Mnlerhallungsblatl des Horwärts Nr. 247. Dienstag, den 20. Dezember. 1910 (7-aqdrult vnlslen.) ss] Mas ist Ruhm? Roman von Max Kretzen 15. Auch am Nachmittag ließ sich Lorensen nicht sehen: als er dann aber am andern Tage freundliche Worte an Klara richtete und sie bat, ibm doch no6) die letzten Stunden zu seiner„Poesie" zu gewähren, machte Kempen große Augen und nahm zum Lobe Lorensens an. daß dieser inzwischen eine bedeutende Zwiesprache mit sich gehalten habe, um den alten, gemütlichen Ton zu finden. Weshalb sollte sie ihm auch nicht sitzen und stehen, sobald er höflich zu ihr war, obendrein zu solchen Dingen, wobei es nichts zu sehen gab. Kempen war es überdies lieb, denn nun, wo sie beide im Atelier waren, mußte er seine nackte Figur liegen lassen: die Zeit aber durfte nicht totgeschlagen werden. Er konnte sein Grabrelief fort- setzen und auch allmählich an den Affen gehn, während Loren- sen ruhig sein Denkmal volleudete, das dann als Gipsabguß in die Gießerei kam, um in Bronze gegossen zu werden, nach- tun drei Koimteemilgliedec �Rensdal'> war diesinol der- hindert) die letzte Besichtigung vorgenommen hatten. Als die einzelnen Teile bei Gladenbeck zusammengestellt wurden, blieb Lorensen ganze Tage fort, um in der Ziselierwerkstatt selbst noch die Hand anzulegen, damit die letzte Form heraus- käme. Dadurch bekam wieder Kempen Freiheit der Bewegung zu seinem Mädchen in Lebensgröße. Er hatte den riefigen Orang-Utang nur als eine Art Vogelscheuche angelegt, um wenigstens den Stand der Figur zu haben: denn ein unüber- windlicher Drang trieb ihn dazu, immer erst das Weib fest- zuhalten, gerade, als könnte ihm Klara wider Erwarten ver- loren gehn. Lorensen sah das zwar alles, sobald er wieder auftauchte, was sozusagen nach vorheriger Anmeldung ge- schal,: aber er hatte jetzt so viele andere Dinge im Kopf, daß er sich nicht weiter darum bekümmerte, höchstens nur heiße Blicke auf Klara schießen ließ— in jenem stillen Einverständ- uis mit ihr, das großer Worte nicht mehr bedarf. Aber der Herbst ging vorüber und alles blieb un- verändert. Das Denkmal sollte Anfang Januar, am Ge- burtstag des Dichters, enthüllt werden. So benutzte Lorensen die Gelegenheit, diesmal früheitig eine Weihnachtsreise nach Hause anzutreten, um gleich zwei Dinge miteinander zu ver- binden. Zwar hatte er sich diese Fahrt anders gedacht, zu Zweien, wie früher, wo es undenkbar gewesen wäre, daß einer der Unzertrennlichen bei einem derartigen Ereignis sich ab- seits gehalten hätte: jedoch sagte er nichts, und als ihm Keinpen, der diesmal in Berlin bleiben wollte, nur Glück und Heil wünschte, tat er den Mund nicht mehr auf. Schließlich war?s auch besser, wenn Kempen gründlich die Zeit ausnutzen wollte: um so eher würde die Stunde kommen, in der Klara ihr Versprechen halten könnte. Lorensen kehrte wirklich in Zufriedenheit zurück: nicht nur, daß man ihn in seiner eignen Heimat nach Verdienst ge- feiert hatte, auch in weiteren Kreisen war seine Kunst ge- würdigt Ivorden. Die großen illustrierten Blätter hatten sein Porträt und Abbildungen des Denkmals gebracht und dabei die Figur der die Rose überreichenden Muse als einen besonders glücklichen Gedanken gepriesen: und auf dem kleinen Bankett, das das Komitee ihm zu Ehren gegeben hatte, war von Rcnsdahl der Name Fritz Lorensen besonders gefeiert worden. So hatte er also wohl das Recht, sich in seinem mit Krimmer besetzten Kaisermantel noch stolzer zu wiegen und fast mitleidig auf den Löwcnkämpfer zu blicken, der als Atelierhüter in der äußersten Ecke des hohen Raumes stand, fast verkümmerter noch als vor Monaten in der Toten- kammer der Ausstellung, wo man ihn wenigstens von allen Seiten betrachten konnte. Als er dann den Wust Zeitungen und Wochenblätter mit seiner Verherrlichung aus dem Mantel hervorholte, die Blätter einzeln vor Kempen aus- breitete und dabei Klara bedeutungsvoll ansah, war es, als wollte er ihr zurufen:„Na, was sagst Du dazu? Bist Du mit mir zufrieden? Wenn Dich das nicht reizt, dann weiß ich nicht!" Kempen stand schweigend dabei, vernahm geduldig die kleine Prahlerei und lachte vergnügt, denn frischer Erdgeruch war wieder mit Lorenfen hereingedrungen, der die Gedanken mit forttrug zu all den kernigen Gestaltin und koniischen Käuzen in der Kleinwelt da draußen, die auch Kempen sc» genau kannte. Erst als er bemerkte, daß Klara aufmerksam alles zu studieren und mit einer gewissen Bewunderung darüber zu sprechen begann, wurde er ärgerlich. Er faßte an Lorensens Rockkragen und taute auf mit der trockenen Frage: „Wo ist denn der Orden?" Lorensen fand diese Frage so wenig sträflich, daß er durch. aus ernst erwiderte, man wolle ihn zur Konkurrenz um das Kaiserdenkmal auffordern, und wenn er die Ausführung be- komme, werde vielleicht bei dieser Gelegenheit auch etwas füv sein Knopfloch abfallen. Dann, rasch wieder heimisch geworden im Atelier, staunte er über den Fortschritt in Kernpens Arbeit, die bis auf die Füße nahezu vollendet war. Der Klumpen Ton zu Seiten deS Mädchens, der ihm wie eine Karikatur dünkte, machte ihm Kopfzerbrechen, und so fragte er, was das zu bedeuten Hobe.. „Das sollst Du werden," erwiderte Kempen, um einen, Witz zu mackzen und zugleich die Eitelkeit des andern zu be- strafen. Lorensen jedoch, fast erschreckt darüber, seine innersten- Gedanken so erraten zu sehen, blickte ihn verblüfft an, kaum eines Wortes fähig: erst als er zu der Ueberzeugung kam, daß Kempen sich dabei nichts gedacht hatte, bekam er die Sprache wieder, obwohl er sehr gedrückt Herurnschlich. Aber schon nach einigen Tagen reckte er sich bedeutend, denn diesmal wollte Kempen verreisen, und zwar iwch Ham- bürg, wo sein Grabrelicf so gefallen hatte, daß man mit einem neuen Auftrag auf ihn wartete. Da er seine alte Mutter seit einem Jahr nicht gesehen hatte, so gedachte er den Aufenthalt dort auf mehrere Tage auszudehnen, denn er war sicher, ohne Unruhe die Zeit verleben zu dürfen. Lorensen trug sich mit den Gedanken zu neuen Skizzen für Rensdahl und hatte über- dies eine Bestellung aus die Büste einer verstorbenen jungen Dame bekommen, die er nach einem kleinen Relief und nach Photographien zusammenbauen sollte, was eine höchst undank- bare Arbeit gab. Klara wurde also während dieser Zeit über- flüssig und konnte zu Hause bleiben und spazieren gehen, was sie mit einer gewissen Freude begrüßte. Hinter Lorensens Rücken spielten sich gewisse heimliche Dinge ab. was er bald bemerkte. Mehrmals ging Klara schon vor dem Dunkelwerden in Begleitung Kempens fort, und dann blieb dieser längere Zeit aus, ohne sich darüber zu äußern. Als dann aber Lorensen eines Morgens erfuhr, daß Kempen den Abend zuvor bei Frau Münk zugebracht hatte, konnte er mit seiner Heiterkeit nicht zurückhalten. „Weshalb lachst Du denn?" fragte Kempen, der in zwei Stunden abfahren wollte und schon seinen Koffer mitgebracht hatte. „Nun, ich mache mir so ein Bild," erwiderte Lorenseu und betrachtete ihn mit einem gewissen Mitleid, worauf aber der andere nicht achtete.„Ich kenne jemand, der immer dar- über spottete, ich würde einmal gründlich hängen bleiben." „Das tust Du ja auch," knurrte Kempen zurück.«Es gab eine Zeit, wo Du offener zu mir warst." „Ja, bist Du es denn?" warf Lorensen ein „Liegt allein an Dir," brummelte Kempen wieder. „Adieu. Halt alles in guter Ordnung." „Glückliche Reise, Kenrpen. Grüß mir herzlich Deine Mutter." „Danke. Soll geschehen." Kempen, den Koffer in der Hand, war hinaus. Lorensen blieb allein mit seinen Gedanken zurück, die in seinem Kopf einen tßllen Wirbel schlugen, gerade wie der Schnee draußen, der wieder einmal in großen Flocken an dem Fenster hernieder- strich. Tann N arf er sich auf einen Stuhl und dachte an das Auf und Nieder dieser letzten Jahre, die so große Wandlungen in ihrem Leben geschaffen hatten. Mit einem Ruck erhob er sich wieder und ging in den Nebenraum, wo der Schreibtisch stand. Heute um zwei Uhr, falls sie keine weitere Nachricht mehr bekäme, wollte Klara konimen, um endlich ihr Ver- sprechen einzulösen, worauf er wie der dürstende Hund an der Aetse gewartet hatte. Wäre es nicht besser, er schriebe chr noch durch Rohrpost ab, uni nicht hinter dem Rücken des Freundes zum Verräter zu werden? Schon hatte er die Feder ergriffen, als er sich wieder erhob, durch das Atelier wandelte und halb unbewußt, wie ein im Traum handelnder, Kempens großes Modell aufdeckte, das er lange betrachtete. Und in die erneute Bewunderung mischte sich der grüne Neid, der alles Bessere in Hm erstickte und den starren Trotz emporwachsen ließ, der nichts mehr von Schwäche wußte. So wie sie herrlich hier lag, so sollte sie ähnlich unter seinen Händen auserstehen, um mit ihrem göttlichen Leib die Beschauer zu entzücken. Noch niemals war er flinker gewesen, um die nötigen Borbereitungen zu treffen. Er zog sich den weißen Kittel über, legte tüchtig in den Ofen ein, brachte unnötiges Beiwerk beiseite, rückte den Tritt zurecht und baute das Tonskelett in halber Lebensgröße aus. Dann wusch er sich wieder die Hände, frühstückte behaglich, holte die letzten Kaffeebohnen hervor, dazu den Kuchen aus dem Mantel und wartete dann unruhig auf seine Erlösung von innerlichen Qualen. Eine Viertelstunde vor der festgesetzten Zeit stampste je- mand draußen mit den Füßen den Schnee ab, und als Lo- rensen die Tür öffnete, fuhr er enttäuscht zurück, denn Sörgel, eine alte Pudelmütze auß den Ueberzieherkragen bis über die Ohren geschlagen, trat mit einem„Guten Tag auch" vergnügt grinsend herein, als hätte man bereits auf ihn gewartet.„Wie geht's den Meistern?" „Ach, Sie sind's," sagte Lorenseu ernüchtert.„Ich hörte doch gleich, daß ein Pferd trampelte. Mensch, was bringen Sie für Schnee herein." „Dann kann ich wohl gleich kehren, man merkt, daß ich nicht hier war," sagte Sörgel mit derselben Gemütlichkeit, von früher daran gewöhnt, mit solchen schönen Worten ausge- zeichnet zu werden. Und er zog die Mütze ab, spritzte die Nässe auf die Steine aus und machte dann Anstalten, das bunte Bauerntuch vom Hals zu nehmen und den derbslockigen Winterrock abzuziehen. Während sein Blick rasch im Kreise ging, als sähe er wieder eine neue Welt vor sich, sog er mit Behagen die Wärme ein; und sein Auge blieb dabei am eisernen Ofen hinten hängen, wo so oft um diese Zeit seine liebste Stelle war. „Nein, nein, das ist nicht nötig," siel ihm Lorensen ins Wort, der ihn so rasch als möglich wieder hinaus haben wollte. „Heute gibt's noch nichts zu tun, in acht Tagen vielleicht. Herr Kempen ist in Hamburg." „Das schadet nichts, Herr Lorcnsen," sagte Sörgel gefaßt. „Ich mach mich gern nützlich, eine Schlafstelle hat« ich schon. Es ist ja nur, weil ich mal wieder vorsprechen sollte." „Das ist alles sehr hübsch, Anton, aber:ch kann Sie nicht gebrauchen," wandte Lorcnsen wieder ein.„Ich bekomme gleich Modell." „Aber das tut doch nichts, Herr Lorensen, ich geniere mich nicht," erwiderte Sörgel stcifnackig, erstaunt darüber, daß man mit einem Male so viel Aufhebens davon machte. „Ach, es ist ja eine feine Dame, da können Sie nicht hier bleiben," redete sich Lorensen, der wie auf Kohlen stand, weiter aus. !(Fortsetzung folgt.h )Ziif k)ermgsfang. Von Martin Andersen Nexö. Autorisierte Nebersetzung von Hermann Kiy. Der eine oder andere hat wohl, während er beim Frühstilck die goldene Haut von seinem«echten Bornholmcr" abzog, einen fragenden Gedanken nach da draußen zur Tiefe gesandt, wo die Herings- schwärme ziehen. Ich Hab' den Gedanken weiter verfolgt und bin eines Nachts auf Bornholm mit hinausgefahren: hier ist daS Er- gebnis meines Fanges— ein Stück von der Chronik des Herings. Am Nochmittag fand ich mich, der Verabredung nach, in dem kleinen Fischerdorf Melsted ein, um mit„auf Siromfang" aus- zuziehen. Es wehte aber zu stark, um auf offener See zu liegen und die Garne auszuwerfen; die Fischer gafften am Hof?» zu den Wolken hinauf und warteten daruuf, daß das Wetter etwas abflauen sollte. Gegen fünf Uhr legte sich der Wind «in wenig, und die vier überdeckten Boote— die ganze flotille des Dörfchens— rüstete sich zur Ausfahrt. Frauen und inder und alte Männer vom Ofenwinkel rollten die Fanggeräte herbei und verstauten sie im Boote, schweren Ganges kamen die Fischer, ihre Proviantkästcn auf dem Rücken; der schlechte gang eines ganzen Sommers hatte diese Menschen mißmutig und müde gemacht. Wir waren die letzten; wir saßen schon im Boot— zwei Fischer und ich— und warteten nur noch auf den dritten Mann. Alle Segel waren gesetzt, und„Mary" zerrt« ungeduldig an ihrer Ber» tauung. Dann kam er, ein junger, rotbackiger Gefell mit einem blonden Haarbüschel auf der Stirn; er hatte ein Fischermädchen mit Sommersprossen an der Hand, und die beiden schlenderten mit wiegenden Händen die Mole entlang. Sie sahen einander nicht an und sagten nichts, standen nur eine Weile Hand in Hand da— glücklich verschämt. Dann sprang er ins Boot und ergriff die Ruderpinne, wir lösten die Vertauungen, und„Mary" stach in See. Nun strahlte und funkelte der Bursche nicht mehr, hart und muskulös hielt seine Hand das Ruder umfaßt, er hieb den Blick scharf aus einen Punkt draußen in der Ferne— und biß zwei Zoll Kautabak ab. Wie er da so saß, sah er höchst zuverlässig aus mit seinen achtzehn Jahren; er war ein ganzer Mann, der binnen zwei Minuten das Weib und all sein Wesen von sich abstreifen konnte. Wir andern lagen ausgestreckt aus Deck und plauderten— hauptsächlich natürlich vom Hering. Wir waren ungefähr gleich- altrig. Damals, als wir Knaben waren, fiel der Heringsfang an den Küsten von Bornholm weit reichlicher auS. Mit der Ausfuhr war es zwar nicht weit her, der Boruholmer wurde allein damit fertig. In allen Hänsern aß man zwei- bis dreimal am Tage ge- salzenen Hering. In jenen Zeiten war es keine Seltenheit, daß die Boote dem Sinken nahe vom Fange heimkehrten; und die Kunde verbreitete sich wie ein Lauffeuer übers Land. Aus den Höfen der Bauern logen die gewaltigen Salzfässer bereit, sie spannten die Pferde vor die geräumigen Wagen und fort ging es, zur Stadt oder zum Fischerdorf. Zehn Ol") auf jeden Erwachsenen und 3 bis 4 Ol auf jedes Kind rechnete man; und überall auf der Insel salzte man Heringe als Wintervorrat ein. Trotzdem fiel der Fang mitunter so reichlich aus, daß der Preis auf 16 Oere für daS Ol sank und daß die Heringe nicht abzusetzen waren und in großen Ladungen als Schweinefutter verkauft oder auf den Kehrichthaufen geworfen werden mußten. Es war eine Sünde und Schande. Doch da verfielen einige daraus, die überflüssigen Heringe zu braten und nach Deutschland zu senden. Der Gedanke schlug jedoch nicht richtig an, und ebensotvcnlg die Ausfuhr des frischen Hermgs auf Eis. Der Boruholmer Hering ist nur klein und er kann sich in der weiten Welt nur in geräuchertem Zustande behaupten— und zwar nur, wenn der Boruholmer selber ihn räuchert. Niemand in der Welt kann den Hering räuchern wie er. Jetzt sind die Absatzverhältnisse in Ordnung, rings an den Küsten von Bornholm stehen Hunderte von birnsörmigen Räucheröfen, die den silberglänzenden Hering verschlingen und ihn golden wieder von sich geben, und die viel, viel mehr in fich aufnehmen können, als der Fischer zu sangen vermag. Nnd da draußen in der Welt ißt nca n zehnmal so viele„echte Boruholmer", als die Oefen her- stellenj; so viel Raum hat der Markt— der Boruholmer Fischer steht auf der Höhe seiner Zeit. Trifft der Hering am Morgen ein, so wird er sofort zurecht gemacht und in Rauch gehängt; am Nach- mittag wird er dann in Kisten gepackt und mit dem Dampfschiff geht er ab; der Kopenhagener hat ihn am nächsten Tag aus dem FrühstückStisch. Aber jetzt, wo der Fischer nicht mehr zu überrumpeln ist, be- reitet auch der Hering keine angenehmen Ueberraschurgen. Es erregt weit und breit Aufsehen, wenn ein Boot mit hundert Ol heimkehrt; und es kommt vor, daß die Fischer Nacht für Nacht mit leeren Netzen zurückfahren. Die Lachsfischcrei, die einer Boruholmer Bootsflotille in einsr Nacht 600 Kronen einbringen konnte, ist jetzt ein absterbender Erwerbszweig; und um das Leben durch die Heringsfischerei zu fristen, muß der Boruholmer Fischer Monatszüge in die Ostsee unter- nehinen— im Frühjahr an die preußischen Küsten, im Herbst in den großen und kleinen Belt und nach Gedser. „Aber jetzt hoffen wir auf guten Fang", sagen sie, und ihre Augen leuchten. Heut nacht bin i ch für sie das Ungewöhnliche, das ihnen Glück bringen soll. Die Fischer nehmen leicht etwa? als Vor- bedelttung hin; ihr Erwerb ist launenhaft wie das Spiel, und das veranlaßt sie, dem Gleichgültigen Bedeutung beizumessen. In dem niedrigen Volke sind sie etwas ftir sich, Kapitalisten ohne Besitz, die Schmalzschnitten essen und mit großen Zahlen operieren. Durch ihre Pechhände wandern wohl 2 bis 300 Kronen in einer Nacht ins Boot hinein; nnd im Handumdrehen kann ihnen das Meer für 1 bis 2000 Kronen Gerätschaften fortnehmen. Das Boot stampft vorwärts über das aufgeregte Meer hin, wo eine Welle der anderen gleicht, soweit daS Auge sieht. Aber die Fischer, die still überlegen, wo sie heut nacht die Garne aussetzen sollen, haben Namen für jede Stelle, die wir passieren. DaS Meer ist eingeteilt und benannt wie die Parzellen in einem Dorf. Jetzt segeln wir über die„Schäbel" hin und die Leute gelangen zu dem Resultat, daß die„Nordwestbänke" die Stelle find, wo die Netze ausgeworfen werden müssen. Wir kommen von Süden her; andere Boote kommen von Westen, kreuzen unseren Weg und segeln nach Osten auf die«Ostbänke" und die„Äirchenbanl" vor Svaneke zu. Das erinnert so menschlich an die Kopenhagener Hausfrauen, die gern ihre Waren in einem anderen Stadtteil holen und nicht da, wo sie wohnen; und ich lausche, um den Erörterungen der Fischer *) 1 Ol 80 Stück. so recht auf den Grund zu kommen. Wissen fle etwas darüber, wo der Hering heute nacht schwärmt, oder wählen fie auf gut Glück? „Warum die Norstostbänke?* frage ich.—„Ein Boot hat in der letzien Nacht dort einen reichlichen Fang getan." erwiderte einer der Fischer.—„Nimmt man denn an, datz der Schwärm längere Zeit auf einer und derselben Stelle hin und her geht?"—„Nein." sagt der Aelteste,„wir wissen nichts Rechtes darüber. Es kann ebenso gut hier wie anderswo sein— und irgendwo muß man ja die Netze auswerfen." Wenn die Wissenschaft zu Hilfe kommen und alle die sehend machen könnte, die hier im Dunkeln tappen müssen I Wie grell hebt fie sich ab von unserer zielbewußten Zeit, diese ohnmächtige Rielen- saust, die jede Nacht aufs Geratewohl in die Tiefe hinunterlangt und, wenn sie wieder heraufkommt, an sechs von den sieben Tagen der Woche doch nur schmale Kost in die Heimstätten trägt! Um 7 Uhr sind wir aus den Nordwestbänken, drei bis vier Meilen vom Lande. Die Stromrichtung wird gefunden, eine Viertelstunde lang läuft das Boot hin und her, wie ein Tier, das sich schnuppernd sein Lager für die Nacht sucht. Dann schießen wir in den Wind, die Segel fallen, und der Mast wird herabgenommen und nach Lee windabwärts gebracht. Wir liegen mit der Breitseite in See, die Klappen sind entfernt, und in den Luken stehen die Männer und setzen die Garne aus. Das Boot stampft und wühlt mit dem Rüssel in der Krappsee. Ich würde gern init Hand anlegen, kann aber nicht. Ich kann überhaupt weder stehen noch sitzen; meine Bauchmuskeln find nicht kräftig genug, nm das plötzliche Umknicken des Oberkörpers zu verhindern, wenn das Boot mitten im Sprunge innehält und nach der anderen Seite um- schlägt. Ich muß mich auf den Rücken legen und mich festhalten. Die drei aber gressen allen Bewegungen des Bootes vor und machen sie mit, während fie unaufhörlich arbeiten. Die Garne über die Bootsseite zu schaffen und ins Wasser zu setzen, 10 Faden tief, ohne daß sie in Unordnung geraten, das ist eine Arbeit, die die größte Wachsamkeit und Gewandtheit erfordert. Ein Mann steht beim Boden des Netzes und bringt kleine Steine in den Schlingen an, ein anderer steht am Hals und macht die Bake mit dem Korkbelag fertig, die das Netz, zusammen mit den kleinen Steinen, lotrecht im Wasser halten soll. Der dritte geht in der Mitte hin und her; er nimmt die Garne aus dem Lastraum, löst sie auseinander, legt das Netz in die See und wirft in Abständen von etwa zehn Faden die großen Bakenhölzer aus, die das Sinken der Garne verhindere sollen. Fuß für Fuß gleiten die Garne über die Bootsseite hinaus und versinken, die Hölzer fliegen unaufhörlich durch die Luft, und wenn sie niederfallen, spritzt das Wasser auf; fie und das Flaggen- zeichen an den ersten Garnen bezeichnen unser» Weg. Auf dem Meere liegen die Boote in Abständen von je einer Viertelmeile; fie haben alles Aufragende gestrichen und gleichen weißen Vögeln, die kür die Nacht zur Ruhe gegangen sind. Die Nacht bricht herein, und der Mond segelt über Kristiansö um Himmel dahin. Ich liege immer noch auf dem Rücken und halte mich fest, um nicht in die See geschleudert zu werden. Und während unaufhörlich gearbeitet wird, ist eine fröhliche Unterhaltung im Gange— von fremden Reichen und Ländern und davon, welch' Plaisir eS wäre, viel Geld zu haben. Ich spreche geradeswegs in den Himmel hinauf; und mir ist, als klatschten mir meine eigenen Worte auf den Rücken nieder— so schlingert und rollt die See. Und die Bakenhölzer fliegen, und durch die geschäftigen Hände gleiten und gleiten die Garne über die Bootsseite hinaus. Jetzt können wir die Flaggenboje nicht mehr sehen, fie ist zuweit entfernt. Die Strömung hat die Garne in einer Linie nach Süden hin gerichtet und schleppt uns mit sich fort; endlich, nach dreistündiger, unaufhör- kicher Arbeit geht das letzte Garn über Bord, die Schnur wird am Steven des Bootes befestigt und zieht uns in die Strömung. 60 Garne sind ausgeworfen, jedes 18 Faden lang. Zehn Faden unter der Oberfläche des Meeres haben wir ein Netz ausgespannt, „eine Viertelmeile lang und zehn Fuß hoch— ein Riesenwerk! Die Schwärme werden uns schwerlich ausweichen können. Es ist zehn Uhr. Wir liegen auf dem Rücken und lassen uns von den Garnen nach Kristansö hinüberschleppen. Zu dieser Zeit steigt der Hering vom Grunde herauf und zieht in den Tiefen dahin, wo er seine Nahrung findet. Im Frühsomnicr hält sich der Hering ganz oben an der Oberfläche auf, aber mit der Wärme sinkt die Nahrung des Herings in tiefere Schichten und der Hering folgt ihr. Um Johanni schwimmt er vier bis fünf Faden tief und sinkt dann beständig zehn bis zwölf Faden; da schwimmt er jetzt. Im August steigt er wieder oder geht noch tiefer hinab, so daß er nicht gefangen werden kann. „Er kann ja wohl," sagt der älteste der Fischer,„denn ich war In meiner Knabenzeit mit dabei, wie fie die Netze vierzehn bis fünf- zehn Faden tief aussetzten. Aber das hat man wieder auf- gegeben; in dieser Tiefe gerieten die Garne so hart in die Klemme, daß fie sich fast nicht wieder heraufreißen ließen. Die Fanggeräte wurden zu arg mitgenommen, so daß es sich nicht lohnte. Aber nun wird es wieder losgehen, es ist bald Mitternacht." Die Männer stehen auf, setzen Rollen auf die Bootsseite und beginnen zu„ziehen". Es ist eine Hundearbeit; im Vergleich damit war es das reine Kinderspiel,„die Garne auszusetzen". Die drei Männer ziehen und ziehen, das Boot entweicht im Wasser vor ihrem Griff, die Garne stehen so steif in der See, daß das Tauwerk singt. Zoll um Zoll müssen die Leute es heraufziehen— und 3000 Ellen lind ausgeworfen. Ich habe mich aufgerichtet und bin gespannt auf das Ergebnis des FangeS. So oft ein Garn gelöst ist und in de» Lastraun, geworfen wird, ruft einer den Inhalt aus: Ein Hering—- drei Heringe usw. Einmal steigt die Zahl auf neun, und der Zählee stößt ein bitteres Lachen aus. Sonst höre ich kein Wort— fie arbeiten nur. Aber alle gute Laune ist aus dem Boote geschwunden; stetig rackern die Leute sich ab; Zoll für Zoll gleitet der Fang über die Bootsicite herein und scheint kein Ende nehmen zu wollen. Im Osten kommt eine Wolkenbank herauf; mit fernem, hohlem Knurren wächst sie gegen den Wind. Die Fischer wenden während der Arbeit den Kopf nach ihr hin, dann Halen sie mit doppeltem Eifer. Es ist zu dunkel dazu, daß ith ihre Gesichter sehen könnte, und ich freue mich darüber— denn ich schäme mich. Schäme mich um meiner selbst willen, der ich ihnen heute nacht Glück bringen sollte, und um alles dessentwillen, was nicht für diese Leute getan worden ist.„Ihr, die ihr so vieles wißt... und die Bücher... und Zeit habt— könntet i h r uns nicht etwas davon erzählen, w» der Hering zu finden ist?" fragt mich plötzlich der eine der Fischer. Der Satz trifft mich bitter inmitten meiner Gedanken, und ich kann nicht antworten. Er erwartet auch keine Antwort, sondern holt nur weiter ein. Zoll um Zoll, von der unendlichen Reihe. Nach dreistündiger harter Arbeit sind die Lenle fertig, der Mast wird aufgerichtet und wir hissen das Gaffelsegel. Augenblicklich weht kein Wind; aber fie wagen es nickt, noch mehr Segel zu setzen, weit das Gewitter uns im Nu überraschen kann. Plötzlich springen zwei Mann a»f und entfernen blitzschnell das Segel; der Mast wird heruntergeklappt und sie haben gerade noch Zeit, sich über ihn zi» werken, als ein Windstoß das Boot ergreift, aus dem Wasser emporhebt, mit steifem Arm rüttelt und dann wieder tief ins Wasser zurückwirft. Im selben Augenblick tritt Windstille ein, und die Blitze stürzen über uns nieder wie ein flammender Peitschenknall, schlagen hinter uns in die See und erfiillen die Umgebung mit Schwefelgestank. Eine Stunde dauert das Gewitter an; dann hellt es sich auf und die Segel werden zur Heimfahrt gespannt. Um 7 Uhr sind wir im herrlichen Wetter zwischen de» Klippen. Ich nicke den dreien zum Abschied zu und steige die Felsküste hinan. Die Fischerfrauen kommen herabgelaufen; sie lachen und winken und fragen mich in der Eile, ob der Fang gut gewesen. Ich nicke wieder, habe aber keine Zeit, ihnen Antwort zu geben. 6in Vornan von Gerbart Hauptmann Im Beginn seiner Dichterlaufbahn gab Gerhart Hauptmann zwei novellistische Studien.Iden„Bahnwärter Thiel" und den„Apostel". Jetzt, nach beinah zwanzig Jahren, nimmt er jenen Faden auf, um ihn zu einem seltsamen Gewebe zu verspinnen. Und dies Gewebe heißt:„Der Narr in Christo En, anuel Quint". (S. Fischer, Verlag, Berlin 1910.) Es ist nicht der Roman eines„Gottsuchers"; eS ist der Wahn, GotteS Sohn zu sein, der sich in Emanuel Quint, dem scklesischen Tischler, verkörpert. Und hinwiederum noch ein anderes. Quint ist den, Dichter ein Symbol für den religiösen Schwarmgeist seines Heimatvolkes, in dem sich zugleich die Gärung einer besti», inten Epoche menschlicher Entwickelung spiegeln soll. Nur in dieser Doppel- beziehung zu transzendentalen Mächten und sinnlich wahrnehmbaren Weltleben gewinnt die symbolische Gestalt des Emanuel Quint einen Schein von Wahrheit und Wirklichkeit. Aus dem Schöße eines so gearteten Gebirtzlervölkchens könnte wohl ein solcher Schwärmer oder„Narr m Christo" entsprossen sein. Nähme man Quint völlig losgelöst von jedweder irdischen Voraussetzung lediglich als Geschöpf für sich, so verlöre sich all sein Wesen in Nebel. Nur der völkische Hintergrund macht ihn einigermaßen glaubhaft. Glaubhaft allerdings in sehr enger Begrenzung; denn kein moderner Mensch mit aufgeklärtem Verstände wird zu Quint eine Brücke des Verstehens finden. Als reines Rcligionsidol aber wird er vor allem den ortho- boxen Bibelgläubigen unannehmbar sein; ihnen dürste Quint gerade« zu als Blasphemie erscheinen! In den Köpfen aller Einfältigen, Frommen, im Lager aller Sekte», wie fie auch heißen und loaS sie anbeten mögen, dürfte dieser Roman jedoch zu wunderlichen Ver- zückungen, Erweckungen und Offenbarungen— aber auch zu Unheil» vollen Mißverständnissen verleiten. Zweifellos ist mystischer�sektiererischer ReligionSgeist— daS Erbteil der Oberschlesier nach Hauptmanns Befund— bei Schaffung dieser symbolischen Gestalt mit am Werke gewesen. Dieser starke Einschlag im Verein mit einer noch stärkeren dichterischen Einfühlung verleiht dem Ganzen einen gewissen Zauber, der selbst den skeptischen Leser über die öden Strecken bibelfester Dogmatil hinwegrcißt. Wer guch nicht wollte— und solch Mißbehagen stellt sich bald ein I— Haupt- mann zwingt ihn doch, bei seinem Helden zu verweilen; denn es gibt kein Kapitel, ja kaum eine Seite des#3 Druckbogen überschreitenden Buches, wo nicht von Quint geredet wird, oder wo der nicht selber redete. Quint wäre nickt, was er zu fein glaubt, ivenn auch nur einmal die Handlung auf andere Personen überspränge. Sondern Hauptmann hält ihn bei sich fest, dreht und wendet ihn nach allen Seiten, bosselt äußerlich an ihm herum, und erschöpft daran allen psychopathische:, Spür- und Tieffinn, um Quint nicht bloß einen »Narr in Christo' steinen zu lassen— mehr noch ihn ffch selber zu verähnlichen. So kommt es, daß aus diesem.Antichrist' eigentlich Hauptmann spricht. Mau könnte also diesen Roman als persönliches Bekenntnisbuch. «IS Generalbeichte des Dichters deute», wenn nicht sowohl der Held, wie alle seine Jünger und Anhänger— pathologische Naturen wären. Sie n, u st t e n es sein, sonst loären sie ja als Träger religiösen JrrwahnS uniauglich gewesen I Da ist's nun freilich interessant, dem psychologischen Scharssinn des Dichters zu folgen; denn er offenbart sich als selten tiefen Ana- lytiker krankhafter Seelen. Mit staunender Bewunderung wird man sehen, wie er seinen Helden vom naiven Glauben bis zum wahn- witzigen Bcwuhtsein, dast er Christus selber sei, über sich hinaus steigert. Und man wird auch sehen, auf welche Art und Weise Emanuel Quint zu diesem Wahn gebracht wurde. Gebirgsdörfler, arm und elend wie er, beinah noch kränker, in einigen Typen freilich noch raffinierter, weltkundiger wie er, hoben und schoben ihn auf die gefahrdrohende Höhe des Gotlmenschen— bis er von der Ueberzeugung seiner Gottähnlichkeit und Welterlösersendung voll- komineu durchdrungen ist. So aber wird er fähig, auch Christi Kreuz zu tragen. Natürlich Lustert sich der Zusammcnprall mit der Wirklichkeit von heute fast genau so furchtbar, wie vor zweitausend Jahren, da Christus in Palästina gelebt und gelitten haben soll. Quint kommt nämlich nach viel Verkeunung und Verfolgungen, wegen eines Lustmordes stark verdächtigt, ins Gefängms. Zwar stellt sich seine Schuldlosigkeit heraus. Aber nunmehr ist in Schlesien nicht länger niehr seines BleibeuS. Und der Wahn, der leibhaftige ChriswS zusein, bleibt ihm zum Begleiter. Von Breslau wandert Quint nach Westdeutschland, überall, wo er anklopft, von den Türen abgewiesen! und von da rheinanfwärts in die schweizerischen Alpenregionen. Hier verliert sich seine Spur! hier endet sich unter einer Schneelawine sein Da- sein.... Wenn nun aber Hauptmann in.Emanuel Quint' das leidvolle Erdeuwallen eines Künstlers symbolisch darstellen wollte, wie dann? Hätte es dann dieses ganzen religiösen Apparates und mystischen Zaubers bedurft? Man kann bejahend und verneinend antworten. Vielleicht ist jeder Mensch, der irgendeine Heilsbotschaft zu verkünden hat: der auf den Höben des Geistes wandelnde Dichter und Künstler, wie der aus den Tiefen eines trübseligen Daseins zum Licht der Erkenntnis emporstrebende Proletarier— prädestiniert für den Kreuzestod ans Golgatha? In seinem„Glocke'-Drama hat ja Hauptmann schon viel früher eines hochstrebenden Künstlers Ge- schick symbolisch gedeutet. Religiöser und schöpferischer Wahn— wo münden sie in einander über? Wo liejjt ihre Scheidegrenze? .Kunst ist Religion', bat Richard Wagner gciagt. Wie also, wenn Hauptmann voin Verlangen getrieben worden wäre, zwei Symbole auf eine Gestalt zu vereinigen? Es wird daran kaum zu zweifeln sein. Wir stosten verschiedentlich auf Spuren der ringenden Dichterseele— aus jüngeren Tagen. Remi- niszenzen an Gleichstrebende(die Gebrüder Hart, Peter Hille u. a.) klingen an, Gestalten, die ibm vor Augen waren und denen er in Dramen vordem ein Denkmal der Erinnerung setzte(.Kollege Crampton'..DaS Hannele' u. v. a.) gehen episodisch durch den Roman. Bollends ist die ungemein plastische Schilderung des Trei- bens im„Musenheim' zu Breslau ei» starkes Erlebnis aus der Zeit um 1890 herum, in der ja auch die Dichtung wurzelt. Und wenn sich dann Emanuel Quint im kompletten Wahnsinnsausbruch zu seiner alle irdischen Mächte niederschmetternden Fluchrede erhebt, wenn er weder durch den Mordverdacht, noch durch eine lange pein- volle Untersuchungshaft gebrochen ivird, sondern seine Anhänger, wahre wie falsche. Betrogene wie Betrüger, von sich weisend, im festen Glauben an sich selbst ganz allein in die Fremde schreitet, dem vorzeitigen Tode entgegen:— dann fliesten wohl„der Narr. der sich Christus nannte' und jener unsichtbar nebenher Wandelnde, den Hauptmann ihm zugesellte, in einer Gestalt zusanimen. Warum sollte Quint, der„Narr' nicht auch S /lt Sebastian der Dichterliinstler sein? So gesehen, gewänne der Roman ein symbolische Doppelbedenlung. Aber auch in anderer Beziehung ist er höchst wertvoll. Eine Anzahl von Typen ans dem proletarischen Volke, wie ans den Kreisen der begüterten Vornehmen und ärmlichen Jinellektnellcn beschwört die realistische Schilderungskraft deS Dichters zum Leben. Mystik und starr unerbittliche Wirklichkeit reichen sich die Hände. Poetische Jdyllik und erschütternde Bilder des Schreckens gleiien an der Seele des Lesers vorüber. Mag da oder dort sich der Griffel deS stilisierenden Künstlers offenbaren und manche Figur in ihrem Tun und Treiben knapp an der Grenze zwischen Schein und Wahrhaftigkeit sich bewegen. Solcherlei kleine Ausstellungen rauben dem Roman nicht ein Jota seines dichterischen Wertes. Ernst Kreowski. kleines feuilieton. Anthropolo«fisches. Die Entwickclung des ni-n schlichen GehfusteS. Bei unseren unmittelbaren tierischen Sorfahren hatten die vier veraniw. Siedakteur: Nichard"Varth.�erlin.— Druck u. Verlag: Extremitäten einerlei Funktion: Border» und Hinterglieder, Hrnfl» und Fust waren zum Greifen eingerichtet, ein Zustand, der sich im Affengeschlecht ja bis heute allgemein erhalten hat. Beim Menschee ist die Hand konservativ geblieben; dafür aber hat sich die hinter» Extremität gewandelt: aus einer Greifhand ist ein Stütz iust ge- worden. Als Ursach« der Umbildung wurde seither immer der auf, rechte Gang angenommen. Zwei unserer bedeutendsten Anthropologen Klaatsch und Schoetensack, haben in letzter Zeit an Stelle dieser Theorie eine andere, wahrscheinlichere, gesetzt, die durch ihre Einfachheit geradezu verblüffend wirkt; in sehr ansprechender Form behandelt sie der Direktor deS Leipziger Museum? für Völkerkunde, Prof. Dr. K. Menke in dem neuesten Kosmos» bändchen.Kultur der Kulturlosen'(Stuttgart 1910. 1 M.s, dessen Ausführungen wir hier in gedrängter Form wiedergeben. Danach ist unser Fust nicht die Folge des Aufrechtgehens, sondern vielmehr erst die Voraussetzung dazu. Er ist entstanden in- folge einer bestimmten Klettermethode. Im dichten Walde mit seinem Ast- und Zweiggewirr bedarf ein Tier in erster Linie greifender, die Stützpunkte umfaffender Extremitäten zum Schwingen und Klettern. Anders bei einzelstehenden, besonders dicken und wenig verzweigten Bäumen; in einer natürlichen Parkiandschast ähnlich der im heutigen Australien, wo die Bäume glatt und astlos in die Lust ragen. Da wird aus dem Greifen' ein Anpressen an den Stamm; die Beweglichkeit der grasten Zehe wird aufgehoben, der Fust klammert sich an den Baum, indem er sich gleichsam festsangt. Au? dem greifenden Klettern wird so ein Hinauflaufen, bei dem die Arme nur die Stütze abgeben. Den besten Beweis dafür bieten die in solchen Gegenden heute lebenden niederen Völker mit ihrer eigen- lümlichen Klettermechanik, die Australier, die Westafrikaner irr Kamerun, in Loango, verschiedene Jndianerstämme in Zentral- brasilien usw., die alle anders klettern als wir Europäer. Wir klettern bekanntlich hauptsächlich mit den Knien, die genannten Völker dagegen laffen lediglich den Fust mitarbeiten. Das Klettern ist bei ihnen ein Hinauslaufen am Stamm. Bei dünnen Bäumen umklammern sie dabei den Stamm direkt mit den Armen, bei dickeren werden Kletterapparate zu Hilfe genommen. Etwa eine Liane— bei den Reger» ein sorgfältig geflochtenes Seil mit bequemen Handgriffen— die man um den Baum henimlegt, um die freien Enden mit beiden Händen zu erfassen. In demselben Tempo, wie nun unten die Füste in die Höhe marschieren, schiebt der Kletterer auch die Liane ruckweise auf- wärts. Eine sehr lange Fortsetzung dieser Klettertätigkeit— nicht das Ausrechtgchen von Baum zu Baum— hat so allmählich de» uralten prinnnven Greiffust in das Stützorgan verwandelt, das er beute ist. Hand in Hand damit ging eine sehr wesentliche Umbil- dung des Rumpfes und der Arme. Bei der geschilderten Kletrer- Methode must zur Erhaltung des Gleichgewichts der Oberkörper stark zurückgebogcn werden; so kam es allmählich zu jener scharfen Knickung der Lendcnwirbelsänle, die ansschliestlich dem Menschen eigentümlich ist, und zur Zurückbiegung des Nackens, um den Kopf nach hinten zu bringen. Erst dadurch wurden Kopf und Oberteil des Rumpfes soweit nach hinten verlegt, dast der vollkommen aufrechte Gang auf ebener Erde ermöglicht wurde. AnS dem(Sebkete der Chemie. Crookes über die neuen Elenrente. Als Gast des angesehenen AutorenklubS in London hat Sir William Crookes, der berühmte englische Physiker einen Bortrag über die neuen Elemente in der Cbenne gehalten. Er sagte, dast die strahlende Materie und das Radium selbst die neue Wilsenschast von der Radioaklivität ge- boren haben. Die Zahl der zu dieser Gruppe gehörigen Elemente ist in einer dauernden Zunahme begriffen. Bis jetzt kennt man un- gcfähr zwanzig, aber es werden noch mehr hinzukommen. Eins dieser Elemente, das seit langein bekannte Uranium, hat, wie man erst durch diese' Forschungen berechnen gelernt hat, eine Lebensdauer von Hunderten Jahr- Millionen, andere haben eine solche von Jahrtausenden und' eines von ihnen eine so kurze Lebensdauer, dast sie nur vier Sekunden beträgt. Diese Begriffe sind sämtlich völlig neu für die Wiffenschast. Noch vor wenigen Jahren hätte man grotze Augen gemacht, wenn jemand von der Lebensdauer der Elemente gesprochen hätte. Haben doch diese ihre Namen daher, dast sie als Urstoffe betrachtet werden und tfis unveränderlich und in diesem Sinne ewig gelten. Damit bildeten sie eigentlich einen Widerspruch gegen den Satz deS allgricchischen Philosophen„alles fliestt", und der Skachweis, dast diese muiniastliche Ausnahme von dem Gesetz nicht besteht, ist ein Sieg philosophischer Ahnung über tausend- jährige naturkundliche Irrtümer. Crookes drückte diese Weisheit in dem Satz aus: Der Schlüssel zu allem ist die Tatsache, dast nichts dauernd ist anster dem Wechsel. Und wirklich wird man sagen dürfen, dast überall da, wo ei» Ding oder ein Bewegllilgszustand unveränderlich erscheint,, seine Veränderlichkeit vom Menschen eben nur noch nicht enldeckt worden ist. So ist es auch beispielsweise mit der Länge des ErdentagcS ergangen, der so lange als unveränderlich betrachtet loorden ist, bis in neuester Zeit auch dieser Glaube er- schlittert wurde. Geradezu umwälzend ist der Ausspruch von Crookes, die Physiker seien jetzt zu der Anschauung gelangt, daß eS ein solches Ding wie eine Materie überbnupt nicht mehr gebe, und dast die verschiedenen Formen des Stoffs nichts anderes seien als Schichten von positiver und negativer Elektrizität._ ZorwärtsBuchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul SingcrLeCo�Berlin SW,