Zlnterhaltungsblatt des Horiviirts Nr. L53. Donnerstag t>en 29. Dezember.. 1910 (Nachdruck verdoten.) u] Mas ist Ruhm? Roman von Max Kretzer. „Oh. oh." rief Klara aus und setzte ihm einen Stuhl hin, wobei sie fragte, ob sie ihm mit etwas dienen könne. Be° glückt nickte er zu ihr empor.„Wenn ich erst hier bin. sitzen Sie mir einmal." sagte er wieder.„Ich mache etwas aus Ihnen— ein zartes Engelköpfchen, wissen Sie, wie Sie noch als Kind aussahen, damals in der alten Bude. Es wird ein hübsches Relief, verlassen Sie sich darauf." Und als sie ihm dann einen großen Kognak gegeben hatte, weil sie wußte. daß ihm das die beste Medizin für sein Leiden war. ergriff er ihre weiße Hand und streichelte sie.„Sie sind noch die Beste unter uns allen.... Dieser Blankert hat dran schuld, daß ich ganz außer Atem bin: er wird nächstens ein Schnelläufen abhalten, denn mit seinen Porträts kommt er doch nicht vor- wärts. Du, Kempen, weißt Du, er schmiert jetzt das Stück für dreihundert Mark, um Lenbach tot zu machen. Die Kon- kurrenz ist ihm zu groß. Aber er hat immer Glück. Sein neuer Hauswirt ist mit einer Familie gesegnet, woran er fünf??ahre lang die Miete abmalen kann.... Uebrigens, dort könnte ich ganz gut stehen, ohne Dich viel zu belästigen," unterbrach er sich und zeigte auf Lorensens verlassenen Platz. Blankert stand vor ihm und wippte auf seinen langen, dünnen Stelzen vor Vergnügen hin und her, denn solche Scherze erweckten stets sein lautes Lachen.„Er hat noch meine Portiertochter vergessen," warf er dann ein,„die mal ich natürlich ganz gratis, eine hübsche Kröte, sage ich Euch." „Das wird ein Pendant zu seinem Lazarus, was die langen Sitzungen anbetrifft," witzelte Schmarr weiter. „Schließlich verplempert er sich noch mit ihr. Die Schwieger- mutier mußt Du sehen!" Kempen, der dabei an Frau Münk dachte, gab dem Ge- spräch rasch eine andere Wendung, indem er auffallend red- selig wurde. Wenn Schmarr ein paar Wochen bei ihm bleiben wolle, gern, sehr gern! Das treffe gerade gut mit seiner Reise zusammen, und überdies wäre dann sein Sörgel nicht allein. Man könne niemals wissen, was alles vorgehe. „Hurra, dann backst Du endlich meine Büste," rief Blankert lebhaft aus.„Ich bezahl sie Dir, sei versichert. Oder besser, ich male Dich dafür." „Dann nehm ich schon lieber Geld," sagte der Kleine listig. „Woll'n sehn, woll'n sehn. Kempen, ich danke Dir.... Bin Dir überhaupt noch die Putte schuldig: aber ich wollte sie gern in Marmor...." Kcnipen beruhigte ihn. Man rief nach Walzmann, der jedoch verschwunden war. Endlich kam er herein gestolpert, an einer großen Mohrrübe knabbernd, die er sich draußen aus einem der Beete gezogen und inzwischen geschabt hatte. „Etwas muß man doch essen, wenn man hier geladen wird," sagte er anzüglich, so daß Kempen sofort Klara den nötigen Wink gab, aufzutischen, was noch da sei. Sörgel schleppte Bier heran, und sie wurden vergnügt wie in der früheren Zeit. Es war Mittag, als sie endlich gingen. Schmarr nahm etwas traurig Abschied von Kempen.„Also es bleibt dabei," sagte er leise,„falls nicht etwas dazwischen kommt. Denn siehst Du, manchmal will's mit mir nicht mehr recht gehen. Ich bin ein Heimatloser, das macht's.... Aber die Putte bekommst Du, verlaß Dich darauf. Und sollte ich sie nicht selbst bringen, dann nimm sie als letzten Gruß.... Und vergiß mich nicht! Ja, ja, ich rede Dummheit, ich weiß es! Also ich komme, ich oder mein Geist." Kempen drückte ihm die dünnen Hände mit den langen Fingern, die feucht und kalt waren, und lachte ihn aus, um ihn zu trösten. Als die drei dann wieder draußen waren, der Kleine schweigsam, die anderen beiden gut aufgelegt, auarrte Walzmann damit los, was ihm schon längst auf den Lippen gelegen hatte:„Lorensen hat besser aufgetischt. Die Delikatessen, meine Söhne, die Delikatessen— die verstand er. Kempen ißt am liebsten trocken. Aber ein Kerl, ein Kerll... Wo gehen wir jetzt lsint" 17. Die„Erdrosselung" erregte in München allgemeines Aufsehen, denn selten hatte man ein Werk gesehen, das so deutlich die gewaltige Sprache eines großen Bildners redete und die Gemüter erzittern machte. Und dieselbe Frage wie in Berlin tauchte auf:„Wer ist Kempen?" Aber in anderer Weise, nicht halb aus Mitleid geboren, sondern forschend, von heller Neugierde erregt, über den Mann näheres zu erfahren, der mit einem mächtigen Sprung aus dem Dunkel des Un- bekanntseins in das strahlende Licht des Ruhms gesetzt loar. Dieses Mädchen, dieses Mädchen! Man sah es immer wieder an und fühlte den Schauer mit, der über seine keuschen, schönen Glieder lief. Die Flut des Lobes, ungetrübt durch Einflüsterung und Abneigung, sickerte auch nach Berlin durch, und zwar in den langen Eigenberichten der großen Blätter, die die Fanfaren für den neuen Mann bliesen in der bestimmten Erwartung, man werde ihn dort oben besser kennen als unten in der Stadt der vielen Bräus, wo aber immer noch beim Klappern der Maßkrüge der Weckruf frischer Kunst hell genug er- klingen konnte. Und man kannte ihn, erinnerte sich wenigstens» seinen Namen schon gehört zu haben. „Ist es nicht der mit dem Bärenkämpfcr?" fragte der schwerhörige Runkel, Senatsmitglied der Akademie, eines Abends den kleinen kurzsichtigen Stenzel, als sie sich, beim- gekehrt aus der Sommerfrische, zu einem gemeinsainen Gang traten und so von ungefähr auf die Münchener Ausstellung zu sprechen kamen. „Löwenkämpfer, Löwcnkämpfcr!" schrie ihm der Ver- grämte ins Ohr.„Es war doch ein Löwenkämpfer I" „Ei, versteht sich, ich entsinne mich jetzt," fistelte die Größe zurück.„Ich versprach mich nur. War eine gute Arbeit, vor- züglich ausgeführt, ganz vorzüglich. Hatte, soweit ich mich entsinne, einen vortrefflichen Platz.... Waren Sie nicht gegen die Aufnahme?" „Aber ich bitte Sie!" rief Stenzel überlaut beim Wagen- rollen.„Sie waren es ja, der an ihm herumnörgelte..., verglichen sogar die Bestie mit einer Kuh. Ich aber fand die Gruppe prächtig, einfach prächtig." „Aber wie können Sie nur—?" Sie wurden erst einig, als ihr Gedächtnis sich ganz auf- frischte und man Heilke die eigentliche Schuld zumaß. „Ei, versteht sich, er war der Attentäter," warf Runkel mit Bestimmtheit ein, dann aber wieder geneigt, diese Bc- hauptung in Frage zu stellen. Doktor Golding, der nach München gereist war. hatte einen sehr verständnisvollen Artikel über das Werk gc- schrieben und besonders erwähnt, daß er den„schweigsamen Mann im zugeknöpften Rock" gelegentlich einer Gesellschaft bei Professor Heilke kennen gelernt habe. Und sofort hatte es Stampf für nötig befunden, aus eigener Anschauung nicht zurückzubleiben, was er mit großem diplomatischen Geschick tat, indem er die Frage offen ließ, inwieweit„der berühmte Gastgeber" schon vor Zeiten dieses Talent erkannt habe, als er es in den engeren Kreis seines Hauses zog. Das alles geschah mit hübschen Wendungen, in denen zum Schluß die Begeisterung der Münchener mit der Zurückhaltung der Ber- liner abgewogen wurde, die hoffentlich bald das Vergnüge» haben würden, selbst zu prüfen und zu ergänzen. „Man wird ganz verrückt, wenn man so etwas liest," flötete Stenzel wieder.„Ter gute Felix richtet sich immer nach dem Winde." „Ei, versteht sich," quiekte Runkel zurück, der diesmal jedes Wort verstanden hatte.„Mich soll's gar nicht wundern, wenn Heilke nächstens sagt, er habe uns nur aufs Glatteis führen wollen. Trau ich ihm schon zu.... Wie heißt: übrigens die neue Gruppe von diesem Kempen? Erwürgung, he?" „Erdrosselung, Erdrosselung!" tutete ihm Stenzel wieder zu.„Sie behalten solche Dinge nie." „Erdrosselung, richtig, ei, versteht sich. Sägte ich nicht so? Man hat so viel im Kopf..... Seien Sie doch so freundlich, Herr Kollege, sich den Titel zu merken, denn man Tcinn nie wissen. Fa. Na, wan wsrd das Tina sa hier zn sehen bekommen. Fahren Sie übrigens noch nach München?" „Was soll ich denn dort?" schrie ihn Stenzel jetzt törmlich 'an.„Ich habe nicht ausgestellt. Die Münchener fömrn zn iiirs kommen. Die Herren werden jetzt übrigens immer üppiger, wollen immer ihre eigenen Säle haben. Erst kommen wir doch!" „Das sage ich auch. Sezession haben wir hier genug. Mehr als zn viel. Kommen. Sie mit zu Frederich, einen Schoppen Mosel trinken? Tort sitzt Leitner. Macht jetzt die Plakette für mich zu meinem siebzigsten. Sie wissen wohl schon? Man muß doch hören, was der sagt. Im Verein sitzt ja doch niemand. Höchstens Schuttbauer, und der krakeelt den ganzen Abend." Sie waren langsam am Kanal entlang der Potsdamer Brücke zugegangen, und da Stenzel nichts einzuwenden hatte, steuerten sie Arm in Arm aus ihr Ziel los, fast verkrümelt in der Menschenmenge, die in der lauen Herbstluft an ihnen vorbeiwogte, ohne eine Ahnung von ihrer Größe zu haben. Als auch die Nachricht durch die Berliner Blätter flog, der Prinzregeut habe über Kempens Werk öffentlich seine Bewunderung ausgesprocheil und sich eingehend nach dem Künstler erkundigt, fühlte man sich verpflichtet, auf Ent- Keckungsreisen nach ihm auszugehen. (Fortsetzung folgt.)j CJJaasnitf tctEolcn.j „JMam mit JVTulik.� Von Friedrich Werner van Oestvren(Wien). „Weißt, daß es so was bei uns in Oesterreich noch gibt, Hütt' ich überbaupt nicht für möglich gehalten." Der Kadettwachlmeister Baron C., der an diesem Vormittage, drei Tage später als ich, zur Waffenübung eingerückt war, sagte eS mit schmerzlichem Näseln, als wir vom Barackenlager zum Städtchen schritten. Der Weg war zwar in etwa zwanzig Minuten zurückzulegen, aber ein Verguüge» war das nicht; denn der Staub lag hoch auf der schattenlosen, von der Maisonnc durchglühten Straße. Ich zuckte lächelnd die Achseln.„Hast Du denn noch nie von unseren galizischen Garnisonen gehört, mein Lieber? Wir können uns gratnlicrcn, daß wir Schwadronen in der Stabsstation hier zugeteilt sind. Die drei anderen Schwadronen des Negimcnrs sind viel elender dran." Der übermäßig gepflegte junge Baron in seiner funkelnagel- neuen, mit allerhand unvorschriftsmäßigem kleinen Luxus ge- schmückten Ulanenuniforn, seufzte und schüttelte den Kopf.„Noch elender? Ist nicht auszudenken." „Na, Du wirst's ja sehen," verhieß ich ihm.„Das hier ist noch eine Stadt; es gibt aber auch Dörfer mit 100 bis 300 Einwohnern als Garnisonen.— Wo hast Du denn übrigens gedient?" „Natürlich in Wien in der Freiwilligenschule und dann beim Regiment in Pardubitz. Wie ich zu Weihnachten gelesen Hab', daß ich hier heraus zn den Ulanen komm'..., weißt, da Hab' ich ge- »ncint, der Schlag trifft mich." Da ich daraufhin nichts zur Erwiderung fand als ein herzloses Lachen, fügte Baron C. die Frage an:„Na, und Du? Dir wird'S doch auch nicht anders gegangen sein. Ein Panie bist Tu ja auch Nicht. Du lebst doch auch in Wien." „Und bin in Böhmen ansässig; stimmt", bestätigte ich.„Aber bei der Assentierung in Prag habe ich erklärt, daß ich inein Frei- williqenjahr bei den Schwarzenberg-Ulancn machen will." Mein Kamerad sah mich entgeistert an und blieb vor Ueber- raschung stehen.„Weißt, sich freiwillig nach Galizien melden, das Hab' ich noch nicht gehört", erklärte er dann. „?!un ja, jeder tut's auch nicht," gestand ich zu und schritt weiter. „Ich Hab einen Freund beim Regiment gehabt, und so kam es. Das Leben in Lemberg, wo die Freiwilligenschule war, war übrigens sehr flott, Tarnow ist keine so gottverlassene Garnison, und an die Kaisermanöver, vorige? Jahr, denk' ich mit Vergnügen zurück. Wie's hier ist, weiß ich noch nicht recht. Jedenfalls bedauere ich nicht, Galizien kennen gelernt zu haben. Die Schlacht«, die Bauern und die Juden, die Landschaft, das ganze Leben hier— alles das ist ungeheuer interessant; Du wirst ja sehen. Für uns Mitteleuropäer ist dieses Stück Asien geradezu ein Erlebnis." „Nch ich dank' schön," meinte der andere in sehr verächtlichem Tone.„Wenn Du dreckig interessant nennst, so ist das Geschmack- fache. Ich für meine Person, weißt, bin Europäer. Nach allem, was ich gehört Hab', sind die Leute hier mehr Asiaten als Menschen, und die Wanzen sind ihre Wappenviecher." Ich lächelte wieder überlegen.„Glaub' mir, es schadet unS nichts, wenn wir auch das kennen lernen.— So, da sind wir also bei meinem Freund Baruch Milch, der auch Dein Freund werden muß. Komm' mit l" Mein Kamerad vereitelte vorerst meine Absicht, in den Laden Daruch Milchs einzutreten, indem er mich am Nerinel festhielt. „Wozu muß ich denn da hinern? Schöner Freund übrigens. Weißt, ich begreif' nicht, wie man solche Kerls nur anrühren kann. Wenn ich so einen in Wien seh', weich' ich doch auf hundert Schritt auck." „Du bist aber nicht in Wien, und hier in Galizien ist man ohne die Juden einfach verloren. Wenn Du Wohnung brauchst. wendest Du Dich an den Wohnnngsjuden, für Futter an den Haferjuden, für Möbel an den Möbeljuden etcetera; sonst kriegst Du eben nichts. Ich kann Dir in meinem Zimmer oben im Barackenlager nur voübergehend Ouartier geben und brauche auch dazu noch ein Bett. Wohnung, Möbel und sonstiges wird Dir mein Freund Milch besorgen, der eine Perle ist. Also komni l" „Na, schöne Zuständ'," meinte kopfschüttelnd und seufzend der Baron und folgte mir mit Duldermiene in den Laden. Was diesem an Größe und Vornehmheit fehlte, ward durch Schmutz, Enge und Originalität reichlich ersetzt. Möbel und Spezerciwaren, alle militärischen Bedarfsartikel und Haushaltungs- gegenstände, Insektenpulver und zugleich Insekten selbst— alles, alles, waS man in solch einem galizischen Neste brauchen konnte oder verineidcn wollte, konnte man bei Baruch Milch verlangen und größtenteils auch erhalten, wenn man auf Güte, Schönheit und Neuheit nicht allzu großes Gewicht legte. Der Händler selbst, ein graubärtiger Jude mit Schläfenlöckchcn, einen fleckigen alten Kaftan am Leibe, das kleine, flache Käppchen auf dem Haupte, fiihrte, als ich mit meinem Kameraden eintrat, eben ein eifriges Gespräch mit einer hübschen jungen Bäuerin. Zwischen den beiden stand auf einem Fleckchen des vollgeräumten Laden- tisches ein zieinlich großes eingerahmtes Mutlergottesbild. Die Bäuerin betrachtete eS andachtsvoll und verlangend, während der Händler es ihr offenbar gerade angepriesen hatte. Er unteabrach aber sofort seine geschäftlichen Auseinandersetzungen, als er unser ansichtig wurde. „O, die hochwohlgehorenen''Herren Kadetten, was fier e große Ehr'", sagte er. Die junge Bäuerin rückte, vor Ehrfurcht fast er- sterbend, in eine Ecke, duckte sich ganz klein, als wollte sie sich un- sichtbar machen. Vor den Augen des Barons fanden sichtlich weder das Weib, noch der alte Mann, noch auch dessen Schatzkammer Gnade; er blickte wie angeekelt um sich, führte ein Schnupftuch an die Nase und hatte offenbar den dringenden Wunsch, möglichst rasch dieses reichhaltige Geschäftshaus zu verlassen. Diesen Wunsch teilte ich, der schon Abgestumpfte, aber gar nicht; mich interessierte der Handel, der da im Gange war, und ich forderte den Händler auf: „Baruch, laß er sich nicht stören I Wir haben Zeit. Was ver- schachert er da grab'?" Mein Kamerad warf mir einen entsetzten, dem Juden einen gnädig billigenden Blick zu, als Baruch dienstbeflissen erklärte:„O, zuerst komnien die hochwohlgeborenen Herren. Kann das Weib nix warten?" Ich wandte mich jedoch der Bäuerin zu.„Sie will also das Bild da kaufen?" fragte ich sie in meinem mangelhaften, halb tschechischen Polnisch. Das junge Weib zuckte erschrocken, verbeugte sich tief und wollte mir die Hand küssen. Ich wehrte ab und wiederholte meine Frage. „Ich falle zu Füßen, ich küsse die Hände, hochedelgeborener Herr." sagte sie nun.„O, so sehr gerne möchte ich das wunderschöne Bild der hochheiligen Frau mit dem Jesuskinde haben." Diese Aeußerung vertrieb sogleich BaruchS Etikettebedenkcn und gab ihn mit Herz und Hirn, Lippen und Händen dem Geschäfte zurück.„E so e schönes Bild. Sag'» Se selbst, hochwohlgeborner Herr Kadett, ob Se in Leniberg oder Krakau oder sogar in Wien e scheueres gefeh'n hab'n I Hab' ich'S doch selbst kommen lassen aus — nu, natierlich aiiS Wien. Und Se werd'n staunen, wenn Sie Hern, was ich verlang' basier. Ich verlier daran. Aber weil die Marinka is e so e brave Frau, soll se's hab'n um—" Er unterbrach sich, um zu ächzen und schloß dann mit träncngewürgter Kehle:„um vierzig Kronen, die fe kann bezahl'n in acht, in zehn, — wenn se will, in zwelf Raten. Sag'n Se selbst, hochwohlgeborner Herr Kadett I" Ich betrachtete das Bild und meinte kopfschüttelnd:„Baruch, ich halte das Bild zwar für ein Pariser Originalgemälde; aber auch dafür sind vierzig Kronen viel." Milch geriet in größte Aufregung, streckte die Hände Himmel- wärt? und folgte ihnen mit den Blicken.„So soll mich der Schlag treff'n, wenn ich nicht Hab' gezahlt fufzig in— nn, natierlich iir Wien. Und da Hab' ich'S bekommen zu e Vorzugspreis. Hochwohl- geborncr Herr Kadett, Se werden nix sag'n, daß das Bild is teuer. wenn Se Hern, daß es kann singen." „WaS?" fragte ich, sah mir das Bild näher an und entdeckte am unteren Rahmenrande einen grünen Faden.„Ah so, spielen, Baruch." „Is da? e Unterschied? Spielen und singen— is das nix beides e Musik?" „Na ja," gestand ich zu und zog die Schnur. � Ein Kirchenlied ertönte. Die Bäuerin bekreuzigte sich, faltete die Hände und blickte wieder andächtig und verlangend, während Baruch Milch verzückt die Augen himmelwärts drehte und mit einer Hand den Takt zur Musik schlug. Sogar der Baron gab em Zeichen der Teilnahme von sich; er lächelte. m das Lied verklungen war, nakjm der Händler gleich wieder das Wort:„Und nu sag'n Se, bochwohlgeborner Herr Kadett, ob das nix is e ganzes Wunder? Hab'n Se schon emal e so e scheue un wundertätige liebe gute Goricsmulter gesch'n? So soll ich selbst nix kommen in Abrahams Swofe. wenn der Mensch, der e so e gute Gottesmutter besitzt und fleihig zu ihr bct't, nix kommen tut zum guten Herrn Christus in die ewige Seligkeit. Sag'n Se selbst I' Da ich dem Händler das Geschäft nicht verderben wollte, er- klärte ich mit würdevollem Ernst:„Recht hat er, Bamch." Diese Aeuherung übersetzte der Händler sogleich mit freude- prahlenden Mienen in die Landessprache und erklärte der Bäuerin: „Der hochedelgeborene Herr Graf bat grad gesagt, dah es e so was Scheues und Billiges auf der ganzen Welt nix mehr gibt. Wenn Du nix kaufst, Marinka. kauft er selbst." Zitternde Angst erfüllte die Blicke des jungen Weibe? nunmehr, und rasch, wie verzweifelt stieß sie hervor:„O nein, bitte nicht. Der Jan und ich— wir brauchen so sehr den Segen der gütigen großen Frau Marinka. Und— spielt sie wirklich drei Jahre 1" „Ich geb's Dir schriftlich," versicherte Baruch schnell.„Drei Jahr gewiß. Und wenn ihr se gut behandelt— die liebe Gottesmutter, musiziert se auch acht Jahr." „Ich laus' es." Wie ein Schrei kam das von den Lippen der jungen Frau. Sie holte rasch ein Schnupftuch hervor, knotete es auf und zählte dem Händler nickelweise süni Kronen vor. Baruch Milch wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das Geschäft war gemacht. Wenige Minuten später verlicß"die Bäuerin den Laden. Mir galt noch ein Dank, meinem Kameraden ein Segenswunsch. Im Bmkelkorbe trug sie das sorgsam in ein rotes Tuch gehüllte Bild mit sich fort. „Baruch," sagte ich nun streng,„eigentlich ist er ein Mords- gauner." „Wieso?" fragte der Händler entrüstet. „Er redet den Leuten was ein, daß der Segen und die Selig- keit von einem Bild abhängen." „Das Hab' ich gesagt? Ich bab' das gesagt? Das soll ich gesagt haben? Hochwohlgeborner Herr Kadett, ich Hab' nix gesagt. Aber wenn ich'Z Hab gesagt, ich hab's nix zuerst gesagt. Das sag'n die Lcut' selbst. Nu, und wie komm ich dazu, ihnen zu widersprechen, wo es sich handelt nni ihren guten Glauben? Soll i ch Ihnen verderben den Glauben? Darf ich das tun? Kann i ch dafier, daß die Leut' glauben? Sch'u Se, die Haböwa, vom Bruder meiner Frau die Frau, die was in den Derferu alles kauft und ver- kauft, was es nur gibt, die bat mir erzählt--" Mein Kamerad war aber schon ungeduldig geworden und fürchtete nun offenbar eine lange Erzählung.„Jetzt ist's aber genug, Du", erNärte er.„Weißt', ich Hab' Dir zulieb' lang genug gewartet. Das Zeug kann einen doch nicht interessieren. Also Sie, Baruch Milch, hören Sie I Ich—" Ich fiel ihm aber ins Wort.„Sofort. Nur einen Moment nochl" Und zum Juden gewandt, fragte ich:«Also was hat ihm die Haböwa erzählt?" „So soll mich der Schlag trcff'n, wenn das nix wahr ist, daß se hat gefunden, wie se mir hat erzählt, emal in Biclnic-- das ist e Torf, so e vier Stund' von hier, und in Bielnic sind--" „Was hat die Haböwa dort gefunden?" unterbrach ich den Händler, um dem Drängen nteines Kameraden Rechnung zu tragen. „Auf e Misthaufen hat se gefunden e scheneS. ganz guteS Bild, noch ganz neu, von der lieben Gottesmutter. So sind die Leut', hochwohlgeborner Herr Kadett." Der Baron sah empört drein.„Na, hören Sie, das ist aber doch— ," meinte er. Aber ich erkundigte mich.„Und wie kam das Bild dorthin?" „So sind die Leut', hochwohlgeborne Herren Kadetten," erklärte uns Baruch.„Gebet't haben se zum Bild und es gekießt und verehrt, wie es ihnen is gut gegangen, und hab'n gemeint, es kommt aller Segen nur vom Bild. Und wie dann is das Kind krank geworden und ge- starben, was tut der Bauer? Er is hingegangen und hat geflucht und hat gesagt, daß die liebe Gottesmutter is e bese Frau und schuld is an allem Unglick, was ihn hat getroffe'n. Sag'n Se selbst, was kann e so e arnies unschuldiges Bild dafier, wenn im Haus wer krank wird oder stirbt? Aber der Bauer hat genomm'n das Bild und es es geloorfen ans'n Misthaufen. Vom Bruder meiner Frau die Frau, die Haböwa, hat gerettet das scheue Bild und die gute Gottes- niutter und hat mir gebracht daS Bild." Die Erzählung stimmte mich ernst und nachdenklich, und ohne weiteres Scherzwort begann ich nun, für meinen Kameraden zu ver- handeln. Oer„Vovwart:s"-8dnUer. Die Werke unserer Dichter können in zweierlei Weise zweck- «tätzig herausgegeben werden. Für die vollige Erschließung der Persönlichkeit ist die voll- st ä n d i g e Sammlung aller irgendwie bedeutsamen Kundgebungen »hrcs Geistes notwendig: der Dichtungen, der wiffcnschaftlichen und kritischen Arbeiten; der Briefe und Tagebuchaufzetchnungen; der Entwürfe und Materialien. Es gibt keinen verständigen Grund, Warum man die.Merke in derselben Fassung herausgeben soll, wie sie die Autoren seklfft zusammengestellt haben. Der Genius blickt am Ende seiner Entwickclung seine Anfänge mit anderen Augen an als das geschichtliche Urteil, das sich im Bewußtsein der Kulturwelt bildet. Aber auch abgesehen von ihrem veränderten Geschmack sind die Autoren zu ihren Lebzeiten, namentlich in der Zeit unserer Klassiker, n cht frei und unabhängig in ihrem Schaffen gewesen. Sie müssen Rücksicht auf das Publikum, auf den Ver« leger, auf ihre soziale Stellung und nicht zum wenigsten auf die Rechtszustände nehmen, die das geistige Schaffen beherrschen. Ein von revolutionärer Leidenschaft gärender Kopf wie Herder haij seine gcschichtsphilosophischen Werke wesentlich anders geschrieben-, als sie zu seiner Zeit gedruckt worden sind; es wäre sinnlos, sie heute nicht so zu veröffentlichen, wie der Verfasser sie in der Freiheit seines Schreibtisches ursprünglich geschaffen hat. Vollends liegt kein Grund vor, dort Pietät gegen Inhalt und Anordnung alter Ausgaben walten zu lassen, wo die Sammlung der Werke nach dem Tode des Autors von fremder Hand vorgenommen worden ist. So steht es um die früher ausschließlich marktgängigen Gesamtausgaben von Schillers Werken, deren Urbild nicht! von dem Dichter selbst, sondern erst nach seinem Ableben von seinem Freunde Körner hergestellt worden ist. Wflrum sollte man wohl! die Körnersche Herausgebertätigkeit für unverletzlich und unver-i ändcrlich nehmen? Die Anordnung der Werke wirkt am lebendig« sten, wenn man sie nach der Zeit ihrer Entstehung und in der Regel auch in ihrer ursprünglichen Fassung, natürlich ohne pedan« tischen Datumzwang und ohne Zerreißung des Zusammengehörigen� folgen läßt. Am äußerlichsten ist die Anordnung nach den Schachtel« begriffen der Poetik: Gedichte, Dramen, Romane, Kritiken, geschicht« liche Aufsätze usw. Wer die Möglichkeit hat, sich den Genuß der neuen Propyläenausgabe Goethes zu verschaffen, die die zeitliche Anordnung zugrunde legt, dem offenbart sich die Gewalt und Ge« statt des Dichters, gerade in dem Nebeneinander von Gedichten, Briefen, Dramen, Erzählungen, Tagebüchern, IJournalaufsätzen, in solcher Unmittelbarkeit und Klarheit, daß der Genießer mit dem Schöpfer förnilich lebt und wächst. Hier bedarf es auch kaum der gelehrten Erläuterungen, da sich die vielspältigen zeitlich folgenden Lebensäußerungen des Dichters gegenseitig aufhellten, Dasselbe Prinzip wird auch bei der eben erscheinenden großen Horen-Ausgabe Schillers— der Propyläen-Goethe wie der Hören« Schiller sind von Georg Müller-München verlegt— mit der gleichen glücklichen Wirkung angewandt. Die zweite Form der Herausgabe ist die K o n z e n t r a t i o N des Wesentlichen. Hier soll weniger die einzelne Persönlichkeit in all ihren Regungen und Strahlungen sich frei entfalten können, als vielmehr die Bedeutung erfaßt werden, die sie in der Geistes- geschichte der Menschheit besitzt. Auch hier ist die zeitliche An- ordnung am zweckmäßigsten und auch hier darf man sich nicht au� die„Werke" im engeren Sinne beschränken, sondern muß alle Aeußerungen des genialen Menschen berücksichtigen. Diese kon« zentrierten Ausgaben können zugleich, ohne daß der Autor irgend« wie vergewaltigt werden darf, den Bedürfnissen eines bc/.immten Leserkreises angepaßt werden. Längst ist das Bedürfnis einer Sammlung der Dichter undi Denker der Weltliteratur für das Proletariat in konzentrierter Form vorhanden. Die Tendenz der Auswahl für diesen Zweck ergibt sich von selbst. Es ist die Tendenz des„Erben". Das Proletariat als Erbe aller geistigen Schätze soll in solchen Aus- gaben die große revolutionäre Eutwickclungslinie des menschlichen Aufstiegs erkennen, die durch alle genialen Köpfe der einzelnen bis zu dem in der Sache wirkenden Genie der Masse cmpordringt. Die großen Gestalter der Phantasie sind auch die vorankämpsenden Freiheitshelden des Geistes. Es wäre die Aufgabe des Heraus- gcbers einer derartigen Klassikcrausgabe für das Proletariat, den vielfach verhüllten und verschütteten Anteil der großen Meister an der revolutionären EntWickelung der menschlichen Kultur stärkev zu betonen und deutlicher herauszuholen. Als ich die erfreuliche Ankündigung las, daß der Verlag dev Buchhandlung Vorwärts eine Schillerausgabe veröffentlichen wolle, glaubte ich, es würde endlich der Anfang gemacht, unsere Klassiker aus der bürgerlichen Verdunklung und Verflachung der philologischetZ Herausgeber zu befreien und uns in dem bürgerlichen r e v o l u« tionären Schiller zugleich den Ahnen eines proletarischer» Schiller zu schenken. Statt dessen erhielten wir eine ganz gewöhn- liche Schillcrausgabe, die, ohne jede höheren Ansprüche, erheblich zurückbleibt hinter den zu gleichem oder ähnlichem Preise gebotenen Leistungen bürgerlicher Verlage. Der einzige Wert dieser Vorwärtsausgabe von Schillers Werken besteht in der das Wesentliche kraftvoll zusammendrängenden bio- graphischen Einleitung Franz Mehrings. Aus dem deutschen Elend der absolutistischen Kleinstaaterei hebt sich eindringlich unt» lebendig die Gestalt Schillers in all seiner Menschlichkeit heraus, Es ist ein wahrhaftiger erdiger Schiller, nicht der vcrblasseno Glockcnsängcr mit den himmelan verdrehten Tenorangcn, den Mehring schlicht und frisch vor uns erstehen läßt. Trotz der Knapp- heit werden auch in dieser Einleitung noch verdienstliche Anregungen für das Verständnis einzelner Werke gegeben, wird manche bürger- liche Legende zerstört. Freilich gebot die Kürze der Darstellung auch eine besondere Behutsamkeit in den Urteilen, deren innere Begründung nicht durch die Sicherheit ihres Ausdrucks ersetztj werden kann. Sollte das Wagnis einmal unternommen werden, Schillers Verhältnis zur Wcltleistung Kants lin dessen Bewertung sich gemeinhin nur die Fähigkeit des Urteilenden spiegelt!) in eig paar Sähen darzustellen, so müßte um so peinlicher sedeS Wort erwogen werden. Hier erscheint nun Schiller als doch gar zu naiv und verständnislos in der Auffassung der Kaatschen Ethik. Gewiß ist Schiller nicht in die letzten Tiefen des wissenschaftlichen Systems eingedrungen, aber die Ethik und Aesthctik Kants war für Schiller das größte Erlebnis seines Daseins, das seine ganze geistige Vcr- Fassung entscheidend umgestaltete. Wie sehr er immer um die ästhetische Erweiterung und Erweichung der Kaatschen Ethik bemüht war, so fühlte und bekannte er sich stets, trotz polemischer Ein- fchränkungen, als der unbedingte und begeisterte Anhänger seiner Sittenlehre. Die imperative Pflicht in den Mittelpunkt der Kant- chen Ethik zu stellen, ist nicht minder verfehlt wie die Konzentration einer Erkenntniskritik in dem durch die Kärrnertätigkeit so übel geschundenen„Ding an sich". Es scheint aber unausrottbar, daß Sie Autoren, die den Mittelpunkt der Kaatschen Lehre derart ver- schieben, auch nicht einmal zu dem Verständnis dieser von ihnen ubermäßig bevorzugten Ncbcnbegriffe des Kaatschen Systems durch- zudringen vermögen. Die imperative Pflicht bedeutet nichts weiter als die Sicherung der menschlichen Aufgabe, losgelöst von den dunklen Reizen des Trieblebeus und den Wirrungen der Lust- und Unlustgefühle nach vernünftigen Erkenntnissen zu handeln; ein ethischer Grundsatz, nicht unverständlich gerade für das Proletariat, das feinen edelsten Ehrgeiz darin sieht, nach wissenschaftlicher Erkenntnis zu handeln und Politik zu treiben; wie denn die proletarische Ethik der Solidarität in keinem ethischen System eine tiefere Begründung sinden dürfte wie in dem Kants. Es geht nicht an, gelegentliche Zufallsäußcrungen Schillers dahin zu deuten, daß Schiller von Kants Ethik abgestoßen worden sei, wie es böchst wunderlich für sozialdemokratische Ohren klingt, zu hören, daß die Ethik des neuen einen Fortschritt über die Ethik des alten Testa- ments bedeutet. Sollte nicht doch die aufrührerische aktive Moral eines Jesaias in einer kämpfenden Klasse mehr Verständnis finden rrls die weiche, mitleidige Tolstoilehre deS geduldigen Erduldens und Ertragens im neuen Testament? Man tut Schiller wirklich Unrecht, wenn man ihm nachsagt, er habe in Kants Ethik nur eine philosophische Verkleidung der zehn Gebote und in seinem kategorischen Imperativ eine Philister- fchrulle gesehen. Jede Seite seiner philosophischen Aufsätze beweist vielmehr, wie sehr er um das Verständnis der Konischen Lehre be- müht war, gerade dort, wo er sich kritisch mit ihr auseinandersetzte. Indessen, diese kleinen Ausstellungen, die man gegen die ein- zelnen Subjektivitäten der Einleitung äußern könnte, vermögen nicht die Aufklärung zu verdunkeln, die auf so engem Raum für das Verständnis des Dichters geleistet wurde; und diese Bedenken verschwinden völlig, wenn man nun zur Kritik besten übergehen muß, was nach der Einleitung in dieser ersten Schiller-Ausgnbe eines sozialdemokratischen Verlags geleistet worden ist. Von irgendwelcher Herausgebertätigkeit ist überhaupt nichts zu spüren; ja, kaum von einem sorgsam arbeitenden Metteur; der hatte sicher- lieh darauf geachtet, daß bei den Gedichten nicht das Jnhaltsver- zeichnis fehlt oder daß nicht der dritte Band mit Seite 227 be- ginnt. Ich wage auch nicht die Auswahl der Schriften auf das Konto des Verfassers der Einleitung zu setzen. Dafür find offenbar rein äußerliche Ilmstünde maßgebend gewesen. Man hat einfach die alte gewöhnliche Körnersche Ausgabe, in Anordnung und Form, genommen und einiges zur Papierersparnis aufs Geratewohl weg- gelassen. Die wichtigen kleineren Schriften, die die Wcltanschau- ung Schillers ausbreiten, fehlen, darunter gerade solche, die dem Gedankenkreis des modernen Proletariats besonders nabe kommen, so die Vorlesung über Universalgeschichte, mit der Schiller seine Professur in Jena begann, eine ideenreiche Abhandlung, in der im Anschluß an den zuerst von Kant unternommenen Versuch, die Weltgeschichte als ein einheitlich und gesetzmäßig erfaßter Eni- wickelnngsprozeß begriffen wird. Daß unter den deutschen Bear- Leitungen Schillers, die uns so vertraut gewordene Turandot weg- gelassen wurde, ist durch keinen ersichtlichen Grund zu rechtfertigen. Man hat also die längst antiquierte Körnersche Ausgabe noch mehr verschlechtert— das ist die ganze Leistung. Räch unseren einleitenden Betrachtungen bedarf es nicht eines Weileren Nachweises, daß für einen Arbeiter-Schiller jene alte Aus- gäbe überhaupt nicht als Grundlage gewählt werden durfte. Und wenn man sie dennoch nahm, so mußte man sie vollständig geben, und man durfte auch nicht auf die notwendigen Einführungen und Erläuterungen verzichten. Nichts wäre so widerwärtig, als einen mit alexandrinischer Gelehrsamkeit bepackten Schiller den Arbeitern zu geben. Aber ohne einzelne, wenn auch noch so sparsame Er- läuterungen ist Schiller nicht mehr völlig zu verstehen, und es heißt nur. zu oberflächlichem Hinweglesen über Unverstandenes verführen, wenn solche bescheidene Nachhilfe nicht gewährt wird. Aber man bätte sich überhaupt von der seit einem Jahrhundert zu billigen Preisen erhältlichen Ausgabe loslösen müssen und uns in dem Sinne, den wir anfangs bezeichneten, ohne jede das Wesen des Dichters vergewaltigende Strafsung einen revolutio- n ä r e n Schiller geben sollen. Vielleicht hätte man sich dann bei dem Abdruck des Abfalls der Niederland« mit ein paar Kapiteln begnügen können; ohnehin durfte man nicht, wenn man das Ganze abdruckte, auf eine Einleitung verzichten, die diese Weltbegcben- heit nach dem Stand- der heutigen Forschung geschichtsmateria- listisch knapp skizzierte. Dagegen wäre der l u n g e Schiller in ffeiner ganzen Ursprünglichkeit notwendig gewesen. Daß die revo- Perantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag:! lutionär schäumenden Jugendgedichte, die kcilS in den schweren Worten Klopstocks wuchtig schritten, teils in dem volkstümlich herz- hasten Ton Bürgers fast bänkelsängerisch sich austobten, in der Vorwärts-Ausgabe nicht aufgenommen worden sind, dafür ist schlechterdings kein Grund zu ersehen, außer daß sie in der über« nommcnen Ausgabe fehlen, und das Bedürfnis dazu ist ja vou dem Verfasser der Einleitung trotz der Abweisung an ihrem Schlüsse dadurch anerkannt worden, daß zu den wenigen Zitaten. mit denen die Biographie arbeitet, gerade ein paar Verse aus den in der Sammlung fehlenden„Schlimmen Monarchen" gehören. Und wenn man einmal, weil sich dies Jugendgedicht auch in der Körnerschen Ausgabe findet, die„Männcrwürde" mitteilte, warum nicht in der viel frischeren ursprünglichen Verfassung, da das Ge» dicht noch„Kastraten und Männer" hieß? Man vergleiche die ursprünglichen Verse: „O Pfui, und Pftii und wieder Pfui Den Elenden!— sie haben Berlüderlicht in einem Hui Des Himmels beste Gaben" mit der späteren, ziemlich stillosen Veredelung: „Schmach dem kombabischen Geschlecht' Die Elenden, sie haben Verscherzt ihr hohes Männerrecht» Des Himmels beste Gaben" ganz abgesehen davon, daß mangels jeder Erläuterung nicht jeder Arbeiter aus der Volksschule die Wissenschaft mitgebracht haben dürfte, daß der selige Kombabus eine alte griechische Figur gewesen ist, deren Selbstkastrierung auch Wielands behaglichen Spott erregte. Für Arbeiter wäre sicher auch die unterdrückte erste Vorrede zu den Räubern von Interesse gewesen, wie der unterdrückte zweite Bogen des ersten Drucks mit feinen weit schärferen und bestimm- teren Angriffen gegen die soziale und politische Ordnung. Da ruft 5larl Moor: „Heber die verfluchte Ungleichheit in der Welt! Das Geld verrostet in den Kisten ausgedörrter Pickclheringe, und Mangel muß Blei an die kühnsten Begierden des Jünglings legen. Kerls. die zehnmal krepieren, ehe sie ihre Taler auszählen, trippelten mir das Haus ab, ein paar elende Schulden einzutreiben—> so warm ich ihnen die Hand drückte.— Nur noch einen Tag— umsonst!— Bitten! Schwüre! Tränen— prallten ab von ihrer bocklcderncn Seele!" Um noch ein Beispiel aus der reifen Schaffenszeit zu er- wähnen: wir kennen jetzt den Briefwechsel Schillers mit dem Augustenburger, aus dem dann die Abhandlung über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts überarbeitet wurde. Gerade in den wirklich geschriebenen Briefen entfaltet sicb zu Anfang das Be- kenntnis Schillers zum Geist der französischen Revolution viel freier und stürmischer, als in der gedruckten Arbeit. Wie können in den Briefen verfolgen, wie Schiller in seinem begeisterten Auf» schwung allmählich nachläßt, weil er durch die kühle Abweisung des Adressaten sich behindert fühlt. Diese Briefe durften in einem Arbeiter-Schiller nicht übergangen werden, und gerade ihr Ver- gleich mit der von Schiller veröffentlichten Fassung ist für die ganze Erkenntnis der Stimmung in der klassischen Periode von großer Wichtigkeit. Ueberhaupt und endlich bilden auch die Briefe Schillers wie der anderen Klassiker eine unentbehrliche Ergänzung zu ihren Schriften und eine gute Auswahl gehört in eine um- fassende Sammlung der Werke. Vergleicht man die große Arbeit und Sorgfalt, die bürgerliche Verleger auf die Ausgabe der Klassiker verwenden, so ist das Unter- nehmen der Buchhandlung um so betrüblicher. Die große historisch- kritische Ausgabe der Hefleschen Sammlung, die nahezu vollendet vorliegt, zeigt, was auch für verhältnismäßig geringen Preis ge- leistet werden kann. Je mehr man an den Einleitungen dieser großen Ausgabe und ihrer allzu bürgerlich schwächlichen Gesinnung aussetzen mag— auch die Textkritik beruht auf unsicher tastenden widerspruchsvollen Grundsätzen—, um so stärker ist das Bedauern, daß von uns die Gelegenheit verpaßt wurde, einen freien und wahren Bolksschiller bcrauszugeben. Soll noch ein Wort über die äußere Ausstattung gesagt werden, über Satz, Druck, Papier und Einband, so ist bei äußerstem Wohlwollen zu bekennen, daß sie zum mindesten nicht besser ist. als was zum Beispiel in den gleich billigen Bongschen Klassiker- Ausgaben geboten wird. Wir wollen nicht annehmen, daß der Verlag der Buchhandlung Vorwärts für seine verfehlte Ausgabe lediglich von dem Ehrgeiz geleitet worden ist, für eine möglichst geringe Anzahl von Pfennigen eine möglichst hohe Zahl von Seiten Papier zu liefern. Auch dieser Stolz wäre nicht einmal befriedigt worden; denn die Warenbäuser bieten einen zweibändigen, 1284 Seiten umfassenden Schiller in„künstlerischen Ganzleinen-Ge- schenkeinbänden" für 1,88 M. feil. Ans solchen Wettbewerb der Seitenzahl muß man also wohl verzichten. Die Möglichkeit einer nicht nur ebenbürtigen, sondern auch überlegenen Konkurrenz liegt ausschließlich in dem freien, selbständigen Geist sozial» demokratischer Klassikerausgaben. Kurt Eisner. �VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer SiCo.»Berlin SW.