ZlnterHaltimgsvlatt des Horwärls Nr. 242. Dienstag den 13. Dezember. 1910 (Nachdruck verdaten.) 33� Alas ilt R.uKm? Roman von Max Kretzer. Stand Lorensen dann aber wieder vor seinen eigenen Schöpfungen, so begonn der Zorn zu verrauchen; und war er gar. wieder draußen im Garten, wo bei schmotternder Blechmusik auf dem Lästerweg zwischen Caf6 und Orchester die hübschen Mädchen an ihm vorüberwandelten, dann war die letzte Ueberwallung verpufft, zog ihn seine Schwäche sanft in die ausgetretenen Spuren seines Lebens. Dann kamen Tage, wo diese hohe Meinung von Kempen plötzlich sank wie das Thermometer durch einen Kälteschauer. weil er ähnliches Lob anderer nicht gelten lassen wollte. An einem Nachmittag, als er sich früher als sonst draußen herum- drückte, stieß er auf Walzmann, der sich, den dunklen Rock auffallend sauber gebürstet, die mächtigen Treter blitzblank. den üblichen schwarzen Begräbnishandschuh über die Linke gestreift, einen neuen, durch seine Kleinheit fast lächerlich wirkenden steifen Hut auf, gerade durch die offene Tür eines Nebensaales schob. Es dauerte nicht lange, so tauchten auch der lange Blankert und der kleine Schmarr Arm in Arm auf. »vas Lorensen sofort auf den richtigen Gedanken brachte, alle drei könnten sich hier in der Totenkammer zu einer Art Rächerjury versammelt haben. Sie legten denn auch bald los. ein jeder in seiner Art. Walzmann nahm die„Marmor-Athleten", womit er spöttisch die Männer mit den großen Aufträgen meinte, gehörig beim Zipfel: Blankert, dessen Porträt einer jungen Daine man in dem Rundgang der anderen Seite so gegen das Licht gehängt hatte, daß man nur den Speckglanz des Mrnisses sah, sprach rücksichtslos von„farbenblinden Subjekten". Schmarr jedoch. der sich glücklicher schätzen konnte, weil man seine Kinder- doppelbüste„Die Zwillinge" in einem der besseren Säle auf- gestellt hatte, säuselte nur leise sein Verdammungsurteil; um so begeisterter schwang er die Künstlerfackel über Kempens Werk, mit dem Seherblick des kranken, gedrückten Menschen. der von der Welt noch alles in Milde erwartet.„Laßt sie doch die Zähne fletschen." preßte er unter einem Husdenanfall hervor,„dieser Kerl wird auferstehen in Erz." „Dann können sie sich die dicken Schädel daran ein- rennen." warf der Maler dazwischen.„Allerdings werden sie mehrmals einen Anlauf dazu nehmen müssen." „Richtig, richtig, mein Sohn." knarrte Walzmann los. *,Aber bis dahin kann er verhungern. Dja. Gips kann er schaufeln. Kennen wir alles, kennen wir alles! Von weichem Ton ist noch keiner satt geworden. Schwefelbande... Sirups- Händler... Eigendünkler im Frack... Lichtputzenscherer des Geistes... Dja... Herrgott. Herrgott, wie groß ist doch dein Tiergarten, daß die Schweine sinnlos ihr Futter finden und die Ameisen die weitesten Wege machen müssen, um sich alles zusammenzutragen!. Habe da neulich, dja, ein dickes Buch gelesen über das Leben der Ameisen, die im kleinen einen Musterstaat bilden, mit Regierung. Feldherrir und mit Boereskolonnen. Dja. Müßt Ihr auch lesen, kann ich Euch pumpen. Lehrreich, sehr lehrreich für uns Menschen!... Und ein einziges Sck�vein genügt, um mit seinem Schnüffeln diesen ganzen herrlichen Bau zu zerstören. Erleben wir alle Tage." Er wog zwar seine Ausdrücke nicht, aber sobald Fremde in der Nähe waren, dämpfte er seine Stiinme. Erst als er um die Gruppe herumging, die Linke mit dem ltnzugeknöpften Handschuh amRockkragen. um das Gleichgewicht der Schultern herzustellen, den rechten, unnatürlich langen Arm hin und her schlenkernd, wurde er mit Absicht lauter. denn was er zu sagen hatte, konnten alle hören. Und er pries die Arbeit mit jener feinsinnigen Kennerschaft, die niemals von Neid erfüllt ist. Selbst ein Arbeitstier, erfüllte ihn Kempens Fleiß mit Bewunderung. Dieser Löwe, dieses letzte Aufflackern des Lebens! Was sei da alles zusammengetragen worden, um die Bewegung herauszubekommen! Die Banausenmenge glaube immer, das Genie schieße alles aus der Pistole, und doch sei es die fleißigste Biene von der Welt: niemals ahne das Publikum, wieviel dazu gehöre, um ein ganzes Künstiverk fertig zu bringen! Die Talentchen seien immer fix bei der Hand, füllten sozusagen die Ueberswndeni aus; das Genie dagegen schaffe schon beim Morgengrauen mit eisernen Fingern, durch die jeder Widerstand gebrochen werde. Und er pries weiter die Muskulatur des Kerls, dis sorgsam ausgeführt fei, angespannt durch jede Sehne. „So etwas werde ich niemals machen können!" sagte Schmarr mit einer gewissen Traurigkeit.„Ich werde ihm eine Putte mit einem Lorbeerkranz stiften, damit er meine Freundschaft sieht." „Du kannst auch nie so hoch laugen, mein Sohn," meinte Walzmann.„Backe Du ruhig Deine Kindlein weiter, das gibt hübsche Weihnachtsgeschenke. Und wenn Du Rosinen, hineintust, dann legen Deine Auftraggeber noch einen Talev zu. Herrlich die Welt, herrlich! Dja. Aber ich möchte sie doch nicht missen, denn jeder Tag macht sie mich aufs neue lachen... Sage mal. mein Söhnchen Blankert. gehn wir jetzt ein Töpfchen trinken? Auf Kempens Wohl?" Lorensen hatte kein Wort gesprochen, denn es ärgerte ihn. daß niemand seine Gruppen erwähnte. Da er sie von dort hatte ko innren sehen, so nahm er an. daß sie ihm bereits eins ausgewischt hätten.„Alles sehr schön, furchtbar echt, aber wer stellt sich so'n Kerl hin?" sagte er endlich.„Kempen ist unpraktisch. Das halte ich ihm iinmer vor." „Kauf's Du ihm doch ab. mein Solu, Du Verdienst ja jetzt genug durch Deinen Marzipan." stieß Walzmann frostig hervor. Gleich beim Anblick Lorensens war ihm dessen Ver- halten bei Heilke eingefallen, und so hatte er ihn ziemlich links liegen lassen, trotzdem seine Worte meistens aus den Blonden gemünzt waren. „Er verdirbt es auch mit allen." fuhr Lorcnsen fort, ohne sich aus dem Stich etwas zu machen. „Du bist schlauer, mein Sohn," sagte Walzmann wieder unwirsch.„Du wirst Deinen Weg schon machen. Zu mir hinaus findest Du ihn ja doch nicht mehr. Du hast ja jetzt auch ganze Sohlen, und mit Messer und Gabel kannst Dn auch schon essen. Wenn Du Professor bist, sag es mir. Dann backe ich mir einen Eierkuckien extra. Wundere mich über» Haupt, daß Du noch mit mir sprichst. Dja. Lcuifst ja jetzt den ganzen Tag in Deiner Banbaujacke rum. Fehlt nur noch die Rettungsmedaille für Selbstbewahrung Deines teuren Lebens... Uebrigents Dein Faun, der gefällt mir. Reißt alles heraus. Dja." Er lachte verständnisvoll.„Na. und Deine Mädchen sind ja auch ganz glatt, darauf verstehst Du Dich. Die studierst Du ja auch gründlich... Die Schlemmer streicht da nebenan herum: lad sie ein, lad sie ein! Geh iu den Pavillon mit ihr, die hat immer Hunger. Die Unkeusch» heit frißt immer doppelt." Lorensen hörte grausigen Spott aus den Worten, der ihm die Nöte ins Gesicht trieb. Beide begannen sich gehörig zu reiben, bis Blankert endlich dazwischenfuhr, denn er fand, daß Walzmann in seiner Rücksichtslosigkeit Lovensen unrecht tat. Dieser habe doch schon bewiesen, daß er auch etwas leisten könne: eben jeder in seiner Art. meinte er. „Na also, was krakeelt er denn." legte nun Lorensen loS. „Wir können uns doch nicht zeitlebens die.Kartoffeln in der Müllschippe braten, wie er es tut. Und davor möchte ich auch K empen bewahren." „Bewahre Dich nur selbst." spottete Walzniann weiter. „Zeig uns erst Deine berühmte Eva. mach eine zweite Frau von Milo daraus." „Wird schon kommen." gab Lorensen hochtrabend zurück. „So etwas liegt Kempen nicht, und daran krankt seine Kunst." Walzmann grunzte vor Vergnügen, so daß sein kleines Hütchen sich nach vorn schob, was ihm das Aussehen eines Nußknackers gab.„Abwarten, abwarten, nwin Sohn, und dann Tee kochen. Wer einen Löwen backt, kann auch dis Löwin backen. Dja. Wenn er nur will. Beim Genie ge» schchen Zeichen und Wunder... Adje, mein Sohn, ich bin heute zu fein für Dich. Sehe wohl, wie Du Dich iinmer um- guckst. Erwartest wohl noch den Kultusminister, wie? Der kommt, der kommt! In Preußen wandelt man nickst ungestraft unter Palmen... Dalli, meine Söhne, ich bekomme Durst. Habe wieder mal Kunst gesehen. Die übrige Aus- stellling schenke ich Dir, Lorenisen." Und er zog seinen zweiten Handschuh straff, den er niemals überstreifte, und schob sich rüstig vorwärts, ohne Lorensen noch weiter zu beachten. «Geh Socf> fnB, 5u kennst ihn jn," VSunIe Vlanksrt Loreilfen zu. Tiefer aber zögerte und versprach nachzukominen. Gern hätte er mit dem MÄer und dem Kleinen wieder em Stiindchen znsanr.nengesessen, wenn die verschrobene Figur Walzmanns nicht dabei gewesen wäre. Ta draußen im Garten tief und saß sc» mancher herum, der zu Heilkes Haus Beziehungen hatte, und so fürchtete er die üble Nachrede. Schließlich hielt ihn auch ein gewisser Hochamt davon ab, denn unbewußt war er ein anderer Mensch mit verseinerten Lebensgewohnhelten geworden, die ihn seine Gesellschaft immer mehr seht wählen ließen. Zwei Tel an später, gegen Abend, trat Walzmaml zu Kempen ins Atelier.»Tu. laß Tich kiigen, laß Tich küssen!" ifagte er sofort und nmaniue ihn ohne weiteres,„�ch bin ein Stiiinper, ein heilloser Stümper gegen Tich... tlebrigens mache ich Reklame für Tich. tute mir die Lungen aus. Habe jetzt bei Hufland ein paar Flügelmädcheu geknetet. Schablone neunundneunzig. Gestern Schluß. Tie Kerle blickten aus wie 'die Regensucher. Log ihnen die Hucke voll, daß sie Schweiß vor Neid träufelten. Schadet nichts, schadet nichts— die Lüge wird selbst ins Brot gebacken, wenn es zu klein ist. Tja. Sagte ihnen» daß Tu wahrscheinlich in die Naticnialgalerie kommen würdest. Ter Kaiser habe sich neulich Temen Kämpfer angesehen. Ließ auch etlvas von einem Millionär dnrch- leuchten, der das Ting vor seiner Grunewaldvitla ausstellen wolle... Lach doch nich, lach doch nichk Turch solchen Schwindel steigt nmn' kann sa keiner kontrollieren. Schließ- lich spricht sich's rum und die Fama wird zur Wahrheit. Tsa. Zuletzt sperrten sie alle die Mäuker auf. als wollten sie auch die goldenen Aepfel haben. Bin überzeugt, daß sie sich heute noch eiirmal ertra ausgemacht haben, um Tein Glück anzu- starreir. Tie Töpfer haben immer Ehrfurcht vor einem» neuen Ofen! Und in acht Tagen weiß es der ganze Bau. wo er steht. Husland hat Talent zum Briefträger... Wo isr denn die Kleine?." (Forts-tzwig folgt. Ii kftmlerbucder und luaendfchviften 1910. Unzerreißbares. Tie Hochflut an BUd-rböchern, dis für ihre wichtige Susgabe nach neuem Ausdruck suchen. läßt nach. Das wird manchem früher geschaffenen Guten, das w der andrängenden Masse verschwand, zum Borteil sein, und neues Gutes kann vom ersten Augenblick an bener zur Geltung kommen. Freilich gilt doS nur für die Körner, die das Gute zu erkennen wisse» oder zu denen hin dem Garen ein Weg geebnet ist— wobei an die dnrch den BildmrgsauSfchritz der sosial- dernokratischen Partei rege beratenen inrd von Jahr zu Jahr ail Zahl wachsenden Ansstelliingeir der Arbciterichasr zn denken ist. Der gegenwärtige Stand der Kinderbücher» n>rd Juge>id»'christö>»-B«weginig ist dadurch gelennzeichnet, daß viele Ilnternchmer sich daraus verlegen, die guten Bücher, die fich ein PuWilnm erobern lowuien, äußerlich nachzuahincn, ohne doch an inuerein Gehakt iniltnn zu können, oder — schlimmer noch— nin ausgemachten Schund etirem großen Publikum in die Hunde zu spielen. Mit Bedauern ist fest zustellen, daß die Arbeit, für ganz weniges Geld gute farbige Büchlein für die ersten Sinderjahre zu schaffen. immer noch aus sich warten läßt. An un.zermß&aren Bilderbüchern an- Leinen liegt nichts Neues vor, daS dein Bedars entspricht. Die bübschm Sachen, die der Verlag Hans v. Weber. Mimckei», vor zwei Jahren wagte, sind nicht durch Neues vermehrt worden. Nur der Verlag Schreiber, Eßlingen, hat ein größeres Leinloaudbildcrbnch von LeoKarnradl:..Wilde und zahme Tiere" heraus- gebracht. Es enthält eine Menge au sich gut gezeichneter, aber doch der kindlichen Freude nicht zutraulich genug entgegenkommender Bilder. bleibt in der Farbe allzu sehr t» lllrau und Brann stecken icnd ' stört mit seinen Nartensnnwrichristen in drei Sprechen. Ich ineine auch. Leinenbüchcr dürsten über eine Größe von 15:20 Zentimeter «ich: hinausgehen. Nttr Pappbücher lömien in großen» Format kommen. Höchst Erfreuliches bat hier Eugen Oßwald geschaffen inil seürem auch als Leporellobuch beraestcllteu„Mein Tier- dilderbnch"