AnterhaltimgsSlatt des Vorwärts Kr. 254 .yreitac� den 30. Dezember l910 (Nachdruck tMTtoien.) 46] Llas ift Ruhm? Roman von Max Kretzer� Eines Vormittags, als Kempen nicht im Atelier war, fand sich ein kleiner Mann mit einer blonden Pinjchermähne bei Klara ein. der sich als Herausgeber einer wöchentlich er. scheinenden Kunstbcrichterstattung vorstellte, durch die gewisse Zeitungen mit Neuigkeiten aus den Werkstätten der Künstler versorgt wurden. Auf Umwegen hatte er aus München den Auftrag erhalten. Kempens Bild nebst Lebenslauf und sonsti- gen Einzelheiten zu verschaffen. Klara erzählte ihm, was sie wußte, und ergänzte das übrige aus eigener Erfahrung. woraus sich dann die Persönlichkeit Kempens als die eines großen Einsiedlers entpuppte, dessen zwei Haupteigenschaften die seien, sich niemals photographieren zu lassen und den Weibern aus dein Wege zu gehen, was ihn zu der Lebens- auffassung gebracht habe, der Künstler müsse ewig Junggeselle bleiben, um den Weg zur Vollendung zu gehen. Der Pinscherlockige, fortwährend sein Notizbuch vor sich, fand das großartig und erklärte, gerade darin das Verständnis zu dem„psychologischen Rätsel" der Erdrosselung zu sehen, die er auf seiner Durchreise in München angestaunt habe. Er unterstrich weiter, machte zahlreickw Ausrufungszeichen in Klammern, zum Schluß noch eine Fußnote, und wollte sich schon mit einem letzten Blick über das ebenso unruhig als schief sitzende Pincenez empfehlen, als er sich noch, zusammen- geknickt wie eine Gliederpuppe, die Frage erlaubte, mit wem er so lange das Vergnügen gehabt habe. Klara lächelte, stand vor ihm wie eine Göttin und sagte dann, ein wenig rot geworden:„Ich bin das berühmte Modell zu der„Erdrosselung". Das heißt, zu dem Mädchen. Natür- lichl" „Oh, ohl" Die Augenkuppeln schienen zu platzen, als sie die Richtung von unten nach oben nahmen und dann wieder umgekehrt, während der Mund sich zu einer süßen Be- merkung spitzte, die er aber für sich behielt.„Oh. oh! Ver- zeihen Sie meine Kurzsichtigkeit, denn natürlich sind Sie's. Nur Sie können es sein! Gestatten Sie. gestatten Sie... So etwas darf nicht fehlen." Und er schrieb wacker weiter. „Ihr Name? Schon gut. schon gut, ich dringe nicht in Sie. Klara genügt mir vollkommen I Also... also die berühmte Klara. Schreiben wir einfach:„das einzige Mädchen, das den weiberhassenden Meister dazu begeistern konnte, etwas Unsterbliches zu schaffen." Danke ergebenst, danke vielmals! Ich sende Ihnen die betreffende Nummer. Adieu, adieu! Empfehlen Sie mich dem Meister. Stehe immer gern zu Diensten." Er zappelte beim Rückwärtsgehen, kehrte die Augen- kuppeln noch einmal hervor und verschwand dann mit wehen- den Paletotfliigeln, aus deren Seitentaschen dickleibige Zeitungsbündel ragten. Aber der Kopf' wurde noch einmal durch die Tür gesteckt.„Wenn Sie den Meister vielleicht ein wenig für mich interessieren wollten, wäre ich Ihnen sehr verbunden, sehr! Kleine Gipsabgüsse habe ich sehr gern. Wie meinen Sie? Der Meister ist grob? Dacht ichs mir doch, das kenne ich! Die Maler sind viel liebenswürdiger. Adieu, adieu!" Dieser sonderbare Kauz hatte ihr zugesagt, sämtliche Zeitungen einzusenden, in denen er den Namen Kempens er- wähnt finden würde, und so sammelte sie alles und legte es diesem vor, was er als eine besondere Bemühung um sich be- trachtete und worin er die beste Gewähr für ihre andauernde Zuneigung zu erblicken glaubte. Als dann aber der Artikel aus München eintraf, in den: sein ganzer Werdegang gc- schildert war und er als verschworener Ehefeind hingestellt wurde, wetterte er über Lorensen los, den er im Verdacht hatte, den Stoff dazu geliefert zu haben, denn es wurde darauf hingewiesen, daß dieser sein Talent eistdeckt und ihni die ersten Mittel zur Weiterbildung gegeben habe. „Da sehen Sie, wie sich so etwas rumspricht, hier stehtS schioarz auf weiß, daß Sie zum Ehemann nicht geboren sind," sagte sie mit Unschuldsmiene, nachdem sie ihn ruhig hatte austoben lasten. „Na, und Du meinst das natürlich auch?" knurrte er hervor und maß sie mit einem mißtrauischen Blick. Sie nickte großartig.„Sicher. Wissen Sie, Sie haben eigentlich gar keine Zeit zum Heiraten. Und dann sehen Sie. die Frauen wollen erobert sein, denn sie fühlen gern die Macht." Nachdem sie das Abc der Liebe hinter sich hatte, war sie allmählich zu dieser Erkenntnis gekommen, die sie nun mit Weisheit vortrug. Kempen sagte nichts, blickte sie aber verblüfft an.„Viel- leicht war ich immer zu anständig dazu," stieß er rauh hervor, von Bitternis erfüllt darüber, das gerade aus ihrem Munde zu hören. Und er sah wieder die Stunde vor sich, wo sie weinend den Kampf mit ihrer Schamhaftigkeit geführt und ihn so tief gerührt hatte: und er mußte an Lorensen denken, der sicher gelacht hätte, wo ihn nur Tränen ergriffen. So wurde der Stärkere immer durch die List des Schwächeren geschlagen, wie David den Goliath mit der Schleuder er- schlug. Nicht lange darauf, an einem Nachnnttag, es war be- reits im November, die Sonne schien noch warm und milde wie bei Beginn des Herbstes, stellte sich merkwürdiger Besuch bei ihm ein, den er niemals erwartet hätte. Rensdahl und Thormeyer tauchten auf, gemütlich wie uralte Bekannte, die die Gewohnheit angenoinmen haben, sich in der Unterhaltung das Wort von den Lippen wegzunehmen. Schon durch die Tür hörte Kempen das blecherne„Ja eh, ja eh," denn sie ver- harrten noch ein Weilchen, ehe die Klingel erschallte. Kempen war ärgerlich, denn er hatte für die Grabfigur gerade KlaraS runde Schulter vor, und so stockte er den Kopf hinaus, um Rensdahl anzudeuten, daß Lorensen jetzt sein Atelier für sich habe: dann aber, beim Anblick Thormeyers, aab er dem ge- liebten Modell einen Wink, sich in das Zimmcrchen zu ver« ziehen, um dort das Viertelstündchen abzuwarten. „Das weiß ich. das weiß ich, daß Ihr Freund nicht mehr hier ist, ja eh," ineckerte Rensdahl kos und sah sich nach einem reinlichen Flcckck>en um, wo er den glänzenden Zylindcrhnt gefahrlos hinstellen könne.„Seien Sie doch nicht gleich so grob, mein Lieber, ich will nichts umsonst von Ihnen haben. Herr Lorensen war immer zuvorkommender, ja eh. Wenn er auch vielleicht den Faun nicht gemacht hat. Die Sache ist raus, die Sache ist raus! Und das hat mich sehr chokiert, ja.... Ich war außer mir. Ja eh, bin es noch, denn wie ich dem Professor schon erzählte... Ich hänge nun mal an diesem Nvmphenmann, der meine stille Passion ist." „Hat auch Linien, Baron, großartige Linien," warf Thor- nieyer mit seiner tiefen Stimme ein und erfaßte mit einem langen Blick das ganze Innere der Werkstatt.„Eine gute Plastik inuß eine gute Silhouette geben. Js es nich so, Herr Kempen? Das vergessen die modernen Porzellanhelden, da gibts überall Spitzen und Ecken, aber keine Rundung mehr. Die Plastik verlangt Ruhe, sozusagen behagliche Ruhe, sie muß von allen Seiten schön wirken, sie gehört immer inS Erdgeschoß, nicht aber auf den Turm, wie die neuen Architektur- jünglinge uns glauben machen wollen. A"es will jetzt Rodin sein, ahmt ihm auch»ach und haut drauf los in den Marmor, daß die besten Stücke wegfliegen." „Sehr gut, sehr gut, Professor," unterbrach ihn Rens- dahl lachend.„Man sieht immer nur die halben Menschen. Wunderliche Leute, diese Uebermoderncn, ja eh." «Das ist es eben. Baron." schnauzte THormeyer weiter. „Die andere Hälfte kriegen sie nicht fertig: machen sich die Sache bequem und lassen sie einfach im Block stecken. Heißt dann naturalistisches Vollrelief, ich nenne es Auswuchs der Unnatur, Knorpcltum der Kunst, das die Acste nicht mehr auswachscn läßt. Etwas für Einäugige, oder für Leute, die um die Ecke schielen." „Brillant, ganz brillant, werde ich mir merken," ließ Rensdahl seine helle Stimme wieder ertönen und zog sich die tadellosen Glaces ab, die er in die Oeffnung des Zylinders warf. Noch immer frisch gebräunt, hatte er es in letzter Zeit nötig befunden, seinen Schnurrbart schioarz aufzuwichsen. wahtenb er dem wohlfrisicrien Kopfhaar die natürliche, schon stark ins Graue gehende Farbe gelassen hatte. In seinem langen Pariser Taillenpaletot, die zartgrauen Gamaschen über die Lackstiefel gezogen, fühlte er sich augenblicklich in der Rolle des lliAd-Iike-Menschen, dem noch die Kunstreise in den Glic- dern steckte, bevor er den Großstädter wieder abstreifte, um zu Hause fein Dasein zwischen Sanimler und Großgrundbesitzer zu teilen. Er war in Paris gewesen, hatte dort inmitten von Kunst- und Lebensgenuß das Geld unter die Leute gebracht, und war dann in München mit Thormeyer zusammengetroffen, was sie bald, anknüpfend an die Abende bei Heilke, zu einem fast täglichen Verkehr führte. „Man muß aber den Menschen von allen Seiten sehen, um ihn ganz kennen zu lernen," fuhr der Maler fort,„sonst bleibt das Interesse für ihn stecken. Individuen ohne Kon- turen sind mir immer gräßlich gewesen, wie im Leben, so in der Kunst. Der Mensch wird in die Natur gesetzt, diese bleibt stehen, er aber geht und bewegt sich als der König und Herrscher. Das ganze Dasein bis zu seiner EntWickelung be- steht in einer aufsteigenden Zickzacklinie, die mit göttlichen Treppenstufen zu vergleichen ist. Ganz oben stehen wir jetzt. So wie man dqu Heiligenschein ohne Kontur sich nicht denken kann, so gibt es nichts Vollendetes ohne die schöne Linie. Js es nich so? Das soll nun alles verwischt werden, zu einem großen Schmierchaos, in dem die Augen sich erst zurechtfinden müssen. Wenn unser Blick getrübt wird, so liegt es nur an den Halbblinden, die uns ihr eigenes Gesicht als das unserige aufschwindeln wollen. Da mache ich nicht mehr mit, ich bin zu alt dazu." ES war immer dasselbe Lied, das er pfiff, wenn auch in anderer Tonart; und als er jetzt eine große Prise nahm und behaglich die schönen Augen dabei schloß, umspielte ein Lächeln der Verklärung feine Lippen, das ihm wohlige Befriedigung gab. Kempen lud sie zum Sitzen ein. wovon sie jedoch keinen Gebrauch machten. Rensdahl stakcrte auf seinen schon etwas steifen Beinen im Atelier umher, um sich schließlich bis hinten zum Löwenkämpfer durchzuwinden, nachdcni ihm Sörgel, der die große Bestellung bereits witterte, die Hindernisse wegge- räumt hatte. Thormeyer jedoch drehte andauernd an einem Aackettknopf Kempens und setzte ihm dabei leise den Zweck ihres Komniens auseinander. Herr von Rensdahl wollte gern die Erdrosselung in Marmor ausführen lassen, wenn der Preis nicht zu hoch sei, allenfalls sich auch mit einer Nachbildung im Kleinen begnügen. Tie Eutscheidung darüber brauche ja nicht gleich zu fallen, aber es wäre ihm, Thormeyer, lieb, wenn man einig würde, denn er habe diesen Gang angeregt, nachdem es Rensdahl aus Rücksicht auf Lorcnsen etwas schnxr geworden sei. „Das Alter muß für die Jugend etwas tun," schloß er seine Auseindersetzung und strich sich mit der zarten Hand die Spitzen feines Nietzschebartes.„Denn sehen Sie, Ihr Wort von den zehn Gerechten damals habe ich nicht vergessen. Nie- mand hat mehr gearbeitet in seinem Leben als ich, und Sie sind auch so'n fleißiger Kerl. Weiß alles, alles I Habe es Ihnen zu verdanken, daß ich mir aus dem Tadeln nichts mache; bin ruhiger geworden, viel ruhiger, sozusagen genüg- samer und zufriedener. Meine gute Alte sagt's mir jeden Tag. Hoffe sie bald mal bei mir zu sehen. Miissen Stampf mal näher kennen lernen, der ist gar nicht so schlimm, wie er schreibt. Schwenkt gehörig ein, wenn er nicht mehr weiter kann. Das Leben ist eigentlich ein großes Kasperle- theater. Zuerst schlagen sie sich die Köpfe kaputt, dann reichen sie sich wieder die Hände. Js es nich so? Wer jünger ist, bleibt meistens länger leben, und das soll nachher ein Kunst- stück sein." Dann raunte er wieder:„Damit Sie's gleich wissen: für die kleine Nachbildung will er zehntausend geben, das habe ich so gemacht. Lassen Sie nichts herunter, er hat Geld ge- mig. Irgendwo müssen doch die großen Kartoffeln für uns stecken. Wir Künstler sind immer dumm... Aber machen Sie's nur mit Anzahlung. Baribus lacht." (Schluß folg»,) (Nachdruck vcrvolen.) Der ftcrr der Dynamos. Von H. G. Wells. Ter Oberaufseher der drei Dynamomaschinen, die in Tamber- well dröhnten und ratterten und die elektrische Bahn in Gang hielten« stammte aus Uorlshire; sein Name war Lames Holroyd. Er war ein tüchtiger Techniker, liebte aber den Whisky— ein schwerer, rothaariger, roher Kerl mit unregelmäßigem Gebiß. Er zweifelte an dem Vorhandensein der Gottheit, bekannte sich zum Carnotschen Zirkel und hatte Shakespeare zwar gelesen, ihn aber in der Chemie recht schwach befunden. Sein Heizer stammte aus dem geheimnisvollen Osten und hieß Azuma-zi. Holroyd jedoch nannte ihn Pooh-bah. Holroyd hatte immer gern schwarze Heizer, weil sie sich Fußtritte gefallen ließen— Fußtritte gehörten zu Hol- royds Gewohnheiten— und nicht an den Maschinen herum- spionierten, um ihnen ihre Geheimnisse abzulauschen. Gewisse selt- same Möglichkeiten einer in plötzliche Berührung mit der Krone unserer Zivilisation gebrachten Negerseele machte Holroyd sich nicht so ganz klar; obgleich ihm zum Schluß noch eine Ahnung da- von aufdämmern mochte.... Azuma-zi zu definieren, liegt außerhalb des Bereichs der Ethnologie. Er war vielleicht mehr Neger als irgend sonst etwas, obgleich sein Haar eher wellig als kraus war, und seine Nase einen Sattel hatte. Dazu war seine Haut mehr braun als schwarz, und das Weiße seiner Augen war gelb. Seine breiten Backen- knochen und das schmale Kinn gaben seinem Gesicht eine etwas vipcrartige Form. Auch war sein Kopf hinten breit und an der Stirn niedrig und schmal, als ob sein Gehirn just umgekehrt wie das eines Europäers hineingcdrechselt wäre. Seine Figur war minderwertig, sein Englisch noch minderwertiger. Im Gespräch gab er zahlreiche eigentümliche Geräusche von nicht feststellbarem Marktwert von sich, und seine spärlichen Worte waren zu einer heraldischen Groteskheit zurechtgehauen und-gegossen. Holroyd der- suchte, ihn in religiöser Beziehung aufzuklären und hielt ihm— besonders wenn er getrunken hatte— lange Vorlesungen gegen Aberglauben und Missionare. Azuma-zi jedoch wich jeglicher Unterhaltung über seine Götter aus, obgleich ihm das Fußtritte eintrug. Azuma-zi war, in ein weißes, aber recht unzulängliches Gc- wand gekleidet, aus dem Maschinenraum des„Lord Clive" von den Stroits Settlements und noch weiterher nach London gekommen. Schon als Kind hatte er von der Größe und den Reichtümern Londons erzählen hören, wo alle Frauen weiß und blond, ja, wo selbst die Straßenbettler weiß wären; und so war er denn, die Taschen voll srisch verdienter Goldstücke, gekommen, um am Schrein der Zivilisation anzubeten. Der Tag seiner Landung war ein trüber; der Himmel war grau, und ein windgcjagter Regen sickerte auf die schmutzigen Straßen herab. Aber Azuma-zi stürzte sich kühn in die Freuden von Shadwcll, das ihn bald darauf wieder ausspie— halbgebrochen an Gesundheit, in zivilisierter Kleidung. ohne einen Pfennig Geld in der Tasche und— außer, wo es sich um das Allernotwendigste handelte— stumm wie ein Tier, aus daß er in dem Maschinenhaus in Camberwell für James Holroyd arbeite und sich von ihm inißhandeln lasse. Und für James Hol- royd war Mißhandeln die reine Liebesmüh. Drei Dynamos mit ihren Motoren waren in Camberwell. Die beiden, die ursprünglich da waren, waren kleine Maschinen; die größere war neu. Die kleineren Maschinen machten einen vorschriftsmäßigen Lärm: ihre Riemen surrten über die Trommeln, ab und zu schleiften und zischten die Bürsten, und zwischen den Polen heulte— huh-huh-huh!— unablässig die Luft. Die eine war nicht ganz fest in die Erde eingelassen, und die ganze Maschinenhalle erzitterte unter ihr. Aber all diese kleineren Ge- räusche übertönte die große Maschine vollständig mit dem Pochen ihres ehernen Herzschlags, unter dem die ganze Eiscnkonstruktion erdröhnte. Jedem, der in die Halle trat, wirbelte der Kopf vor dem Poch-poch-poch der Maschinen, der Rotation der ungeheuren Räder, den sausenden Zylindern, vor dem fortwährend aus- zischenden Dampf und den» unablässigen donnernden Getöse der großen Maschine, das alles übertäubte. Dies letztere Geräusch war — vom Standpunkt der Maschinenkunde aus betrachtet— ein .Fehler; aber Azuma-zi nahm es als eine Offenbarung der Macht und Größe des Ungetüms.... Wir wünschten, es wäre möglich, den Leser, während er liest, mitten in die Geräusche der Maschinenhalle hineinzuversetzen und unsere Geschichte zu dieser Begleitung zu erzählen. Ein ununter- brochener, brausender Strom war es, aus dem das Ohr bald die eine Note, bald die andere heraushörte: das wechselnde Fauchen. Keuchen und Zischen der Dampfkessel, das Stöhnen und Heulen der Pistons, das dumpfe Aufpochcn der Luft, wenn die Speichen der großen Triebräder gewirbelt kamen, ein Geräusch, das die ledernen Riemen von sich gaben, je nachdem sie straffer oder loser gespannt waren— ein Durcheinandcrtumult der Dynamos— und über all dem— manchmal, wenn das Ohr an all dem Lärm er- müdete, unhörbar, und dann doch langsam wieder sich den Sinnen fühlbar machend,— der Posaunenton der großen Maschine. Nie fühlte man den Boden unter sich sicher, ruhig, fest; fortwährend bebte und schwankte er. Es war ein betäubender, unsicherer Ort, an dem einem die Gedanken in seltsamen Zickzackblitzcn umher- fuhren. Und drei Monate— volle drei Monate, so lang der Streik der Maschinenarbeiter dauerte— kamen Holroyd, der unter seiner» Genossen am schwarzen Brett stand, und Azuma-zi, der selbst ein Schwarzer war, nicht eine Minute lang aus dem Tosen und Lärm heraus; sondern aßen und schliefen in dem kleinen hölzernen Werkzeugschuppen zwischen dem Maschinenhaus und dem großen Portal.... Bald nach Azuma-zlS AnZunft hielt Holrohd ihm eine theo- logische Vorlesung über das Thema: die große Maschine. Er mutzte brüllen, um sich in dem Getöse überhaupt verständlich zu machen.»Da, schau her," sagte Holroyd.»wo ist der heidnische Götze, der dem das Wasser reicht?" Und Azuma-zi schaute. Einen Augenblick ging Holrohds Stimme unter; dann hörte Azuma-zi:„Hundert Menschen um- bringen. Zwölf Prozent der allgemeinen Sterblichkeit!" sagte Holrotzd.„Das nenn' ich mir noch so was wie einen Gott!" Holrohd war stolz auf seine grohe Maschine und erging sich Azuma-zi gegenüber so lange über ihre Grötze und Kraft, bis seine Reden und das immerwährende Tosen und Wirbeln Gott weitz was für seltsame Gedankenströme unter der lockigen, schwarzen Hirnschale entfesselten. Er pflegte auf die deutlichste und aus- führlichste Weise die Dutzend oder mehr Arten zu beschreiben, wie ein Mensch durch sie getötet werden könne; einmal lietz er Azuma-zi auch einen Stotz von ihr verspüren— als Beispiel ihrer Leistungs- fähigkeit. Von da ab konnte Azuma-zi in den Pausen zwischen seiner Arbeit— und es war schwere Arbeit, denn er besorgte nicht nur seine eigene, sondern auch die Holroyds fast ganz— oft dasitzen und die grotze Maschine beobachten. Manchmal sprühten die Bürsten auf und spien blaue Funken und Blitze; und Holroyd fluchte. Aber im allgemeinen ging alles so glatt und rhythmisch wie der Atem eines Menschen. Das Band zischte kreischend über die Spule, und hinter einem ertönte, während man dasatz und beobachtete, unablässig das satte Bum-bum des Pistons. Und so lebte sie da— tagaus— tagein— in der grohen, luftigen Maschinenhalle— mit Azuma-zi und Holroyd als Dienern.... Nicht eingesperrt und Sklavenarbeit verrichtend, um ein Schiff zu treiben, wie andere Maschinen, die Azuma-zi kannte; sondern eine Herrschermaschine. Die beiden kleinen Dynamos verachtete Azuma-zi— selbstverständlich— schon im Vergleich zu ihr; die grotze taufte er bei sich den Herrn der Dynamos. Die kleinen warn launisch und unregelmätzig. Die grotze war zuverlässig. Wie grotz sie war! Wie gelassen und leicht sie arbeitete! Größer noch und ruhiger als die Buddhas, die er in Rangoon gesehen hatte. Und dabei. doch nicht unbewegt, sondern lebendigl Die grotzen, schwarzen Drahttaue kreisten, kreisten, kreisten— die Ringe unter den Bürsten liefen rund und rund und rund— und der tiefe Klang des Herzschlags trug das Ganze..,. Ganz seit- sam regte es Azuma-zi auf.... Azuma-zi liebte die Arbeit nicht. Sobald Holroyd wegging, um etwa den Torwächter zu überreden, ihm Whisky zu holen, hockte er herum und besah sich den Herrn der Dynamos, obgleich sein Platz gar nicht vorn in der Maschinenhalle, sondern hinter den Kesseln war. und er obendrein, wenn Holroyd ihn bei solchem Herumlungern erwischte, noch mit einem dicken Kupferdrahttau Prügel dafür kriegte. Oft stellte er sich ganz dicht neben den Kolotz hin und schaute empor zu dem grotzen Lederriemen, der über ihm dahinsauste. Es war da eine schwarze Stelle auf dem Riemen, die immer wiederkehrte, und es machte Azuma-zi Spatz, in all dem Gedröhne immer aufs neue auf ihr Erscheinen zu warten. Seltsame Gedanken kreisten in ihm mit ihrem Wirbellauf.... Gelehrte berichten unS, datz die Wilden den Steinen und Bäumen eine Seele zusprechen... und wieviel tausendmal lebendiger als ein Stein oder ein Baum ist eine Maschine! Und Azuma-zi war im Grunde noch ein Wilder. Der Firnis der Zivilisation ging bei ihm nicht tiefer als sein Heizeranzug, die Riffe in seiner Haut und der Kohlenstaub auf seinem Gesicht und seinen Händen. Sein Vater hatte dereinst einen Meteorstein angebetet; mag sein, datz das verwandte Blut die breiten Räder des ewigen Kreislaufs besprengt hatte.... Er ergriff jede Gelegenheit, die Holrohd ihm lietz, die grotze Maschine, die ihn im Bann hielt, zu berühren, zu betasten. Er polierte und putzte an ihr herum, bis ihre Mctallteile die Sonne blendeten. Er hatte ein geheimnisvolles Gefühl von Priester- schaft, während er das tat. Manchmal ging er zu ihr hin und rührte leise an die sausenden Drähte. Die Götter, zu denen er gebetet hatte, waren fern. Und die Menschen in London ver- steckten ihre Götter. Schlietzlich wurden seine unklaren Gefühle deutlicher und nahmen Formen an— erst in Gedanken— zuletzt in Taten. Einest Morgens, als er in das dröhnende Maschinenhaus kam, machte er einen Salaam vor dem Herrn der Dynamos. Und später, als Holroyd weg war, ging er zu der donnernden Maschine hin und flüsterte ihr zu, er sei ihr Diener, er bete zu ihr, sie möchte sich seiner erbarmen und ihn von Holroyd erlösen. Ein vereinzelter Lichtstrahl drang durch den offenen Torweg des pochenden Maschinenhauses, während er das tat, und der Herr der Dynamos erstrahlte, während er wirbelte und donnerte, in blaffem Gold. Und da wußte Azuma-zi, datz seine Gebete seinem Herrn angenehm waren. Von da ab fühlte er sich nicht mehr so verlassen tvie bisher; und er war sehr, sehr einsam gewesen in London. Noch wen» seine Arbeitszeit vorüber war— was selten genug vorkam — trieb er sich um das Mafchinenhaus herum,. (Schlutz folgt.) Ver Lcbnee. Leicht und leisi wie ein Gedanke schweben bei nihiger Lust die Schneegebilde hernieder und werden der Natur zur winterlichen Hülle. Ist ein solcher Schneefall nicht ein reizend schöner Akt VeS Naturlebeus? Wer könnte kalt und stumpf genug sein, diesem Spiel seine vollste Aufmerksamkeit zu versagen? Wer dürste nicht schon versucht gewesen sein, einen oder den anderen dieser herrlichen Sterne aufzufangen und näher anzuschauen, so lange es dessen schnelle Bei- gänglichkeit gestatten mochte? Zwar ist es nicht leicht, diese äutzerst flüchngen Juwelen längere Zeit zu erhalten, um eingehende Studien treiben zu können; indessen lätzl sich bei ernstem Willen doch viel tun, zmnal wenn man sich nicht geniert, ei» Stündchen am offenen Fenster eines ungeheizten Zimmers auszuharren, um auf einer durcvkälteten Schiefertafel die Schneeäuglein aufzufangen und sie durch eine scharfe Lupe zu betrachlen. „Aus der Wolke strömt der Regen, quillt der Segen"— aus der Wolke fällt der Schnee. Ist nämlich die Temperatur einer Wolke, in der sich ein Niederschlag bildet, dem Eispunkt nahe oder ein paar Grad unter ibm, so findet jener wässerige Niederschlag nicht Zeit genug, sich zu Wasser- oder Regentropfen ballen zu können, sondern die Wasserdämpfe überspringen die Mittelstufe des tropfbar Flüssigen und nehmen die Form des Starren an, was zwar nach unabänderlichen Gestaltungsgesetzen geschiebt, aber dennoch eine über» raschende Mannigfaltigkeit der Formen gestattet. Denn gerade daS Wasser, diese einfache Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff, hat in seinen Kristallbildungen innerhalb der ihm von dem Kristall!» sationsgesetz gezogenen Schranken den größten Spielraum der Gestalt» ausprägung sich bewahrt. Die Bildung des Schnees beruht also auf demselben Gesotz� dem alle andere» Körper in dem Augenblick unterworfen sind, da sie aus dem flüssigen in den festen Zustand übergehen. Wie schon gesagt, ist es das Kristallisationsgesetz, eine geheimnisvolle Tätigtet� die ihre Schöpfungen im Nu in Erscheinungen treten lätzt und.jetzt in der winterlichen Luft grotzen Einflutz bekundet. Dieses fast a»»» schlietzend nach geraden Linien gestaltende Gesetz gebietet den DubW» teilcken der Luft, beim Gefrieren eine ganz bestimmte Form a»» zunehmen. Ist dieses geschehen, so fallen die Gebilde herab: es schneit. Der Schnee ist demnach nichts anderes als zu einer gesetz» lich bestimmten Form gefrorener Wasserdampf. Jedes heraÜ» schwebende Schneeblättchen bildet einen in sich abgeschlossenen Körper, eine höchst regelmätzige, doch zierliche, ntehr oder minder gegliederte Figur, zusammengesetzt auS einer grotzen Menge von kleinen nadelförmigen Eiskristallen. Soviel man auch Schneckristalle untersuchen mag, immer wird man ein und dieselbe Idee, eine streng festgehaltene Grundform an ihnen wiedersinden. Es ist diese das Sechseck, und es gehört nach dem Ausdruck der Kristallographie die Kristallsorm des Schnees dem Sechseck- sHexagonal-) System an, das ein sogenanntes drei« und einachsiges ist. Um diesen Kunstausdruck zu verstehen, zeichne man sich ein regelmäßiges Sechseck und verbinde die gegenüber liegenden Ecken der Figur durch drei den Mittelpunkt schneidende gerade Linien. Steckt man durch diesen noch eine Nadek. so erhält man sämtliche Achsen des Sechsecks: jene drei geraden Linien bilden die drei Nebenachsen, während die Nadel die Haupt- achse darstellt. Diese Figur bildet den Grundplan aller Schnee» krisialle. Der zwischen den acht Endpunkten jener Achsen ein- geschlossene Raum kann auf die verschiedenste Weise mit Stoff an- gefüllt sein, indessen ist bei den meisten Schneekristallen die Hauptachse nicht entwickelt, daher sie zunteist äußerst dünne sechsseitige Blättchei, oder fechSstrahlige Sternchen vorstellen. Die verschiedenartige Weise aber, tvie sich die feinen, freilich im einzelnen nur durch stärkere Ver- größerung unterscheidbaren Eisnadeln oder Kristalle an die Seiten der Nebenachsen anlegen und stellen, gibt den Schneesternchen unter sich ein sehr mannigfaltiges, immer aber äußerst nettes und zier- liches Ansehen. Wie vielfach die Natur nach ein und demselben Grundriß ihre winterlichen Juwele» zu gestalten vermag, wird man am bestei» durch eigene Beobachtungen kennen lernen. Schon vor etwa 50 Jahren wurden von einem Naturfreund nicht Iveniger als 119 verschiedene Formen von Schneekristallen beobachtet und nachgezeichnet, während der englische Forscher�Scoresby rm nörd» lichen Eismeer noch weit mehr unterschied. Sind nun auch niemals alle Schneekristalle eines Schneefalls» einander gleich, so sind sie doch einander ähnlich, was darauf schließen läßt, daß die die Kristallsorm bedingenden Zustände der Luft bei den verschiedenen Schneefällen gleichmäßig sein müssen. Da aber ausgemacht ist. daß mit dem Wechsel der Temperatur auch die Formen der Schneegebilde sich ändern, so scheint festzustehen, daß der Wärmegrad wesentlichen Einfluß bei ihrer Gestaltung auSübf. Welch andere Faktoren außer dem Dampfgehalt, dem Wärmegrad und der jeweiligen Bewegtheit der Lust hier noch wirksam sind, ist schwer zil bestimmen; jedenfalls redet aber auch die Elektrizität ein Wörtchen mit drein. Wir müssen übrigens einen Unterschied machen zwischen Schnee» flocken und Schneekristallen. Jene stellen eine Mehrheit von diesen dar, indem sich die Kristalle durch oberflächliches Schmelzen anein- ander hängen oder sich mittels ihrer Ausläufer verflechten. Wir sehen daher bei geringeren Kältegraden die Schneeflocken bis Taubenei groß, während sie bei gröyerer Kälte mehr in einzelnen. unverbundenen Schneekristallcn niederschweben, dann aber auch sehr trocken und scharf find und, da sie sehr langsam und fich drehend fallen, das Glitzern der Luft verursaKen. Ivädrend sie, vom Winde unS mS Gesicht getrieben, hier ein solches Gefühl erzeugen, als würden wir mit feinen Nadeln gestochen. Ist nun schon ausgemacht, daß zur Bildung des Schnees die Temperatur unbedingt bis auf den Gefrierpunkt ljctabgeiunken sein muß. so dürfen wir doch nicht glauben, daß mit dem Sieigen der Kälte auch die Notwendigkeit der Schneebildung wachse. Wir wissen ja aus Erfahrung, daß bei starker Kälte kein Schnee zu erwarten ist. wogegen beim Eintreten gelinder Temperatur sofort ein reichlicher Schneefall zu erwanen ist. Nach Joh. Müller sollen 12 Grad die höchste Kälte sein, bei der eS überhaupt noch schneit. Arüder soll cS viel, viel mehr Schnee gegeben haben als jetzt. Kami sein, denn die imnier niehr um sich greifende Landkultur, die Trockenlegung vieler Sümpfe und Moräste, die Verminderung und das Zurückdrängen vieler Waldbestände mögen nianche Aus- dunstungSqnelle veritopft und so die wässerigen Niederschläge ver- mindert haben. Wem aber darum zu tun ist, den Schnee gründlich kennen zu lernen, namentlich eine Vorstellung von seiner großartigen Menge und Fülle zu gewinnen, der muß in die Wellentäler des Erzgebirges und anderer deutschen Höhenzüge, der ninß vor allem in die Hochregion der Alpen steigen. Es ist keine Ilebertreibung. daß im böbmisch-sächsiichen Erzgebirge manchmal der winterliche Pfad an ei»em Schornstein vornberführt, den ein tief in einer Schneewehe vergrabenes HauS a.'s Wahrzeichen seines Dasein? hervor- streckt. Dann bleibt den lebendig begrabenen Bewohnern auch nur dieser eiue Weg nach außen übrig und nrchr selten verkehren die Nach- barn„unterschneeisch* miteinander, nachdem sie in MaulwnrfSmanier sich einen Komniunikationswcg wühlten. Noch bedeutsamer ist die Schneemasse der Alpen, die bis weit inS Jahr hinein die Häupter und Täler dieses Hochgebirges vollständig bedeckt und vollkommen anzugänglich macht. Eine Schneelage bis zu 10 und 12 Meter Mäckugkeit gehört in diesen Siegionen zu den gewöhnlichen Er- scheinungen, an der nicht nur der Frühling, souderu auch der Somnier zu zehren findet. Bekanntlich sind die Spitzen der höchsten Berge, soweit sie über die„Schneegrenze' hinausragen, jahraus jahrein mit Schnee bedeckt! man spricht deshalb von.ewigem' Schnee, macht sich aber zumeist eine falsche Vorstellung davon. Man darf nämlich nicht denken, daß derselbe Schnee hier uiwerändert liegen bleibe. Er umerliegt im Gegenteil cmer fortdauernden, wenn auch sehr langsamen Auf- losung und Be'citigung. nur tvird dies»oenig wahrgenommen, da es zu erner völligen Aufzebrimg niemals kommt und der Verlust durch jederzeit stattfindende Schneefälle immer wieder ersetzt wird. Um daher jenes Mißverständnis zu umgehen, sollte man lioder sagen: über der Schneegrenze liegt nicht ewiger Schnee, sonder» liegt immer Schnee. Betrachren wir nun de« Schnee im Stadium seiner Auflösung, seines Rückschritts zur Wassmorm. so werden wir. eingedenk seiner Natur, es ganz begreiflich finden, daß er beim Schnrelzen weit weniger Wafier liefert, alS man zu erwarten geneigt ist: schon ein mäßiger Regen gibt viel mehr Wasser als der dichteste Schneekall. Nach Schüblers Schäyungen gehören im Durchschnitt zu einem Maß Wast'er ll'/e Liter) etwas über vierzehn Maß Schnee. AuS diesom Verhältnis erklärt es sich, daß selbst eine meterhohe Schneelage durch das Tauen, wenn dieses nicht zugleich von Regeir begleitet ist, nur eine geringe Wassermenge bervorbringt. Zum Schluß gedenken wir noch des sogenannten roten Schnees, einer Erscheinung, die zu den unsinnigsten und lächerlichsten Deutungen Veranlassung gegeben bat. Zu erwägen bleibt zunächst. daß der rote Schnee gar kein Schnee ist. sondern eine ihm ganz fremdarrige Masse, die durch Zukall auf Schnee geworfen ist oder auf ihm ihr namrgemäßeS Forlkommen findet. So haben lvisien- schaftliche Untenuchungen gelehrt, daß der rote Schnee, der wieder- holt in den Mittelmeerländerii, namentlich in Frankreich, Oberilalien. Jstrien, selbst in den Niederlanden beobachtet wurde, nichts anderes ist als rotgefärbter Passatstaub. der. durch den Passatwind ans fernen Gegenden hergebracht, meist organische Formen der niedrigsten Stufe enthält. Aehnlich verhält es sich mit einer kleinen einzelligen Alge, l'rotoooccus nivalis genannt, die die Felder deS ewigen SclmeeS in den Alpen der Schweiz und des Polarkreises bewohnt und Flächen von einigen Ouadraimetern tief blutrot färbt, und von der die Polarreiienden Roß und Peary erzählen, daß sie die nach ihr benannren Scharlachklippen in einer Ausdehnung von acht Meilen bewohne iind die Ursache ihres Aussehens sei. So bestätigt sich auch hier, daß die Namr in ihren Schöpfungen uns wohl lauter Wunder vorfübrt, doch mit all ihren Wundern nicht so unbegreiflich ist, als die Unwissenheit sich einbildet. kleines Feuilleton. Natuvwisfcnschaftliches. Prof. Kurt Lampe rt: Die Abstammungslehre. fyücher der Naturwifieii'chast. 7. Band. Reclams Univcrsal-Bibliothek. Rr». f>24>— 43. Preis 60 Pf.) Nach den zahlreichen Bearbeitungen. die demselben Thema bis jetzt schon zirteil geworden sind, fällt es wirklich nicht leicht, ein so anziehendes und bei aller Knappheit der Darstellung ein so gründliches Buch Über die Abstammungslehre zu Perantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— schreiben, wie es dem Verfasser gelungen ist. Neben der eigentirchea Deizendenzrheorie behandelt das Büchlein auch die Probleme der Keimesgeschichre und der Verfasser führt uns so in die Werkstalt der modernen biologischen Forschung hinein, die mit dem Lichte deS Experiments das dunkle Gebier der Vererbung zu erhellen sucht. Die Darstellung verbindet in glücklichster Weise die historischen und sachlichen Gefichlspunkle. Im Zentrum steht Darwins gewaltiges Werk, als Ergebnis der geschichtliche» Jdeenentwickelung, die ihren Ausgangspunkt in der griechischen Naturphilosophie nimmt. Drei Kapirel behandeln Darwins LebenSgang und feine Lehre— Deszendenz- und Selektionstheorie. Die Kämpfe für und gegen den..Darwinismus', die Zellenlehre und neuere Hypothesen üb» Entstehung der Anen bilden den Gegenstand der drei letzten Kapitel. wo an der Hand der sachlich entstehenden Probleme eine erschöpfende Ueberficht der Hauptrichtungen in der heuligen Biologie gegeben wird. Und dabei versteht der Verfasser, ohne polemisch aufzutreten, Spreu von Weizen zu scheiden und so das wirklich wertvolle gegen- über den sich neu dünkenden philosophischen Schrullen zu betonen. Mit dem Hinweis auf die Bedeutung der theoreiiich gewonnenen Resultate für die Praxis deS Züchters schließt sein leicht faßlich und frisch geschriebenes Buch, das jedem Freunde der Naturwissenschaft einen wahren Genuß bereiten wird. Auch der mit der Sache schon vertraute Leser sollte an dem Büchlein nicht achtlos vorübergehen, denn wir kennen kaum ein zweites, das auf dem so kleinen Räume ein so vollständiges Bild von den beutigen Strömungen aus dem Gebiete der Biologie gibt. Dem Buche sind elf Tafeln und ein Namen- und Sachregister beigegeben. Db. Geologisches. Berechnungen des ErdalterS. Als vage, unbegründete Spekulationen auf ungenügender Basis galten bisher olle Angaben über die Dauer der verschiedenen Erdzeilatter. Gewiß sind die Schätzungen auf rein geologischer Grundlage sehr roh und müsse» auf den ersten Blick willkürlich erscheinen. Aber in den letzten Jahren hat auch hierin die Wissenschaft bedemende Fortschritte gemacht, Chemie und Physik haben vereint so viel Maierrai geliefert, daß man die neuereu Berechnungen nicht mehr einfach mit einem skeptischen Lächeln abtun lann. W. Thomson sLord Kelvin) war. wie in einem Sammelreserat der„Geologischen Rundschau' ciirgchend auSgesiihrt wird, der erste, der eine Berechnung deS ErdalterS seit der Erstarrung der obersten Kruste auf Grund der ständig forl'chreiteuden Ablühlung versuchte. Von der keineswegs in allen, zutreffenden Voraussetzung ausgebend, daß im Moment der Erstarrung die ganze Erde die gleiche Temperatur von 8000 Grad Celsius aufwies, daß heute die Erdlvärme m»t je 23 Merer um 1 Grad Celsius nach der Tiefe zn zunehme, und daß die Temperatur der Erdoberfläche dauernd etwa gleich 0 Grad Cclsiuö sei, lam er zu 100 Millionen Jahren. Dieie Melhod« wurde dann mehr im» mehr verbessert! doch erfuhr die Zahl nur geringfügige Aenderungen. Becker erhielt danach neuer« dingS als wadrschcinlichsteS Erdalter 50 Millionen Jabre seit Bildung der erste» versteinerungführeiiden Schichlen. Doch ist dies» Betrag deshalb zu kurz, weil verschiedeue Momente, vor allein selb« ständig Wärme erzeugende Falioren dabei nicht mit berücksichtigt wurden, wie die Oxydation, die Wärmeeutwickelung durch radio« aktive Substanzen und durch die ständige Schrumpfung deS Erdini, ern, die eine nicht uuerhebliche Verzögerung der Abkühlung zur Folge haben müssen. SleucrdingS wird von anderer Seite eine Lösung des Problems angestrebt: radioaktive Vorgänge sollen das Alter der Erde be- stimme» Helten. Der englische Radiumforscher E. Ruthcrford fand zuerst den Weg, aus dem Helium- und Bleigebalt emeS Minerals sein Alter zu ermitteln. Aus den radioaktive» Substanzen, die sich besonders in den Mineralien der Ergußgesteine finden, wird all- mählich das Helium ausgeschieden und verschwindet. Je größere Fortschritte die Hellilmemanatio» gemacht hat, um so älter ist das Gestein. Nach den Berechnungen Nurherfordö sind nun zur Vildung von 1 Kubikzentimeter Helium auS der Menge von 1 Gramm Uranoxyd 11 Millionen Jahre erforderlich, bei welcher Annahme ein Fehler nur bis zu SO Proz. betragen kann. Nach dieser Methode hat man schon das geologische Alter einer ganzen Reihe von Gesteinen zu bestimmen versucht. So kam man für die Lava der Eifelviillane. die bis weit in die Eiszeil hinein tätig waren, auf 1 Million Jahre, für die der frairzösischen Auvergne- Vulkane, die i» der Zeit rauchten, als in Deutschland etwa in Ver Mitte der Tertiärzeit die Braunkohlenwaldmoore sich bildeten, auf 6 Millionen Jahre! Granite der Steinkohlenzeit wurden auf ein Aller von rund 100 Millioneil Jahre berechnet; solche au» der Borzeit unserer Erde aus 200— 600 Millionen Jabre: alles mit der relaiiv sehr geringen Fehlergrenze von SO Proz. Acbnliche Zahlen ergibt die Methode, die aus dem Bleigehalt von stark uranholtigen Mineralien deren Alter zn bestimmen sucht i denn Blei ist hächstwahrscheiiilich dos Endprodukt der Um» Wandlungen des Uran in radioaktive Substanzen. Bis jetzt läßt sich also mit Sicherheit über das Alter unserer Erde so viel sagen: Die seit dem Anfang des sogeiiaimlen Algonkium, des ersten Abschnitts im Altertum unserer Erde, Verstricheue Zeit ist, wie aus den Ab- kühlungsberechmiiigen folgt, größer als SO Millionen Jahre, und, wie aus den Radioaltivitätsmessungen sich ergibt» Heiner als 600 Millionen Jahre. eg. Druck u. Verlag:VorwärtöBuchdruckereiu.Verlagsanstalt Paul SingerLiCo., Berlin LW,