb bewerben Sie sich also um dies« Stelle, die nur ein so geringes Gebalt bringt?' „Ich tue es nicht des Gebaltes wegen, sondern s»... ES ist doch imnier eine staatliche Anstellung... „Da« allerdings.... Aber ich weiß ja— nach einem Monat haben Sie die Geschichte satt, bleiben Sie einfach fort... Und inzwischen habe ich hier Kandidaten, für welche diese Stelle eine Lebensfrage ist... Arme Schlucker, verstehen Sie, für die..." „Es wird mir schon nicht überdrüsfig werden..." unterbrach Polsuchin.„Ehrenwort! Ich werde alle«reine Kräfte einsetzen." Der Kreisschulinspektor wurde böse. „Hören Sie I' sagte er, verächtlich lächelnd.„Weshalb kamen Sie nickt direkt zu mir? Weshalb hielten Sie es für zweckmäßiger, zuerst die Damen vorzuschicken?" „Ich wußte nicht, daß Ihnen das unangenehm sein würde.. antwortete Polsuchin verwirrt. Uebrigens. wenn Sie den Empfehlungsbriefen keinen Wert beimessen, ich kaim auch Zeugnisse Vorlegen..." Er zog ein Papier ans der Tasche und reichte es hin. Unter dem Zeugnis, das im Kanzleistiel abgefaßt war. stand die Unter« schrist des Gouverneurs. Augenscheinlich hatte der Gouverneur unterschrieben ohne zu lesen, vielleicht auch nur, um sich eine auf- dringliche Dame vom Halse zu schaffen. Dagegen ist nichts zu machen... Ich füge mich... Ich gehorche... dachte Fedor Petrowitsch, nachdem er daS Zeugnis gelesen hatte, und seufzte. Nichts zu machen... „Reichen Sie morgen Ihr Gesuch ein I" sagte er laut. Nachdem Polsuchin gegangen war. gab er fich ganz dem Gefühl deS Widerwillens hin. „Solch ein Lump!" brummteer, au? einem Winkel in den anderen gehend.„Hat sein Stück doch durchgesetzt! Solch ein nichtsnutziger Geck! Solch ein Frauenjäger I Scheusal I Vieh I" Er spuckte nach der Tür aus, hinter welcher Polsuchin ver- schwunden war, und wurde plötzlich sehr verwirrt, als im nächsten Moment durch diese Tür eine Dame, die Gattin des Gerichtspräsidenten eintrat. „Ich komme nur auf eine Minute... nur auf eine Minute.. begann die Dame.„Seyen Sie sich, Berehrtester, und hören Sie genau zu... Die Sache ist nämlich die: bei Ihnen ist eine Stelle frei... Morgen oder noch heute wird ein junger Mann zu Ihnen kommen, ein gewisser Polsuchin.. Die Dame plapperte weiter, und der Kreisschulinspektor blickte sie mit trüben, verglasten Augen an, wie ein Mensch, der im Begriff ist, in Ohnmacht zu fallen. Blickte sie an und lächelte böslich. Als er am anderen Tage Wremensky in seiner Kanzlei empfing, brachte er es nicht über sich, ihm die Wahrheit zu sagen. Er machte Ausflüchte. war verwirrt und wußte nicht, womit anfangen, was sagen? Er wollte fich bei dem Lehrer entschuldigen, ihm reinen Wein einschenken, aber seine Zunge war schwer, wre die eines Betrunkenen. die Ohren brannten ihm wie Feuer, und er fühlte sich plöylich gekränkt und beleidigt, weil er gezwungen war. solch eine unwürdige Rolle zu spielen— in seiner Kanzlei, vor seinen Unter- geben en. Er schlug plötzlich auf den Tisch, sprang auf und schrie böse: „Ich habe keine Stelle für Sie I Nein und abermals nein I Lasten Sie mich in Ruh' I In Dreiteufelsnamen I Stören Sie mich nicht länger! Tun Sie mir den einzigen Gefallen und scheren Sie fich zum Henker!" Sprach's und lief anS der Kanzlet. Die Seifen und ihre phyltologifcbe Wirkung. liebet die Ursachen der Seifenwirkung auf die menschliche Haut hat man sich lange Zeit herumgestritten, bevor man zu einem übereinstimmenden Resultat gekommen ist. Um die Wirkung, die uns allen aus der täglichen Erfahrung gut bekannt ist, zu ver- stehen, wollen wir auf die Chemie der Seifen kurz eingehen. Die Seifen find Verbindungen gcwister Fettsäuren mit Na- trium oder Kalium; die Natronseifen sind die festen, die Kaliseifen die weichen, auch als Schmierseifen bezeichneten Produkte der Sei- fenfabrikation. Die Natronseifen werden für feinere Zwecke, spe- ziell für die Reinigung der menschlichen Haut verwendet, während die Schmierseifen einen größeren Reiz ausüben und infolgedesten, wie allen Hausfrauen bekannt ist, nur zur Reinigung solcher Ge- genstände benutzt werden dürfen, die � nicht überempfindlich sind. Immerhin gehört die menschliche Haut zu den Objekten, deren Be- Handlung eine gewisse Rücksicht erfordert; nur für(janz besondere Zwecke, wie wir noch sehen wollen, bedient man sich neuerdings auch hier der Schmierseifenbehandlung. Die wichtigsten Fett- säuren, die in den Seifen vorhanden sind, sind die Palmitin-, die Stearin- und die Oleinsäure, die zugleich einen Hauptbestandteil der meisten tierischen und pflanzlichen Fette bilden. Diese Heber- einstimmung beruht nicht auf einem Zufall, sondern findet ihre Er- klärung darin, daß die Seifen bei der Großfabrikation aus Fetten, die man zum Zweck der Berseifung einem besonderen Verfahren unterwirft, gewonnen werden, ic, Die Mehrzahl der tierischen«nd pflanzlichen Feite(Talg, Tran, Polmol. Rüböl, Leinöl usw.) find Glyzerin-Fettsäurever- bindungen in der Weise, daß dem Glyzerin drei Teile einer oder verschiedener Fettsäuren angeloppelt find. Von den in den Fetten enthaltenen Fettsäuren find die Parmitin- und die Stearinsäure bei gewöhnlicher Temperatur fest, während die verwandte Qlein- säure flüssig ist. Je mehr ein Fett von den ersteren enthält, um so fester ist es, wie leicht begreiflich ist; je mehr Oleinsäure es ent- hält, desto weicher ist es. Die verschiedene Konfistenz der zahlreichen Fettarten wird demnach durch ihren Gehalt an flüssigen oder festen Fettsäuren bestimmt. Ueber die genaue Chemie der Fette find wir namentlich durch die Untersuchungen des verstorbenen französischen Chemikers Berthelot unterrichtet worden, dem es auch gelungen war, Fettsäuren und dadurch auch Fette auf künstlichem, auf synthetischem Wege herzustellen. Alle Fette werden nun schon unter dem Einfluß des gewöhn- liehen atmosphärischen Sauerstoffes zersetzt oder wenigstens zum Teil in ihre Bestandteile, Fettsäuren und Glyzerin zerlegt. Auf diesem Umstand beruht das Ranzigwerden der Fette, daS nichts weiter darstellt als eine Zerlegung einer mehr oder minder großen Fettmenge in Fettsäure und Glyzerin. Auch die Butter ist ein tierisches Fett von sehr ähnlicher Zusammensetzung; von ihr kennen wir alle das Ranzigwerden, das sich durch einen unange- nehmen Geschmack und widrigen Geruch des Fettes unseren Sinnen leicht bemerkbar macht. Tatsächlich beruht es auf einer Zer» setzung des Fettes, auf dem Freiwerden der darin enthaltenen Fett- säuren. Die Spaltung der Fette in Glyzerin und Fettsäuren kann nun auf künstlichem Wege beschleunigt werden; wenn man die freien Fettsäuren gewinnen will, etwa zur Stearinfabrikation, erhitzt man die Fette mit Kalk oder mit Schwefelsäure, die den Zerfall der Fette schnell herbeiführen. Auch gewisse Fermente, Stoffe, die eine starke Sprengwirkung haben, deren genaue chemische Zusam- mensetzung uns noch unbekannt ist, haben die Fähigkeit, Fette zu zerlegen. Einen solchen Stoff besitzen wir im Sekret unserer Bauchspeicheldrüse, mit dessen Hilfe die Fette der Nahrung, die au sich schwer verdaulich sind, in die leichter resorbierbaren Bestand- teile zerlegt werden. Ein ähnlich wirkendes Ferment ist sodann in den Rizinussamen vorhanden, die deshalb in der chemischen Groß» industrie zur Spaltung der Fette, zur„V e r s e i f u n g", wie man den Vorgang genannt hat, benutzt werden. Damit wollen wir uns den eigentlichen Seifen, den Natrium. und Kaliumsalzen der genannten Fettsäuren, wieder zuwenden. Wenn man nicht die freien Fettsäuren, sondern gleich die Seifen geivinnen will, erhitzt man die Fette mit Ratronlauge oder mit Kaliumlauge und erhält je nachdem Natron- oder Kaliseifen, indem sich daß Natrium oder Kalium der Langen mrt den durch die Er» hitzung freigewordenen Fettsäuren verbindet. Die Fettarteu werden dabei verseift, in ihre Bestandteile zerlegt, und die Al- kalten; 17. 3X65. 3X65; 18. Tkel(besser Lei nebst ev. f2— f4— f5 jc.); 18..... Lb4; 19. Te2, Tc8; 20. k4, To7; 21. 55?(Der Zug, der einen Bauer kostet, war besser mit T51 zu ersetzen); 21..... h5 1; 22. DXb5? (Dg3 war verhältnismäßig am besten); 22..... 854; 23. Dg4, SXe2t: 24. DXe2, eXf5; 25. Dh5, Ld5; 26. Td3? (DXkö!) 26..... 56; 27. Th3?(die r a s ch e st e TodeSart. 8k3 1 hätte noch eine lange Agonie ermöglicht); 27..... kXs5; 28. Dh7t, Kf7; 29. OXköß. Ko8; 30. Dh5t, L57; 31. DXeSf, De?. Nun hat Weiß ausgetobt und gibt mit einem Turm weniger auf. Damengambit. K. Matchpartie vom IS. November. Dr. E. Lasker. D. Janowski. 1. 62-64 67-65 2. e2— e4 e7— e6 3. Sbl— c3 c7— c5 4. 04�65..... In unserer Glosse vom IS. No- vember(1. Partie) machten wir aus „4. 853, SK; 5. eXdä"(X54!) 5...... 9X65 aufmerksam.(6. e4, SXc3; 7. bXc3, oXd4; 8. oXd4, Lb4f; 9. 1,62, r,X62t; 10. DX62. 0— 0 k.) Dr. Laster sucht diese Wendung zn vermeiden. Es ist aber voitcilbastcr, mit 4. 853!. 8kS; 5. I,k4! den BauerMausch aus 65 zu unterlassen, um den LwL nicht zu bejrcien. 4...... 06X65 5. Sgl— 53 I.e8—e6 6. o2— o4..... Gesünder ist 1,54 nebst o3. 65Xe4 Sb8— 06 c5Xd4 ß...... 7. Sc3Xe4 8. Lei— o3 Besser SXcä. 8...... 9. 853X64 LX64 kam in Bewacht. 9...... Dd8— aSß 10. Se4— c3?..... Ein grober Fehler, der die Partie kosten tollte. Äm Platze war D62 oder 862. 10...... 0— 0— 0 11. a2— a3 Sg8— h6 11...... Lc5l gewann sofort. Z. B.: 12. b4, LXdl; 13. bXaö, LXcSf; 14. Ld2, TXd2?c. 12. b2— b4 Da5—©5 Auch hier konnte Schwarz mit 12...... LXb4!; 13. aXb4, DXb4 jc. leicht gewinnen. 13. Sc3— b5 Sh6— 55 Aus 13..... aG? folgt 14. Dell 2C. 14. Tal— cl 8k5Xe3 15. 52Xe3 DeSXeSf 16. Ltl— e2 Lf8-e7 In Betracht kam L6S. Z. B.: 16...... L66; 17. Tc3, De4; 18. 0—0?, Leb 2C. 17. Tel— e3 Lo7— h4t?? Vertiert sojort. Mit 17...... DXeSf!; 18. SXc3, 8X64 war die Partie noch sehr gut spielbar. 13. g2— g3 Do3— c4 19. 0-0 Lh4— 56 20. T51Xk6! g7X56 21. Lo2— 53 22. Sc6— a7f 23. Sa7Xc6 24. TolXcCf 25. Tc6— bGf 26. Ddl— elf 27. Sd4Xe6 28. Tb6— b7t 29. Lf3-c6t De4— o5 KcS— c7 b7Xc6 Kc7— b8 Kb8— cS KcS— 67 57Xe6 Kd7— öS itiifgegeben. Eine lebhaste und interessante, aber beiderseits schlechte gespielte Partie. Dr. Lasker tami von Glück sagen, dag er sie nicht verloren Hai. ierantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: BorwärtsBuchdruckereiU.Verlagsanstalt Paul SingerörCo., Berlin L1V.