Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. L35. Freitag den 2, Dezember. 1910 derbsten.) 26] Mas ilt Ruhm? Roman von Max Krctzct; „Wie, was? Das ist feoch gar nicht möglich," plärrte RenSdahl, der den Barontitel als ganz selbswerständlich hin- nahm. „Doch, es ist so," erwiderte Köstlin,„sie arbeiten ja zu- sammen. Kempen ist überhaupt der Größere, er bleibt nur immer im Hintergrund, weil er zu besckieiden ist. Von dem können wir aber nocl) was erwarten, er ist ein Vollmensch." Die übrigen achteten kaum auf diesen Einwurf, denn die Wogen der Unterhaltung gingen hoch. Heilke jedoch, der diese Aufklärung gehört hatte, gab seinem Gehilfen einen Wink, die Bemerkung nicht weiterzu- spinnen, die seine eigne Stunst schließlich in Mitleidenschaft ge- zogen hätte. Und um der Sack)e sofort die Spitze abzubrechen, beruhigte er Rensdahl, der ganz verblüfft dreinschaute.„Das sind so lkünstlerscherze, die man nicht ernst nehmen darf," sagte er lächelnd.„Man plaudert nicht gern aus der Schule, aber wenn's sein muß—. Anregungen nimmt jeder gern entgegen. Und vielleicht hat er Lorensen angeregt. Möglich, möglich. Kann auch mal selbst daran herumgcnudelt haben. Warum nicht? Wenn Lorensen es für gut befand? Jeder Meister muß seine Gesellen haben." Und er sah dabei den Schwarzbärtigen so bezeichnend an, daß dieser ihn verstand. Zufälligerweise ging Marianne an dem Tisch vorüber, und so fuhr er mit Betonung fort:„Lo- rensen überragt den ganzen Nachschub, ich weiß es, er war mein Schüler. Seine Kunst hat große Feinheiten. Sie sind da wirklich an die richtige Adresse gekommen." „Wenn Sie es sagen. Verehrter, muß es wahr sein," gab Rensdahl zurück.„Aber merkwürdig, ja eh, merkwürdig bleibt solche Erscheinung doch. Man will doch schließlich nur die richtige Hand haben, gerade bei solchem Meisterstück." Sein Blick glitt zu den beiden hinüber und blieb auf Kempen haften, als wäre dieser jetzt einer besonderen Musterung wdrt. Heilke lachte nur kurz, was ein Zeichen dafür sein sollte, daß er über solche Dinge ganz anders denke und jeden aber- maligen Hinweis darauf für unnütz halte. Nensdahl unter- lag auss neue dem Augenspiel der schönen Frau, und so wurde sein Mißtrauen gegen Lorensen bald wieder unterdrückt. Stampf und Golding hatten sich zusammengefunden. Beide standen, ihr Glas in der Hand, abseits in einer der- lorenen Ecke und befanden sich im heftigsten Redefeuer über ihre grundverschiedenen Kunstanfichten, wobei das Jupiter- Haupt wie bedauernd lächelte, sobald der Gegner eine neue Meinnngladung rasseln ließ. „Aber ich bitte Sie, mein Bester, das sind ja alles olle Kamellen, die Sie da vorbringen," sagte er zerstreut wie ein Mann, der es für überflüssig hält, sich über gewisse Dinge noch zu streiten. Dabei röchelte er fortwährend durch die Nase, weil er an einem Stockschnupfen litt, der ihm dieselbe Pein bereitete wie seinem Zuhörer.„Kunst kommt doch her von Können. Die Neuen sollen doch erst mal zeigen, was sie können." „Und das Licht kommt von der Sonne," wandte Golding lebhaft ein.„Ihre Alten haben immer bei Sonnenfinsternis gemalt. Und da die nicht sehr oft eintritt, sind auch ihre Meisterwerke so selten. Zeit genug hatten sie ja eigentlich zum Nachdenken." „Ein wohlfeiler Witz, mein Lieber, mit dem Sie aber gar nichts beweisen," sagte Stampf wieder.„Wenn die Kunst ein Stück Naturausschnitt sein soll, durch ein Temperament ge- sehen, frei nach Zola, dann haben Ihre Modernen vielleicht recht. Temperament ist genug vorhanden, aber es fehlt die Zügelung." „Sehr gut, sehr gut. Felix," mischte sich Thormeyer hinein, der die beiden still umkreist und aus den Augenblick getvartct hatte, wo er seinen Groll ausspritzen könne.„Die gehn ja alle durch mit der Kunst. Die Durchgänger müssen aber erst ein- gefahren werden. Schule, Schule— das ist die Hauptsache. Js es nich so. Felix? Erst zeichnen lernen, Herr Doktor, und dann malen. Grundregel:, befolgen, Konturen sehen!" „Man kann ja auch mit dem Pinsel zeichnen, Herr Pro- fessor," erwiderte Golding verbindlich, wobei der Schalk ihm hinter dem scharfen Glas aus den Augen blickte.„Man nennt das eben impressionistische Kunstfertigkeit. Nichtig sehen und richtig erfassen ist doch die Hauptsache. Gewiß, gewiß! Den ersten überwältigenden Eindruck der Natur festzuhalten, ohne sich um Nichtigkeiten zu bekümmern, sozusagen den Geist der Schöpfung, erfaßt durch die eigne Seelenstimmung, wieder- zugeben, darum wird es sich immer in erster Linie handeln; bei einem Kunstwerk sich handeln, Herr Professor." „Können denn die Leute richtig sehn? Was sehn sie denn?" krähte Thormeyer aufs neue und fuhr gewohnheits» mäßig mit der großen, bunten Taschenwindel über den Westen- ausschnitt, weil er sich wie gewöhnlich beim Essen bekleckert hatte; dann noch über seinen mächtigen Nietzschebart, dessen wie traurig herunterhängende Spitzen noch nicht ganz entfettet waren.„Diese Menschen sehn die Natur überhaupt nicht, wie sie ist, nur wie sie in ihrem Kopp sitzt. Js es nich so, Felix?" Stampf, der sein Glas auf einen Tisch gestellt hatte� verhielt sich ablehnend nach beiden Seiten, denn sobald sich zwe, andre Leute von Bedeutung stritten, gab ihm seine Klugheit den Wink, es mit keinem von beiden zu verderben. Von Thor- meyer hatte er prächtige Studien und Bilder, die ihm weiter nichts gekostet hatten als die kritische Anerkennung, die er ihm jahrzehntelang in Zeitschriften und Tagesblättern gezollt hatte; und was diesen Golding betraf, der überall herum ge, sellschaftete, überall mit seiner Feder orakelte, für die neue Geistesbewegung zur Aufnahme neuer Saat die Furchen zog, so war jene Vorsicht geboten, die als Mutter der Weisheit an der Grenze des Möglichen Halt macht. Und möglich war alles in der Welt! Er, Felix Stampf, hätte sogar noch einmal auf den Gedanken kommen können, sich eine Galerie der Modernen anzulegen, und dann würde er sich schön gehütet haben, Geld dafür auszugeben; obgleich es ihm doch sicher schwer gefallen wäre, seine ganze Kunstanschauung, gleichsam wie einen Rock, zu wenden und all die braven Kerle fallen zu lassen, die ex groß gelobt hatte. „Aber das meinte ich ja gerade, Herr Professor," warf Golding lächelnd ein.„Wenn die Künstler nur fähig sind, die Erscheinungen der Natur richtig in ihren Kopf aufzu- nehmen, das genügt schon. Ohne Denkvermögen keine ans- übende Kraft." Thormeyer, der sich verhaspelt hatte, kehrte jetzt seinen Aerger gründlich hervor.„Erscheinung— das Wort stimmt," spottete er grimmig los.„Diesen Kerlen erscheint die Natur auch nur so, wie sie sie hinschmieren. Der eine sieht die Wolken als weiße geschlachtete Kaninchen an, der zweite den Wald als einen Spinathaufen, und der dritte, na, dem ist die ganze Welt nur ein Kohlrübenfeld. Es können auch Lupinen sein. Js es nich so, Felix?" Stampf mußte lachen, winkte dann aber sofort mit Würde ab:„Aber ich bitte Dich, das sind doch Uebertreibungen." „Allerdings, wenn Sie die Sache ins Lächerliche ziehen wollen, dann ist jede ernste Diskussion darüber ausgeschlossen," warf Golding ein und wollte sich abwenden. Thormeyer jedoch hielt ihn zurück.„Scherz beiseite, Herr Doktor," brachte er mit übergehenden Augen hervor, weil ihm die letzte Prise in der Nase stach,„aber die Auswüchse machen's doch so. Pinselauswischen ist doch noch keine Malerei. Manch- mal gehn die Oelflecke aus der Leinwand gar nicht mehr her- aus. Und das ist recht schade. Um die Leinwand nämlich. Js es nich so, Felix?" Und plötzlich begann er durchaus ernst seine Auffassung zu entwickeln, die eigentlich weiter nichts als eine Verfechtung des technischen Inhalts oll der vielen Ge� mälde war, die er während eines Menschenlebens geschaffen hatte und die er von der neuen Richtung nun mit Hohn in die Versenkung geworfen sah. Jeder, der mit gesunden Augen in die Natur blicke, sehe die Blümlein in der Nähe scharf als solche, überhaupt alles deutlich und klar, was sich dem Blick in dem gehörigen Abstand zeige, den man vor einem Bilde einnehmen müsse. Jedes Blatt sehe man scharf umgrenzt, jeden Zweig, jeden Grashalm. Das könne man sogar bei klarer Luft in einer bestimmten Eni- fernung noch bemerken, wie auch bei Menschen und Tieren. Das sei allerdings schwierig wiederzugeben, den» es verursache Arbeit: die Modernen aber machten sich die Sache sehr lercht, indem sie selbst alles, was noch erkennbar sei, durch bloße Farbentupfer auf die Leinwand setzten. Die Kontur, der Nerv jeder Kunst, sei �on diesen sezessionistj scheu Landschaftern völlig verwischt, weil sie alle kurzsichtig geworden seien. Dieser ganze Rummel sei nur geschassen, um das Publikum durch Nicht- könner zu täuschen. Nur, weil sie selbst die Unnatur in sich trügen, wollten sie mit Gewalt eine suggestive Wirkung auf den Beschauer ausüben. Suggestion sei aber nur ein künst- licher Zustand, der bald wieder dem natürlichen weiche. Die Natur lasse sich nicht betrügen, sie sei älter als die Menschen. Und wie jedes Rippchen an einem Blatt seinen Zweck erfülle, so sei auch das gesunde Auge des Menschen dazu geschaffen, dieses Rippchen zu sehen, sobald seine Kraft dazu ausreicht. Und der Künstler, der das nicht tue. fei entweder ein Heuchler oder ein Blinder. „Dann müssen wir die Porzellanmalerei zur Kunst er- heben," warf Golding trocken ein,„oder meinetwegen auch das Stilleben zur Offenbarung." „Und Böcklin? Heh?" wetterte Thormeyer los.„Sehn Sie sich seine badenden Jungens an, die Frühlingslandschast, diesen Farbenrausch eines Genies. Oder seine berühmte Flora. Jedes Blümlein sehn Sie, jeden Grashalm. Alles ist scharf, klar und deutlich, wie mit einenr Objektiv fest- gehalten. Js es nich so, Felix?... Wolle» Sie den viel- leicht auch schon zum alten Eisen werfen? Euch Kritikern ist ja alles zuzutrauen." Herausfordernd stand er vor ihm, mit der Miene des Siegers, der seinen Gegner schon ani Boden liegen sieht. Er hatte merkwürdig schöne Augen von tiefem, braunem Glanz, die, wenn sie ruhig waren, wie geschliffenes Gestein unter den mächtigen, herabhängenden Brauen lagen: es leuchtete in ihnen, und ihr Glanz verkündete die Genugtuung, die er über diesen selbstherrlichen Kunstschreiber davon tragen wollte, der sich angemaßt hatte, mit ein paar Federstrichen fein ganzes, so reiches Leben auszulöschen. (Fortsetzung folgt.), (Na«dru», weiß ich schon; sagen Sie mir aber, wie ich hier wieder rauskomme."— Einem den Alkohol- gemiß abstreitenden Patienten wird ieine rote Naie als Korpus- delikti vorgehalten, worauf der Patient zum Arzt, der zniällig eine etwas gerötete Nase hat, sagt:.Na, wissen Sie. vom Schokolade- trinken haben Sie Ihre rote Naie doch auch nicht."—.Mutzten Sie denn jeden Abend betrunken nach Hause komme»?" fragr der Doktor.„Ach, Herr Stabsarzt," sagt betrübt der Kranke,„und dabei trinke ich doch so langsam."— Vorivurfsvoll meint ein sehr korpulenter Arzt zu einem cntlassungsiähigcn Kranken, der aber noch nicht entlassen sein will:.Sie als kräftiger Mensch könnten doch drautzen schnell Arbeit finden;" der Patient antwortete aber: „Sie doch auch, denn Sie haben ja'n Kreuz wie'n Ziehhund."— Ein wegen mehrfach begangener Unehrlichkeit eingelieferter Mann wird gefragt:„Haben Sie denn die zehn Gebote schon vergessen?" Antwort:„Herr Gott, ick bin doch keen GedächtniSkiinstler."— Freundlich lächelnd stellt der alte Anstaltsdirektor die Frage:„Sie trinken wohl gern einen?", woraus schnell die Entgegnung erfolgt: .O ja, Herr Äeheimrat, wenn Sie gerade einen da haben." Bei einer Jntelligenzprüfung werden u. a. auch sogenannte tlntcrschiedsfragen gestellt, z. B.:„Was ist der Unterschied zwischen einem Soldaten und einem Schntzmaime? Einer antwortete mal: „Ein Soldat wird angeschnautzr, der Schutzmann schnauzt an."— Ein Patient hat den Chinafeldzug mitgemacht, erzählt Kriegs- erlebnisse und schließt mit den Worten:„Und denken Sie, Herr Doktor, bei dem Patrouillenritt trifft mich zuletzt noch eine wohl- gezielte Kugel."„Wo?" fragt der«rzr?„Milien durchs Herz!" —„Wie reisen Sie von hier nach Amerika?"„Zuerst per Bahn nach Hamburg, dann per Schiff durch die Nordsee bis New Dork." „Fährt mait denn auf der Nordsee direkt bis New Dork?"„I Gott bewahre. Ecke Nordsee und Atlantischen Ozean mutz man natürlich umsteigen." 6. Da»„f e st e H a u S". Dieses weicht sowohl in der Bauart und inneren Einrichtung, alS auch bezüglich seiner Jnsaffcn von allen anderen Häusern be- dedentend ab. Hat schon das AufnahmehauS verschloffene Türen i und Fenster, und letztere leicht vergittert sowie Gartenmauern von' zweieinhalb Meter Höhe, so ist das feste HauS natürlich doppelt und dreifach gegen gewaltsame Ausbrüche gesichert. Hier dienen die Fenstergitter nur zum Trutz, auf dem AufnahmehauS da- gegen zum Schutz. Auf die 80 Patienten des festen Hauses kommen gegen 45 Pfleger! Die Nachtwachen muffen teils angezogen auf Strohsäcken vor den Zellenlüren schlafen. Die in den Aufent- haltsräumen befindlichen Tische und Bänke find auf dem Fußboden angeschraubt. Genau durchgesehen werden die von den Besuchern mitgebrachten Sachen: ein größeres Stück Wurst, Kuchen usw. wird durchgeschnitten dem Patienten ausgehändigt, um zu sehen, ob nicht kleine Sägen, Gift- oder Betäubungsmittel, Pfeffer oder Schnupftabak darin stecken. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln ist doch noch die Einführung gefährlicher Werkzeuge vorgekommen. Denn gelegentlich einer Bettenrevision fanden sich in den Matratzen mehrere Eiiensägen, dolchartige Messer und Revolver mit Palronen! Die wiederholten Ausbrüche und Revolten zeigen, daß die in den festen Häusern untergebrachten geisteskranken Verbrecher keine Mittel scheuen, sich den Weg in die Freiheit zu bahnen. Verzeichnet doch die Anstaltschronik einen Aufruhr, bei dem Pfleger und auch Patienten schwer verwundet wurden; selbst eine noch rechtzeitig entdeckte Brandstiftung sollte die Einleitung zu einem geplanten Aus- brach sein.� Zum Schluß noch einige Worte über die Simu lauten, die sogenannten„wilden Männer". Es sind zumeist„Beobachtungs- kranke", die auf Gerichtsbeschluß bin für die Dauer von sechs Wochen zur Beobachtung ihres Geisteszustandes einer Irrenanstalt zugeführt werden. Einige drollige Begebenheiten seien über fie noch erwähnt: So erzäblte ein Simulant über seine angeblickie Krankheit allerhand Erscheinungen, die gar nicht zu einem einheitlichen Krankheitsbilds patzten. Endlich fragte der Arzt:„Sagen Sie mal, kommt das auch bei Ihnen häufig vor. daß Ihnen der Schweiß vorne eiskalt am Körper emporsteigt und hinten wieder siedend heiß hinabläust?" Der Mann entgegnete sofort:„Ja, ganz so ist es, Herr Doktor." Schon wenige Tage darauf aß er seine Suppe wieder aus dem Gc« fängnisnapf. Ein junger, Geisteskrankheit fimulierender Mensch schrieb aus der Strafanstalt heraus ein Immediatgesuch an den Kaiser mit folgendem Schlußsatz:„Da Sie, werter Herr, als Kaiser doch auch oberster Schlüfselmetster aller Gefängnisse und Zuchthäuser sind, so bitte ich Sie, mich, da ich total verrückt bin, sofort aus dem Gefängnis befreien zu wollen, da die Enge desselben geradezu erdrückend auf mein edles Gemüt wirkt." Deutlicher konnte natürlich ein Simulant seine Wünsche nicht kundtun. Ein Uniersuchungsgefangener klingelt in der Gefängniszelle au seiner Glocke nach dem Aufseher; als dieser die Tür aufschließt, stellt der Gefangene seine Schübe stillschweigend heraus und tritt in die Zelle zurück. Auf die Frage des verdutzten Aufsehers, was das bedeuten solle, sagt der Mann ganz trocken:„Ra, was denn? Das ist doch in jedem Hotel so Mode, daß der Hausdiener die Stiefel putzt l" Endlicv erzählte einmal ein Simulant denr Arzt von seinem letzten Einbrucb und sagte dann weiter:„Alle Dinge, die ich bis jetzt„gedreht" habe, klappten großartig, und grade das, wodurch ich mich dauernd hätte zur Ruhe setzen können, mißlingt."„O. wie kam denn das?" fragte scheinbar teilnahmsvoll der Arzt.„Nun. ich stieg nacvtS auf einen Balkon und streifte dort unglücklicherweise eine Gießkanne; dadurch kam die Sache'raus. Als ich später dem Staaisanwall mein Mißgeschick erzählte, kamen Tränen in seine Augen und tiefbewegt trar er auf mich zu, schüttelte meine Hand wie ein Bruder und sprach mir sein herzlichstes Beileid aus!" Oer �aiibenkoloirift als Gärtner und Klcinnerzücbter. O b st b a u m s ch ci d l i n g e. Seit einiger Zeit erhalte ich aus den verschiedensten HinimelS- richtuugen Briefe, sowohl auS dem hohen Norden(Berlin N.}, als auch aus dem sonnigen Süden(Berlin£>.), die alle von Prietzke her- rühren sollen und stets mir Prietzke unterzeichnet sind. Ich bin aber zu der Ueberzeugung gekommen, daß es sich um Vorspiegelung falscher Tatsachen handelt. Wenn Pcietzke auch gelegentlich redet(dann aber nur Durchdachtes, wohl Uederlegtes), so schreibt er doch mir höchst selten, und seine Handschrift ist so charakteristisch, daß sie nicht leicht gefälscht werden kann; sie sieht aus wie Schriftzeichen au« der Zeit NefekazereS, des bekannten seligen Königs von Ober- und Unicregypten, der ein großer Schweiger war wie die Troppisten. Ein Britsschreiber stellte in seinem Briese die Behauptung«uf. daß in Prietzke« Kolonie die meisten Acpfelbäume mir Blutlaus bedeckt seien, und bat mich, einmal m meiner nächsten Plauderei«»s diese und andere Tierchen, die man gemeinhin, gleichviel, ob sie auf den Bäumen oder aus den Köpfen leben, die oberen Zehntausend zu«ennen pflegt, zu sprechen zu kommen Dieser Brief jagte mir einen gewaltigen Schreck ein. Ich lies gleich bin zu Prietzke, um mir die Bäume anzusehen und fand, daß sie alle frei von Blutlaus waren. Bevor ich ans dies Ungeheuer näher eingehe, möchte ich dem in Frage komnicndcii Briesschreiber zunächst erklären, daß Prietzke keine eigene Kolonie Lesttzt, daß man deshalb � von PrietzkeS Kolonie nicht reden kann, sondern daß Prietzke nur ein einfaches Instrument in einer Garten» kolonie ist. in der eS freilich auch Blutläuse gibt. Blut- und andere Läuse find den Gärtnern und Kolonisten »st als Schreckgespenster in hundert- und tausendfacher Vergrößerung an die Wand gemalt worden. Als Frau Prietzke die erste Blutlaus bei einem Projektionsvortrag in solcher Vergrößerung vor sich sah, ist sie vor Schreck hinter den Schrank gekrochen. In natürlicher Größe steht aber das Vieh recht harmlos aus und in Wirklichkeit ist es bei weitem nicht so gefährlich, wie es gemacht wird. Gewöhnlich liegt die Sache so, daß der Zoologe, der eine neue Laus oder eine neue Wanze entdeckt hat oder ein eingeschlepptes derartiges Vieh zum ersten Male auf deutschen Bäumen beobachtet, es i» den grellsten Farben malt, um seine Entdeckung in das richtige Licht zu stellen. Ich erinnere hier nur an die erste, vor 10—12 Jahren in Europa aufgefundene San-Josö-Schildlaus, die furchtbar viel Staub auf- wirbelte. Wie seinerzeit der Koloradokäfer dem deutschen Kartoffel» bau den Garaus machen sollte, so sollten auch mit Ankunft dieser Laus die letzten Stmrden des deutschen Obstbaues gezählt sein. Seitdem ist sie still geworden und, was die Haupt- fache ist, Kartoffeln und Obstbäume wachsen freudig weiter. Man findet die Blutläuse meist an den jungen Jahrestrieben der Apfel- bäume, gelegentlich aber auch am alten Holz, namentlich an Wund- stellen. Sie sitzen in ganzen Kolonien zusammen, die mit einer bläulich-weißen, wolligen Maffe bedeckt find. Diese Masse wird von den älteren Tieren reichlich ausgeschwitzt. Wie bei allen Läusen so ist auch bei der Blutlaus die Vermehrungsfäbigkeit eine ungeheuere. Es treten im Laufe des Jahres zwei Emwickeiungsreihen aus, die erste entsteht im Frühjahr aus jungen Larven oder Winterciern. Aus letzteren gehen ausschließlich flügellose Weibchen hervor, die sich ununterbrochen durch das Gebären lebender Junge fortpflanzen. Die geflügelten weiblichen Läuse treten im Herbst auf und sorgen für weitere Verbreitung ihrer Art. Stark mit Blutläusen besetzte Zweige nehmen schließlich ein krebsartiges Aussehen an. Diese krebsartige Beschaffenheit der Rinde nennt man Blutlaus- krebs. Die Bekämpfung wird außerordentlich erschwert, einer- seits durch die geflügelten Weibchen, die stets wieder die Verseuchung rein gehaltener Anlagen verursachen, und dann aber auch dadurch. daß die Blutlaus nicht nur an den Zweigen, sondern auch an der Wurzel lebt; vom Wurzelhals bis in die feinslvetteilten Saug- wurzeln tritt sie auf. Es gibt wohl Mittel, die Blutlaus auch innerhalb deS Erdreichs zu bekämpfen, durch Behandlung der Haupt- wurzeln mit Kalkmilch und gebranntem, aber frisch gelöschtem Kalk und durch Eingießen von Schwefelkohlenstoff in 2V Zentimeter tiefe Löcher innerhalb des Wurzelbereiches, aber das ist ein umständ- liches und unsicheres Verfahren. Beim Auftreten des Schädlings in der Krone ist das beste Mittel das sofortige Entfernen und Verbrennen der befallenen Zweige. Dieses radikale Ver- fahren ist namentlich jetzt, wo die Bäume kahl stehen, und die Blutlauskolonien deutlich in die Erscheinung treten, an- zuwenden. Ist die ganze Krone bedeckt, so empfiehlt sich Einpinseln der befallenen Zweige mit einem wirksamen Blutlansmittel. Tie mannigfachen teueren Geheimmittel, deren Anwendung sehr kost- spielig ist, und die auch nicht mehr Wert haben, wie z. B. Busen- cröme für eine abgemagerte Jungfrau oder Entfettungscrömc für eine an Fettleibigkeit leidende Renticre, kann ich nicht empfehlen. Gute Wirkung erzielt das Bepinseln mit Leinöl, bezw. mit warmem Rindertalg oder Schweineschmalz. Unter dem Feltüberzug erstickt die ganze Brut. Aengstliche Gemüter möchte ich aber darauf hin- weisen, daß übergroße Furcht vor der Blutlaus absolut un- begründet ist. Ich habe in meiner ganzen Praxis noch keinen lebensfähigen Apfelbaum gesehen, der durch Blutläuse zugrunde ge- gangen ist. Alte, abgelebte Bäume werden freilich häufig so stark befallen, daß man gut tut, sie zu fällen und zu verbrennen, wie überhaupt kranke und altersschwache Geschöpfe für Parasiten jeder Art besonders empfänglich sind. Von Wichtigkeit ist es auch zu wissen, daß die Blutlaus nicht alle Apfelsorten gleichmäßig befällt. Es gibt Sorten, die sie bevorzugt, wie Goldparmäne und Muslat-Renette, andere, an die sie mir zögernd herangeht, und wieder andere, die sie absolut ungeschoren läßt. Durchaus blutlausfreie Sorten sind der herrliche, würzige Sommerapfel CharlamowSky und Baumanns Renette. In heißem, trockenem Klima wird man immer mit der BlutlauS rechnen müssen, in solchem verzichtet man deshalb am besten ganz aus den Anbau von Acpfeln. Viel schlimmer als Blutläuse Hausen oft die allbekannten Blattläuse, die auf allen Obstgatlungen in verschiedenen Arten vorkommen. Die schlimmste ist die graue Blattlaus; sie ist weit schlimmer als die Blutlaus. Ich führe gegen diese seit Jahren einen erbitterten Kampf, habe aber immer und immer wieder die Er- fahrung gemacht, daß sie wüchsige, gutgcpflegle Bäume fast voll- ständig unbehelligt läßt. Mir Vorliebe sucht sie das Formobst auf, das durch den üblichen und, will man tadellose Formen ziehen, auch erforderlichen scharfen Schnitt sWinter- und Sommer- schnitt) fortgesetzt geschwächt wird. Daneben findet man sie vorzugsweise an Obstbäumen, die im Druck hoher Baulich- leiten oder starker Laub- und Nadelhölzer stehen und deshalb für Krankheiten empfänglich sind. Hier heißt es einerseits ans die ver- rückte, umständliche und unlohncnde Formobstzucht zu verzichten und andererseits Bäume von ungünstigen Staudorlen rechtzeitig fort- zimehuien. Die graue Blattlaus lebt aus der Rückseite der Blätter, die sich kräuseln und zusammenrollen, so daß sie im Innern gegen alle insektentötende Spritzmittel, wie Seifen- und Ouassiabrühe, ver- dünnten Nikotinextrakt usw. vollständig geschützt sind. Im Herbste stirbt die Gesellschaft,»achtem sie vorher an die jungen Trieb- spitzen die schwärzlichen Wintereier abgelegt hat. Jedes Ei sieht aus wie ein Körnchen Schießpulver, und die Zioeige erscheinen wie mit solchem bedeckr. Gegenmaßregeln wenden wir an durch Verbrennen des Fallaubes von solchen Bäume» und durch mehrfache Winterbewritzimgen der mit Eiern behafteten Bäume mit Tabakbrühe. Sehr gefürchtete Schädlinge sind die Raupen des kleinen und des großen Frostnachtspanners. Der Schmetterling dieser beiden Schädlinge ist bei beiden Geschlechtern wesentlich verschieden. Das Männchen hat fein gesprenkelte Vorderflügel und schmutzigweiße Hinterflügel, das Weibchen ist dagegen flügellos und sieht etwa aus wie eine Stubenfliege mit abgeschnittenen Flügeln. Die Flugzeit dieses Schädlings nimmt im Spätherbst ihren Anfang und ist oft erst anfangs Dezember beendet. Die aus den in den Baum» krönen abgelegte» Eiern hervorgehenden Räupchen verursachen ähnliche Schäden wie die Raupen der K n o s v e n w i ck l e r. Sie fressen die Blätter, die zartesten Blatt- und Blütenknospen und nagen die jungen Früchte an, die dann bald fallen. Da sie sich wie Knospenwicklerraupen in Blätter hüllen, sind sie im Frühling schwer zu bekämpfen, richtig nur durch Zerdrücken in den zusammengerollten Blättern, was eine mühevolle Arbeit darstellt. Da die Weibchen flügellos sind, haben wir ein Mittel zur Bekämpfung des Schädlings in den sogenannten Klebegürteln. Es sind dies Papierstreifen von etwa 20 Zentimeter Breite, die bei Buschbäumen in 50 Zentimeter Höhe, bei Halb- und Hochstämmen in Brusthöhe fest um den Stamm gelegt, oben und unten gut festgebunden und dann mit einem lange klcbe'ähig bleibenden Leim, am besten dem Brumataleim, bestrichen werden. Sinde Aststützen und Pfähle am Baum, so niüssen auch diese einzeln mit Leimgürteln versehen werden. Das befruchtete Weibchen, das zur Eiablage den Baum erklettern nniß, bleibt auf deni Leimring kleben oder ratlos unterhalb desselben sitzen. Die Tiere, die sich so verhalten, müffen von Zeit zu Zeit zerdrückt werden. Die Knospenwickler und den Apselwickler, der im Vorsommer an jeden Apfel ein Ei ablegt, während sich andere Schädlinge ebenso bei Birnen, Pflaumen und Kirschen verhalten, bekämpft man aar besten im Frühling mid Sommer durch mehrfache Bespritzungen mit der sogenannten Bordelaiser Brühe unier Zusatz von Arsen. Rezept zur Herstellung der genannten Brühe findet man im .Prakt. Taschenbuch für Gartenfreunde" und im.Kleingarten". Chemische Fabriken liefern dem Liebhaber auch ein fertiges Arsenlnpferkalkpnlver, das, in Wasser verrührt, die spritzfertige Brühe ergibt.(2 Liter Pulver auf 100 Liter Wasser ergibt die 2 pcoz. Lösung.) Ich hebe hervor, daß die Kupserkalkbrühe mit oder ohne Arsenzusatz eilt gefährliches Gift ist, bei deffen Anwendung Vorsicht geboten ist. Der Spritzende schützt am besten die Augen mit einer großen und starken Fensterglasbrillc, wie sie die Sreinklopfer auf der Landstraße tragen, und reinigt sich nach getaner Arbeit Gesicht und Hände gründlich mit warmem Wasser und Seife. Zur Losung der Brühe muß man Holzeimer verwenden, zum Verspritzen eine fein- zerstäubende Messingspritze, da das Kupfervitriol der Mischung mit Blech und Eisen chemische Verbindungen eingeht und diese Metalle rasch angreift. Die erste Bespritzung führt man Ende März aus, wenn sich die Schuppenhüllen der Winterknospenezu lockern beginnen. Diese Bespritzung trifft die Knospenwickler. Zum zweitenmal spritzt man anfangs Mai, zum drittenmal anfangs Juni. Die letztere Be- spritzung hält für die ganze Flugzeit des Apfekwicklers an und ver- hindert das Madigwerdcn der Aepsel. Seit mehreren Jahren wird sogenanntes O b st b a n m k a r b o- lineum, ein Steinkohlcnprodukt, als Nniversalmittel gegen Schädlinge jeder Art angepriesen. Die Fabriken, die dieses Mittel herstellen, sind Legion. Die verschiedenen Präparate des Handels sind verschiedenartig in Zusammensetzung und Wirkung. Es gibt sehr ätzende Präparate darunter, die nach meinen Erfahrungen vordem kerngesunde Obstbäume vollständig ruinieren, andere dagegen, die keinen sichtbaren Schaden verursachen; allen ist aber gemeinsam, daß sie ziemlich wirkungslos sind. Ich habe schon vor Jahren die Anwendung der Karbo- lmeumbrühe, die in ein- bis zehnprozentiger Verdünnung angewendet wird, energisch bekämpft, während sie vamals noch von wissenschaftlichen Kreisen befürwortet wurde. Neuerdings sind aber auch den maßgebenden ehemaligen Befürwortern, wie man zu sagen pflegt, die Augen aufgegangen. Ich verweise auf den kürzlich er- schienenen Jahresbericht der königl. Lehranstalt für Obst- und Wein- bau Geisenheim, in dem nach eingehenden Versuchen die vollständige Zwccklosigkeit der Karbolineumspritzerei festgestellt worden ist. Nur gegen Krebswucherungen und zur Bekämpfung der Kommaschildlaus wird es noch hin und wieder angewendet. Die K o m m a- s ch i l d l a u S ist auch hier bei uns eine bekannte Erscheinung. Sie bedeckt oft die Rinde schlecht gepflegter und deshalb schwach- wüchsiger und küunnerlichcr Apselbäume vom Wurzelhals bis zu den einjährigen Trieben. Die kommaförmigen Schilder sitzen dicht gedrängt zu Tausenden und Abertausenden auf der Rinde. Ich habe persuchsweise gegen diesen Schädling auch unverdünntes Karbo- lineum ohne nennenswerten Erfolg augewendet; am besten bewährt hat sich bei mir wenig verdünnter Tabakextrakl<1 Teil Extrakt auf etwa 10—12 Teile Walser). Mit diesem Extrakt wird die Rinde am besten anfcingS April, wenn sich die junge Bnrt unter den alten, harten Schildern entwickelt, bepinselt. Der Erfolg ist ein durch- schlagender. Wenn jetzt im Winter alle Arbeit im Garten ruht, empfiehlt es sich, die Obstbäume gelegentlich scharf zu mustern. Man findet dann an den Zweigen in den Kronen gelegentlich die Nester des G oldasterS, die eine böse Raupenbcur enthalten. Sitzen sie für die Hand nnerreibar, to brenne man sie mit einer Fackel ab, die man an langer Bambusstange befestigt. Diese Stangen sind im Handel bis 3.S Meter lang billig erbälilich. Sonst schneidet man die Nester ab. um sie daraus im Feuer zu ver- »lichten. Bei sorgfältiger Musterung der Kronen wird man auch hier »md da an den diesjährigen Zweigen die kunstooll spiralig zu« sanunengekitteten Eierringe des RingelspinncrL entdecken. Jeder Ring besteht aus etwa 400 Eiern, die fast durchweg auS- kommen. Die im zeitigen Frühling ausschlüpfenden Näupchen sitzen anfangs noch dicht gedrängt an der Rinde, namentlich an den Äst-' »vinleln zusammen, um sich dann über die Krone zu verieileir. Die bunten Raupen, auch HarlelinS genannt, werden bedeutend gröstsr als Kohlraupen und können in kurzer Zeit ganze Baumkronen kahl fressen. Mit dem Abschneide» und Verbrennen eines jeden solchen Eierringes erspart man sich im Frühling und Sommer viel Verdruß und Arbeit. Weiterhin untersuche man die Stämme und Haupläste der Apfelbäume auf etwa bleistiflstarke Bohrlöcher. Diese Löcher werden verursacht durch die Raupen eines großen Nachtschmetterlings, deS WeideubohrerS. Diese Raupen leben zwei bis drei Jahre «licht nur im Holze der Weiden, sondern auch in demjenigen des Apfelbaumes, fressen das Kernholz aus und bringen ganze Aeste, ja ganze Bäume zum Absterben. In frisch entdeckien Bohrlöchern kann man die Raupen mit einem eiugesührten. am Ende haken- förmig gebogenen kräftigen Draht erreichen, auS dem Loch herausziehen und töten, worauf das Bohrloch mit Baum- wachs verstrichen wird. Auch abscheuliche, plattgedrückte, haldkahle Raupen, die der Farbe der Rinde täuschend angepaßt sind, sieht man jetzt hier und da an den Llesten fest anliegen. Es sind die Raupen der K u p f e r g l u ck e, chic im Frühling, sobald die Knospen schwellen, ihren Fraß beginnen und beträchtliche Größe erreichen. Wo man ihrer ansichtig wird, soll man sie töten, da sie im Frühling die befallenen Bämne oft überhaupt »licht zum Austreiben kommen lasten. Ich glaube, daß vorstehende Ausführungen nicht nur dem leib- haftigen Prictzke selbst, sondern auch allen angeblichen PrietzkeS und allen, denen das Wohl der Obstbäume am Herzen liegt, genügen »verden. Wo die gegebenen Anleitungen beherzigt werden, dürfte im kommenden Jahr die günstige Wirkung nicht ausbleiben. Hd. Kleines f euilleton. Di« Null. Von einen» völlig unbedeutenden Menschen sagt man gern, er sei eine komplette«Null" und will damit andeuten, daß er ein Nichts in der menschlichen Gesellschaft sei und daß er so gar nicht mitzähle i auch in der Malheinalik ist a-f- 0— a. Die Null rechnet eben nicht und man kann vor eine Ziffer so viel Nullen setzen wie man will— sie wird dadurch nicht größer. DaS wendet sich aller- dings sofort, wenn man die Null hinter die Ziffer setzt, diese wird dadurch sogleich um daS Zehnfache vergrößert, eine 1 wird eine 10. eine 10 wird ein 100— ein Beweis, daß die Null keineswegs eine solche.Rull" ist, wie mau sie nennt; sie ist vielmehr die letzt- gefundene unserer Ziffern, aber auch die wichtigste von ihnen. lind bei dem Worte.Ziffer' muß man schon ivieder an die Rull denken, denn sie hieß, als sie in Indien gefunden »md durch die Araber nach dem Abendlande gebracht wurde,„sifr", d. h..leer',.ohne Inhalt'. Dieses Oval, daS man vielleicht einer leeren Eierschale oder einer tauben Nuß nachgezeichnet haben mag, war der Ausdruck für etwas LeereS, RichtSbedeutcndeS; man nannte es sikr und da dieser Ausdruck von den italienischen Ranfleuten in die arabisch« Zahlenreihe aufgenommen wurde, kam mit der Zeit der Gebrauch auf, alle Zahlen mit sikr—«ikor—-liksr zu be- zeichnen; daraus ist unser Wort Ziffer entstanden. Alle Zahlen ver- danken alw der Null ibren GattuiigSuaulen. Die Gepflogenheit des Zählens und auch gewiffe Ausdrücke für bestimmte Anzahlen muß es von der Zeit an gegeben haben, wo die Menschen sich gegenseitig verständigten, also von Anfang an.' Nur die genauere Bezeichnung dürste im Aufang sehr problematisch gewesen sein, denn es hat bis zur Vervollkommnilng. wie sie uns heute geläufig ist, sehr lange gc- dauert. Die Griechen im V. Jahrhundert v. Chr. benutzten die Buchstaben des Alphabetes und verwendeten drei alte, nicht mehr ge- vräuchliche Buchstaben(die sog. Episcmcu) zur Bezeichnung der Zehner»md Hunderter. Mit diesem Modus waren fie dem modernen Ziffernsystem viel näher, als die Zifferilschreibnilg der spälercu, der römischen 5tultur; aber die Rull fehlte ihnen. Außer dem Zehiicrbuchstciben verwendeten sie sogar einen an die Ziffer an- gehangeucn Akzent, um ihn ins Zehnfache zu Lbertragci,; sie waren also dem heutigen System ganz nahe, nur die einheitliche Rull, die die ganze Schreibweise ungemein vereinfacht hätte� kannten sie »licht. Man denke sich aber Ziffern in römischer Schreib- »oeise, z. B. eine Rechnung, in der Posten figurieren wie UDEOTXXXVIII(2888). Trotzdem bestanden damals schon Bücher mit Kolonnen für die Einer. Zehner usw.; es kamen dann in jede' Rubrik mehrere Zeichen; dieselbe Ziffer würde dann so aussehen: .II> VTLl| Vin| V.J" also 14 Zeiche» für eine einzige Zahl, die wir mit vier Ziffern wiedergeben. Im V. Jahrhundert n. Chr. fanden endlich die Inder das System, mit Hilfe von zehn Ziffern» zeichen jede beliebige Zahl niederzuschreiben; es hat aber sechs Jahrhunderte gedauert, ehe diese Entdeckung ins Abendland kam. Die Araber, die damals Herren fast aller Mittelmeerländer waren, brachten sie nach Sizilien und es finden sich in Büchern des 11. und 12. Jahrhunderts Ziffern der neuen Schreibweise aber seltsamerweise ohne Null— die wichtigste Zahl fehlte noch. Sie kam erst später in Gebrauch, als der junge italienische Malhematiker Leonardo Pisano sein Buch H i b o r abacci(1202) perösfeutlichte. In bell langsamen Zeitläuften ver» breiteten sich derartige Neuerungen aber nicht so schnell ivie heute und cZ dauerte etwa weitere zweihundert Jahre, ehe dieses neue System seinen Weg zu uns nach dem Norden fand. Adam Riese und die Buchdruckerkunst taten hier das Nötige zur Verbreitung. Das regelmäßige Dezimalsystem kam aber wiederum erst hundert Jahre später in Gebrauch; damit feierte die Null im Zifferusystem ihre hächsteu Triuinpbe. fie wurde grundlegend für die moderne Ziffern- schreibart, ivie für die Rechnung im allgemeinen. Ihre Benützung und Verbreitung ist aber viel größer geworden und mau findet sie heute, wo man sie gar nicht ahnt. In der Rcchtskundc figuriert Null als der Ausdruck völliger Nichtigkeit, daher die Redensart „null und nichtig'. Von gleicher, schweriviegender Bedeuluna ist sie im bergmännischen Leben; hier ist das.Nullen' eine gesürchtete Exekution, durch die ein ganzer Förderwagen, dem unreines Gestein beigemengt ist, als gar nicht geliefert erklärt wird. In der Ab- Messung von abstrakten Werten hält sie die Mitte zwiichen zwei Extremen oder Unendlichkeiten, z. B. bei der Temperatur» mestimg mittels des Thermometers; hier ist 0 die Scheide» linie von Wärme- zu Kältegraden. In der Musik findet die Null bielfach Verwendung. Erwähnt sei nur die An- Wendung der Null bei Noten für Streichinstrumente; jeder Schüler weiß, daß er bei einer solchen Note eine leere Saite anzustreichen hat. Einen ganz neuen Wert hat die Null im kaufmännischen Leben als Wertbezeichnung bekommen: bei Mehl und Mühlenfabrikaten ist .Null',.Nuil-Null', oder.Null-Be'(geschrieben OL), auch 000 usw. eine allgemein gebräuchliche Oualitätsangabe. Hier zeigt die Häufung der Null eine um so größere Feinheit an, ebenso wie im Sprit- bandet beim Kognaks besten Beschaffenheit durch Nulle» oder durch Sterne ausgedrückt wird. So ganz bedeuttnizslos ist die Null also doch nicht. öl. N. Kunst. Dänische Kunst.(Ausstellung im Kunstgewerbemuseum. Geöffnet von 10— S, Sonntags von 12—3; Eintritt frei.) Diese Ausstellung, die mit größter Sorgfalt durch Peter Jessen, den Direktor des Museums, mit Hilfe einer dänischen Kommission zu- sammengetragen wurde, zeigt zwei deutlich getrennte Arbeitskreise. Deren einer umfaßt die Architektur; er ist in den vorderen Aus- stcllungSsälen geborgen und heißt: Dänemark. Der zweite. daS Kunstgewerbe, füllt den Lichthos und heißt: Kopenhagen. Kopen- Hägen aber wiederum bedeutet: das nordische Paris. Während Dänemark: daS Land der freien Bauern, der fetten Weiden und der Handelsschiffe. Zu der vom Meer umfaßten und durchsprengten Ebene mit ihren weichen Lüsten und ihrer webenden Feuchligkeit gehört der Backstein. Das läßt sich für die Wasserkante in ihrer ganzen Länge. von Memcl bis Amsterdam koiitrollicre». Der Natur gehorsam, gibt es eine innige Verwandtschaft zwischen dem, was in Dauzig, in Rostock, Flensburg oder Holland gebaut wurde. Der Backstein be- stimmt die Form; i» Dänemark ist er von einer besonders paus- backigen und wohlgenährten Art. Man muß immer an dänische Mllchkühe denken. Zum anderen modelliert an der Wafferkmne auch heule noch der Geist der Hansa. Man sieht korpulente Kaufherren in WamS und Pelz. Ein von der Vernunft gemildertes Barock, ein der Repräsentation entkleideles Empire: das ist die Tradition der Wasserkante. So baut Dänemark noch heute. Diese Häuser sind gesund bis zum Robusten; sie find behaglich, sturmsest und blank. Sie find däliisch, blon und grün, Meer und Weide. Kopenhagen ist dünubsünger. Man enipfiildet die Stadt, wenn von Jacobien und dem Niels Lyhne gesprochen wird. Ein franzöfischer Haken, vom dänischen Nebel verhangen. Aus der bodeusesten Gesundheit wurde sinnenfrohes Spiel; aus den Bauern wurden kullurmüde A-ftheten. Beinahe könnte man gkallben, daß Kopenhagen nur zufällig in Dänemark IvlichS. Wunderlich, wie dies Agrarland, dessen Einwohnerzahl hinter der von Groß- Berlin zurückl'leibt. in diesem einen Kopenhagen, daS nur halb so groß ist wie Hamburg. einen solchen Reichtum an schönen Dinge» hervorbringen konnte. Wir sehen die Porzellane, die Merallarbeiten, die Bucheiiibände, die Möbel; alles hat seinen Charakler. seine Fröhlichkeit, seinen farbigen Schein. Mild, träumend, lyrisch sind die Porzellane; wie ein schwärzlicher Hauch liegt es über dem Silber, darin blasse Ko- rollen sich verirrten. Die Möbel leuchte» in blonder Birke, hell Ivie singende Mädchenseelen. Und dann ist einer da, der heißt Joachim Skovgaard. Der hat 'mancherlei von Kopenhagen, von Frankreichs Kultur; als er aber die Fresken in, Dome zu Biborg malte(von dnien man hier Abbildungen sieht), da siegte das Blut des Helden, dessen, der daS i Meer atmet und der nordischen Sonne ins Antlitz sieht. R. L. Perautw. Redakieur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag:VorwärtsBuchdruckere? u.Verlags anstnltPanlSiiigerZcCo., Berlin LW.