Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 237. Dienstag den 6. Dezember. 1910 lNacldruck vervolen.) 23� Alas ilt RiiKm? Roman von Max Kretzen Kalt wollte sie ihm ausweichen, er aber ließ sich nicht ein- schüchtern, sondern wiederholte seine Bitte. Den ganzen Abend über hatte sie ihn geschnitten, nun aber wollte er diese Minuten benutzen. „Na, dann darf ich's wohl nicht wieder tun?" sagte er offen, ein wenig rot geworden bei dieser Zurechtweisung. .„Setzen wir uns doch, wir hören hier alles eben so schön." „Nein, nein, das geht nicht, man wird uns beide ver- missen," erwiderte sie.„Wir haben übrigens einen, der Ihnen Heimlichkeiten gründlich legen möchte. Nehmen Sie sich vor Herrn Köstlin in acht." „Was, vor diesem Döskopp? Der kann mir nicht das Wasser reichen." „Sie müssen Ihre Ausdrücke besser wählen," tvarf sie spöttisch ein.„Sie Verkehren doch schon lange genug bei uns." „Fräulein Marianne, reizen Sie mich nicht," sagte er streng und zog sie beiseite, um sie aus der Sehlinie der Tür zu bringen. „Nein, nein, Sie sind mir ein zu loser Bogel," wehrte sie sich lachend, ohne es jedoch ernst zu meinen.„Ueberhaupt, hören Sie mal.— was Sie sich alles herausnehmen!... Es ist manchmal einfach komisch. So etwas schickt sich nicht in guten Häusern, Sie müssen noch sehr erzogen werden." „So tun Sie es doch. Marianne," stieß er mit kurzem Atem hervor, noch mehr benebelt durch die Sprödigkeit dieses verwöhnten Geschöpfes, das er sich erobern wollte.„Ich bin kein Leutnant, das weiß ich, aber ein Künstler, den Ihr Vater schätzt. Ich liebe Sie. Marianne, ich liebe Sie! Das sollten Sie doch schon längst wissen. Und ich werde Sie auf Händen tragen, nicht bloß mit Worten, ich bin stark genug dazu." Das Roüverden war jetzt an ihr, denn diese Anspielung auf den verflossenen Bräutigam hatte sie nicht erwartet: aber besser so, wenn er es schon wußte!„Das werden Sie wohl auch nie werden," spottete sie weiter, um ihm die Belohnung für seine Unvorsichtigkeit zu geben. „Ein jeder auf seinem Platz," fuhr er fort.„Der eine mit blanken Köpfen, und der andere mit hellem Kopf." Der Wein hatte sie ebenso munter gemacht wie ihn, und so lachte sie aufs neue unterdrückt, wobei sie einen Blick durch die offene Tür warf.„Sind Sie ein Mensch!" Als er aber noch verwegener werden wollte, hielt sie ihn mit beiden Händen von sich.„Na, na. immer hübsch artig... Sie denken wohl, Sie haben Ihr Haustierchen vor sich?" Die schlimme Erfahrung mit einem anderen hatte sie gewitzt gemacht, und so hatte sie sich vorgenommen, keinem in dieser Beziehung mehr zu trauen, bevor sie nicht Gewißheit hätte, daß ein ähirlicher Anhang nicht zu erwarten sei. Nun lachte er sie heimlich aus wie der zweibeinige Fuchs, der das Hühnchen gefangen hat. Wenn es weiter nichts war, diesen Gedanken wollte er ihr schon austreiben!„Damit habe ich gar nichts zu tun, das ist Kempens Liebe," log er tapfer mit einem 5törnchen Wahrheit. „Wer's glaubt, wird fröhlich. Sie haben mir Ihren Freund ganz anders geschildert." „Nein, nein, ich schwöre es Ihnen." Er sagte nichts mehr. Ueberzeugt von ihrer Neigung, vergaß er ganz den Ort. Kräftig faßte er sie an Scheitel uird Kinn und küßte sie heiß und leidenschaftlich. Und stumm duldete sie es, gleich dem wissenden Mädck>en, das vergangene Genüsse in allen Adern spürt. Schnell aber wieder zur Vernunft gekommen, flehte sie ihn an:„Gehen Sie, gehen Sie! Um Himmelswillen, gehen Sie!" Und als er wußte, daß er sie gewonnen hatte, stahl er sich vorsichtig zur Gescllsckxift zurück, die gerade aus ihrer Ver- sunkenheit erwachte.— Es war spät geworden. Die meisten Gäste hatten sich schon verabschiedet, nur die seßhaften waren noch um Heilke versanimelt, darunter Thormeyer, Stampf, Kempen und Lorensen. Man saß in der sogenannten Trinkstube, einem kleinen, altdeutsch eingerichteten Raum, in dem das Glüh- licht in schmiedeeisernen Laternen steckte. Hier war der Herrentisch, wo beim besten Tropfen getrost ein freies Wort noch fallen durfte, sobald die Damen des Hauses sich zurück- gezogen hatten. Heute hatte es besonders Marianne eilig damit gehabt: in Ruhe wollte sie alles kühl überlegen und erwägen, denn der erste Liebessturm ihres Lebens war vor- über. Heilke, hochrot vom Wein, führte wie gewöhnlich das große Wort, schirnpfte auf seine Feinde und lobte alles über den Klee, was ihm besonders in den Kunstkram paßte. In solcher Nachtstunde, wo die Geister aufeinanderplatztcn, wurde seine Zunge lose und ging mit ihm durch: die Ateliersprachö beherrschte ihn dann, die für den Salon nicht erfunden war. Und plötzlich kam er auf Walzmann zu sprechen, auf diesen Versumpften, der sich neulich beinahe frech gegen ihn be- nommen habe. Die Bezeichnung„Hofbildhauer" wurmte ihn noch, und so ging sein Aerger in die Luft. „Ist das vielleicht der Bethoven-Walzmann?" fragte Thormeyer, der, zum Schluß ganz träge geworden, ein Glas nach dem andern trank und die schwere Echte dabei nicht ver- schmähte.„Ein verrückter Kerl, der! 5lenne ihn noch von der Akademie her, wo wir ihn immer den Quasomodo nanu- ten. Lebt also noch. Merkwürdig, wie die Menschen vege- tieren." „Und wie vegetiert er! warf Heilke ein,„wie ein Schwein, das sich im Schmutz wohl fühlt." Während Lorensen sich ruhig verhielt, regte sich in Kempen der Widerspruch.„Das Unglück bringt die Menschen herunter, Herr Professor," wagte er bescheiden einzuwenden. „Aber ich bitte Sie— Unglück, Unglück!" fuhr Heilke ärgerlich fort.„Damit kann nian doch nicht alles entschul- digen. Sein Unglück ist die Flasche. Man muß ihn nur einmal in seiner Bude sehen, dann hat man genug." „Das kann ich nicht sagen," sprach Kempen gelassen weiter.„Eigentlich gehört er zu den Leuten, von denen man nie genug lernen kann. Ich habe manche Woche bei ihm ge- standen und seine Fingerfertigkeit bewundert. Na, und da ist für mich eine ganze Menge hängen geblieben." Thormeyer stieß ein„So, so" hervor und betrachtete ihn mit derselben Aufmerksainkeit, die er ihm seit einiger Zeit bewies. Heilke jedoch lachte und sagte mit geschraubter Ge- mütlichkeit:„Verzeihen Sie, aber das beweist für mich noch gar nichts. Denn sehen Sie, ich habe wirklich»och nicht den Vorzug, zu wissen, was Sie bei ihm gelernt haben. Bitte mir das nicht übel zu nehmen." „O, das hat nichts zu sagen." erwiderte Kempen und er- griff das Glas, um auf sein Zutrinken einzugehen. „Das sind ja alles übertriebene Dinge, die so über ihn herumschwirren," sagte Heilke wieder,„ein ganzer Ratten- schwänz von Fabeln, die er selbst unter die Leute gebracht hat. Seit zlvanzig Jahren reitet er auf seiner Germania herum... die hätte schließlich ein anderer auch gemacht. Und sein Goethe,— du lieber Himmel! Er soll den Kon- kurrenzbestimmungen nicht entsprochen haben, so sagte er. Lächerlich! Wenn was dran gewesen wäre, hätte man ihn gewiß nicht kalt gestellt. Walzmann und Goethe— der Krcuzberg und der Chimborasso. Wo soll da das kongeniale Verständnis herkommen?... Was meinen Sie dazu, Lorensen? Sie haben doch auch ein Urteil." Lorensen, der seine Gedanken zwischen dieser peinlichen Erörterung und Marianne teilte, hatte bereits mehrmals dem Freund heimlich mit den Augen einen Wink gegeben. lieber zu schweigen, und mit dem Fuß unter dem Tisch kräftig nachgeholfen: denn er sah das Unvermeidliche kommen, falls man Heilke nicht ruhig austoben ließ. Nun aber, in die Enge getrieben, mußte er sich in irgend einer Weise äußern. Er rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her, im Innern fest überzeugt, daß Kenipen recht habe, von der Klugheit jedoch gedrängt, sich dieses Nest hier warm zu halten.„Ja weißt Du, Hermann—" Zuin Glück für ihn brauchte er nicht auszureden, denn Kempen kam ihm zuvor, indem er ruhig sagte:„Das sind so Ansichten, Herr Professor. Es liegt schon was drin in dieser Figur, so etwas Kompaktes, ein großer Zug. Man hat's vielleicht nicht gesehen." Und ohne auf Lorcnsens Fußtreten und Heilkes Gesicht zu achten, schloß er, ohne sich etwa» Böses zu denken:»Zu jeder Konkurrenz gehört Glück und dann das nötige Verständnis der maßgebenden Leute. Das hat eben gefehlt." „Wie? Was? Wie meinen Sie denn das?" schrie jetzt Hcilke wie unbesonnen und vergaß ganz, daß er der Gast- geber war.„Drücken Sie sich doch deutlicher aus, bitte! Ich war ja auch Preisrichter." Kempen sah sich auf einer Dummheit ertappt und bat um Entschuldigung. Er habe in Augenblick nicht daran ge- dacht und es liege ihm fern, ihn damit zu meinen. Zu einem Denkmalskomitee gehörten auch noch andere Leute, und sicher wisse jeder Künstler aus eigener Erfahrung, daß das persönliche Wohlwollen bei solchen Dingen eine große Rolle spiele: er bitte nochmals um Verzeihung. In Heilke jedwh saß der Stachel, den der Weingenuß noch tiefer trieb. Ein Wort gab das andere, auch Kempen blieb nicht mehr zurückhaltend, und als er sich abermals für Walz- mann warn, ins Zeug legte, seine Schwächen menschlich zu erklären versuchte und ans den„Gedrückten" hinwies, dem die Enttäuschungen des Daseins die Flügel beschnitten hätten, weil er seine beste Kraft in den Dienst anderer habe stellen müssen, um zu leben, fühlte sich Heilke in seiner Gereiztheit abermals getroffen.„Ach was, das sind ja alles schöne Redensarten, die Sie vielleicht ehren, mir aber nicht impo- nieren können," rief er aufgeregt.„Ein Mistfink ist er, ein ganz versoffener Kerl." Nun konnte auch Kempen nicht mehr an sich halten, denn er fühlte den Wahrheitstrieb des rechtlich denkenden Menschen in sich, und so sagte er gleichfalls erregt:„Aber ein Könner, Herr Professor, dem manch sogenannter Großer die Stiefel putzen kann." Lorensen fuhr auf, als hätte er selbst einen Schlag be- kommen. Heilke aber, völlig rot im Gesicht, lachte dröhnend, wie ein Mensch, der seinen ganzen Zorn dadurch entladen will. „Ach, Sie sind ja—!" platzte es ihm dann heraus.„Ich ver- stehe Sie überhaupt nicht, brechen wir davon ab." Eine peinliche Stille trat ein, denn jeder empfand, daß es mit der Gemütlichkeit nun aus war. Thormeyer zog seine große Uhr, und Stampf, der kein Wort gesprochen, aber wiederholt gegähnt hatte, tat dasselbe. Plötzlich erhob sich Kempen, um sich zu verabschieden: aus seiner Miene las man deutlich, dazu gezwungen zu sein. Er bedankte sich für die Gastfreundschaft, machte seinen Kopfnicker nach drei Seiten hin und blickte ermunternd auf den Blonden. .Lorensen, bleiben Sie noch!" sagte Heilke bestimmt, stand ebenfalls auf und gebrauchte die üblichen nichtssagenden Höflichkeitsworte. „Aber meine Herren..." warf Thormeyer mit Be- dauern ein, der gleich den übrigen den Vorgang richtig erfaßt hatte.„Gehn wir doch nicht so auseinander. Meinungs- Verschiedenheiten! Wer wird denn gleich—. Js es nich so, Felix?" „Vielleicht etwas mehr noch," sagte Heilke frostig. Kempen verstand ihn: und als Lorensen sich nicht rührte, ging er, begleitet von dem Diener, durch die verlassenen Räume, die ihre blendende Helle nun verloren hatten. Und er nahm noch den Schall von Heilkes Stimme mit, der sich nicht mäßigen zu können Schien. „Bestellen Sie doch Herrn Lorensen, daß ich ihn draußen erwarten werde," sagte Kempen dann, nachdem er den Ueber- zieher anhatte, und drückte ihm ein Trinkgeld in die Hand. „Schön, es soll geschehen," gab der Verschlafene, der sich seine Geschichte sofort gemacht hatte, geschwollen zurück. Draußen ging Kempen im feuchten Nebelniederschlag auf u�id ab und wartete. Als aber eine halbe Stunde ver- geblich verstrichen war, schritt er hinweg durch die keuchte und stille Straße, ein Einsamer, der sich selbst Vorwürfe macht, die Welt nicht zu verstehen. ttortsetzung folgt.): Die eilen ftadt. Von F. Kummer(Chagrin). Sheffield ist wohl das größte Zentrum der englischen Eisen- tndnstrie. Auf meilenweiter Fläche ind Eisenwerke und Kohlen- zechen gedrängt. Schon in stnndenweiter Entfernung zeigen schwere Rauchwolken das Rahen der Fabristtadt an. Sheffield verdankt Sine industrielle Größe seinem ausgezeichneten Stahl. Schon zu eginn der britischen Geschichte sollen auf den Höhen der Gegend Schmelzöfen gestanden had-n. Gewiß ist. daß vor einem halben Jahrtausend in der Nähe gehämmertes Eisen" zu Messern und Schwerter« verarbeitet wurde. Wie Urkunden besagen, standen schon im Mittelalter die Produkte der Messerindustrie im besten Rufe. Und auch heute sagt es der englische Patriot jedem, der es hören will, daß Sheffield den feinsten Stahl in der ganzen Welt produziere. Ob das so ohne jede Einschränkung wahr ist, soll hier nicht untersucht werden. Aber eines ist immerhin gewiß: Dieser fein st e Stahl wird in der unfeinsten, in der schmutzigsten Stadt erzeugt. Sollte es in der zivili- sterten Welt noch eine Industriestadt von der Größe Sheffields geben, in der soviel Unsauberkeit, Schmutz und Bettelei gehäuft find wie da, dann hat sie ihre Existenz mit unerreichtem Erfolg verheimlicht. Gewiß können Industriestädte nicht Villenvierteln gleichen; gewiß hat jede Großstadt ein od�r mehrere schmutzige Viertel. Diese aber machen doch immerhin nur einen Verhältnis- mätzig kleinen Teil des Ganzen aus. Sheffield ist, wie schon gc- sagt, abgesehen von ein paar Straßen, ein einziger SIuni. Freilich wachsen jetzt weit außerhalb des Zentrums luftigere, mehr nach den Regeln der Hygiene angelegte Bezirke empor. Leider können sie für den gewöhnlichen Industriearbeiter nicht in Frage kommen. Die Wohnstätten der Masse der Fabrikarbeiter stehen im Schatten der Fabrikkannne, bilden die Rutzfänge der Werke, wenn sie nicht gar direkt mit den Werkstätten verbunden find. Ter große Teil der Arbeiterschaft haust noch in Buden und Spelunken, die in der Kindheit der Industrie entstanden, die vor fünfzig, vor hundert und noch mehr Jahren auf roh gebrannten Ziegelsteinen zusammengeschichtet wurden. Der Geist, die Bedürf- nislosigkeit und Primitivität des achtzehnten Jahrhunderts be- gann das Jndustriedorf, die Notwendigkeit erzwanx seine Per- größerung; der Dorfzaun wurde weiter hinausgeschoben, aber die rückständige Bauart, die Enge, der Rauchfang blieb. Mit dem Wachstum der Jndustrieorte wucbs aber nicht der Scbönheitssinn der Architekten, nicht die soziale Fürsorge, nicht das Pflichtgefühl der herrschenden Klaffen. Und hätten sie sich entwickelt, die steigende Profitwut der Hausagrarier und der Bodemvucher hätte sie erstickt. Eine Macht, die die den sozialen oder hygienischen Interessen des Proletariats widerstehenden Faktoren überwunden hätte, gab es nicht, oder die Versuche sind so ziemlich alle gescheitert. Und auch heute wird in dieser Hinsicht von der organisierten Arbeiterschaft herzlich wenig getan. Für hygienische und sanitäre Einrichte ngen in den Fabriken und für Sanierring der Städte tun die englischen Gewerkschaften äußerst wenig, jedenfalls hundertmal weniger als wir kontinentalen Gewerkschafter anzunehmen geneigt find. In diesem Punkt steht England noch weit hinter Amerika. Das will kenn doch schon etwas sagen. Die heutige Arbeitergeneration in England bat mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben die Sünden der herrschenden und die Gleichgültigkeit und Trägheit ihrer eigc- neu Klasse von mehreren Generationen zu bezahlen. Freilich haben in dieser Sache die jungen Industriestaaten des Kontinents gegenüber der alten„Werkstatt der Welt", England, gar manches voraus. Auf dem Kontinent wuchs mit der Industrie auch die klassenbewußte Arbeiterbewegung. Sie schärfste das soziale Gewissen recht fühlbar; durch--ihre Wachsamkeit und Energie in der Fabrik, durch ihre Kritik in der Presse und dem Parlament, durch ihre„freundliche Aufmunterung" der Fabrik, Inspektoren wurde die Entstehung von Pesthöhlen von Fabriken und dumpfen Slums doch stark beeinträchtigt, ja vielfach ganz unmöglich gemacht. Das alles fehlte in England und fehlt zum guten Teil noch heute. So konnte es kommen, daß ein Teil der Fabriksorte Kirchhöfe für die Arbeiterschaft geworden sind. Besonders Sheffield hat unter dem Würgeengel Schwindsucht viel zu leiden. Beträgt die Todesrate für die englische Allgemeinheit l5,3, so für die bei der Arbeiterschaft der Sheffielder Messerindustrie 29,3, bei den Messerschleifern im besonderen sogar 46,4. Daß diese ungeheuer fiohc Sterbcrate zum besten Teil auf das Konto der elenden Wohnungs- und Arbeitsverhältnisse zu setzen ist. bedarf hier keiner weiteren Erläuterung. Wieviel Mann von der 486 000 Köpfe zählenden Einwohnerschaft Sheffields gegenwärtig in der Industrie tätig find, ist schwer zu sagen. Diese Frage habe ich führenden Gewerkschaftsleuten dutzendmal vorgelegt, ohne etwas anderes als Antwort zu be- kommen als:� Ein ganzer Haufen. Die Kenntnis der„gewerisc�ast- licbcn Preisfechtcr der Welt" ist in solchen, wie in hundert ähn» lichen Tingen nicht sehr groß. Auf dem letzten englischen Gcwerk- schaftskongreß wurde eine Staiistil verlesen, wonach in Sheffield hunderttausend Arbeiter(dabei 25000 Frauen) tätig seien, wovon ein Viertel als organisiert(von den Frauen nicht ganz 300) an» gegeben wurden, die sich auf lOS selbständige Union? mit 156 Gruppen verteilten. Mit diesem derart abgerundeten und kargen Zahlenmaterial ist nickt viel anzufangen. Wieviel von diesem Hunderttausend Organisierter als Gewerkschafter rubriziert werden können, wird leider nicht gesagt. Ueberhaupt scheint es mir nach meinen persönlichen Ermittelungen viel zu gewagt, diese Zahlen als rechnerische Grundlage zu benutzen. Viele der Unions, nicht zum mindesten die der Messerindustrie, sind zahlarme und kraft- und tatenlose Gebilde; bei einigen langt das Einkommen an Beiträgen kaum, die Kosten der Verwaltung zu decken. Noch viel sckwächcr ist die politische Organisation der Sheffielder Arbeiterschaft. Die Gruppen der Unabhängigen Arbeiterpartei und der Sozialdemokra- tischen Partei sind noch ungeheuer schwach» aber doch immer noch stärker und rühriger als die in anderen Stadien von gleicher Be- deutung. Die paar hundert Arbeiter, die Sozialisten genannt werden können, haben es doch immerhin zu eineui vierseitigen Wochenblatt gebracht, ein Kunststück, das unseres Wissens noch keiner Parteigruppe in einer englischen Stadt geglückt ist. Das Stadtparlament hat auch seine Arbeitervertreter. Da sie zumeist Trade-llnionisten alten Schlages sind, so hat das wenig zu be- deuten. Der rote Hecht der Arbeitergruppe ist der Sekretär der Lokalorganisation der Arbeiterpartei. Er ist ungalant genug, die Geißel der Kritik auch der Unionsmannschaft fühlen zu lassen. Als die Delegierten zum Gewerkschaftskongreß die erste Sitzung ver- ließen, in der sie den blaublütigen Lordmayor und Gewerkschafts- feind Fitzwilliam wegen seiner Herablaflung, die Delegierten mit einer Rede und einer Einladung ins Rathaus zu beehren, stürmisch applaudiert hatten, empfing sie das Häuflein unversöhnlicher Ar» beiter mit brutal unzweideutigen Hohnrufen und weit schallenden Protesten. Gar mancher von der alten unionistischen Garde ballte feine Faust und fand nur Worte der Verachtung für diese ver- tnaledeiten Ruhestörer, die zu schlecht erzogen seien, um die Noblesse des Lordmayors zu respektieren. Von einem FtocK seligen. Der junge König von Portugal ward„in die Brombeeren" gc- schickt; vor einem halben Jabrbnnderl hatte auch der junge König von Neapel, Franz II. sein Bündel zu schnüren. Die Vorsehung arbeitete damals erfreulich prompt; eZ war ja freilich im Süden alles reif, überreif. Fränzchens Papa, Ferdinand IL. war der erste Herrscher gewesen, der 1852 daS aus dem Staatsstreich hervor- gegangene französische Kaiserreich anerkannte; hatte er doch selber eine Verfassung gebrochen, so mußte ihm Louis Napoleon gewiß sympathisch sein. Daß dieser Mitsünder sieben Jahre später Italien seine Rotbosen zu Hilfe schicken würde, ahme jener zwar nicht; doch war, als er im Frühling 185g„das Zeitliche segnete", die Aktion, infolge deren das Königreich beider Sizilien von der Karte ver- schwand, bereits im Gange. Und dem Sohn fehlte so ziemlich alles. um den KehrauS abzuwehren,„er war ein Prinz und sonst nichts mehr." die Krone rutschte ihm vom flachen Kopf. Mit Ferdinands II. Brutalitäten mtd Spaßen ließe sich ein statt- licher Band füllen; es wäre namentlich daraus zu ersehen, wie ab- scheulich niedrig die Hochgeborenen oft denken. Unglaubliches hat er geleinet. Man kennt des jungen Gladstones flammenden Brief über da» Los der politischen Gefangenen. Doch niemand zeichnete den heuchlerischen Tyrannen pröchtiger als die eines Märtyrers jener Epoche, als der brave und icll'stlose Setlenibriiii in seiiieu Memoiren e? tat:„Erzogen von subalternen Beaimcu," beißt es darin,„welche bei den Bonrboncn als beste Ratgeber und Anhänger galten, lernte er von ihnen zwei dem mnerften Pöbel eigenen Laster: die Lüge und das Possenreißen. Höflich« Worte und Versprechungen waren ibm nur Künste der Verlogenheit; er drehte sich um und sagte zwinkernd zu icineii Leuten, die Welt wolle gefoppt sein und ein Monarch müsse das bester als jeder andere kennen. Keiner kam ibm vor die Augen, ohne von ihm einen Spottiiamcii zu empfangen. Jedem warf er eine Bosheit zu; er ergötzte sich, einem greisen Höfling die Waden mit der Reitpeitsche zu streichen, ihn stürzen zu sehen, ihn schreien zu hören; die Verrenkungen des Mißhandelten gewährten ihm Wonne. Einst wollte sich seine Gattin Christine ans Klavier setze»; er schob ihr den Snibl weg und meckerte vergnügt, worauf sie entrüstet sprach:„Ich glaubte den König von Neatzel geheiratet zu baden, nicht einen Lazzaronil" Sie hatte den rechten Ausdruck geprägt, er war ein Lazzaronihäuptling, gemein, habiüchtig, abergläubisch und hielt einen jeden Meiiichen ohne weiteres für schlecht; der Schlimmste der Schlimmen auf dem Throne!"... Sein Instrument war bis 1848 jener verruchte Delcaretto, der den Marchesenlitel und den Marschallstab sich wesentlich dadurch er- gaunerte, daß er in Kalabrien nach einem belanglosen Aufstand bestialisch hauste. Dreißig Rebellen ließ er hängen.— darunter einen achtzigjährige» Priester. Wie Settembnmi zu Anfang der fünfziger Jahre unschuldig in Banden log, Hölle er gleich anderen Leidensgcnossen sich loskaufen können; denn ein„gutgesinnter" Advokat trieb den Handel systematisch und mit Wissen des Königs, dem lieber war, nian wähne, seine Milde sei für Geld zu habe», als daß man Argwohn schöpfe, er lasse aus Schwäche Gnade er- gehen. Von englischer Seite wurden Scttembrini die nötigen Mittel angeboten; er aber mochte die Freiheil weder erschachern, noch er- betteln und lehnte sie dankend ab. Im Schöße seiner Familie spielte Ferdinand den Zärtlichen. Er diktierte dem Thronerben fleißig Regentenweisheit— und was für eine!— und befliß sich auch korrektester Frömmigkeit. Begegnete er auf einer Ausfahrt durch die Straßen der Stadt einem hohen Pfaffen, so stieg er aus und kniete vor ihm nieder. Den Heiligen- bildchen in seinem Palaste warf er Knßhändchen zu. Im Heere ward jeder Waffengattung ein besonderer Schutzpalron ver- ordnet. Die Jesuiten waren ihm insofern genehm, als sie da» „Bestehende" verteidigten; er fürchtete sie aber mehr als er sie ver- ehrte. Der Liberalismus aber war ibm in jeder Form zuwider, wie dem Teufel das Weihwasser und zur raffinierten Ausspionierung der gebildeten Klassen verwendete er einen Schwärm von Spitzel», die ihm horrende Summen kosteten, volles Vertrauen hatte er nie einer Seele geschenkt. Und nach dem Attentat de? Soldaten Mikano, der ihn, bei einer Revue einen wuchtigen Bajonettstich versetzte, ver» düsterte sich sein Wesen. Von dem Verdacht, daß Mörder ihm stetig auf den Ferien seien, ließ er sich höchstens inmitten seiner Schweizer- söldner. einer ihm persönlich knechtisch ergebenen Truppe, abbringen. Er besuchte sie gern in ihren Kasernen und plapperte mit ihnen in ihrem Dialekt, den er einst als Zögling des berühmten Fellenbergschen Instituts zu Hostvyl bei Bern passabel erlernt halte. Auch ihren heimischen vierstimmigen Chören lauschte er mit Vergnügen, und auf Märschen wie in Manoverpausen wurden die sangeskundigen Wächter oft plötzlich zu ihm hinkoinmandiert, damit sie sich produzieren. Hatten sie die Majestät erbeitert, gab's reichlich zu saufen. Ferdinand kannte ihren nie erlöschenden Durst und pflegte deshalb zu sagen, er vertraue den Schweizern unbedingt alles an— bis auf die Kellerschlü'sel. In der letzten Spanne»eines unseligen Dasein? weilte er meist in dem streng bewachien Schlosse von Caserta, und hier gab er auch einer richtigen Hanswiirstiaune nach. Der gewesene preußische Leuriianl Wilhelm R ii st o rj, der nach 1843»n der Schweiz eiir Aiyl fand, ins eidgenössische Heer eintrat und sich durch eine Reibe militärtheorenicher Studien einen ausgezeichneten Namen erwarb' war im Sommer 1860 von Garibaldi zur Fndrung einer Brigade der italienischen Sndarinee berufen worden. Die Erlebnisse die'es Feldzuges schilderte Rüstow in seinen heute fast vergessenen Er« tnnerungen; er erzählt darin auch von einer wunderlichen Ueber- raschung. die ihm zu Casert- ward, als er dort mit Oberst Medici zu konferieren hatte.„Dieser," berichtet jener,„hatte die Zimmer des linken Flügels, die Ferdinand vormals bewobute, für sich in Beschlag genonimeii. Er war bei meiner Ankunft abwesend. Ich wanete auf seine Rückkehr im königlichen Schlaf- und Toiletten» gemach. Es war dort in einem Glas schrank eine ansehnliche Bibliothek, und um die Langeweile zu bannen, gedachte ich ihr irgend ein Werk zu enrnehmen. Beim Ueberfliegen der Titel ergab sich, daß alle bedeutenden Er>cheiiiuiigen der italienischen Literatur seit dem tll. Jahrhnndm da waren, offenbar von einem vorzüglichen Kenner nach Fächern höchst sorgfältig zusammengestellt. Meine Wahl war endlich getroffen und eben wollte ich den Schrank öffnen, als ein betagter Diener hereinkam und grinsend mir bemerkte:„Es ist nichts, ist Holz I" Ich ventand erst nicht, was der Kerl meinte, ich mochte lind konnte dies unmöglich aiulehmen, aber es verhielt sich gleichwohl so. Dieie Bücher laren überzogene, mit B u ff ch r i f t e n in Goldbuchstaben versebene Holz st ücke und diese Bücherei diente lediglich als Schirm iür den Toiletteranm, in dem der N a ch t st u h l sich befand. Daß diese? Objekt der ureigenste Gedanke Ferdinand II. war. bat man mir bestäligt." Ein niedliches Pendant zu Polemkins gemalten Dörfern. _ d- g- Kleines feuilleton* Musik. Das 2 0. Stiftungsfest des Detitschen Arbeiter» Sängerbundes. Gau Berlin und Umgebung, das am Sonnabend im Brauereisaale Friedrichshain stattfand, brachte Leistungen, denen im ganzen ein erfreulicher Fortschritt gegen snihere Dardietuiigeii anzumerken war. Im ganzen zeigte sich mich, daß die einzelnen Dirigenten ihre Chöre mit Sorgfalt geschult hatten und daß die einzelnen Sänger sich willig den Anforderungen Hingaben, die namentlich an präziieS Zusammenklappen und an deutliche AuS» spräche zn stellen sind. Wie weit sich dies auf die Dirigenten, auf die Mitglieder und auf den Vorteil einer längeren Traditon eines Chores verteilt, ist schwer zu sagen; es würde sich empfehlen, auf jedem Programm zu dem Namen deS Chores das Jahr seiner Gründung und zu dem de? Dirigeiilen das Jahr seines AnusantrilteS anziigebe». Um aus den Chorleitern einen Hervorzuhebelt, dessen Einfluß auf seine Sänger uns besonders eindringlich und gut ab- tönend erschien, nennen wir Herrn Tobias, den Leiter deS „Weißensee"(e? heißt, er habe den Chor erst seit kurzem in seiner Hand). Der Maßstab, der an dieie SangeSkeistungen anzulegen ist. darf allerdings nicht von solchen Choren hergenommen werden, die wegen ausgedehnterer künstlerischer Beschäfligung ihrer Mitglieder hohe Bor- ziige in der seinen Abtönung des'Vortrages und in der Klang- ichönheit der Stimme» erreichen können. Letztere leidet bcsoiiderS leicht miter einer sehr begreiflichen Erscheinung, die gerade diesmal zu merken war. Menschliche Stiniineii unterscheiden sich nämlich oft sehr durch eine hellere und dunklere, flackere und vollere, härtere und weichere Klnngfarbe; singen nun solche Stimnien und namentlich solche Tenöre zusammen, und wetteisern sie gar noch in der Stärke, so wird der Gesamtklang leicht rauh, mit einer Neigung zum harten. So war es z. B. beim„Süd-Ost"; und im.Nanienlos" konnte man deutlich zwei besonders eindringliche Teuore hervortreten boren, deren einer mehr hart und„kehlig" saug, der andere mehr hell und weich. Bei der Neigung des ebe»gen.i!intcu. übrigens sonst wieder gut abgetönten Chores zum Piaiio wird die nötige«uSgleichling wohl noch leichter sein, als beim vorgenannten, der jeden- falls sein Forte zurückhalten und ans eine vollere Färbung der Vokale o und i achten soll.'Es scheint, daß die überall anzutreffende Vorliebe für Uebungen.ms dem Vokale a auch bei «nseren Chören schadet«nd wenigsten? durch Ndningen auf u, zumal für die„Flachen" und.Harle»" ergänzt werden könnte).— Im einzelnen mögen noch folgende Notizen iuterei sieren: Beim„Männergesangverein Namenlos"(Dirigent Thilo), der über 60 Mann stark erschien, fiel als Komposition «Tief ist die Mühle ver'chneit" von Th. Podbertsky auf. ,M ännerchorWeifiensee", mindestens auch über 60 Mann, fällt durch angenehm weiche Bässe auf, die Tenorstimmcn mögen ihnen ähnlich werden, zunächst gedämpfler singen und einige Jnter- valle reiner herausbringen! zumal Terzen„standen" nicht genug gleichmäßig und fest. Hübsch, doch schwierig war Emil NeumannS Komposilion„Waldesfricden". „Sängerchor Südost"(Dirigent Kowalski), über 70 Mann. Stramm durchgearbeiteter Vorlrag, obwohl der Chor noch jung zu sein scheint. Gute Komposition„Der Pilot" von Sturm(einer von H a y d n bedarf keines Rühmens mehr). ,M änner-Gesangverein Rixdorf"(Dirigent Kieskc), über 80 Mann. Der Chor ist anscheinend alt, singt sehr ausgeglichen und abgetönt, in einigen Stimmen zwar nicht hart, aber etwas rauh oder heiser, im ganzen angenehm dunkel. Bc- merkenswerte Komposition„Vals oarissirna" von Hugo K a u n. Eine Ballade von Friedrich Hegar zeigte die bei diesem alt- verdienten Chorkomponisten bekannte Doppelseele der Liedertaselei und des selbständigen Ausdruckes mit eitler kleinen Steigerung im Verlauf. .Sängerabteilung I Südost" und„M ä n n e r ch o r Köpenick", mit mebr als 100 Mann zusammengelegt, in Ver- tretung dirigiert von Paul Kurz, dessen dramatischer Männer- chor„Zur neuen Welt" ein gut Stück über Liedertafelet hinauSrelcht. Richard Dehmels bekanntes Gedicht„Der Arbeitsmann" erschien in einer Komposition, die den Refrain„Nur ZeitI" nicht eben sehr vertieft darstellt: hier könnte der Vortrag, der sonst durch ein guteS Crescendo auffiel, nachhelfen. Die Chorgruppe haue ihre Leistung überhaupt sorgsam durchgearbeitet. Die Tenöre zeigten sich im Piano, mit einem den höheren Tönen der Klarinette ähnlichen Klange, günstiger als ini Forle. Gesamtchor(Direktor D i e s b a ch) 200— 300 Mann(also eine kleine Auswahl aus den sechs beteiligten und den mehreren Dutzend angegliedenen Chören). Präziser Sang, deutliche Aussprache! nach einer gehaltlosen Bundes- Hymne sympathische Komposilion„Das heilige Feuer" von U t h« mann. Die gehäufte Fülle von sonstigen Darbietungen dehnte das Fest in Morgenstunden hinein, die wir trotz Lockungen von Harfe, Violoncell usw. unmöglich mehr mitmachen tomuen. Daß Kammermusik weder nach Mitternacht noch in einen Tausendersaal paßt, steht längst fest. So tat eS uns auch um die sorgfältige Aufführung des in mchifachem Sinne„großen" B-ckur-TrioS von Beerhoven leid (Kestenberg, Dessau. Loewenson).— Die Orgel des Saales bedarf gründlicher Reparatur. Eine Festrede von Heinrich Schulz(die voraussichtlich in vollem Text ericheinen wird), beleuchtete namentlich das Verhältnis des Arbeiiersanges zum Arbeiterkampf und zur künstlerischen Mafien- und Einzelbildung. bz. Slstronomisches. U eb e r den Stand unserer Kenntnisse vom Weltall hat George Darwin, der Sohn von Charles Darwin, einen umfangreichen Vortrag gehalten, worin er eine Summe ucuer Kcnntnific und Anschauungen zusammenfaßte. Darwin äußerte die Besorgnis, daß seine Darstellung von der Naturge- schichte des Himmels vielleicht nicht sehr viel Interesse erwecken werde, da er keine Liebesgeschichten von den Bewohnern de? Sirius berichten, auch nicht mit einem andern hervorragenden Astronomen der Gegenwart— gemeint ist Pcrcival Lowell— in Wettbewerb treten werde in Spekulationen über die Leistungen der Marsbewohner als Ingenieure. Er griff dann vier Punkte aus den astronomischen Forschungen heraus. An erster Stelle sprach er über die Entfernung der Fixsterne. Bisher ihat sich kein Stern gefunden, dessen jährliche Bewegung im Jahre auch nur den kleinen Betrag von einer Bogensekunoe am Himmel ausmacht. Ein einziger Stern ist bekannt, dessen jährliche Ver- schiebung wenigstens jährlich% einer Sekunde beträgt. Dieser äst damit weitaus der unserm Sonnensystem nächste Fixstern, aber immerhin noch mehr als 40 Billionen Kilometer oder fast 3 Millio- mcn mal weiter entfernt, als der Abstand der Erde von der Sonne (beträgt. Das Licht braucht 4)4 Jahre um von diesem Stern bis än unser Auge zu gelangen. Im ganzen sind jetzt die jährlichen Verschiebungen oder, wie die Astronomen sich ausdrücken, Parall- axen von etwa 360 Sternen bekannt, eine gewaltige Arbeits- leistung der Astronomen, obgleich in der Hälfte dieser Fälle noch eine ziemlich große Unsicherheit herrscht. Vorläufig vird man sich daraus immerhin nur unbestimmte Vorstellungen über die (Bewegungen und die Verteilung der Himmelskörper im Weltall -machen können. Vor allen Dingen kann man schon einen Kegriff davon erhalten, in welcher Vereinsamung das Sonnensystem seinen Lauf durch den Weltraum ausführt. Wenn man um die Sonne eine Kugel legen könnte, die von ihrem Mittel- Punkt 65 Billionen Kilometer entfernt ist, so würde sich in dieser Kugel außer der Sonne nur ein einziger, eben jener nächstge- legene Fixstern befinden, und auch weitere Kugeln, die mit dem gleichen Abstand von der ersten um die Sonne gelegt würden, tverantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: würden im Durchschnitt nur einen Stern enthalten. Nimmt man dazu die Tatsache, daß nach dem heutigen Stand der Himmels- Photographie und ihren bisherigen Erfolgen die Gesamtzahl der Fixsterne auf etwa eine Milliarde geschätzt wird, so erhält man ein nachdrückliches Gefühl von der unbegreiflichen Ausdehnung des Weltalls oder auch nur des Teils des Weltalls, der für mensch- liche Mittel der Beobachtung erreichbar ist. In das Feld der großen Umwälzungen, unter denen sich die Geburtswehen neuer Welten vollziehen, führt die Betrachtung der Sternhaufen und Nebel. Manche Nebel sind wahrscheinlich die frühesten Stadien der Weltenbildung, die dann allmählich in Sternhaufen sich vcrtvandeln mögen. Der Uebergang erfolgt vielleicht durch oie merkwürdige Form der Spiralnebel. Neuerdings ist freilich von hervorragender Seite die Vermutung ausgesprochen worden, daß solche Spiralnebel durch die Bewegung zweier Sterne ent- stehen können, die gegenseitig zu einer gewaltsamen Umwälzung führt und damit ercdet, daß beide sich als Spiralnebel wieder von- einander entfernen. Als letzte Frage behandelte Darwin die Frage der D o p p e l st e r n e, das heißt solcher Fixsterne, die, wie er sich ausdrückte, unter dem Einfluß ihrer gegenseitigen An- ziehung umeinander herumwälzen. Im Weltall gibt es unzählige Beispiele einer solchen Vergesellschaftung, so daß wahrscheinlich jeder sechste Fixstern am Himmel ein doppelter ist. Die Ent- stehung dieser Doppelgebilde ist bis auf den heutigen Tag noch nicht sicher erklärt worden. Aus dem Tierleben. Neues vom„Selbstmord" des Skorpions. Es ist eine ziemlich allgemein bekannte Behauptuug, daß der Skorpion, wenn man ihn mir einem Kreise aus glühenden Kohlen umgibt, sich mit seinem Gifcstachel selbst töte. In der Pariser Zeitiwrift „La Nature" hat ein Beobacvtcr, der das Experiinent wiederholte, den Veilauf berichtet und jene Behaupcung als richtig bestätigt. Der Skorpion stichle durch den feurigen Wall zu entkommen und zwar luiter ihm hindurch, machte dann auf der entgegengesetzten Seite des Kreises den gleiche» vergeblichen Versuch und stach sich schließlich in den Kopf, um sofort bewegungslos alle viere, oder wie es bei einem Skorpion heißen muß: alle achte von sich zu strecken. Nu» hat schon Dr. Zell in seinem Bücklein„Tierfabeln" darauf hingewiese», daß die Arten der Skorpione sich nicht gleich in dieser Frage verhalten, daß viele Experimenie jene Behauptung nicht be- stäligen, und daß es zum Beispiel nicht gelang, Skorpione um» zubringen, die man gewaltsam mit ihrem eigenen Stachel zu löten mchte. Sie wurden nur betäubt. Wenn der halb gebratene Skorpion vor Schmerz mit seinem hocherhobenen Stachel blitzschnell henmifuchtelt, kann man seinen Bewegungen kaum folge», und bis» weilen wird dann behauptet, er habe sich gestochen, während er nur an Verbrennungen zugrunde gegangen ist. Dr. Zell hält daher den Selbstmord in dem Sinne, wie er bei Menschen verstanden wird, für den Skorpion nicht siir erwiesen. In einer folgenden Nummer der„Nature" ist nun auf die Versuche F a b r e s hingewiesen worden, eines berühmten Entomologen(Jniekienforschers). Fabre hatte mit seinen Versuchen stets Erfolg und eben deshalb— leugnete er den Selbstmord des Skorpions 1 Er legte nämlich die Selbst- mörder beiseite auf Sand und nach etwa einer Stunde waren sie alle immer wieder ledendig I Man kann nun folgendes annedmen: Die Tiere suchen sich, ihrer Gewohnheit gemäß, dadurch zu reiten, daß sie sich verkriechen. Mit dein Feuer hatten sie b>öhcr keine nähere Bekanntschaft. Sie rennen daher auf die Lkohlen zu, um sich unter ihnen zu verbergen, und schreckrn zurück, um an einer anderen Stelle das gleiche zu versuchen. Dabei er» Hitzen und verbrennen sie sich die Kopfganglien; sie empfinden instinktiv eine Lebensgefahr«nd stellen sich nach einigem Hetum» fiichieln mit dem Schwanz tot. Das Totstellen ist bei den Spinnen» tieren, zu denen der Skorpion im weiteren Sinne ja gehört, der- breitet, und ans das Totstellen deutet auch der Unistand, daß die Tiere übereinstimmend nach mehreren Berichten gleich nach dem Stiche regungslos liegen bleiben. Es ist eine alte Erfahrung, daß giftige Tiere für das Gift ihres eigenen Leibes wenig oder gar nicht empfindlich sind, und es wurde bereits erwähnt, daß man Skorpione gewaltsam mit ihrem Stachel nur zeitweise bctäubeir, aber kaum löten kann. Daher ist die Annahme des plötzlichen Sichtotstellen? hier wahrscheinlicher. Wir können aber auch annehmen, daß die dnrch die Berührung mit den glühenden Kohlen verbrannte Kopfstelle heftig schmerzt und der Skorpion mit seinem Stachel unwillkürlich dahin schlägt wie wenn er sich eines Angreifers entledigen wollte. Er glaubt einen Feind auf dem Kopfe zu spüren, sticht nach thm und sticht sich selbst. Da er aber an das Gift gewöhnt ist, so wacht er. wenn man ihn beiseite legt, wieder auf.' Nimmt man das eine oder das andere an. in beiden Fällen kann von einem„Selbstmorde" in unserem Sinne nicht die Rede sein. Um zum Selbstmörder zu werden, muß man vom Leben und vom Tode erst eine Vorstellung haben. Zu der Annahme, daß solche Vorstellungen bei so niederen Tieren existieren, fehlt uns auch der leiseste Anlaß I Gibt eS vollends Erklärungen, die ohne Voraussetzung solcher Vorstellungen voll- ständig ausreichen, so wird man sich damit begnügen. Immer ist die einfachere Erklärung der komplizierteren vorzuziehen. Der Selbstmord dcS Skorpions gehört daher zu den unbewiesenen Tier- fabeln.______ L. L. BorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul SingerLcCo., Berlin SW»