Anlerhaltungsblatt des Horwärts Nr. 3� Donnerstag den 8. Januar 1311 (Nachdruck Beteoten.) 3] pelle der eroberen Roman von Martin Andersen Nexö. Autorisierte Uebersetzung von Mathilde Mann. Die Bauern sind jetzt ganz wach geworden. Wer die Pferde verlassen kann, mischt sich unter die Menge, die anderen wählen sich ihre Arbeitskraft mit den Augen aus und rufen die Betreffenden an. Jeder legt seinen Maßstab an— Schulterbreite, bescheidene Haltung, Erbärmlichkeit; aber vor den narbigen und boshaften Gesichtern haben sie Angst, die überlassen sie den Verwaltern auf den- großen Gütern. Es wird geboten und gefeilscht, jeden Augenblick kriechen ein oder zwei Schweden in das Stroh hinten im Wagen und rollen davon.-- Ein wenig abseits stand ein älteres gebeugtes Männchen mit einem Sack auf dem Rücken und einem acht- bis neun jährigen Jungen an der Hand; zu ihren Füßen lag eine grüne Kiste. Sie folgten aufmerksam den Vorgängen und jedesmal, wenn ein Wagen mit ein Paar von ihren Lands- leuten davonrollte, zupfte der Knabe ungeduldig den Alten, der ihm dann beruhigend zuredete. Der alte Mann umev suchte die Bauern einen nach dem anderen mit bekümmerter Miene und bewegte dazu die Lippen— er dachte. Beständig liefen ihm die roten, wimp�rlosen Augen in Folge des Starrens über und er trocknete sie mit dem groben, schmutzi- gen Sackhals ab. „Siehst Du den da?" sagte er plötzlich zu dem Jungen und zeigte auf einen kleinen, dicken Bauer mit Apfelwangen. „Was meinst Du? Der ist gewiß gut gegen Kinder. Wollen wir es mal versuchen. Junge?" Der Kleine nickte ernsthaft und sie steuerten auf den Bauern los. Als er aber hörte, daß sie zusammenbleiben mußten, wollte er sie nicht haben, der Junge sei zu klein, um sich sein Brot zu verdienen. Und so erging es ihnen jedesmal. Es waren Lasse Karlsson aus Tommelilla in der Nswdcrgegend und sein Sohn Pelle. Ganz fremd war Lasse ja nicht, er war schon einmal auf der Insel gewesen— vor ungefähr zehn Jahren. Aber da- mals war er jünger, sozusagen in seiner besten Arbeitskraft und hatte nicht den kleinen Jungen an der Hand, von dem er sich um alles in der Welt nicht trennen wollte— das war der Unterschied. Es war in dem Jahr, als die Kuh in der Mergelgrube ertrank und Bengta ihrem Wochenbett ent- gegensah. Karg sah es ja nur aus, ober Lasse setzte alles auf eine Karte und benutzte die paar Kronew die er für die Haut der Kuh bekam, um dafür nach Bosnholm zu fahren. Als er im Herbst nach Hause zurückkehrte,. waren sie drei Münder, aber da hatte er auch hundert Kronen, mit denen er dem Winter entgegensehen konnte. Lasse war damals imstande gewesen, die Situation zu retten: und noch heute konnte sich seine alte Gestalt sttaff aufrichten, wenn er an die Heldentat dachte. Später, wenn Schmalhans regierte, sprach er immer davon, den ganzen Plunder zu verkaufen und für immer nach Bornholm zu ziehen. Aber Bengta kränkelte nach dem späten Wochenbett und es wurde nichts daraus— nicht eher, als bis sie nach achtjährigem Elend starb, jetzt, kürzlich im Frühling. Da verkaufte Lasse die Ueberreste unter der Hand und erhielt knapp hundert Kronen dafür; die gingen damit drauf, jedem das Seine zu bezahlen; die lange Krankheit hatte gezehrt. Das Haus und der Boden gehörten dem Gutsbesitzer. Eine grüne Kiste, die zu Bengtas Aussteuer gehört hatte, war das einzige Stück, das er behielt. Da hinein packte er ihre Ge- brauchsgegenstände und einige von Bengtas Kleinigkeiten und schickte sie mit einem Roßkamm, der Pferd und Wagen hatte, vorauf in die Hafenstadt. Allerlei altes Gerümpel, worauf niemand bieten wollte, stopfte er in einen Sack, und den über dem Nacken und den Knaben an der Hand, machte er sich auf die Fußwanderung nach Nstad, wo der Dampfer von Rönne anlegte. Das Geld reichte gerade zur Ucber- fahrt. Er war seiner Sache unterwegs so sicher gewesen und (hatte Pelle in hohen Tönen voki diesem Lande erzählt, in dem die Löhne so unfaßbar hoch waren und wo man zuweilen � Belag zu dem Brot bekam und immer Bier dazu, so daß d-c Wassermagen in der Ernte nicht bei den Arbeitern um- herfuhr, sondern nur für das Vieh da war. Und— ja, wev wollte, der konnte Branntwein wie Wasser trinken, so billig war der, aber er war so stark, daß es einen schon beim dritten Glas umstieß. Sie brannten ihn aus richtigem Korn und nicht aus kranken Kartoffeln, und sie tranken ihn zu jeder Mahlzeit. Und nie brauchte der Junge da zu frieren, denn da trug man Wolle am bloßen Leib und nicht diese unge- bleichte Leinwand, durch die es so kalt hindurchblies; aber ein Arbeiter, der sich selbst beköstigte, bekam leicht seine zwei Kronen den Tag. Das war ganz was anderes als die lausigen achtzig Oere des Gutsbesitzers bei eigener Bekösti- gung. Pelle hatte dasselbe schon viele Male gehört— von dem Vater, von Ole und Anders, von Karna und hundert anderen, die auch hier gewesen waren. Im Winter, wenn die Luft treibend dick war von Kälte und Schneegestöber und der Not der armen Leute, redeten ganz einfach alle davon in den kleinen Orten daheim. Und für die, die nicht selbst auf der Insel gewesen waren, sondern nur davon hatten er- zählen hören, trieb die Vorstellung ganz phantastische Schlüsse um die Wette mit dem Frost an den Fensterscheiben. Pelle wußte es ganz genau, daß hier selbst die ärmsten Jungen immer in ihren besten Anzügen gingen und Schmalz- brot mit Zucker darauf aßen, so viel sie nur wollten. Hier floß das Geld ganz einfach so wie der Dreck an den Wegen entlang, und die Bornholmer mochten sich nicht einmal die Mühe machen, sich zu bücken und es aufzunehmen. Aber Pelle wollte es aufsammeln, so daß Vater Lasse das alte Gerümpel aus dem alten Sack schütten und die Beilade in der grünen Kiste leeren mußte, um Platz zu schaffen. Und selbst dann würde es noch knapp damit sein. Wenn sie jetzt nur bald weg kämen— er zupfte den Vater ungeduldig. „Ja, ja." sagte Lasse, dem das Weinen im Halse steckte, „ja, ja. Du mußt wohl Zeit lassen!" Er sah sich unschlüssig um. Hier stand er nun mitten in all der Herrlichkeit und konnte nicht einmal einen bescheidenen Platz für sich und den Jungen finden. Er begriff das nicht. Hatte sich denn die ganze Welt seit seiner Zeit verändert? Es zitterte ihm bis in seine rauhen Hände, als der letzte Wagen von bannen rollte. Eine Weile starrte er ihm hilflos nach; dann schleppten er und der Junge die grüne Kiste an eine Mauer, und Hand in Hand wandetten sie der Stadt zu. Lasse bewegte die Lippen beim Gehen— er dachte. Für gewöhnlich dachte er am besten, indem er laut mit sich selbst redete: aber heute waren alle seine Fähigkeiten in Bewegung und er konnte sich damit begnügen, die Lippen zu bewegen. Und während er so dahintrabte, gestalteten sich seine ent- schuldigenden Gedanken zu entschuldigenden Worten.„Zum Teufel auch," rief er aus und sandte mit einem Stoß de� Rückens den Sack weiter über den Nacken hinauf,„man soll auch nicht gleich das erste beste nehmen, was sich bietet; das is mch' mal klug! Lasse hat ja Verantwortung für zwei, sollt' ich meinen, und er weiß, was er will— na ja! Bin doch schon friiher im fremden Land gewesen, weiß Gott. Und das beste tommt immer zuletzt, daß Du Dir das merkst. Jung'!" _ Pelle hörte nur schwach zu. Er hatte sich bereits ge- tröstet, und die Worte des Vaters, daß ihnen das beste noch vorbehalten sei, waren ihm nur ein schwacher Ausdruck einer mächtigen Wahrheit— daß nämlich die ganze Welt ihnen ge- hören würde, mit allem, was sie an Wunderbarem enthielt, mit Stumpf und Stiel. Er war schon im Begriff, sie in Besitz zu nehmen— mit weitgeöffnetem Munde. Er ging mit�incr Miene einher, als wolle er den ganzen Hafen verschlingen, mit allen seinen Schiffen und Booten und den großen Bretterstapeln, die wohl so aussahen, als seien sie inwendig hohl. Ja, hier war ein Spielplatz— aber da waren keine Jungen! Ob die Jungen hier wohl auch so waren wie die zu Hause? Er hatte noch keine gesehen. Am Ende hatten sie eine ganz andere Manier, sich zu priigeln— aber er wollte schon mit ihnen fertig werden— wenn sie nur ?mmer zur Zeit kommen wollten. Da stand sa ein großes Schiff ganz oben an Land, und man war ja wohl im Begriff, ihm die Haut abzuziehen. Ei sieh mal an, das Schiff hatte mich Rippen, genau fo wie die Kühe! Bei dem großen Holzschuppen mitten auf dem Hafen- Hlatz fetzte Lasse den Sack-nieder. Er gab dem Jungen ein Stück Brot und sagte ihm, er solle hier bleiben und acht uuf den Sack geben: dann ging er weiter und verschwand. Pelle war tüchtig hungrig, er umfaßte das Brot mit beiden Händen und hieb gierig ein. Als er die letzten Krumen von seiner Jacke ausgepickt hatte, sing er au, sich mit seiner Umgebung zu beschäftigen. Das Schwarze in dem mächtigen Kessel da war Teer, den kannte er recht gut, er hatte aber noch me so viel auf einmal gesehen. Pfui Teufel, wenn man nun da reinfiel während es kochte— das war gewiß noch schlimmer als der Schwefel- Pfuhl in der Hölle selbst. Und da lagen ein paar gewaltige Angelhaken, gerade solche, wie sie an dicken eisernen Ketten dem Schiff aus den Nasenlöchern herausgehangen hatten! Ob es wohl noch Niesen gab, die mit solchen Angelhaken fischen konnten? Der starke Johann ließ sie sicher auch liegen! Er stellte aus eigener Anschauung fest, daß die Bretter- stapel wirklich hohl waren und daß er mit Leichtigkeit auf ihren Boden hinabgelangen konnte— wenn er nur nicht den Sack zu schleppen gehabt hätte. Der Vater hatte gesagt, er solle acht darauf geben und er ließ ihn keinen Augenblick aus den Händen, da er zu schwer zu tragen war, mußte er ihn von einem Gegenstand zum anderen hinter sich her- ziehen. Er entdeckte ein kleines Schiff, nicht größer, als daß ein Mann ausgestreckt darin liegen konnte, und voll von gebohrten Löchern im Boden und an den Seiten; er forschte sich vor- wärts bis zu dem großen Schleifstein des Schiffszimmer- meisters, der fast so hoch war wie ein Mann. Hier lagen krumme Planken, in denen Nägel saßen, so groß wie des Dorfschulzen neue Spannpflöcke daheim: und das Schiff war daran vertaut, war das nicht eine richtige Kanone, die sie da aufgepflanzt hatten? Pelle sah das alles und untersuchte jeden einzelnen Gegenstand auf erforderliche Weise— bald nur, indem er ihn abschätzend anspie, bald indem er mit dem Fuß dagegen stieß oder mit seinem Taschenmesser daran kratzte. Traf er auf irgend ein seltsames Wunder, das nicht auf anderem Wege in sein kleines Gehirn hineinwollte, so setzte er sich rittlings darauf« (Fortsetzung folgt.h (Nachdruck veriolM-l 2] Oer Rungerkünftlcr. Von Hermann Heijermans. .Mann," rief der Wohltäter freudig erregt,.Sie könnten mir gar nichts Besseres erzählen! Seit heute morgen vier Uhr, un- gelogen seit vier Uhr, bin ich darüber aus, einen Original-Hunger- leider aufzutreiben. Einen Hungerleider mit einem Gesicht, das mir gefällt. Sie scheinen mir der Richtige. Genau dieselbe Größe, derselbe Mund, dieselbe Nase, nur Ihr Haar ist anders, das könn- ten wir aber mit einem Leinenstreifen umwickeln, bevor Sie in den Sarg hineinkriechen.. „Gestatten Sic mal," fiel ihm der gepriesene Hungerleider ins Wort,„das ist jetzt schon das zweite Mal, daß Sie von einein Sarge reden.. „Leise, leise, junger Mann," ermahnte der Fremde.„Ich werde Ihnen schon alles auseinandersetzen. Sie, Herr Doktor, was gibt es zu essen?" „Prachtvolle Erbsensuppc mit Speck," antwortete der Wirt mit einer Dreistigkeit, daß man ihm eins herunterhauen sollte. „Gut," bestellte der Freigebige.„Bringen Sie schnell zwei Teller mit doppelten Speckrationen." Und dann leiser redend, bange, daß das Mädchen etwas davon verstehen würde, begann er sich zu informieren. „Wohnen Sie hier?" „Nein," antwortete Daniel, noch ganz beklommen durch den bloßen Gedanlen, daß seiner unerwartet wie vom Himmel gc- fallen, Manna-Erbsensuppe mit Speck wartete,»nein, ich wohne im Grunde genommen nirgends." „Ausgezeichnet!" rief der Andere, wobei er sich die Hände rieb. »Aber Sie haben viele gute Bekannte und Freunde?" „Gar keine— nur meine Frau und einen Hund mit Men- schcnverstand."' „Famos, famoS! Das Einzige, was Sie sich gut einprägen müssen, ist, daß sie nicht zu Ihnen kommen dürfen, wenn Sie ein- ««sargt liegen..' Das war nun das dritte Mal. Ob er eS wohl mit einem Ler« rückten zu tun hatte?' „Die fünfzig Mark Vorschuß können Sie ihr ja schicken— wenn Sie das wollen, sofort— aber keine Besuche. Sie verpflichten sich fest für einen Monat, dreißig Mark pro Woche und einen cmstän- digen Extragroschen, wenn die Geschichte so flutscht wie gestern.. Die durch das Klappfenster glitzernde Sonne lag wie auf einem Heiligenbildchen auf dem Zylinder des Sonderlings, die Dielen und Ritzen des Fußbodens verschwanden in trüb dampfenden Wölk-- chcn, das Mädchen verschwamm in einem Nebel, das Büfett mit dem Messingaufsatz und Spülapparat bekam den rötliche» Schein eines Frühlingsmorgenrotes und um den Kopf des Verführers strahlte ein bleicher Nimbus... In diesem Zustand höchster Erregung, des Entrücktseins aus dem Lebenselend, setzte ihm der Wirt die beiden Teller Erbsen- suppe vor, zwei Teller mit vier Stück Speck, zwei Teller mit Speck und Schwein-öhrchen, zwei Teller mit einem Runken Brot dabei, zwei Teller, dick und schwankend, nicht zu heiß, nicht zu lau, son- dern fett und voll und anbetungswürdig. Als Menschenkenner, der der Wohltäter zu sein schien, sprach er, solange Daniels Löffel den Brei durcbarbeitete, solange seine Kiefer durch Mahlen und Kauen in Anspruch genommen waren, kein Wort. Tann, als die Teller— beide— vom Abschrapen mit der letzten Brotkruste blank geworden und er selbst noch einige Glaser Bier hinuntergespült hatte, legte er ohne weiteren Rückhalt der- traulich los. „Also hören Sie mal, Freund," sagte er,„ich befinde mich in einer ganz verdammten Klemme. Gestern bin ich nämlich mit dem berühmtesten Hungerkünstler der Welt hier angekommen— eil» Mann, der einen ganzen Monat ohne einen Löffel Nahrung in einen versiegelten Glassarg eingeschlossen wird— und was tut der Schuft vorige Nackt? Weil er in seinem tollen Spleen den Einfall bekommt, daß ihn seine Frau betrügt, während er in dem Sarge logiert— mit mir betrüg:!— mit mir! Stellen Sie sich bitte mal vor,«in Weib mit falschen Zähnen und einem Körper wie ein Mehlsack!— Mit mir, den nur schlanke oder junge Wei-- ber reizen können!— dricht der Kerl um vier Uhr aus, um uns zu überraschen!... Was sagen Sie zu solch einem Schubejack, zu solch einem Hallunken? Ich habe nun an die Tür, die Tag und Nacht für das Publikum, das sich überzeugen will, offen steht, einer, Zettel kleben lassen, daß der Hungerkünstler von seinem sechs- wöchentlichen Fasten in London so erschöpft sei, daß er heute bis zwölf Uhr schlafen möchte und niemand an den Sarg zu kommen gestatte. Verstehen Sie mich? Und weil heute hier der erste Tag ist, wird auch wohl nieinand etwas darin finden. Neunundzwanzig Tage und Nachte können sie ja noch zum Beschauen kommen... Wollen Sie nun in den versiegelten Sarg kriechen?... Wollen Sie neunundzwanzig Tage darin liegen bleiben?— Dreißig Mark die Woche und einen anständigen..." Mit der köstlichen Last eines Magens, der schtvammartig auf- quoll, saß der Hungerleider von vornhin und lauschte dem Vor- schlag. Ein Lachen entfuhr seiner Kehle, daß ihm die Tränen über die unrasierten Wangen kollerten. „Zwei Nächte und anderthalb Tage halte ich eS höchstens aus. brachte er endlich wieder einigermaßen gefaßt hervor.„Ich habe auch schon mal ein- Woche lang nichts verzehrt, aber neunund- zwanzig Tage und Nächte, das scheint mir denn doch unmöglich, das kriege icb nicht fertig." „Hahaha", lacht« der Retter,„dann schlagen Sie schon einen guten Rekord, oder glauben Sie, daß Amarillo es länger als einen halben Tag aushielte? Sie babcn nur still zu liegen, zu schlafen, um sich zu'hchauen und zu lachen, wenn Sie ein hübsches Mädchen vor dem Sarge sehen, und Ihr Geld einzustreichen und Ihr Heu- tiges Gesicht beizubehalten. Für das Nebrige sorgen wir..." Ucber den Tisch neigte er sich zu dem gierig lauschenden Ohr, und über den glatten Kragen weg flüsterte er das klebrige. „Und wenn Sie mich meinem Schicksal überlassen, wenn Sie mir keine Bouillon, keine Eier.. sprach Daniel zögernd. »Scht!" warnte der Hungerkünstler-Jmpresario.„Leise dochk Wenn wir Sie nicht ausreichend versorgen, kann Sie der gläserne Kasten doch nicht bandigen, können Sie dem ganzen Publikum— gestern waren mehr als tausend Besucher da— durch die Lustlöcher zuscbreien, daß Sie heraus wollen, Dummkopf!" „Tausend Besucher?" wunderte sich Daniel.„Sind die Men- scheu so neugierig darauf,«inen Hungerleider zu sehen? Be» zahlen sie dafür? Warum bin ich nicht früher auf die Idee ge- kommen? Wenn Sie mich und meine Frau Barbara zusammen in Särge legten, würde da- denn nicht doppelt ziehen?..." «Possenreißer!" lachte der Impresario.„Asio abgemacht?" „Natürlich, Sie können mich meinetwegen ein halbes Jahr lang so ausstellen..." „Das würde ja kein Menschenkind glauben," erklärte der Schlaumeier,„sogar kein Professor. Sie müssen mal meine Atteste lesen. Ganz enorm I Grandios! Trinken Sie nur erst noch ein Glas Bier, lvährend ich hier den 5konlrakt ausfertige." „Schön, schön, aber das mit der Bouillon und den Eiern und dem warmen Essen nachts, das muß mit hinein, sonst danke ich dafür, sprach der Gesättigte, mit einem letzten Aufslackern von Miß» trauen. „Nein, Tod und Teufel— nein," wehrte der Aussteller euer» gisch ab.„Schwarz aus weiß mache ich das nicht. Ich lasse mich doch nicht kompromittieren. Sie unterzeichnen aus Treu und (SlanSen den Äottlralf, daß Sie sich verpflichten, dreißig Tage««d Nächte weder Essen noch Trinken zu sich zu nehmen, und nicht vor Langeweile in das Publikum hineinzufluchen, wie Ihr Vorgänger. Besonders nicht zu fluchen, ich habe auch viel christliche Kundschaft! Wenn Sie nach dieser Richtung hin alles pünktlich erfüllen, habe ich das Recht, unsere Abmachungen zu prolongieren. Herr Di- «ktork Ein Dunkles für den Herrn und einen Kognak für mich." .(Fortsetzung folgt.)i Oer �aubenkolonift als Gärtner und Klcmtlci'zücbtcf« Unsere Zimmerblumen im Winter. Frau Rosine Prietzke hat zwar eine grosse �md starke, wie ihre Freundinnen behaupten, aber auch eine glückliche Hand. Selten geht bei ihr etwas in Scherben und wenn schon, dann kittet und leimt sie selbst, und ihre Blumen gedeihen vorzüglich. Ob das aber wirklich auf die vielgerühmte glückliche Hand oder auf das wirkliche Verständnis für die Pflanzen und ihre Pflege zurückzuführen ist, das möchte ich, offen gestanden, nicht entscheiden. Ich habe aber beobachtet, dass fie alles richtig anfasst. Im Spätherbst, wenn gegen- über und bei den lieben Rachbarn die schönen Balkonblumen noch draußen stehen und natürlich erfroren sind, hat Frau Prietzke schon alles in Sicherheit gebracht. Sie sagt: Wenn wir Menschen uns so leicht erkälten, wird es den Zicrblumen, die grösstenteils aus Ivärmeren Ländern stammen und deshalb gegen die Ungunst der Witterung besonders empsindlich find, ebenso gehen. Schlimm aber ist es, dass wir das den meisten Blumen vorläufig gar nicht anmerken können. Ist der Mensch erkältet, so hat er Husten und Schnupfen, es fröstelt ihn, oder er fiebert, die Pflanze dagegen zeigt wenigstens vorläufig nicht die geringste Veränderung. Sobald man merkr, dass bei ihr etwas vorgeht, ist es schon schlimm und Rettung oft nicht mehr möglich Deshalb, meint Frau Prietzke, fei Vorsicht besser als Nachficht, und sie handelt danach Einige hübsche Pflanzen, mögen sie uns nun nur ihrer Blätler halber erfreuen, oder mit dustigen Blüten beglücken, sind im Win- ter immer ettvas Schönes; sie machen das Heim freundlich und an- genehm und ersetzen uns in den langen trüben Wintertagen Balkon, Laube und Garten. So vieles, was im Sommer draußen auf der Parzelle stand, läßt sich im Winter im Zimmer weiter pflegen, ebenso ist es auch mit den Balkonpflanzen. Es muss aber die rich- tige Auswahl getroffen werden. Manche Pflanzen ruhen im Win- ter, Stauden ziehen sich bis auf den Wurzelstock ein, Zwiebel- gcwächse bis auf die Zwiebeln, die dem Frühling entgegenschlum- mern, und manch kleine Halbsträucher, wie Hortensien, Fuchsien und andere lassen das Laub fallen. Wer das nicht kennt, der steht trauernd vor seinen Lieblingen, glaubt sie sterben zu sehen und überantwortet sie vorzeitig dem Mülleimer. Richtig verfährt man, wenn man die laubabwerfenden Topsfträucher und auch die aller- härtesten immergrünen, wie z. B. die Alpenrosen, Kirschlorbeer, Oleander, Lorbeer und Goldorange in den Keller bringt und sie bier so trocken als möglich hält, aber nicht vertrocknen lässt. Die Blätter dürfen nicht welken und die Rinde darf nicht schrumpfen. So sonderbar es auch aussieht, ist es doch Tatsache, dass alle jene Pflanzen, die wir im Keller überwintern können, die kalte Jahres- zeit am besten überstehen. Ein kühler, wenn auch ziemlich dunkler Standort ist einem hellen vorzuziehen, ivenn dieser allzu warm ist. In kleinen Wohnungen hat man nicht viel Wahl, oft sind nur Küche und ein einziger Wohnraum vorhanden. Infolge des ständigen Heizens in dieser Räumen wird die schon an und für sich schlechte Stadtluft, durch die schwefligen Verbindungen, die die künstliche Beleuchtung, namentlich das Gaslicht, erzeugt, noch weiter ver- schlechiert, zu trocken. Nimmt ma» einen Feuchtigkeitsmesser(Hy- grometer) zur Hand, so läßt sich feststellen, dass die Lustfeuchtigkeit, die in den Treibhäusern und an feuchten Tagen auch im Freien 80 Proz. und darüber beträgt, im Zimmer auf 30 Proz. und went- ger herabsinkt, während der normale Feuchtigkeitsgehalt der Zimmerluft W Proz. betragen soll. Die trockene Luft entzieht den Blättern das Wasser, die im Winter nur wenig tätigen Wurzeln können den Verlust nicht ersetzen, und abgesehen davon stört die hohe Temperatur der Wohnräume die Pflanzen in ihrer Winter- ruhe, es fallen die alten schönen Blätter, vorzeitige und deshalb geile und farblose Triebe bilden sich und entkräften die vordem kraftstrotzende Pflanze. Im allgemeinen stehen auch tropische Ge- wüchse im Winter weit besser etwas kühler als zu warm, denn mit einer geringeren Temperatur geht erhöhte Luftfeuchtigkeit stets Hand in Hand. Ist man gezwungen, bessere Pflanzen im Zimmer unterzu- bringen, so schütze man sie vor direkter Ofenwarme und plötzlichen Temperatursck-wankungen. Wenn Frau Prietzke das Zimmer lüftet oder gar grosses Reinemachen hat, bringt sie ihre Lieblinge zur kalten Jahreszeit zuvor immer bei Rachbarn unter, von denen sie sie dann erst wieder zurückholt, wenn der»Hexentanz" vorüber, die Fenster wieder geschlossen und der Raum genügend angewärmt ist. Viel Unheil könnte verhütet werden, wenn man allenthalben so ver- fahren wollte. In zweiter Linie hat falsches und unrichtiges Gießen den Verlust so mancher Pflanze zur Folge. � Ss gibt Zimmerpflanzen, wie z. B. die stacheligen Kakteen, die im Winter mit ganz vereinzelten Ausnahmen so gut wie gar nicht gegossen werden sollen. Im allgemeinen ist zur Ruhezeit der Pflanzen nur spärlich zu gießen, doch ist die Erde bei grünenden und blühende« Gewächsen, die reichlich Wasser verdunsten, immer etwas feucht zu halten. Es ist aber zu beachten, dass zum Glessen nur angewärmtes oder abgestandenes Wasser verioendet werden darf, das mindestens die Temperatur des Raumes hat, in welchem die Pflanze sieht. Irgendwelches Düngen ist im Winter nicht angebracht, will man trotzdem den Pflanzen ettvas zugute tun, so giesse man sie mit dem schwach rötlich gefärbten Wasser, in dem das rohe Fleisch gewässert wurde. Dieses helle Bluttvasscr ist ein guter Stickstoffdünger, der namentlich im zeitigen Frühling, wenn das neue Wachstum einsetzt, gute Dienste leistet. Frau Prietzke gibt nach alter Uebung auch! noch den Kaffeesatz auf die Töpfe, weil es ihre Grossmutter so gemacht hatte, und er tut noch die Zigarrenasche hinzu. Wenn beides auch nichts schadet, so hat es doch keinen Zweck, da der Nähr- wert des Kaffeesatzes und der Asche gleich Null ist. Es gibt allerdings auch Pflanzen, die im Winter wachsen und blühen. Es sind dies einerseits solche, in deren Heimat der Früh- ling in unseren Herbst, der Sommer in unseren Winter fällt, andererseits Pflanzen, die wir um einen Teil ihres Winterschlafes betrügen, d. h. durch Vorzeitiges Warmstellen künstlich treiben. Die Treibsähigkeit der Pflanzen ist vom Berufsgürtner in den letzten Jahren in raffinierter Weise gesteigert worden; er betäubt die Treibgewächse mit Chloroform- und Aetherdämpfen,� letzteres ein feuergefährliches Verfahren, oder gibt ihnen Dauerbäder, die aus gö— 40 Grad Celsius warmem Wasser bestehen, neuerdings auch � durch Dampfbäder. Alle diese Verfahren kommen für den ein« fachen Liebhaber nicht in Frage. Auf dem Fenstergesimse der Wohnstube ist es aber doch möglich, uiit den bekannten Treibzwie- bcln und mit einigen jetzt draußen geschnittenen Zweigen von früh- blühenden Gehölzen, wie Kirschen, Quitten und Rosskastamen, die man in eine Vase mit warmem Wasser stellt, das täglich dreimal erneuert wird, ähnliches zu erzielen. Im Volksmund nennt man diese Zweig« Barbarazweige. Auch Knollen, die zum Herbst ein- gezogen sind, und seitdem trocken lagen, namentlich solche von Canna und Begonien, kann man jetzt in sandige Erde pflanzen und am Zimmerfenster antreiben. Man muss dann freilich Geduld und wieder Geduld haben, bis kräftiges Austreiben erfolgt, und nicht, wie das Tante Röschen macht, die eingepflanzten Knollen alle Tage aus dem Topf herauskrabbeln, um zu sehen, ob noch keine Wurzeln daran sind. Auch Hortensien, Fuchsien und Rosen, die bisher im Keller ruhten, kann man jetzt an das Zimmerfenster bringen. Die beiden letzteren werden etwas zurückgeschnitten; ausserdem empfiehlt es sich, die obere alte Erde aus dem Topfe zu nehmen und durch neue zu ersetzen, der man für jeden Topf eine starke Priese zerriebenen Taubendüngers zusetzt. Bald treiben Knollen- und Topfsträucher lustig aus, begrüßen den neuen Früh- ling mit reichem Blütenflor und können Mitte Mai als fertige Pflanzen auf dem Balkon, zum Grabschmuck und für die Parzelle Verwendung finden. Die jungen, saftigen Triebe liefern auch brauchbare Stecklinge. Man steckt sie in recht sandige Erde um den Rand eines Blumentöpfchens, das man bis zur Bewurzelung mit einer Glasglocke bedeckt; diese wird täglich zweimal trocken ausgewischt und bis zur Bewurzelung der Stecklinge gegen die Sonne geschützt. Dies geschieht durch Auflegen eines Zeitungs- blattcs bei Sonnenschein. Ein hübsches, dankbares Verfahren ist auch das Vermehren ge- wisser Pflanzen in wassergefüllten Arzneigläschen. Triebspitzen mit zwei Blättern des im Zimmer so dankbaren Gummibaumes, Triebspitzen mit drei Blattpaacen des Oleanders und 10— 15 Zentimeter lange Triebenden des Eseus lassen sich auf diese Weise mit unfehlbarer Sicherheit zur Bewurzelung bringen. Nach dem Sckmeiden lässt man die Triebspitzen eine Stunde abtrocknen und steckt dann jeden Trieb, bei Efeu auch mehrere zusammen, in ein mit Wasser gefülltes, nicht zu enghalsigcs Gläschen. Im Gegensatz zu eingepflanzten Stecklingen werden die Wasserstecklinge der vollen Sonne ausgesetzt, soweit diese dem Zimmer zugänglich ist. Fran Prietzke hat auch dieses alte Verfahren von ihrer Großmutter über- nommen, die freilich die Sache noch etwas umständlicher machte; sie spaltete entweder den Steckling durch die Schnittfläche, um ein Weizenkorn hineinzuschieben, dessen sich bald bildende Wurzeln dem„Ableger" zugute kommen sollten, oder sie band einige ihrer langen ausgekämmten Haare um die Schnittfläche, in der felsenfesten Ueberzeugung, daß sich diese in Wurzeln verwandeln würden. Frau Prietzke hat aber von dieser Verwandlung niemals etwas sehen können und sammelt deshalb jetzt ihre ausgekämmten Haare zu einem andern, der neuen Mode Rechnung tragenden Zweck. Der beste Ort für eine lohnende und erfreuliche Zimmerkultur ist der leider an und ftir sich zu sehr beschränkte Raum zwischen den Doppelfenstern. Prietzke hat für seine Frau, die er trotz ihrer Jahre immer noch sein Ideal nennt, weil sie die Sprache seines Magens richtig zu deuten versteht und auch mit Kochlöffel und Pfanne B.c- scheid weih, aus einer alten Eierkiste einige langgestreckte Blumen- bänkchen ftir die Doppelfenster angefertigt. Die Bänkchen sind so hoch, dass sie die unteren Rahmen der äusseren Fensterflügel etwas überragen. Stellt man nun auf diese Bänkchen Blumentöpschen, so steht diesen statt des engeren Raumes zwischen den Rahmen, der erheblich breitere Raum zwischen den Scheiben zur Verfügung, der es ermöglicht, ohne dass die Scheiben krachen und in Stücke gehen. Blum'ntöpse von 10—11 Zentimeter obere Weite zwischen den beiden Fensterflügeln unterzubringen. Hier gedeihen die Winter- blühenden Heidekraukr sehr ssl?�«wßerdem einige Frühlings- lilumen, wie Vergitzmeinnicht, Stiefmütterchen, Veilchen, frühe Flammenblumen, Priemeln und Gänseblümchen. Bei frostfreiem Toben nimmt man einige dieser Pflanze» jetzt oder im Februar auf der Parzelle aus, pflanzt sie zu Hause in die ausprobierten, also nicht zu großen Töpfe, gießt sie gründlich an und stellt sie zwischen die Fenster. Reicher Flor lohnt die kleine Mühe. Auch die chinesische Schlüsselblume, die leider etwas aus der Mode kam, ist ein unermüdlicher Winterblüher für Doppelfenster. Wenn sie aber hier zwischen den Fenstern einmal Frost bekommt, steif und glasig geivorden ist, dann hüte man sich, sie warm zu stellen, um sie auftauen zu wollen, oder der Sonne auszusetzen. Angefrorene Pflanzen bringt man kühl, möglichst in den Keller, Ivoselbst sie sich meist nach 2— 3 Tagen wieder erholen. Um das Eindringen der kalten Außcnluft zwischen den Doppelfenstern zu verhindern, macht man sich passende Rahmen von dünnen Latten, die man mit trockenem Waldmoos umwickelt und fest gegen die äußeren Fenster- flügel stellt. Diesem Fensterschutz begegnet man in Süddeutschland rmd am Rhein häufig, bei uns fast gar nicht. Hck. Mie hören wir JVIuIih? Von H. W o l f f. Wenn man bei den Konzertbesuchern unserer Zeit einmal eine Rundfrage erließe, worin für sie der Reiz des Musikhörens be- stände, würde man neben einer Menge niehr oder weniger ober- slächlicher Antworten zwei Arten deutlich erkennen: das Hören mit dem Gefühl, das sich in Träumen, Erinnerungen, sich ins Unendliche verlierenden Vorstellungen ergeht, und das Hören niit dem Ohr, das bemüht ist, musikalische Zusammenhänge zu er- fassen, Themenkonflikte zu verfolgen und ihren Klärungsprozeß als Befreiung nachzuempfinden. Die zweite Gruppe unserer Hörer wird allerdings die bei weitem kleinere sein und in den seltensten Fällen aus nicht musizierenden Leuten bestehen. Es ist keine Frage, daß vertieftes Musikgenießen eine re- produzierende Mitarbeit erfordert, die bei weitem schwieriger ist als bei irgendeiner anderen Kunst. Und diese Schwierigkeit liegt bor allen Dingen in der Notwendigkeit, den architektonischen Bau eines Musikstückes zu erkennen, darin einen Anhalt zu gewinnen, um von ihm aus das Uebereinandertürmcn von Massen, die Gegenüberstellung größerer und kleinerer Teile, kurz die ganze Skala der ins Unendliche gehenden Empfindungen mitzuerleben. Dies ist allerdings eine Arbeit, die von dem Gefühl allein schwer- lich geleistet werden wird. Zur Sichtung eines musikalischen Kunstwerks in seine formale Gestaltung gehört neben einem feinen Unterschcidungsvermögen auch vor allen Dingen die Fähig- ieit, in der Erinnerung aufzubauen und in dem Vorüberfluten der Töne alte und neue Erscheinungen in Beziehung zu bringen. Um von einem völlig fremden Musikstück einen geschlossenen ästhetischen Genuß zu erhalten, ist es nötig, daß das Ohr bei den ersten Takten sozusagen eingestimmt wird auf den klanglichen Reiz des Werkes, so daß der Eintritt neuer Themen und Motive wie das Erkennen von etwas bestimmt Erfordertem wirkt. Bei begabten Musikern stellt sich dieser Vorgang schon beim bloßen Lesen eines Tonstückes ein. So hatte Beethoven einmal ein ihm völlig unbekanntes Werk ohne weiteres in vollem Tempo gespielt, was einen Zuhörer zu der Bemerkung vcranlaßte, daß es ihm schlechterdings unmöglich gewesen sein müsse, die einzelnen Noten dieses Presto lschnellen Satzes) zu sehen. Beethoven erwiderte: .Das ist auch keineswegs nötig, wenn Du schnell liesest, so mögen eine Menge Druckfehler vorkommen; Tu siehst oder achtest sie nicht, wenn nur die Sprache Dir bekannt ist." Die Sprache der modernen Tonkunst in ihrer Unmittelbarkeit als Gefühlsausdruck ist aber so unendlich verschieden von dem. was das Ohr jahrhundertelang als Musik empfunden hat, daß die Fähigkeit, sie in sich aufzunehmen, vorläufig in erster Linie dem Gefühl überlassen bleibt. Es besteht nur ein äußerst lockerer Zusammenhang zwischen der hochentwickelten Technik des Kom- ponisten und der Aufnahmefähigkeit des Hörers. Dies gilt vor allen Dingen von der orchestralen Programmusik. Deshalb nimmt man dort häufig seine Zuflucht zu poetischen Auslegungen des Inhalts, die wiederum in erster Linie an das musikalische Gefühl appellieren, während das Ohr ihnen oft ratlos gegenübersteht. Es wird unter allen Umständen für den Hörer interessant und wertvoll sein, zu wissen, unter welchen Gefühlseindrücken und iseelischen Vorgängen der Komponist sein Werk schuf. Maßgebend «für seine eigenen Illusionen ist es nicht. Die Ausdrucksfähigkeit der Musik ist der der Poesie bei weitem überlegen, und ein unter bestimmten Eindrücken in bestimmter Absicht geschriebenes Musik- stück wird immer wider den Willen des Komponisten über das Programm hinausfluten und in demselben Lücken lassen. Nichtdon dem Komponisten ausgehende, allzu blumenreiche Auslegungen instrumentaler Musik sind für den Hörer geradezu gefährlich, denn sie können ihn in der Selbständigkeit des Gefühls hemmen. In der Oper tjclien dramatische Handlung und szenische Dar- stellung das musikalische Kunstwerk zu allgemeiner Verständlichkeit. Das Gefühl schwankt bei aller Jllusionsmöglichkeit nicht haltlos hin und her, und andererseits ist der musikalische Inhalt in seiner Berantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Konstruktion an den Namen der dramatischen Handlung gebunden und dadurch dem Ohr von vornherein zugänglicher und erklär- licher. Es ist kein Zweifel, daß von allen Gattungen moderner Musik die Oper es ist, die die größten Erfolge zu verzeichnen hat. Hier tritt ihre Vielgestaltigkeit am glänzendsten und zugleich am verständlichsten in die Erscheinung. Das Orchester in seiner individuellen Färbung der Instrumente tritt sogar zuweilen in direkten Gegensatz zur Singstimme, wie in Straußens„Salome" der Fluch des Jochanaan, der die Heldin durch alle ihre Orgien und Triumphe verfolgt. Operneffekte können heutzutage kaum kraß genug sein, sie werden von dem sensationsdürstigen Musik- empfinden verschlungen. Wie aber stellt sich nun das Interesse zu den reinen In- strumentalkonzerten? Nun, man kann wohl sagen, daß dieses, abgesehen von der Anziehungskraft, die einzelne Virtuosen aus- üben mögen, ein verhältnismäßig geringes ist, obwobl keine andere Kunst auch nur annähernd in gleichem Maße befähigt ist, das Innerliche des Menschendaseins auszusprechen wie die reine Instrumentalmusik, die absolute Musik. Zu ihrem Genuß gehört aber vor allen Dingen frische Empfänglichkeit, die leider nur gar zu oft durch die geradezu barbarische Länge der Programme unter- graben wird. Es ist für den vollkommenen, mit Ohr und Gefühl gleich beteiligten Zuhörer schwerlich möglich, mehr als ein In- strumentalwerk größeren Umfanges in sich aufzunehmen, natürlich wird er immer noch fähig sein, kleinere Stücke programmatischen Inhalts zu genießen. Aber man sollte mehr Wert darauf legen, die großen Eindrücke festzuhalten, statt sie möglichst schnell zu zerstreuen. Wäre es darum nicht möglich, mehr Geschlossenheit in die Konzertveranstaltungen zu bringen? Es herrschen dort mehr lleberstürzung und Uebcrbietung als Plan und geschmackvolle An- ordnung. Das ganze Treiben gleicht mehr einem aufdringlichen Markt, wo jeder unter allen Umständen in die Augen fallen will. als einer planmäßigen Ausstellung, wo das Publikum weiß, was es findet und seinen Geschmack bereichern und ausbilden kann. Eine Ausnahme darin machen die von bestimmten Gesichtspunkten aus geordneten Abonnementskonzerte. Es ist nicht zu verkennen, daß eine gute Organisation der Mufikpflege ungeheure Schwierigkeiten mit sich bringt. Es käme weniger darauf an, wer sich hören lassen möchte, als was zu hören erwünscht und geraten wäre. Die Verhältnisse unserer Zeit drängen zu einer solchen Organisation, und immer wieder taucht der Vorschlag auf, Serienkonzerte zu veranstalten, in denen die verschiedensten Vereinigungen und Solisten sich dahin verständigten, gewisse gemeinsame Ziele zu verfolgen. Zum Beispiel ganz be- stimmte Komponisten in ihren verschiedenen, auch weniger be- kannten Werken, oder geschlossene?lbschnitte aus der Musik- literatur zu bringen. Schon der Umstand, daß dadurch eine be- stimmte Uebersicht über die Konzerte des Winters geschaffen wäre, würde eine planmäßige Wahl und eventuelle Vorbereitung er- möglichen, die das Musikhören weniger zu einer Gefühlständelei oder anstrengenden Gchörsarbeit, als zu einem befriedigenden ästhetischen Genuß machen würde. kleines feuillcton- Mineralogisches. Der künstliche Saphir. Die Herstellung künstlicher Edel- steine hat in den letzten Jahren reißende Fortschritte gemacht, aber es ist noch immer dafür gesorgt, daß die Bäunie nicht in den Himmel wachsen. An sich wäre es wohl kein Schade, wenn die Edelsteine in ebenso schöner oder noch höherer Qualität, wie sie die Natur darbietet, im Laboratorium verfertigt werden könnten. Auch ist eS nicht einzuleben, warum sie nicht etwas billiger werden sollten. So weit sind wir aber noch lange nichl. Die Mittel, die zur Erzeugung von Diamanten und Rubinen, auf die man sich vorzugsweise ge- warfen hat, zur, Verfügung stehen, sind noch immer so kostspieliger Art, daß wohl noch lange Zeit vergeben wird, ehe der Handel mit natürlichen Edelsteinen ein schlechtes Geschäft geworden ist. Immer- hin rückt man dem Ziel näher und näher, wenigstens die Fähigkeit zur Nachahmung aller Edelsteine zu erlangen. Nack einem Vortrag von Dr. Verneuil vor der Pariser Akademie der Wissenschaften wird jetzt auch der Saphir von seinem Thron herabsteigen müssen. Der orientalische Saphir zeichnet sich nicht nur durch leine schöne blaue Farbe, sondern auch durch den daneben auftretenden in« Grüne schillernden Ton ans, und gerade deshalb war die künstliche Her- stellung seiner Farbe schwierig. Die chemische Analyse hatte gezeigt. daß dies Mineral in der Hauptsache aus Tonerde bestehrund daß in seiner Färbung Eisen und Titan die Grundstoffe bilden. In welchen Verbindungen diese austreten, wußte man jedoch nicht genau. Jetzt hal Verneuil außer Zweifel gestellt, daß die blaue Farbe gleichzeitig von Eiienoryd und Titanoxyd herrührt und daß es möglich ist, einem künstlichen Stein durch diese beiden Stoffe eine Farbe zu er- teilen, die von der natürlichen nicht zu unterscheiden ist. Es werden aber noch weitere Experimente zu der Ermittelung nötig sein, ob dem blauen Titanoryd, das nur im Verhälmis von etwa>/, Millionstel an der Znsammensetzung beteiligt ist oder einer mehr verwickelten titansauren Eisenverbindung der Haupteinfluß auf die Farbe zuzu- schreiben ist._ Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul SingerchCo., Berlin SW.