Nnterhaltungsblalt des vorwärts Nr. 232. Dienstag den 29. November. 1910 (Nachdruck verSolen.) 23j Mas ilt RuKm? Roman von Max Kretzei; Kempen vermochte den Schwärm der Anwesenden nicht zu ermessen, denn er sah vorerst nur schlvatzende Gruppen, die sich in den Räumen verteilten. Ueberall geschnitzte Möbel in ausgewählten Formen, bald ebenholzartig, bald dunkelnuß- braun, dann wieder hell plattiert mit Bronzegriffen und gleichem Beschlag. Dazu die getönten Polster, passend zu der Holzart, zu der Tapete und zu der Malerei über dem Paneel der Täfelung. Vorn, im Empfangsraum, truheartige Sitze: in roter Wandnische die Pallas Athene mit grüner Patina überzogen. Auf der andern Wand die Riesenmaske eines sterbenden Shriegers: daneben Schilder und Waffen. Von der Decke herab das Licht gedämpft durch eine matte Glasrosette. Eine Fülle von Bronzen auf Ständern, Säulen, Wandbrettern, auf Luxustischen und in allen Ecken und Winkeln; von Vasen, Kannen und Figuren— förmlich im Ladengewirr durchein- ander. Deister Teller, blauschimmernd, zwischen Majolika und altem Meißner Porzellan. Und alles umrahmt und ge- hoben durch farbige Stoffe, die in künstlerischer Ungezwungen- heit ihre Falten warfen. Dann ein echter Gobelin mit der Darstellung der Ueber- gäbe von Calais; die Oelbilder alter und neuer Meister, darunter ein Gabriel Max. Ein Gewirr von Sesseln und Stühlen in allen Gestalten und Größen, vom antiken Kirchen- stuhl bis zum zierlichen, vergoldeten Stühlchen, das wie Puppenarbeit wirkte. Im lauschigen Damenzimmer alles in lichtem Frischgrün mit geblümter Seide. Ueppige Kissen auf den kleinen Sofas, auf den Ruhebettchen und sogar auf dem echten Smyrna. hingestreut, wie weiche Pfühle, die zum Nichts- tun einladen. Sonst war die Diele mit Filzstoff belegt, ab- wechselnd in grauer, grüner und rotbrauner Farbe, über den der gedämpfte Schritt hinweglitt. Nur im großen Saal, der mit seiner Wölbung das erste Stockwerk durchschnitt und dessen großes Bogenfenster mit seinen bunten Scheiben kapellenartig emporstrebte, glänzte spiegelnd das Parkett. Kempen betrachtete dieses tolle und reiche Kllnstlerheim mit den Augen des Impressionisten, der überall nur Farben- flecke sieht, getaucht in wechselnde Beleuchtung. Er sah kaum, woher das Licht kam: ob von der Decke, aus dem Strom der elektrischen Gehänge oder aus den Wänden und versteckten Ecken, wo die Glühbirnen verschämt in großen, bunten Kelchen lagen, die den Eindruck von vergläserten Blumen mochten. Dann plötzlich zog der riesige, rote Schleier einer Ständer- lampe das Auge an, der blutig wie erblühter Mohn alles andre erblassen machte. Heilke, in Frack und weißer Weste, ein Ordensband im Knopfloch, kam liebenswürdig auf ihn zugeschossen.„Freut mich, freut mich, daß Sie gekommen sind! Sie müssen mehr heraus, Lorensen hat recht. Hat mir neulich Ihre Lebens- geschichte erzählt. Wissen Sie, das imponiert mir. Die Ar- beit, Arbeit— die ist es, die uns erhält. Was meinen Sie, was ich den Tag über so zusammenbaue. Und was ich zu- sammengebaut Habel Man könnte ein kleines Museum damit füllen. Sicher könnte man das." Er lachte vergnügt, ohne daran zu denken, daß diese „Museumsfüllung" eine seiner berühmten Redewendungen war, die er zur Erhöhung seines Ansehens anwandte. Und um gleich den Beweis dafür zu geben, wies er auf die Klein- kunst an den Wänden und in den Ecken hin, die zahlreiche Nachbildungen seiner Schöpfungen zeigte. Kempen nickte aus Gefälligkeit. Heilke aber gab dem Gespräch eine Wendung.„Uebrigens strich Sie neulich jemand sehr heraus, ich glaube, es war Schapor." „So, so," warf Kempen endlich ein, der eine besondere Hochachtung vor diesem Goethebildner hatte. „Ja," fuhr Heilke fort.„Sie sollen was können, das wußte ich noch gar nicht. Es kam so das Gespräch darauf. Der verbummelte Walzmann bläst die Posaune für Sie. Schade um den Kerl, aber der Schnaps, der Schnaps! Wissen Sie, da neulich bei Ihnen... Na. lassen wir's lieber." Er war rot geworden und bezwang sich allem Anschein nach, was Kempen angenchm war, denn ungern hätte er mehr davon gehört. Heilke zog ihn mit sich fort und führte ihn der nächster» Gruppe zu.„Entschuldigen Sie Herrschasten... Herr Bild- Hauer Kempen, einer unserer Talentvollen. Hat sich auf die Tiere geworfen." Lorensen war in dieser Beziehung erledigt, und so konnte er seine Uneigennützigkeit an einen andern ver- schwenden. Seine Empfehlermiene ging aber sofort in ein behagliches Lachen über, als er, die Hand an seinem schönen Bart, hinzufügte:„Meine Löwen machen Sie mir doch nicht nach." Derartige wohlfeile Scherze erweckten in der Regel Heiterkeit und ließen ihn wachsen. Kempen hörte eine Menge Titel und Namen, die an sei- ncm Gedächtnis vorbeischwirrten wie ein Sternschnuppenfall am dunklen Himmel. Herr Regierungsrat� Soundso nebst Gemahlin... Herr Bankdirektor Soundso.. Frau Exzellenz ... Fräulein von..." Und so weiter. Die Namen waren ihm Schall und Rauch. Dann sah er eine umfangreiche, rot- seidene Korsage vor sich, aus der ein mächtiger Ueberschutz verhüllten Fettes emporwuchs, endend in einem gepuderten Geficht auf gedrungenem Halse, was unstreitig die Exzellenz war, die sofort auf Kunst zu sprechen kam; hörte nebenbei ein Flötengesäusel aus dem Munde eines langaufgeschossenen, späten Mädchens, das der Mama sofort in die Rede fiel, und bemerkte im übrigen Kleidermassen und Frisuren, die jedem Schaufenster Ehre gemacht hätten; und rund herum und da- zwischen gezwängt Uniformen, schwarze Röcke, Fräcke, Smokings, weiße Westen und große Hemdenflächen, die zum Teil zerknillt aussahen, als harrten sie noch des Plätteisens. Eine lebende Restertafel verwirrte seinen Blick, auf der jede Farbe am lautesten schrie, bis das tote Schwarz alles ver- schlang. Die Herren rochen nach Brillantine, und die Damen dufteten nach allen möglichen Blumen, nach einem ganzen Ziergärtchen, über dessen schon verwelkte Blüten eine Par- fümerie wahllos einen Teil ihres Bestandes ausgegossen hat. Es gab kaltes Büffet; man sah es reichlich aufgestapelt, sobald man sich dem Speisezimmer näherte, durch dessen leicht geöffnete Schiebetür zeitweilig der Diener huschte, der draußen auf niemand mehr zu warten brauchte. Zwei hell- gekleidete Küchenfeen mit weißen Schürzen, die schmucken Jungferschleifen auf dem Kopf, deckten die Tischchen, an denen zwanglos gespeist werden sollte. Verlockend knallten dumpf die Pfropfen hinter den getrübten Scheiben. Im nächsten Raum, dem Bibliothekzimmer, zu dem man durch eine kleine, offene Tür im Rundbogenstil gelangte, deren roter, halbzurückgezogner Vorhang als Sinnbild ein gelb ausgetragenes Muster von Büchern und Gänsefedern zeigte, erlebte Kempen dasselbe. Um den großen, grünge- beizten Eichentisch in der Mitte, bewegten sich fremde Ge- sichter, die teils ihre Nase in einen großen Folianten steckten, der die Photographien der Werke des Meisters enthielt, teils die Rllckentitel der Prachtbände studierten, die in Reih und Glied die olivenfarbigen Wandbretter zierten. Alles in diesem Zimmer war grün; nur Wände und Dielenbelag zeigten ein sanftes Braunrot, das den Gegenton gleichsam milderte und brach. „Herr Professor Felix Stampf... Herr Professor Paul Thormeyer... Frau Professor... Herr Königlicher Biblio» thck-Kustos Soundso nebst Frau Gemahlin... Fräulein Schriftsteller Soundso..." Endlich ein paar Namen, die Kempen zu einer tieferen Verbeugung zwangen. Stampf, der einflußreiche Kunst- kritiker, von dem die Jüngeren behaupteten, daß er mit Vor- liebe seinem Namen Ehre mache, sobald ein Neuerer seiner Feder Aerger bereite, interessierte ihn ganz besonders. Der große Mann mit dem schlecht gezeichneten Jupiterhaupt, in dem die leicht entzündeten Augen von unzähligen, seiner Gönnerschaft geopferten Nächten sprachen, kraute sich in sei- nem mottenfarbigen Bart und nickte gnädig, ohne seine Unter- Haltung aufzugeben. „Kennst Du den Mann? Ich nicht," sagte er dann leise zu Thormeyer, dem Genremalcr der alten Schule, einem echten Berliner, der, klein und gedrur-gen, mit seinem üppigen, hän- genden Schnauzbart durchaus nichts Künstlerisches an sich Ihatte. Er steckte in einem zu weit gewordenen Frack, der ihm, weil er ihn bei jeder Gelegenheit trug, das Aussehen eines unzufriedenen Tafeldeckers oder auch eines Leicheizbitters gab. da er sich selbst bei festlichen Gelegenheiten niemals von der schwarzen Kravatte trennen konnte, die er regelmäßig in ver- schrobenen Zustande zeigte. Ein geschworener Feind aller Modernen, rächte er sich für die Behauptung der Jüngeren, daß er immer noch alles in„brauner Sauce" male, dadurch, indem er sie alle für Idioten erklärte, die die Natur in einem verrückten Zustande betrachteten. „Kempen, Kempen?" quarrte er mit seiner verschleimten Stimme.„Ist mir niemals begegnet. Wird wohl ein söge- nanntes unausgebrühtes Ei sein. Wer weiß, was dann her- auskonimt. Wohl einer von Heilkes neuen Gehilfen? Er hat ja schon eine ganze Kompanie gefüttert und dann in die Welt geschickt, aber wo bleiben sie, wo bleiben sie, Felix? Das ist die Fraget Von den meisten hört man nichts mehr. Das macht die neue Richtung, ja das macht siel Kein akademi- scher Werdegang mehr, keine Achtung vor den Lehrern. Eigen- dünkel, weißt Du, nichts als Eigendünkel. Zigeunerkunst. Statt ein Akanthusblatt zeichnen zu lernen, schmieren sie jleich janze Bäume hin, jrien, blau und käseviolett. Js es nicht so?... Ich meine natürlich die Maler. Na, die Bild- Hauer streichen ja ooch schon alles an. Helfen sich damit. Früher haben sie die Oogen bloß ausjekratzt, jetzt malen sie schon die Pupillen an. Js es nich so?... Und's Haar blond, und die Backen werden jetönt. Merkwürdige Koppe sieht man da rum stehn. Anstreicher, die sich auf'n Jips jeworfen haben I Js es nich so?... Hoffentlich jibts nu bald was zu essen. Dauert heute verflucht lange." Er holte seine riesige, altmodische Großvateruhr hervor, die er in der tiefen Westentasck?e ohne Kette trug, und zog sie mit einem Geräusch auf, das die Bezeichnung„Knarre" für derartige Zeitmesser erklärlich machte. Das Jupiterhaupt hatte sich mehrfach zerstreut geneigt, als müßte es all diese bereits oft gehörten Dinge not- gedrungen über sich ergehen lassen, allerdings mit einer ge- wissen Unruhe und eineni Blinzeln nach rechts und links, was nicht gerade von einem angenehmen Gefühl zeugte. (Fortsetzung folgt.), (NaSdruck verbotene Der geftohlcne Bazillus. Von H. G. Wells. „Und dies hier," sagte der Bakteriologe, eine kleine Glasscheibe unter das Mikroskop schiebend,„ist ein Präparat des berühmten Cholerabazillus— der Cholerakeim." Der blatzgesichtige Mann blickte in das Mikroskop. Er war augenscheinlich nicht an derartige Dinge gewöhnt und hielt eine schlaffe, weiße Hand über sein eines, unbeschäftigtes Auge.—„Ich sehe recht wenig," sagte er. „Drehen Sie hier an der Schraube," sagte der Bakteriologe.— „Vielleicht ist das Mikroskop nicht richtig eingestellt für Sie. Nur den Bruchteil einer Drehung nach rechts oder links..." „Ah! Jetzt sehe ich!" sagte der Besucher.—„Nicht besonders viel zu sehen übrigens. Kleine Streifchen und Fetzchen Rosa. Und doch könnten diese kleinen Partikelchen, diese bloßen Atomchen, sich dervielfältigcn und eine ganze Stadt verwüsten! Wundervoll!" Er richtete sich auf, zog das Glasplättchcn aus dem Mikroskop und hielt es gegen das Fenster.—„Kaum sichtbar," sagte er, das Präparat äußerst genau betrachtend. Er zögerte.—„Sind sie— lebendig? Sind sie gefährlich— so?" „Diese hier sind getötet und gefärbt," sagte der Bakteriologe. „Was mich betrifft, so wünschte ich, wir könnten jedes einzelne von diesen Dingern im ganzen Weltall töten und färben!" „Ich vermute," sagte der Blatzgesichtige mit einem leichten Lächeln,„Sie werden sich nicht gerade drum reißen, derartige Dinger im lebenden— ich meine, im aktiven Zustande um sich zu haben?" „Im Gegenteil— wir find dazu gezwungen." sagte der Balte- riologe.—„Hier zum Beispiel"—— er ging durchs Zimmer und nahm von einem Haufen versiegelter Tuben eine in die Hand. „Das da ist die Sache in lebender Verfaffung. Eine Kultur von wirklichen lebenden Krankheitsbazillen." Er zögerte.—„Auf Flaschen gezogene Cholera, sozusagen." Ein schwaches Aufleuchten der Befriedigung zeigte sich eine Sekunde lang im Gesicht des blassen Mannes.—„Eine gefährliche Sache— so um sich zu haben!" sagte er. die kleine Tube mit den Augen verschlingend. Der Bakteriologe beobachtete die krank- hafte Erregtheit im Ausdruck seines Besuchers. Dieser Mann, der! ihn heute nachmittag mit einem kurzen Empfehlungsschreiben eines! alten Freundes aufgesucht hatte, interessierte ihn schon allein durch � den Gegensatz ihrer beiderseitigen Veranlagungen. DaS fchlichke schwarze Haar und die tiefen grauen Augen, der hagere Ausdruck und das nervöse Wesen, das sprunghafte und doch so scharfe Jnter- esse seines Gastes bildeten eine ganz neue Abwechselung gegenüber den phlegmatischen Bemerkungen des gewöhnlichen Wissenschaft- lichen Arbeiters, der den hauptsächlichen Verkehr des Bakteriologen bildete. Es war vielleicht nur natürlich, angesichts eines Zu- Hörers, auf den die tödliche Bedeutung des Gegenstandes so äugen- scheinlich starken Ausdruck machte, die Sache im wirkungsvollsten Licht darzustellen... Er hielt nachdenklich die Tube in der Hand.—„Ja, hier drin ist die Pestilenz gefangen. Man braucht nur solch eine kleine Tube über einer Quantität Trinkwasser zu zerbrechen— braucht nur zu diesen winzigen Lebenspartikelchen, die man erst färben und mik zur äußersten Schärfe eingestelltem Mikroflop untersuchen muß, um sie überhaupt zu sehen, und die weder Geruch noch Geschmack haben, ich sage, man braucht nur zu ihnen zu sagen: Gehet hin, vermehrt euch, vervielfältigt euch, füllt die Brunnen— und der Tod— ein geheimnisvoller, unaufspürbarer Tod, ein plötzlicher und furchtbarer, grimmiger Tod voller Schmerzen und Würdclosigkeit wäre losgelassen auf diese Stadt und würde umherziehen und seine Opfer suchen. Den Gatten würde er von der Gattin reißen, das Kind von der Mutter, den Staatsmann von seiner Arbeit, den Arbeiter von seiner Mühsal. Er würde den Wasserleitungen fol- gen, würde die Straßen entlang schleichen, da ein Haus auswählen und heimsuchen, und dort ein anderes, wo sie ihr Trinkwasser nicht abkochten, er würde in die Brunnen der Mineralwasserfabri- kanten schleichen, in den Salat hineingewaschen werden und im Eis und Gefrorenen auf der Lauer liegen. In den Pferdetrögen würde er liegen und schlummern und in den Brunnen darauf warten, daß sorglose Kinder ihn tränken. Er würde in die Erde sickern, um an tausend unvermuteten Orten in Brunnen und Quellen wieder aufzutauchen. Bloß in die Wasserleitung brauchte man ihn zu gießen— und noch ehe man ihn ankündigen oder wieder einsangen könnte, hätte er die Hauptstadt schon dezimiert." Er hielt plötzlich inne. Man hatte ihm schon öfter gesagt, Rhetorik sei seine schwache Seite. „Aber hier ist er sicher verwahrt, sehen Sie— ganz sicher verwahrt!" Der blatzgesichtige Mann nickte. Seine Augen fun- kelten. Er räusperte sich.—„Die Anarchisten, diese Schufte," sagte er,„sind doch Narren— blinde Narren, daß sie mit Bomben arbeiten, wenn sie derartige Dinge haben könnten I Ich glaube—" Ein sanftes Klopfen ließ sich an der Tür vernehmen. Der Bakteriologe öffnete.—„Nur eine Minute, Schatz!" flüsterte seine Frau. Als er wieder im Laboratorium erschien, sah sein Besucher eben nach der Uhr.—„Ich hatte keine Ahnung, daß ich Ihnen eine ganze Stunde Ihrer Zeit geraubt habe!" sagte er.—„Zwölf Minuten bis vier. Um halb vier hätte ich eigentlich wegmüssen. Aber Sie haben wirklich zu viel Interessantes hier. Nein, wirklich, ich darf mich keinen Augenblick länger aufhalten. Um vier Uhr habe ich eine Verabredung." Und unter wiederholten Dankesäußerungen verließ er das Zimmer. Der Bakteriologe begleitete ihn bis an die Tür und kehrte dann durch den Korridor nachdenklich ins Laboratorium zurück. Er sann über die Ethnologie seines Gastes nach. Auf alle Fälle war der Mann kein germanischer Typ und auch kein gewöhn- licher romanischer.—„Ein krankhaftes Produkt unter allen Um- ständen fürchte ich!" sagte der Bakteriologe zu sich selber.—„Wie gierig er die Kulturen von Krankheitskeimen anstierte!" Ein be- unruhigender Gedanke kam ihm plötzlich. Er wandte sich zu der Bank neben dem Dampfbad und darauf hastig seinem Schreibtisch zu. Tann befühlte er eilig seine Taschen und stürzte nach der Tür. „Vielleicht habe ich es auf den Korridortisch gelegt!" sagte er. „Minniel" rief er im Korridor mit heiserer Stimme. „Ja, Schatz!" klang es von fern. „Hab' ich was in der Hand gehabt, als ich eben mit Dir sprach, Schatz?"— Pause. „Nichts, Schatz. Ich weiß noch--" „Hölle und Teufel!" schrie der Bakteriologe, schoß wie der Blitz zur Haustür hinaus und die Stufen hinunter auf die Straße. Minnie, als sie die Tür heftig zuschlagen hörte, lief erschrocken ans Fenster. Ganz unten auf der Straße stieg soeben ein schlanker Mann in eine Droschke. Der Bakteriologe, ohne Hut, in gestickten Morgenschuhen, rannte wild gestikulierend auf diese Gruppe zu. Er verlor einen Pantoffel, aber er sah sich mcht danach um.— „Er ist verrückt geworden!" sagte Mmnie.—„Natürlich, seine greuliche Wissenschaft!" Sie öffnete das Fenster und wollte ihm nachrufen. Dem schlanken Mann, der sich plötzlich umsah, schien ebenfalls der Gedanke an Geistcsgestörtheit zu kommen. Er deutete hastig auf den Bakteriologen, sagte etwas zu seinem Kutscher, die Tür der Droschke flog zu, die Peitsche knallte, die Hufe des Pferdes klapperten, und in einem Moment hatten die Droschke und der sie leidenschaftlich verfolgende Bakteriologe das Ende der Straße erreicht und waren um die Ecke verschwunden. Minnie starrte noch eine Minute regungslos aus dem Fenster. Dann zog sie den Kopf zurück. Sie war völlig betäubt.—„Nun ja, exzentrisch ist er ja," überlegte sie.—„Aber so in London herumstürzen— mitten in der Hochsaison— in Socken-- 1" Ein glücklicher Gedanke kam ihr. Sie setzte hastig ihren Hut auf, er» griff ihres Mannes Stiefel, ging in den Korridor, nahm seinen Hut und einen leichten Ueberzieher vom Kleiderständer, trat vor die Haustür und rief eine Droschke an, die zum Glück«den vorüberkroch.—„Die Straße hinunter und um Havelock Cresccnt— und sehen Sie zu, ob wir einen Herrn finden, der in einem Samtjackett und ohne Hut dort herumläuft." „Samtjackett und ohne Hut, gnä' Frau. Schön, gnä' Fraul" Und der Kutscher trieb sein Pferd so gleichmütig an, als führe er sein Lebenlang jeden Tag nach dieser Adresse. (Schluß folgt.) !?ronprm2enfakrt. Der deutsche Kronprinz unternimmt eine vergnügliche Welt- fahrt. Das ist eine Privatangelegenheit, die nur die neuerdings um Millionen erhöhten Einkünfte seines Vaters oder auch eine deutsche Schiffahrtsgesellschaft angeht, nachdem man offenbar den erst gehegten Plan aufgegeben hat, die Reisekosten sich vom Reich bezahlen zu lassen. Aber auf demselben Schiffe haben sich auch deutsche Schmöke eingenistet und fie verbreiten nun in der Presse weltgeschichtliche Reiseberichte. Schon übermitteln sie telefunkisch über Bombay dem entzückten deutschen Bürger die Kunde, daß auf dem Kronprinzen- schiff sportliche Spiele stattgefunden hätten und daß der Krön- prinz und seine Frau geruht hätten, dabei erste Preise zu ge- Winnen. Die bürgerliche deutsche Presse atmet noch in der Vormärz- lichen Stickluft, da die Zensur nur fünfbeinige Kälber und edle Züge von Potentaten dem Nachdenken ihrer Leser anvertrauen durfte. Und der deutsche Bürger, durch die monarchische Elephan- tiasis, an der Deutschland krankt, seit Jahrhunderten für Hos- geschichten gezüchtet, schleckt immer noch begierig das süße, klebrig blanke Zeug. Im Vormärz hat einmal ein Hauptmitarbeiter der Deutsch- Französischen Jahrbücher von Karl Marx, Ferdinand Cölestin Bernaus, eine grausam lustige Hinrichtung an den Redakteuren der deutschen Presse vorgenommen, die er wegen ihres winselnden Hofklatsches als„Deutsches Redactoren-Lumpenpack" entlarvte und stäupte. Aber damals wütete noch der Zensor über dem deutschen Geist und die Presse wurde gewaltsam verkrüppelt. Wie würde er heute die Redakteure der deutschen Presse erst nennen müssen, auf denen kein staatlicher Zwang mehr lastet, und die dennoch ihre Leser mit byzantinischem Hundekuchen über- füttern!... Es ist ein sehr interessantes, lebendig gebliebenes Büchlein, in dem Bernays 1843 die„Schandgeschichten zur Charakteristik des deutschen Censoren- und Redactorenpacks" erzählt hat; und es scheint fast, daß mit jedem Jahre der weiteren EntWickelung der deutschen bürgerlichen Presse jene Schrift aus dem Vormärz an Aktualität gewinnt, so daß sie einen Neudruck verdienen würde. Da nun die Leser der sozialdemokratischen Presse nicht das Glück haben, durch Spezial-Korrespondenten über die Er- eignisse der Kronprinzenfahrt tagtäglich unterrichtet zu werden, wollen wir ihnen als Ersatz so eine Art vormärzlicher Kronprinzen- fahrt vorsetzen, indem wir ihnen ein Stück aus jenen, in einer verschollenen Flugschrift begrabenen„Schandgeschichten" darbieten. Wir saßen ruhig beim Nachtisch zusammen, so berichtet Bernays, und tranken noch ein Glas Wein, als mein Vetter, der Redakteur der Mannheimer Abendzeitung, hereintrat. Wir sahen es ihm schon an, daß der Antichrist Censor Fuchs furchtbar gehaust haben müsse. Nun frag ich euch, rief er beim Entreten, ob ich nicht recht habe, wenn ich sage, der Fuchs sei der elendeste Bube, der unter Gottes Sonne lebel Er streicht mir folgenden Artikel, der eine bloße Kritik einer ehernen Statue enthält, die der Kaiser Nikolaus dem König Friedrich Wilhelm IV. geschenkt hat! „Berlin, 13. September. Die beiden kolossalen ehernen Rosse- bündiger von Baron Clot, welche der Kaiser von Rußland unserem König geschenkt hat, und welche die servilen Zeitungen natürlich pflichtstschuldigst mit Lobeserhebungen überschütten, find nicht viel wert. Es ist ein noch unfreier Geist, der sich in diesen Werken ausspricht. Die Rosse zeigen eine knechtische Naturnachahmung und den Mangel aller höher strebenden Idealität, und die Jüng- linge, welche die sich bäumenden Tiere halten, haben geradezu Sklavenseelen. Etwas Lebloseres ist uns nie vorgekommen, als die Köpfe dieser Rossebändiger. Dabei sind die Rosse auch auf das Geschmackloseste mit Decken(in Erz) belegt, um die Scham der Jünglinge bedecken zu können. Auch Scham muß der Sklave haben! Die freie Kunst kennt keine Scham, so wenig wie die Natur sie kennt. Die einzelnen Teile der Gruppen sind dagegen gut modelliert." Wir schimpfen nun natürlich alle auf den Barbaren, und kommen von den Censoren auf die Redactoren. Der Redactor der Mannheimer Abendzeitung behauptete, die meisten seien schlecht, «der alle viel dümmer als die Censoren! Ich stimmte mit ihm darin vollständig überein, und bemerkte, daß es zum Beispiel wohl eben so niederträchtig sei, wenn das Mamcheimer Journal etwa erzählte:„Unsere Stadt genoß heute das unverhoffte Glück, die Pferde seiner königl. Hohheit des Prinzen Karl an unserer Stadt vorbeiziehen zu sehen, höchstweiche dem hohen Herrn voraus zu den Manövern am Rhein eilen," als wenn Censor Fuchs gleich ganze Columnen strich— und nach wenig Minuten waren wir alle darüber einig, daß das redigierende Doctoren- und Professorenpack gerade so gut den Galgen ums deutsche Vaterland verdiene, als Censor Fuchs! Allein daß die Kerle durch den Schlendrian ihres schlechten Treibens auch ihr Restchen von Herstand eingebüßt hätten, das glaubten die wenigsten. Um dem Streit ein Ende zu machen, erbot ich mich, zehn gegen eins zu wetten, daß ich den Redactoren der ganzen servilen Presse in den nächsten acht Tagen fünfzig, sage fünzig Stück von den albernsten Erfindungen und Lügen aufbürde, denen es jeder Mann, der die Verhältnisse nur leidlich kennt, auf den ersten Blick ansehen muß! Wenn von fünfzig zwei nicht gedruckt würden, so will ich die Wette verloren haben. Doch ich hatte auf die Schlechtigkeit und Dummheit deutscher Zeitungsredaktoren gerechnet:>— Juchhe, Champagner her, ich habe die Wette gewonnen! Wie machte ich es, daß die Tröpfe alle meine Lügen glaubten! Ich verschaffte mir ein Siegel mit einer Grafenkrone über den Buchstaben C. v. R. und ein noch vornehmeres, nahm Postpapier mit Goldschnitt, vom feinsten Siegellack, unterzeichnete mich je nach Umständen als Baron, Graf, Regierungsrat, hatte in den Beglei- tungsschreiben alle Nachrichten von„hohen Militärs",„Banquier- Häusern",„Hofkavalieven",„aus offizieller Quelle" oder von einer „hochstehenden Person" und war hierdurch zu jeder Lüge autorisiert. Daß der Inhalt nur niederträchtig, hündisch und dumm, oder besser, albern zu sein brauchte, um für solche Kerle als w a h r zu gelten, davon hatte ich viele Beweise. Ich log also wie es mir gerade in den Kopf kam, darauf zu, und schickte immer die gröbsten Lügen an die klügsten Redactoren. Zuerst machte ich die Königin von Griechenland und die Krön- Prinzessin von Bayern schwanger. Ich beging damals den unver- zeihlichen Fehler, nicht auch zu gleicher Zeit der Erbgroßherzogin von Hessen zu gedenken, einige treue, deutsche Untertauenherzen mehr wären ob solcher Hoffnung einige Tage lang gehüpft! Ich schrieb also an die Rhein- und Moselzeitung so: (Karlsruhe, den 17. September.) Laut einer so eben auZ Aschaffenburg vom Hofe Seiner Majestät des Königs von Bayern hier eingehenden Nachricht, befindet sich Ihre königl. Höh. die Krön- Prinzessin von Bayern in einem Zustande, der ganz Bayern mit der höchsten Freude erfüllen muß.„Der Wittelsbacher Stamm wird, so hofft man in Aichaffenburg, einen neuen Ast aus seiner Mitte treiben, unter dessen Schatten das bayerische Volk auf Jahrhunderte hinaus in Glück und Frieden leben wird."(Worte des Hand- schreibens Sr. Majestät aus Aschaffenburg.)" Dieser Artikel findet sich reproduciert im Frankfurter Journal Nr. LSI. Oberpostamtszeitung Nr. LSI, Hamburger Correspondent Nr. 227, Preußische Staatszeitung Nr. 8ö, und in vielen andern Blättern. Ich wendete mich an das Mannheimer Journal: „(Heidelberg, 17. September.) Soeben kommt der Courier hier durch, durch welchen Sr. Maj. der König von Bayern unserem Hof in Karlsruhe melden läßt, daß sich Ihre Maj. die Königin von Griechenland in einem Zustande befinden, der daS griechische Volk zu den schönsten Hoffnungen für die lange Fortdauer der jetzigen Dynastie berechtigt. Diese Nachricht ist im gegenwärtigen Augenblick von um so größerer Wichtigkeit, als nunmehr neue An- strengungen von feiten der bayerische» Krone für den Fortbestand des griechischen Königreichs den Ansprüchen der drei Großmächte gegenüber vollkommen gerechtfertigt erscheinen." Ohne Bedenken abgedruckt in den beiden Frankfurter Fra« Basen Nr. 26V und fast allen deutschen servilen Zeitungen. Auch ein Brief des preußisch-nationalen Turners Maßmann wurde gläubig abgedruckt, vermutlich weil seine Schilderung einer militärischen Revue in Berlin,„dem Centralpunkte der deutschen Waffenkraft" diesen blödsinnigen Satz enthielt:„Das sechste Hu- sarenregiment(Prinz von Braunschweig) sah wirklich aus wie eine einzige goldene Schwadron, der Glanz der Pferdedecken verblendete mein an dergleichen nicht gewöhntes Auge so sehr, daß ich stets ge- zwungen war, hinter dem großen Fächer meiner Frau Schutz zu suchen." Große Blätter bringen als Beweis, wie sehr die österreichische Zensur auf Sittlichkeit halte, die schöne Geschichte, daß ein Berliner Komponist, Schüler C. M. v. Webers, die Erlaubnis zum Wiener Druck eines einer Gräfin gewidmeten Liederheftes erst erlangt habe, nachdem er das von der Berliner Polizei beglaubigte Attest seiner Gattin eingesendet,„daß sie gegen diese Widmung nichts einzu- wenden habe. Auch Lokomotiven mit Segeln fuhren in dieser Zeit durch die deutsche Presse. Am lustigsten aber ist die Ludwig I. von Bayern zugeschriebene Schöpfung eines Mäßigkeitsvereins für die Pfälzer, dessen Statuten die von Professor Bülau herausgegebene Deutsche allgemeine Zeitung zuerst zu veröffentlichen in der angenehmen Lage war, und die das Frankfurter Journal und viele andere Blätter nachdruckten. Diese königliche Verordnung begann also:„Ludwig usw. Nach Anhörung unseres Staatsrates und unseres Ministers des Innern haben wir beschloffen und beschließen: ß 1. In allen Gemeinden der Pfalz sollen Mäßigkeitsvereine gebildet werden. § 2. Mitglied des Mäßigkcitsvereins kann jedes Individuum werden, das sechzehn Jahre alt- Bckeni er einer der drei christlichen Eon- fessionen und OrtSburger der betreffenden Gemeinde ist." Dann folgen höchst drollig verzwickte Bestimmungen über die Organisation der Vereine. A 17 lautet: Der oder die Eintretende verspricht, unter Ablegung des Handgelübdes. sich des Genuffes des Brannt- Weins ganz zu enthalten, innerhalb eines Tages von vierundzwanzig Stunden höchstens einen Schoppen Wein oder höchstens drei Schoppen Bier zu trinken. Zugleich erhält ein jedes Mitglied, und zwar die katholischen ein Kreuz von Kupfer an einem blau und weihen Band, als Abzeichen der Körperschaft, die Protestanten eine kupferne Münze mit der Inschrift: Nulla salus, nisi in Christo ac vita moderata et sobria(kein Heil, auher in Christus und in einem mähigen, nüchternen Leben)."§19:„Die Verhandlungen in den Vereinssitzungen dürfen weiter nichts zum Gegenstände haben, als den Zweck der Gesellschaft: ihre Mitglieder gegenseitig in der Haltung des abgelegten Gelübdes zu stärken."§ 20:„Eine jede Sitzung beginnt mit einem Gebet." Für wen ist wohl dieses allerhöchste Reskript, ruft Bernahs aus, blamabler, für die Redactoren und Censoren, die es für echt hielten, oder für die Regierung, der ihre eigenen Beamten es zutrauten! Steht mir Rede, ihr bayerischen Censoren, die Ihr das Blatt, als es in das Gebiet Eures Königs kam, nicht konfisziert habt,— hieltet Ihr Eure Regierung nicht für fähig, einen solchen Unfinn zu be- gehen, wäret Ihr nicht zu feige, es zu unterdrücken, weil Ihr an jede Brutalität, an jede Gemeinheit gewöhnt, auch dies« für möglich hieltet? Sagt mir es selbst, seid Ihr nicht treu bis zur Rieder- trächtigkeit?..... Die Zensur ist für die Presse längst abgeschafft, Hunderte von deutschen Fürstinnen und Prinzessinnen sind seitdem wirklich schwanger geworden, und es hat in den 65 Jahren Gesetze und Ver- ordnungen, allerhöchste Handlungen in Fülle gegeben, die auch von einem Bernays hätten erfunden sein können, die gleichwohl bitterste Wahrheit waren. Aber die bürgerliche Presse ist gewaltig fortgc- schritten. Sie braucht keinen Bernays mehr. Sie erfindet sich den byzantinischen Ulk jetzt selber. Ueber Bombay wird telefunkisch gemeldet....... Kleines f euületon* Vom Wandern der Völker. Jede vorhistorische Forschung ver- liert fich in der Hypothese der Wanderung, mag sie sich nun mit de» Menschen, den Tieren oder den Pflanzen, mit religiösen Vorstellungen, Sitten oder sozialen Einrichtungen beschäftigen. Unsere Sprache weist selbst die tiefgehende Wirkung dieser Tatsache aus, heistt doch Gesund ursprünglich wegfcrtig.(von senden— gehen, reisen). DaS Gesinde war in mittelalterlicher Zeit das Reisegefolge. der G e f ä b r i e ist der Fahrt genofle. Er- sahrnng ist auf der Fahrt Wanderung erlangte Kenntnis. Es sind die Abdrücke und Spuren einer vergangenen Zeit, die sich in unlerer Sprache erhalten haben. Aber auch heute ist die Wanderung aller Art, die eigentlich nomadische mit steter Orts- Veränderung, die temporäre, die nur während bestimmter Perioden fortgesetzt den Ort wechselt, und die Wanderung mit einmaliger und dauernder Umsiedelung noch eine bedeutsame Erscheinung. Am ehesten stehen genauere Zahlen über die sogenannte über- s e e i s ch e Auswanderung zur Verfügung. Amerika, worunter heute noch zumeist nur der kleinere Teil, die Bereinigten Staaten von Rordauierika, gemeint werden, ist der modernen Kultur so gut wie auSschliestlich durch Einwanderer eröffnet worden. Die Rekrutierung des amerikanischen„Nachwuchses" ist durchaus nicht immer aus der- selben Quelle gefolgt. Im letzten Jahrhundert war es zuerst Eng- land allein, das die Auswanderung lieferle, die Hungersnöte der fünfziger Jahre trieben an« Irland kurze Zeit zwei Millionen Menschen nach drüben, dies waren 25 Proz. der damaligen Bevölkerung Irlands. Diese Entvölkerung war der fürchterlichen Ausbeulung durch die Großgrundbesitzer und Jagdpsründeninhaber verschuldet. In den vierziger Jahren war das Festland von der überseeischen Auswande- rung ergriffen worden. Die 30er und 40cr Jabre sind die elendeste t deutscher Entwickeltnig gewesen. Als Australien seine Gold- de meldete, da wuchs aus der Abenteuerlust und Goldiehnsucht die Ausivandernng ins riesige, zugleich zog sie sich immer mehr nach dem Osten. Böhmen und Mähreu, die polnischsprechenden Landesteile PreustenS, Oesterreichs und Rußlands stellten das Hauvikontinent, nach ihnen kam auch das eigentliche Zlußland, Ungarn. Italien und Spanien, üherhaupt Südenropa, was ganze Massen nach Anterita sandte. Jetzt sind es die Balkanländer, die ganze Heere über See senden. Vom Norden Europas sind es eigentümlicherweise nur noch Schweden und Norwegen, die trotz ihrer industriellen Eigen- emwickelung noch starke Arbeitermengen nach der neuen Welt liesern. Sie gehen aber nicht als Industriearbeiter, sondern als Landbebauer «ach dort. Im Jahre 1909 stand Italien mit rund 183 000 Einwohnern nach den Vereinigten Staaten an der Spitze aller Länder Europas. Viele der Italiener bleiben aber nicht auf Lebzeiten drüben, sie stellten eine Art Wanderarbeiter dar. die nur auf einige Zeit ins fremde Land ziehen, um sich höhere Verdienstgelegenheit zu ver- schaffen. Oesterreich-Ungarn und Rußland liefert bald ebenso viel Arbeitshände. Charakteristisch für die Verschiebung der Auswande- rung ist, daß vor zwei Jahren da? kleine Griechenland ebenso viel Menschen nach dem Lande der Streifen und Sterne schickte wie Deutschland. Der Balkan hat in den letzten drei Jahren rund 175 000 Menschen allein nach der Union abgegeben. Aber auch andere Länder sind starkes AusivansernngSgebiet ge- worden, für Italien, Spanien und Frankreich ist es Argentinien. Italien gab in dem letzten Jabre von 10000 Einwobnern 124 nach dem Auslande ab. Oesterreich 1907, dem Rekordjahr der Auswande- rung, 64 und Ungarn 103, 1908 waren es nur 21 und 23. Spanien und Portugal bat die Verhältnisziffern 66 und 74. Schweden und Norwegen 1907 23 und97, im darauffolgenden Jahre sanken sie erheblich. Aus Großbritannien wanderten 1907 und 1903 von 10000 Perionen 88 und 74 aus. Dagegen tritt Deutschland fast gar nicht mehr in Erscheinniig. es gab in den letzten Jahren nicht mehr als knapp 4 von 10 000 als Auswanderer für andere Erdteile ab. Die Ziffern zusammengenommen, zeigen, daß auch heut noch alljährlich Hunderttausende und Millionen von Menschen auf die Völkerwanderung gehen. Die kulturellen Folgen find selbstverständlich ganz außerordentliche. Was ans einem schlechte» Zah« werde» kann. ES ge- schieht wahrhaftig nicht deswegen, um den Zahnärzten mehr Beschäftigung und Verdienst zu geben, wenn immer wieder auf die außerordentliche Wichtigkeit einer gesunden Beschaffenheit der Zähne und des Mundes überbaupt hingewiesen wird. Der Mund ist nun einmal die Haupteingangspfone des Körpers, und zwar nicht nur für Speise und Trank, sondern auch wenigstens teilweise für die Atemluft, und deshalb ist an der Sauberkeit dieser „Vorhalle des Leibes" alles gelegen. Uebrigens ist dafür gesorgt, daß die Beliebtheit der Zahnärzte nicht ins Unermeßliche steigt, weil der Weg zu einem von ihnen den meisten Menschen nach wie vor als einer der schwersten Gänge gilt. Was in einem besonders schlimmen Fall aus einem schiechten Zahn werden kann, beweist in erstaunlichem Maße eine Mitteilung von Dr. Miluer an die Wochenschrift„Lancet". Eine bis dahin völlig gesund gewesene Frau von 36 Jahren hatte von einem im linken Unterkiefer sitzenden schlechten Zahn zunächst ein Gaumengeschwiir erhallen, das mit heftigen auf die ganze linke Kopffeite sich ausdehnenden Schmerzen verbunden war. Zwei Tage später erstreckten sich die Schmerzen bereits bis auf die linke Schläfe und den Hinterkopf sowie auf beide Augen und veranlaßten die Frau, sich zu Bette zu legen. Nach drei weiteren Togen ließ sie den Arzt holen. Am Tage darauf wurde sie von einem heftigen Schüttelftost befallen und verlor auf dem rechten Ohr völlig das Gehör. Dann stellte sich eine Schwellung des rechten Auges ein und nach einigen Tagen Delirium. Nachdem der Hausarzt die Enivickelung eine Woche lang angesehen hatte, hielt er es endlich für nötig, die Frau einem Krankenhause zuzuführen. Dort stellte Dr. Milner eine völlige Lähmung der rechten Gesichts- leite und den Verlust der Empfindung auf der linken Seite fest; auch das Augenlicht war getrübt. DaS Delirium hielt an und trotz aller Bemühungen starb die Frau zwei Tage nach der Einliefernng. Die Untersuchung stellte fest, daß vom Zahn aus die Basis des GehirnS angegriffen worden war. Aus dem Pflanzenreich. Eine Volkszählung im Pflanzenreich. Der hervor- ragende amerikanische Botaniker Besieh hat während seiner letzten Arbeiten Veranlassung gefunden, fich eine Uebersicht über die Zahl der bekannten Pflanzenarlen zu verschaffen und hat demgemäß eine Art von BolkSzäylung in allen Listen der Botanik vorgenommen. Er ist nach seiner Mitteilung an die Wochenschrift„Science" zu dem Ergebnis gelangt, daß man jetzt ungefähr 210000 Pflanzenarten unterscheidet, die fich nach seinen Uinersuchnngen folgendermaßen verreilen: 15 460 Algen, 63 700 höhere Pilze, 16 600 MooS- pflanzen 2500 Farne, 20 Schachtelhalme, 900 bärlapparttge Gewächse, 140 Palmenfarne(Eycadaceen), 450 Koniferen und 110 000 Arten von Blütenpflanzen. Die letzte derartige Zählung war vor etwa 18 Jahren von dem Botaniker Saccardo veranstaltet worden und hatte damals nur gegen 174 000 Arten ergeben, die in folgender einfacher Weife verteilt waren: 12178 Algen, 45 203 Pilze und Flechten, 7659 Lebermoose und Moose, 565 Schachtelhalme. Bärlapp und Wasseriarue, 2319 Farne und 135 231 Phanerogamen. Dieser Forscher versuchte auch bereits fich ein Bild davon zu machen, wie viele Pflanzenartea noch unentdeckt sein mögen, und wie groß demnach die gesamte Pflanzenbevötkerung der Erde zu schätzen wäre. Er glaubte. daß im ganzen wenigstens 385 000 Arten bestehen müßten, von denen nicht weniger als 250000 auf die Pilze zu rechnen seien. Er meinte, daß eS vielleicht noch 150 Jabre dauern würde, bis die Botaniker diese Arten iämtlich erkannt haben würden. Wie sich die Fortichritte in der Pflanzenkunde vollzogen haben, gebt auS der gleichfalls von Saccardo gemachten Zusammen- stelliing hervor, wonach der alle Theophrast vor 2200 Jahren nur 500 Pflanzenarten nannte, DioSkortdes 300 Jahre später erst 600 Arien. Banhin wußte vor 260 Jahren von 5266 Pflanzen, während Linnö ihre Zahl auf 8551 vermehrte. Vor 100 Jahren waren dann bereits an Phanerogamen allein rund 30 000 Arten bekannt, im Jahre 1845 elwa 80 000 und vor 25 Jahren rund 100000, wozu noch 25 000 Kryptogamen kamen._ Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchd ruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingcrLcCo., Berlin LW.