Unterhaltungsblatl des vorwärts Nr. 7. Mittwoch den 11. Januar. 1911 (Nachdruck verdolMU 7] pelle der Eroberer. Roman von Martin Andersen Nexö. „Ich will mal sehen, ob ich Zeit Hab'," sagte das große Frauenziinmer höllisch zahm.„Aber ich Hab' heut Roch' mittag so wie so alle Arbeit allein auf'n Hals, all die Andern woll'n aus!" „Ja, ich seh', daß sich Bodil schon wäscht," er spie einen Etrahl Kautabak nach dem Fenster des Brauhauses hinüber. „Sie soll woll zur Aushebung, sie macht es ja so gründlich." Karna setzte eine mürrische Miene auf: „Sie hat sich freigebeten, weil sie nach der Kirche wollt'— die und nach der Kirche gehen! Da bral mir einer'n Storch! Ne, die will nach Schneiders in' Dorf: da trifft sie sich mit Malmberg— die sind ans einer Stadt. Daß sie sich nich zu gut hält, sich mit'n verheirateten Mann einzulassen." „Meinetwegen kann sie sich einlassen, mit wem sie will," entgegnete Gustav und stieß das letzte Rad mit dem Fuß an seinen Platz: die große Karna stand da und sah ihn freund- lich an. Aber da entdeckte sie ein Gesicht oben hinter den Gardinen und lief schleunigst mit ihren Eimern davon. Gustav spie verächtlich zwischen den Zähnen hinter ihr drein— sie war doch zu alt für seine siebzehn Jahre: vierzig mußte sie doch wohl wenigstens sein. Er warf noch einen langen Blick zu Bodil hinüber nnd ging dann mit Schmierdose und Schlüssel nach dem Wagentor hinüber. Das hohe, weiße Wohnhaus, das das obere Ende des Hofes abschloß, war nicht mit den übrigen Gebäuden zu- sammengebaut, sondern hielt sich vornehm zurück, ein paar Enden Bretterzaun besorgten die Verbindung. Es hatte eine Mansarde nach beiden Seiten und ein hohes Kellergeschoß, in dem sich Gesindestube, Mägdestube, Braustube, Mangel- sttche und die großen Vorratsräume befanden: an der Man- sarde nach deni Hof hinaus saß eine Uhr, die nicht ging. Pelle nannte das Gebäude Schloß und war nicht wenig stolz darauf, daß er Erlaubnis hatte, den Keller zu betreten. Die anderen Leute auf dem Hof hatten keine so schöne Bezeichnung dafür. Er war der einzige, dessen Ehrfurcht vor dem Haupt- gebäude mit keinem finsteren Zusatz vermischt war. auf die anderen wirkte es wie eine feindliche Schanze. Jeder, der über das Pflaster des oberen Hofes ging, schielte unwill- kürlich zu den hoben verschleierten Fenstern hinauf, hinter denen man verstohlen alles hier draußen beobachten konnte. Es war ungefähr so, als wenn man eine Reihe Kanonenmün- düngen passierte— es machte unsicher in den Beinen: und nieniand ging über das reine Pflaster hin, ohne dazu ge- zwungen zu sein. Dahingegen bewegten sie sich frei auf dem anderen Teil des Hofes, der vom Wohnhause ebenso leicht zu übersehen war. Dort unten liefen ein paar von den jiingeren Knechten und spielten. Der eine hatte die Mütze des anderen erobert und lief damit, und es ging in wildester Jagd aus der einen Scheunentür heraus und zu der anderen hinein, den ganzen Hof herum, unter Keuchen und ausgelassenem Gelächter und abgebrochenen Ausrufen. Der Kettenhund kläffte vor Wonne und wälzte sich sinnverwirrt an seiner Kette herum, er wollte mitspielen. Aben am Staket wurde der Räuber eingeholt und zur Erde geworfen, aber es gelang ihm, die Mütze in die Luft zu schleudern, sie fiel gerade vor der hohen steinernen Treppe des Wohnhauses nieder. „O, Du hinterlistige Kreatur!" rief der Besitzer mit einer Stimme, die wie ein verzweifelter Vorwurf klang, indem er den anderen, mit seinen Stiefelschnauzen bearbeitete,„o, Du schändlicher Bengell" Er hielt plötzlich inne und maß abschätzend die Entfernung.„Spendierst D»l'n Pejcl, wenn ich hingeh und die Mütze hol?" fragte er flüsternd. Der an- dere nickte und richtete sich schnell auf, um zu sehen, wie die Sache ablaufen würde.„Schwörst Du es mir zu? Drückst Tu Dich auch hinterher nich'?". Er erhob die Hand bc- schwörend. Der Kamerad machte eine feierliche Betvegung über die Kehle hin. als wolle er sie durchschneiden, der Schwur war abgelegt. Der, der die Mütze verloren hatte, zog die Hosen in die Höhe und blieb eine Weile stehen und raffte sich zusammen, seine ganze Gestalt wurde straff vor Entschlossen- heit. Er legte die Hände auf das Staket und sprang hinüber, ging gesenkten Kopfes und festen Schrittes über den Hof— er glich jemand, der alles auf eine Karte gesetzt hat. Als er die Mütze gefaßt hatte und den Rücken dem Hauptgebäude zuwandte, schnitt er seinem Kameraden auf dem unteren Hofplatz eine schreckliche Grimasse zu. Da kam Bodil in ihrem feinsten Sonntagsstaat, ein schwarzseidcncs Tuch unl den Kopf und ein Gesangbuch in der Hand, aus den Keller heraus. Herr du meines Lebens, wie war sie hübsch! Und tapfer— sie ging an dem Wohnhaus in seiner ganzen Länge vorüber und hinaus. Aber sie konnte wohl auch von.dem Gutsbesitzer selbst geliebkost werden, sobald sie nur wollte. Um den eigentlichen Hof herum lagen die vielen kleinen und großen Wirtschaftsgebäude: Kälber- und Schwcinehaus, Gerätschaftsschuppen, Wagenremise, eine Schmiede, die nicht mehr benutzt wurde. Sic lagen da wie eine Menge Mysterien mit Luken, die zu pechschwarzen unterirdischen Rüben- und Kartoffelkellern führten, von wo aus man natürlich auf geheimen Gängen zu den sonderbarsten Stellen unter der Erde gelangen konnte— und mit anderen Luken, die zu dunklen Bodenräumen hinaufführten, wo die wunderbarsten Schätze in Form von altem Gerümpel aufbewahrt wurden. Aber Pelle hatte leider nicht viel Zeit, dies alles zu durchforschen. Jeden Tag mußte er dem Vater bei der Pflege des Viehes helfen, und die Arbeit mit dem großen Bestand war nahe daran, ihre Kräfte zu übersteigen. Sobald er sich ein wenig verschnaufen wollte, waren die anderen gleich hinter ihm her. Er mußte Wasser für die Braumädchen tragen, dem Wirtschaftselcven die Stiefel schmieren und für die Knechte zum Kaufmann laufen, um Branntwein zu holen, oder Tabak, den sie in den Mund steckten. Da war genug, womit er hätte spielen können, aber niemand konnte es er- tragen, ihn spielen zu sehen: immer pfiffen sie nach ihm, wie nach einem Hund. Er suchte sich Ersatz, indem er die Arbeit selbst zum Spiel umgestaltete, und das ließ sich in vielen Fällen machen. Die Kühe zu tränken, ivar zum Beispiel ergötzlicher als irgendein wirkliches Spiel, wenn der Vater draußen auf dem Hofe stand und pumpte und der Junge das Messer nur von einer Krippe in die andere zu leiten brauchte. Er kam sich bei dieser Arbeit immer vor wie ein großer Ingenieur. Aber viele andere Arbeit war dafür auch wieder zu schwer, um amüsant zu sein. In diesem Augenblick schlenderte der Junge draußen bei den Wirtschaftsgebäuden umher, wo niemand war, der ihn hätte hetzen können. Die Tür zum Kuhstall stand offen, und er konnte das anhaltende Kauen dort hören, das hin und wieder von einem gemütlichen Schnaufen unterbrochen wurde oder von dem regelmäßigen Auf- und Niedersdheuen? der Kette,«kenn sich eine Kuh den Hals an dem Pfahl scheuerte. Die Holzschuhe des Vaters klappen beruhigend aus und ein drinnen im Futtcrgang. Aus den geöffneten Halbtüren der kleinen Ställe stieg ein warmer Dampf, der angenehm nach Kälbern und Schwei- neu roch. Bei den Schweinen herrschte ein unendlicher Fleiß: den ganzen langen Steig entlang war ein Knappern und Schmatzen, hin und wieder schlürfte eine Sau das Nasse mit den Mundwinkeln auf, oder blies bubbelnd mit dem Rüssel am Boden des Troges entlang, um die verfaulten Kartoffeln unter der Flüssigkeit zu finden. Hier und da zankten sich ein Paar um den Trog und entsandten gellende Schreie. Aber die Kälber steckten ihre sabbelnden Mäuler durch die Tür- öffnungen, glotzten in das schöne Wetter hinein und brüllten warm. Einer von den kleinen Kerlen sog die Luft drüben von, Kuhstall her auf eigene, umständliche Weise ein und verzerrte dann das Maul über das ganze Gesicht in einem törichten Grinsen— das war ein Sticrkalb. Es legte das Kinn auf die Halbtür und versuchte hinüberzuspringen. Pelle jagte es wieder hinunter. Dann schlug es hinten aus. sah ihn von der Seite an und stand mit krummem Rücken da und stampfte auf den Boden wie ein Schaukelpferd. Die Sonne hatte es wirr gemacht. Unten im Teich standen Enten und Gänse auf dem Kops im Wasser und fochten mit den roten Beinen in der Luft. Und Plötzlich konnte die gcu�ze Entenschar einen Anfall von toller Sonnenfreude bekommen und schreiend von einem Ufer zum anderen flattern' das letzte Stück Weges rutschten sie auf dem Wasser und wackelten lächerlich mit dem Hintern. Pelle hatte sich viel von diesen paar Stunden versprochen. die ihm ganz und gar gehörten, da ihm der Bater freigegeben hatte, bis die Mittagsarbeit anfing. Aber nun stand er da und wußte weder aus noch ein, der Reichtum überwältigte ihn. Ob es wohl amüsant war, auf zwei gekreuzten Wagen- brettern über den Teich zu fahren?— Ta draußen lag gerade eine Mistwage zum Abwaschen. Oder sollte er hineingehen und mit den kleinen Kälbern spielen oder mit dem alten Blasbalg in der Schmiede schießen? Wenn er das Luftloch mit nasser Erde füllte und tüchtig anzog, konnte es einen guten Schuß geben. Pelle zuckte zusammen und suchte sich unsichtbar zu machen— der Herr selbst war um die Ecke gekommen und stand jetzt, die Hand über den Augen und'spähte über das abfallende Land in das Meer hinaus. Als er Pelle erblickte, nickte er ausdruckslos und sagte:„Guten Tag, mein Junge, na, was machst D�l denn?" Er starrte noch immer hinaus und wußte wohl kaum, daß er das gesagt hatte, und fuchtelte dem Jungen mit dem Ende seines Stockes auf der Schulter herum— der Steengaarder Bauer ging oft im Halbschlaf umher. Aber Pelle empfand es als eine Liebkosung göttlicher Art und lief gleich in den Stall hinüber, um dem Vater zu erzählen, was ihm begegnet war. Er hatte ein erhebendes Gefühl in der Schulter, als habe er den Ritterschlag bekom- men, er fühlte den Stock noch immer da. Eine berauschende Wärme strönite von der Stelle in seinen kleinen Körper hinaus und ließ ihm das Erlebnis zu Kopf steigen und blies ihn selber auf. Er erhob wahrhaftig die Flügel und stieg in die Luft hinaus in einer unklaren, schwindelnden Phantasie— etwas in der Richtung, daß ihn der Steengaard-Bauer als Sohn annehmen würde. Er kam schnell wieder auf die Beine, denn dadrinncn im Stall lief er gerade in eine gründliche Sonntagswäsche hinein. Die Sonntagswäsche war das einzige Gewichtige, was er gegen das Dasein einzuwenden hatte: alles andere kam und wurde wieder vergesse», diese Wäsche aber meldete sich immer wieder von neuem. Er verabscheute sie und namentlich den Teil, der sich um das Inwendige von den Ohren drehte. Aber da half kein Bitten, Lasse stand parat mit einem Eimer kalten Wassers und einer Schale mit grüner Seife und der Junge mußte sich entkleiden. Als wenn das Abscheuern nicht genüge, mußte er hinterher noch in ein reines Hemd kriechen— glücklicherweise nur jeden zweiten Sonntag. Hinterher, wenn man darauf zurücksah, war daS ganze höchst angenehm— wie etwas, das überstanden war und fürs erste nicht wiederkehrte. Pelle stand in der Stalltür nach dem Hose hinaus und protzte mit zu bergestehendcm Haar und reinen Hemdsärineln: die Hände hatte er in den Seitentaschen begraben. Gerade vor der Stirn bildete das Haar einen Wirbel, eine Locke, die Glück bedeuten soll: und das Gesicht, das sich in dem grellen Licht zusaimnenzog, war das putzigste Holter die Pglter. wo nicht ein einziges Ding an seinem Platz war. Pelle bog die Waden nach hinten durch und stand da und wiegte sich leicht in den Beinen, so wie er es Gustav da oben an der Haupttrevve tun sah, wo er stand und die Zügel hielt und auf die Herrschaft wartete. (Fortsetzung folgt.) Menn Karle lcbreibt. Von Emil U n g e r. S-bon seit einigen Wacben sah sie mir an meinem ArbestStisch gegenüber. Selten spracd sie mit jemandem, nur mit mir wechselte sie öfter einige Worte Wir arbeiteten Hand in Hand, d. h. sie baue schmale Streifen Stoff, die ich bei meiner Arbeit verwenden muhte, zu schneiden und mit Kleister zu bestreichen. Jbre Züge waren plumv und nichtssagend. Das strobgclbc Haar schmiegte sich glatt an den Kopf und die grohen, waflerblauen Augen blickten stumpf und ausdruckslos ms Leere. Ihre Stimme klang blechern und unangenehm i wenn sie sprach, geschah es langsam, schleppend, mit ostpreuhiichem Akzent. Sie war 22 Jahre alt und hörte auf den klangvollen Namen Magdalena Karsinsky. Ueber ihren dicken, breiten Geficht aber lag stets der Abglanz einer inneren heimlichen Freude, eines still- vergnügten Hoffens.« Unter gewöhnlichen Umständen hätte Magdalena Korsinsky ge- l wis; keine Ursache gehabt, sich besonders zu freuen. Sie verdiente i 9 Mark pro Woche und von dieser Summe muhte sie alle ihre Lebensbedürfnisse bestreiten. Sie halte da im Zentrum von Berlin eine Schlafstelle, in einer jener altersgrauen Baracken, deren Gewirre und Bmisonnen das Auge des Künstlers entzücken, die jedoch der gewöhnliche Sterbliche nur mit einem geheimen Grauen betritt. Nein, all die angeführten Umstände hätten unserer Magdalena wirklich keinen Anlah geboten, sich in Glück und Wonne zu wiegen. Der eigentliche Grund muhte außer- halb dieses Rahmens liegen, und ich vermutete instinktiv, dah er Hosen trug, und zwar Kommihbosen. Meine Hoienvermurung hatte denn auch daS Richtige gettoffcn. Eines Morgens ich ob Magdalena Korsinsky mir mit schämigem Lächeln eine Pbolographie hin, die sie behutsam eiuem Briefumschlag entnommen hatte. DaS Bild stellte einen Kürassier in der bekannten .Stillgestanden''-Stellutig dar. Es war ein stämmiger Buriche mit knochigem Geficht und brutalen Zügen. Die zuiammettgekiuffenen Augen mit dem falschen Blick vert'tärkten noch den unsympathischen Eindtttck. Die.Zierde" des Manncö, der Schnurrbart, den die Natur bei dem Kürassier nur andeutungsweise hatte hervorspriehcir lassen, war durch den Photographen— ein tüchtiger Photograph ist immer ein guter Psychologe— schwungvoll auf die ausgeworfene Oberlippe gemalt worden, so dah es schien, als trüge der junge Krieger einen Tbearerbart. «Dat is Karle, mein Breitigam, wo bei de Jardekirasfiere ge- dient hat", sagte jetzt meine Arbeitsgenossin mit freudig erregter Stimnte.„Is er nich'n scheener Mann, mein Karle", fügte sie noch fragend hinzu und aus ihren sonst so stumpfen Augen glänzte etwas wie Stolz. Und nun erzählte sie mir mebr von ihrem grohen Glück. Dah Karle erst schreiben wolle, wenn er Arbeit gefunden habe. Er sei nach Hamburg„jemocht" und wenn er erst Stellung habe, dann wolle er sie kommen losien und dann würden sie Hochzeit halten. Jedes Gespräch, das Magdalena von nun an mit mir führte, begann mit den Worten:„Wenn Karle schreibt---*. An diesen Gedaiiken knüpfte sich ihr ganzes Hoffen, ihr Glück, ihre Zu- kunft!„Wenn Karle schreibt---". ES vetgingen Tage, es vergingen Wochen, aber Karle schrieb nicht. Die stillvergnügte Freude auf Magdalenas Antlitz verblich allmählich, wie das Abettdtot am Himmel beim Herannahen der Nacht. Um ihre Augen legten sich dunkle Ringe, ihre Wangen wurden bläh und immer tchmäler, ihre Stimme trauriger und schleppender, und die Stoffstreifen, die sie mir lieferte, iminer un« brauchbarer. Der Werkführer mit dem kalten, stechenden Blick umkreiste die unglückliche Brot«, wie der Fuchs den Hühnerstall und die Kolleginnen steckten in den Pausen die Köpfe zusammen und tuschelten geheimniS» voll, indem sie ab und zu nach Magdalena hinsahen. Es war lein Zweifel mehr: meine Tiichnachbarin ging dem gröhlen Ereignis entgegen, das einem Weibe von der Natur aus beichtedeii sein kann. Eines Tages sagten es ihr die Arbeitskolleginnen mit grausamer Offenheit direkt auf den Kopf zu. Aber Magdalena wies diese Behauptung entrüstet zurück und bei dieser Gelegenheit hörte ich sie zum ersten Male etwas schneller sprechen. Sie weinte leise in ihre Schürze:„So'ne Jemeinheit, ick bin'n auständijet Mädchen. Is jar nich wahr, war die sagen. U'ffn Lande essen de arnten Leute viel Kartoffeln un davon kommt dann sowat. Na. ick bin ja ooch die längste Zeit hier jewesen; wenn Karle schreibt ---". Die letzten Worte verloren sich in verhaltenem Schluchzen. Die schwarze Klara, eine Stepperin mit hübschem Gesicht, kohl- schwarzem Haar und ebensolche», keck blitzenden Augen, kam heran und beruhigte die weinende Magdalena.„Ra, nu find se man stille und fließen se man nich auseinander, so schlimm war't ja jar nich jemeent. Wat is denn och weiter dabei. et jibt Ihnen ja kecner wat zu. Ich sag« jedem, der's hören will, det ick'n kleenen herzigen Jungen habe und ick führ'n alle Sonntage stolz spazieren. Del is dock keen Verbrechen I" „Natürlich is nischt dabei I"„Was se sich bloß hat? Det is doch oocki eijene Anjelegenheit des Empfängers!" klang eS jetzt im ChornS, und das ganze weibltckie Personal umringte die Weinende und tröstete sie:„Lasien Se man, der muß Alimente berappen, die Sacke wern wa sckon befummeln l" Jetzt aber richtete Magdalena sich straff auf und wischte sich mit der Schürze die Tränen aus den Augen. Ihren Bräutigam mochte sie doch nicht ichmäbc» lassen:..Wenn Karle sckreibr'----" Sckrill und kategorisch klang daS Glockenzeicken durch den Raum und kündete da? Ende der Paus« an. Der Wcrkfübrer kam hereingetchoffen wie ein Habicht und die Arbeiter und Arbeiterinnen eilten an ihre Plätze. Rur die schwarze Klara ging gemächlich hinter ihrer Maschine und erwiderte den finsteren Blick dcS Fabrikgelvaltigen heraus- fordernd.--- Die Susträge schwollen beängstigend an, alles arbeitete fieber- hast.„Sie, Fräulein KorsinSly. Sie müssen schneller arbeiten. dalli, dalli, immer flott weg I" schnauzte der Werkführcr und schnob wütend um unseren Tsich.„Na, die 9 Mark wer ick loofl noch verdienen un überhaupt, wenn Karle schreibt———" „Sagten Sie was, Fräulein?" fragte der Werktührer, sich rcttck umdrehend.„I wo. die Hai bloß laut gedacht I" mischte sich die schwarze Klara ein und trat auf ihre Maschine, daß man snrchten mutzte, es würden gleich die Funken herauSsticben..Wenn ich mit Ihnen rede, dann können Sie anrworten.".Ick wer rmr'S merken/ gab die schwarze hübsch? Stepperin gleichmütig zurück und in ihren Mund- Winkeln zuckte ein spitzbübisches Lachen.«Der möchte woll'n Zucht- Haus hier entführen, io'n Asse 1" fügte sie noch halblaut hinzu und die andern nickten beifällig. Am Sonnabend, kurz vor Geschäftsschluß, wurde Magdalena plötzlich ohnmächtig, erholte sich jedoch rasch wieder und ging mit den inS Rontor. Dort lagen schon für eine Anzahl Personen, darunter auch kür Magdalena, die Papiere bereit. Es war hier, wie in den tneisten anderen Betrieben auch, feststehende Uebung. daß nach Er- ledigung der Aufträge mit Eintritt der stillen Getchäftsteit die zuletzt gekommenen und überflüssigen Arbeitskräste entlassen wurden. Magdalena verabschiedete sich und wir alle wünschten ihr, fie möge es sich gut gehen lassen, obgleich wir selbst empfandett, daß eS in Anbetracht ihrer Lage wie Hohn und Heuchelei klingen mußte. «Es kann doch noch gar nicht so weit mit ibr sein", meinte die schwarze Klara, nachdem sie die Abgebende prüfend angesehen hatte:«höchstens sieben Monate schätze ich."„Mehr wohl kaum", stimmten die Umstehenden bei. Am nächsten Tage gegen Mittag kam ein blasser, blaugesrorener Junge in dünnen, zerrinenen Kleidern und zersetzten Stiefeln, aus denen das eisige Schneewasser quoll, in meine Wohnung lind bat, ich möchte mitkommen zu'einer Mutter, es sei wegen Magdalena Korsinsky, die bei ihnen wohne. Mehr war aus dem Kleinen nicht herauszubekommen und so rille ich denn hin nach der bezeichneten Wohnung, die in einem der ältesten und baufälligsten Häul« des Stralau er Viertels lag. Durch mehrere schlecht gepflasterte, psützenbedeckte Höfe, an Remisen und Ställen und Werkstätten vorbei, gelangten wir in einen feuchten, mnffigeti und duiiklen Gang und stiegen dann eine schmale, ausgetretene hölzerne Treppe hinan, die bei jedem Tritt stöhnte und knarrte. Oben empfing uns eine ärmlich gekleidete, abgehärmte Frau mit Jammern und Wehklagen und führte mich in die Stube, die in ihrer Rablheir und Leere, mit den zerrissenen Tapeten und den papserbcklebten Fenstern entt'etzlich deprimierend auf mich wirkte. Äußer einem riesigen Kochofen und einigen Kisteu stand nur noch eine wacklige Bettstelle darin, um die sich etwa icchs schmutzige und halbnackte Kinder gruppiert hotten und die nun scheu und ängstlich zurückwichen, als ich eintrat. Die Frau ging kreischend und weinend an die zerwühlte Lagerstätte und zog eine Decke hin- weg. Entietzt prallte ich zurück: aus den geblümten, zerrissenen Kissen starrte mich das weiße, kalte Gesicht Magdalenas an.-- Sie war tot.-- Die Witwe und Mutter der Kinderschar er- zählte mir unter Heulen und Klagen, daß das Mädchen kurze Zeil vorher eine Frühgeburt gehabt hatte und zwar ohne jeglich Hilfe. In der höchsten Not habe das Mädchen meine Adresse genannt und da hätte sie, die Frau, in ihrer Ratlosigkeit mich rufen lafien. Bevor ich jedoch gekommen sei, habe die Wöchnerin schon die Augen für immer gejchlofien. Ihre letzten Worte hätten gelautet:„Wenn Karle schreibt---* DaS Kind sei nicht lebensfähig gewe'en und auch gleich ge- storbcn. cS lag wie ein rotes Püppchen neben der Mutter. «Wissen Sie denn die Adresse von ihren Eltern oder ihrem Bräutigam?" fragte ich, als die schluchzende Frau das Tuch wieder über dte beiden Toten gebreitet hatte.«Ach, sie hat ja niemanden mehr, un wat der Karle is, ihr Bräutigam, na,'n schöner Bräutigam-- n Lump,'n Filou is er l ick hab'ö ihr ja immer jesagt, fie wolltts aber nick globen. Der hatte ja noch'n paar Mädels an de Nase rumjcsührt un allen hat er's Heirate» ver- sprochen!" Ich sah ein, daß ich hier nichts mehr tun konnte, und versprach der Frau noch, einen Arzt aufzusuchen und ihn herzusenden, damit er das weitere veronlafien sollte. Den ganzen Tag verfolgte mich daS grausige Bild und immer und immer wieder hörte ich Magdalenas schleppende Stimme, von Hoffnung und Glück durchzittert, sagen:«Wenn Karle schreibt--* Der junge Dickter. Ein Brief an viele von Hermann Hefse. Lieber Hcrrl Haben Sie Dank für Ihren htibichen Brief und die Zusendung Ihrer Gedichte und Prosaversuche, in denen ich mit Teilnahme ge- blättert und manche fast vergessene Spur der eigenen dichterischen Anfänge angetroffen habe. Ihr lieber Brief und die Uebersendung Ihrer Dichtungen zeigt mir ein Vertrauen, das mich beschämt, da ich es leider enttäuschen muß. Sie legen mir vor. waS Sie an Versen und anderen Dichter- versuchen bis jetzt geschrieben haben, und Sie bitten mich, Ihnen nach der Lektüre dieser Blätter zu sagen, was ich von Ihrem dich- terischen Talent halte. Die Frage sieht einfach und barmlos aus. um so mehr, da Sie ja keine Schmeichelei, sondern die strenge Wahrheit zu bören verlangen. Ich würde auch nichts lieber tun. als die bündige Frage bündig beantworten, wenn ich nur könnte. Die.Wahrheit" ist nicht so leicht zu finden Ich balle«S sogar für vollkommen unmöglich, aus Proben eines Anfängers, den man nicht persönlich sebr genau kennt, irgendwelche Schlüsse auf sein Talent zu ziehen. Ich kann au« Ihren Versen sehen, ob sie mehr Nietzsche oder mehr Baudelaire gelesen haben, ob Liliencroit oder Hofmannsthal Ihr Liebfing ist, vielleicht auch, ob Sie einen schon an Kunst und Natur bewußt gebildeten Geschmack haben, der jedoch mit der poetischen Begabung nicht das mindeste zn tun bat. Ich kanne Bezeichnung Mittjahr wäre vielleicht zu empfehlen. Als Grund für diese Verlegung des dreizehnten Monats wird geltend gemacht, daß sonst das Weihnachtsfest, wenn es auf dem Lö. Dezember belassen bleiben und nicht ettva in den„Trezember" verlegt werden würde, nicht um eine Woche, sondern um deren fünf vom NeujahrStag getrennt'wäre. Außerdem würde es fast vier Wochen vor Winters Anfang falle», so daß„weiße Weihnachten" in der gemäßigten Zone eine seltene Erscheinung sein würden. Ten Extra tag will Patterson nicht mit dem etwas verächtlich klingenden NIÄten Nulllag, sondern als Neujahrstag bezeichnen. Iiicht besonders erfreulich wird auf abergläubische Gemüter der weitere Vorschlag wirken, jeden Monat mit einem Montag beginnen zu lassen. Ter zweite Extratag. der alle vier Jahre nötig wird, soll mit Anlehnung an den bisherigen Gebrauch den Kanten Schalttag erhalten und aus den Neujabrstag folgen. Skatürlich wäre es unvermeidlich, daß sich die mit astronomischen Verhältnissen zu- sammenhängenden Termine bei Annahme eines solchen Kalenders verschieben. Beispielsweise würde der Ansang der Jahreszeiten iiicht wie bisher auf den 21. März usw. zu liegen kommen. Allerdings würde, Uienn ernstlich an eine solche Umwandlung gedacht wird, ohne Zweifel alles dasiir sekn, damit auch andere Reformen zu verbinden, namentlich die Erfüllung des schon oft ausgesprochenen Wunsches nach einer Festlegung des Osterfestes. verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Be.lrn— Druck u. Verlag. Außerdem würde man sich dann vielleicht allgemein dahin einigelt« die 24 Stunden des Tages durchzuzählen, wie eS jetzt schon in Belgien und Italien geschieht, um die Zusätze bor- mittags und nachmittags bei den Stundenzahlen zu erübrigen, was namentlich für Eisenbahnfahrpläne empfehlenswert wäre. Es wird nun an weiteren guten Ratschlägen jedenfalls nicht fehlen. Es ist mittlerweile g. B. gerade das geschehen, was oben als eine logische Konsequenz bezeichnet wurde. Ter Astronom Chamberlin hat nämlich den dreizehnten Monat tatsächlich auf vier Wochen verteilen wollen. Die erste soll als Osterwoche dem März, die letzte als Weibnachtstvoche dem Dezember folgen, während die mittleren beiden sich als Julianische beziehungsweise Gregorianische dem Juni und September anschließen sollen. Dieser Borschlag er- scheint denn auck als weitaus der vernünftigste, weil dadurch die Umtvälzung der Jahrcseinteilung, namentlich auch mit Bezug auf die Lage von Ostern und Weihnachten verringert und doch eine Reihe wesentlicher Verbesserungen eingeführt würde. Es wird nun abzuwarten sein, was aus der Internationalen Konferenz für die Kalenderreform herauskommen wird, zu deren Einberufung sich im letzten November der Schweizer Bundesrat entschlossen bat. Die Beratungen sollen freilich an andere Vorschläge anknüpfen, indem die Zahl der Monate von je 30 Tagen erhalten bleiben und nur jedes Vierteljahr gleichmäßig aus zwei Monaten von je 30 und aus einem Monat von 31 Tagen bestehen soll. Danach würde jeder letzte Monat des Vierteljahrs fünf Sonntage haben. Der überschüssig verbleibende Tag soll dann wie in jenem Schema als Ncujahrstag ohne bestimmtes Datum gefeiert und bezeichnet werden, in Schalt- jähren der zweite Uebcrtag zwischen den 31. Juni und den 1. Juli eingeschoben werden. Kleines feuilleton. Kunst. Lucas C r a n a ch. sZur Ausstellung im Kupferstichkabiiiett.) Lucas Cranach: ein Schulmeister aus Wittenberg, ein Feldwebel der Reformation, ein Philister der Behaglichkeit, einer, der das Elhische an den Fingern abzählt und die Natur mit der Botanisiertrommel fängt, ein sächsischer Hofmaler. Man denkt an hochgeschossene, putzig geschweifte, tänzelnde, nackte Mädchen, an eine brave Venus, eine sanfte Judith, eine ängstliche Lucretia. Man denkt an hahnebnchene Bildnisse vornehmer Männer, an viereckige, pausbäckige, rotsaftige Gesichter, an aufgeschwemtnte Leiber und fette Hände. Man denkt aber auch an dichte, buschreiche Wald- landschaften. an zweigschwere, sturmzersauste Tannen... Das war der junge Cranach, der die deutsche Landschaft belauschte, die Birken im Winde, die Quellen, die aus dem Gestein springen, die Bäche, die unter verwilterten FelSbrocken sich hindurchzwängen und im schwellenden MooS verrinnen, das Reh auf der Heide, den Hasen im Kraut, den Fasan und den Biber. Diesen jungen, naturkundigen, weltfreudigen Jünger eine? Geschlechtes, daS des römischen Himmels vergaß und die Erde entdeckte, lernen wir aufs neue und besser denn je in einer Wohl bereiteten Ausstellung des Kupferstich- kabinettö kennen. Welch eine Gesundheit in diesen Blättern, welche Lebenslust, welch reiches Empfinden, welch behendes Können. Und: Kunst des Volkes. Diese Holzschnitte wurden von allen verstanden, konnten von jedermann gekauft werden. Flugblätter, Hilfsmittel für des Lesen? unkundige Leute, Beleber der Schrift. Köstliche Freunde für die Unterhaltung an langen Winterabenden. Wie mögen sich da Männlein und Weiblein an solchen Bildern ereifert und um sie gestritten haben. Die Reu- gierigen und Leichtgläubigen, sie liebten diese Figur und haßten zene, sie erkannten den Nachbar in der einen, den bösen Wucherer in der anderen. Was gab es doch alles zu sehen an interessanten und merkwürdigen Dingen: den Wirtschastsbeutel und das Küchen- messer am Gürtel der Hausfrau, die Schabraken der Pferde. die Kiesel des Flusses, Hellebarden und Spieße, die Zersägung eines Apostels. die Häutung eines Propheten, Wildschweine und gehetzte Hirsche.... Cranachs Schaubude: Ein Menschen- fresser, ein erschröckliches Begebnis, grotesk und brutal; auf allen Vieren kriecht das bärtige Untier, ein Kind im Maul, rings- umher grinsen abgenagte Skelette. Brrr... Ein Liebespaar jn einer Landschaft. Das ist schon netter. Ich bin bin und du bist min. Es lacht die Au; der Klee blüht weich. Die Luft ist erfüllt von Düften und Vogellärm. Leev bomo. Die Ruten peitschen und das Blut gerinnt... Ein Turnier mit Spießen.'Die Trompeten kreischen. In blanken Rüstungen rennen sie gegen einander. Die Lanzen splittern.... Wie, das sei nicht genug des Blutes? Ei, nur geduldig; Cranachs Schaubude birgt auch solcherlei. Die Eni- hauptung des Täufers, von link? und von rechts. Wie der Kopf poltert und die rote Flut hervorstürzt und der Henker behäbig das Schwert sortsteckt.... Das sind die Entdeckerfahrten des jungen Cranach; bevor er Hofmaler und ledern wurde. Das gibt eS im Kupferstichkabinett fEiniriit frei; auch am Sonntag von 12 bis 3) zu sehen. Und obendrein: drei Bildnisse in Deckfarben. Zwei Männer, eine Frau, drei unsterbliche Dokumente der Seelenkunde und der Fleischlichkeit. B. B. BorwartsBuchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer�C o., Berlin SW,