Zlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 2 Miwvoch. den 4. Januar. 1911 lNachdruil vervolen.) 91 pelle der Gröberer. Roman von Martin Andersen Nexö. Autorisierte Uebersetzung von Mathilde Mann. Alle kannten das, jeder Mann war auf irgendeine Weise mit dabei gewesen in dieser überladenen Spannung— als Schiffsjunge, Heizer, 5iapltän, Koch— und nun wallte ihm etwas davon wieder im Blut auf. Nur die Bauern befanden sich außerhalb des Ganzen, sie schliefen, fuhren mit einen« Ruck in die Höhe und gähnten hörbar. Die Seeleute und die Bauern konnten sich nie so recht vertragen, sie waren ebenso verschieden, wie die Erde und das Meer. Aber heute sah man sich geradezu wütend an den Bauern und ihrer gleichlültigcn Haltung. Der dicke Lotse tvar schon mehrmals mit ihnen in Streit geraten, weil sie ihn« d�n Weg versperrten: und als sich einer von ihnen eine Blöße gab, fiel er sogleich über ihn her. Es war ein älterer Bauer, der erwachte, weil er mit dem Kopf vornüber fiel; er sah ungeduldig nach der Uhr und sagte: „Na, das zieht sich ja heute reichlich in die Länge, der Kapten kann woll nich' in die Stalltür rein finden." „Er ist wohl unterwegs in einem Krug hacken geblieben," sagte der Lotse, vor Wut funkelnd. „Ja, das mag ja seinl" sagte der Bauer, ohne sich die Straßen des Meeres weiter klar zu machen. Die Zuhörer stimmten ein Hohugelächter an und ließen das Mißverstand- •ms weiter über den Hafenplatz gehen. Man scharte sich um den Unglücksraben.„Wie viele Krugwirtschaften gibt es von hier bis nach Schweden hinüber?" rief man. „Ja, da draußen kann man ja leicht zu dem Nassen kommen, das ist das Unglück!" fuhr der Lotse fort.„Sonst könnt' jeder Grützesser ein Schiff führen. Man braucht ja man bloß gut nach rechts zu halten, um Hansens Hof herum, dann liegt die Landstraße gerade vor einem. Und'ne ver- teufelte Landstraß' I Telcgraphendrähtc und Gräben und'ne Reihe Pappeln an jeder Seit'— eben gründlich ausgebessert von der Genleindeverwaltung. Die Grütze aus dem Bart, der Alten einen Schmatz und rauf auf die Kommandobrück'. Js' die Maschine geschmiert, Hans? Na ja, denn man los in Gottes Namen— lang' mir mal die Staatspcitfch' her!" Er ahmte die Sprache der Bauern nach.„Hüt' Dick auch vor den Schenkmadams, Vater!" fügte er mit pfeifender Frauenstimme hinzu. Ein gewaltiges Lachen folgte, es klang unheimlich infolge der gedrückten Unterstimmuug. Der Bauer saß ganz ruhig da und nahm den ganzen Schauer hin: er drtckte nur den Kopf ein klein wenig. Als das Lachen im Begriff war. sich zu legen, zeigte er mit der Peitsche auf den Lotsen und sagte zu den Umherstehenden: „Na, is das aber ein mordsmäßiger Kopf, der da auf so'n Kind sitzt! Wen sein Vater bist Du. mein Jung'?" wandte er sich an den Lotsen. Es lachten mehrere, und der dickhalsige Lotse bekam einen ganz roten Kopf vor Wut. Er griff in den Wagenkorb und rüttelte ihn, so daß der Bauer Mühe hatte, sitzen zu bleiben. „Du jammervoller Klütenpeorer, Du Schtveinezüchter, Du Mistfahrer!" brüllte er rasend.„Kommst Du hier her und willst erwachsene Lcute dutzen und sie Jung' nennen! Und noch dazu über Schiffahrt räsonnieren, hä— so'n Lausepelz, der dick voll Schulden sitzt!— Ne, wenn Dich je die Lust an- komm'n sollt'. Deine fettige Nachtmütz vor anderen als vor dem Küster zu Haus' abzunehnien, dann nimm sie vor dem Schiffsführer ab. der, bei so einem Nebel wie dies in'.Hafen finden kann! Grüß man vielmals und sag', das hält' ich gesagt." Er ließ den Wagen so jäh los, daß er nach der anderen Seite binüberschlng. „Ich muß sie woll man lieber vor D i r abnehmen, denn es scheint ja so, als wenn der midere uns heut' nich' finden kann." sagte der Bauer grinsend und strich die Pelzmütze vom Kopf, so daß ein großer, kahler Kopf sichtbar wurde. „Deck man schnell den Kinderpopo zu oder, weiß Gott. ich versohl' ihn Dir!" rief der Lotse, blind vor Wut, und wollte auf den Wagen hinauftriechen. Im selben Moment ertönte wie aus einem Telephon ein fernes, schwaches Quieken aus der Tiefe heraus:„Wir hören— eine— Dampfpfeife!" Der Lotse sprang über die Mole hinüber und versetzte im Vorbeispringen den Pferden des Bauern einen Schlag, so daß sie sich bäumten: Männer stellten sich klar bei den Fest- machpollern und kamen in wilder Fahrt mit der Landung?- brücke herbeigeschurrt: die Wagen, in denen hinten Stroh lag, als wenn sie Vieh holen wollten, fingen an zu fahren, ob- wohl sie nirgends hinfahren konnten, sie mahlten rund herum auf einem Fleck. Alles war in Bewegung. Vermieter mit roten Nasen und schlauen Augen kamen von obenhcr auS der Schifferkneipe gestürzt, wo sie sich warm gehalten hatten. Und als habe eine mächtige Klane Plötzlich in die Be- wegung eingegriffen, stand auf einmal alles wieder still, m angespanntem Lauschen— ein in der Ferne verschwindendes Brüllen einer Dampfpfcife klagte neugeboren irgendwo Weit weg. Man schlich in Haufen zusarmnen, stand in versteincr- tem Lauscheu und sandte den unruhigen Fuhrwerken böse Blicke zu: war es Wirklichkeit, oder war es nur die Aus- geburt von den heftigen Wünschen so vieler?— vielleicht Vorbedeutung für jedermann, daß das Schiff jetzt unterging? Das Meer schickt immer Botschaft von seinen bösen Taten: die Hinterbliebenen hören eine Luke knarren, wenn der Ver- sorger davongeht, oder es wird dreimal an die Fenster gc- klopft, die nach der See hinausliegen.— es gibt so viele Art und Weisen. Aber dann erklang es wieder, und diesmal lief der Laut in feinen Tonrillen über das Wasser, dasselbe zitternde Halb- pfeifen, wie wenn es lebte. Und das Nebelhorn draußen in der Einfahrt antwortete ihm, und dünnen auf dem Molen- köpf die eherne Glocke: dann wieder das Tuthorn— und die Dampfpfeife in der Ferne. Und so fuhr es fort, ein Leit- faden aus Lauten wurde zwischen dem Ufer und dem un- bestimmten Grau dadraußen gesponnen, hin und her. Man konnte hier auf dem festen Laude deutlich spüren, wie man sich da draußen, dem Laute folgend, vorwärtstastcte— das heisere Brüllen nahm langsam zu an Stärke, wich ein wenig nach Süden oder Norden, nahm aber beständig zu. Und andere Laute brachen sich Bahn, schweres Scheuern von Eisen auf Eisen, der Lärm der Schraube, wenn sie zurückschlug oder wieder auf Vorwärtsgang ansprang. Das Lottenboot glitt langsam aus dem Nebel hervor. Es hielt sich mitten in der Einfahrt, bewegte sich besonnen dem Ufer zu und tutete unaufhörlich. Mittels des Lautes schleppte es eine unsichtbare Welt nach sich, wo Hunderte von Stimmen tief hinein murmelten in Rufe und Klänlge und schallende Fußtritte hinein— eine Welt, die blindlings hier ganz in der Frühe ini Räume floß. Dann bildete sich ein Schatten im Nebel, wo ihn niemand erwartet hatte, und der kleine Dampfer brach hervor— ein Koloß im ersten Augenblick der Ueberraschung— und legte sich mittel» in die Einfahrt. Jetzt barst der letzte Rest der Spannung über das Ganze, jeder Mensch nnißte irgend etwas unternehmen, um sich auszulösen. Sie packten die Pferde der Bauern bei den Köpfen und drängten sie zurück, klatschten in die Hände, versuchten einen Witz oder lachten nur lärmend und stampften auf daS Pflaster.„Gute Reise?" fragten ein Dutzend Stimmen auf einmal. „All rightk" antwortete der Kapitän munter. Und nun ist auch er ausgelöst, die Kominandorufe entrollen ihm. die Schraube läuft kochend rückwärts. Trossen fliegen durch die Luft, die Dampfwinde bewegt sich mit singendem Metall- klang. Und mit der breiten Seite arbeitet sich das Schiff an das Bolllverk heran. Auf dem Vordeck zwischen Back und Brücke, drinnen unter dem Bootsdeck und Achtern— überall wimmelt es. Es ist ein wunderlich ilnsiirniges Gewimmel wie von Schafen, die einander auf den Rücken klettern und die Mäuler auf- sperren.„Ne, was für'ne Ladung Vieh!" ruft der dicke Lotse dem Kapitän zu»md stampft entzückt mit seinen Holz- schuhstiefel auf die Mole. Da sind Schafpelzmützen, alte Sol- datenmützen, fuchsrote abgescheuerte Hüte und die kleidsamen schwarzen Kopftücher der Frauen. Die Gesichter find so ver- TüjtcScit von emanier fctc altes, eingeschrumpftes«Uchtveine- leder und junge, reifeirdc Frucht, aber Entbehrungen und Erwartungen und eine gewisse Lebensgier leuchten aus ihnen allen. Und die Ungewöhnlichkeit des Augenblicks gießt einen Schimmer von Tummheil über sie aus, wie sie sich da vor- drängen oder übereinander hinweg klettern und mit offenen Mienen das Land anstarren, wo die Löhne so hoch sein sollen und der Branntwein so mörderlich stark. Sie sehen die dicken, pelzgekleideten Bauern und die lotangebaufenen Vermieter. Sie wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen und stehen überall im Wege. Die Matrosen jagen sie fluchend von einer Seite des Schisfes auf die andere oder werfen ihnen ohne einen Warnungsruf Luken und Stückgiiter auf die Beine.„Weg da, Sie schwed'scher Teubell" ruft ein Ma- trose, der die eisernen Türen aufmachen soll. Der Schwede drückt sich verwirrt, aber die Hand fährt aus eigene Reck)- nung in die Tasche und fingert nervös an dem großen Klappmesser herum. Die Landungsbrücke ist klar, und die drittehalb hundert Passagiere strömen von Bord— Stcinhauer, Hafenarbeiter, Dienstmädchen, männliche und weibliche Tagelöhner, Knechte, Kuhhirten, hin und wieder ein einsamer kleiner Hirtenjunge und elegante Schneider, die sich von den anderen fernhalten. Da sind junge Leute, so kerzengerade und gut gebaut, wie sie die Insel hier nicht hervorbringt, und arme Teufel, so mit- genommen von Arbeit und Entbehrungen, wie das hier nie der Fall ist. Es sind auch Gesichter dazwischen, aus denen die offenkundige Bosheit herausleuchtct— und andere, die von Energie sprühen oder von großen Narben entstellt werden. Tie meisten sind in Arbeitskleidung und haben nur das mit sich, worin sie gehen und stehen, hin und wieder wohl ein Stück Gerät über dem Nacken— eine Schaufel oder eine eiserne Stange. Diejenigen, die Gepäck haben, müssen sich eine gründliche Durchsuchung vom Zollwesen gefallen lassen. — Stoffe sind so billig in Schweden. Hin und wieder muß sich ein Mädchen, das ein wenig stark ist, in den grobkörnigen Scherz der Zöllner finden, so zum Beispiel die hübsche Sara aus Cimrishamn, die alle kennen. Jeden Herbst reist sie nach Hause und kommt in jedem Frühling wieder— in den gesegnetsten Umständen.„Das ist Konterbande!" sagen die Zöllner und zeigeil mit den Fingern auf sie; sie inachen jedeS Jahr denselben Witz und habeil sich sckwn darauf gefreut. Aber Som, die sonst so hitzig und schlagfertig mit dem Mund- werk ist, starrt verschämt zu Boden— sie hat zwanzig Ellen Tuch unter die Röcke gewickelt. (Fortsetzunfl folgt.)! kNaibdruck verholen.) ii Oer k)ungerkUnstler. Von Hermann Heijermans. Eines Morgens früh, als er gelb vor Hunger die Menschen durch das Knurren seines Magens fast zum Unischaue» veranlagte — so kam es ihm wenigstens vor—, stand er schon längere Zeil zu seiner eigeiren Folter vor dem Schaufenster einer vornehmen Stadtküchc, in dem die apartesten Telikatesscn, wie Salami- und Cervelatunirste, gefüllte Artischocken, italienischer Salat, Aal in Gelee, Zungen Mayonnaise, Roastbeef, Pötelrindcrbrust, Rehrückcn und was sonst noch mehr in solckcn Läden ausgestellt wird, aufgc- tischt lagen, als ihn« das Herumscharwenzeln eines Herrn mit ele- gantcr Weste und eleganterer Uhrkette— das Blinken der niassi- ven Kettenglieder bemerkte er zuerst in der Spiegelscheibe— aufsiel. Wenn er sich links, nach der Seite mit den gefüllten Arti- schoben bewegte, pendelte der Herr ihm wie zufällig nach, wenn er sich mit dem aiifständischen Drücken seines Magens der rechten Schaufcnsterseite mit den Forellen in Gelee, Weintrauben, ge- bratcnen Taub cn und Fasanen zuwandte, wobei ihm das Wasser im Munde zusammenlief, beschrieb der Elegante die gleiche Rich- tung. Beunruhigt— wenn man etivas auf dem Kerbholz hat, »vittert man Unrat— probierte er es noch einmal, schritt hinüber nach der Ecke mit dem italienischen«alat und als er es hätte bc- schwören können, daß ihm die goldenen Kettenglieder wie ein bettelnder Kirchcnklingelbeutel nachgeklirrt, daß der Herr sich wie- der lauernd hinter ihm befand, neigte er ärgerlich den Kopf, um den Verdächtigen unter dem Schatten seiner Augenbrauen weg, im Glanz der Schaufensterscheibe zu beobachten. Zum Teufel noch- mal, was wollte der Kerl von ihm?... Ein Zylinder, ein hoher Stehtragen, eine feuerrote Krawarte, eine schwarzseidene Weste mit Selben Sprenkeln, ein glatt gebügeltes Beinkleid, das durch die iederstrippen unter den Stiefeln noch straffer gehalten wurde, besonders aber die Kette, schwer wie eine Handfessel, und die drek, vier dicken Ringe warfen ein Spiegelbild auf die Scheibe, wogegen seine eigenen schäbigen blanken Knie und Ellenbogen und über» Haupt sein ganzes Knochengerüst einem Spottgebildc glichen. Von der Polizei konnte der nicht sein. Solche Weste, solche Kleidung trugen die von der Geheimpolizei nicht. Nein, die erkannte man schon von weitem an einem... gewissen Etivas. Auf jeden Fall achtgeben! Man konnte nie wissen... Wenn er mit ihm anban- dein sollte, irgend etwas im Sinne hätte, würde er durch die nur zwei Häuser weit entfernte Gasse ausrücken. So ungefähr galoppierten seine Gedanken durcheinander, wäh- rend das Herz ihm heftiger klopfte, als der Magen rumorte, als der Vornehme plötzlich dicht neben ihm, mit der unberingten Hand in einer goldgefüllten Hosentasche hcrumharkte, ein Geräusch, das ihn vollkommen beruhigte. Bei Taschen voller Fünfmark- und Talerstücks war jeder Gedanke an die Polizei ausgeschlossen, aber er sagte sich doch, daß er jedenfalls auf der Hut sein müsse. „Ich würde sehr gern mal in einer Angelegenheit mit Ihnen reden, wären«ie vielleicht..." „Mit mir?" stotterte Daniel zum Ausrücken fertig. „Ja, mit Ihnen— und wenn Sie darauf eingingen, wäre vielleicht ein dickbclcgtcs Butterbrod dabei zu verdienen.. Mißtrauisch blickte Daniel in ein Paar wässerige Augen mit Pupillen, wie unreife Stachelbeeren. Ein Halunkenstreich? Ein Schurkenstückchcn? Es war nicht recht daraus klug zu werden. „Warum haben Sie mich denn dabei nötig?" fragte er mit hohlem Gesicht, bange, sich zu verraten. „Weil Sie einem meiner Bekannten verteufelt ähnlich sehen," begann der Elegante erregt auseinander zu setzen.„Sehen Sie iuimcr so hungrig aus oder haben Sie heute Ihren guten Tag?" „Hat das Interesse für Sie?" „Nein, aber für Sie. Wenn Sic ja sagen, können Sie fünfzig Mark Vorschuß bekommen, sobald Sie eingesargt sind..." Diese Andeutung war zu dunkel, als daß sie«ine greifbare Vorstellung in Daniel hätte auslösen können, und näher erklärt wurde sie nicht, weil dos freundschaftliche Gespräch des wohlhaben- den Herrn mit solch einem Schlampampcl, halb Gauner, halb Ha- lunke, schon einige Pflastertreter zum Gaffen brachte. „Hier kann ich nicht weiter mit Ihnen verhandeln," sprach der Elegante, indem er ihm einen Taler zuschob:„Gehen Sie schnell voraus, nach der Destille an der Ecke; dann komm« ich Ihnen sofort nach..." Das war wie ein Traum. Daniel schritt dahin auf Füßen, die den Boden nicht mehr siihlten, die wie Seifenblasen die Lust durchschwebten, und hielt das Geldstück in der Hand, als ob er sich von dem darauf befindlichen Königsbildnis Abdrücke in sein Fleisch pressen müsse. Run, wo die heftigste Nahrungssorge von seiner Seele genommen, drängte sich ihm die Ueberzeugung auf, daß doch wirtlich noch Wunder geschähen, daß ein edles Herz hinter der seidenen Weste klopfe, daß keine Erdenmacht den Reick'staler aus seinen Händen zurückbekommen würde, daß er zu allen Schand- taten, Schustereien, Liederlichinten, Verbrechen bereit wäre, wenn er, ganz einerlei aus welche Weise, fünfzig Mark— fünfzig!— herausdrehen könnte. In der Destille an der Ecke, wo Kutscher und Arbeiter ver- kehrten, blinkte es einladend hinter den Gardinen. Dort saßen abends liebende Pärchen mit fest zusammengeschlvitzten Händen, auf die Menge draußen zu glotzen. Jetzt war es ungemütlich darin. Der Wirt stand in Hiundärmeln und putzte den Bierhahn. Ein Mädchen kniete mit bläulichen Armen, die bis in die Achsel- höhlen entblößt, am Boden und seifte den ab.• Erstaunt, daß um diese Zeit ein Besucher hereinkam— es war dort sonst nur mor- gens gegen sechs, mittags und abends Verkehr— blickten die Beiden von ihrer Beschäftigung ans. Und ein Grinsen wie: JesseS »ochmal, was sagt man dazu? flog über das Jesicht des Mädchens. als der verlumpte Kerl, sobald er saß, mit dem Reichstaler aus den Tisch klopfte, stolz aus seinen plötzlichen Reichtum und mit den Augen an tem kleinen Plakat:„Heute Lösfelerbsen mit Speck" hängend, weder Schnaps noch Bier, sondern Erbsensuppe bestellte. „Wer verlangt das denn schon morgens um halb zehn?" sprach unfreundlich der Wirt. „Ich." „Mann, damit kann ich Ihnen jetzt nicht dienen; wir warmen die Suppe efft gegen Mittag auf." „Was gibt es denn sonst noch zu pappen?" „Nichts, hier ist keine Speisewirtschast.. „Sie sind ja sehr liebenswürdig gegen Kunden, die keinen Kredit beanspruchen, sprach Daniel von oben herab, loobci er da» Geldstück wie einen kleinen Kreisel drehte. Der Wirt, dem es verdächtig vorkam, daß einer früh am Tage schon Erbsensuppe verlangte und einen Taler gerade in diesen Händen sieht, schien im Begriff, ihm eine derbe Antwort zu geben. als ihn das Erscheinen des Unbekannten mit der seidenen Weste, den Ringen, der goldenen Kette versöhnlicher stimmte. „Morgen, Herr," sprach er dienernd. „So," fuhr der Fremde fort, indem er sich, ohne auf die Bc- grüßung weiter einzugehen, einen Stuhl heranzog.„Hier können wir ungeniert miteinander reden! Was wollen Sie essen?" „Das ist mir ganz einerlei," sagte Daniel matt,„ich habe seit vierundzwanzig Stunden keinen Essensaeruch unter der Nase ge- habt.. .(Fortsetzung folgt)] Die Meäergeburt des Monumentalen. sDie Schwarziveiß-Ausstellung der Berliner Sezession� Nichts ist langweiliger als eine Ausstellung, die nur Zufälliges zeigt, nur das. was eben just für dieien Markttag fetiggestellt wurde. Was sind uns Eintagsfliegen, kurzlebige Schwärme, die uns be- lästigen, uns den Rhythmus der Betrachtung zerstören. Für einige Zeit mag es schliepch hingehen, nackte Tatsachen einsammeln zu müssen; aber schließlich, wenn das Matz erfüllt, drängt der Stoff zur Form, wallen die Ereigniffe sich zur Entwickelung ordnen. Nicht, datz mystische Dünste die Wahrheit verhüllen oder versüßen sollten; wir begehren keine Unideuiung der Wirklichkeit, aber: wir suchen das Gemeinsame in der Flucht der Erscheinungen. Wir wollen das Gesetz erkennen, die innere Logik, den strebenden Zwang im Wechsel des Täglichen. Uns gelüstet, die Architektur des Werdens zu erleben und die sinfonische Einfachheit aus dem Auf und Nieder des Modischen zu erhorchen. Und eben darum, weil uns die Ausstellungen der Sezession beinahe immer auf solches Fragen nach der Tendenz des bauenden Geistes irgend welche Antwort geben, weil sie uns Zu» sammenhänge, Keimen, Wachstum und Reifen sehen lassen, darum sind sie uns so unendlich wertvoller, als die Jahrmärkte von gestern. heute und morgen. In solchem Sinne verdient die gegenwärtig zu sehende Schworzweitz-Ausstelluiig nicht nur das lebhafteste Interesse. auch die Leidenschaft aller, die den Kurvenzug der modernen Kunst von der Revolution des Naturalismus zum Gottesdienst am Menschen ausspüren möchten. Wer als Empfindsamer diese Säle durchschreitet. gewinnt das schöne Gesühl, eine Spanne des ewigen Laufes rund und voll umfangen zu haben. • Die EntwickelungSgeschichte der modernen deutschen Kunst würde in der Luft schweben, wollte man nicht klar und deutlich Frankreich. als Unterbau und Krastzentnim hinstellen. Darum war es töricht, datz etliche Teutonen über die vielen Franzosen aus dieser Aus- strllung zeterten. Im Gegenteil, die Vorführung der Reihe von JngreS, über Delacroix zu Degas war die einzige Möglichkeit zum Verständnis der Folge von Rethel über Liebermann zu Hodler.— Von JngreS treffen wir eine Lithographie aus dem Jahre l82ö. eine Ovaliske. Die kühle Wärme und daS akademische Temperament diese« Aktes ist wie eine Forderung, gezogen auf Delacroix. Der gepflegten Form mutzte sich das dramatische Wollen und die ge- staaiclte Phantasie ge'ellen. Delacroix läßt das Blut des Rubens wieder aufrauschen. Er zeigt ein wildeS Pferd, das diagonal gegen den oberen Rand des Blattes steigt; Schwarz und Hell ballen sich in Massen. Alles ist Bewegung, selbst der Still- stand. Bei JngreS ist alles Stillstand, selbst die Bewegung. Wie energisch Delacroix Licht und Schallen zu meistern weiß, wie er die beiden Gegner zusammenhetzt und auSeinanderreitzt, dafür zeugen die Lilographien zu Goethes Faust. Sie entsprachen gar nicht der Art, wie wir uns, von Jugend an gewöhnt. Faust. Gretchen und Mephisto vorstellen; dazu sind sie viel zu operettenhast, auch zu bewußt diabolisch. sMan denkt: Faust von Offenbach.s Aber wie Mephisto durch den Raum fliegt und unten die Silhouette der Stadt aufzuckt; wie FaustenS Zimmer durch das Quirlen des LichteS feine Räumlichkeit empfängt— das ist«in Triumph des dramatisierten Lichtes und der beweglichen Massen.— Neben Delacroix will G s r i c a u l t genannt sein. Wir empfinden diesen Fran- zosen als eine Objektivierung der Leidenschast. Wenn er unS einen Löwen zeigt, der mit gewaltigem Tayenschlag ein Pferd niederschlägt, so denken wir«inen Augenblick an Freiligrath, um sofort zu fühlen. wieviel knapper und energischer des Franzosen Form daS Leben fängt.— Doch beide, Delacroix wie Göricault, sie mahnen uns an einen früheren, an einen Nachfolger der Ribera und Zurbaran: an Goya. Der tolle Spanier kocht aus allen Lastern und Tobsüchten seiner sündhaften und fanatischen Zeit eine Feuersuppe. Mit ge- hetzten Strichen nagelt er Idioten, gefangene Afrikaner, lebende Skelette, verzweifelnde Selbstmörder auf papierne Fetzen. Ihn reizt es. die Guillotine zu zeichnen, das Fallbeil und den Kopf des ManneS in der Lunette. ES ist, als peitsche ihn die Welt, als nähme er an ihr mit Peitschenhieben Rache. DaS Tobsüchtige be- zwingt er als ein Tobsüchtiger; aber er zwingt eS. Er bannt die Raserei zum Ornament aus Schwarz und Weiß. Das Gleiche tat später D a u m i e r; auf seinem vielberühmten Blatt der Richter wandelt er die Blödigkeit, das Schlafmützige und die Selbst- gewitzheit der Auguren, wandelt er die Roben, die Bäffchen und die Barelte in ein Gesteck, in ein Verlöschen und Aufleuchten. Eine lyrische Melodie spielt, säuselt und zwitschert Guys. Ein Dichter von der Seligkeit der Beine bei Damen und Pferden. Alle Frechheiten des zweiten Kaiserreiches und der Krinoline demonstriert er mit müder Geste an hohen, gespreizten Wagenrädern, an wippenden Kaleschen und melodisch räuschelnden Pantalons. Merkwürdig genug, datz all diese flirrenden Episoden vom Rennplatz und Manöverfeld das einheitliche Matz der dekora- tiven Grazie nie verleugnen. Nie bleibt die Darstellung in der Karikatur stecken. In Degas reiste dann eine Ersüllung dessen, was in Guys erwachte. Die Ballettmädchen, die Degas mit sinn- lichen Kräften inS Abstrakte wandelt, werden zum architektonischen Mittel, den Raum zu bauen. Wenngleich er das Weib als Fleisch fibt, so entäußert er es doch alles Zufälligen, bereichert es zum ypuS und löst mit so gereinigter Form ein kompliziertes Thema Raummusik. Solche Klassik ist in Maurice Denis. sAuch einen Nach» kömmling des Puvis könnte man ihn nennen.) Weiche Mädchen- körper zeigt er in wellenden Linie»; aus einem lichten Schatten tasten sie sich zur schwindenden Wirklichkeit, aus einem Nichts er- blühen sie zum Schein. Wie der Staub auf Falterflügeln liegt die Farbe über ihnen, wie ein bunt verflimmenider Nebel. Der Naturalismus wurde überwunden. Denis dient nicht dem Menschen, er nimmt den Menschen sich zum Dienst. Der Mensch wird zum Material, auf dem und aus dem gespielt wird. WaS an Denis stört, find die mystischen Untertöne, ist die Koketterie eines modernisierten Katholizismus. Was an ihm wert- voll, das ist die klare Tendenz von der Wirklichkeit durch die Empfindung zur gesteigerten Leidenschaft, zur Sinfonie des Monu» mentalen. Jene Tendenz, die Delacroix wie einen Sturm über Ingres kommen ließ. In Deutschland beginnt die Reihe mit Alfred Rethel. In diesen Sludienköpfen sehen wir wieder die kühle Sachlichkeit der Akademie, wir spüren aber auch das Erwachen eines zur großen Form strebenden Verlangens. Es ist bereits Raum in diesen Köpfen; sie sind nicht vollgestopft mit Details. Die Stirn, die Augen, der Zug von der Nase zum Mund, alles soll sich frei be- wegen können. Solche Räumlichkeit ist es, die dann in dem Werke L i e b e r m a n n s sich machtvoll entfaltet. Auf dem Karton zu der Judengasse in Amsterdam sehen wir diese Leere. Sie wurde zu einem Faktor der Rechnung, zu einem ausschlaggebenden. S„ hebt der Impressionismus an, über sich selbst hinauszuwachsen. So steigert sich der schnell vergehende Augenblick zum verklärten Ausdruck. Es ist überaus töricht, zu glauben, datz der Jmpresfio» nismus jemals sich darauf verbissen hätte, die Wirklichkeit wahllos zu kopieren.„Mit einem einzigen PfcrMiein steht oder fällt mein Bild", sagt Liebermann; so zwingt er also das Vorhandene nach dem Matzslab einer inneren Vorstellung. Dadurch eben wächst das Kunstwerk über die Natur. Solche Bereicherung läßt sich für alle aus dem Kreise der Impressionisten eindeutig feststellen. Nur auf einen der Jüngeren sei heule verwiesen, auf Brockhusen. Wie reinigt er die Natur von dem für die Bildabsicht überflüssigen Bei- werk, wie reduziert er sie auf ein Skelett, einen Extrakt des Muskulösen und der Gelenke. An solchem ebenso verneinenden wie schöpferischen Prozeß entscheidet sich das Werturteil über das Künstlerische im Kunstwerk. Das will besonders beachtet sein bei ollen Blättern, die mehr oder weniger illustrativen Absichten dienen möchten. Es ist gewiß ein schönes Zeugnis für seine Menschlichkeit, wenn der Künstler sich an die Armen der Straße, an die Opfer der Kultur verlor. In- dessen auch daS soziale Motiv wird erst durch die Form zum Kunst- werk erhoben. So ergibt sich in dieser Ausstellung eine Stufenfolge der Qualität: B a l u s ch e k. der brave Registrotor; Z i l l e, der Urberliner und Physiognomikcr der Rhachitis; Käthe K o l l w i y, die Priesterin des Elends, die Prophetin des Voltssturmes. Baluschek gibt den Stoff; Zille verwandelt das Alltägliche in eine karikaw- ristiiche Schablone. Die Kollwitz enthüllt aus der leidenden Materie die sehnsüchtige Seele; sie begnügt sich nicht mit einem Schema, sie erlebt immer wieder neu das heilige Urbtld, die Gottheit in den Zertretenen. Solcher Dienst am Menschen findet durch daS, WaS Barlach und Hodler zeigen, feinen höchsten Ausdruck. B a r l a ch befreit die plastischen Gewalten, die in den fleischigen Körpern der Bauern ge- speichert find. Mit einer weichen, schmiegsamen, in den Schmerz sich einfühlenden Linie schreibt er die Hieroglyphe eines zur Erde ge« beugten Geschlechtes; mit kaum spürbarem Griff, mit wohltättger Hand löst er die Bande und läßt den Kerker der VerkommniS sich zum Tempel des Menschlichen und Kosmischen wölben. Er zeigt die Greise, gedunsen, als bildlose Masse, taumelnd, in die Nacht hinausschreiend, gleich hungrigen Wölfen. Er zeigt aber auch den Menschen, der sich emporreckt, die Last der Erde abschüttelt und nach den Sternen sein Verlangen schickt. Barlach will den Menschen über sein Dasein hinaus zum Sonnenwandrer heben; Hodler läßt durch den Menschen die ewige Sinfonie der Gestirne, da« Hohelied der Kraft und der Keuschheit, des MuteS und der Einsicht über die Erde schallen. Hodler thematisiert den menschlichen Körper, er nutzt ihn als tönende» Material, um ihn daS Pathos von Fanfaren und die Gewalt von Drommeten ge- Winnen zu lassen. Von Michelangelo heißt eS, datz der Mensch daS seiner allein würdige Thema war. Das gleiche gilt für Hodler. Der Mensch ist ihm alleS; aus Menschenleibern baut er eine neue. unsterbliche Welt. Er stellt Menschen in Reihen, er läßt sie sich im Takt des MorgcnaufgangeS und der erschauernden Andacht, des auf- springenden Sturmes und deS siegenden Sterbens, er lätzt sie sich nach dem allumfassenden, ewig verständlichen Rhythmus de» Universums bewegen. So werden diese Menschen Gefäße und Denk- male, Sprache und Musik. Ein Mädchen schreitet über die Wiese— und alle Seligkeiten deS Keimen« und Werdens quellen in den Raum. Ein Alter tastet sich vorüber— und die schwarzen Schatten de« Unabänderlichen verhängen das Licht. Ein Holzfäller schnellt empor in gewaltigem Ausholen, die Axt drohend,' die Muskeln zur Tat gespannt— und das Hohelied der Arbeit und der Kraft, der Jugend und der Herrschaft des Menschen stürmt und jauchzt bis zum Horizont des Unendlichen. Robert Breuer. tBaijitud benoten.) Hus der Gcfcbicbtc des Scblitt- fcbubs. von Karl Schilling lBcrlin). Bis tief in die nebelgraue Ferne altnordischer Göttcrsagenzcit 13�1 sich die Kunst des Schlittschuhlaufens verfolgen. Die nordische Sage schreibt ihre Erfindung den Göttern zu: kein Sterblicher durfte sie für fich in Anspruch nehmen. Der Äse Aller, der Gott des Gesanges, war es, der den Kothurn zuerst an den Fuß legte, um übxr die unwegsamen Pfade, wie sie der Winter erzeugt, leicht dahineilen zu können. Aus dieser Mitteilung läßt sich zugleich auf das Alter des Schlittschuhs schliefen: er war bereits der alt- germanischen Welt bekannt. Den federleichten Schlittschuh nnscrer Tage kannten freilich die Nordländer nicht. Das Modell des Schlittschuhs jener Zeit wurde im Schweizerlandc aus einer Moorschicht zutage gefördert. Unter verschiedenen Stein, und Knochenwerkzeugen, die gelegentlich einer Rochgrabung auSgeboben wurden, fand man auch einen Schlittschuh. der aus einem Pferdeknochen hergestellt worden war. Ungefähr L8 Zentimeter lang, ist der Knochen sowohl an den Seiten als auch unten angeschliffen, so dasi eine Sohle von etwa 3 Millimeter Breite und 2ö Zentimeter Lange ihre Unterlage berührt. Der Fund er- regte seinerzeit berechtigtes Aufsehen. Zuerst zweifeUe man wohl, es hier mit dem ersten Ansang des Schlittschuhs zu tun zu haben, da kam aus Schweden die Nachricht über einen ganz ähnlichen Fund. Der schwedische Schlittschuh zeigte nicht nur an.sgeschlisfene Kanten, die dem Fuß Halt verliehen, sondern an der Spitze des Knochens fand sich auch ein Loch und am entgegengesetzten Ende eine Kerbe, durch die wahrscheinlich ein Riemen gezogen wurde, der zum Bc- -festigen diente. Solche»llk�-Schlittschuhe. deren Alter man bei- läufig auf 3l>00 Jahre schätzt, hat man auch im Spreebctt bei Berlin und Spandau, in den Gegenden von Moorfield und Finsbury(Eng- land>, wie auf der ganzen Linie von Norwegen bis Ungarn gc- funden. Merkwürdig aber ist, dasi die Knvchenschlittschnhe ans der Pfahlbauzeit sich bis ins frühe Mittelalter hinein in ihrer Gestalt erhalten haben. So erzählt der Londoner Chronist Fritz Stephan aus dem 13. Jahrhundert ausdrücklich daß die Londoner Jugend „Knochen" unter die Füsie binde und mittels dieser schnell über das Eis dahingleite. Theodor Storm gibt in seiner Novelle„Auf der Universität" eine reizvolle Schilderung des Eisbahnvcrgnügens wie eine? kleinen Eisabenteuers uei sagt dabei u. a.:»Von alt und jung auf zweien und auf einem Schlittschuh, sogar auf einem unter- gebundenen Kalbsknöchlein wurde die edle Kunst des iEslaufens geübt." ES würde zu weit führen, an dieser Stelle die allmähliche Ver- vollkommnung des Schlittschuhs veriolgen zu wollen. Erwähnt sei nur, dasi vor zirka 500 Jahren in Hallaich der erste hölzerne mit einer Eisenschiene versehene Schlittschuh auftauchte. Heute wird- namentlich in Amerika und Rusiland in Schlittschuhen ein großer Luxus entfaltet. Schlittschuhe aus Gold und Silber sind durchaus nichts Ungewöhnliches. Viele ScbUttsch-ihläufer, die mit dieser Extravaganz noch nicht zufrieden sind, lassen die Schlittschuhe mit kostbaren Steinen besetz-n. Die Kunst des Schlittschuhlaufen-Z hat natürlich auch ihre eigene Literatur. Eine sachliche und technische Literatur dieses Sports beginnt aber erst in der zweiten Hälfte ides 18. Jahrhunderts. Das Haupwerdienst in dieser Hinsicht gebührt Klopftock. Wie durch sein echt deutsches Lieb, so gewann er auch durch sein Interesse für den Schlittschuhlauf die Herzen der Jugend. Es erschien ihr fast un- vereinbar mit der Pietät fiir den Dichter des Messias, nicht auch dem Eislauf zu huldigen wie er. Klopftock war ein leidenschaftlicher Echttttschuhläufer. ja mehr als das, ein schwärmerischer Apostel des Eislaufs. Am liebsten pflegte er den Sport in Mondscheinnächten: „Nur«in Gcsetzl Wir verlassen nickt eh' den Strom, bis der Mond am Himmel sinkt!" Die vielfachen Spöttereien über diele angeblich seinem Alter nicht angemessene Liebhaberei störten den Dichter nicht im geringsten. Er war von dem hohen Wert de» Eissporis fest über- zeugt und teilte die Ansicht der Pädagogen des 16. und 17. Jahr- Hunderts nicht, die eine entschiedene Abneigung gegen das Schlitt. schuhlaufen besaßen, da es ihnen zu wild und gefährlich dünkte. Selbst seine Poesie stellte Klopftock in den Dienst des geliebten Sportes, so u.a. in den herrlichen Oden„Der Eislauf"(1764) und „Die Kunst Tialfs"(1767), wie auch in den„Winterfreuden". In dem zuletzt genannten Gedicht bedauert der Drciundsiebzigjäbrige schmerzlich, nunmehr dem Krystall der Flüsse Ade sagen zu müssen. Auch Goethe wurde durch solche Motive bewogen, noch als Mann die Kunst deS Schlittschuhlaufens zu erlernen. Er sagt über diese Episode seine? Lebens u. a.:„Bei eintretendem Winter tat sich eine neue Welt vor uns auf. indem ich mich zum Schlittschuh- laufen, das ick vorher nicht versucht hatte, rasch entschloß. Diese neu« frohe Tätigkeit waren wir Klopftock schuldig, seiner Be- geisterung für diese glückliche B<:vegur g. Ich erinnere mich ganz genau, daß an einem heiteren Frühawrgen ich, aus dem Bette springend, mir verschiedene Stellen aus Klopstocks Oden zurief. Mein zaudernder, schwankender Entschluß tvar sogleich bestimmt, «nd ich flog strccklings dem Orte zu, vZd ein so alter Anfänger mit einiger Schicklichkeit seine ersten Hebungen vornehmen kann." Nicht verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.= Druck u. Verlag: mir den Tag verbrachte Goethe mit setnen Genosse« auf dem Eise, sondern bis in die Nacht wurde diese herrlichx Bewegung fortgesetzt und zu Ehren Klopstocks diese oder jene EiSlauf-Ode in dcklama- torischem Halbgesange rezitiert.„Wenn wir uns im Dämmerlicht zusammenfanden," fährt Goethe fort,„erscholl das ungeheuchelte Lob des Stifters unserer Freuden. Solchen Dank verdient fich ein Mann, der irgendein irdisches Tun durch geistig? Anregung zu ver. edeln und würdig zu verbreiten weiß." Auch Goethe hat den Eis- lauf verherrlicht, und wen« er mit Klopftock zusammentraf, unter» hielte�fich die beiden Dichter nicht über Kocsie und 5lunst, sondern schwärmten vom Eislauf. Seitdem die Fertigkeit im Eislauf, die bis dabin als ein Knabenspiel angesehen wurde, solche Protektoren gefunden hatte, war sie gewissermaßen courfähig geworden, und von diesem Zeit» abschnitt an folgen bis zur Gegenwart nicht nur Aufsätze und Abhandlungen, sondern auch Werke über diesen Sport, wie zahlreiche Fachzeitschriften in seinen Dienst treten. Medizinische Autoritäten wie solche auf dem Gebiet des TurnwcsenS weisen auf den gesund» heitlick>cn Wert dieser Leibesübung hin, und zahlreiche Jugend- schriftcn besprechen und empfehlen die Ausübung dieses Sports. Wie die Holländer die ersten Schlittschuhe mit Eisenschienen bauten, so haben sie auch die ersten stählernen Schlittschuhe fabriziert und nxiren auch die ersten, die den Eislauf zu einer Kunst gestalteten— sie schlugen nämlich die ersten Bogen. Im allgemeinen gebärt der Schlittschumank im Lande der Kanäle z» den Notwendig» keilen des Lebens. Ost bildet dort das Eis wochenlang den einzigen Verkehrsweg— genau wie in unserem Spreewald� Da muß denn Alt und Jung, Groß und Klein. Männlein und Weiblein die Kunst des Eislaufs wobl verstehen. Daher kommt es auch, daß man in jenen Gegenden sein Augenmerk auf schnelles Laufen richwtz In Holland gibt es seit langem Schnellwettläufe auf Schlittschuhen. Zu. diesem Wettstreit treten die Männer in Slvsater und Knie» hosen an_ und die Frauen in Röcken, die in ihrem Schmitt den Balletteusenklcidern einigermaßen ähneln. Von Holland aus ver- bveitete sich der Sport nach England. Allerdings wurde er dort schon zur Zeit der Königin Elisabeth gepflegt. Der englische Chronist John Now(f 1605) schreibt nämlich:„Sobald der große Surnps, der sich bis Moorfield an der nördlichen Mauer der City erstreckt, gefroren ist, gehen die jungen Leute der großen Gesellschaft hinaus, um fich dort zu belustigen. Sie nebmcn einen Anlauf, drehe« den Körper nach der Seite, spreizen die Beine und schleifen so ein gutes Stück Weges fort. Andere nehmen einen Eisblock von der Grüße eine- Mühlsteines und benutzen chn als Sitz; einige spannen sich vorne an, indem sie einander die Hand reichen, uod ziehen so den Sckiliitcn vorwärts. Einige fallen zwar wieder, indem sie mit de« Füßen ausgleiten, andere aber, die mit dem Eise vcrtvautcr sind, befestigen sick an den Schuhen Knocken von Tieren, halten mit Eisen beschlagene Stöcke in der Hand, welche sie von Zeit zu Zeit in daS Eis stoßen, und gleiten so schnell dabin." Auch berichtet der Chronist von Eisspielen und bösen Fällen. Den Stahlschuh scheint England zur Zeit Karls de» Zweiten kennen gelernt zu haben, denn 1662 wird seiner zum erstenmal Erwähnung getan. Wie sehr die Engländer den Eissport lieben, beweist die Tat» fache, daß man dort weite Reifen unternimmt, um ihm huldigen zu können. In Berlin fand das Vergnügen am Schlittschuhlauf erst im 18. Jahrhundert allgemein« Aufnahme, und zwar nur als Herrenbclustigung. Das Verdienst, diesen gcsundhcitfördernden Sport auch in Berliner Damcnkreften eingeführt zu haben, gebührt der Opernsängerin Henriette Soutag, die in den zwanziger Jahren am Neuen Königstödier Theater engagiert war und bald zur Hof- und Kammersängerin ernannt wurde. Auch der Gcigerkänig Joachim war ein eifriger Schlittschuhläufer, obsckon er es zur Vollendung dieser Kunst' nicht gebracht hat. Während seines Aufcntbaltes zu Hannover soll ibm auf der Eisbahn sogar eine drollige Geschichte passiert sein. Beim Anschnallen der Schlittschuhe fragte er den Helfer, wie er fich zu verhalten habe.„O, et is janz liecht, Herr Konzertmeister"— Joachim war in Hannover ein« populäre Per» sönlickkeit—„Sie smieten det ecne Veen herrut und denn det ander, un denn loset Sei!" Gesagt, getan. Aber nur ein Schritt und der Herr Konzertmeister saß auf dem Eise.„Ja, ja. Herr Konzert- meister, et is janz liecht, aber so liecht wie det Beigelinspielen tS et denn doch nichl" Wie schon erwähnt, machten fich auch Pädagogen und Volks» erzieber um die Pflege des Eissports verdient. In der Erziehungs- anstalt des Schweizers Fellenbcrg zu Hofwhl wurde er mit Eifer gepflegt. Guts-Muths schrieb ein« warme und liebevolle Lobrede auf den Eislaus, und auch Jahn tat daS Seine für die Einbürgerung des Sports. So eroberte er sich immer weitere KKrcife. Zur höchsten EntWickelung aber kam er in Amerika, dem wir nicht nur die heutig« Form des Schlittschuhs, sondern auch den Kunstlauf ver. danken. Mitte der sechziger Jahr« produzierte sich in Europa der nordamcrikanische Eiskünstler Hahnes. Seine Leistungen waren stauncnerregend. An sie knüpfte sich eine vollkommene Reorganl» sation des Eissports in Europa. Heute herrscht, wenn der Winter seine Brücken über die Gewässer geschlagen hat, in der Schlveiz. in Deutschland, in Oesterreick und Holland, in England, Skandinavien und Rußland, kurz überall reger Schlittschuhsport. lngeräcCo�Berlin ZW.