Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 245. Freitag den 16. Dezember. 1910 �Nachdruck herbslen.) 36Z Mas ilt HiiKm? Roman von Max Kretze� Er hatte seine Stimme so möchtig angestrengt, daß Frau Lemke durch die Tür des Nebenzimmers alles hörte und ge- schäftig hereinkam, weil sie glaubte, sie gingen sich an den Kragen: denn Kempen war auch sonst nicht müßig gewesen. Von plötzlicher Wut gepackt, hatte er ein Vuch ergriffen und damit auf den Tisch geschlagen, daß es krachte. Was sich schon lange in ihm angesammelt hatte, kam mit elementarer Wucht zum Ausbruch, mit der ganzen Rücksichtslosigkeit unberechen- barer Naturen. In diesem Augenblick, wo man ihm etwas zu rauben« dachte, von dem sein Herz schon bange Besitz er- griffen hatte, mit sengender Glut in all den Tagen, wo er sehen durfte, was andere niemals geschaut hatten, schoß das Mißtrauen gegen Lorensen mächtig brennend in ihm empor und durchbrach flammend seine Besonnenheit. „Na, dann wären, tyir ja wieder einmal schön zusammen- geraten," sagte Lorensen eingeschüchtert und griff zu Hut und Stock. „Und Du hast alles heraufbeschworen," brachte Kempen noch ganz außer Atem hervor und ließ ihn ruhig gehen. Und Lorensen ging auch, in einer Stimmung wie nie zu- vor. Uich als er langsam die ausgetretenen Stufen hinabstieg, die sie so oft in froher Laune gemeinsam genommen hatten, stets dasselbe Ziel vor Augen, beschlich ihn etwas wie Rührung, die ihn fast veranlaßte, umzukehren und Kempen die Hand zu geben, was er zum erstenmal! in seinem Leben vergessen hatte. Schon wollte er es ausführen, als sein Stolz ihn davon abhielt, denn wenn er es sich alles richtig überlegte, so hatte er keine Ursache, den Geduckten zu spielen. War nicht bisher alles redlich von ihnen geteilt worden, hatte nicht Kempen inrmer selbst darauf hingewiesen, sie wollten sich beide gemeinsam Klara als Modell halten, und hatte er nicht damals schon, als sie noch Kind war, diesen Gedanken aus- gesprochen? Die Notwendigkeit hatte ihnen dann das Mädchen aus den Augen gebracht, der Zufall aber wieder zu- sammen: und er, Lorensen, war es, der sie damals bei Schnee- treiben wieder aufgesucht hatte, und seinem Rufe allein war sie ins Atelier gefolgt. Es waren nur dumme Redensarten, die er vorhin ange- wandt hatte, um so zu tun, als wenn er sich nicht gar zu viel daraus mache. Berlin war allerdings groß, und viele hübsche Weiber liefen in ihm l>erum, die in schön sitzenden Kleidern den Eindruck von Idealfiguren mochten: aber sobald man sie dann bei Licht betrachtete, so wie man sie haben wollte, sah man manchmal die Bescherung: wenigstens an denen, die bereit gewesen wären, sich dazu herzugeben. Was einigermaßen prächtig zur Welt gekommen war und sich in Ebenmaß hätte entwickeln können, wurde durch die Kulturschraube mit der Zeit jämmerlich verunstaltet, nament- lich durch die Zwangsarbeit des Korsetts: und wo man sonst Wollendung witterte, blitzte man gehörig ab. Er mit seiner edlen Dreistigkeit konnte ein Liedchen davon singen und mußte obendrein den Spott nach einstecken: denn behauptete er keck, es gebe keine Naturschönheit mehr, so lachte man ihn einfach aus und ließ, um ihn zu ärgern, durchleuchten, daß man sich „diesmal" wenigstens gewaltig irre, was ihn aber keinen Schritt weiter brachte. Er hatte sich schon die Beine abge- laufen, um etwas Besonderes für seine„Eva in Scham er- glüht" zu finden, etwas ganz Äußergewöhnliches, was seiner Auffassung entspräche mrd wozu er sich nicht erst alles zu- fammenzu suchen brauchte. Und nun war eine ins Haus ge- flogen und Kempen nahm sie ihm fort, dieser verschrobene Knurrhabn, dem er einen derartigen Trick niemals zugetraut haben würde. Es konnte nicht anders sein: er tvar in sie verschossen «nd vielleicht auf dem besten Wege, die größte Dummheit daraus entstehen zu lassen. Wunderbar waren die Rätsel der Menschenseele und noch wunderbarer die Lösungen, die sich manchmal daraus ergaben Lorensen wollte direkt an seine Arbeit gehen, als er aber vor der Ateliertür stand, fand er sie verschlossen: denn ganz hatte er vergessen, daß Sörgel nicht mehr bei ihnen war. Und so machte er wieder Kehrt, um ein Weilchen durch die Straßen zu gehen, bis Kempen käme, der gewöhnlich niemals lange auf sich warten ließ. Es war im Juli. Gegen Morgen hatte ein gewaltiger Gewitterregen ganz Berlin überschwemmt, und so sah man noch die Spuren auf Straßen und Plätzen. Die Luft war abgeklärt und rein, und ihre Feuchtigkeit dämpfte die Kraft der Sonne, die noch nicht die gewohnte Glut des Tages schaffen konnte. All die tausenld Menschen, die dazu ver- dämmt waren, in einförmiger Tätigkeit den Atem des Stein- Ungeheuers zu schlucken, begrüßten das Labsal des Himmels mit Dank und dehnten befriedigt die Lungen: ihr Schritt war gemessener, gleichsam gestärkter, und die Augen strahlten hoffnungsfucudiget,«vahren d die Brust nun weniger von Neid erfüllt war gegen die Glücklichem Für einen Nichtstuer bummelte es sich angenehm dahin, und so empfand auch Lorensen diese ersten Morgenstunden in Berlin wie eine Art wohliger Nachkur, der er im Schlendrian ein wenig folgen müsse, bevor er sich wieder an die saure Kunst mache.-Herr- liche Wochen mit«vundervollen Ausflügen, die bis zur Zug, spitze führten, lagen hinter ihm. Er hatte alles Schöne mit- genommen und nxir auf der Rückkehr noch gehörig durch München gebummelt, das er früher nur flüchtig kennen gelernt hatte. Und erwog er alles ganz genau, so konnte er mit sich zufrieden sein. Heilkes hatten alles getan, um ihm die Tage so angenehm als möglich zu machen: und«vas Marianne be« traf, so hatte sie sich ztvar in Gegenwart der Eltern die nöttge Zurückhaltting auferlegt, sich dann aber um so zwangloser gegeben, sobald sich einmal beide auf einsamen Pfaden in die Berge schlugen. Ja, die Welt war doch schön mrd wert, darauf vergnügt zu sein! Die kleinen Berliner Mädchen lachten ihn an, und er nickte ihnen keck zu, sobald es ihm angepaßt erschien, aller- dings noch viel zu träge, um in dieser Stunde mit ihnen anzu- bandeln. Selbst der kritische Blick, mit dem er sonst den Spuren seiner Kunst zu folgen pflegte, fehlte ihm heute. In Gedanken war er der Potsdmner Straße zugegangen, und als er sie behaglich entlang schritt, sah er plötzlich Klara Münk auf sich zukommen, flink und frisch, wie immer in Kleidung und Chic ein Mittelding zwischen Mädel und Dame. Er sah den hellen« Strohhut, das rosige Gesicht, die weiße Modebluse, den gestreiften Rock, unter dem die braunen Schuhe verlockend glänzten,— sah dieses ganze liebe Haus- tierchen, wie es, den zierlichen Schirm im Arm, stolz daher- geflattert kam, als ivollte es«nit kühn erhobenem Naschen sagen:„Seht doch auf mich. Wenn Ihr«vüßtet,«ver ich bin! Das schönste Mädchen von ganz Berlin: ein großer Mnstler hat es mir gesagt." Und plötzlich war aus Lorensens Brust aller Haß gegen sie entschwunden, und nur Freude belebte seine Züge. Die Enge des Ateliers mit ihrer schtvüleic Luft, die auch die Menschen in ihren Bann zog, tvar gleichsam für ihn entwichen, hatte der freien Welt Platz gemacht, wo nmn in vollen Zügen atinen durfte. Sie wollte mit freundlichem Gruße an ihm vorüber, er aber zog wie ein Gentleman den Hut und hielt sie in seiner gerissenen Weise fest:„So eilig, Aphrodite, auf deutsch Schaumgeborene?". �, „Weiß ich, weiß ich," wiirkte sie altklug ab.„Sie halten mich doch für gar zu dumm. Adieu, ich muß ins Atelier. Hatte nur noch etwas für Mutter zu besorgen. Ihnen schmeckt «vohl die Arbeit noch nicht?" Ein Einfall kam ihm.„Wissen Sie nicht'ne hübsche Wohnung für mich?" fragte er.„Wir haben uns lvieder mal gründlich verkirurrt. Ihretwegen natürlich! Na, und da bin ich auf der Suche. Mit Kenipen, wisscR Sie, ist gar kein Auskommen mehr." Was er bezweckt hatte, geschah. Verblüfft trat sie mit ihm zur Seite und zeigte, blaß geworden, gesprächig ihre Neu- gierde. Sie sah weiter als Lorensen. Gingen die beiden auseinander, dann«vurde alles anders: Kempen mußte den .Lebenskampf erst recht führW. die ganze Atelierherrlichkeitz nahm vielleicht ein Ende. Schon zetzt bebte sie manchmal um das Modellgeld, nicht aus Eigennutz, sondern Kempens wegen, der sich ehrlich schinden mußte, um dem andern nicht zu sehr in der Tasche zu liegen. „O weh, o weh, das ist aber böse," stieß sie unwillkürlich hervor.„Seien Sie doch auch mal friedlich. Wenn Sie sich nicht wieder vertragen, reiß ich aus und laß Sie beide sitzen. Sie haben mich ja schon rausgeschmissen." „Das lag doch nur an Ihnen," warf er ein. Sie machte ein dummes Gesicht.„An mir?" Dann lachte sie munter.„Ach so, ich verstehe schon. Ja, sie hätten eben früher kommen sollen." Sie zog ihn auf, er merkte es; und so erfaßte ihn wieder leichter Zorn.„Ach Sie—!" „Gemütlich, Herr Lorcnsen, immer gemütlich!" sagte sie ernst.„Sonst gehe ich sofort weiter." Aber sie tat es nicht, denn etwas anderes ging ihr durch den Sinn.„Uebrigcns wissen Sie, wo wir hier stehen?" schnurrte sie munter.„An derselben Stelle, wo ich Sie damals kennen lernte. Sehen Sie, dort ist noch derselbe Laden, wo ich das Licht holte. Ich bin hübsch groß geworden inzwischen. Und Sie wollen jeden- falls von der Rumpelfahrt nichts mehr wissen. Was doch alles im großen Berlin passieren kann!" Sie lachte abermals lustig, im Innern von Beruhigung erfüllt, daß sein Benehmen gegen sie diese Wendling genommen hatte. „Ja, wahrhaftig, ganz derselbe Fleck," rief er mit einer gewissen Belvegung aus; und er sah den Abend wieder vor sich, an dem er und Kempen, wie die Tiere vor dem kümmer- lichen Gefährt gespannt, die schmutzige Straße des Lebens zogen, um zur reinen Höhe des Ruhmes zu gelangen. Und wie diese Kleine, die Mitwisserin ihrer Erniedrigung, die sie bis heute getreu begleitet hatte, ihm danials das Licht brachte, so brachte sie ihm jetzt die Erleuchtung, einzulenken in aridere Bahnen zu ihr. Dieser Zufall dünkte ihm wie eine Bestimmung, die Mi- nuten gehörig auszunutzen, und so sprach er freundlich auf sie ein. Nickt weit von ihnen, in der nächsten Querstraße, war eine kleine Konditorei, wohin er sie gern haben wollte, um vernünftig mit ihr zu reden. Zwar sträubte sie sich erst, weil sich Kempen an ihr pünktliches Erscheinen gewöhnt hatte; als Lorensen aber bat und dararif hinwies, daß er sich bereits einmal versckpviegen gezeigt habe und die Sache nur ans- geglichen sein würde, wenn sie darüber nicht spräche, tvas ihm nach dem heutigen Vorgang mit Kempen angenehm wäre, ging sie nicht mehr lange mit sich zu Rate. Wie wenig zählte eine kleine Notlüge, wenn es ihr gelänge, den alten, hübschen Zustand im Atelier wieder herzustellen. (Fortsetzung folgt.)) (Nnthdnitf tcvbotcn.} i] In der Zicfc. Von H. G. Wells. (Sdjluh.) Dann sah er— über den welligen Meeresboden hinweg— fern und undeutlich etwas Neues— einen weiten Horizont schwachen Lichts, der sich nach rechts und nach links, soweit über- Haupt sein kleines Guckloch reichte, erstreckte. Und darauf schleppten sie ihn zu, so wie man einen Ballon aus dem freien Gelände nach � einer Stadt zu schleppt. Sehr langsam kam er näher; und sehr langsam entwickelte sich der undeutliche Schimmer zu bestimmteren Formen. Es war fast fünf Uhr, als er sich über dem Bereich des Lcuch- tens befand, nnd er vermochte jetzt etwas zu erkennen, das aussah wie Straßen und Häuser, die sich um eine Art riesigen, dachloscn Gebäudes gruppierten, das in grotesker Weise an eine Kloster- ruine mahnte. Wie eine Landkarte lag alles unter ihm. Die Häuser bestanden alle aus dachloscn Wänden, nnd da sie— wie er nachher bemerkte, aus phosphoreszierenden Knochen hergestellt waren, sah das Ganze aus, als wäre es aus ertrunkenem Mond- schein aufgebaut.... Zwischen den Jnnenräumen deS seltsamen Ortes streckten wehende Krinoideendäumc ihre Fangarme aus, und hohe, schlanke, glasige Glasschwämme hoben sich gleich schimmernden Minarets und Lilien dwistigen Lichts aus dem allgemeinen Leuchten der Stadt. An den offenen Stellen und Plätzen bemerkte er eine wimmelnde Regsamkeit wie von Mengen von Menschen; aber er befand sich zu viele Faden hoch über ihnen, als daß er die Jndi- viducn in diesen Mengen hätte unterscheiden können. Dann zogen fie ihn langsam abwärts, und er erfaßte die Einzelheiten des! wunderbaren Ortes nach und n�h deutlicher. Er sah, daß die! Linien der Wolkenhaften Gebäude durch perlige Reihen von runden Gegenständen umrissen waren; und er bemerkte auch an verschiede- nen Stellen unter ihm, auf großen, offenen Plätzen, Formen, die aussahen, wie inkrustierte Schiffsrümpfe. Langsam und unentwegt ward er nach unten gezogen, und die Formen unter ihm wurden heller, klarer, deutlicher. Er merkte jetzt, daß man ihn nach dem großen Gebäude im Mittelpunkt der Stadt zu zerrte, und ab und zu sah er sogar einen Augenblick die durcheinanderwimmelnden Gestalten, die an seinem Tau schleppten. Er bemerkte mit Staunen, daß das Takelwerk ei.'eS der Schiffe, die einen so auffallenden Bestandteil dieser Stadt bildeten, dicht besetzt war von einer Masse gestikulierender Gestalten, die alle nach ihm hinschauten. Dann stiegen schweigend die Mauern des großen Gebäudes um ihn empor und entzogen die Stadt seinen Augen. Und was für Mauern das waren! Aus wasserdurch- tränktem Holz und verbogenem Drahtseil und eisernen Sparren, aus Kupfer und aus den Gebeinen und Schädeln liefen in Zickzacklinien und Spiralen und phantastischen Kurven über das Gebäude hin; und zu den Augenhöhlen ein und aus und über den ganzen Ort hin spielten und schnellten Massen von silbernen kleinen Fischen. Plötzlich ersiillte ein schwaches Geschrei seine Ohren, und ein Geräusch gleich lautem Hörnerblasen; darauf folgte ein Art phan- tastischen Chorgesangs. Immer tiefer sank die Kugel, vorüber an den riesigen, spitzbogigen Fenstern, durch die er undeutlich Mengen der seltsamen, geisterhaften Geschöpfe sah, die ihn anstarrten, und schließlich lag fie still auf einer Art Altar— so schien es ihm—. der in der Mitte des Gebäudes errichtet war. Von hier aus vermochte er jene fremdartigen Bewohner der Tiefe noch einmal deutlich zu sehen. Zu seinem Erstaunen bc- merkte er, daß sie sich vor ihm niederwarfen— alle, bis auf einen. der in eine Art von Eidechsenschuppen gekleidet und mit einem leuchtenden Diadem bekrönt war und unter fortwährendem Oeffnen und Schließen seines Reptilienmauls aufrecht dastand, als führe er den Chor der Betenden an.... Ein seltsamer Impuls veranlaßte Elstead, seine kleine Glüh- lampe wieder anzudrehen, so daß er sichtbar ward für jene Geschöpfe der Tiefe, obschon sie für ihn dadurch in Nacht verschwanden. Als sie ihn so plötzlich erblickten, wandelte sich der fromme Gesang in ein Geschrei der lärmendsten Aufregung; und Elstead, um sie be- obachten zu können, drehte sein Licht wieder aus und entschwand ihren Blicken. Eine Weile war er jedoch zu sehr geblendet, um irgend etwas unterscheiden zu können, und als er sie schließlich wieder sah. knieten sie schon wieder. Und so fuhren sie fort, ihn anzubeten— obne Rast— ohne Pause— drei volle Stunden lang. In allen Einzelheiten berichtet Elstead von der erstaunlichen Stadt und ihrer Bevölkerung, diesen Geschöpfen ewiger Nacht, die weder Sonne, Mond noch Sterne, weder grünes Wachstum noch lebendige, luftatmende Wesen je gesehen haben, die nichts wissen von Feuer oder Licht, die nur das phosphoreszierende Licht leben- diger Dinge kennen.... So seltsam diese Geschichte auch klingt— noch seltsamer ist es, daß Männer der Wissenschaft— von der hervorragenden Bedeutung eines Adams, eines Jenkins,— keineswegs etwas Unglaubliches in ihr finden. Sie versichern, daß sie keinerlei Grund einsehen könnten, weshalb intelligente, wasseratmende Wirbclgeschöpfe, die an niedere Temperatur und ungeheuren Druck gewöhnt und von so schwerem Bau sind, daß sie weder tot noch lebendig zu schwimmen vermögen, nicht auf dem Grund der Tiefsee leben sollten— ohne daß wir es ahnen— gleich uns Nachkömmlinge der großen Thero- morpha des New Red Sandstones. Sie allerdings wüßten von uns— als von einer Art seit- samer, meteorischer Geschöpfe, die ab und zu plötzlich tot aus dem gebcimnisvollcn Schwarz ihres Wasserhimmels niederstürzen. Und nicht nur wir selber, sondern auch unsere Schiffe, unsere Metalle, alles, was zu unserem Leben gehört, kommen aus der Nacht herab- geregnet. Manchmal kommt irgendein sinkender Gegenstand und � wirft sie nieder, zermalmt sie wie das Strafgericht einer unsicht- baren Macht; und wieder kommen Dinge von auserlesener Schön- heit, von hohem Nutzen, oder Formen, die zu neuem Fortschritt anstacheln. Am leichtesten kann man sich ihr Betragen beim Er- scheinen eines lebenden Menschen vergegenwärtigen, wenn man sich vorstellt, was ein Volk von Barbaren etwa anstellen möchte, wenn plötzlich ein glanzumflossenes, leuchtendes Wesen aus der Luft zu ihnen hcrabkäme.... Elstead hat vermutlich den Offizieren des„Ptarmigan" nach und nach jede Einzelheit seines zwölfstündigen Abenteuers in der Tiefe erzählt. Er wollte— das weiß ich— alles auch niederschreiben; aber er kam nicht dazu, und so müssen wir eben die ein- zelnen Bruchstücke seines Berichts nach den Erinnerungen Sim- mons, des Kommandanten, Weybridges, Steevens, Lindleys und der anderen zusammenflicken. So sieht man das Ganze vor sich— dunkel— fragmentarisch — den riesigen, geisterhaften Tempel— die knienden, psalmen- singendcn Geschöpfe, mit ihren dunklen, chamäleonhaften Köpfen und schwach leuchtenden Gewändern, und Elstead, der sein Licht wieder angedreht hat und ihnen vergeblich klarzumachen versucht, daß fie das Tau, an dem sie seine Kugel hielten, loslassen müssen... i Minute auf Minute vergeht, und Elstead bemerkt, als er auf die I Uhr sieht, voll Entsetzen, daß er nur noch auf vier Stunden Sauer, stoff hak.,.» Und das Psalmensingen ihm zu Ehren geht weiter, immer weiter, als war' es ein Trauermarsch auf seinen nahen Tod..«« t Wie er eigentlich loskam, begreift er selber nicht; augenschein- lich mutz das Tau, das von der Kugel herunterhing, sich an einer Kante des Altars durchgerieben haben. Auf einmal rollte die Kugel, und er entschwebte, wie ein in Leere gehülltes Geschöpf des Aethers durch unsere Atmosphäre wieder in den Aether, aus dem es geboren war, zurückschweben würde. Wie eine Kohlensäureblase aus unserer Luft aufsteigt, mutz er ihnen entschwunden sein. Eine merkwürdige Himmelfahrt mutz es gewesen sein�— für sie! Die Kugel schotz mit noch grötzerer Geschwindigkeit aufwärts als sie, von den Bleigewichten gezogen, abwärts gesunken war. Sie wurde glühend heitz. Die Fenster lagen nach oben, und Elstead entsinnt sich noch, wie ein Strom von Blasen am Glas vorüberschotz. Jeden Augenblick erwartete er, daß es zerspringen würde. Tann war es auf einmal, als ob in seinem Kopfe ein riesiges Rad anfinge sich zu drehen— der gepolsterte Raum wirbelte um ihn herum und er verlor das Bewußtsein. Das nächste, an das er sich wieder erinnerte, war seine Kajüte und die Stimme des Arztes. Das ist der wesentlichste Inhalt der merkwürdigen Geicbichte, die Elstead bruchstückweise den Offizieren des„Ptarmigan" er- zählte. Er versprach, sie später niederzuschreiben. Für den Augen- blick beschäftigen sich seine Gedanken hauptsächlich mit der Vcrbesse- rung seines Apparates, die in Rio ausgeführt wurde. Es bleibt nur noch zu berichten, daß er am 2. Februar l896 sich— mit den Verbesserungen, auf die sein erster Versuch ihn hin- gewiesen hatte— zum zweitenmal in die Tiefe des Ozeans wagte. Wie es ablief, werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach nie erfahren. Denn er kehrte nicht wieder zurück. Der „Ptarniigan" kreiste dreizehn Tage lang um die Stelle, an der man ihn hinabgelassen hatte— vergeblich I Tann kehrte er nach Rio zurück, und die Freunde Elsteads wurden telegraphisch bcnach- richtigt. Einstweilen ruht die Angelegenheit. Aber es ist kaum anzunehmen, daß kein weiterer Versuch mehr gemacht werden wird, diese seltsame Geschichte von jenen bisher unbekannten Städten der Meerestiefe auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu prüfen. Oer Kampf um die Erkaltung von Naturdenkmälern. Seit den Tagen, da im Kampfe der Organismen um die Be- herrichung der Erdoberfläche der Sieg des Menschen entschieden war, durch die Vervollkommnung einer Waffe, die sich nickt nach autzen, sondern nach innen eniwickelte— des Gehirns—, feit diesen Tagen war es auch bereits entschieden, daß die übrige irdische Lebewelt auf Gnade und Ungnade ausgeliefert wurde. Und schon zu halb und ganz vorgeschichtlichen Zeiten mackte der Herr der Erde sein Recht geltend, wie es scheint, immer„auf Ungnade". Mag auch so manches der ausgestorbenen Tiere, die noch mit den Menschen bei uns lebten, geologischen Veränderungen und anderen Ursachen er- legen sein, so kann das Aussterben des Manimuts. des Höhlenbären und anderer Geschöpfe der diluvialen Zeit doch ruhig dem vor- geschichtlichen Menschen in die Schuhe geschoben werden, bei dem der Hunger keine Gedanken an den„Schutz von Natur- denkmälern" auskommen ließ. Verbürgt ist unter anderem die Ausrottung der Moas, neuseeländischer Rieienvögel, durch die MaoriS; und es wird sogar behauptet, daß diese Wilden erst nach dem Versiegen jener Fleischquelle auS Not Menschen- frcsser geworden seien. Aber die Erde ist groß und die Bevölkermig nur dünn, so daß wir Jahrtausende überspringen müssen, ehe der Mensch die Erd- oberfläche und ihre Organismen in einer das Landschaftsbild weient- lich beeinträchtigenden Weise umgestaltet bat. Wolf, Lux, Bär und ähnliche Gestalten wurden zwar frühzeitig aus deutschen Landen ausgemerzt, und das krasse Nützlichkeitsprinzip, das nur das ge- deihen lassen wollte, was dem Menschen von seinem Leib- und Magenstandpunkt auS gesehen als nutzbar und nützlich erschien, griff iminer weiter um sich, aber erst seit einigen Dezennien wurde die Gefahr als solche wirklich bemerkbar und erkannt. Der Zeitpunkt läßt sich natürlich nicht genauer bestimmen. Die Sache hat sich, wie alles andere, entwickelt, und im vorliegenden Falle ist sie aus der Vervollkommnung de« kapitalistischen WirtschaftsbetriebcS mit Notwendigkeit entsprungen. Die Natur wurde ein Ausbeutnngsobjekl. Und zwar in so äugen- fälliger Weise, daß auch die Befürworter der gegen- wältigen Gesellschaftsordnung sich diesem Eindruck nicht entziehen konnten. DaS Zeitalter des Dampfes und der modernen Schutzwaffen lieferte im Wüten des Mettscheit gegen die Natur Waffen, gegen die selbst die furchtbaren Messerzähne des vorwcltlichen MacheirodonS scklietzlich doch nur als kindliches Natnrspiel erscheinen. Mit dem Wachsen der Bevölkerung stieg der Bedarf an Kulturland. Die Wälder fielen unter der Axt und öffneten sich dem Pfluge. Das »papierne Zeitalter" kam und der ungeheuere Bedarf an Holzpapier lichtete die Wälder noch stärker. An Aufforstungen aber dachte man weniger, und wo es geschah, siegte da? Nützlichkeitsprinzip in Gestalt der Kiefer. Sie wäscht rasch und gerade, nimmt mit dem kärglichsten Boden vorlieb und rent-ert sich daher am besten. So mutzten Eiche und Buche, Linde und Esche den„Baumäckern" der Kiefer weichen, einem an sich schönen Baume, der aber im erzwungen engen Schluß der forstlichen Betriebe durch seine Monotonie die Landschaft gründ- lich beeinflutzt. Dann kamen die grotzen Steinbrüche, die Lahm« legung alter Fltttzläufe durch Kanalbauten und Reguliertingen, die Trockenlegung zahlloser Teiche und Seen und dieKultivierung von Moor- und Heidestrecken, der z. B. die Lüneburger Heide schon zum grotzen Teile zum Opfer gefallen ist und weiter fallen wird. Die Zunahme dieser Verwüstungen, die früher in Menschen» altern kanm fühlbar wurden, während sie sich jetzt nahezu täglich aiisdrängcn, mutzte mit Notwendigkeit Gegendruck erzengen. Er nahm die Form einer Bewegung zur„Erhaltung von Nattirdenk« mälern" an. Datz diese Bewegung bürgerlichen Kreisen entsprang und noch heute ihre Hauptstütze in ihnen hat, ist selbstverständlich. Von der Leib- und Magenfrage weit weniger bedrückt als die Ar- beitersckast und nicht wie diese in Fabriken und Werkstatten fest« gebannt, mutzte den bürgerlichen Naturfreunden, Aestheten und Forschern, aber auch den Waidmänner» und Sportjägern, schlietzlich doch vor den Bildern bange werden, die sie überall zu Gesichle bekamen. In Preußen tauchte schon im Jahre 1843 eine gesetzliche Be- stimmung lzum Schutze von Naturdenkmälern auf. Die erste selb- ständige Druckschrift über unser Thema, die ich kenne, liegt mir vor in Gestalt einer Broschüre„Der Schutz der landwirtschaftlichen Natur und der geschichtlichen Denkmäler Deutschlands", die einen Vortrag des Musikprofessors Ernst Rudorfs vom Jahre 1892 wiedergibt und im gleichen Jahre im„Verlag des Allgemeinen Deutschen Vereins" erschien. Damals wollte eine Firma an der Rotztrappe im herrlichen Bodetale einen Personenaiffzug anbringen, angeblich um die Rotztrappe leichter zugänglich zu machen, in Wirl- lickkeit, um die Naiurschönheit zu„kopitalisieren". Rudorfs nahm sich mit grotzer Wärme deS bedrohten Tales an und stellte schlietzlich auch einen Antrag ans Bildung eines Ausschusses zum Schutze der landschaftlichen und geschichtlichen Denk- mäler der Natur im weitesten Sinne. Infolge einer Anregung, die der Abgeordnete Wetekamp tm preußischen Abgeordnetcnhause im Jahre 1898 aussprach, traten die Ministerien in Aktion. Es kam bald Leben in die Sacke. Die grötzte Förderung hat die Bewegung dem Direktor deS Westpreutzischen ProvinzialmuseumS in Danzig, Prof. Dr. C o n w e n tz, zu verdanken, der sich ihr unermüdlich widmet. Alle Provinzen wurden nach Naturdenkmälern durchforscht, zum Beispiel nach merkwürdigen und alten Bäunten, Beständen aussterbender Arten, wie der Eibe, nach grotzen erratischen Blöcken usw. Es entstand die Bewegung zur Schaffung von „Reservaten", wobei als das uns zunächst Liegende der Plagesee mit dem Plagcfenn bei Chorin erwähnt sei. Hier wird ein eigen- artiges Stück Natur aus Wasser, Wald und Moor der Zukunft erhalten. Andere Reservate sind in der Lüneburger Heide, in Bayern usw. teils bereits festgelegt, teils in naher Zukunft gesichert, und es mutz anerkannt werden, datz die Regierungen in diesem Punkte vielfach ein Verständnis und ein Enigegenkommen zeigen, das man in anderen Dingen um so schmerzlicher Vermttzt. So ist die beabsichtigte Verunstaltung des Bodetals durch ein Stau» becken verhütet worden, die Durchführung einer Eisenbahn neben der Schwarza im berühmten Schwarzatal wurde verweigert, die fiskalischen Steinbrüche an der Elbe in Sachsen müssen nach Ablauf der Pachtverträge eingeben und neue dürfen nicht angelegt werden usw. Allgemein bekannt ist, daß die Amerikaner uns in der Schaffung von Naturparken im groß- artigsten Matzstabe weit vorangegangen sind. Allein der Dellowstone Park ist so grotz wie das Königreich Sachsen und er ist ein wahres Wunderland. Aber es scheint, datz die Amerikaner durch die Schaffung dieser Reservate ihr Gewissen gegenüber dem Reste ihres Landes beruhigt glauben. Denn die dort betriebene Waldverwüslung ist nickt minder gigantisch und gegenwärtig ist der Kapitalismus im Begriff, auch das Naturwunder des Ntagarafalles zur Stillung jcineS Durstes zu verschlucken. Die Bewegung zum Schutze der Naturdenkmäler ist im raschen Steigen begriffen und dem einspricht das Anwachsen der Literatur, aus der wir einiges Neuere herausgreifen. In dem Bändchen„D i e Naturdenk m a l p f l e g e" von W. Bockeobachten, wie dieser den Meißel zwischen de» ersten beiden Zehen festklemmt. Bei den Anfängern findet der außerdem durch die Hand gehaltene Meißel an diesem Punkte nur eine stützende Unterlage, die Gc- übtcren halten aber einen Gegenstand so fest mit den Zehen, daß eine große Gewalt dazu gehört, ihnen denselben zu entreißen. Auf demselben Mechanismus beruht die Fähigkeit der Maler, die das Unglück haben, ohne Hände geboren zu sein, den Pinsel zu führen. Soweit brauchen wir es nicht zu bringen; aber der Fähigkeit der kleinen Kinder, ihre Zehen ähnlich zu bewegen, wie die Finger, sollten wir nicht durch unsinnige Fußbekleidung verlustig-gehen. Literarisches. Klara Müller-Jahnke: Gedichte(Verlag: Buch« Handlung Vorwärts, Berlin IVIO; 292 Seiten, broschiert 3.50, gebunden 4,50 M.) Noch immer seh' ich sie vor mir, die kleine Frau, die mich zu besuchen gekommen war im Norden Berlins, inmitten der Hochburg des Proletariats. Nichts Prätentiöses an ihr; sondern wie ein Weib des Volkes erichien sie. Aber welch ein funkelnder Feuer- geist? Da war alles rhyibmilcher Stablklang, revolutionäre Be- kennerschaft. sozialistischer Zukunftsglaube I Ja— dies war die Dichterin, die von sich sagen durfte: Am Meeresstrand bist Du geboren, umranicht von seinem frischen Wind, verblübtest Tu, der Welt verloren, Der Freiheit unentwegtes Kind! Das war fie, die in ihren„roten Kressen" daS Mqsteruim des zum freien kampfbewährten Menschtum erwachten proletarischen Weibgeschlechts vertiindet! Und das war die Dichterin der„Sturmlieder vom Meer" und klangreicher sozialistischer Gesänge, die mir da auch von ihrer Lebensbeichte sprach, dem Roman:„Ich belenne," von dem noch nicht bestimmt zu sagen war. wann und wo er als Buch erscheinen werde... Ein hartes Dasein hatte diese Fra» führen müssen; als Redolieurin eines pominerschen Kleinstadtblattes hatte sie Jahre hin- durch in der journalistischen Tretmühle gestanden— bei fünfzig Mark MonatSlob n.... Dann war das Glück gekommen. Aber nicht lang— da riß fie ein allzufrüber Tod aus der Lebensbahn! und dies klingende Herz, eS schlug seinen letzten Schlag.... Demio-v, dennoch, die Dichterin blieb uns unverloren. Von ihrem Grabhügel draußen in WilhelmSbage» bei Berlin, unter dem nun feit fünf Jahren ruht, was Sterblicbes an ihr war, nahmen wir Klara Müllers goldene« Vermächtnis auf. All, was dieser liederreiche Mund voll slrörneuder Kraft und hinreißender, 5c» geistcrungszündender Beredsamkeit gesungen: wir haben'S jetzt in einem Bliche zusammen. Oskar I a h n k e, sein Herausgeber, der Gatte der Toten, bat es mit poesievollen Landschafts- niotiven, symbolischen Vofivbildcken und sinnigen Randleisten durch« woben: und Julius Hart stellte ein würdig gehaltenes Bild vom Leben. Werden und Schaffen der Dichterin voran, die so recht eine starke Kämpferin. eine Lickitbringerin, eine befreite Befreierin war. Dem Proletariat galt ihr Herz, dem Sozialismus trug sie allzeit das Triumphbanner voran I Da war es nur Pflicht und Gerechtigkeit, daß der Parteiverlag die Zniammenfaffung und Veröffentlichung dieses schönen Vermächt- niffes übernahm. Runmehr ist eS an uns, den wunderreichen Schatz in unser« Scheuern zu bergen! E. K. verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck y. Verlag-.BorwärtsBuchdruckereiu.VerlagsanstaltPaulSingerchEo.,Aertt«L>V.