Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 232. Mittwoch, den 23. Dezember. 1910 (Nachdruck verdaten.) 43� Alas ilt Ruhm? Roman von Max Kretzer. Eines Tages unternahm er vorsichtig eine kleine Fühlung nach dieser Richtung. Die„Erdrosselung" war fertig und stand, nun in Gips gegossen, auf der großen Drehscheibe mitten im Atelier. Es hatte harte Arbeit gegeben, und zum ersten Male war man nach der Säuberung wieder allein. Schmuck und schneeweiß, die Grate und Unebenheiten von Kempens Hand geglättet, leuchtete die Gruppe in ruhigem Licht. Schon in einigen Tagen sollte sie verpackt werden, um nach München zur Ausstellung zu gehen, da Kempen dort mehr Glück erhoffte als hier, wo Totenkammern sich dem kräftigen Leben öffneten. Es war eine Art Festtag, denn Walzmann, Blankert und Schmarr, die alten Getreuen, wurden erwartet, die Kempen seit langem nicht gesehen hatte. Die große Flügeltür stand offen, durch die gewöhnlich das Schienengestell mit den schweren Werken gezogen wurde. Man konnte in den verwilderten Garten blicken, wo alles grünte, denn man schrieb jetzt Juni. Sörgel war bei seinen Mohrrüben- und Salatbeeten beschäftigt, die er besonders pflegte. Es sproß zwar nur kümmerlich, aber manchmal fiel doch etwas für den Mittagstisch ab, worauf er dann nicht wenig stolz war. Diesmal brauchte er nicht nach Hause ab- zuschieben, und so freute er sich schon auf die Zeit, wo er vier- zehn Tage hier allein sein würde, denn Kempen mußte nach München und wollte dann von dort wieder nach Hamburg. Und so dachte dieser gerade daran, wie schön es wäre, wenn er Klara mitnehmen könnte, um ihr die Welt zu zeigen, denn noch niemals war sie weit über Berlin hinausgekommen. In ihrem gestreisten Kleidchen und der hellen Bluse, das iuppige Haar zu einem Knoten gewunden, stand sie liebäugelnd vor der Gruppe, bei jedem Worte Kempens ihr„Fein-fein" bereit.„Wissen Sie schon, daß der Affe lacht?" sagte sie dann. „Gewiß, er grient ganz gehörig." Kempen nickte nur, denn gerade auf diesen Zug bildete er sich etwas ein. Es war die listige Grimasse des behaarten Teufels, der seinen besonderen Genutz erwartet.„Na, fährst Du mit nach Münch?" fragte er dann kühn.„Zu sehen, wie sich alles dort macht?" Sie überlegte nicht lange.„Nein, es wird nicht gehen, Mutter freut sich schon, mich mal ganz bei sich zu haben. Sie hat's ordentlich in den Füßen. Und dann, sehen Sie, wäre ich Ihnen dort nur hinderlich. Sie werden eingeladen und ich bleibe dann links liegen." „Das weißt Du ja noch gar nicht," knurrte er.„Wart's doch nur erst ab, als was ich Dich vorstelle." „Als was denn wohl? Als Ihr hübsches Modell? Mutz man da bis nach München fahren?" „Nein, nein!" entfuhr es erregt seinen Lippen.„Sei nur erst unterwegs mit mir." Zum ersten Male streckte er verlangend die Arme nach ihr aus; sie aber entwand sich ihm geschickt und tänzelte um die Gruppe herum.„Herr Kempen! Soll ich wieder so ein Gesicht zeigen wie dort?" Sie wies auf das lagernde Mädchen. Plötzlich blickte sie aufs neue den Affen an.„Er lacht wirklich, wahrhaftig, er lacht." Und sie brachte seine Erscheinimg mit der Kempens zusammen.„Er lacht wirklich, wahrhaftig, er lacht." Ruhig plapperte sie weiter.„Ich habe es Ihnen noch gar nicht gesagt, denken Sie nur: gestern schickte Professor Heilke zu mir, ob ich frei wäre. Mutter sagte es. Keckheit, nicht? Natürlich antworte ich gar nicht." Aber ein gewisser Stolz sprach aus ihr, den er jedoch falsch auslegte. Sie mußte ihm ganz gehören, er fühlte es wie noch nie, sonst holten sie andre auf Nimmerwiedersehen. Ihre Tändelei reizte ihn und brachte sein schweres Blut in Wallung. War Lorensen stark gewesen, so konnte er noch stärker sein, wenn er wollte! Er ergriff sie kräftig, um sie zu küssen, dabei staimnelten seine Lippen:„Du bleibst bei mir, nie gehst Du fort von niir, hörst Du? Längst mußt Tu es gemerkt haben, wie ich Dich liebe— Dich nur ganz allein. Sage dasselbe, und alles ist gut Kvi scheu uns." Sie sträubte sich heftig.„Aber Herr Kempen, was ist Ihnen denn? Ich rufe Sörgeh" Niemals sollte er sich er- lauben dürfen, was der andere tat, an den sie gerade jetzt fort- während dachte. Es wäre ja zu dumm, wenn er ernste W» ficht hätte, auf die sie nie würde eingehen können. Unter seinem Hauche schon verspürte sie d>e Oede, in der sie sicher ersticken würde, mit diesem lebenden Sauerteig, den sie schätzte und achtete, den sie pries und verehrte, für den sie aber sonst nichts übrig hatte! Gab sie ihm jetzt das Gegenteil zu ver- stehen, so begann der Anfang ohne Ende. Walzmann, der draußen Sörgel erblickt hatte und nun mit ihm sprach, kam ihr zu Hilfe. Kempen ließ sie los, be- ruhigt durch den Gedanken, daß sie sich anders zergen würde, sobald sie erst Kenntnis von ihrem großen Glück hätte. Ge- wiß hatte sie ihn im Verdacht, er könne nun ausbeuten wollen, was Lorensen eingerührt hatte. Walzmann sah noch gerade genug, um lachen zu können. „Vor mir braucht Ihr Euch nicht zu genieren, ich weiß Be- scheid. Genießt, genießt— immer genießt, das Leben ist so kurz! Dja.'n Tag, Kempen,'n Tag, mein Kind. Was macht die Kunst? Dumme Frage eigentlich! Man knetet Brotteig. Dja. Macht mir Spaß, Dein Junge da draußen! Gräbt das ganze Rittergut um. Hat recht, man möchte manchmal ein Engerling sein, um sich am Humus zu be- rauschen. Kinder, das ist's: Erdgeruch müssen wir haben, Erdgeruch— keinen Kulturgestank. Daran erstickt die Menschheit. Humus befreit." Er schien schon gut gefrühstückt zu haben, was man ihm auch ansah, denn sein Hütlein saß ziemlich weit vom Hinter- köpf entfernt, der auffallend kurz geschoren war. Er ging ausnehmend sauber gekleidet, mit einer gewissen Koketterie verschrobener Leute. Klara, rasch besänftigt, lächelte, als sie ihn in dem hellkarierten Sommeranzug sah, dessen weite Beinkleider in Künstlerfalten über die Stiefel fielen. Gut- mütig verdrehte er die kleinen Augen zu ihr: dann aber wurde er ärgerlich, als Kempen seinen äußeren Menschen nicht gleich nach Verdienst beachtete. „Ja, sichst Du nicht, mein Sohn?" blaffte er ihn an. „Alles Deinetwegen! Was sagst Du dazu, he? Einmal die schwarzen Lumpen gewechselt, mich zum Schmetterling ge- macht. Dir zu Ehren, nur Dir! Selbst mein Barbier kannte mich nicht wieder. Halunke der—, hat mir die ganzen Haare verschnitten. Bin doch kein Kalbskopf, akademisch geprüft." Und er nahm sein Hlltlein ab und ließ sie ruhig lachen, wobei seine fünf Finger als Fühler über den Schädel strichen. „Wo ist die Jury, wo ist die Jury?" rief er dann laut und schob sich bewundernd an die Gruppe heran.„Hättest sie laden sollen zum Frikassieren. Wenigstens doch einen Reporter, der Stimmung für Dich macht. Esel, bist viel zu dumm! Heilke versteht es besser. Hat immer so einen Gesellen bei der Hand. Dja. Plötzlich wurde er kleinlaut und äugelte nur noch, bald entfernt, bald nahe, von vorn, von hinten und von der Seite: dann nahm er den besten Standpunkt ein und bat. die Scheibe langsam zu drehen, weil das Licht so am besten sei. Unbeweg- lich musterte er so, den Kopf auf der linken Schulter, fast wie ein Horcher, der abgelenkt ins Wesenlose blickt. Und doch sah er alles, jede Kleinigkeit, jede Größe. Endlich löste sich sein Bann.„Ich werde fliehen, mein Sohn, denn ich schäme mich, ein blinder Lehrling zu sein vor Dir. Das hast Du getroffen, das hast Du getroffen! Das ganze Affengeschlecht, die typische Bestie, die uns alle erdrosselt. Wenig Hirn und viel Anmaßung. Ueberall, mein Sohn, überall! Und die uns eigentlich zu Füßen liegen sollten, die erheben sich und schreiten über uns hinfort. Mit einem Armcemarsch der Gemeinheit! Hunnenkampf gegen die Ideale. War immer so, mein Sohn, war immer so. Dja.... Meisterhaft, alles meisterhaft! Schenk mir Deine Hände und ich will mir das Auge dazu stehlen." unterbrach er seine Betrachtung. Dann fuhr er fort:„Und siehst Du, weil sie den Geisteskampf nicht mit uns führen können, fletschen sie so die Zähne. Auch eine Sprache, aber die Sprache der niedrigen Schädel. Wird nur verstanden, wo die Idioten sich zum Bankett versammeln. Laß sie ruhig den Geist im Magen suchen, sie bleiben am besten unter sich. Dieser da mit der eingedrückten Nase ist nicht selten. Dummkövfe, die ibn erst von weit herholen! Er läuft genug bei uns herum. Und macht es Dir Spaß, so ze?ge ich ihn Dir. Und sieht er ihm nicht ähnlich, so bringe rch ein dreifaches Hoch auf ihn aus. Dja." Er ging zum Mädchen über und blickte Klara listig an. »Das bist Du, mein Kind? Ei, ei, sieh mal an hätt' ich nicht geglaubt." Lange war er nicht hier gewesen, und so wußte er gar nicht, was sich inzwischen ereignet hatte: denn als Kempen ihm einmal flüchtig begegnet war, ging er aus seiner Ver- schlossenheit nicht heraus. So viel Vertrauen er ihm auch schenkte, niemals würde er es überwunden habeni, einen Vierten zum Mitwisser des Geschehenen zu machen. Dann aber wurde er aufmerksam, denn kaum hatte sich Walzmann über die feinen Knöchel und Armgelenke ausgesprochen, die Todesangst mit der Medusa verglichen, als er freundschaft- lich fortfuhr:„Man spricht schon viel von Dir. meine Tochter. Viel Lumpenbande in den Ateliers. Sind manchmal Asyle für Talentlose, kleine Fachvereine von Kachelsetzern und Klamottenschustern, die alle eine Eva nach Dir machen mäch- ten, aber dann wird eine säugende Mulattin daraus." Dann raunte er Kempen zu:„Lorensen prahlt mit ihr, damit Du's weißt."_ Und einmal im Zug, kramte er eine ganze Menge Neuigkeiten aus, nun wieder laut, daß sie es hören konnte. Lorensen habe vor kurzem Hochzeit gemacht und sei jetzt unterwegs mit seiner jungen Frau, alles ohne großen Sums. Sicher habe man etwas Besonderes damit bezweckt, denn das widerspräche ganz seinem Hochmutsdünkel und seiner Sucht, zu glänzen. „Na, dann laß sie nur glücklich werden," gab Kempen zurück, sah aber, wie sich Klara Plötzlich gegen den Türpfosten lehnte und die Hände zusammennahm. Er aber freute sich, daß sie endlich noch diesen Kelch kosten mußte, denn er ver- sprach sich nur Gutes davon. Blankert und Schmarr erschienen, der Lange auffallend modisch gekleidet, der Kleine immer noch als Künstlerfips, die punktierte Schleife immer noch so kokett gebunden wie früher, die aber nun, wo sein Gesicht hagerer, sein kurzer Hals dünner geworden war, sich sehr verlottert über dem Kragen spreizte. Er glich gleichsam dem Todeskandidaten. der ewig mit der Schlinge herumlief, die ihm das Schicksal von Tag zu Tag immer fester zuzog, denn seine kranke Brust hatte ihm im letzten Jahr sehr zu schaffen gemacht. Dafür sprach die fliegende Nöte auf seinen Wangen, der Husten- anfall, der ihn stückweise zerbrechen wollte. Sein verwilderter Christusbart saß wie angeklebt auf der durchsichtigen Haut, und wenn er jetzt seine großen Augen spielen ließ, deren frommer Ausdruck noch bezwingender war, so zeigten sie nicht mehr den alten Glanz, denn Schatten senkten sich über die tiefen Höhlen. Trotzdem bemühte er sich, noch den Witz als letzten Lebensquell sprudeln zu lassen. „Also Eure Ehe ist endlich geschieden, Lorensen hat Dir die Treue gebrochen?" begann er mit einem Lächeln seiner dünnen Lippen, nachdem er Kempen begrüßt hatte.„Mach Dir nichts daraus, die zweite Heirat wird ihn schon be- strafen.... Hat er jedenfalls aus Freundschaft für mich getan, denn ich sehe. Du hast jetzt Platz? Darf ich morgen zuziehen? Nur auf vier Wochen. Du. bei Deikert halt ich's nicht mehr aus. Der Mensch verlangt sogar Miete von mir, was sagst Du dazu?" Alle lachten, ihm aber verging die Heiterkeit, denn der dumpfe Husten quoll ihm stoßweise hervor, so daß er fast braunrot wurde. lFortsetzunq folgt.) Die Dafelnuß- ein Alobnbaus. Naturbild von C. S ch e n! l i n g. Obschon eine leere Haselnuß keinen Heller wert ist, so hat sie doch eine merkwürdige Geschichte, interessanter und lebrreichcr als die Geschichte jeder anderen Nuß mit vollem süßen Kern. Denn während diese aus nonralem Entwickelungsgange zu kemcn besonderen Ehren gelangt, ist jene auf ganz absonderlichem Wege um ihr eigent- lichgs Wesen gekommen und ist zum Hause geworden, in dem ein sonderbar gestaltetes Käferchen seine früheste Jugendzeit verlebte. Da aber eine hohle Nuß bei jung und alt nur Aergernis erregt, so wollen wir doch einmal ihre Geschichte ansehen; vielleicht werden wir dann weniger aufgebracht sein, wenn wir am Ausknacken der Kuß uns länger geplagt hatten. Wer in den Monaten Mai. Juni und Juli mit Eiche und Hasel. bestandene Gebüsche und Waldungen aufmerksam durchstreift und acht hat auf das tausendfältige kleine Leben, das hier im Kelch der Blumen, dort auf grünem Blatt des Busches, dort auf schwankendem Grashalm und hier unter der trockenen Rinde eines altersschwachen Stamme? sich offenbart, da? bald in lieblich klingendem Gesumm und melodischem Zirpen gar angenehm unser Ohr berührt, bald in tiefbrunmienden Baßtönen und schrillem Geräusch uns mehr erschreckt, dem entgeht sicher auch ein eigenartig gestaltetes Käferchen nicht, das sich mit ge- schäftiger Hast und ängstlicher Vorsicht auf Haseln und Eichen herumtreibt. Das Tierchen ist nicht groß, kaum etwas stämmiger als eine Stubenfliege, doch von gefälligem Schnitt und eleganter Form, da sein Hinterteil samt den| Flugdecken fast die Form eines Herzens zeigt und die Brust mit dem Kopf sich nur allmählich und schön pyramidal zurundet. Die ziemlich langen Beine nnt den verdickten Schenkeln machen das Tier zum geschickten, flinken Kletterer, denn einmal auf cineu Busch niedergelassen, be- dient es sich der Flügel nicht weiter, sondern verläßt sich auf daS Geschick und die Kraft seiner Beine, und in beständiger Unruhe auf und ab, hin und her steigend, sucht es das Ziel seines Verlangens ausfindig zu machen. Die schwarze Grundfarbe des Käfers ist kaum zu erkennen, da ein dichter Filz von braunen und bellgrauen haarförmigen Schüppchen den Körper überall bedeckt, welche Bekleidung durch hellere, bindenfördig zusammenfließende Flecken namentlich auf den Flügeldecken noch ein besonders zierliches Kolorit erhält. Doch das auffälligste und sonderbarste Gebilde an ihm ist der ungemein lange, fadendünne, mehr oder weniger gebogene Rüssel, der fast Körperlänge erreicht und an seiner Spitze die mit bloßen Augen freilich kaum zu erkennenden Mundteile trägt. Dieser Rüssel ist, wie gesagt, das sonderbarste Stück am ganzen Tier und vermag den, der es zum erstenmal sieht, in gerechtes Staunen zu versetzen. Denn obschon es viele Käfer mit rüsselförmig verlängertem Maul gibt und die Familien derselben nicht nur eine der umfang- reichsten, interessantesten und bedeutsamsten der ganzen Käferwelt ist, so ist unser in Rede stehendes Tier der Rüsselkäfer aller Rüssel- käfer. Achten w-r nun auf das Tun und Treiben dieses Käfers, so sehen wir ihn hier seiner einfachen Nahrung nachgehen, die in nichts weiter als dem zarten Blattgrün der Haselknospen und der Blätter überhaupt besteht und die er mit seinen winzigen, doch scharfen, ganz vorn im Rüsiel befindlichen Nageinstrumenten abnagt und ab- schabt. Dort suchen die Geschlechter einander auf, erregt von dem mächtigen Triebe der Fortpflanzung, der den sonst so scheuen und flüchtigen Käfer dem Beobachter gegenüber etwas blind und weniger vorsichtig macht. Denn während der einzeln umherstreifende Käser bei drohender Gefahr sich plötzlich aus der Höhe berabstürzt und im MooS, Gras, Laub am Boden dem Beobachter sich entzieht, lassen eS die Pärchen schon darauf ankommen, ob man sie belausche oder nicht. Die Sorge für Nachkommenschaft scheint die Sorge für eigene Sicherheit überwunden zu haben. Nun aber fällt dem Weibchen noch die wichtige Ausgabe zu, ihre Eier an passender Stelle unterzubringe», damit die aus- schlüpfenden Larven Wohnung und Nahrung zugleich finden, da sie unvermögend sind, für diese Bedürfnisse selbst zu sorgen. Und solch stille Entwickelungsplätzchen bieten die Haselnüsse dar, deren harte Schale den zarten Wurm gegen alle möglichen Gefahren schützt und deren süße, noch weichliche Kerne die entsprechende Nahrung liefern. Tief ins Innere der Nuß hinein muß das Ei gebracht werden. Noch ist die Nuß kaum halb erwachsen und ihre Schale noch weich genug, um mittelst des Rüssels, der jetzt als Bohrwerkzeug dienen muß. ein Loch zu bohren, da? bis zum Kern hinabführt. In hurtiger Geschäftigkeit ist daher das Weibchen bemüht, den Schacht fertig zu stellen, indem es etwa in der Mitte der Ruß den Rüssel ansetzt und nun bohrt, schabt und beißt, daß er immer tiefer eindringt. wobei der Körper, ohne daß der Rüssel zurückgezogen wurde, uiiunterbrockicn den Platz wechselt, bald so, bald so herumgedreht wird, wie es die Förderung der Arbeit verlangt. Und dabei entwickelt das Tier eine Ausdauer und Energie, daß es darüber sich und die Welt zu vergessen scheint; denn ein bohrendes Weibchen, das einmal in völliger Arbeit begriffen ist, benimmt sich gegen alle Vorgänge umher wie blind und taub; eS bohrt und bohrt immer zu, als dürfe ihm kein Augenblick verloren gehen, läßt sich ergreifen, klammert sich aber bei einem Versuch es abzunehmen, mit dcir Beinen fest an die Nuß und zieht bei alledem nicht einmal den Rüssel zurück, ja es steckt dieser so fest im Bohrloch, daß er leicht abreißt, wenn man den Käfer gewaltsam entfernen will. Ist endlich die Brutstätte eingerichtet, so legt das Weibchen ein Ei oben auf die Oeffnung und schiebt es mit seinem Rüssel tief hinab bis an den Nußkern, denn dieser ist's, der die kommende Larve ernähren soll. Somit wären die Pflichten der Mutterschaft erfüllt, wenigstens weiß man nicht, ob von je einem Käfer nur eines oder mehrere Eier in der beschriebenen Weise untergebracht werden. Soviel aber ist gewiß, daß jede Nuß nur-.mt einen, Ei bedacht wird und daß der weibliche Käfer, bevor er seine Bohrarbeit beginnt, erst genau Musterung hält, ob nicht etwa ein anderer ihm zuvor gekommen und die betreffende Nuß bereits besetzt hat. Ein sicher leitendes Spürvermöge» läßt den Käfer stets das Richtige treffen, wogegen wir nicht imstande sind, hier immer richtig zu urteilen, da die der jugendlichen Nuß beigebrachte Wunde bald vernarbt und das diese noch längere Zeit bezeichnende braune Tüpfelchen mit der Zeit auch verschwindet. Nur 14 Tage ruht das Ei im Schoß der Nuß, dann arbeitet sich aus seiner Hülle ein Wurm, eine Made heraus, die Larve des KäferS. Sie ist jenes weißliche, stark wulstige, mit einzelnen kurzen Borstenhaaren besetzte Wesen mit hornigem, braunen Kopf und sechs kurzen Warzenfützen. das wohl schon jeder in einer unverletzt scheinenden Ruh neben dem angefressenen Kern gefunden hat. Mag nun auch diese Larve sich einer sicheren, festungs- artigen Wohnung zu erfreuen haben, in der sie geborgen ist gegen Nachstellungen der Feinde aller Art und in der ihr sozusagen die Nahrung ins Maul wächst, so kann sie doch auch hier vom Mih- geschick ereilt werden. Denn obscho» der Kern neben der sich enr- wickelnden Larve fortwächst, so bleibt doch die Möglichkeit nicht aus- geschlossen, daß die Larve, die als Ei oft an einen noch sehr kleinen Kern gelegt wird, eine zu rasche Entwickelung nimmt, so das; der Kern dagegen zurückbleibt und nicht Nahrung genug bieten kann und die Larve schließlich dem Hungerrode anheimfällt. Daher findet man bisweilen statt eines Kernes nur Wurmmehl in einer äußerlich unverletzten Nuß und den verichrumpften toten Wurm daneben. Außerstande, vor Abschluß seines Wachstums den Ort des Mangels zu verlassen und eine andere Nuß zu beziehen, ist der Wurm un- rettbar verloren. Doch nur wenige fallen diesem Schicksal zum Opfer; die meisten reichen mit dem Kerne aus und zur Zeit der Nußreife find auch fie reif, d. h. vollkommen ausgewachsen. Meist aber fällt eine bewohnte Nuß als notreif etwas früher ab als eine nichlbewohnte. Aber ob abgefallen oder noch hängend, das gilt dem Wurme gleich. Jetzt ist dann seines Bleibens nicht mehr. er muß heraus 1 Es wird ein rundes Loch durch die Schale gefressen, so groß, daß eben der Harle Kopf durchkriechen kann. Der zwar stärkere, aber weiche, dehnbare Leib muß dann schon folgen und so verläßt die erwachsene Larve ihre bisherige Wohnung und bohrt sich in die Erde, um in einer Tiefe von>/z bis 1 Meter eine bequeme Höhlung auszuarbeiten, in der sie zur Puppe wird. Wann das gcschiebt und wann diese wiederum den Käser liefert, das ist noch nicht mit Sicherheit er- mittelr, da eine künstliche Zucht besondere Schwierigkeiten bietet und eine genaue Beobachtung im Freien von niancherlei Zufälligkeiten abhängig ist. Jedoch soll der neue Käfer erst im Herbst dcS zweiten oder im Frühjahr des dritten Jahres erscheinen. Die„Vermonäung" der Srde. Eine Möglichkeit, durch die der Bestand des Sonnensystems gefährdet wird, ist die sogenannte.Lunarisierung" oder„Ver- mondung" der Planeten. Es ist darunter zu verstehen, daß die Planeten, und als typischer von ihnen die Erde, in den Zustand des Mondes gelangen, mechanisch sowohl wie auch physisch. Wir alle kennen die Erscheinung der Ebbe und Flut, der Ge- zeit»«. Sie besteht darin, daß der Mond und auch die Sonne das Wasier zu sich heranzieht, also besonders an denjenigen Stellen der Erde aufhäuft, d-ie diesen Himmelskörpern jeweils am nächsten stehen. Da sich nun aber die Erde dabei um ihre Achse dreht, so rollt sie gewissermaßen unter den bestehenden Flutbergen immer- während dahin. Die Gestaltung der zusammenhangenden Länder- massen(Kontinente) und der Inseln aber stellen sich den Flut- bergen entgegen. Die Flut schlägt an sie an und bricht sich, mutz seitlich ausweiche� um dem Monde oder der Sonne zu folgen. Diese ewige Arbeit des Anschlagens und der Reibung der Flutberge an der Erde hemmt diese naturgemätz an ihrer täglichen Umdrehung. Diese mutz daher langsamer werden und schließlich ganz aufhören. Die Flut wirkt also wie ein Bremsschuh. Diese Bremswirkung niutz auch auf die Umdrehung der Erde einen Einfluß haben; sie mutz die Umdrehung der Erde verlangsamen, wie die Bremse das Rollen des gebremsten Rades verlangsamt. Das heißt nichts anderes, als daß der Tag an Länge anwachsen mutz, denn die Tageslängc wird ja durch die Umdrehung der Erde um ihre eigene Achse bestimmt. Das Bestreben der Gezeiten geht dahin, die Um- drehung der Erde um die eigene Achse so zu verlangsamen, daß sie gleich einem Umschwung um die Sonne wird, daß also der Erdcntag gleich einem Jahre wird. Macht man sich an einer kleinen Zeichnung klar, wie sich dann die Dinge gestalten müssen, so erkennt man, daß die Erde in diesem Endzustand gerade eine Umdrehung vollendet, wenn sie einmal auch um die Sonne gelaufen ist, d. h. die Erde kehrt dann der Sonne immer dieselbe Seite zu. Dieser Zustand besteht schon beim Monde im Verhältnis auf die Erde. Der Mond kehrt der Erde immer dieselbe Seite zu, so daß wir nur diese eine Seite kennen, die andere nicht. Der Umlauf des Mondes um die Erde stimmt also mit der Drehung um seine Achse nberein. Nun ist zwar die Erde für den Mond Zentralkörper, sie ist aber nicht Licht- und Wärme- quelle, wenigstens nicht in erheblichem Maße. Für den Mond ist vielmehr auch die Sonne Licht- und Wärmequelle Anders bei der Erde. Für diese ist die Sonne nicht bloß Licht- und Wärmequelle, sondern auch Zentralkörper. Wenn die Erde der Sonne also immerwährend dieselbe Seite zukehrt, so empfängt nur diese Licht und Wärme von der Sonne, die abgekehrte Seite jedoch nichts von beiden. Jahraus jahrein würde also die Sonne auf diese Seite der Erde niederknallen und eine Hitze erzeugen, die weit über die des siedenden Wassers hinausgeht. Ein Leben wäre auf dieser Seite der Erde damit unmöglich. Aber auch auf der anderen Seite könnten wir nicht zubringen. Denn hier müßte eine unerträgliche Kälte herrschen, die keinen Pflanzcnwuchs dulden würde. Die Kälte würde wahrscheinlich unter derjenigen der flüssigen Lust liegen, also unter 20l> Grad. Das bedingte noch ein anderes. Der Luftmantel der Erde würde hier nämlich verschwin- den müssen. Denn wenn die Temperakur dort so tief ist, daß sie unterhalb des Verflüssungspunktes der Luft liegt, so mutz sich die Luft dort verdichten und sich als Flüssigkeit niederschlagen. Damit würde aber Luft von der anderen Seite der Erde nachström»'*, sich abkühlen und und sich ebenfalls verflüssigen. Dieser Vorgang würde solange anhalten, bis alle Lust verflüssigt wäre. Ihres Luftmantels wäre dann die Erde beraubt. Aus diesen wie auch aus anderen Gründen könnten also auf ihr Geschöpfe nicht mehr existieren. Der Astronom Darwin schloß daraus, daß die Erde einstmals eine viel kürzere Umdrehungsdauer besessen haben mutz. Robert Mayer, der Entdecker des Satzes von der Erhaltung der Energie, und der englische Astronom Adams, mit Leverrier der theoretische Entdecker des Planeten Neptun, haben ausgerechnet, in welchem Matze die Umdrehung der Erde durch die Bremswirkung der Ge- zeitcn vermindert wird. Der eine fand 0,0438 Sekunden, der andere 0,01197 Sekunden innerhalb von 2000 Jahren. Dieser Be- trag ist so klein, daß wir ihn bisher durch die Messung nicht nach-, zuweisen vermochten. Datz eine solche Verzögerung aber vorhan- den ist, ist zweifellos: denn irgendwo muß die Bremswirkung wieder zum Vorschein kommen. Rechnet man mit dem kleineren Betrag, so findet man. datz diese Verzögerung in 107 000 Jahren eine Sekunde beträgt. Soll also die Umdrehungszeit gleich der Umlausszeit um die Sonne sein, so muß eine Verlangsamung um 304 Tage eintreten. Dazu wären Billionen Jahre nötig, oder legen wir den viermal größeren Betrag zugrunde, so würde dieser Zustand schon nach IM Billionen Jahren eintreten. Solange aber spendet die Sonne nicht ihre Wärme und ihr Licht. Bis dahin ist beides so stark geschwächt, datz die Lebeweib aus diesem Grunde nickt mehr zu existieren vermöchte. Was der Erde recht ist, ist jedem anderen Planeten billig. Auch bei ihnen allen muß dieser Zustand eintreten, wenn auch in noch so langer Zeit. Beim Merkur scheint das schon jetzt der Fall zu sein, bei der Venus sicher nicht, denn dieser Planet besitzt noch eine Atmosphäre, die er schon längst verloren hätte, wenn seine Rotationszeit gleich seiner Umlaufszeit um die Sonne wäre. Tritt also nicht der Fall eines Zusammenstoßes der Sonne mit einem anderen Stern ein, bei welcher Gelegenheit das ganze System unterginge, so werden die Planeten einer nach dem anderen lunarisiert. Vorher aber wird die Sonne ihren Schein vorloren und ihre wärmespende Kraft eingebüßt haben. Alles im Sonnen- system wird tot daliegen und das System als tote abgestorbene Welt durch den Weltraum fliegen. Aus dieser Starre kann es nur durch ein Zusammenstvtzkatastrophe zu neuem Leben erweckt werden, t. l, kleines fcuillcton» Fossile Ricscnticre in Deutsch-Ostafrika. Nachdem Professor Fraas vor einigen Jahren von einer Reise durch Deutsch-Ostafrika die ersten Nackrichten über den Fund eigenartiger Riescnknochen und -Skeletteile heimgebracht hatte, sind nun systematische Ausgrabungen vorgenommen worden, über deren großartige Resultate Dr. Hans Reck in der Umschau berichtet. Fast zwei Jahre lang hat die deutsche Expedition, die ihre Hütten an der flachen Bergkuppe Tenda» guru, vier Tage von dem Hasenplatz Lindi entfernt, erbaute, die ganze Umgegend des Berges nack den vielerorts aus der Erde hervorlugenden Knochenrestcn durchforscht. 200 schwarze Arbeiter wuroen beschäftigt, deren Mißtrauen man dadurch besänftigte. daß man ihnen sagte, die Knochen würden zu heil- kräftiger Medizin verarbeitet. Die am besten erhaltenen Funde wurden in tieferen Erdschichten gemacht, die alle in einem ziemlich weichen, lehmigen oder sandigen Boden lagen. Die Ausbeute des ersten JabreS belief sich aus 700 Trägerlasteu Knochen. deren Gewicht nicht weniger als 22 000 Kilogramm betrug und die nach Berlin befördert wurden. Damit war eine ungemein reich« haltige Sammlung von Extremitäten riesiger Saurier verschiedensten Baues gewonnen, aber es fehlten noch Wirbel, Rippen und besonders Sckädel. So mußte denn weiter gegraben werden, und erst die zweite Grabungsperiode war von einem einzig dastehenden, alle Erwartungen übertreffenden Erfolg gekrönt. DreSmal wurde mit 400 Arbeitern gegraben und abermals 700 Lasten Material anS Licht gesörderr, das in 140 Kisten mit ca. 30 000 Kilogramm Gewicht nach Berlin abgegangen ist. Als Hauptergebnis sind diesmal eine ungemein reiche Zahl von Wirbeln und Rippen, auch Schädelbruchstücke und sogar ein ganzer Schädel gewonnen worden. Die gefundenen Knochen gehören reptilartigen Tiereu an. die zur Kreidezeit lebten und größer als der vielbesprochene DiplodocuS waren. Welch' un- geheuere Dimensionen diese Tiere erreichten, geht daraus hervor, daß der Oberarni des von Carnegie dem Berliner Museum fiir Naturkunde geschenkten Diplodocus-Modells 95 Zentimeter lang ist, während der Oberarm eines der in Deutsch-Ostafrika ausgegrabenen Tiere 2,10 Meter mißt. Ein Halswirbel von 1,lO Zentimeter Länge wurde gefunden, dann Teile eines Tieres. dessen Wirbelsäule 8 Meter lang ist, Rippen von 15 Zentimeter Breite und 8,50 Zenti- metcr Länge. Eine ganze Anzahl neuer. bisber unbekannter Tier- formen wurden ans Licht gefördert, große und kleine, schlanke und gedrungene, von deren letzteren z. B. ein einziges Endglied, eine Zehe des FußcS, über 80 Zentimeter lang, 20 Zentimeter breit und 15 Zentimeter dick ist. — 1008— Literarisches. (SIa%5rcnnet« Literatur. Ms Adolf GlahdrennerS bundcrisier Geburtstag gcfcierl wurde(27. März d. I.), haben wir den �henslauf dieses Berliner Humoristen kurz umristen. Dagegen bliest �is neuere Glaßbrcnuer-Literanir noch unberücksichtigt. Wir holen deshalb die Mitteilung nach: welche Anschaffungen für Freunde des guten, alten Berliner Humors auch bei knapperen Geldmitteln in Betracht kourmen. Kürzlich erst erschien in Rcclams..Universal-Biblothek' daS Bändcheit Rr. 5226: A l t- B e r l i n, Skizzen aus dem Berliner Volksleben. Von Adols Glastbrenner. 103 Seiteir, broschiert 26 Pf., geb. 66 Pf.— Das Hauptstück dieser kleinen Sanmrlung ist„Der echte Eckensteher Raute*: jenes Berliner Straszenoriginal, dem die blassen, mageren Epigonen von hente, Laltentriye. Runne und Genossen, wabrkailig nicht das Spreewasser reichen können. Bon den vier Szenen ist wohl die zweite