Nnterhalittngsblatt des'Vorwärts Nr. 4. Freitag> den 6. Januar. 1911 lNachvruck verbsttn.) *1 pcllc der Eroberer. Roman von Martin Andersen Nexö. Autorisierte Uebersetzung von Mathilde Mann. Dies war eine ganz neue Welt, und Pelle war im Be griff, sie zu erobern. Auch keine Faser wollte er übrig lassen. Hätte er jetzt nur die Kameraden aus Tommelilla hier ge- habt, so würde er es ihnen«alles erklärt und sie mit allem vertraut gemacht haben. Herrje, was die glotzen würden! Aber wenn er wieder nach Schweden zurückkam, wollte er davon erzählen: dann würden sie wohl Lügephals zu ihm sagen, das hoffte er wenigstens. Pelle saß da und ritt auf einem ungeheuren Mast, der auf einigen Eichenböcken auf den: Zimmerplatz ausgestreckt lag. Er kleminte die Füße unter dem Mast zusammen, wie er gehört hatte, daß es die Ritter in alten Zeiten bei ihrem Pferd getan hatten, und phantasierte, daß er in einen Ring hineingriff und sich selbst in die Höhe hob, das Pferd und das Ganze. Er saß zu Pferd mitten in seiner neuentdeckten Welt nnd strotzte von Erobererstolz, schlug mit der flachen Hand auf das Kreuz des Pferdes und hieb ihm die Absätze in die Seite, während er aus vollem Halse ein Lied sang. Den Sack hatte er loslassen müssen, um hier hinaufzukommen: Mit gelad'ner Pistole und gespanntem Gewehr Tanzten in Smaaland die Teufelein klein, Der alte Teufel der spielte die Fiedel, Eia, wie tanzen die Kleinen so fein! Mitten in seiner lärmenden Freude warf er einen Blick in die Luft hinauf, fing plötzlich laut zu brüllen an und ließ sich gerade in die Hauspäne hineinfallen. Aber auf dem Schuppen, neben den« ihn der Vater angebracht hatte, stand ein schwarzer Mann mit zwei schwarzen, kläffenden Höllen Hunden: der Mann steckte den Oberkörper ganz aus dem Dachrücken heraus und drohte ihm. Es war eine alte Gallion figur, aber Pelle glaubte, es sei der alte Satan selber, der komme, um ihn für das unverschämte Lied zu strafen, und in Heller Angst rannte er die Straße hinan. Als er eine Strecke gerannt war, fiel ihm der Sack ein und er blieb stehen. Er machte sich nichts aus dem Sack— und Prügel bekam er auch nicht, wenn er ihn im Stich ließ, denn Vater Lasse schlug nie: der böse Teufel würde ihn auch auffressen, wenn er sich wieder da hinunter wagte— zum allermindesten: er sah ganz deutlich, wie es rot aus den Nasenlöchern leuch- tete, bei ihm und auch bei den Hunden. Aber Pelle besann sich trotzdem. Ter Vater war so be- sorgt um den Sack, er würde ganz sicher betrübt sein, wenn er ihn verliere— vielleicht würde er gar weinen« wie damals, als er Mutter Bengta verlor. Zum ersten Male stand der Knabe wohl einer der ernsten eisernen Proben des Lebens gegenüber, war— wie das so vielen Menschen vor ihm ergangen ist— zwischen die Wahl gestellt, sich selbst zu opfern oder das Eigentum anderer zu opfern. Liebe zum Vater, Knabenstolz, die Pflichttteue, in der die Weizengabe der bürgerlichen Gesellschaft an den Armen besteht— eins kam zum anderen und entschied die Wahl. Er bestand die Probe— freilich nicht tapfer: er heulte fortwährend laut,«vahrend er. die Augen starr auf den Bösen und seine Höllenhunde gerichtet, nach dem Sack zurückschlich und ihn in schnellem Lauf hinter sich her die Straße hinaufschleppte. Niemand ist wohl ein Held, ehe die Gefahr überstanden ist. Aber auch da bekam Pelle keine Gelegenheit, über seinen eigenen Mut zu schaudern: denn als er erst aus dem Bereich des schwarzen Mannes heraus war und der Schrecken ihn nun hätte loslassen sollen, da nahm er nur eine neue Form an: Wo blieb nur einmal der Vater? Er hatte ja gesagt, daß er gleich wiederkommen würde! Wenn er nun gar nicht wieder- kam? Vielleicht war er weggegangen, um seinen kleinen Jungen loszuwerden, der ihm nur eine Last war und es schwierig für ihn machte, einen Dienst zu finden. Pelle war sich verzweifelnd klar darüber, daß es so kom- men mußte, während er brüllend mit dem Sack abzog. So war es ja auch anderen Kindern seiner geistigen Bekanntschaft gegangen. Aber sie kamen an das Pfannkuchenhaus und es ging ihnen gut, und Pelle selbst wollte schon-- vielleicht suchte er den König in eigener Person auf und wurde ins Haus aufgenoinmen und bekam die jungen Prinzen zu Spiel- geführten und sein eigenes kleines Schloß, worin er wohnen sollte. Aber Vater Laste sollte auch kein Körnchen abhaben, denn jetzt war Pelle böse und rachsüchtig, obwohl er noch immer ebenso aus vollem Halse brüllte. Drei Tage sollte er draußen vor der Tür stehen und anklopfen und betteln, und erst wenn er ganz jämmerlich weinte— nein, er wollte ihm doch nur lieber gleich erlauben hineinzukommen, denn Vater Lasscs Weinen war das qualvollste in der ganzen Welt. Aber er sollte auch nicht einen einzigen von dm Nägeln haben, mit denen Pelle seine Taschen unten auf dem Zimmerplatz ge- füllt hatte: und wmn die Frau des Königs ihnen den Kaffee ans Bett b.rachte—•— Pelle hielt inne mit seinem verztveifel- ten Weinen wie auch mit seinen glücklichen Phantasien— aus einer Wirtschaft ganz oben an der Straße kam Vater Lasse selbst leibhaftig heraus. Er sah seelenvergnügt aus und hielt eine Flasche in der Hand. „Dänischer Branntwein, Junge!" rief er und winkte mit der Flasche.„Die Mütze ab vor dem dänischen Branntwein! — Aber warum hast Du geweint?— so. Du warst bange. Und wovor warst Du bange? Heißt nicht Dein Vater Laste— Laste Karlsson aus Kungstorpet? Und mit ihm ist nicht gut Kirschenessen, er schlägt hart zu, wenn er gereizt wird! Wer will woll kleine gute Jungs bange machen! D«e soll'» ihre Eingeweide in Acht nehmen! Und wenn auch die ganze Welt voll brennender Teufel wär'. Lasse is' hier. Du, und Du brauchst nich' bang' zu sein!" Während er so aufgebracht schalt, trocknete er zärtlich des Jungen vom Weinen schmutzige Wangen und Nase mit seinem rauhen Handballen ab und nahm den Sack wieder auf den Nacken. Es lag etivas rührend Gebrechliches über seiner gebeugten Gestalt, während er prahlend und tröstend, den Jungen an der Hand, wieder nach d< m Hafen hinuntertrabte. Er stolperte in dm großen Schmierstieseln, deren Strippen an der Seite heraussahen und eine erstaunliche Aehnlichkeit mit Pelles Ohren hatten. Aus den gaffenden Taschen des alten Winterüberziehers guckte an der einen Seite das rote Taschentuch, an der anderen die Flasche heraus. Er war jetzt ein ivenig lahm in den Knien geworden und der Sack drohte jeden Augenblick, ihn unterzukriegen— er stieß ihn vorne über und zwang ihn, den Hügel hinunterzulaufen. Abfällig sah er aus, vielleicht trugen die großen Worte das ihre dazu bei. Aber die Augen leuchteten zuversichtlich und er lächelte zu dem Knaben nieder, der an seiner Hand lief. Sie näherten sich dem Schuppen, und Pelle wurde ganz kalt vor Schrecken — der Mann stand noch da. Er floh an die andere Seite des Vaters und wollte ihn in einem großen Bogen über den Hafenplatz ziehen.„Da is' er wieder!" sagte er jammernd. „Also der war es, der hinter Dir her war?" sagte Lasse und lachte laut—„und er is' noch dazu aus Holz. Na, Du bist mir aber der tapferste Junge, der mir je vorgekommen is l Wenns hoch kommt, könn'n wir Dich am Ende gegen einen toten Hahn schicken, wenn Du einen Stock in die Hand kriegst." Lasse fuhr fort zu lachen und schüttelt� vergnügt den Jungen. Aber Pelle wäre gern in die Erde versunken vor Scham. Unten an der Zollbude trafen sie einen Verwalter, der zu spät zum Dampfer gekommen war und keine Leute mehr bekommen hatte. Er hielt sein Gefährt an und fragte Lasse, ob er einen Dienst suche. „Ja, wir suchen alle beide," antwortete Laste übermütig. Wir woll'n auf demselben Hof dienen— wie der Fuchs zur Gans sagte." Der Verwalter war ein großer und kräftiger Mann und Pelle schauderte vor Bewunderung über den Vater, der ihn so kühn anzureden«vagte. Aber der große Mann lachte gutmütig.„Dann soll der da Wohl Großknecht sein?" sagte er und schwippte Pelle mit der Peitsche. „Ja, das wird er sicher mal," antwortete Lasse mit starker Ucberzeugung. „Na, erst wird er Wohl ein paar Scheffel Salz verzehren müssen. Aber ich habe Verwendung sür einen Kuhhirten und will Dir hundert Kronen das Jahr geben— wenn es Dir auch verteufelt schwer werden mag, sie zu verdienen, so weit ich es beurteilen kann. Für den Jungen wird wohl ein Stück Brot über sein, aber er muß natürlich das bißchen tun, was er kann. Du bist Wohl sein Großvater?" „Ich bin sein Vater— vor Gottes und jedermanns An- gcsicht," entgegnete Lasse stolz. „Ei, ei, dann nmß da ja doch noch ein bißchen an Dir sein— wenn Du nämlich auf ehrliche Weise zu dem Jungen gekommen bist. Aber dann kr'ech nur hinaus, wenn Du Deinem eigenen Wohl nicht im Licht stehen willst, ich Hab keine Zeit, hier zu halten. So ein Anerbieten kriegst Du nicht jeden Tag." Pelle fand, daß Hundeist Kronen eine sündige Masse Geld sei. Lasse als der Aeltere und Vernünftigere, hatte dahin- gegen ein Gefühl, daß es viel zu wenig war. Aber obwohl er sich noch nicht recht klar darüber geworden war, hatten die Erfahrungen des Morgens seinen lichten Blick in die Zukunft arg zerzaust: der Schnaps hingegen hatte ihn gleichgültig und willfährig gemacht.„Na, meinetwegen!" sagte er mit einer großen Handbewegung.„Aber der Herr soll wissen, daß> wir nich' dreimal am Tage salzenen Hering und Supp- kartoffeln haben wollen. Eine ordentliche Kammer woll'n wir auch haben und am Sonntag frei." Er hob den Sack und den Jungen auf den Wagen hinauf und kroch selbst hinter- drein., Der Verwalter lachte:„Tu bist scheinbar schon früher hier auf dem Lande gewesen, Alter? Aber damit werden wir schon fertig werden: Du sollst Schweinebraten mit Rosinen und Rhabarbergrütze mit Pfeffer darüber haben, so oft Du nur den Mund aufsperren magst." Sie fuhren nach dem Dampfer hinunter, um die Kisten zu holen und wollten dann landeinwärts dahin. Lasse, der bald dieses, bald jenes wiedererkannte, erklärte dem Jungen alles weit und breit. Von Zeit zu Zeit nahm er verstohlen einen Schluck aus der Flasche. Ter Verwalter durfte es nicht sehen. Pelle fror und bohrte sich unter das Stroh: er kroch ganz unter den Vater. (Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck derdolen.) 3] Der fjungcrkünftlcr. Von Hermann Heijermans. Keine Stunde später lag Daniel, nachdem er durch eine Hinter- tür in den Saal hineingeschlüpft war, in Binden gewickelt in dem Sarg mit den unbeschädigten roten Siegeln und rauchte ein« Zigarette. Ein Lappen, der ihm um das Haar gewunden war— die Haarfarbe war tatsächlich anders!— erschien ihm das einzig Unbequeme und ließ ihn wie im Fieber transpirieren. Das andere war alles großartig: Kein Straßen-entlang-Schieben mehr, keine nagen Füße, ein zufriedengestellter Magen, das angenehme Be- wußtsein, daß Barbara zu Hause einen ganzen Batzen@eld bekommen hatte, und in der Rocktasche unter den Bürden den Kontrakt, daß er für nicht mal einen Monat durchgeführtes Fasten hundert Mark in Aussicht habe. Ab und zu(tagsüber sei der Besuch nur mäßig, das Hauptinteresse zeige sich nachts, so erzählte der Impresario) kamen Be- sucbcr: ein Bauer, der sich einen Tag zum Vergnügen in der Stadt aufhielt, eine Anzahl Oberprimaner, die dumme Gchichter schnitten, «in Matrose mit fernem Liedchen, die da kicherten und schwatzten, ein Geldbriefträger mit einem„Freibillett", ein Hausdiener aus irgendeiner Delikatejsenbandlung mit einem vollen Korb auf dem Rücken, um den Huugertünstler zu reizen, ein Dienstmädchen mit einem Säugling auf dem Arm. der der gnädigen Frau nichts wistier erzählen konnte, auch ein pensionierter Veteran mit einer Brust voller Denkmünzen und so mehr ehrsamer Neugieriger, die durch vas erst abends erleuchtete Reklameschild über der EingangStür an- gelockt wurden... So angenehnl faul, so zum erstenmal wieder gesättigt seit Monaten, wie er war, hatte Daniel doch das alberne Gassen und Ouatschen bald satt. „Amarillo!" rief der Impresario erregt.»Sie schnarchen ja tic Menschen zur Türe hinaus. Und dann wollen Sie bitte, auch die Scbeiben von innen etwas abwischen, wir können Sie ja kaum noch sehen..." Hahahet, welch ein Luxus, welch neue Jugend, welch löstlichcr Genuß! Wenn er, wie es ihm so paßte, die Augen gnädiglich öffnete, wenn er sich trotz der Wt-lluft des wattierten Bettes zu einem halben Stündchen Wacbbleibens, Nichtschnarchens, Nicht- gahnevS, zwang, träumte er. müßte cr sich in die Lippen beißen, die Binden zerren, die dürren 2ck>enkel kneifen, um die verratzt- verrückte, satanisch-lachende Wirklichkeit gläubig zu akzeptieren. Wenn ihm das unsäglich-gebsnedeite Wunder, das Mirakel deS LohlgenährtseiuS, des Hoch-und-trocken-wohlverschloffcn-staubfreien- wasserdichten-sorgfältig-bewacht-LiegenS in dem Glaskasten gS mächtig wurde, zu ungekannt-herrlich, ja, beinah zu heilig, schloß et philosophisch die Augenluken und die Cadancen seines GeschnarchS schlugen tremolierende Wirbel zwischen den Wänden. Nichts von der verrückten Außenwelt, nichts von den Gaffern und Besckauern, nichts von der Saaldecke mit ihren liebelnden, posaunenbla>enden Englein, nichts von der Ungeduld oder dem ver- gnügten Läcbcln des Herrn Direktors mit dem glänzenden Zylinder, dem hohen Stehkragen, der feuerroten Krawatte, der Weste aus schwarzer Seide mit gelben Sprenkeln und der auf deni Schmer- bäuchlein schwankenden goldenen Kette— nichts interessierte ihn. Wenn er in diesen friedlichen Freßtagen nicht wie eine Katze in ihrem Korbe schlief, lag er wach und träumte, und wenn er nicht wackend träumte, scknarchte er mächtig darauf los. Nachts, gegen Frühmorgen, wenn keine Besucher da waren, stopfte ihm der Im- preiario gewandt und vorsichtig Bouillon, Eier, Schokolade zu, und auch bei Tage, wenn sich eben die Gelegenheit dazu bot, erhielt er diese oder jene Erfrischung. So würde er es vermutlich die vollen neunundzwanzig Tage an Stelle des aus seinem Tempel ausgebrochenen Berufshungcr- künstlers ausgehalten haben, wenn Barbara ihm die Suppe nicht versalzen hätte. Es war nämlich am dritten Tag so in der Abenddämmerung, wenn viele Spaziergänger unterwegs sind, als sie sich, gealtert und heruntergekommen, fahl und bedrückt von Sorgen und schwerem Grübeln, in die Stadt begab. Sie hatte natürlich die beiden letzten Nackte lein Auge zugetan, nichts von seinem Brieslein, seinem Aus- bleiben, seinen Auseinandersetzungen, seiner Geldsendung begriffen. Die wenigen absolut deutlichen Worte:„Menschenkind! Schaf! Gc- retlet! Gerettet! Anbei fünfzig Mark! Hurrah I Ncunundzwauzig Tage und Nackte lege ich mich auf den Rücken und kehre mit Kapi- talien an den häuslichen Herd zurück! Beunruhige Dich nicht! Ich bin in einer Stimmung, daß ich die ganze Welt umarmen könnte I Viele Grüße..1"— die in dem Rausch von zwei Tellern Erbsen- brüh: mit Speck und Schweinsöhrchen und einem Beutel voll Talern geschrieben wa-ren, hatten sie zuerst überrascht, verblüfft, wirklich lachen lassen— dann aber mit tausend Aengsten überstürzt. Es ging nickt. Es war unmöglich. Geld ftel nicht aus der Luft, und zu allerletzt in Daniels leere Hosentaschen! Wie kam er daran? Was balle er getan? Wer hatte ihm soviel auf einmal in die Hände gestopft? Warum kam er nicht nach Sause? Warum schrieb er keine Postkart«, wie er sonst zu tun pflegte, wenn er aufgehalten wurde?.... Unruhig, bange, daß er wie eine Ratte in der Not etwas Er- bärmliches ausgefressen habe, das schwerlich das keusche Tageslicht vertragen könne, steckte sie in der ersten Nacht alle Augenblicke den Kopf aus dem Fenster, durch das leiseste Geräusch aus dem Bett aufgeschreckt. Knarrte die Treppe, kam ein Nqchbar heim, pfiff jemand draußen, dann waren es nicht nur die Ohren des mit Menschen- verstand begabten Hundes, die sich spitzten. Mißtrauisch, furchtsam, ängstlich vor ihren eigenen Gedanken, hatte sie vortourfsvoll, be- schuldigend, dann wieder heiß ihn in Schutz nehmend, an Daniel gedacht und den abgegriffenen Fünfzig- Markschein unter der Matratze versteckt. Wenn er den nicht gestohlen hatte, hatte er ihn gefunden— und wenn er sich nicht verborgen hielt oder schon durch die Polizei aufgegabelt worden war, half er sicher bei einer.Ge- legenheitsarbeit", deren er fich genierte, weil er ihr nicht sagte, wo er war, was er tat und warum es gerade neunundzwangig Tage und neunundzwanzig Rächte dauern mußte... Mit niemand oben, ni-mand unten redete sie ein Wort, schlich die Treppe hinunter, um Brot einzuholen, gab keinen Laut von sich, als die Frau aus der zweiten Etage, die sich ein paar Briketts pumpen wollle, antlopfte— langsam— oftmals durch eine Gardinenspalm spähend, verbrachte Barbara den nicht cndenwollen- den, elenden Tag. Gegen ackt erst wagte sie es, mit totenbleichem straffgespannten, Sommersprossengesicht den Schein zu wechseln. Wenn sie es nicht tat. tonnte sie den ganzen Abend, die ganze Nacht im Dunkeln fitzen. Sie blickte nicht dabei auf, als der Krämer das spcktakel- machende, verräterische Silbergeld auf den fettigen Ladentisch mederrasseln ließ— sie sah nicht dabei auf, legte alles mit zittern- der Gebärde in die Schürzenschlippe, ohne nachzuzählen, ohne Be- wußtsein. Wenn er zu ihr gesagt hätte: Hände weg— das ist gestohlen t würde sie es ohne weiteres im Stich gelassen haben— und nun, als sie scheu und bebend vor Angst die Treppe damit hinaufstrampelte, quälte sie das Gefühl, als ob sie mindestens eine Ladentaffe ausgeraubt.... In der zweiten Nacht stopfte sie geduldig bis gegen drei Uhr Strümpfe�- seine Strümpfe mit den Riesenlochcrn— feine lieben» plumpen Strümpfe. Der kleine Kachelofen brannte, der Kaffee plufste, die Lampe girrte wie eine zufriedene Turteltaube— und dos Fenster stand angelehnt. Ein wollenes Tuch um die mageren Schultern, dachte, lauschte, stöhnte sie. Sein Brieflein brauchte sie nicht noch mal zu lesen, weil sie es auswendig kannte, doch stand sie immer wieder damit unter der Lampe. Wenn sie cs nicht so sicher geglaubt hätte, daß er die Schande ihretwegen auf sich geladen, würde sie zur Polizei gegangen sein, um ihn suchen zu lassen. Das ging nun nicht, das wagte sie nickt zu tun.... Wieder schlief sie keinen Augenblick, aber an diesem dritten Tag spielte der Zufall die Vorsehung, der Zufall, der selten jemand ,n der Lotterie gewinnen läßt, selten jemand a«S der Patsche hilft, selten dem Glücksrad einen Vorwärtsstotz gibt, selten verhütet, daß man sich die Finger verbrennt, selten ein armes Geschöpf erlöst, selten Mitleid hat, wenn man nicht ein und aus weiß. Im Gegenteil, meistens Behagen an unangenehmen Begegnungen hat und Ver- wirrung aus Verwirrungen schöpft. (Schluß folgt.) Ctoler Millen vom(lrlprung des JVIcn leben.*) lieber die tierische Abkunft des Menschen, d. h. die ganz all- mählich erfolgte Heranbildung und Entwickelimg der zoologischen Art Mensch aus niederen Formen, kann heute gar kein Zweifel mehr bestehen. Der Mensch ist nicht, wie Athene aus dem Haupt des Zeus gleich mit Speer und Schild, aus der Hand eines Schöpfers fix und fertig hervorgegangen; er ist in Jahrmillionen währender Umbildung nnd Entwickelnng geworden, und sein Otanrmbaum be- ginnt wie der aller übrigen Lebewesen bei dem primitivsten, mit Eigenleben begabten Dinge: der Zelle. An-Z einem Sameirkorn, aus einer Wurzel sprießt der vieltausendfoch geästete Baum alles Lebens empor, und keines all der unzähligen Lebewesen vermag diesen Uc- sprung zu verleugnen. Eine unendlich« Kette, Glied um Glied und Ring für Ring, ist alles Lebende niüeinander untrennbar fest ver- Kunden, und die Tiere sind, mit Goethes Faust zu sprechen, in Wahr- heit unsere „Brüder Im stillen Busch, in Lust und Wasser." Der zuerst das unumwunden bekannte und mit einer Fülle von Tatsachen belegte, der zuerst auch einen Stammbaum mit dem Samenkorn der Zelle und dem Wipfel Mensch zeichnete, war Ernst Haeckel. Schml vor Darwins„Abstimmung des Menschen"<1871) hatte Haeckel in seiner„Natürlichen SchöpfuiigSgeschichle"<1868). auf Lamarck, Darwin und Huxley t. Zeugnisse für die Stellung des Menschen in der Natur", 1863) fußend, mutig die letzte Konsequenz in der„Frage aller Fragen für die Menschheit" gezogen, und Darwin selbst erklärte neidlos in der Einleitung seines Werks:„Wäre dieses Buch erschienen, ehe meine Arbeit niedergeschrieben war, hätte ich sie wahrscheinlich nie zu Ende ge- führt; fast alle die Folgerimgen, zu denen ich gekommen bin, finde ich durch diesen Forscher bestätigt, desien Kenntiiisse in vielen Punkten viel reicher sind als meine." Diese Schlußfolgerung der Lamarck- Darwinschen Deszendenz- Theorie, der Abstammungslehre, aber lautet: Da wir im Menschen dem ganzen Bauplan nach nur das höchstentwickelte Wirbeltier zu sehen haben, so hat auch für ihn die Entwickelungs- und Ab- stammungSlehre unumschränkte Gültigkeit. Die Beweise für diese These entnimmt die Wissenschaft jenen „großen Urkunden", die nunmehr allen Untersuchungen über Ur- sprung und Lerwandtschast der Lebewesen zugrunde gelegt werden müfleu: der vergleichenden Anatomie, deren Aufgabe eS ist. auf der Basis morphologischer Vergleich ungen die Stellung der einzelnen Arten im natürlichen System zn ermitteln; der Embryo- l o g i e oder Ontologie, die uns Kund« gibt von der Keimesgeschichte, der Entwickelung des Individuums vor der Geburt ans Licht, und endlich der Paläontologie, der Bersteinerungskunde, die uns von ausgestorbenen Formen berichtet. Nicht jeder dieser„HilkSwisienschaften" kommt für jede Periode organischer Entwickelnng in der Ausbeute für unsere Untersuchungen die gleiche Bedeutung zu; aber sie ergänzen und bestätigen einander in der glücklichsten Weise, so daß der Kette der Entwickelung kaum ein wesentliches Glied mangelt. Diesen drei Beweisreihen hat sich jüngst eine vierte„Hilsswisienschast" hinzu- gesellt: die biologische Blutserumforschung, die sich das Ziel gesteckt hat, auf Grund besonderer Blutuntersuchungen die verwandtschaftlichen Beziehungen der Tiere zu ermitteln. Auch die Ergebnisse dieser Forschung haben die Richtigkeit der Deszendenz- theorie durchaus bestätigt. Ja, dieser biologische Beweis ist. wie Uhlenbuth betont, deshalb vielleicht„der verblüffendste, weil man ihn jedem im Reagenzglase vor Angen führen kamt". Auf Grund dieser Vettvandischaftsverhältniffe. die sich un- gezwungen mir aus der gemeinsamen Abstammung Berivandter von einer und derselben Stammform erklären laffen, hat die Wiffenschaft die Lebewesen in einem„natürlichen System" zu Stämmen, Klaffen, Ordnungen und Familien vereinigt. Die Stellung des Menschen m diesem System präzifiert die *) Wir entnehmen diese Ausführungen dem soeben in zweiter Auflage erschienenen 62. Bändchen der Sammlung„AuS Natur und Geisteswelt":.Der Mensch der Urzeit". Vier Vorlesungen aus der EntwickelungSgeschichle des Menschengeschlechts, Von Dr. Adolf Heilborn iVerlag von B. G. Teubncr in Leipzig und Berlin. Preis geh. 1 M., m Leinw. geb. 1,25 M.). daS auf Grimd der neuesten Funde und Forschungen ,md an der Hand zahlreicher auihen tiscber Abbildungen eine allgemeinverständliche Uebersicht über liniere Kenntnis der Entwickelung des Menschengeschlechts von seiner Abzweigmrg ans der Reihe der tierischen Vorfahren bis zur Schwelle der historischen Zeit gibt vergleichende Analomle, sich auf zahlreiche Einzelheiten berufend. nun folgendermaßen: zum Stamme der Wirbeltiere und in die Klaff« der Säugetiere gehörend, bildet der Mensch mit den Affen gemeinsam die Ordnung der Primaten oder Herrentiere(Linne). Er hat in den Affen der alten Welt (Katarhinen)-und im besonderen den sogenannten Me n s ch e n a ff en (Anthropoiden: Orang, Schimpanse, Gorilla undGibbon) seine nächsten Verwandten zu sehen; sein Stamnrbaum weist also auf einen Ahnen, eine Stammform hin, die er mit dem Affen gemein hat. Von den gemeinsamen charakterisierenden Merkmalen der Primate seien nur die folgenden hervorgehoben: die Zehen und Finger der Primaten tragen platte Nägel— eine Ausnahme bilden nur die Krallenoffen— die Augenhöhlen sind von der Schläfengrube durch eine knöcherne Scheidewand getrennt, das reich gewundene Großhirn bedeckt die übrigen Hiruteile, es kommt nur ein Paar brnstftändiger Milchdrüsen vor uff. Vor allem hat das Gebiß im wesentlichen den- selben Bau. DaS Gebiß des Menschen und der Katarhiuen ist das gleiche; nur sind beim Menschen die Eckzähne kleiner und die Zahn- reihen daher nicht unterbrochen. Daß auch die Affen in Wahrheit Zweihänder find, hatte schon Huxley betont, und bezüglich der Stellung des Menschen innerhalb der Primateuorduung war er zu dem Schlüsse gekommen:«Die kritiscve Vergleichung aller Organe und ihrer Modifikationen inner- halb der Affenreihe sührl uns zu einem uird demselben Resultate: die anatomischen Verschiedenheiten, die den Menschen vom Gorilla und Schimpansen scheiden, sind nicht so groß wie die Unterschiede, die diese Menschenaffen von den Niedern Affen trennen." Haeckel hat diesen von ihm zu Ehren des englischen Zoologen„Huxley- sches Gesetz" genannten Satz dann noch schärfer derart gefaßt:«Die morphologischen U n t e r s ch i e d e zwischen dem Menschen und den menschenähnlichen O st äffen (Anthropoiden) sind nicht so groß wie die zwischen diesen Menschenasfen und den niedrigsten Katarhiuen. den Hundsaffen." Was der Huxley- Haeckelsche„Pithecometra-Satz" von der Anatomie aussagt, gilt in gleicher Ausdehnung auch von der Physiologie. Alle die einzelnen LebenSlätigkeiten des menschlichen Organismus finden ihre Analoga bei den Menschenaffen: die gleichen Muskelbewegungen setzen das Hebclwerl des Knochengerüstes in Beweguirg: Atmung, Verdauung, Blutkreislauf und Fortpflanzung sind die gleichen; die- selben chemijch-phyfikalischen Gesetze regeln die Sinnestätigkeit usf. Ja. der biologischen Blutsernmsorschrmg ist es gelungen, den zwingenden Beweis der engsten Blutsverwandtschaft zwischen Menschen und Metischenaffcit zu erbringen und die von der vergleichenden Anatomie geschaffene Systematik der Primatenordnung unWider- leglich zu bestätigen. Untersuchen wir inmmehr, Wa-S die Paläontologie, die Versteinerungsurkunde, uns über das Abstammungsproblem de? Menschen auszusagen weiß. Leider ist das Beweismaterial, das diese Hilfswissenschaft uns bietet und bieten kann, ein sehr unvollständiges; dies« Urkunde ist«mit verstümmelten Lettern geschrieben", oder, wie Darwin sagt(„Entstehung der Arten"): sie ist„eine Geschichte der Erde, unvollständig geführt und in Wechseluden Dialekten geschrieben, eine Geschichte, von der aber nur der letzte, bloß auf zwei oder drei Länder sich beziehende Band bis auf uns gekommen ist. Und auch von diesem Bande ist nur hie und da ein kurzes Kapitel erhalten, und von jeder Seite sind nur da und dort einige Zeilen übrig". Weim nun auch, seit Darwin daS schrieb, eine ganze Anzahl wertvoller neuer Blätter, ja, andere Bände gefunden worden sind, so weist diese bedeutsamste, weil unmittelbar überzeugende Urkunde doch nach wie vor noch recht viele Lücken auf, was sich daraus leicht erklärt, daß es zur Konservierung der erforderlichen Beweisstücke des Zusammen- treffens vieler günstiger Umstände bedurfte.„Es ist nicht zu verwundern", betont Plate mit Recht,„daß die affenartigen Vorfahren des Menkchen und die ältesten Menschenrassen überhaupt so äußerst selten in ihren Skeletttcstcn gesunden werden. Demi mir wenn ihre Leichen nur zufällig in einen Fluß oder in einen See mit schlammigem Boden fielen, konnten sie dem„Zahn der Zeit" trotzen, und welche glückliche Verkettung von Umständen gehört ferner dazu, daß gerade solche vereinzelte Stellen im Innern unserer Erde aufgedeckt werden I" Was uns nun heute an paläontologischem Beweis- Material zur Frage der Abstammung des Menschen bezichungS- Iveis« zur Entwickelmigsgrschichte der Primatengruppe vorliegt, ist folgendes: In, Eozän tauchen die ersten Halbaffenwesen aus, und diese alteozänen Pachylemnren besitzen noch die typische Ge- bißbildung der ursprünglichen Säugetiere: 44 Zähne(nämlich in seder Kieferhälfte 3 Schneidezähne, 1 Eckzahn, 4 Lücken- oder Borderbackenzähne imd 3 Backenzähne), Aus sie folgen die eozänen N e k r o I e m ur e n, die bereits einen Schneidezahn in jeder Kieferhälfte eingebüßt haben, also nur noch 4V Zähne besitzen, und endlich die A u t o l e m u r e n, deren Zahnformel durch den Verlust eines Lückenzahnes auf 36 Zähne—- das typische Gebiß der heute lebenden Platyrhiuen— reduziert ist,„Eine nnunterbroch-ne Reihe von tertiären Zwischenformen verbindet Lemuraviden mit den modernen Halbaffen einerseits, mit den Stammforme» der echten Affen und des Menschen andererseits'(Haeckel), Im mittleren Miozän treten uns die ersten echten Affen entgegen, die nach Haeckel„in manchen wichtigen Verhättniffen dem Menschen bedeutend näher stehen oM alle heut lebenden Anthropoiden", und andere Großaffen. Sfn sie reiht sich, dem Pliozän entstammend, der Palaeopithecus eivalöBsi», der»direkt zum PitdscantliropuL hinüber führt". (Schluß folgt.) HcKunäliteratur. Im ReichStagsgebäude ist in diesen Tagen eine interessante und instruktive Ausstellung zu besichtigen. Von einer Anzahl Korporationen, besonders von der Deutschen Dichter-Gedächwis- Stiftung und der Deutschen Zentrale für Jugendfürsorge, ist zur Illustration der Schundliteratur und zur Aufklärung über ihre gefährlichen Wirkungen ein reiches Material zusammengetragen worden, das in dieser Konzentration auf den Beschauer einen starken Eindruck ausübt. Den größten Raum nehmen die zahllosen Hefte der Nie Carter- Literatur ein, jener abenteuerlichen Kriminalgeschichten, die sich um Nie Carter, den„größten amerikanischen Detektiv", gruppieren. Das an sich unhandliche Quartformat dieser dünnen Bücher wird dadurch für den Leser handlicher, daß er das Heft der Länge nach faltet; dann paßt es famos in die Rocktasche. Für den Verleger hat aber das große Format den Vorzug, daß er auf das Titelblatt ein auf- fallendes, grellbuntes und nicht zu kleines Bild setzen kann, das irgend einen Höhepunkt der.spannenden" Handlung wiedergibt. Schon bei einer flüchtigen Musterung dieser Bilder mit ihren Unterschriften muß man die unerhörte Phantasie bewundern, mit der die Verfasser dieser Geschichten immer neue, immer aufregendere, immer spannendere Stoffe, Verwickelungen, Heldentaten, Abenteuer für ihren Helden ersinnen. Man kann es aber auch begreifen, daß jugendlich-phantastische Gemüter, die nie gelernt haben, gute und böse Lektüre von einander zu unterscheiden, mit leidenschaftlicher Gier diese aufregenden Geschichten verschlingen. Im Grunde ist Nie Carter nur eine neue zeitgemäße Nummer de? alten Fadens der Hintertreppen- und Kolportageromane. Die alten Jndianergeschichten haben an Reiz eingebüßt, seitdem das neue Amerika der Millionäre und der Verbrecherwinkel viel fruchtbarere Gebiete für perverse Phantastereien abgibt. Auch der alte Räuber- romau mit seinen endlosen Fortsetzungen hat sowohl in der ab- geschloffenen Kürze der modernen Detektivgeschichte» wie in ihrem moderneren Stoff einen erfolgreichen Konkurrenten erhalten. Aber die Materialien der Ausstellung zeigen, daß auch die alten Formen der Schundliteratur keineswegs ausgestorben sind, sondern von raffinierten Geschäftsleuten nach wie vor dazu benutzt werden, dem ungebildeten und kritiklosen Leser das Geld aus der Tasche zu holen und ihm dafür den Kopf mit wüsten Phantasien zu füllen. Ein Verleger hat 25 Millionen Kolportagehefte abgesetzt! an einem Schundroman hat ein Verleger einen reinen Nettoverdienst von 40 000 Mark gehabt. Der Erfolg der Schundliteratur ist psychologisch einfach zu er- klären. Er ist letzten Endes auf die gleichen llrsachen zurückzuführen, auf denen auch der Erfolg guter Literatur beruht: es ist das allgemeine menschliche Interesse an ungewöhnlichen Ereignissen und an Helden- taten. Der Stoff selbst stempelt die Schundliteratur nicht zu dem gemeingefährlichen Gift, das sie für den Bolkskörper bedeutet. Denn auch in der besten Literatur aller Zeiten kommen gräßliche Ereigniffe, fürchterliche Greuel, unsagbar häßliche Taten, Verbrecher von riefigen Dinrennonen und fabelhaste Helden vor. Man denke an Sophokles, Shakespeare und Schiller, um nur drei Namen aus verschiedenen Zeiten, Ländern und Kulturkreisen zu nennen. Und daß die größten Dichter aller Zeiten mit Vorliebe furchtbare, grausige Stoffe für die poetische Gestaltung gewählt haben, zeigt, daß diese Stoffe so- wohl Anziehungskraft auf den Künstler als auch— da doch der Künstler nicht nur für sich, sondern auch für die Masse schafft— aus die Masse, auf das Volk, auf die Leser, Hörer und Beschauer aus« übt. In welchem Maße, gerade dieses letztere Reizmittel bis auf den heutigen Tag vorhanden ist. zeigt zurzeit mit besonderer Anschau» lichkeir der große Erfolg der Oedipusaufsührungen. Wodurch sich aber die Schundliteratur auf den ersten Blick von der guten Literatur unterscheidet, das ist die Form, die Bearbeitung des Stoffes. Bei dem Künstler wird auch der grausigste und ab- schreckendste Stoff geadelt durch die künstlerische Form, in der er er- scheint. Man spürt beim Schallen oder Lesen oder Hören nickt die Gräßlichkeit der Handlung an sich und nicht ihre niederdrückende, entmenschlichende Wucht, sondern wir fühlen ein Stück Menschheit sich vor uns abrollen, wir werden durch den Künstler hinausgehoben über den Schmutz und das Grauenhafte der Taten selbst, geläutert und erhoben legen wir das Buch des echten Künstlers aus der Hand oder verlassen wir das Theater nach einer noch so furchtbaren mensch- lichen Tragödie. Von allen diesen Wirkungen ist bei der sogenannten Schundliteratur nicht die Rede, weil die Knust bei ihr überhaupt keine Rolle spielt. Bei ihr schafft nicht ein wirklicher Dichter aus dem inneren Schaffensdrange heraus, sondern ein armseliger Handwerker schmiert und schmiert Seite auf Seite, weil ihn sein Auftraggeber dafür be- zahlt. Sein Arbeitgeber ober ist irgend ein gerissener Geschäfts- mann, der zufällig in Schund>teratur' macht I er könnte ebenso gut— dielleicht har er es früher getan— in Baumwolle oder in Lumpen und Papierabfällen machen. Seine Spekulation ist das Interesse der Menschen an grausigen, spannenden Geschichten; ferner spekuliert erlabet auch auf die Unbildung der Menschen. Um ein literarisches Kunst- wert zu verstehen und sich an ihin zu erfreuen, bedarf es einer ge- Perantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: wissen ästhetischen Bildung; wer sie nicht befitzt, läßt sich lediglich von dem Stoffe packen und betrachtet die Form nur als ein bei- läufiges Mittel, um recht rasch den Stoff in allen seinen aufregenden Einzelheiten kennen zu lernen. Da die große Mehr- zahl der Menschen literarisch wenig oder gar nicht ge- schult ist, so leuchtet ohne weiteres ein, daß die niedrige Spekulation der Schundliteraturfabrikanten Erfolg haben muß. Seine angestellten„Schriftsteller" schreiben nur für die Ungebildeten: sie können daher auf jedwede künstlerische Form, die sie meistens auch gar nicht beherrschen, verzichten: sie brauchen nur den Stoff spannend zu verwickeln und ebenso spannend wieder zu entwickeln; sie brauchen nur in der verstiegenen, ungewöhnlichen, schwülstigen, verlogenen Weise, die der Ungebildete bei seinem Mangel an Ber- ständnis rmd kritischen Sinn für„künstlerisch" hält, eben lveil sie ungewöhnlich ist, weil sie ganz aus dem Rahnren seiner sonstigen Denkungs-, Sprech- und Lebensweise herausfällt, die aufregenden Phasen der mit srechgekünstelter Phantasie geschaffenen Handlung abzuwandeln. Dazu kommt dann das Raffinement des Vertriebs: die auf« dringliche Hintertreppenkolportage, die grellen, lüstern- grausigen Bilder, die spannenden Schlußzeilen der einzelnen Hefte, der für das Einzelheft scheinbar billige Preis. Aber wenn man erst die eigentlichen Ursachen für den ab- schreckenden Erfolg der Schundliteratur erkannt hat, sieht man auch sofort den Weg, der zur wirklichen Befteiung von dieser gefährlichen Epidemie führt: man muß das Volk in eine geistige Situation ver- setzen, die ihm ermöglicht, die Schundliteratur als solche zu er- kennen I Die unmittelbare Agitation gegen die Schundliteratur soll nicht unterschätzt werden, aber sie wird immer nur einen bescheidenen Bruchteil der gefährdeten Bevölkerung erreichen. Weit Wirkung?- voller ist die innere Festigung jedes Einzelnen gegen die Schund- literatur und ihre vergiftenden Folgen. Dazu gehört freilich eine vollständige Erneuerung unseres Erziehungswesens, und das setzt wiederum tiefgreifende gesellschaft- liche Umwälzungen voraus, die erst durch den politischen Kamps und den Sieg der Sozialdemokratie ermöglicht werden. Haben wir aber erst eine öffentliche Erziehung, die jedem Menschen die volle geistige, seelische und körperliche Ausbildung gibt, auf die er Anspruch hat. so gewinnt er dadurch auch ohne weiteres das nötige Unterscheidungs- vermögen für Kunst und Schund: die Schundlfteratur wird dann nur noch historische Bedeutung wie Hexenverbrennungen und Zauber- bücher haben. Die moderne Arbeiterbewegung wird damit zur wirksamsten Bekämpferin der Schundliteratur, und zwar durch ihre ganze Tätigkeit, im besonderen aber noch dadurch, daß die Organisation den einzelnen Arbeiter schon heute durch die Hebung seiner Lebens- läge und durch seine erzieherische Beeinflussung erheblich gegen den Einfluß der Schundliteratur festigt. Aber es soll gern zugestanden werden, daß es sehr nützlich ist, wenn neben diese allgemeine und mittelbare Bekämpfung auch noch die unmittelbare tritt. Diesem Zwecke nützt die Ausstellung im Reichstagsgebäude in schätzenswerter Weise; sie lehrt den gefährlichen Feind kennen und deckt einen Teil seiner verschiedenartigen Positionen auf. Sie nützt auch dadurch, daß sie eine Anzahl der billigen Bücherkollektioncn ausstellt, die seit einiger Zeit von verschiedenen Vereinigungen zur positiven Bekämpfung der Schundliteratur herausgegeben werden. Zu den besten billigen Ausgaben gehören die Schriften der deutschen Dichter-Gedächtnisftiftung; daneben sind in den letzten Jahren die Wiesbadener Volksbücher, die Deutsche Jugendbücherei der Harn- burger Lehrer, die bunten Bücher, die Quellen der Schatzgräber und noch verschiedene andere Serien zu empfehlen. Den proletarischen Jugendausschüssen bietet sich in der Bekäntpwug der Schundliteratur ein dankbares Feld der Be- tätigung. Allerdings darf man sagen, daß der jugendliche Arbeiter, der überhaupt erst für die Jugendbewegung gewonnen ist, damit auch gegen die Einflüsse der Schundliteratur gefeit ist. Er hat öhere Aufgaben kennen gelernt, er wendet seine freie Zeit für essere Zwecke an als für das Verschlingen geist- und wertloser Detektivromane. Gerade durch die Beteiligung an der Jugend- bewcgung gewinnt der Jugendliche die notwendige innere Festigung und das kritische Vermögen; durch die Teilnahme an den Lehr-, Unterhalwngs- und Kunstabenden der Jugendbewegung wird auch sein künstlerisches Empfinden gehoben. Angesichts dieser hohen Bedeutung der proletarischen Jugend- bewegung gegenüber einem so gefährlichen Volkfeinde, wie es die Schundliteratur in allen ihren Formen ist, bewerte man die eifrigen Bemühungen, mit denen die Behörden, die Gerichte, die Polizei, die Fortbildungsschulen, die Ministerien, die bürgerlichen Jugendfürsorge- vereine der proletarischen Jugendbewegung das Lebenslicht aus- zulöschen versuchen! Gerade der erschreckende Anschauungsunterricht, den die Aus- stellung im Reichstagsgebäude über die Gefahren und die Aus- dehnung der Schundliteratur bietet, predigt die Notwendigkeit der Ausdehnung, Vertiefung und Festigung der proletarischen Jugendbewegung. Je mehr sie alle jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen, damit also auch die zu- künftigen erwachsenen Arbeiter und Arbeiterinnen umfassen, um so schneller und zuverlässiger wird dadurch schon in der Gegenwart der Sumpf der Schundliteratur ausgetrocknet. ____________ Heinrich Schulz. VorwärtsBuchdruckerei u-Verlagsanstalt Paul SingerärCo., Berlin S VV.