Anterhaltungsblatt des Horivärts Nr. 15. Sonnabend den 21. Januar. 1911 «(HaitbrnS 6etSot«t.j 15]' pelle der Eroberer. Roman von Martin Andersen Nexö. Autorisierte Uebersetzung von Mathilde Mann. Nicht daß Pelle noch aegrollt hätte: abeo die Frage hatte eine selbständige Bedeutung snr ihn bekommen, es mußte Sinn in der Sache sein. Ein grübelnder Ausdruck trat in seine Augen, und er rief nachdenklich aus: ..Ja, aber Du hast mir doch selbst erzählt, daß sie lahm in den Beinen war." „Ja. was weiter'?" „Dann konnte sie doch nich gut in den Himmel rauf, klettern." „Ach, Du Kadaver— das is doch ihr Geist!" „Dann kann der Geist der Maus aber doch auch gut da oben sein." „Ach. was!'ne Maus, die hat doch keinen Geist!" „So?— Sonst könnt' sie doch woll nich atmen!" Da stand nun Rud! Und das Fatale bei der Sache war. daß er die Sonntagsschule besuchte. Die Fäuste wären jetzt wieder am Platz gewesen, aber sein Instinkt sagte ihm. daß Pelle früher oder später die Uebermacht beim Prügeln ge- »Vinnen würde. Und die Großmutter war auf alle Fälle gerettet. „Ja— sagte er nachgebend,„atmen, das könnt' sie. ?lber dann is ihr Geist aufgefahren und hat den Stein um- gestoßen— Du. ja. das hat er!" Ein ferner Laut drang hinab zu ihnen, in weiter Ent- fernnng hob sich von der Hütte eine dicke Frauengestalt ab: sie stand da und winkte drohend. „Die Sau ruft Dich!" sagte Pelle. Die beiden Jungen nannten sie untereinander niemals anders. Da mußte denn Rud fort. Er erhielt die Erlaubnis, den gvößten Teil von dem Inhalt des Vorratskorbes mit- gunehmen, und aß im Laufen: ste waren zu beschäftigt ge- Wesen, um zu essen. Pelle setzte sich in das Dünengehege und hielt seine Mahl- zeit. Wie gewöhnlich, wenn Rud draußen bei ihm gewesen war. begriff er nicht, tvo der Tag abgeblieben war. Der Vogelgcsang war verstummt, und nicht eine einzige von den SAihen lagerte mehr, folglich mußte die Uhr zum mindesten fünf sein. Oben beim Hofe waren sie beschäftigt, einzufahren. In vollem Trab ging es hinaus und heimwärts, hinaus und heimwärts. Die Knechte standen aufrecht auf dem Wagen und prügelten mit dem Ende des Zügels auf die Pferde los. Und die schwankenden Fuder fuhren auf den Feldwegen ent. Zang; sie glichen spreitzbeinigem. kleinem Gewürm, das über- rascht wurde und in ein Ve asteck eilt. Ein Einspänner fuhr vom Hofe herunter und sauste im schnellsten Trab die Landstraße hinab, der Stadt zu. Es war der Steengaard-Bauer: er wollte offenbar zur Stadt und schwieren, so wie er fuhr! Dann stand es schlecht zu Hause, und zur Nacht würde das Weinen»vieder über den Hof schallen. Ja. ja, jetzt fuhr Vater Lasse mit dem Wasserwagcn hin- aus, dann loar die Uhr halb sechs. Das merkte man auch daran, daß die Vögel ihr gemütliches Abendgezwitscher an- slimmten. das tief und glitzernd klang, wie die Strahlen der Sonne. Tief drinnen über dem Steinwerk, wo sich die Krane vom Himmel abhoben, stieg hin und wieder eine Rauchwolke auf und barst in einer Fontäne aus Fclsstücken. Zu allerletzt kam der Lknall heruntergcgurgelt, in Splittern und Stücken: es klang, als laufe jemand und schlage sich mit Fausthandschuhen auf die Schenkel. Die letzten Stunden waren immer lang— die Sonne wurde so langsam. Und die Zeit hatte auch keinen Inhalt mehr: Pelle selbst war müde, und die Abendstille legte sich starken Aeußernngen dämpfend in den Weg. Aber nun fuhren fk da oben zum Melken aus. und das Vieh fing an. sich nach der Ecke der Wiese hinaufzufressen, die nach dem Hofe zu lag. Und endlich fingen die Hirtenjungen drüben auf den Nachbarhöfen an zu jodeln, erst einer, dann fiele?! mehrere ein: „Ach, treib' heim, ah— ha. ah— ah— hak Ah— ha. ah— ha! Ah- ha, ah— ha! Ach, treib' heim, ah— ah— ha! ah— ha!" Von allen Seiten zitterte der weiche Gesang über SaI abfallende Land: gleich einem glückseligen Weinen floß eI hinaus in das beginnende Schimmern der Luft, und Pelles Vieh ward so langgestreckt in seinen Bewegu.rgen. Aber noch! wagte er nicht, heimzutreiben: es setzte Püffe von dem Verwalter oder dem Eleven, wenn er zu früh kam. Er stand am obersten Ende der Wiese, an der Spitze seinen harrenden Heerde, die er zusammentrieb. Und als die letzten Töne des Hcimtreibegesangs ganz erstorben waren, stimmte cr selbst mit ein und«trat zur Seite. Tie Kühe liefen mit einem eigenartig kurzen Trippeln und streckten die Köpfe vor; die Schatten des Grases lagen in langen, feinen Streifen über die Erde: die Schatten der Tiere waren unendlich. Hin und> wieder brüllten die Kälber langgezogen und gingen in Galoppj über. Sie sehnten sich— und Pelle sehnte sich. Hinter einer Wolke schoß die Sonne lange Strahlen durcg den Baum, als habe sie alle ihre Fähigkeiten vor der Nacht ziusamm!engLsanrwelt und strecke sie nun aus, in einem Streben von Westen nach Osten, Alles zeigte in langen, dünnen Streifen, das Sehnen der Kreaturen lag deutlich in der Luft abgespiegelt. In der Seele des Kindes war nichts mehr von da draußen: alles war heimgekehrt und streckte sich vorwärts in einer fast krankhaften Sehnsucht nach dem Vater/ Und wenn er dann endlich mit der Heerde um die Ecke bog, und der alte Lasse dastand, glücklich lächelnd mit seinen hautlosen Augen« und die Gittertür der Hürde öffnete, da brach der Knabe zu- sammcn. und er warf sich weinend an die Brust des Vaters« „Was hast Du, Junge, was hast Du nur?" fragte der Akte dann mit besorgter Stimme und strich eine zitternde Hand über» die Wange des Kindes.„Hat Dir jemand was getan? Also nicht— na, das is ja gut! Sie sollen sich auch in acht nehmen— denn frohe Kinder stehen in des lieber« Gottes eigener Hut. Und mit Lasse is auch nich gut anbinden. wenn es drauf ankommt.— So, Du hast Dich gesehnt? Ja. es is schön, in Deinem kleinen Herzen zu wohnen, und Lasse kann sich bloß freuen.— Aber nu geh rein und iß— und nich weinen, hörst Du, Pelle?" Er schnäuzte dem Jungen die Nase mit seinen harten« gekrümmten Fingern und schob ihn sanft von sich. 5. Ueber den Mann, der von Gott gesandt war und der die crnst-vorwurfSvollen Augen hatte, war Pelle sich sehr baldi klar geworden. Er entpuppte sich schlecht und recht als cini Handwerksmeister unten aus dem Torf, der des Sonntags im Vevsammlungshaus redete: es hieß obendrein, daß seine Frau trinke. Rud ging bei ihm in die Sonntagsschube, und cv lebte in bedrängten Verhältnissen— er war etwas ganz Ge, wohnliches. Außerdem hatte Gustav eine Mütze bekommen, deren! Kopfstück drei verschiedene Seiten herauskehren konnte— eine aus blauem Düffel, eine aus wasserdichtem Wachstuch midi eine aus weißer Leinwand zur Benutzung bei Sonnenschciw. Das war ein spannendes Bewußtsein, das alles andere� ver- drängte und viele Tage aufregend im Vordergrund von Polles! Bewußtsein lag: cr benutzte die Mütze, um alles Große und> Begehrenswerte daran abzumessen. Bis er eines Tages einen hübsch geschnitzten Handstock für die Erlaubnis gab, das Kunst, stück mit dem Umkränzen des Kopfstückes selbst machen zu> können. So bekam cr denn endlich Ruhe, und auch die Mütze mußte in seine alltägliche Welt hinein. Aber wie sah es nur einmal in Gutsbesitzer KongstnipI großen Sälen aus? Da lag wohl Geld auf dnu bloßen Fuß, boden, das Gold für sich, und das Silber für sich: und mitten in jedem Haufen stand ein Scheffelmaß! Was bedeutete daA Wort zweckdienlich, das der Verwalter benutzte, wenn cr mit dem Großbauern sprach? und warum gebrauchten die Knechte das Wort Schwedisch als. Schimpfwort gegegZ «InönScti"*=- sie Icntcft ja doch allezusammen Schweden? Hinter dem Dünenkranz, wo der Steinbruch lag, was war da?— Ja, da war ja die Grenze des Gehöfts nach der einen Seite hin! Er war noch nicht dagewesen, sollte aber mit dem Vater dahin, sobald sich eine Gelegenheit fand: ganz zufällig hatten sie erfahren, daß Lasse einen Bruder besaß, der ein Haus dadrinnen hatte. So waren sie denn dort Verhältnis- »naßig bekannt. Da unten lag das Meer, darauf war er selbst gefahren? Da draußen glitten Schiffe aus Eisen wie auch aus Holz dahin, aber wie kounle imr Eisen schwimmen, es war doch so schwer? Das Wasser in der See mußte stark sein, denn im Teich sank das Eisen sofort aus den Grund. Ganz in der Mitte tvav der Teich grundlos, da sank man dann also weiter bis in alle Ewigkeit! Ter alte Dachdecker harte in seiner Jugend über hundert Klafter Stricke mit einem Anker daran hinabgehenkt, um einen Eimer herauszuholen, jrber er gelangte niemals auf den Grund. Und als er den Strick wieder in die Höhe ziehen wollte, war da tief unten etwas, das den Anker ergriff und ihn hinabziehen wollte, so daß er das Ganze fahren lassen mußte. Gott der Herr,— ja. der hatte einen großen, weißen Bart, so wie der Kaasegaand-Bauer: aber wer führte ihm in seinen alten Tagen die Wirtschaft?" Sankt Peter war wohl sein Verwalter!— Wie konnten die alten, dürren Kühe ebenso junge Kälber zur Welt bringen wie die Färsen?---- Da>vav eine große Selbstverständlichkeit, auf die man seine Fragen nicht richtete, über die man überhaupt nicht in dein Sinne nachdachte, weil sie die Grundlage selber für alles Dasein war— Vater Lasse. Er war ganz einfach da, stand wie eine feste Mauer hinter allem, was man unternahm. Er war die eigentliche Vorsehung, die letzte große Zuflucht in Gutem wie in Bösem: er konnte alles, was er wollte— Vater Lasse war allmächtig. Und dann war da e i n natürlicher Mittelpunkt in der Welt: Pelle selber. Um ihn mußte sich alles scharen, jedes Ding wan um seinetwillen da— damit er damit spielen, sich davor grauen oder es für eine große Zukunft beiseite legen konnte. Selbst die ferneren Bäume, Häuser und Steine in der Landschaft, denen er nie nahe gekommen war, nahmen Stellung ihm gegenüber, entweder freundlich gesonnen oder als Feinde. Und das Verhältnis mußte genau erwogen werden für jeden Gegenstand, der in seine Sphäre hinein, geriet. Klein war seine Welt, er hatte erst gerade angefangen, sie sich zu schaffen. Eine gute Artnlänge nach allen Seiten hin war einigermaßen festes Land, draußen trieb die rohe Materie, das Cliaos. Aber Pelle fand seine Welt schon un- geheuer und hatte den besten Willen, sie unendlich zu gestalten. Er hieb unerschütterlich ein, seine weitgeöffnetcn Sinne zogen alles an sich, was in seinen Vereich kam: sie waren wie ein Maschineuschlund, in den sich die Materie unablässig in wir- bclnden Einzelteilen hineinstürzte. Und in den Strudel hinter ihnen gerieten andere und andere hinein— das ganze Weltall war auf die Wanderung zu ihm hin begriffen. (Fortsetzung folgt.), (Nachdruck verdoten.1 IKr Srbe. Bon Lotte Zielesch. (Schluß.) Die elektrische Klingel gellt durch die nächtliche Stille. Hastig fährt Fräulein Renate in« Bette hoch. „Minna, Minna l* Sic pocht an die Wand. Nichts regt sich. „Schläft die Person wie eine Tote I Na, dann muß ich natllr» lich wieder selbst'ran!" Hastig wirft sie ihr Morgenkleid über und tappt auf Zehen- spitzen über den dunklen Flur. Geräuschlos schiebt sie sich durch die halbangelehute Türe.— Da lag Herr Weber stöhnend in den Kissen. „Diese— ha verfluch— te— ha— Atemn... die Tabletten... schnell 1" Die mageren Finger in die Falten der Portiere gekrallt, be- «dachtet ihn die Wirtschafterin mit einer Art wilder Neugier. War «S so weit? Kam das Ende? Da wendet sich zitternd das ausgemergelte Greisenantlitz. „Sind Sie da? Rasch... rasch. Eilig tritt Renate vor und reißt eine Schublad« auf. „Mein Gott,«S sind keine mehr da..." Das Gesicht des alten Manne» verzerrt sich. „Haben Sie nur etwa? Geduld, Herr Weber, ich laufe schnell zur Apotheke." Getrieben von einer unbewußt freudigen Erregung jagt sie die Treppen hinunter, ein dünnes Tuch nachlässig über die Schultern geworfen. Schon wieder ein so schwerer Anfall— und nach so kurzer Zeit! Da durste man wirklich begierig sein, ob er sich trotz aller Pulver noch erholen würde... Hu. wie schneidend kalt ist die Okiobernacht, da hieß es laufen, um warn» zu bleiben... So schlimm hatte er'S wirklich noch nie gehabt... Langsam... lang- sam... ganz schwindlig wird ihr wieder... das macht die ewige Aufregung. Renate ist froh, als sie wieder oben ist und dem Alten sein Pulver verabreicht hat. Der liegt jetzt apathisch in den Kisien und scheint sich langsam zu erholen. Todmüde wendet sie sich nach ihrem Zimmer. Da... wie neulich... die Stiche... immer heftiger schmerzt das I Da muß sie sich noch six heiße Milch kochen, so elend ihr auch zumute ist. Sie preßt die Hand gegen die Brust und fühlt plötzlich, wie es in warmem Sttom aus ihre Lippen ttitt. Mechanisch tut sie noch ein paar Schritte und gleitet dann taumelnd auf den kalten Steinfliesen der Küche nieder. „Ihr Fräulein Schwester hat sich seit Jahren unverantwortlich überanstrengt. Schließlich konnte der geschwächte Körper der dauernden Infektionsgefahr nicht länger widerstehen... ich habe gehört, in welch' aufopsernder und selbstloser Weile Ihre Schwester eine schwere Krankenpflege durchgesiihrt hat..." sagte der-Oberarzt. „Was? Der Alte hat fie obendrein angesteckt? Das ist ja entsetzlich I" rief Frau Wenzel in zitternder Entrüstung. „Ist es... ist es denn gefährlich?" .Gefährlich I" Der Mediziner hebt mit undefinierbarem GesichtsauSdruck die Schultern. „Sie können nicht verlangen, daß eine jahrelang verschleppte Sache im Handumdrehen auskuriert werden kann. Ruhe— ich meine Bettruhe— ist zunächst das Wichtigste," doziert er milde und zieht die Uhr, denn seine Zeit ist gemessen. „Vielleicht lassen Sie sich jetzt zu der Kranken führen. Ich komme sogleich nach." Beklommen schreitet Frau Wenzel neben der diensthabenden Schivcster durch die hallenden Gänge der Klinik. Vor einer der Iveißlackierten Türen macht sie Halt und drückt geräuschlos die Klinke herab. Bestürzt tritt die Witioe näher. War es möglich, daß sich jemand in so kurzer Zeit so schrecklich verändern konnte? Dieses todblasie, spitze Gesicht mit den ein- gesunkenen Schläfen und bläulichen Lippen, daS so schwer auf den Kissen ruht, ist ihre Renate? „Sehen Sie. iven ich Ihnen da mitgebracht habe", sagt die Schwester freundlich. Die Kranke hebt die bleichen Lider. Ein schwacher Freudeitstrahl zuckt aus den übergroßen Augen. „Wie nett von Dir. Hanne I Aber das war doch gar nicht nötig", sagt sie, sich besinnend und munter werdend. „Wie ängstlich Du auch nnmer gleich bist/ Schwester Betty entfernt sich. „Zehn Minuten, nicht länger", mahnt sie im Hinausgehen. „Nun, toie geht's Dir und den Mädels? Erzähle mall— Aber nein, ich kann mich gar nicht beruhigen übe: das teure Reise» geld! So krank bin ich doch nicht I" „Gerade krank genug, um so bald wie möglich mit mir nach Hause zu kommen." sagt Frau Wenzel zärtlich und unvorsichtig. Auigeregr fährt Renate im Bette hoch. „Was fallt Dir ein!" ruft sie mit funkelnden Augen. „Bist Du bloß hergekommen, um mich wieder damit zu ärgern und aufzuregen? Ich denke nicht daran, mitzukommen, hörst Du? — Du?"— keucht fie atemringend. Entsetzt gewahrt die andere den WutauSbrilch. „Nein, nein, gewiß nicht, liebste Renate, eS war nur ein Scherz— ein ganz duminer"— versichert die kleine Frau flehend, aufgelöst in Angst und Reue. Die Kranke schlägt mit der geballten Faust aus die Bettdecke. „Und ich lasse mich nicht einsperren— merkt Euch das— Ihr alle— Ihr Schafsköpfe— seht Ihr denn nicht, daß ich jetzt keine Zeit habe, im Bett zu faulenzen— oder— oder— gönnt Ihr mir die Erbschaft vielleicht nicht— he?" Wild schüttelt sie die Schwester beim Arm. Frau Wenzel fängt an zu weinen. „Bitte, bitte, sei doch mir vernünftig I" „Oder— hat der Alte— vielleicht schon Ersatz? Wie? Sprich! Ihr steckt ja alle unter einer Decke!" „Jetzt bole ich Dir erst mal eine Limouade." Frau Wenzel macht vergebliche Anstrengungen, sich Von der un« klammernden Hand zu befreien. „Nein— ich lasse Dich nicht— erst antwortest Du— willst wohl ausweichen?— O, wie falsch Du bist I... Wie falsch> I" röchelt sie noch einmal mit verlöschender Stimme. Und dann gleitet die Hand kraftlos zur Seite. Für einen Augenblick herrscht laut- loses Schweigen in dem Neinen Raum.— Jetzt ein heiseres Gurgeln und in breiten, unheimlich anwachsenden Bahnen saugt sich «in hellroter Blutstrom in das Bettzeug. Verzweifelt ruft Frau Wenzel um Hilfe. Wärterinnen nnd Aerzte eilen herbei. Geschickt und lautlos walten sie ihres AmteS— in gleichmäßig- gewohnter Pflichterfüllung, die jetzt darin besteht, der Nichtverstehenden daS angstvoll-jähe Sterben zu erleichtern. Die pbyfiologie der JVIilcb. Sobald die Geburt mit der Ausstoßung des zum neuen Jndivi- duum entwickelten Eies ihr Ende erreicht hat, beginnen die Milch- drüscn ihre Tätigkeit zu entfalten, ihr Sekret in Form der Milch abzusondern. Die Anzahl der Milchdrüsen variiert bei den ver- schiedenen Säugetieren, ebenso wie die chemische Beschaffenheit der Milchsorten eine sehr verschiedene ist. Beim Menschen sind zwei Milchdrüsen enttvickelt, bei Stute und Ziege ebenfalls zwei, bei der Kuh vier, und namentlich bei den Saugetieren, die gleichzeitig mehrere Junge zur Welt bringen, sind oft eine große Anzahl von Milchdrüsen entwickelt. Wir wissen noch wenig darüber, wie die Milch gebildet wird, die speziellen Quellen der einzelnen Milchbestandteile sind uns noch recht unbekannt. Sowohl die Eiweitzsubstanzen der Milch, wie der Milchzucker, der in reichlicher Menge darin enthalten ist, sind von den ähnlichen Bestandteilen des Blutes so verschieden, daß man eine ganz hesondere Entstehung der Milch unter dem Einfluß von Stoffen, die uns zurzeit noch nicht bekannt sind, annehmen muß. Auch das Milchfett, die Butter der Kuhmilch usw., ist vom übrigen Körperfett so verschieden, daß man seine Entstehung nur auf die Einwirkung besonderer Stoffe der weiblichen Milchdrüse zurück- führen kann. Die Milch, das nur nach einer Geburt abgesonderte Drüsensekret der weiblichen Milchdrüsen, ist also nicht etwa ein einfaches Filtrat des Blutes, das nach der während der Schwanger- fchaft sich mächtig entwickelnden Drüse strömt, sonder» verdankt seine besondere Beschaffenheit erst Stoffen, die der Milchdrüse selbst entstanimen. Wahrscheinlich find es gewisse Fermente, Stoffe, wie sie überall im Organismus vorhanden und durch eine große Wirk- samkeit ausgezeichnet sind, die die Umwandlung des Bluteiweißes zu Milcheiweiß, des im Blute enthaltenen Zuckers zu Milch- zucker usw. besorgen. Denn daß die Stoffe in letzter Linie aus dem Blute, dem Ernährungssaft des gesamten Organismus stammen, darüber kann kein Zweifel sein, da auf anderem Wege überhaupt keine Stoffe in die Milchdrüse gelangen. Nur unter- scheiden sich die spezififchen Bestandteile der Milch so sehr von denen des Blutes, daß eine Umwandlung durch ganz bestimmte Einwir- kungen stattgefunden haben muß. Diese Umwandlung verlegt man, wie es ja selbstverständlich ist. in die Trüsenzellen der Brustdrüse. wenn wir auch bis heute noch nicht die Einwirkungen und die Stoffe kennen, die diese Veränderung hewirken. Ter weibliche Körper, der bis dahin einen großen Teil seines Blutes zur Ernährung des sick entwickelnden Embrho verwenden mußte, führt nun einen erhehlichcn Teil dauernd in die mächtigen Brustdrüsen, wo die Umwandlung zu Milch, dem vorläufigen Nahrungsmittel des eben geborenen Lebewesens, stattfindet. Beim gesunden Weibe pflegen die Drüsen neu» bis 12 Monate Milch abzusondern, solange wie der Säugling am besten durch die Mutter- milch ernährt wird. Erst mit dem Aufhören der Milchsekretion stellen sich die monatlichen Blutungen, die die alle vier Wochen erfolgende Reifung und Ausstoßung eines Eies des weiblichen Eier- stockes begleiten, wieder ein und zeigen den Beginn der normalen Lebensfunttionen des weiblichen Organismus an. Wir wollen uns nun mit der Zusammensetzung der Milch, die für alle Tierarten verschieden ist, ein wenig beschäftigen und dazu die wichtigsten beiden Milchsorten, die für uns in Frage kommen, die Frauenmilch und die Kuhmilch, näher ins Auge fassen.� Das Sekret der Milchdrüsen enthält alle für dag Leben des wachsenden Organismus erforderlichen Stoffe, von organiseben Stoffen also Eiweiß, Fett, Zucker, von anorganischen Stoffen verschiedene Mineralsalze und natürlich sehr reichlich Wasser. Tie Zusammen- setzung der Milch derselben Tierart ist im allgemeinen die gleiche und bleibt auch bei dem einzelnen Tier während der ganzen Periode der Milchabsonderung im wesentlichen gleich. Die Kuhmilch spielt bekanntlich bei der Säuglingsernährung des Menschen eine große Rolle, wie sie überhaupt als Nahrungsmittel sehr geschätzt ist. Zweifellos mit vollem Recht, denn sie enthält die einzelnen Nahrungsstoffe von vornherein in der Verteilung, die für die Er- nährung des Organismus ani besten ist. Während aber der Magen des Erlvachsenen die Kuhmilchbestandteile leicht zu assimilieren der- mag, leicht in solche Teile zergliedern kann, wie sie zur Aufnahme in das Blut, zur Resorption geeignet sind, ist der zartere Organis- mus des Neugeborenen dazu nicht immer imstande. Er verträgt die fremde Milchart lange nicht so gut wie die Muttermilch und geht in nicht seltenen Fällen an den Folgen der künstlichen Ernährung zugrunde oder zeigt wenigstens lange Zeit im Vergleich zu natürlich ernährten Kindern eine verminderte Widerstandsfähigkeit gegen- über äußeren Schädlichkeiten. Die bedeutenden Unterschiede der Frauen- und Kuhmilch ergeben sich aus folgender Tabelle: Eiweiß Fett Zucker Salze Frau.. t.ü Proz. S.ö Proz. 6,6 Proz. 0,2 Proz. ftuh.. 3.4„ 8,8„«.S„ 0,78„ Diese Zahlen schwanken je nach den llntersuchern in engen Grenzen; aus allen geht jedoch hervor, daß die Frauenmilch be- deutend zuckcrreicher und eiweitzänner als die Kuhmilch ist, während der Fettgehalt annäher..b der gleiche ist. Außerdem ist der Salz- gehalt in beiden Milcharten sehr verschieden; die Kuhmilch enthält wesentlich mehr anorganische Bestandteilengerä:Co..BerlinLVV.