Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 249._ Donnerstag, den S2. Dezember. 1910 (Nachdruck wcteten.) 40] Aas ift Ruhm? Roman von Max Kretzel� Sie fragte nicht mehr: aber sie hätte schreien mögen, denn. zu dem einen Unheil gesellte sich das andre. Still schlich sie »nieder ins Atelier, wo Sorget gerade ausgetaucht war, der sich bereits ausgeschält hatte und vergnügt grinsend vor Lorensen stand, als wollte er ihm zurufen:„Siehst Du, da bin ich wieder. Jetzt wage es nur, mich hinauszuwerfen I" In seinem wcttergebräunten Gesicht hob sich das kümmerlich sprossende Schnurrbärtchen noch immer so flachsfarben»vie früher ab, während das Haar aber nicht mehr den alten Schmalzglanz zeigte. Er harrte sozusagen lvieder der Politur Berlins, die draußen auf dem Lande bedenklich ver- blaßt war: dafür sah er wohlgenährter aus, hatte ein breiteres Gesicht bekommen,»vas Kempen durchaus nicht behagte, womit er sich aber rasch abfand, denn dieser Muskelmensch war ihm fast so unentbehrlich geworden wie die andre. Sörgel reichte Klara treuherzig die Hand: als sie dann aber zu Mantel und Hut gegriffen hatte, um selbst den nötigen Gang zu machen, weil sie sich nach der frischen Luft sehnte, sagte er mit einer gewissen Verwunderung:„Ich Hab Sie ja schon neulich gesehen, Fräulein, nun fällt's niir ein." Und er sah Lorcnsen an und zeigte seine weißen Zähne, wie immer, wenn er sich über etwas belustigen wollte. Als er an jenem Mittag bereits auf der Straße tvar, hatte er sie in die Einfahrt biegen sehen und für die„feine Dame" ge- halten, die von Lorensen erwartet wurde, denn neuerdings ging sie eleganter als sonst: nun aber erkannte er sie an ihrer Kleidung und an ihrem dichten Weißen Schleier, der ihm be- sonders aufgefallen rvar. „Na, sehen Sie," tvarf Klara gleid&giiltig ein, gewissermaßen erfreut darüber, unbewußt zu Kempen die Wahrheit gesagt zu haben.„Wo war es denn?" „Sie gingen hier ins Atelier," sagte Sörgel dreist, um Lorensen zu ärgern, denn»nit seinem gesunden Menschen- verstand reimte er sich sofort alles zusammen. Längst hatte er gemerkt, wie der Blonde hinter ihr her»var, ohne aber zu wissen,»vas sich inzwischen abgespielt hatte. Ldreirsen sah bereits das Unvenneidliche kommen, aber sofort hals ihm Klara aus allen Nöten.„Richtig, ich wollte sehen, ob Herr Kempen noch hier sei,"»varf sie niit gemachter Ruhe ein.„Es wurde aber nicht geöffnet, draußen hing ein Zettel:.Atelier geschlossen�." Kempen blickte erstaunt auf, beruhigte sich aber rasch, denn er selbst lmtte diesen Zettel noch an der Dür gesehen. Lorensen war also jedenfalls schon oei der Arbeit und»oollte ungestört bleiben. Sie ging,»vährend Sörgel ein dummes Gesicht»nachte, denn er verinochte nicht, sich zu erklären, wie die„Dame" so rasch zu dem Blonden gelangt sein sollte. „Sie sind noch immer der alte Tolpatsch," schnauzte Lorensen ihn an, als er gleich darauf ctlvas unsanft an ihin Vorbeistrich und mit seinem Ellenbogen in Berührung ge- kommen»var. Nach drei Tagen, als die Freunde in ihrer Stube beim Morgenkaffee saßen und.Lorensen noch einen sehr verschlafenen Eindruck machte, vertraute er Kenipen an, daß er sich am Abend vorher»nit Marianne Hcilke verlobt habe und daß er sich»veiter hinaus im Westen ein Zimmer mieten»verde, weil ihm der Weg des Abends zu seiner Braut zu weit sei. Wohl- weislich verschlvieg er dabei, daß sein zukünftiger Schivieger- Vater ihm zur Bedingung gemacht hatte, sich so rasch als»nög- lich von seinem Kunstgenossen zu trennen, bevor er»vieder eine neue große Arbeit begänne. Kempen beglücktviinschte ihn kurz, zeigte aber nicht die geringste Aufregiing, denn Frau Lemke hatte es ihm bereits gesteckt, daß der Getreue demnächst ziehen»verde.„Das trifft sich eigentlich ganz gut." sagte er dann nach einer Weile,„ich will»nich auch verheiraten. Du kannst Dir ivohl denken, »nit lvem." „Ja. Hermann, ich kann es mir denken,"»varf Lorensen leicht erschreckt ein und fand voll Bc»vegui»g seit langer Zeit wieder die alte treue Anrede.„Seid Ihr denn schon einig?" „Schon seit langen»," sagte Kempen mit BestimintHeit, da er sich nicht vorstellen konnte, daß Klara nein sagen würde. Lorensen schritt, dir Hände»n den Hosentaschen,»»ach« denklich vor»hin auf und ab. im Innern den Kampf eines Menschen führend� der etwas Bedeutendes sagen»iröchte, ohne den Anfang dazu zu finden. Inzwischen musterte er wie zerstreut diese kleine Bude, in der noch etoas von ihrer alten Armut lag, die wohl bei ihm nie»nehr zurückkehren würde, die aber den anderen auf seinem Lebensweg begleiten könnte/ sobald er sich von der Gesellschaft abschlösse, ohne die der strebende Künstler kein freudiges Dasei»» führen konnte. Und Kempen kan» ihm schlimmer vor, als einer dieser Ge- »niedenen: er sah in ihm den Arnren iin Geiste, der, verrannt in seinem Willen, mit getrübtem Blick in diese Welt schaute, die nur zu gern das Lachen bereit hatte,»vo andere am liebsten weinen wollten. Uird sein Entschluß war gefaßt, z»t dem er aber vorläufig auf Umwegen gelangen wollte. „Ich will nickst rechten mit Dir, Du warst ja immer ei»H verschrobener Kerl," begann er dann wieder.„Und siehst Du, was Du mir jetzt»vieder zu verstehen gibst, ist so furchtbar echt an Dir. Bedenke nur eins: es ist unser Modell! Das sagt doch eigentlich alles. Ui»d dann erinnere Dich eii»inal, wie Du selbst darüber geurteilt hast. Verludert hast Du sie genannt, die sich so weit vergessen konnten." „Ich weiß, ich weiß," schnitt Kempen ih»»» das Wort ab, „Du»virst dann mit mir nicht»nehr Verkehren könne»». Hättest Du ja auch sowieso nicht getan. Man ändert eben manchmal seine Ansicht. Na, und was die Welt darüber denkt, ist mir Gottlieb Schulze. Habe ich alles mit mir selbst auszumachen." „Du wirst es Dir noch überlegen,. Herinann. Gratulieren kai»n ich Dir nicht." „Schadet auch nichts," quetschte Kempen zwischen den Zähnen und betrachtete die Sache als erledigt. Lorensen ließ ihn wie einen Vernagelten sitzen und ging zuerst fort, um diese längst erwartete Enthüllung allein ge- hörig zu verdauen. Lange ging er mit sich zu Rate: aber ein Tag nach dem a,»deren verging, ohne daß er sich zum letzten Wort aufraffen konnte. Allerlei Zerstreuungen kainen ihm dabei zugute. Er hatte mit seiner Braut Besuche zu machen und war des Abends viel in Gesellschaft, soweit ihn Heilke nicht»nit Beschlag belegte. Endlich hatte Marianne einen fest, und so durchtollten sie all die Kreise, die dem Alten nahe stairden,»vobei Lorenscn es sich gefallen lassen mußte, als großes Wunderkind angestaunt zu werden. Er betäubte sich fast mit Willen, um einen langen Schlaf zu haben, durch den die wenigen Stunden iin Atelier noch mehr abgekürzt wurden. Seitdem er nach Charlottcnburg gezogen war, ließ er sich mairchinal gar-nicht sehen, was er»nit der S»iche nach einem Atelier entschuldigte. Er hatte das Gipsmodell seines Dichterdenkmals in die Ausstellung gebracht, weil er be- hauptete, man dürfe dort in keinem Jahre in Abwesenheit glänzen: und befriedigt davon, finzelte er nur noch an neuen Skizzen herum, was er aber auch mit großer Unlust tat. Der ganze Ort erweckte ihm Unbehagen, an dem Klara noch immer berumschlich und ihn jedesrnal mit einen» großen, fragenden Blick betrachtete, auf den er aber niemals die Antwort fand. Es lastete auf ihm. zu sehen, wie Kempen nur iminer ihre unschuldige Miene kannte und sie nach wie vor als die treue Kaineradin betrachtete, der er sich in den kleinsten Dingen offenbaren»nüsse. Oftmals fand Lorensen das so unerträg- lich. daß er die Hölzer hinwarf, sich anzog und beim besten Licht dävonging. Kempen erblickte darin nur de»» Vorteil für seine Kunst. Das Mädchen zu seiner„Erdrosselung" war beendet,»vozu er die Abwesenheit Sörgels benutzt hatte, der Lorcnsen bei»»» Ausbau seiner Gruppe in der Ausstellung behilflich geivesei» war. Allerdings hatte er die letzten Feinheiten nur mit Mühe bewältigen können, gezwungen durch Klaras Ein- Wendungen, die stets etlvas Maulendes hatten. Bald klagte sie über Kopfschmerzen, bald kam sie»nit� der Ausrede, sie müsse rasch einmal nach Hause, da sie Besorgilngen für die Mrttter habe. Kempen schob das alles der Langeweile der» selben Arbeit zu, Lei ber die Modekle dle Lust zum Aus- harren verloren, die erst wieder durch eine neue Sache ange- feuert wurde. In Wirklichkeit war die Freude. Kempen zu dienen, in Klara erloschen, seitdem Lorenscn den Sieg über sie davongetragen hatte. Mit Vergnügen dachte sie an das röhliche Gespräch, das sie mi» ihm während der Arbeit ge- ührt hatte, an all die kleinen Scherze, durch die sie stets neu belebt worden war: an seine Küsse, an all die Zärtlichkeiten, unter denen die wenigen Tage ihr wie im Rausch vergangen waren. Bei Kempen herrschte nur Schweigen, die Gruft der Arbeit, während bei Lorensen die Sonne leuchtete, die strahlende Sonne des lebenslustigen Daseins. 16. Die Stunde kam, wo Lorensen mit der letzten Aussprache nicht zurückhalten konnte. Es war abends, in den ersten Tagen des Aprils, der in diesem Jahre frühzeitig alles zum Knospen gebracht hatte. Wärme wie im Mai lag in der Luft, so daß die Ateliertür weit offen stand. Nock» war es hell iin Werkraum, denn in durchsichtiger Bläue wölbte sich der Himmel. Sörgel hatte Urlaub bekommen, und Klara war auf kurze Zeit davongeflogen, um das übliche Abendbrot zu besorgen. Lorensen war eigentlich nur mit der Botschaft gekommen. daß er am anderen Tage sein neues Atelier in Wilmersdorf beziehen werde. Freimütig wollte er mit Kempen abmachen, was er mitnehmen würde und was hier bleiben könnte. Die besseren Möbelstücke wollte er Kenrpen lassen, denn er hatte die Absicht, sich zur Behaglichkeit neu einzurichten. Kleinlaut begann er davon zu sprechen, denn er konnte seine Bewegung nicht bemeistern. Drei Jahre lang hatten sie hier zusammen geschafft, fast Schulter an Schulter, wie zwei Kämpfer, von denen ein jeder möchte, daß der andere nicht zuerst unterliege. Und nun war doch der Tag gekommen, wo der eine von bannen zog, getrieben durch die Verhältnisse. (Fortsetzung folgt.), Der Jeebel/) Von Karl Ewald. Die SonNe war soeben untergegangen. Der Frosch quakte sein Gutenacht, das so lang war, daß er gar nicht fertig damit wurde. Die Biene kroch in ihren Bienenkorb; und die kleinen Kinder weinten, weil sie zu Bett sollten. Die Blume schloß ihre Blätter und neigte ihren Kopf; der Vogel barg feinen Schnabel unter dem Flügel, und der Hirsch ließ sich in dem ihohen, weichen Grase aus der Waldwiese nieder. In der Dorfkirche läutete die Glocke, und als das besorgt war, ging der alte Küster nach Hause. Auf dem Heimwege plauderte er ein wenig mit den Leuten, die draußen ihren Abendspaziergang machten oder vor der Tür standen und eine Pfeife rauchten, und dann sagte er Gutcnacht und schloß seine Tür. Allmählich wurde es ganz still, und die Dunkelheit brach herein. Im Pfarrhof und beim Doktor war noch Licht. Aber in den Häusern der Bauern war es dunkel; denn die stehen im Sommer früh auf und darum müssen sie früh zu Bette. Die Sterne schimmerten am Hinimel her»or, und der Mond schlich sich höher und höher hinauf. Drunten im Dorfe bellte ein Hund. Aber das war sicher im Traume; denn eS war nichts da, tzveSwegen er hätte bellen können. „Ist hier jemand?" fragte der Nebel. Aber niemand antwortete, dann da war niemand. Da brach der Nebel in seinen hellen, leichten Gewändern hervor. Er tanzte hin über die Wiesen, auf und nieder, hin und her. Dann lag er ein Weilchen ganz still da, und nun begann er seinen Tanz wieder. Hinaus über den See hüpfte er und in den Wald thinein, wo er seine langen, nassen Arme um die Baumstämme fchlang. „Wer bist Tu, Kamerad?" sagte die Nachtviole, die dastand und ihren Duft zu ihren, eigenen Vergnügen aussaudte. Der Nebel antwortete nickt, sondern tanzte weiter. „Wer bist Du, Kamerad?" fragte die Nachtviole.„Weil Du wir keine Antwort gibst, vermute ich, daß Tu ein Grobian bist." *) Die uatiirgekchicktlicken Märchen Karl Ewald», von denen unseren Lesern eine Reihe schon bekannt ist, erscheinen jetzt in einer deutschen Gesamtausgabe. Der erste Band liegt bereits vor. iMutter Natur erzählt/ Die Uebersetzung ist von Hermann Kip. Bcr- lag deS Kosmos. Gesellschaft der Naturfreunde in Stuttgart.) Ewald« Märchen haben längst ihren festen Platz in der Literatur; die neue Ausgabe wird dazu beitragen, ihn noch zu befestigen. Die Aus- stattung der Gesamtausgabe ist vortrefflich geraten. Willy Planen hat sie mit reizenden Handzeichnungen und ganzseitigen Bildern geziert. .Jetzt iverde ich Dich einschließen," flüsterte der Nebel und legte sich um die Nachtviole. «Nimm Deine Finger fort, Freund! Mir ist, als wäre ich kr» den Teich getaucht. Du brauchst doch nicht gleich böse zu werden. weil ich Dich frage, wer Du bist." Da hob sich der Nebel wieder. „Wer ich bin?" sagte er.„Du würdest es doch nicht verstehen. wenn ich es Dir auch erzählte." „Versuch es einmal," bat die Nachtviole. „Ich bin der Tautropfen an der Blume, die Wolke am Himmel und der Nebel auf der Wiese," begann der Nebel. „Was ist das?" fragte die Nachtviole.„Willst Du das nicht noch einmal sagen? Ten Tautropfen kenne ich. Der setzt sich jeden Morgen auf meine Blätter, und mir scheint, er gleicht Dir gar nicht." „Ja, und doch bin ich es," sagte der Nebel betrübt.„Aber keiner kennt mich. Ich muß mein Leben in mancherlei Gestalten zubringen. Manchmal bin ich Tau. und manchmal bin ich Regen, und manchmal riesle ich als klare, kühle Quelle durch den Wald. Aber wenn ich am Abend auf der Wiese tanze, dann sagen die Menschen: der Fuchs braut." „Das ist eine sonderbare Geschichte," erklärte die Nachtviole. „Möchtest Tu sie mir nicht erzählen? Die Nacht ist so lang, und ich langweile mich zuweilen wirklich ein wenig." „Es ist eine traurige Geschichte," erwiderte der Nebel.„Aber ich will sie Dir gern erzählen." Damit wollte er sich niederlegen, aber die Nachtviole bewegte erschrocken alle ihre Bjätter. „Sei so freundlich und bleib mir ein paar Schritt vom Leibe," sagte sie,„wenigstens bis D'u Dich ordentlich vorgestellt hastl Ich bin nie gern gleich mit Leuten intim gewesen, die ich noch nicht kenne." Da ließ sich der Nebel ein Endchcn weiter weg nieder und fing an zu erzählen: „Ick, bin tief unten in der Erde geboren— viel tiefer, als Deine Wurzeln reichen. Da kamen wir, ich und meine Schwestern — denn wir sind eine große Familie, mußt Du wissen— zur Welt als reine, kristallklare, kleine Quellen, und da unten mußten wir lange verborgen liegen. Aber eines Tages sprangen wir plötzlich an der Halde hervor, mitten im vollen, hellen Sonnenlicht. Du kannst Dir nicht denken, wie herrlich daS war, so durch den Wald dahinzutollen. Wir hüpften über die Steine und plätscherten gegen das User. Hübsche Fischlein tummelten sich in uns, und die Bäume neigten sich über uns und spiegelten ihre grüne Pracht in uns. Fiel ein Blatt herunter, so wiegten wir es und liebkosten es und trugen es in die weite Welt hinaus. Qh— es war so schön! Das war die glücklichste Zeit meines Leben?." „Bekomme ich bald zu wissen, wie es zuging, daß Du zu Nebel wurdest?" fragte die Nachtviole ungeduldig.„Die Quelle kenne ich. Wenn es ganz still ist, kann ich sie von hier aus, wo ich stehe, rieseln hören." Der Nebel hob sich ein wenig und machte ein Tänzchen über die Wiese hin. Dann kam er zurück und erzählte weiter: „Das ist das Schlimme hier im Leben, daß man nie zufrieden mit dem ist, was man hat. So liefen wir weiter und weiter, und zuletzt liefen wir in einen großen See hinaus, auf dem die See- rosen auf dem Wasser schaukelten, und über dem die Libellen mit ihren großen, steifen Fjügcln schwirrten. An der Oberfläche war der See blank wie ein Spiegel; aber wir mochten wollen oder nicht, wir liefen ganz gut unten am Boden entlang, wo es dunkel und u»- heimlich war. Und das konnte ich nicht aushalten. Ich sehnte mich nach den Sonnenstrahlen. Die kannte ich za so gut von der Zeit her, wo ich mit im Bache dahinlief. Da guckten sie zwischen den Blättern durch und fuhren wie hastige Lichter über mich hin. Ich wollte sie wiedersehen, drum schlich ich a» die Oberfläche hinauf und legte mich im Sonnenschein mitten zwischen die weißen See- rosen und ihre großen, grünen Blätter. Aber, o weh, wie die Sonne da draußen auf dem See brannte! Es war gar nicht auszuhalten, und ich bereute es bitterlich, daß ich nicht da unten auf deui Grunde geblieben war." „Daö macht mir keinen Spaß," sagte die Nachtviole.»Kommt nun bald der Nebel?" »Hier ist er!" drohte der Nebel, und legte sich von neuem um die Blume, daß ihr fast der Atem verging. „Au! An!" schrie die Nachtviole.„Du bist wahrhaftig der hitzigste Geselle, den ich kenne. Weg mit Dir, und erzähle weiter, wem, es denn nicht anders sein kann." „Am Abend, als die Sonne untergegangen war. wurde mir plötzlich so sonderbar leicht zumute," fuhr der Nebel fort.„Ich weiß nicht, wie es zuging, aber mir war, als müßte ich aus dem See aufsteigen und fliegen. Und ehe ich mich es versah, schwebte ich wirklick über dem Wasser, fort von den Libellen und Seerosen. Der Abcndwind trug mich von bannen, hoch in der Luft flog ich; da traf ich viele von meinen Schwestern, die ebenso neugierig wie ich gewesen waren, und denen es ebeifo ergangen war. Wir schwebten am Himmel dahin... wir waren Wolken geworden, verstehst Du?" „Ich weiß nicht," sagte die Nachtviole.„Sehr glaubwürdig klingt das eigentlich nicht." „Aber wahr ist eS doch." antwortete der Nebel.„Höre jetzt weiter... Ein langes Stück trug uns der Wind durch die Luft. Aber La auf efnmaf mochte er nicht meljr und Netz un« fahren. Ms ein plätschernder Regen fielen wir auf die Erde nieder. Die Blumen hatten es eili� damit, sich zu schließen, und die Vögel verkrochen sich— nur die Enten und Gänse nicht; denn sie waren um so froher, je nässer sie wurden. Ja... und dann der Bauer, der freute sich, weil sein Getreide Wasser nötig hatte. Er machte sich nichts daraus, daß er naß wurde. Aber sonst richteten wir gar große Verwirrung an." »So, so, also der Regen bist Du auch," sagte die Nachtviole. »Höre mal, Du hast eigentlich ziemlich viel zu besorgen." »Ja... ich habe nie Ruhe," erwiderte der Nebel. „Aber ich habe nun doch nicht gehört, wie Du zu Nebel wurdest," sagte die Nachtviole.„Werde aber nur nicht gleich wieder hitzig... Du hast mir ja selbst versprochen, es mir zu erzählen, und ich will lieber die ganze Geschichte von vorne hören, als noch einmal in Deinen widerwärtigen, feuchten Armen liegen." Der Nebel lag ein Weilchen traurig da, und dann erzählte er Keiter: „Nachdem ich als Regen zur Erde niedergefallen war, sank ich durch das schwarze Erdreich hindurch und freute mich schon darauf, an meinen Geburtsort zurückzukommen, zu der tiefen, unterirdischen Quelle. Da hatte man doch wenigstens Frieden und keine Sorgen. Aber wie ich so schön sank, saugten mich die Wurzeln der Bäume auf. und ich mußte mich dareinfinden, den lieben, langen Tag rings in den Zweigen und Blättern umher zu spazieren. Die gebrauchten mich als Lasttier, verstehst Du. All die Nahrung, die die. Blätter und Blüten nötig hatten, mußte ich von der Wurzel her zu ihnen hinaufichlcppen. Erst am Abend kam ich frei. Als die Sonne untergegangen war, seufzten alle Blumen und Bäume tief auf, und ich und meine Schwestern flogen" bei ihren Seufzern fort als helle, leichte Nebel. Heute nacht tanzen wir auf der Wiese. Aber morgen, wenn die Sonne aufsteht, werden wir wunderschöne, klare Tautropfen, die unter Deinen Blättern hängen. Dann schüttelst Du unS ab, und wir sinken tiefer und tiefer, bis wir zu der Quelle kommen, von der wir herstammen, wenn uns nicht diese oder jene Wurzel unterwegs aufichuappt. Und dann geht die Fahrt weiter: durch den Bach, in den See hinaus, in die Luft hinauf und wieder zur Erde nieder..." � „Halt!" rief die Nachtviole.„Mir wird ganz schwindlig, wenn ich Dich höre." „Jetzt fing der Frosch an, sich zu rühren. Er streckte seine Beine aus und ging in den Graben hinab, um sein Morgenbad zu nehmen. Die Vogel im Walde fingen an zu zirpen, und der Hirsch brüllte zwischen den Stämmen. Der Morgen graute, und die Sonne guckte über den Hügel. „Was ist das?" rief sie.„Wie sieht es hier aus? Man kann ja nicht die Hand vor Augen sehen.— Morgenwind, auf mit Dir, Du Faulpelz, und fege die häßlichen Nebel fort!" Und der Morgenwind fuhr über die Wiese und blies die Nebel weg. Da sandte die Sonne ihre ersten Strahlen gerade auf die Nachtviole hinab. „Potztausend!" sagte die Blume.„Da haben wir schon die Sonne. Dann muß ich mich aber schnell schließen. Wo in aller Welt ist nur der Nebel geblieben?" „Hier bin ich ja." sagte der Tautropfen, der an ihrem Stengel hing.— Aber die Nachtviole schüttelte sich ärgerlich. „Das kannst Du andern weismachen, sagte sie. Ich glaube kein Wort von dem, was Du erzählt hast. Das ist alles dummes. wässeriges Zeug." Die Sonne aber lachte und sagte: „Da hast Du recht!" 6r2ieKeriscKe Srunälat2e für die Huswabl von Kinder fpidzcug. Es gibt eine Menge von Spielsachen, die sich seit Generationen bewährt haben und die man deshalb ohne weiteres hinnehmen kann. Es erscheinen aber jedes Jahr auch zahllose Neuheiten auf dem Spielwarenmarkt, die nach dieser oder jener Richtung, hin vom Hergebrachten abweichen, und deren Bildungswcrt nicht auf den ersten Augenblick zu erkennen ist. In diesem Falle wählen viele Eltern nach ihrem eigenen Geschmack, in dem guten Glauben, daß dieser Maßstab auch für das Kind'der richtige sei. Und später müssen sie oft mit Verwunderung sehen, wie sich das Kind gleichgültig oder ablehnend gegen das teure und prächtige Spiel- gerät verhält. Ein viel besserer Beurteiler ist das Kind selbst. Zwar hängt eS zuerst auch am Aeußerlichen. Es greift auch nach dem wertlosesten Spielzeuge, wenn es nur fürs Auge recht hübsch aufgeputzt ist. Erst durch den Gebrauch lernt das Kind sein Spielzeug wirklich kenneu, und dann läßt es sich � nicht mehr durch den äußeren Schein blenden. Was seine Bedürfnisse be- friedigt, das bleibt in Ehren, was ihnen aber wenig oder gar keine Nahrung bietet, das kommt in den Winkel: lieber kehrt dann das Kind zu seinen alten, unscheinbaren Spielsachen zurück. Es kommt uns aber darauf an, den Wert eines Spielzeuges thon beim Einkauf zu erkennen. Wir wollen deshalb versuchen, »für einen sicheren Maßstab zu finden. Wir gewinnen ihn aus dem Wesen de» Kinderspieles heraus, besonders aber aus den erzieherischen Wirkungen und' aus den psychologischen Ursache» des Spieles. Die ersten Spiele des KlndeS, die schon kurze Zeit nach der Geburt einsetzen, sind ein fortwährendes Experimentieren mit leinen Gliedern und seinen Sinneswerkzeugen, später auch mit oen Dingen der Außenwelt. Dabei macht das Kind die ersten Erfahrungen, gewinnt die ersten Vorstellungen von den Eigen» schaften der Dinge, lernt Ursachen und Wirkungen kennen und in Zusammenhang bringen, lernt ausmerken, denken, wollen und bandeln. Durch dieses spielende Experimentieren gewinnt da» Kind nach und nach die Herrschaft über seine Sinnestverkzeuge, seine Nerven, seinen Körper, seinen Geist und über die Dinge der Außenwelt. Der Psycholog Preyer meint, es sei kaum zu ermessen, wie viele von ihren Alltagskenntniffen die meisten Menschen nur durchs kindliche Spiel erworben hätten. Mit zu- nehmendem Alter des Kindes und reicheren Formen des Spiele? vermehren und vertiefen sich auch die erzieherischen Wirkungen. Während bei den Fange- und Wurf-, bei den Hasche- und Turn- spielen sBall, Murmeln, Reifen, Schaukel u. a.) die EntWickelung sich mehr auf körperliche Eigenschaften, auf Geschicklichkeit, Anmut und Kraft erstreckt, entfalten sich bei anderen(Puppe, Baukasten, Kaufmannsladen. Sandbaufcn u. a.j wieder mehr Gaben des Geistes, Gemütes und Charakters; die Kinder werden schöpferisch tätig beim Spiele, und es wird zur Quelle der Schaffensluft und Sckafkenskrast. Bei den sozialen Formen?es Kinderspieles (Räuber und Gendarm, Soldaten, Schulehalten, Katze und MauS) entwickeln sich neben den rein persönlichen Eigenschaften deS Mutes, der Klugheit, Entschlossenheit, Geistesgegenwart, Aus- dauer, Gewandtheit und Kraft die sozialen Tugenden der Kamerad» sckiaft und Treue, des Reckitsgefühls, Pflichtbewußtseins, der Unterordnung unter einen Führer oder eine Idee, der Unter» drückung des eigenen Willens im Interesse gemeinsamen Handeln? zum Woble des Ganzen. Hier wird das Spiel zur ersten Schule des geselligen Zusammenlebens, zur Urform der Gesellschaft und des Staates. Wir können alle Spiele der Reihe nach hernehmen, und wir werden finden, daß sie alle starke Wirkungen auf da? ganze Denken, Füblen, Wollen und Tun des Kindes ausüben. Diese Wirkungen können gut und schädlich sein, schädlich bis an die Grenzen der Krankhaftigkeit(z. B. Entartung des Experi- mentiertriebes bei jugendlichen Brandstiftern und Verbrechern). Und diese Wirkungen sind so kräftig, weil daS Spiel wie kaum eine andere Lebensäußerung auf den stärksten Triebkräften des Handelns, auf Freiheit und Neigung beruht. Die moderne Psychologie hat unS gezeigt, daß sich die er- zwherifche Wirkung des Spieles auf eine unbewußte Vor- und Einübung von Kräften und Tätigkeiten erstreckt, die der Mensch im sväteren Daseinskämpfe braucht. Das Spiel ist eine un» Vbwußte Selbsterziehung des Menschen. Die inneren Ursachen, die treibenden Kräfte des Spieles find im Trieb- und Jnstinktleben zu suchen. Bei der Entstehung und beim Vollzuge des Spieles sind sämtliche Triebe beteiligt, bc- sonders aber BewegungS-, NachahmungS-, Geselligkeits- und Kampftrieb, der starke Betätigungs- und Gestaltungsdrang und das große JllusionsbedürfniS des KindeS. Das Spiel ist der Ausdruck einer gesunden geistigen und körperlichen EntWickelung, es ist für das Kind ebenso notwendig wie Essen und Trinken, Atmen und Schlafen; es beruht auf inneren Kräften, die nach Benötigung und Entladung drängen, auf Trieben, die mit Natur» Notwendigkeit Befriedigung verlangen. Wird dem Kinde AuS» druck und Darstellung seines Innenlebens in der Form de? Spieles erschwert, so sucht sich der Kräfteüberschuß einen anderen Ausweg in der Form von Unarten und Schlechtigkeiten, odech diese ursprüngliche kindliche Kraft verkümmert und verwelkt. Psychologisch ist das Spiel von zwei Seiten her zu verstehen: es ist eine Form, in der sich das kindliche Triebleben äußert; fürs Kind selbst ist es das natürlichste und wirksamste und deshalb mit starken Lustgefühlen verbundene Mittel zur Befriedigung seiner Triebe und Bedürfnisse. Während der Befriedigung dieser Bedürfnisse mittels des Spieles entfalten sich alle angeborenen Anlagen und Kräfte des Kindes, und die Erwerbung neuer, im Daseinskampfe unentbehrlicher Fähigkeiten wird angebahnt. Da? ist der dem Kinde unbewußte biologische Zweck des Spieles. Von diesen Gesichtspunkten ergibt sich der sicherste Maßstab zur Beurteilung der Bildungswerte bei der Auswahl von Spiel- fachen: sie entsprechen ihrem Zweck nur dann, wenn sie Kräfte in Bewegung sehen, wenn sie die Schärfe der Sinne, die Ge- schicklichkeit der Hand, die Empfänglichkeit des Auges für Formen und Farben, die Kraft und Gewandtheit des Körpers fördern, wenn sie den spekulativen Verstand oder die ästhetische Phantasie stark in Anspruch nehmen, wenn sie Geschmack, Gemüt und Charakter bilden, wenn sie das Denken, Fühlen, Wollen und Handeln des Kindes nach irgendeiner Seite hin günstig be- einflussen. Seht das Spielzeug keine dieser Kräfte nachhaltig in Tätigkeit, dann ist es ohne Be'-utung für die EntWickelung guter Neigungen, Anlegen und Fähigkeiten, dann ist eS erzieherisch wertlos, und solches Spielzeug gibt es leider in großer Menge; wenn eS aber die Entfaltung jener Kräfte nach irgendeiner Seite hin hemmt oder gar in falsche Bahnen lenkt, dann ist eS sogar schädlich und wenn eS fürs Auge noch so verlockend aufgeputzt ist. (Aus der Dürer-BundcS-Korrespondenz.) � Max Brethfeld. 996- Kleines f euiUetom Literarisches. g w ei gute Jugendbücher. Auch in der Arbeiterschaft rühren sich Kräfte, urn beizusteuern zu dem Werk der Begründung einer neuen Jugendliteraiur, die den Bildungsbedürfnisien der Gegenwart und ihren erzieherischen Einsichrrn emipricht. Das Werk ist noiwendig wie daS lagüche Brot, und schon deshalb verdient ein Buch wie Richard Woldts.Im Retche der Technik" (Kaden u.£o.. Dresden. 1,50 SR,), bafe man ihm dankt. Dank muh ihm aber auch sachlich werden. Dank, von dem Klara Zetkin als Anregerin des BuchinhaltS ihren Teil nehmen möge: ei» Stück der Kulturarbeit, die in der.Gleichheit" zum Besten der Geistesbildung des Proletarischen Nachwuchses geleistet wird, tritt, neuen Kreisen sichtbar, zutage. Nun kann der Pflug neue Bodenstrecken aunchneiden. Ich glaube, dazu hat dies aus der Welt der neuen technischen Wirklich- seilen heransgelebte Buch die Kraft. Arbeiterkindern will es Gefährte werden, und man darf annehmen, in den letzten zwei Volksschule jabrgängen wird es eine Menge Leser gebe», die ihm folgen können. Woldt kennt seinen Stoff, er steht so gut über ihm, daß er mit dem Tone ruhig-klarer Sicherheit davon reden kann, der zum 'Lehren notwendig ist. Er beschränkt sich iminer auf das Wesentliche und gibt eö elementar, und doch hat sein Buch Fülle. DaS hängt mit der Art der Darstellung zusammen die den Stoff nicht bloß von der technischen Seile zeigt. Woldt läßt die historischen, die sozialen Beziehungen lebendig iverden i die Maschinen, von denen er spricht, sind in Bewegung, man sieht sie arbeiten, erlebt ihr Werden: der Fluß der Enuvickelung ist in dem Ganzen, Vergangenheit. Gegenwart und ZnkunflSwille, der Mensch als Erfinder der Maschinen und der Mensch, der in die unter- jochende Gewalt der Maschinen geraten ist, endlich der Mensch, der sich mit geklärter sozialer und kultureller Erkenntnis des Joches erwehrt. Wahrhaft ein Weltbild des Kräftespiels der errungenen technischen Volllommenheilen breiter sich ans. Mit immer wachem Interesse liest man die 90 Seiten des Buches, das mit vielen, meist gut geglückten Zeichnungen des Genossen Kurt Bergold ansgestatlel ist, und weiß sehr bald— was das Titelbild tierichweigl—. daß das Buch auch für Erwachsene ein eindrucksvoller Lesestoff lein kann. Bücher, die wie dieses in und über daS großbewegte Welttreiben stellen, sind für unsere Jugend daS Wichtigste. Aber auch die Bücher bedeuten werlvolles, die den Leser der unberührten, urwüchsigen Natur ■gegenüberstellen. Das tun einige Bücher, die in den levten Jahren der aus der skandinavischen Literatur schöpfende Verlag von G. Mersebnrger, Leipzig, herausgebracht hat. Hans AanrudS.Sidsel Langröckchen" ziebört dazu, dies Natnrkindidyll, dem man die Liebe, die es sich erworben hat. gerne gönnt. Denn es hat nichts von den süßlich- unwahren Geschichten, die einst in Deutschland das Landkind und seine Welt auf Kosten der Stadt und ibreS Jungwuchses heraus- färbten. Eö ist in der Zeichnung der ländlichen ernsthaften Einfalt der KnrdeSseele von reizend liebevoller Lebens« Wahrheit. Auch John W. Ny l an d er lebt mit liebe- vollem Verstehen in der Seele des Kindes. In seinem jetzt aus dem Schwedischen heuibcrgeholten Buche.Die Jungen auf Methola"(2.60 M.) zeichnet er ein Knabenpaar, Falle und Olle, zwei wackerfrische Kcrlchen, die auf ciiienr finnischen Landgut aufwachsen. Die Stadt ist fern und berührt sie nicht; und als fie's dennoch tut— sie schickt den Brüdern einen sommerlichen Spiel- genoflen—. gewinnt daS kleine Volk und ihre zwischen Wald, Wiese, Acker und See eingehegte einsame Welt nach einigem unenlschiedenen Plänkeln schnell genug den Sieg. Nhlander weiß der Gefahr, die Stadt- kultur teufelsschwarz zu malen, nicht ganz z» entgehen; aber man kommt darüber hinweg, weit schließlich dieser Punkt nicht die Haupt- fache des Buches ist. Es will fesseln(und fesselt auch) durch die Schilderung kleiner Szenen aus dem Leben der beiden kleinen Guts- jungen während eines Winters und Sommers. Man erlebt ein Stück kindliches Wachstum, und es ist Nylander aus guter Be- obachtuna der Wirklichkeit heraus gelungen, die Linie zu zeichnen, auf der«piel und ernsthaftes Tun noch eng miteinander verbunden find und doch schon sehen lassen, ivie sie sich voneinander lösen. Aber daS ist für den erwachsenen Leser. Den Wünschen jugendlicher Leser entspricht die Aufteilung des Stoffes in zehn Bildern, deren jedes ein besonderes Stück ländlicher Umwelt, Lebens- weise und Erlebnisse zeichnet. Das geschieht mit einer schlichten Deutlichkeit, die Unmerklich ihr Ziel erreicht. Geweckt wird der Sinn für nützliches Schaffen in der besten Bedeutniig des Wortes, der Sinn für gesunde Kraft, die sich freudig bewegt, und das ist nun einmal das Beste, was ein Jugendbuch wollen und gebe» kann. I'rä. Knilst. Anselm Feuerbach. Ein Vermächtnis. Mit einem Vor- wort von Uhde-Bernays. Neuverlegt bei Meyer u. Jessen, Berlin, brach. 2,50, geb. 3,50 M. Sie nennen ihn cineir deutschen Maler; sie sagen, daß Anselm Feuerbach der deutschen Seele ein ewiges Denkmal gesetzt habe. O. übu die Weisheit der Schulmeister und aller nachhinkenden Propheten! Immer erkennen sie das Deutsche erst dann, weiiu solche Erkenntnis längst überflüisig wurde. Gegen die auffteigende Sonne spritzen sie ibren zwergischen Haß; sie den Sieger erst, wenn der Zug seines Triumphes üher sie dahin- gegangen. Die hartnäckigsten Feinde einer neuen Genialität waren noch immer die professionellen Auguren, die beanileten und ab- gestempelten Fachleute. Davon hat Feuerbach mehr als die Fülle zu spüren bekommen. In seinem Vermächtnis,"diesem herrlichsten und gewaltigsten, rührendsten und leidenschaftlichsten aller deutschen Malerbücher, erzählt er von dem Instinkt der Deutschen— deutsche Knilst zu erkennen:.Bei Durchsuchung alter Papier fand sich ein mächtiges Paket Briefe von deutschen Än-stellungsbehörden, an meine Mutter gerichtet. Der Inhalt sämtlicher Zuschriften ist folgender: die Bilder Ihres Herrn Sohnes sind wohl verpackt an Ihre werte Adreiie abgegangen... Morgen gebe ich ganz gemütlich wieder meinen letzten Taler aus. Man nennt das in Deutichland den Kampf des Genies mit dem Leben... Den holdseligen Eindruck Pompejis, des Meeres der Bronzen und der Vasen zu schildern, ist unniöglich. Ich habe an hoher Anschauung gewounen und mich dem reinsten Genuß hingeben können, und ich habe innerlich geichworen, daß die Klein- lichkeit und Engherzigkeit meines Vaterlandes meinen Geist nicht nilterdrücken sollen... Die Grabschnft ist schon fertig, sie lautet: .Hier liegt Anselm Feuerbach, Der im Leben manches malte, Fern vom Vaterlande— ach � DaS ihn immer schlecht bezahlte.� Sie heißen ihn einen deutschen Moler. Ob sie eS gern tun, das ist die Frage. Eins steht jedenfalls fest: wer heute Liebermann ver- ivirft, weil er französiich male, wer van Gogh und Gauguin ab- lehnt, weil sie Ausländer feien, der besitzt noch immer kein Organ, um Feuerbach, den deutschen Künstler, zu erleben. Denn das, waS Fenerbach aus der Schar der vielzuvieleu Maler deutscher Vaterschaft aussondert, ist daS Spezifikum des Künstlerischen, des Ver» bremiens im eigenen Feiler, der Verachtung des Alltäglichen, der Allirichtling einer neuen, noch nie dagewesenen Form. Alle Kunst er'chöp'l sich im Schaffen neuer Formen. Wer das zu begreifen und zu empfinden vermag, wird den, Genie, einerlei durch welches Tor eS hercinlritt, Zweige auf den Weg breiten. Wer aber die Genialitäten des jungen Tages mit Steinen wirft, der soll uns nicht heucheln, daß er Fenerbach. den Künstler, verehre. Wir andern aber, die wir die Brücke sehen, die von Feuerbach führt zu Hodler, wir freuen uns ob der NeuheraiiSgabe dieses Ver- mächlniffes, dieses Dokumentes, geschrieben mit dem Herzblut eines tapferen Mannes, der unendlichen Liebe eincS ErdcnsohneS und der Glut eiues Schöpfers, der aus eigener Kraft die Erde überwinden wollte. Lr. Hygienisches. Di e Kunst, das Leben zu verlängern. Die einst von Alchimisten und Zauberkünstlern vergebens gesuchte Kunst, daS Leben zu verlängern, will der Amerikaner Harare Fletcher gefunden haben. Nach laiigen, bei reichlichen Mahlzeiten i» sitzender Lebensweise ver» brachten Jahren kam er plötzlich zu der Erkenntnis, daß er sich bis» her.systcmaliich vergiftet" hatte, und er begann ein neues Leben nach einer Methode, die als.Fletchcrismus" heute Tausende von Anhängern zählt. Bon den Einzelheiteir dieses System», seiner Ausbildung und seincr Ausbreitung berichtet Dr. A. de Neuville in einem Anssatz der„Revue"..Um lange zu leben. imiß man lange kaue»", lautet das oberste Prinzip seiner Lehre und folgende siird die fünf Gebote des Fletcherianers: l. Appetit' abwnrten, 2. den Appetit bei der Wahl der Nahrung berücksichtigen, 3. die Nahrung so kauen, daß man allen Nährwert herauszieht und' den RahrungSsalt von selbst hernnlerg leiten läßt, 4. der Mahlzeit die ganze Zeit widmen, die sie erfordert, sich nie- mals eilen, immer daran denken, daß man ißt, und sich systematisch dieser Tätigkeil mit aller Konzeiilration hingeben. 5. sich die Ueberzeuguiig zu eigen mache», daß jede Mahlzeit eine Handlung ist von ciilicheidendcr Bedeutung für daS Leben, und sie so allsführen, daß sie>m vollsten Maße ihrem Zwecke entspricht. Die Resultate, die durch die Befolgung dieser Gebote hervorgerufen werden, schildert der Erfinder in den glüh�iidcn Farben des Glücklichen, für den der lange gesuchte Stein der Weisen kein Gebeinmis ist. Aber die von ihm imr nach seiner Erfahrung angewendete Methode ist durch bedeutsame wiffenschastliche Forschungen als ein wohlberechtigles Mittel gesunder Lebensführung anerkannt worden. Vor allem hat der berühmte russische Physiologe I. P. Pawlow den FletcherismuS auf seinen Wabrheitskern»»terincht nnd ist selbst zu einem Suhünger des Systems geworden. Früher war man der Ansicht gewesen, daß der für die Verdauung so' wichtige Magensaft durch die Rahrungs» aufnähme angeregt wird und die Nahrung im Magen daS Entstehen des SasteS erst bedingt. Pawlow stellte durch Versuche an Hunden fest, daß der Magensaft und die die Verdauung befördernde Tätigkeit eine Folge de« Hunger- gesühls ist. Wenn.einem das Waffcr im Munde zusammenläust". wenn man Verlangen und Begier»ach Speise hat, dann wird die Sekretion des Magensastes hervorgerufen. Pawlow bestätigt also nicht nur den alten Spruch, daß Hunger der beste Koch ist, sondern er erweist auch die Lehre Fletchers als richtig, daß der, der mit Appetit ißt, die Speisen am besten verdaut, lind auch die anderen Gebote deö Lebensapostels erhalten ihre Beslälignng durch die Wissenschaft. Die Konzentriernng der Amm-rkianikell anf das Effcn ist von höchster Bedelllnng für die Bekömmlichkeit der Nahrung. merken jöerantw. Redakteur: Richard Barth, Verlin.— Druck u. Verlag:VorwärtöBuchdruckereiu.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo., Berlin LlV,