Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 233 Mttwoch den 30. November. 1910 (Rmtbcuff Kerdoten-X 24] Alas ift Ruhm? Roman von Max Kretzer. Thormeyer griff nach seinem umfangreichen seidenen Tefchentuch. schneuzte sich ungeniert, legte das Tuch säuberlich zusammen, ehe er es wegsteckte, nahm aus seiner silbernen Dose bedächtig eine Prise, hielt sie Stampf vergeblich hin und fuhr gelassen zu dem andern fort, der die Ohren nach rückwärts spitzte:„Was hat unsereins lernen müssen, von der Pike an. Drei Jahre lang habe ich die alten Meister kopiert, in Rom, Paris, in Dresden und hier im Museum. Da kapiert man aber auch was. Lernt, woher's Licht kommt, Dul Beleuch- tung, lieber Felix, Beleuchtung! Das is doch so'ne Sache! Diese Palettenjünglinge aber packen ihre Leinwand zusammen und ziehn jleich raus ins Freie,, wo sie der Natur eins aus wischen. Schmieren was, das nachher Jemälde heißt,'ne Wiese,'n Jraben und drei Birken. Fertig is die Laube. Wenn's hoch kommt, is noch ne rote Sonne dabei, oder'n Mond, den's jar nicht jibt. Is es nich so? Jleich uff die Ausstellung! Verkoofen's ooch womöglich. Und die jewisse Art von Krittk— „Nicht so laut, ich bitte Dich, nicht so laut," ermahnte ihn leise Stampf, da er sah, daß an der Tür Golding stand, einer der jüngeren Kunstschreiber, ein schlanker, blondbärtiger Herr, der mit den Alten scharf ms Gericht ging und durch die Verwegenheit seines Tons in einem viel gelesenen Blatt sich rasch eine Gemeinde geschaffen hatte, die auf ihn schwor. Er machte seine Verbeugung vor den alten Herrn, die Stampf gemessen erwiderte, Thormeyer aber nicht beachtete. Sofort wurde dieser krebsrot, und ohne sich beherrschen zu können, pustete er los:„Gerade den— den meine ich. Hast Du gelesen, was dieser Kerl über mich geschrieben hat? Wirft mich zum alten Eisen, schwatzt vom Mangel an Licht und Lnft. Ich pinselte lauter Novellen..., ließe sie alle unter der be rühmten Linde spielen! Spricht von überlebter Kunst. Da haben wir'sl Das sind die Anmaßlinge, die Dummlinge, die den Geschmack des Publikums verderben. Is es nich so?" Er sprach lauter, erregter, krähte wie ein alter Kampf- hahn, den der Kamm geschwollen ist. Stampf versuchte ihn aufs neue zu beruhigen, indem er ihm zuraunte:„Du kannsfs doch ertragen." „Das sagst Du so, das sagst Du so!" fuhr Thormeyer fuchswild fort.„Man malt doch nicht umsonst. Habe mir meinen Namen ehrlich verdient. Is es nich so? Hänge in der Nationalgalerie doppelt sogar. Habe die kleine goldene, hoffe immer noch auf die große, das kannst Du Dir doch denken. Kommt so'n Kerl und zerpflückt mir die Lorbeeren. Ettvas bleibt immer hängen beim Kunstpöbel. Meine Alte darf's gar nicht wissen, die trifft der Schlag... Schreibt drei Spalten über die Worpsweder, fertigt mich mit fünf Zeilen ab. Was sind das überhaupt für Menschen, diese Worpsweder? Quetsch Dich doch mal aus. Wo liegt das Nest?" Stampf, der wie auf Kohlen stand, weil er längst die Empfindung hatte, daß er sich demnächst mit dieser neuen 'Kunstrichtung werde beschäftigen müssen, um seines Lese- Publikums wegen nicht rückständig zu bleiben, klärte ihn kurz über die kleine Malergemeinde auf, die gerade anfing, von sich reden zu machen. Es seien ein paar Persönlichkeiten darunter, mit denen man rechnen müsse. „Das sagst Du auch schon?" warf Thormcyer entrüstet iein.„Aus Dir wird man niemals klug... Ich verstehe nur Heilke nicht, wie er diesen—. War noch nie mit ihm zu- sammen hier. Du, das nächste Mal komme ich nicht, so gute Freunde wir auch sind. Merkwürdig überhaupt, wen er alles einladet... Was schreibt denn die da drüben, die mit der spitzen Nase?" unterbrach er sich.„Schwatzt fortwährend von ihren Romanen. Nie was gehört von der! Man kommt immer in Verlegenheit, wenn man jemand kennen lernt. Man kann doch nicht jeden. Dreck lesen. Is es nich so?" Stampf sah das Feuer jetzt nach zwei Seiten eröffnet, faßte ihn am Arm und zog ihn beiseite, indem er sagte: „Heilke will's eben mit keinem verderben. Er war immer» Diplomat. Das weißt Du doch. Dieser junge Mann hat neulich ein paar anerkennende Worte über ihn geschrieben. Und da hat er ihn gleich eingeladen. Er ist ja auch gekommen."- „So, Heilke hat er also gelobt. Die Gipsbolzen natüv« lich bleiben immer jung," schnauzte Thormeyer wieder, abev mehr in sich hinein, vergrollt, wie ein heiser gewordenes Kläffer. Und als er sich jetzt nach Doktor Golding umsah« der lebhaft mit einer Dame sprach, geschah es nicht mchr so bissig: neugierig betrachtete er ihn, wie der Feind, der dem Gegner in irgendeiner Weise zu nahe kommen möchte, ge- schähe dies auch auf dem Weg der Ueberrumpelung. „Sie sind Hamburger? Ach was! Da sind wir ja Lands« leute," fistelte der Kustos zu Kempen, dem er die Unter- Haltung förmlich herausgezogen hatte.„Ja, ja, ich habe schon von Ihnen gehört. Haben Sie nicht die Büste von Senator: Hansen gemacht? Das ist ein Verwandter von mir." Es war ein Irrtum, aber es schadete nichts, denn es ga? dem jungen Mann mit dem unsicher sitzenden, goldenen Pincenez auf der Adlernase, unter der der lippenlose Mund? mit den spärlichen Bartborsten wie ein Messerschnitt lag, Ge- legenheit, sich gehörig über seine Beziehungen in der großen Hansastadt auszusprechen. Er hörte sich gern reden und lachte noch lieber über seine eigenen Scherze, wodurch er den Ein- druck eines großen Kindes erweckte, was noch durch seine bellen Kchlköpftöne verstärkt wurde. Unablässig rückte er an seinem Glas, fuhr mit den Händen in die Hosentaschen und dann wieder heraus. Wie alle Menschen, die am Tage Amts- staub schlucken müssen, wurde er in seiner Erholungsstunde um so munterer: dann hätte man darauf schwören mögen, er sei mehr Faxenmacher als Gelehrter. Kempen nickte fortwährend und ließ alles über sich er» gehen mit der Ruhe des Einsilbigen, dessen Gedanken immer ganz wo anders sind. Heilke nahm ihn wieder in Anspruch, und zwar aus ganz besonderen Gründen. Gern hätte er etwas aus ihm über Lorensens Lebensweise geschröpft, denn es war ihm zu Ohren gekommen, daß der Blonde kein Geld leiden könne. „Es hat wohl einen besonderen Grund, daß Sie die Kasse führen?" fragte er lauernd.„Er soll gern Sekt trinken ... Wie ist es denn mit den Mädchen? Hängt er an einem Modell? Sie haben doch großen Einfluß auf ihn. Er soll sich nur vor dem Ludern bewahren, namentlich mit diesem Walzmann. Der hat immer eine ganze Korona hm sich, sobald er praßt. Alles Sumpfhühner." Kempen lachte ihm ins Gesicht. Lorensen ein leicht- sinniger Junge, wie? Das sei das erste, was er zu hören be- komme. Im Gegenteil, sein Freund sei in dieser Beziehung fast ein Mucker, in letzter Zeit wenigstens. Könnte er auch sonst wohl so viel schaffen? Das müsse jeder Fachmann ein- sehen. „Das ist doch merkwürdig," warf Heilke betroffen ein, „man hat mir da Geschichten berichtet... Uebrigens trinkt er hier gehörig seinen Stiebel." „Dann tut er's vielleicht nur, um Ihnen gefällig zu sein, Herr Professor," kante Kempen listig hervor, da er wußte. daß Heilke in dieser Beziehung gern semen Mann stand, wenn ein Gelage im Gange war. „Sonst ist er also nüchtern? So, so." Kempen ließ ihn bei dieser Meinung, schon weil da? Herumhacken auf Walzmann zu absichtlich war. Auch sonst wäre es ihm nicht eingefallen, über Lorensen etwas Ucbles zu sagen, denn seit Jahren waren sie gewöhnt, sich gegenseitig herauszustreichen. Als er Heilke aber den Rücken kehrte, vernahm er plötzlich eine Stimme, die er zuerst fiir Täuschung hielt. Er sah Lorensen und Rensdahl zusammensiehn, und als er auf die beiden zutrat, hörte er gerade, wie der große Göirner seinem Schützling den Grund seines Hierseins auseinandersetzte Seit vier Tagen in Berlin, habe er Heilke bei einem gemeinsamen Bekannten näher kennen gelernt und sich gefreut, dieser„Künstlerindividualität" näher treten, zu können. „Charmante Leute, sehr charmante Leute," meckerte er selbstgefällig.»Und dieses Heim, ja eh, dieses Heim, wissen B've, so etwas Stilvolles—- 5o§, mein lieber Soffn, findet man nicht oft. Und diese pompöse Fnur... überhaupt die Damen hier... Rasse. Rasse! Wer die Schwarze da drüben sein? Sie müssen es doch wissen, orientieren Sie nnch ein bitzckieiw Fixiert mich fortwährend. Verflucht, hat die Augen, ja eh! Und einen Hals, einen——; überhaupt eine Figur... So etwas, ja eh, fordert geradezu heraus zum Dunrmheitenmachen. Wer ist denn dieser alte Seehund neben ihr?" Und als er von Lorensen die Aufklärung erhalten hatte, daß diese Rotblonde die schöne Baronin von X. sei, die früher der Bühne angchört habe, und der etwas geduckte Herr zur Seite ihr Gatte, ein reicher Malerdilettant, der alle seine Wilder zum wohltätigen Zweck versinke, fuhr Rensdahl fort:„Tann soll er's doch mit sich selbst ebenso machen, dann ist sie ihn los. Ein wunderbares Weib, ja eh. Seht Ihr, Kinder, solche Modelle habt Ihr nicht... bekommt Ur nie- »nals." „Oh, oh," machte Lorensen, so daß Rensdahl sofort die Ohren spitzte. „Wie, was, mein Sohn?" Vielleicht schon die Eva ge- funden? He? Etwa schon in Arbeit? Auf dieses Kunstwerk bin ich gespannt... Sie wissen, daß Sie mir sozusagen das Vorkaufsrecht—. Morgen wird es nicht gehen, man muß ausschlafen, ja eh. Aber übermorgen vormittag, da will ich im Atelier sein. Schadet nichts, schadet nichts, wenn Sie auch Modell haben. Mich geniert's nicht... Aber vor allen Dingen das Denkmal, wissen Sie, für unfern Poeten da oben. Das machen Sie mir anständig, ja eh. Das Volk muß Andacht haben. Ueberhaupt hat mir diese Anregung viel Sympathie eingebracht. Und nächsten Sonnabend möchte ich dann die Herren wieder als meine Gäste... Wir sprechen noch darüber. Nein, diese schöne Frau dort, sehn Sie doch... Sie würde gewiß mit uns lieber soupieren als mit ihrem Ehelakai. Uebrigens wäre ich überhaupt diesmal dafür, daß die Schäm- heit uns Gesellschaft leistete." Vorhin hatte er Kempen zur Begrüßung herablassend zwei Finger gereicht, wobei seine Glotzäugelein etwas miß- fällig an dem schwarzen Rock von unten nach oben gegangen waren, denn er selbst stand im vollen Dinerwichs da, die Gardenie im Knopfloch, das Gesicht noch mehr gerötet wie fönst, und ein wenig angesäuselt, denn erst um sechs Uhr hatte er das FreundschastSmahl überstanden gehabt, zu dem er in den Kaiserhof geladen war. Drei Täßchen Mokka hatten ihm dann das Gleichgewicht wiedergegeben, um die Reihe der Ge- misse hier beschließen zu können. Lorensen merkte ihm diese Stimmung auch sofort an und nahm sich vor. sich ihn heute warm zu halten, um für die Denkmalsausführung bessere Ratenzahlung zu erhalten, wobei vielleicht sofort ein Tausend- »narkschein abfallen würde. In dieser Beziehung entwickelte er eine Diplomatte, die oftmals die Grenze des Erlaubten überschritt, worin er jedoch niemals etwas Schlimmes er- blickte, denn nach seiner Meinung waren die reichen Leute dazu da, der Kunst auf alle Fälle Opfer zu bringen, auch wenn es auf Kosten ihrer Dummheit gesck>ähe. „Was machen Ihre Löwen, mein Sohn, krabbeln die immer noch herum?" wandte stch Rensdahl plötzlich an Kempen: sofort aber schoß ihm ein anderer Gedanke durch den Kopf, denn er lachte laut auf, so daß er fast den Eindruck eines gewöhnlickien Menschen machte. Und dann meckerte er wieder: ».Hört, meine Söhne, wenn ich übrigens so daran denke, was aus Euch beiden geworden ist, dann, ja eh, dann habe ich alle Achtung vor diesem Nest Berlin. Damals unter meinen Treibern, und hier nun so mitten mang in den Salons... Ja eh, wissen Sie. lieber Lorensen, das ist ein doller Sprung... Was ist denn das für ein Knaster dort? Der soll ja mächtig Atelierhüter haben, der Professor sagte es schon?" Er meinte Thormeyer, der sich neben Heilte bedächtig aus dem Bibliothekzimmer herausschob und lmicrnd auf die drei blickte wie der Jäger auf sein Wild. Kempen reimte sich sofort alles zusammen. Sicher hatte der Gastgeber in seiner übertriebenen Weise von dem großen Mäcen geschwatzt, der ganze Galerien zusammenkaufen würde, und so hatte sich der Mann der alten Schule rasch von seinem Aerger erholt und erwog die Möglichkeit einer Annäherung an diesen nordischen Spender. Wer RenSdahl nahm keine Notiz von ihm, denn er sah heut nur das Leben vor sich und wollte nicht an das schlechte Abbild denken. „Dieses Weib, mein Sohn, dieses Weib, ja eh...* �Fortsetzung folgt.? WaKdrii» r«rr»!eiM Der geftoklene Bazillus. Von H.®. Wells« (Schluß.) Wenige Minuten später ward die kleine Gruppe von Droschken« kutschern und Müßiggängern an der Droschkenhaltestelle bei Have» stock Hill durch ein« in wütender Fahrt einherraffelnde Droschke mit einer ingwerfarbenen Schindmähre von einem Gaul auf» gescheucht. Während sie vorüberfuhr, waren alle stumm. Dann— als sie entschwand— sagte ein stämmiger Biedermann, der unter dem Namen„Das alte Tuthorn" ging: „Harry Hicks war das. Was hat denn der für ne Fuhre?" „Der führt heut' feine Peitsche gut, Donnerwetter!" sagte dey Laufbursche von der nächsten Kneipe. „Holla!" rief der arme alte Tommy Byles.—„Da kommt noch so'n verrücktes Huhn an! Kuckuck noch mall" „Das ist der alte George," sagte das Tuthorn.„Und hat auch 'neu Verrückten— Du haft's erraten! Was? Klettert der Kerl nicht aus der Droschke raus? Ob er hinter Harry Hicks her ist, was?" Die Gruppe auf dem Droschkenhalteplatz belebte sich. Chorus: „Drauf George!"„Immer los!"„Du kriegst ihn schont" zFlott, voran!" „Feines Rennpferd!" sagte der Laufbursche. „Da soll aber doch gleich..." schrie das alte Tuthorn.„Auf. gepaßt! Jetzt tu' ich bald selber noch mit! Da kommt noch einer! Sind denn alle Droschken in ganz Hampstead heute morgen übergeschnappt?" „Ein weibliches Lebewesen diesmal!" sagte der Laufbursche. „Lauft hinter ihm drein," sagte das alte Tuthorn.„Sonst ist'S gewöhnlich anders rum." „Was hat sie denn in der Hand?" »Sieht fast aus wie ein Böller." „So ein verfluchter Ulk! Drei gegen einen=. und alle hinter George her!" sagte der Laufbursche.„Dal" Unter einem wahren Sturm von Applaus fuhr jetzt MinniS vorüber. Angenehm war es ihr gerade nicht; aber sie war sich be- wüßt, ihre Pflicht zu erfüllen, und ratterte Haverswck Hill hinunter und Camden Town High Street hinauf... immer die Blicke in« brünstig auf die ausdrucksvolle Hinterfront des alten George ge- richtet, der ihr landstreicherisches Ehegcspons auf so unbegreifliche Weise entführte... Der Mann in der vordersten Droschke saß zusammengekauert in einer Ecke; die Arme hatte er eng übereinandergepreßt; die kleine Tube, die so ungeheure Vernichtungsmöglichkeiten enthielt, krampf. hott in die Hand geklammert. Ihm war ganz eigentümlich angst. voll und frohlockend zumute. In der Hauptsache hatte er Furcht« man könnte ihn einholen,«he er seine Absicht ausgeführt hatte; dahinter aber lauerte ein unbewußtes, aber weit größeres Eni« setzen vor der Grauenhaftigkeit seines Verbrechens. Aber das Froh- locken überwog doch bei weitem die Furcht. Noch kein Anarchist hatte sich vor ihm an diesen Gedanken gewagt. Ravachol, Vaillant, alle die hervorragenden Persönlichteiten, die er immer um ihren Ruhm beneidet hatte, schrumpften zu nichts zusammen neben ihm! Er brauchte nichts als die Wasserleitung zu suchen und die kleine Tube über einem Reservoir zu zerbrechen. Wie wundervoll er doch das alles geplant— das Empfehlungsschreiben gefälscht, sich in das Laboratorium eingeschlichen, und wie glänzend er auch die Ge- legenheit beim Schops ergriffen hatte! Endlich, endlich würde di« Welt von ihm hören! Tod, Tod. Tod! Immer hatten sie ihn be- handelt wie einen, der nichts Besonderes zu sagen hatte. Die gange Welt hatte sich verschworen, ihn drunten zu halten. Aber er würde sie schon noch lehren, es ihnen schon noch zeigen, was das heißt: einen Menschen so beiseite schieben! Was war denn das für eine wohlbekannte Straße? Great Saint Andrews Street— natürlich! Und wie stand es überhaupt? Er lugte vorsichtig aus dem Droschken. fenster. Der Bakteriologe war kaum fünfzig Schritte hinter ihm. Das war schlimm. Man würde ihn vielleicht doch noch erwischen und anhalten. Er suchte in seinen Taschen nach Geld und fand auch ein Goldstück. Das warf er durch die Lücke vorn dem Kutscher zu.„Schneller!" rief er.„Bloh weiter— fort!" DaS Geldstück verschwand-augenblicklich aus seiner Hand.„Jawohl!" sagte der Kutscher, und daS Fenster flog wieder zu, und die Peitsche sauste um die feuchien Flanken des Pferdes. Die Droschke schwankte; der Anarchist, der noch halb aufgerichtet dastand, stemmte die Hand. die die kleine GlaStube enthielt, auf das Spritzleder, um sich im Gleichgewicht zu erhalten. Er fühlte, wie daS spröde Ding zersprang, und die Bruchstücke auf den Boden der Droschke hinunter« klirrten. Mit einem Fluch fiel er auf feinen Sitz zurück und stierte trübselig die zwei oder drei Tropfen an, die auf dem Spritzledey hingen. Ihn schauderte. „Na ja. Also vermutlich werde ich der erste sein! Bah! Immerhin ein Märtyrer. DaS ist schon was. Trotzdem— es ist doch ein miserables Ende. Ob es wirklich so weh tut, wie sie sagen?" Gleich darauf kam ihm ein Gedanke. Er tastete zwischen seinen Füßen herum. In dem zerbrochenen Ende der Tube war noch ein kleiner Tropfen stehengeblieben; den trank er aus— um sicher zu gehen. Es war doch immerhin besser, sicher zu gehen. Auf jeden Fall— er war treu! Dann plötzlich dämmerte es ihm, daß eigentlich keine Not- wendigkeit mehr vorlag, vor dem Bakteriologen zu flüchten. In Wellington Street befahl er dem Kutscher zu halten und stieg aus. Auf dem Trittbrett glitt er aus. und ihm war seltsam wirr zumute. Wie schnell es wirkte, dies Choleragift! Er winkte den Kutscher davon und blieb dann, die Arme über der Brust gefaltet, auf dem Trottoir stehen, um die Ankunft des Bakteriologen zu erwarten. Etwas Tragisches lag in seiner Pose. Das Bewußtsein unaus- weichlichen Todes verlieh ihm eine gewisse Würde. Mit einem her- ausfordernden Lachen begrüßte er seinen Verfolger. „Vive l'Anarchie!®ie kommen zu spät, lieber Freund! Ich Hab' es getrunken! Die Cholera ist im Gang!" Der Bakteriologe guckte ihn von seiner Droschke aus durch die Brille mit neugierigen Augen an.„Also Sie haben es getrunken! Gin Anerchist! Jetzt verstehe ich— endlich!" Er war im Begriff. noch mehr zu sagen, hielt aber plötzlich inne. Gin Lächeln zitterte um seine Mundwinkel. Er öffnete die Tür der Droschke, wie um auszusteigen; worauf der Anarchist ihm ein tragisches Lebewohl zuwinkte und in der Richtung nach Waterloo Bridge davoneilte, wobei er Sorge trug, auf seinem Weg so viele Leute als nur mög- lich anzurempeln. Der Bakteriologe war so ganz versunken in diesen Anblick, daß er kaum ein leises Erstaunen äußerte, als Minnie mit Hut und Stiefeln und Ueberzieher neben ihm auf- tauchte.„Wie lieb von Dir, daß Du mir meine Sachen bringst!" sagte er, noch immer ganz verloren in Betrachtung der entschwin- denden Gestalt des Anarchisten. „Setz' Dich in die Droschke!" sagte er, noch immer dem andern «achstarrend. Minnie war jetzt ganz davon überzeugt, daß er ver- rückt geworden war, und gab dem Kutscher auf eigene Verant- Wartung hin ihr« Adresse.„Stiefel anziehen? Aber natürlich, Schatz!" sagte er, als die Droschke umdrehte und dadurch die davon- eilende dunkle Gestalt, die jetzt in der Entfernung sehr klein er- schien, seinen Blicken entzog. Auf einmal überfiel ihn ein grotesker Gedanke, und er lachte auf. Worauf er bemerkte:„Aber doch— es ist recht ernsthaft! Siehst Du— der Mann ist zu mir ge. kommen— einfach als Besucher. Er ist ein Anarchist. Ach nein — nicht ohnmächtig werden I Sonst kann ich Dir'S ja überhaupt nicht erzählen. Ich wollte ihm gern ein bißchen imponieren— wußte ja nicht, daß er ein Anarchist war— und nahm eine Kultur von der neuen Spezies von Batterien, von denen ich Dir erzählt habe— die bei verschiedenen Affenarten blaue Flecken erzeugen und für innner festhalten; und in meiner Dummheit sagte ich, es wäre die asiatische Cholera. Und gleich darauf ging er durch mit dem Gift, stahl es und wollte die Londoner Wasserleitungen damit vergiften.— Na ja, eine schöne Bescherung Hütt' er ja wohl an- richten können für diese Stadt der Zivilisation! Und jetzt hat er es selber alles geschluckt! Ich kann ja selbstverständlich nicht vor- aussagen, was eigentlich geschehen wird— aber Du weißt doch— die junge Katze damals und die Hunde und der Sperling— alle haben sie sich blau gefärbt— blaue Flecken— so recht himmelblau. Das Scheußliche an der ganzen Geschichte ist bloß, es wird mich wer weiß wieviel Zeit und Geld kosten, wieder neue zu präparieren. „Was! Den Ueberzieher anziehen? An so einem heißen Tag? Warum denn? Weil mir vielleicht Mrs. Japper begegnen könnte? Aber Schatz— Mrs. Japper ist doch lein Durchzug! Warum soll ich denn einen Uckberzieher anhaben— an so einem heißen Tag r- bloß weil Mrs.,,, Na ja, schön!" Scbeltenworte auf die poUzcu Der Reichtum einer Sprache zeigt sich in der Mannigfaltigkeit ihrer Formen, in dem Reichtum ihrer Ausdrücke, in der Feinheit ihrer Unterscheidung, in der Assimilierung fremdsprachiger Aus- drücke, aber nicht zuletzt in der großen Zahl von Bezeichnungen für die gleiche Sache. Dort wo in mannigfachen Dialetten an dem Weiterbau der Sprache vom Volke gearbeitet wird, finden wir häufig zahlreiche Bezeichnungen, die nach Landstrichen und Sprachfärbungen natürlich verschieden sind. Der Witz des Volkes, auch seine Kampfeslust kommt häufig zum Ausdruck in Spott- und Scheltnamen, in Neck- und«chimpfwortcn, in Ekel- und Spitznamen und in immer neu entstehenden Scherzworten. Frei- lich wird mit steigender Kultur altes Sprachgut verschlissen und abgeschliffen, von der kräftigen Ausdrucksweise des Ib. und 16. Jahrhunderts ist heute vieles völlig vergessen. So manches bleibt ungenutzt, weil es nicht in der Schriftsprache zur Geltung gelangen kann, weil es nur im Volksmunde weitergeführt wird, und der großen Volksmasse völlig unbekannt bleibt. Das mundartliche Sprachgut zu sichern, hat man spät genug begonnen, die aus- gleichende Arbeit der allgemeinen Volksschule, des Zeitungswcsens und der sonst in das Volk dringenden Literatur hat mit vielem alten und werwollen Besitz aufgeräumt. Emsig sucht man nun, freilich nicht in allen Teilen des deutschen Sprachgebietes, fest- zuhalten, zum mindesten zu registrieren, was heute noch als des Volkes Sprache wirkt, oder den Alten wenigstens noch in Erinnerung geblieben ist. Groß angelegte Unternehmungen, wie da? Schweizerische Idiotikon oder das schwäbische Worterbuch werden erst den ganzen Reichtum der Sprache aufzeigen. Daneben wird seit kurzem die Sprache einzelner Berufe untersucht. So sind! Bücher über die Studentensprache erschienen, über die Gauner- spräche, über die Bergmannssprache, über die Hennaelersprache- Heinrich Klenz, dem wir ein schönes Buch über die deutsche Druckersprache verdanken, hat in dem Verlage von Karl I. Trübner, der auch die eben genannten Wörterbücher veröffentlichte, ein originelles Schelten-Wörterbuch erscheinen lassen, das den Untertitel führt: Die Berufs- undHandwerkerschelten und Verwandtes. Wir finden da für alle möglichen Berufs vom Abdecker bis zum Zollbeamten zusammengestellt, was dev fleißige Verfasser aus den Mundarten wie aus der Zeitungssprache, aus der Kunden- wie aus der Gaunersprache, aus der Studenten« spräche wie aus alten längst vergessenen Büchern an Bezeichnungen herausfinden konnte. Wenn wir das Buch aufschlagen, so finden wir fast neun Spalten Bezeichnungen für die Schuhmacher. Für die Scharfrichter mehr wie drei Spalten und für die Rechtsgelehrten über sechs Spalten, für die Geistlichen fast zehn Spalten, für die Gelehrten im allgemeinen über zehn Spalten, für die Gastwirte drei Spalten, für die Freuocn« mädchen dreizehn Spalten, für die Barbiere vier, für die Bäcker über sechs, für die Aerzte mehr als fünf Spalten. Es gibt kaum einen Beruf, der nicht behandelt ist. die Maschinenschreibcrin und der Mathematiker werden da ebenso behandelt wie der Musikant und der Nachtwächter, wie die Ohsthändlexin und der Offizier, wie der Pferdeschlachter und der Rentner, wie der Sänger und der Schneider, der Schornsteinfeger und der Soldat, der Journalist und der Totengräber, der Uhrmacher und der Vogelhändler, die Varietesängerin und der Zahnarzt usw. usw. Man kann diese? merkwürdige Buch, was sonst von Wörterbüchern nicht gilt, vom Anfang bis zum Ende mit dem größten Interesse lesen, der Humor kommt da reichlich auf seine Rechnung und mancher Einblick in die Volksseele wird eröffnet. Es ist selbstverständlich, daß Berufe, die mit der Masse der Bevölkerung wenig in Berührung kommen, von Spott-, Schelt- und Scherzworten selten beunruhigt werden, während Berufe, die un» unterbrochen mit der Bevölkerung in Fühlung soin müssen, wie z. B. die Bäcker und die Aerzte eine recht reichliche Sammlung von Spott- und Neck- und Spitznamen anlegen konnten. Am meisten fordert die Tätigkeit der Polizei bei der Bevölkerung Unwillen und Aerger, ja oft noch stärkere Gefühle heraus. Daß da die Kunden- und die Studentensprache und nicht zuletzt die Gaunersprache zahlreiche Bezeichnungen für die Polizei geschaffen hat, ist nicht zu verwundern. Zum Teil sind diese Bezeichnungen erst nach einiger Erklärung verständlich. Klenz gibt die Scheit« und Scherzworte auf die Polizei in alphabetischer Reihenfolge, ohne die Bezeichnungen für verwandte Berufe wie Gefangenwärter und Gendarm 117 Namen. Von ihnen sind nur ganz vereinzelte ver, schieden« Schreibweisen, weit über hundert sind durchaus selb, ständige Kennzeichnungen, wenn auch wenig liebenswürdige für die Polizisten und die Polizeiagenten, Polizeibeamten und Gerichts, diener, Rat- und Stadtdiener und Stadtsoldaten. Beginnen wir mit dem, was Klenz aus der Kunden» spräche, also aus der Sprache der reisenden Handwerksgesellen herausgefischt hat. Fänger und Fauler werden in der Kunden» spräche die Kriminalpolizisten, die Schutzleute in Zivil, die Geheim» Polizisten oder die Detektivs genannt. Der Flurschütz wird als Flurmichel erwähnt, mit Geheimer oder Heimlicher wird ein Ver» trauter, Spion, Geheimpolizist gekennzeichnet. Für sie gibt eS auch den Ausdruck Kundenfänger. Der Berliner sagt für Gerichts, diener Nuntius, der Ausdruck wird von den Kunden auch für die Polizisten gebraucht. Bei ihnen findet sich auch der Ausdruck Polente oder Putz, auch Butz geschrieben, weiter der Putzemann, in Bayern der Schmutzlappen. Für den Zwangstransporteur hat der Kunde den Namen Schubtreiber, nach dem früheren festen Bergschloß, Hohen Urach, nennt er einen Geheimpolizisten Urach, Für diese so beliebte Form polizeilicher Gewalt kennt der Kunde auch den Ausdruck Verdeckter, er spricht von dem Polizisten auch von einem Zänkerer. Auch die S t u d e n t e n s p r a ch e hat so manches DutzenT eigener Namensbezeichnungen. So nennt die ältere Leipziger Studentensprache den Polizisten Clauditchen, was aus dem lateini- schen clsuckite d. h. schließt stammen soll. Für den Ausdruck Glcditchen finden die Sprachforscher nur den Zusammenhang mit dem Clauditchen. Aus der Stratzburger Studentensprache vom Ende des 18. Jahrhunderts rührt die tragikomische Bezeichnung Fausthammer her. Die Studenten an der alten vorderösterreichi- schen Universität Freiburg in Baden ersannen das lustige Wort Klammhaken. Die Münchener Studenten am Ende des 18. Jahr- Hunderts sprachen von den Polizisten als von Maikäfern, weil die Farbe der Uniform zu dieser Bezeichnung den Anlaß gab. Ebenso ist der Zusammenhang bei den Studentenausdrücken aus dem letzten Drittel des 18. und"ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zu er- klären: Meese, Meise, Stadtmeese. Strittig ist, ob der Leipziger Ausdruck Moese dieselbe Wurzel und denselben Anlaß hat, oder ob er nicht auf ein gemeines obszönes Schimpfwort zurückzuführen ist. In Beziehung auf die Festnahme Jesus auf dem Oelberg fanden Studenten des 17. Jahrhunderts die Bezeichnung Oelberger für die Polizisten charakteristisch. Im Zusammenhang mit der Bibel steht auch die Bezeichnung Philister, für Wächter und für Stadtsoldatcn, nachher freilich für jeden Widersacher der Studenten und zuletzt für jeden Nichtstudenten. Aus der Leipziger Mundarjj erklären sich Sprachformen ivie Police vnd fZolise. In der Studentensprache, aber auch weit über sie hinaus finden wir den Ausdruck Polyp, der einerseits anklinat an die amtliche Bezeichnung, dann aber an die Fangarme des Vielknhes erinnert. In Berlin soll die Bezeichnung vor allem für die nicht uniformierten Polizisten gelten. Um 1600 war in Oberdeutschland das Wort Raup oder Raupe bei den Studenten gebräuchlich. In ihren Zusammenhängen nicht mehr zu erklären sind die Ausdrücke Rosenhaner und Rotkopf, Schnurrbart und Schnurre, die wohl aus irgendwelchen heute nicht mehr feststellbaren lokalen Zusammenhängen zu erklären sein werden, während die Bezeichnung Stieglitz auf die bunte Amts- tracht der Polizisten bei Feierlichkeiten zurückzuführen sein dürfte. Natürlich verallgemeinern sich Bezeichnungen, die weit über den Kreis ihrer Erfinder gebraucht werden. So soll der Ausdruck Achtgroschenjunge, der für die Vigilanten der Berliner Polizei und mich sonst in Deutschland viel gebraucht wird, aus der Dirnen- spräche stammen. Aus dieser kommen auch sonst noch manche Bezeichnungen, wie die leicht erklärliche des Greifers, und wie die Abkürzung die Sitte für die Sittenpolizei und wie die schwer- verständliche des Kreuzritters. Ueberaus reich ist die Gaunersprache, mit deren mannig- fachen Ableitungen aus dem Hebräischen, an Schimpf- und Spott- namen für die Polizeiorgane. So bezeichnet sie einen starken und gesunden Mann, das heitzt einen der Gaunersprache kuichigen und klugen Kriminalbeamtkn, als Balcholem, dann spricht sie von dem Beiert als einem untersuchenden Polizeibeamten, einen Gerichts- diener nennt die Gaunersprache Bindfaden. Aus der Gauner- spräche ward zu einer in Berlin allgemein üblichen Bezeichnung die des Blauen nach der Farbe der Uniform der Berliner Schutzleute. Der Berliner erklärt den Polizisten als„ein blauanjestrichenes Ab- führmittel". Die Gaunersprache spricht von dem blauen Jagd- Hund. Von der blauen Kalitte. Das Wort Kalitte, das früher\n Berlin für einen Schutzmann gebräuchlich war, wird auf Kohlweih- ling oder Schmetterling zurückgeführt. Auch vom Blaukopf spricht man in Berlin. Mit Blaumasel, eigentlich„kleine Blaumeise", soll die moderne Wiener Gaunersprache die Polizeiagenten bezeich- neu. Aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammt die Bezeichnung Blaustrumpf für einen Polizeiagenten, wegen der zur Uniform der Gerichtsdiener gehörenden Wadeichekleidung. Kehren wir nun von den Blauen wieder zur Gaunersprache zurück, die für einen Be- amten, der die Schliche und Sprache der Gauner kennt, die Be- Zeichnung Bochur hat. Ebenso wie dieser Ausdruck stammt der für eijien Polizeikommissär. Bolgermann— was Zänkerer Heifeen soll — aus dem Hebräischen. Das gleiche gilt für die nachfolgenden Gaunerausdrücke: Derfen-Schmuch, das man mit Halte fest über- setzt, dann Hadatsch, das Greifer, weiter Kapdon, das Fesseler be- seiltet! Ferner ist da Moschel zu nennen, d. i. Machthaber, die Gaunerbenennung eines Polizeidirektors, dann die Worte Peih- zaddik und das gleichklingende Pezaddik, das ist Gerechter, der recht hat. Schmierer und Schmiermichel, das tvohl mit Wächter zu übersetzen ist; Zaddekim, der Gerechte, stammen alle aus dem Hebräischen. Aber es gibt auch reichlich viele andere, nicht aus dem Hebräischen stammende Gaunerausdrücke für die Polizei- Beamten, so zum Beispiel der Fleischmann für für Gendarmen, später für Polizisten und Henker, der Iltis für die Stadtknechte, in Bewunderung ihrer Gewandtheit und List. Karten nennt der Gauner die PÄizeipatrouille, er verunstaltet das Wort Kibitz in Kiawisch, mit das er den Visttierer, d. h. den untersuchenden Be- amten benennt. Klette ist auch ein Gaunerausdruck für Polizist, Kuberer wird ein Sittenpolizeikommissär, Lampe ein Nachtwächter, Laterne und Licht, ja auch Mohrrübe und Mondschein, so speziell in Wien, werden die Polizisten von den Gaunern genannt. Die Wiener Gaunersprache hat für den Polizeiwachmann die gemütliche Bezeichnung Schanl, in anderen Gegenden nennt man den Ge- fangenenwärter oder den Gerichtsdiener Schanter, in Schwaben nennt man den untersuchenden Polizeibeamten Schienkel, den Un- glück bringenden, den Späher der Polizei nennen die Gauner Schlamasser. Die Bezeichnung Schauter ist vielleicht an? Schuster entstanden, auch die Bezeicknung Schuter kommt bei den Gaunern für Polizisten vor. Ein Späher wird Spanner, auch Spenz ge- nannt. Endlich wird ein Polizeikommissär mit dem aus dem Mittel- hochdeutschen stammenden Worte Zenserer gekennzeichnet. Aber auch sonst kommen mannigfache Bezeichnungen vor, ohne besondere Zusammenhänge mit bestimmten Berufen, oft aber wohl mit literarischen Beziehungen, oder auch mit Ausdrücken, die durch häufige Anwendung in den Zeitungen weite Ver. breitung gefunden haben. Schillers Liebe von der Glocke ver- danken wir das Auge des Gesetzes, aus dem Zeitungsdeutsch stammen die Worte Behelmter, Hüter der Ordnung, wobei man an einen ironischen Gebrauch des Wortes denken muh. Sohn oder Wächter der heiligen Hermandad, die aus dem Spanischen kommende Bezeichnung, wurde zuerst von Blumauer angewandt. Dem Zeitungsdeutsch soll angeboren der Verivalter des Amtes des Erzengels Gabriel. Von anderen Bezeichnungen, die Klenz anführt, nennen wir den Buettel, der auf die bunte Uniform zurückzuführende Aus- druck für die Nürnberger Stadtdiener. Flecklisbub«, dann Fuchs- schwänz, Haltefest, Hacscher, Hilgen(Heiligen). Engel, Kommstracks, Leisetreter, das von Karl H e n ck e l l in der Zeit des Sozialisten- gesetzeS geschaffene Wort Lockspitzel für das französische sgenk provocateur, dann das Wort Meester Fix, Pack an, Plempe, die Berliner Bezeichnung für Säbel, weiter das aus dem Italienischen stammende Wort Sbirre, Scherge, und der Schmußmann für Schutz- mann, der Schurke für Polizeiagent, der Sechsknepper oder Sechs- knöppler, wegen der blanken Rockknöpfe der Leipziger Rats- und Polizeidiencr. Die Stockamscl, weil die' Polizisten früher in Leip- zig einen Stock führten, der Wiener Ausdruck Wastel. Manche anderen von Klenz angeführten Bezeichnungen wären noch anzuführen, aber sie sind wegen ihrer niederdeutschen Ab- stammung oder aus sonstigen Gründen nicht gut zu verstehen und nicht besonders wichtig. Auch für Gefangenenwärter und Gendarm gibt es eine reiche Fülle von Ausdrücken, die hin und wieder auch für die Polizisten angewandt werden. Tie aufeerordentliche Reichhaltigkeit der Bezeichnungen für die Polizisten ist nicht nur interessant aus kulturhistorischen Er- wägungen, die ganze sprachschöpfende Kraft des sogenannten niede- ren Volkes zeigt sich gerade bei dieser Fülle von Sprachgestaltungen für die Polizeiorgane. Es zeigt sich auch der Gegensatz, die ganze unfreundliche Stimmung gegen die Polizei, die immer wieder zu Hohn und Spott, zu Schimpf und Schelt herausfordert, dr. kleines feuiUeton. Aus dem Tierleben. Krähenwandern ngen. Im Spätherbst, wenn die Scharen der Zugvögel unS längst verlassen haben und in fernen, sonnigen Ländern nichts von der Not des nördlichen Winters kennen lernen, erscheinen auf unseren Fluren in zahlreichen Flügen die grauen Nebelkrähcn, teils um hier den Winter über an günstigen Orten zu bleiben, teils um nach kurzem Aufenthalt weiter westwärt» zu wandern. In der Mark Brandenburg, also auch in der Um- gegend von Berlin, ist die Graukrähe heimisch, d. h. sie nistet hier und ist zu allen Jahreszeiten zu finden. Anders ist eS aber in den Gebieten westlich der Elbe, dort brütet die Rebelkräbe nicht, sondern sie erscheint erst zu Anfang des Winters, und sie heifet dort daher auch Winrerkrähe. Aus ihrem mehr oder weniger häufigen Austreten schliefet man vielleicht mit einigem Recht auf das Wetter de» kommenden Winters. Woher kommen nun diese wandernden Krähenscharen und wohin gehen sie? Der verdienstvolle Leiter der Vogelwarte Rossitten auf der Kurischen Nehrung, Dr. Thienemann, hat auf originelle Art diese Frage beantwortet. Er liefe und läfet heute noch die über die Nehrung ziehenden Krähen nach Mög- lichkeit fangen und versieht einen Ständer der gefangenen Vögel mit einem leichten Aluminiumring, ver die Auf'chrift „Bogelwarte Rossitten" nebst einer Nummer trägt. Wird ein solcher Bogel erlegt und der Ring nach Rossttten geschickt, dann lasien sich sichere Schlüsse über seine Wanderung ziehen, die im Laufe der Jahre ein lückenloses Bild von dem Zuge der Krähen ergeben müssen. Die bisher mit dieser Methode erzielten Resultate find aufeerst inter- essant und lehrreich. Auf der Kurischen Nehrung Iverden hauptsächlich Graukrähen gefangen, die im Herbst von Rufeland kommend, den Zug nach dem Westen angetreten haben. Im Laufe weniger Jahre sind dort bis jetzt ungefähr 1000 Krähen gezeichnet worden, von denen etwa 100 Fnferinge wieder eingeschickt worden sind. Hierbei hat sich nun herausgestellt, dafe die in Rufeland beheimateten Krähen zum Winter ganz gewaltige Wanderungen unternehmen, und zwar er- streckt sich der Zug hauptsächlich durch die Küstenländer der Ostsee, also nach Ost- und Westpreufeen, Pommern, Mecklenburg, Hannover, Westfalen. Bon einer Schar beringter Krähen, die am 4. Oktober 1906 auf der Kurischen Nehrung aufgelassen wurden, war eine biS zum Sambreflufe in Nordfraukreich gezogen, wo sie am 8. No- vember bei der Ortschaft Solesvet erlegt wurde. Dies ist der südlichste und zugleich westlichste Punkt, der für die aus Rufeland wandernden Krähen bisher festgestellt werden konnte. Für Nord- deutschland ist als südlichster Fundort Aachen, für Mitteldeutschland Trettin an der Elbe ermittelt worden. Im zeitigen Frühjahr wandern die Graukräheit wieder in ihre russische Heimat zurück, und zwar benutzen sie denselben Weg wieder, wie aus dem Fang ge- zeichneter Krähen hervorgeht, die im Frühjahr in derselben Gegend der Kurischen Nehrung wieder gefangen wurden, in der sie schon einmal auf dem Hinzuge im vorhergehenden Herbst oder schon ein Jahr früher gesangen waren. Die östlichsten und nördlichsten gezeichneten Exemplare stammten ans der Gegend von St. Peters- bürg und Helfingfors. Aus den bisher erzielten Ergebnissen geht also hervor, dafe die aus Rufeland stammenden Nebelkrähen sich all- winterlich über ganz Norddeurschland, ja sogar bis nach Frankreich hin verbreiten, sie nehmen im Winter ein ganz gewaltiges Gebiet ein. aus dem sie im zeitigen Frühjahr wieder aufbrechen, um ihren russischen Brutplätzen zuzustreben. veraiilw. Redakteur-. Richar» Barth, Bertin.-- Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckereiu.Verlagsanstalt Paul SingerscEo., Berlin 3�.'