Anterhallungsblatt des vorwärts Nr. 243. Mittwoch, den 21. Dezember. 1910 lNachdttllk P»vol«N.Z 39] Mas ist Ruhm? Roman von Max Kretzel� Sorgcl zeigte wieder die gesunden Zähne und nickte der- ständnisvoll.„Ich verstehe schon, dann muß ich Wohl... Aber'n Topf Kaffee könnte ich mir wohl rasch machen. Es zieht mächtig draußen, und dann komm ich bis von der Stettiner Bahn... Da steht ja auch der Kerl wieder," unter- brach er sich, auf den Kämpfer deutend.„War das'ne Arbeit. Verflucht und zugenäht! Sie haben mehr Glück gehabt, Herr Lorensen. Ich las es. So etwas steht auch manchmal in unserem Käseblättchen." Lorensen hörte gar nicht darauf, sondern war nur bestrebt, ihn abzuwimmeln: und so faßte er in die Tasche und gab ihm eine Mark mit dem Hinweis, sich beim nächsten Budiker dafür gütlich zu tun. Trotzdem blickte Sörgel betrübt zu Boden, un- gefähr wie ein durchnäßter Pudel, der, kaum heim gefunden, wieder hinaus in Sturm und Wetter gejagt wird. Alle Freude war ihm verdorben, und so ging er mit einem letzten Blick auf den Ofen, von Groll erfüllt gegen Lorensen, dessen Scherze er stets durch Lachen belohnt hatte, für den er stets gesprungen war, und der ihm nicht das Plätzchen zum Auf- wärmen gönnte. Sein einziger Trost blieb, daß Kempen, dem die Weiber schnuppe waren, ihn jedenfalls besser aufge- nommen hätte. Lorensen steckte den Kopf zur Tür hinaus und sah ihm nach, bis er vorn in der Einfahrt verschwand. Dann nahm er ein Stück Papier, steckte den Federhalter verkehrt ins Tintenfaß und malte in großen Buchstaben die Aufschrift: „Atelier geschlossen!" Und gerade, als er den Bogen mit Reisnägeln angeheftet hatte, kam Klara, das Kleid hochge- schürzt, mit Verspätung angestürzt. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloß, und der Riegel flog durch die Krampe: dann waren beide mit ihren klopfenden Herzen allein. Und Lorensen zögerte nicht lange: er zog sie an sich, streifte ihr den Schleier vom Gesicht und küßte sie lang und heiß, wie schon einmal, als ihr der Atem ausgegangen war. „Nicht so stürmisch, nicht so stürmisch," hauchte sie, wider- standslos unter seiner Glut.„Wäre ich doch nicht gekommen, ach, wäre ich doch nicht gekommen!" „Dann hätte ich Dich geholt," sagte er lachend, zog ihr die lange Nadel aus dem Hut und legte diese mit dem Schleier beiseite. Während sie dann, wie betäubt von diesem Empfang, langsam die Knöpfe des Jacketts löste, erging er sich wie ein Unsinniger in neuen Zärtlichkeiten, gerade als hätte er jähre- lang auf dieses Liebchen gewartet. Als es ihr aber zu viel wurde, wehrte sie ihn ab und sagte mit einem starren Blick, der sich drüben auf die verdeckte Figur verlor:„Sie müssen artig sein, ganz artig: ich bin Ihr Modell, aber nicht die Ge- liebte." Und als sie zu dem Ofen schritt, um sich die Hände zu wärmen, erschauerte sie, als wäre jetzt wirklich das grünäugige Ungeheuer hinter ihr her, mit dem Kempen sie damals an den stillen Abenden so sehr erschreckt hatte.--— Kempen kehrte unerwartet schon nach vier Tagen und zwar in später Stunde zurück, so das es Lorensen gelang, Klara sofort davon zu benachrichtigen, was eigentlich über- flüssig war, denn sie wußte schon von Kempen, daß sie am nächsten Morgen im Atelier sein sollte. Sie kam aber nicht, sondern schickte einen Jungen mit der Entschuldigung, daß sie sich nicht ganz wohl fühle, und ihre Mutter wieder„be- deutend" das Reißen habe, so daß sie zu Hause nötig sei. In Wahrheit wollte sie sich erst verschnaufen und auf Umwegen durch Lorensen erfahren, wie Kempens Stimmung sei. „So sind nun die Weiber," sagte dieser, nachdem er den Jungen mit einem halben Nickel entlassen hatte.„Wenn man sie gerade am meisten braucht, sind sie nicht zu haben." „Ja, so sind sie," warf Lorensen ein, erfüllt von dem- selben Gedanken. Kempen dachte sich aber nichts Besonderes dabei, denn auf diese Art war sie öfters ausgeblieben. Trotzdem zeigte er sich gut aufgeräumt, denn er hatte einen ziemlich großen Austrag mitgebracht, der über das Herkömmliche hinausging und mit dem es nicht besonders eilte: ein figurenreiches Voll- relief für ein Erbbegräbnis, dessen Gestaltung ihm gan� überlassen blieb. Das gab Brot, und die Hauptsache dabe» war, er konnte Klara andauernd beschäftigen.„Na und Du? Dir hat wohl Deine Porträtbäckerei auch nicht besonders be- hagt?" fuhr er fort, als er die verdeckte Figur sah, die er noch nicht kannte. „Ich habe da ein bißchen an meiner Eva herumgemurkst, aber es ist nicht viel geworden," erwiderte Lorensen ziemlich kleinlaut. „So, also endlich." sagte Kempen wieder, völlig ahnungs» los. Hast Du Modell gehabt? Zeig doch mal!" „Es ist noch nicht viel zu sehen," redete sich Lorensen aus. „Sie ist mir wieder ausgeblieben." Trotzdem wand er die feuchten Lappen herunter, aber langsam, mit klopfenden Herzen, als müßte er sich selbst vor scharfen Augen bloß- stellen. Kempen hatte jedoch nur Lob für ihn.„Sehr fein, sehr fein," rief er aus,„das kann was werden. Wo hast Du die denn aufgegabelt? Ist es die Höflich?" Kopf und unterer Teil waren roh angelegt, aus der Büste jedoch konnte man schon die feinen Linien eines schönen Körpers bemerken, die den Kenner mit den besten Hoffnungen erfüllen mußten. Lorensen, stets bestrebt, etwas anderes zu machen, als er sah, war über diesen Ansatz nicht hinaus- gekommen, was auch damit zusammenhing, daß er zwei Vor- mittags gründlich verschlafen hatte, und daß Klara am dritten seinem Beispiel gefolgt war. Am Abend vorher hatte er sie endlich zu überreden verstanden, mit ihm ein Theater zu besuchen und dann das Nachtleben Berlins einmal gründ- lich durchzukosten, wofür sie zu Hause die Entschuldigung erfunden hatte, sie sei zur Geburtstagsfeier einer Freundin gewesen. Einmal auf die schiefe Bahn geraten, war sie langsam, wie in einem Traum, weiter getrudelt, ohne das Bewußtsein eines schrecklichen Erwachens zu haben. „Nein, es ist eine andre," erwiderte Lorensen nun ge« faßt,„ich laß sie auch schon schießen." In der Tat war ihm die Arbeit bereits gleichgültig ge- worden, denn sein Verlangen war gestillt worden. Als er sich dann weiter ausschwieg, sagte Kempen auch nichts mehr: sein Anteil an dem Schaffen des Freundes war erschöpft, und so ging er, erfüllt von andren Dingen, ruhig an die eigne Arbeit. Als am andern Vormittag Klara auftauchte, hatte sie zwar ihr altes freundliches Lächeln bereit, aber 5?empen sah ihr doch sofort an, daß sie nicht mehr die frische Laune zeigte. Ihr Lachen war gezwungen, und wenn er mit ihr sprach, so schien sie ihre Gedanken zusammenzusuchen. Ein fremder Zug lag in ihrem Gesicht, und sobald er sie jetzt anblickte, schlug sie die Augen nieder, was sie früher selten getan hatte. „Wie geht's Deiner Mutter?" fragte er endlich, in der Meinung, ihr Aussehen könnte auf deren Zustand zurück- zuführen sein. „Ich danke, es geht ihr besser," erwiderte sie zögernd, und zerstreut fragte sie, ob sie ihm heut für sein Mädchen liegen solle, aber es geschah träge, mit einem gewissen Stumpf- sinn, den er sich nicht erklären konnte. Vielleicht war sie doch leidend und wollte es ihm nur nicht sagen. „Nein, nein," redete er ihr gut zu,„daran ist jetzt nicht zu denken. Fühlst Du Dich nicht wohl, so geh doch lieber nach Hause. Es eilt nicht so." Er sprach wärmer als sonst, mit ersichtlichem Wohlwollen, so daß Lorensen, der an die Büste gegangen war und so tat, als hörte er von alledem nichts, sich abwandte, um seine Scham zu verbergen. „Ich bleibe schon lieber, zu Hause langweile ich mich doch," erwiderte sie, nun selbst davon überzeugt, daß ihr etwas fehlen müsse. „Dann ruh Dich nur noch gründlich aus, ich bitte sogar darum," sprach Kempen wieder auf sie ein.„Wenn Du willst, kannst Du mir etwas kochen, ich nutze heut den Tag aus. Sörgel wird kommen, der kann einholen gchn. Ich brauche ihn jetzt wieder." „Richtig, er ist ja wieder hier," sagte sie mit demselben Gleichmut. „Woher weißt Du denn das?" fragte er ohne sich in seiner Vorbereitung zu der Skizze stören zu lassen. '„Ich bin ihm neulich begegne?, et sah mich aber nicht/ Erwiderte sie gefaßt, so daß Lorensens Schreck sich legte. Kempen erhob nur den Kopf als Zeichen des Verstand« nifses; dann aber folgte er ihr in den kleinen Nebenraum, wo sie gründlich aufräumen wollte, weil Lorensen die Ge» wohnheit hatte, alles durcheinanderzuwerfen. Kempen steckte ihr eine kleine goldene Brosche zu, die er in Hamburg für sie gekauft hatte. Sie sollte doch sehen, daß seine Gedanken bei ihr waren, wenn er auch vergeblich auf eine Karte von ihr ge- wartet hatte!„Hübsch, nicht wahr?" fragte er in der Art eines Mannes, der in dem Glauben lebt, sich in riesige Un- kosten gestürzt zu haben. „Sehr nett und auch sehr niedlich," erwiderte sie mit kindlicher Freude und drückte ihm warm die Hand.„Danke, danke." Aber sie zeigte nicht die Neigung, sich damit zu schmücken, sondern ließ das Geschenk in ihre Tasche gleiten. Schweigend nahm sie die Grüße seiner Mutter entgegen und hörte alles mit an, was er auf dem Herzen hatte. Man sei ihm in Hamburg außerordentlich entgegengekommen, so daß er sich jetzt ein ganzes Jahr glatt werde durchwinden können, was für seine ganze Zukunft von größter Bedeutung sei. Und als er sah, wie es um ihre Lippen zuckte, glaubte er aus ihrer Bewegung die Anteilnahme an dieser Wendung seines Geschickes zu sehen. Sie aber dachte an andres, an ihre Seelenpein und an das Weh, das sie ihm bereitet hatte, ohne daß er es wußte! „Und siehst Du, dann werden wir schaffen," fuhr er fort und strich mit seiner rauhen Arbeitshand über ihr weiches Haar.„Und wie flott wird es erst gehn, wenn wir allein sein werden." „Wieso, will Lorensen denn fort?" fragte sie, kaum fähig, ihre Erregung zu verbergen. „Ich denke, es wird so kommen." lFortsetzun-, folgt.)! Die(ncibnacbtsgratifikallon. Von H a n S H y a n. Der Oberbuchhalter Senders kam aus dem Privatkontor und sagte leise, sich an die Geschäitskollegcn wendend: „Die Weihnachtsgratifikalionen find abgeschafft— alS nicht mehr zeitgemäß! lagt unter lieber Herr Pardubitzer... Dank seinen eifrigen Vorstellungen hat unsere teuere Firma damit ein für alle« mal aufgeräumt. Dafür wird nun daS volle Gehalt ohne jeden Ab- zug bereits am Heiligabend den Angestellten ausgezahlt, und zwar werden die eventuellen Gehaltszulagen schon von heute an berechnet und ebenfalls ausbezahlt— ich für mein Teil habe keine be- kommen I" „Na Sie find doch„Oberbuchhalter" I Durch den Titel werden Sie dock ein für allemal entschädigt I" sagte lächelnd der Lagerist, Herr Weiß. Sein Rayonkollege hingegen spuckte aus und sagte un- geniert: „Dieses Lumpenpack nimmt einem jede Freude I ES is ja so- wieso'n Dreck, was man da kriegt I Aber schließlich, bester wie janischt war'S immer I Nu verschanzen Se sich hinter die JehaltS- zulage I... Die se ein' doch sowieso jeben müssen I..." „Oh", unterbrach ihn SenderS,„Sie kriegen schon noch etwas, Sie besonders, lieber Siewert I... ich habe da einen Brief an Sie liegen seb'n, mit der für solche seltenen Fälle ollein üblichen eigenhändigen Ausichrift unseres lieben Herrn Pardubitzer... Ich vermute, in diesem Schreiben wird eine geheime Anerkennung Ihrer vielen Verdienste um die Firma enthalten sein l" „P!" machte Siewerl,„Sie meinen Kündigung und sol... ha, denn Hab' ich doch wenigstens ein Weihnachtsgeschenk 1•... UebrigenS, meine Herren, es gibt ja noch sowas wie de Oeffentlichkeit I Und verftehn Se, mich recht: Die Wahrheit muß siegen I Ich habe hier jenug jeseben und geheert I..." Der Korrespondent Marcuse, der einzige, der in dem geräumigen, vom elektrischen Licht hellen Kontor außer den beiden Schreib- maschinenfräulein noch tätig war, stieg jetzt auch von seinem Dreh- stuhl herunter. „Quatschen Se dr ch nich, Siewen l glauben Sie denn, die Zeitungen find dam da, für jeden faulen Kunden einzutreten?" „Ratierlich I Ratierlich I Der is wieder auf'n Chef seine Seite I Wie immer I... Hat Sie woll wieder einjeladen. was, der liebe Herr Paddenfreffer, damit Se seine Frau'n bisken unterhalten... Sie Streber!" Der große, blonde Korrespondent strich sich den vollen Schnurr- hart und lachte noch lustiger. „Sie Neidhammel! Wie gern möchten Sie bei Paddenfresters eingeladen sein I.. Na, da klingelt's ja schon I" Er ging an das Kontortelephon, horchte hinein und sagte, den Schalltrichter mit der Hand zuhallend: „Also, richtig! Siewert Sie I Na, n» schwingen Se mal dadrw poch sonne Brandrede!" Der zweite Lagerist ging fichtlich rervös ab. Indem erhob flch di« eine Schreibmaschinistin von ihrem Platz und reckte, die Arme in der lichten Stickereibluse zurückdrückend die volle Brust mit tiefem Atemholen heraus. Dann streifte fie die Schutzärmel ab, sah flüchtig zu der Gruppe der jungen Leute hin» über und ging an den Negistratursckrank. Dort machte fie sich einige Augenblicke zu schaffen und rief dann mit ihrer tiefen, wohl» klingenden Stimme den Namen des Korrespondenten. Herr Marcuse kam auf der Stelle. „Sie wünschen, Fräulein?" „Ach, ich möchte Sie bitten..." Indem war er bei ihr, sie sprachen leise und kümmerten sich garnickt um das bezeichnende Lächeln der andern. „Du," sagte die Brünette,„is das wahr mit den Grati- fikationen?..." «Na, wenn's Senders sagt... der macht keine Witze l..." „Aber Hermann! Ich muß die Gratifikation haben!... Ich muß! Für das Kind find beim Arzt allein sechzig Mark zu be- zahlen! Und das Pflegegeld ist auch den zweiten Monat rückstandig l Das schaffen wir ja nich, und wenn wir uns nich einen Pfennig zu Weihnachten gönnen!.. Er zuckte die Achseln und sah verzweifelt auS. «Ich kriege vielleicht Zulage I" meinte er zaghaft. »Vielleicht!".. Davon können wir nich leben!..* «Aber was soll ich denn tun? I" klagte er. «Du kannst gar nichts tun.. ich.. ich muß!./ Er sah sie mißtrauisch an. „Du.. na. Du rackerst Dich doch auch ab... mehr wie Dir gut ist I.. was willst Du denn?.. was denn?.." Sie lachte und erwiderte halb verlegen noch:„Du weißt doch, wie der Pardubitzer hinter mir her is!.." «Ach so I" er wurde wütend,„und da!.." „Sei kein Dummchen l" meinte sie lächelnd. Dabei trat sie bor ihn hin und streickelte ihm rasch die Wange.„Ich bin doch Deine I.. aber das Geld müssen wir haben! Sei vernünftig, Hermann, und paß auf! Wir haben gar keine Zeit mehr I.. ja?.." Er bückte sich zu einem der tieferen Kkappfächer und sagte, noch immer nickt ganz beruhigt. „Erst will ich wisten, was Du vorhast, Irma!" „Na ja doch!" Sie beugte sich ebenfalls zur Erde und so flüstenen sie beide noch sekundenlang, dazwischen immer mit lauten, au? die Korrespondenz bezüglichen Worten ihren Geschäfts» eifer bekundend. Herr Siewert kam aus dem Privatkontor zurück, indem Herr Pardubitzer, der Prokurist und allmächtige Leiter der Firma, über da3 Wohl und Wehe der Angestellten entschied. Mit einer wegwerfenden Gebärde schmiß der ein bißchen verlebt aussehende Jüngling seinen Kündigungsbrief auf den Tisch. „Man is ja'n Esel, daß man lolange bei diesen Ramschern bleibt!... Uebrigens, das letzte Wort sprechen in sonne Sachen immer erst die Jerichte I..." Die andern lachten ihn aus. Er war zu unbeliebt. „Fräulein Hohenloh l" wandte er sich jetzt mit einer nieder- trächtigen Verbeugung an die hübsche Brünelte,„Sie wer'n je- beten!" Ihr lieber Blick streifte den blonden Korrespondenten, ehe Irma in der Tür zum Privatkontor verschwand. Nun vergingen Minuten, in denen im Kontor kaum ein Wort fiel. Alle diese Leute sahen verstohlen auf ihren Kollegen, der sich wieder an sein Pult gesetzt hatte und ihnen den Rücken kehrte. Fast alle kannten sie auch das ernste Verhältnis zwischen dem Blonden und dem hübschen Mädchen, das jetzt da drin im Privatkontor war. Sie wußten, wie ehrlich die beiden sich zugetan waren und daß sie längst geheiratet hätten, wenn nicht dadurch dem Mädchen die Mög» lichkeit genommen wäre, mitzuverdienen. Herr Pardubitzer hätte nie eine verheiratete Dame im Geschäft geduldet, dazu hatte er seine Gründe! Aber die Kollegen kannten auch die besondere Vor- liebe des Prokuristen für Fräulein Hohenloh. Und fie hatten Mit» leid mit dem Korrespondenten, der jedesmal Qualen ausstand, wenn sich die Unterredungen im Privatkontor zwischen Herrn Pardubitzer und Fräulein Hohenloh so ausdehnten. Nur Siewert grinste. Er lachte den„Oberbuchhalter" Senders direkt an, der wandte sich mit strafendem Blick, fast verächtlich von ihm. Das ärgerte den Gekündigten noch mehr: er sagte ab» sichtlich laut: „Dauert ja heute wieder mächtich lange da drin! WaS die sich woll alles zu erzählen haben werden!" In demselben Augenblick war der Korrespondent mit einem Sprung von seinen, Drehschemel herunter und stand nun vor dem Lageristen, der zurückwich. Doch Marcuse drang von neuem auf ifitTEtn und packte ihn am Jackett. Siewert wollte sich losreißen, und es wäre zu einer Prügelei gekommen, wenn sich nicht einige Kollegen zwischen die beiden gedrängt hätten.... In diesem Augenblick scholl ein lautes, fast kreischendes Ge» lächter aus dem Privatkontor. „Na, seh'n Sie!" rief Siewert. Doch jetzt beobachtete der blonde Korrespondent das Schandmaul nickt mehr, er war mit drei Schritten drüben, stieß die Tür zum Privaikontor auf und stand, die Tür ebenso schnell hinter sich zu- ziehend, vor Herrn Pardubitzer, der in seinem bequemen Polstersessel saß und den Arm um die pralle Hüfte der neben ihm stehenden Schreibmaschinistin geschlungen hatte. .Pardon sagte Marcuse.»ich glaubte, Sie hätten mich ge- rufen l" Auf dem sonst so gerissenen Gesicht mit den schwarzen Raben- äugen stand nur Verblüfftheit und Aerger. Vielleicht dämmerte dem Schlauen auch die Erkenntnis, daß er absichtlich in die Falle gelockt und überlistet sei. Er begriff sofort, daß er sich hier loskaufen müsse und war Geschäftsmann genug, die beiden Gegner richtig einzuschätzen. Längst ruhte der vorwitzige Arm wieder auf dem grünen Tuch deS Schreibtisches, und aus Herrn Pardubitzers Angesicht lagerte jener schöne kaufmännische Ernst, der ihm bisher mir Erfolge ge- bracht hatte und der ihm auch hier helfen sollte, seine Niederlage erträglich zu machen. „Ich habe Sie zwar nicht gerufen 1" sagte er zu dem Korrespon- deuten, da Sie aber schon einmal hier sind, so können Sie gleich Ihr Gehalt mitnehmen, das von der Firma in Anbetrocht Ihrer Leistungen auf.. er zögerte eine Sekunde,.... von hundert sechzig auf hundertsünfundsiebzig Mark erhöht worden ist.. Ihnen, Fräulein Hohenloh, will unser gütiger Chef, ebenso wie der anderen Dame, die Weihnachtsgratifikation noch belassen... mit Mark fünfzig, wie im Vorjahr natürlich!... bitte, bitte!... und hier ist Ihr Gehalt!" „Und ich bekomme keine Zulage?" weimerte die Brünette, deren Mundwinkel zuckten vor Schadenfreude. «Ach so... hm... ja... na, das glaube ich am Ende vei- antworten zu können!— Davon ist zwar nicht gesprochen worden, in der Konferenz... aber...'n ja!... Also Sie haben hundert- zehn... bis jetzt... gehabt... also, meinetwegen I Sie sollen von nun an hundertundfünszehn haben I.. Bitte, leine Ursache I.. Der Angestellte kann sich einzig und allein durch seine Leistungen der von ihm bedienten Firma erkenntlich zeigen!"... Die neuesten f oiTchungen über die Be schaff enbeit des Crdinnern"). Vor kurzem lief einmal wieder durch deutsche Zeitschriften der ernstgemeinte Vorschlag eines Landsmannes von Jules Verne, man solle"den Zustand des Erdinaern einfach durch einen sehr tiefen Schacht erforschen, der gewissermaßen im Nebenamte auch noch als Ausgang einer Zentralheizung für die wärmcbedürftigen Bewohner der Oberfläche dienen könne. Die gewaltigen Schwierigkeiten, mit dem der schon bis IMJ Kilometer Tiefe vorgedrungene Bergbau hier zu kämpfen hat, wurden bei dieser wunderlichen Anregung ebenso- ivenig berücksichtigt wie die Entdeckungen, welche die deutsche Wissen- schaft— allerdings auf ganz anderen Wegen— über die Zusammensetzung und Temperatur des Erdinnern in den letzten Jahren gemacht hat. Neben den exakten Methoden der Astronomen knüpfen die Unter- suchungen vor allem an physikalische Erfahrungstatsachen an, und mit ihrer Hilfe sind wir imstande, jedenfalls die Hauptfragen über den Zustand unseres Planeten einer Lösung näher zu bringen. Das Problem des Zustandes des Erdinnern ist unter drei vcrschie- denen Gesichtspunkten zu untersuchen. Es handelt sich zunächst um die Verhältnisse des Druckes und der Temperatur, eine Frage, mit der sich gleichzeitig die Physik der Eruptionen und der Erllärungs- versuch des Bulkanismus verbindet. Weiterhin bilden Gestalt und Gewicht der Erde einen wesentlichen Bestandteil der Untersuchungen. Endlich steht die Frage noch der Leistungsfähigkeit der verschiedenen Schichten der Erdmasse für die Erderschütterungen durch Erdbeben augenblicklich in dem Mittelpunkt des Interesses, da die Vervollkommnung der seismographischen Instrumente der Erdbebenforschung auch der allgemeinen Geophysik weite Ausblicke eröffnet hat. Das Erdinnere steht unter ganz außergewöhnlichen Kam- Pressionsverhältnissen. Die oberen Erdschichten üben auf die tiefer- liegenden einen heftigen Druck aus, der mit der Tiefe stetig zu- nimmt, und eS ist klar, daß die Intensität des Druckes im Erd- innern nicht nur über Laboratoriums-Experimente, sondern auch über unsere Vorstellungskraft weit hinausgeht. Ebenso muß die Temperatur des Erdinnern als sehr bedeutend angenommen werden. Darauf lassen die Erfahrungstatsachen schließen, die man in Berg- werken, in Tunnels, an heißen Quellen und endlich durch Tief- bohrungen gewonnen hat. Schon in geringen Tiefen wie im Com- stockgang im Staate Nevada, zeigt sich eine Temperaturzunahme, die bereits bei 1000 Meter Tiefe jedes Arbeiten zur Unmöglichkeit macht. Der Comftockgang ist das reichste Gold- und Silberlager, das je im Erdinnern angefahren wurde, und hat etwa eine Mil- •) Wir entnehmen die obensteheuden Ausführungen dem so- eben erschienenen 208. Bändchen der Sammlung„Aus Natur und Geisteswelt": Aus der Vorzeit der Erde. II. Band: Ge- birgsbau und Erdbeben. Von Dr. Fritz Frech, Pro* fessor an der Universietät Breslau.(Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin. Preis geb. 1,— M., in Leinwand gebunden ILo M.), das an der Hand zahlreicher Abbildungen eine Dar- stellung der Probleme des Gebirgsbaues und der Gebirgsentstehung, sowie des Zustandes des Erdinnern und der Lehre von den Erd- icbeu gibt. liarde Mark von Edekmekallen geliesers. Wenn hier trotzdem dke Arbeit eingestellt werden musste, so beweist diese Datsache die ab- norme Zunahme der Wärme, die auf dem alten Eruptivgcbiet herrscht. Die Eruptivmassen, die in flüssigem Zustande aus dem Erd- Innern empordringen, zeigen«ine Temperatur von 1000 bis 1500 Grad Celsius und deuten somit ebenfalls auf«ine erhebliche Tempe-> ratur der Tiefe hin. Endlich geben Temperaturmessungen bei Tief- bohrungen genügend sichere Anhaltspunkte um die Größe der Erd- wärme im Innern unserer Planeten einigermaßen annähernd be- stimmen zu können. Als Beispiel für ine stetige Temperaturzu- nähme nach der Tiefe mögen die Messungen aus den von der preußi- schen Bergverwaltung ausgeführten Bohrlöchern von Spermberg bei Berlin, Schladebach bei Halle und Paruschowitz in Oberschlesien angeführt werden. Mit der letzten, auf 2500 Meter Tiefe angesetzten und bei 2239,72 Meter abgebrochenen Bohrung von Czuchow. hat die preußische Verwaltung ihren eigenen Rekord don 2002 Meter gebrochen. Es ist jedenfalls von Wichtigkeit, daß trotz der bis 1500 Meter abwärts gehenden Tiefe südafrikanischer Goldbergwerke der Bohrer sonst nirgends auch nur annähernd ähnliche Tiefen er- reicht hat. Aus den angeführten Tatsachen geht nun hervor, daß die geo- thermische Tiefenstufe, d. h. diejenige Tiefenzunahme, die einer Temperaturerhöhung von einem Grad Celsius entspricht, eine wechselnde Größe ist. Denn in verschiedenen Gebieten herrscht in gleicher Tiefe eine verschiedene Temperatur, wie besonders die Messungen bei 1266 bis 1268 Meter in Spercnberg und bei Schlade. bach zeigen. Ueberall aber läßt sich eine dauernde Wärmezunahme nach der Tiefe hin nachweisen, und zwar entspricht im Durchschnitt einer Tiefenzunahme von 30 bis 33 Meter eine Temperatur- erhöhung um 1 Grad Celsius. Es ergibt sich hieraus die Folgerung, daß in der Tiefe von 40 Kilometer bereits«ine Hochofenhitze, d. h. eine Temperatur von 1200 Grad Celsius herrschen muß. Die wei- teren Folgerungen ergeben, daß man für das tiefere Erdinnere eine Durschnittstemperatur von 4000 Grad Celsius anzunehmen hat. Bei diesen Ergebnissen drängt sich die Frage auf, in welchem Aggregatzustand befindet sich unter derartigen Druck- und Tempo- raturverhaltnissen das Erdinnere? Wie bereits durch Experimente festgestellt ist, wird das Volumen(Rauminhalt) jeder Flüssigkeit! und jedes Gases bei genügendem Druck gleich dem Volumen des ent- sprechenden festen Körpers. Bei noch weiter gesteigertem Druck wird das Volumen des komprimierten Gases geringer als das des nor- malen festen Körpers. Bei diesem kontinuierlich wachsenden Druck wird der Schmelzpunkt des komprimierten Stoffes immer höher herausgerückt, bis ein Punkt erreicht wird, an dem eine dauernde Deformation(Umformung) des Körpers eintritt. In diesem Zu- stände sind die Massen plasfisch, ähnlich wie dies für Wachs, Asphalt und andere Stoffe bereits unter normalen Verhältnissen Geltung hat. Das bekannteste Beispiel fiir die permanente Deformation durch sehr hohen Druck ist die Prägung der Münzen mittels des Prägestempels. Da die inner Reibung bei steigendem Druck rasch zunimmt, so müssen sich bei sehr hohem Druck Gase und Flüssig- reiten wie amorphe Körper von außerordentlich geringer Fkuiditot verhalten. Es sind alsdann solche zähflüssige, unter gewaltigem Druck stehende Gase als feste, nicht mehr zusammendrückbare Körper anzusehen. Unter solchen Verhältnissen befinden sich nun die Stoffe in unserem Erdinnern. Der umgebende Druck und die hohe Temperatur machen es sehr wahrscheinlich, daß die hier von 300 Kilometer abwärts vorhandene Materie sich in einem gasförmigen, aber nicht zusammendrückbarew und daher nur sehr unvollkommenen zähflüssigen Zustand befindet. Das hier vorhandene, unter hohem Druck befindliche gasförmige Wasser ist in diesem Zustande fähig, die Kieselsäure aus dem Magma auszutreiben und selbst an der Zusammensetzung der Massen des Erdinnern teilzunehmen. Alles juvenile, d. h. im Jugendzustand dem Erdinnern einverleibte Wasser geht aus diesem, von dem vulkanischem Magma des Erdinnern absorbierten Wasser hervor und befindet sich nur in sehr geringen Tiefen wieder in flüssigem Zustande. Denn sobald das mit Wasser gesättigte Magma in höhere und kühlere Regionen des Erdinnern dringt, läßt der Druck nach, die Verbindungen zerfallen, das Magma erreicht und überschreitet seinen kritischen Punkt, d. h. es wird flüssig, und bei diesem Schmelzprozeß führt das hochgespannte Wassergas heftige Explosionen herbei(Arrhenius). Dampf, Lava und heiße Quellen dringen dann aus diesen oberen Schichten des Erdinnern an die Oberfläche; gehserartige Explosionen des hochgespannten Wasser- gases öffnen dem Magma den Weg, und dieser Prozeß, der sich in geringer Tiefe abspielt, tritt für uns in sichtbare Erscheinung unter Vorgängen, die wir mit dem allgemeinen Begriff des„Bulkanis- mus" bezeichnen. Zur Beurteilung der Massenanhäufung im Erdinnern stehen uns genügende, durch physikalische Bcobachiungen gewonnene Tat- fachen zur Verfügung. Es ist zunächst die Möglichkeit gegeben. die Masse und das spezifische Gewicht der Erde zu berechnen. Wir kennen die Kraft, mit der die Erde die Körper an ihrer Ober» fläche anzieht, ebenso wie die Größe der Erde und finden mit Hilfe des Gesetzes der allgemeinen Gravitation, daß die Erde 5)4 mal dichter ist als das Wasser. Da nun die Gesteine, die unsere Erdrinde zusammensehen, nur 2— 3%' mal schwerer als Wasser find, so ist die Annahme völlig berechtigt, daß das Erdinnere von Massen zusammengesetzt zvird, die bedeutend schwerer sind und daS spezifische Gewicht 6% mal wesentlich über- steigen. Wir können hierbei nicht annehmen, das; die größere Schwere des Erdkernes, der mindestens auf ein spezifisches Gewicht von 8 zu veranschlagen ist, einfach ein« Folge des Druckes sei, den die überlagernden Erdschichten auf die in der Tiefe liegenden Massen ausüben. Denn die das Innere aufbauenden Massen besitzen Widerstand genug, um der Kraft einer so außerordentlich starken Kompression wenigstens so weit das Gleichgewicht zu halten, daß von einem wesentlich gesteigerten Gewicht ursprünglich bedeutend leichterer Körper infolge starker Zusammenprcssung wohl kaum die Rede sein kann. Vielmehr kann die größere Dichte im tieferen Erdinnern viel natürlicher durch die Annahme erklärt werden, daß dort schwere Stoffe, vor allem Metalle vorherrschen. Das Eisen nimmt an der Zusammensetzung des Himmelskörpers einen recht wesentlichen Anteil, wie die Meteoriten, die Trümmer ehemaliger Welten, beweisen; somit besteht keinerlei Hindernis, gerade dem Eisen einen Hauptanteil an dem Aufbau unseres Erd- innern zuzusprechen, um so mehr als gerade das Eisen in den mannigfachsten Verbindungen auf der Oberfläche der Erde weit verbreitet ist und sein spezifisches Gewicht der geschätzten Dickte unserer Erde ziemlich genau entspricht. Sind diese Ergebnisse unserer Betrachtungen über die Verteilung der Massen im Erd- körper von den ausgeführten Gesichtspunkten aus nicht so gestützt, daß sie unbedingt Geltung haben müssen, so wird doch ihre Richtig- ieit bestätigt durch die Beobachtungen über die Gestalt der Erde. Zu derselben Schlußfolgerung führen endlich die Beobachtungs- reihen, die erst seit wenigen Jahren auf einem ganz neuen Wege durch die Erdbebenforschungen gewonnen worden sind. Man unter- scheidet vornehmlich zwei Arten von Erdbeben: Fernbebcn und Nahbeben, von denen die letzteren bis zu 1000 Kilometer Entfernung die selbstregistrierenden Instrumente beeinflussen, während die Wirkung der Fernbeben auf der ganzen Erde fühlbar ist. Der Grenzwert von 1000 Kilometer für die Unterscheidung dieser beiden Arten von Beben ist keineswegs willkürlich, sondern beruht auf bestimmten Unterschieden, die sich bei den automatisch registrierten Beobachtungen zeigen. Je nachdem den Hauptwcllen der Erderschütterungen Vorläufer, d. h. kürzere und weniger stärke Erdbewegungen vorangegangen sind oder nicht, unterscheidet man Nahbeben, bei denen der Seismograph sErdbebcnzcigcr) höchstens «inen Vorläufer registriert und Fernbcben, bei denen vor dem Eintreffen des Hauptbebens zwei verschiedene Formen von Vor- läufern aufgezeichnet werden. Zieht man das Vertikalseismometer zu Rat, so zeigt sich nach Wicchert, daß die ersten Vorläufer als longitudinale(Längs-), die zweiten Vorläufer als transversale (Quer-) Wellen zu deuten sind. Die Zeiten, in denen die Vor- käufer die Beobachtungsstationen erreichen, entsprechen nun nicht der auf der Erdoberfläche gemessenen Entfernung vom Ausgangs- Punkt oes Bebens, und es folgt daraus, daß beide Vorläufer sich nicht an der Oberfläche, sondern durch die Tiefe des Erdkörpcrs fortpflanzen. Es gehen also die ersten Vorläufer als longitudi- nal« Erderschütterungswellen durch die Erdfeste, bei antipodischen Beben sogar durch den Mittelpunkt der Erde hindurch. Es folgen die zweiten, langsameren Vorläufer, die ebenfalls durch das Erd- innere, jedoch mit transversaler Schwingung laufen. Endlich folgt diel später daS Hauptbeben, das sich nur an der Erdoberfläche fortpflanzt und trotz des weiteren Weges an Stärke die Vorläufer weit übertrifft. Wiechert hat nun weiterhin die Geschwindigkeiten berechnet, mit denen sich diese verschiedenen Stadien des Bebens fortpflanzen, und gefunden, daß die Geschwindigkeit der Erde nicht konstant ist. Es zeigt sich, daß die Laufzeiten vom Herd des Bebens zu einem fernen Punkt nicht einfach dem in der Sehne gemessenen Abstand proportional ist, sondern daß weitere Entfernungen Verhältnis- mäßig schneller erreicht werden als die geringeren Abstände. Dem- nach pflanzen sich die E r d b e b e n w e l l e n in den tiefen Schichten der Erde schneller fort als in der Nähe der Oberfläche. Diese? Gesetz gilt sowohl für den ersten wie für den zweiten Vorläufer. Wiechert hat nun durch genauere Messungen die verschiedenen Geschwindigkeiten der Erdbebemoellen innerhalb des Erdkörpers festgestellt. Der erste Vorläufer pflanzt sich mit einer Schnelligkeit von etwa 8 Kilometer in der Sekunde fort. Bis zu der Tiefe von 1500 Kilometer steigt diese Fortpflanzungsgesckwindigkeit bis auf 13 Kilometer, wird also nach dem Erdinnern hin zunächst größer. Bei 1500 Kilometer TiSfe hört jedoch diese Zunahme plötzlich auf; die Geschwindigkeit der Erdbebenwellen nimmt vielmehr nach dem Erdmittelpunkt hin wieder ab und fällt bis auf etwa 10 Kilometer. Der zweite Vorläufer zeigt genau dieselben Unterschiede in der Fortpflanzung der Bewegung. Diese Zahlen lehren uns die elastischen Konstanten der Erdmaterials kemien. Wir gewinnen durch sie ferner ein Urteil über die ZusammcndrückungSfähigkeit der Erdsubstanz. Es zeigt sich, daß diese sehr klein, und zwar in größeren Tiefen noch 4Z4 mal geringer ist als die Kompressibilität des Stahles •unter den gewöhnlichen Druck- und Temperaturverhältnissen. Aus dieser geringen Zusammendrückbarkeit ist nun zu schließen, daß im tiefen Erdinnern die große Dichte der hier lagernden Massen fich nicht durch Kompression der Erdsubstanz unter hohem Druck erklären läßt. Vielmehr besitzen die in diesen Tiefen lagernden Substanzen ein viel größeres spezifisches Gewicht als die äußeren Schichten. Wir gelangen also auch auf diesem Wege zu der An- nahm«, daß bei unserer Erde ein äußerer Steinmantel einen inneren Metallkern umgibt. Die Grenz« zwischen beiden liegt, wie Wiechert niit Hilfe verschiedener Me- thoden nachweisen konnte, in jener Tiefe von 1500 Kilometer, wo eine so auffällige Aenderung in dem Verhalten der Erdsubstanz gegenüber den Erdbebenwellen zutage tritt. Kleines feirilleron. Aus dem Pflanzenreich. „Deutsche Ananas'. In dielen Tagen wird von allen Waldbäumen der Tannenbaum, richtiger gesagr: die Fickte. in den Vordergrund des Interesses geschoben, und wer jetzt so ein Bäumchen oder auch nur ein paar Zweige näher betrachtet, dem werden nicht iel:en eigentümliche Gebilde auffallen, die der Form nach der be» kannten Änanasfrucht recht ähnlich sind, dieser aber in der Größe be- deuleiid nachstehen. Das sind„deutsche Ananas", die jedoch neben dem Namen nur noch die erwähnte Aebnlichkeit mit der herrlichen Frucht geniein haben. Es handelt sich bei diesem sonderbaren Ge- wächs auch keineswegs um ein Fruchtgebilde, wie vielfach geglaubt wird, sondern um einen Auswuchs, der biologisch den, auch ihrer Entsiehuiig nach, allgemein bekannten Galläpfeln auf den Blättern des Eichbaun, es gleich steht. Der Urheber unser deutschen Ananas ist ein kleines Insekt, die FichtenwollmiS, auch Tannenlaus genannt. Das winzig kleine Insekt sticht die Maiknospe des Fichtenbaumes an und legt in das Loch seine Eier ab. Die sich alsbald entwickelnden Larven rufen nun durch ihr Saugen eine Wucherung an dem Triebe hervor, aus der endlich das entsteht, was wir die deutsche Ananas heißen. Zunächst ist dies Gebilde noch grünlich und weich, später nimmt es die Farbe der hellen Rinde an und wird holzhart. Statt in die Länge zu wachsen, verbreiten sich die Nadeln an der be- fallcnen Stelle an ihrer Basis derart, daß schließlich alle saugenden Larven von dem Gewächs umschlossen werden, bis schließlich jede einzelne Larve sich in einer eigenen Kammer befindet. Der Um» stand, daß diese Wucherung ebenso wie der Fichtenzapfen aus umgewandelten Blättern hervorgeht, ist die Ursache, daß in ihr vielfach ein verkümmerter Fruchtzapfen erblickt wird. Die Larven häuten sich in ihrer Kammer und verlassen endlich im August ihre Wohnstälte als geflügelte Wolläuse; die Galle ist im Austrocknen aufgerissen und hat so den Weg nach außen freigegeben. Ueber Winter sitzen die flügellos gewordenen Tierchen an den Knospen der Zweigspitzen. Sie sind mit einer flockigen Absonderung überdeckt, in derem Schutze sie eine Art Winterschlaf durchleben. Nach dem Erwachen im Früh- jähre häuten sie sich dreimal, um dann das Geschäft des Eierlegens aufzunehmen. Jedes Insekt vermag etwa 100 bis 150 Eier abzulegen. Die Größe der Galle richtet sich nach der Zahl der abgelegten Eier. Die befallenen Triebe verkümmern früher oder später, und so bedeutet die Wollaus, sobald sie in großen Mengen austritt, wohl eine Gefahr für die Anpflanzungen. Wer im Juni, Juli eine Galle anfschneidet, kann das bunte Gewimmel der Larven beobachten, jetzt zeigt ein Schnitt durch eine deutsche Ananas nur die verlaufenen Kämmerchcn. b. Technisches. W a r u n, sindunsereKachelöfen glasiert? Glasuren auf porösen Tongegenständen haben im allgemeinen bekanntlich den Zweck, der Oberfläche Glanz zu verleihen und sie für Feuchtigkeit undurchdringlich zu machen. Die Poren unglasierter Tonwaren lassen aber nicht nur die Feuchtigkeit, sondern auch Lust durch. An ein in dieser Hinsicht sehr interessantes Experiment Max v. PettenkoferS criiinert die„Tonindustrie-Zeitung". Petienkofer brachte auf beiden Seiten eines Tonziegels je einen Trichter mit dem weiten Rand aufliegend, konzentrisch so an. daß die beiden Röhrenden nach außen gerichtet waren. Hinter die eine Mündung brachte er ein brennendes Licht. Blies er nun in die andere Spitze hinein, so war der durch den Ziegel hindurchgehende Luststrom stark geniig. um auf der anderen Seite die Kerze zu verlöschen. Dieser Versuch bildet den klarsten Beweis dafür, daß unglasierte Ziegel nicht imstande wären, einen Ueberdruck der Luft zurückzuhalten, ihn viel- mehr sicher fortpflanzen würden. Auf den Kachelofen angewendet, zeigt der Versuch, daß un- glasierte, sogenannte Biskuitkacheln durchaus unzweckmäßig sein müssen, da sie genau so porös sind wie Ziegel. Die nach der freien Lust hinwirkende Zugluft deS Schornsteins entzieht dem Ofen die Lust und würde mithin, da die unglasierten Kacheln ihrer Saug- Wirkung keinerlei Widerstand entgegensetzen, auch aus dem immer die Lust, und damit zugleich die Wärme, aussaugen. abcn dagegen die Kacheln eine glasierte Außenfläche, die für Luft undurchlässig ist. so bleibt die Saugwirknng der Schornsteinluft kür das erwärmte Zimmer außer Betracht; auch wird dem Ofen keine Wärme entzogen, und dieselbe kommt dem zu erwärmenden Räume zugute. Da sich daS Vorkommen der Kachelöfen, von denen noch kostbare glasierte Exemplare aus dem 16. Jahrhundert erhalten sind, bis in das 0. Jahrhundert znrückverfolgen läßt, liegt es nahe. anzunehmen, daß die ersten Jahrhunderte den Handwerkern die rechte Erfahrung brockten, oder daß„die Töpfer unbewußt in einem dunklen Drange den Kachelofen durch das Glasieren zu einem nützlichen Wärmespeicher gestaltet haben"._ El. Berantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.Berlagsanstalt Paul SingerLcCo., Berlin