Mnlerhaltmgsblatt des vorwärts Nr. 17. Mittwoch den 25. Januar 191 K cSia»dru« v«r»sl«n.) 171 pelle der Eroberer. Roman von Martin Andersen Nexd. Autorisierte Uebersetzung von Mathilde Mann. Pelle hielt verwundert inne. der erwachsene Mann war ganz vornüber gesunken und saß da und schluchzte.„Ja. das war schlecht," sagte er,„denn da machte sie ihr Kind tot und kam inS Zuchthaus." Er sprach mit einer gewissen Gering- schätzung, er konnte keine tveinenden Männer leiden.„Aber darüber brauchst D u doch nich zu weinen," warf er nach einer Weile hin. „Ja. dein, sie hatte doch eigentlich gar nichts getan, der Vater des Kindes hat es ja doch totgemacht. Ich habe das Schreckliche getan! ja, ich gestehe es, ich bin ein Mörder. Räume ich denn nicht ganz offen meine Schuld ein?" Er tvendete sein Gesicht cnchor, als rede er mit Gott. „Ach so. Du bist es!" sagte Pelle und zoy sich ein wenig von ihm zurück. ,„Hast Du Dein eigenes 5kind totgemacht? DaS hätte Vater Lasse nie tun können. Warum sitzt Du denn rich im Zuchthaus? Hast Du am Ende gelogen und die Schuld auf s i e abgewälzt?" Diese Worte übten eine eigene Wirkung auf den Fischer aus. Pelle stand eine Weile da und beobachtete ihn, dann rief er aus:„Du sprichst so sonderbar: blog— blog— blog, als wenn Du aus einem anderen Land wärst! Und warum tratzst Du so mit den Fingern in der Luft herum und weinst? 5kriegst Du am Ende Prügel, wenn Du nach Hause kommst?" Bei dem Worte Weinen brach der Mann in lautes Schluchzen aus. Pelle hatte niemals einen Menschen so unbeherrscht weinen sehen: das Gesicht war ganz ineinander- geflossen. „Willst Du ein Stück Butterbrot haben?" fragte er, um ihn zu trösten.„Ich Hab noch was mit Wurst auf." Der Fischer schüttelte den Kopf. Pelle sah nach dem Steinhaufen hinüber: er war eigen- sinnig und wollte nicht locker lassen. „Es liegt aber doch da begraben," sagte er.„Ich Hab' selbst die Seele des Nachts oben auf den Steinen brennen sehen. Das tut sie, weil sie nich in den Himmel kommen kann." Aus dem offenen Munde des Fischers drang ein im- heimlicher Laut, ein dumpfes Brüllen, das Pclles kleines Herz ihm im Leibe bubbern machte. Er tat selbst ein paar Sprünge aus lauter Angst, und als er sich besann und wieder still stand, sah er den Fischer stark vornübergebeugt die Wiese hinablaufcn und in den Klippen verschwinden. Pelle starrte ihm verwunderlich nach und begab sich langsam nach dem Vorratskorb— ein Ergebnis war vor- läufig Enttäuschung. Er hatte einem wildfremden Manne etwas vorgesungen, das war zweifelsohne eine Heldentat— so schwer wie es einem doch schon wurde, nur ja oder nein zu jemand zu sagen, den man noch nie gesehen hatte. Aber er hatte die meisten Verse ausgelassen, und die große Haupt- fache war ja doch, daß er das ganze Lied auswendig wußte. Jetzt sang er es für sich von Anfang bis zu Ende, indem er sich die Zahl der Verse an den Fingern merkte. Und er schaffte sich die glänzendste Genugtuung, indem er so laut brüllte, daß man es weit und breit hören konnte. Am Abend beredete er wie gewöhnlich die Erlebnisse des Tages mit dem Vater: und da verstand er dieses und jenes, was für eine Weile sein Gemüt mit Grauen erfüllt hatte: Vater Lasses Stimme war bisher noch die einzige mensch- liche Stimme, die der Knabe ganz verstand. Schon allein ein Seufzer oder ein Kopfschütteln des Alten übten eine jiiberzeiigende Macht auf ihn aus wie keine andere Rede. „Ach ja." fuhr er fort zu wiederholen.„Böses und nichts als Böses, wohin man sieht, Kummer und Not allüberall l Er gäbe woll gern sein Leben hin, uni an ihrer Stelle die Zuchthausketten zu schleppen— nun, wo es zu spät iöl— Also er lief weg, als Du das zu ihm sagtest? Ja, ja, Gottes Wort in einem Kindermund, da kann man nich' gut gegen an, wenn das Gewissen einen Knacks gekriegt hat. Und es is' ein schlechtes Brot, mit anderer Leute ihr Glück zu handeln. — Aber mach' Du nur, daß Du Deine Füße gewaschen kriegst, Jung'."--- Das Leben gab genug zu tun, da war genug, womit man sich herumschlagen mußte, genug, wovor man sich ängstigen konnte. Aber schlimmer fast als all das, was Pelle selbst übet wollte, waren die Blitze, die zuweilen aus der Menschentiefe zu ihm aufstiegen: denen gegenüber war sein Kindergehirn macht. los. Warum weinte Frau Bongstede so viel und warum trank sie im geheimen? Was ging dort hinter den Fenster- scheiden in dem hohen Wohnhaus vor sich? Er begriff cS nicht, und jedesmal, wenn er seinen kleinen Kopf darüber zer» brach, glotzte ihn nur das Grauen aus allen Fensterscheiben an, und zuweilen umschloß es ihn mit dem ganzen Schrecken des Unfaßlichen. Aber die Sonne wanderte hoch am Himmel, die Nächte waren hell, die Finsternis lag zusammengebrochen unter der Erde und hotte keine Macht. Und er besaß die glückliche Fähigkeit des Kindes, ganz auf einmal und— spurlos zu vergessen. 6. Pelle hatte einen schnellen Puls und viel Unternehmung?. geist: da war immer etwas, was sein rastloses Streben ver» suchen mußte, einzuholen— wenn es nichts weiter war, dann die Zeit selbst. Jetzt war der Roggen unter Dach, jetzt ver» schwand die letzte Hocke vom Felde, die Schatten wurden mit jedem Tage länger. Aber eines Abends überraschte ihn die Dunkelheit vor seiner Schlafenszeit, und er wurde bedenklich. Er trieb die Zeit nicht mehr zur Eile an, sondern suchte, sie zurückzuhalten durch allerlei kleine Sonncnzeichen. Eines Tages hörte die Mittagsrast der Leute auf. Sie spannten wieder vor, sobald sie das Mittagessen herunter hatten, und das Häckselschnciden wurde auf den Abend verlegt. Der Göpel lag auch auf der äußeren Seite des Stall- gebäudes, und keiner von den Knechten hatte Lust, da draußen in der Finsternis herumzutraben und die Maschine zu fahren. Da mußte Pelle es denn tun. Lasse widersetzte sich und drohte, zu dem Großbauer zu gehen, aber es half nichts: jeden Abend mußte Pelle ein paar Stunden da hinaus. Es waren seine besten Stunden, die man ihm nahm: die Stunden, in denen er und Vater Lasse im Stall herumzuschclten und sich sorglos durch alle Widerwärtigkeiten des Tages hindurch in eine gc- meinsame lichte Zukunft hineinplaudcrten— und Pelle weinte. Wenn der Mond die Wolken jagte und er alles deutlich um sich her sehen konnte, ließ er seinen Tränen freien Lauf. Aber an den dunklen Abenden schwieg er und hielt den Atem an. Wenn der Regen herabströmte konnte es so finster sein, daß der Hof und alles verschwunden war, und da sah er Hunderte von Wesen, die das Licht sonst verbarg. Sie traten in der Finsternis da draußen vor. entsetzlich groß. oder kamen auf ihrem Bauch zu ihm hcrangekrochen. Er er- starrte im Starren und konnte den Blick nicht losreißen: unter der Mauer suchte er Schutz und trieb von dort aus die Pferde an, und eines Abends lief er hinein. Sie jagten ihn wieder hinaus, und er ließ sich jagen: er hatte, wenn es darauf an- kam, mehr Angst vor denen da drinnen, als vor denen hier draußen. Aber an einem pechschwarzen Abend war ihm be- sonders ängstlich zu Sinn, und als er dann entdeckte, daß das Pferd, sein einziger Trost, ebenfalls bange war, da ließ er alles liegen und rannte zum zweitenmal hinein. Keine Drohung vermochte ihn wieder hinauszutreiben, ebensowenig Püffe. Da nahm ihn einer der Knechte in den Arm und trug ihn hinaus. Aber da vergaß Pelle alles und schrie, so daß es im Hofe widerhallte. Während sie mit ihm rangen, kam der Gutsbesitzer herzu. Er wurde sehr böse, als er hörte, was los sei, und schimpfte den Vogt gehörig aus. Dann nahm er Pelle bei der Hand und brachte ihn nach dem Kuhstall hinüber.„So ein Mann, der vor ein bißchen Dunkelheit bange ist!" sagte er scherzend— „Das mußt Du Dir aber abgc nöhnen. Und wenn die Knechte Dir was tun, so komm' Du nur zu mir." Ueber die Felder ging der Pflug den ganzen Tag und machte die Erde schwer von Farbe. Das Laub färbte sich bunt. und da waren viele Regentage. Die Behaarung der Kühe wuchs, sie wurden langhaarig und veränderten sich iin Rücken: Pelle hatte viel auszustehen und das ganze Dasein ward - 66- einen Tchatken ernsthafter. Seine Kleider wurden nicht dichter und wärmer mit der Kälte wie das bei den Kühen der Jall war; aber er konnte mit der Peitsche knallen, was günstigsten Falles wie kleine Schüsse klang, er konnte Rud durchprügeln, wenn es ganz ehrlich zuging, und über den Bach springen, wo er am schmälsten war. Tas alles verlieh dem Körper Wärme. Er hütete nun über den Bereich des Hofes hinaus, über- all, wo Vieh angepflöckt gewesen war-, die Milchkühe standen im Stall. Öder auch er war auf dem Moor, wo jedes Gehöft sein Stück Weideland hatte. Hier machte er Bekanntschaft mit den Hirtenjungen von den anderen Höfen und sah in eine ganz andere Welt hinein, wo nicht mit Verwalter und Land- wirtschaftselevcn und Prügel regiert wurde, sondern wo alle am selben Tisch atzen, und wo die Hausfrau selbst am Spinn- rad saß und Garn zu Strümpfen für die Hirtenjungen spann. Aber dahin konnte er memals kommen, denn sie nahmen keine Schweden auf diesen Höfen, die Eingeborenen wollte» auch nicht mit ihnen zusammen dienen. Das tat ihm leid. Sobald das Herbstpflügen oben auf den Aeckern im Gange war, legten die Jungen nach alter Sitte die Grenz- scheiten nieder und liehen alles Vieh zusammen weiden. Das nannten sie über die Grenze hüten. An den ersten Tagen gab das mehr Arbeit, die Tiere kämpften, ehe sie vertraut mit- einander wurden. Und ganz vcrnnschten sie sich nie; sie weideten immer in Scharen, die Bcsadung jedes Hofes für sich. Auch die Vorratskörbe wurden zusammengeschlagen und der Reihe nach mutzte immer einer von den Jungen die ganze Herde hüten. Die andern spielten Räuber oben in den Felsen oder trieben sich in den Gehölzen oder anr Strande herum. Wenn es gehörig kalt war, zündeten sie Feuer an, bauten Feuerstätten aus flachen Steinen und brieten Aepfel und Eier, die sie auf den Höfen stahlen. Das war ein herrliches Leben und Pelle war glücklich. Freilich war er der kleinste von der Schar, und es hastete ihm an, datz er ein Schwede war; mitten im schönsten Spielen konnten die andern auf den Einfall kommen, ihm seine Sprache nachzuäffen, und wenn er wütend wurde, fragten sie, warum er nicht das Messer ziehe. Aber auf der andern Seite war er von dem grötzten Hof— der einzige, der Öchsen in seiner Herde hatte; er stand in körperlicher Gewandheit nicht hinter ihnen zurück, und keiner von ihnen konnte so gut schnitzen wie er. Und wenn er erst grotz war, so hatte er die Absicht, sie alle zusammen durchzuprügeln. (Fortsetzuna folgt.), (NaSdruck Settoten.) Von Schiffahrt, Hnöfft, Courage u. clergl. . Von O t t o E r n st. lSÄlutz.) """ Mutter T hie sie n darf eigentlich keinen Schnaps verkaufen; aber sie tut es. Und er schmeckt auch, wenigstens ihr selbst; aber sie geht nie über das Matz hinaus, das ein kräftiger Mann der- tragen kann. Sie ist Wirtin und Hausknecht und noch mit jedem Gaste fertig getvordcn; ihr Mann ist ihr Kellner. Jedesmal, wenn man ihn sieht, möchte man ihm ein Trinkgeld zustecken. Seine Frau immer hinter ihm her:„Clas. mal doch tol Wat steihst du hier un snacksl Bedeen bin' Gästl" und er:„Jowoll. min Engel! Jowoll, min söte Tecrn!" Wenn sie ihn nicht hört, versichert er dann jedem Gaste einzeln, dies verdammte Weibsstück könne ein Pferd totärgern. „Sie müssen mal energisch auftreten!" meinte Herr Martens. „Djäl denn ward se noch energischerl Dat hevv ick jo allens vcrsochtl" versichert Herr Thiessen mit überlegener Resignation. „Clas III" scholl es schmetternd von der Küche her. „Jo. jo, min Engellll— Meenen Se. mine Herrschaften, dat Froensminsch kann een'n ok man'n Ogcnblick in Ruh lot'n? Und dorbi: s l e ch is se n i ch; se's blotz n' Satan." „Clas II II" «Jo. min Dccrnl" „Herr Thiessen!" rief jetzt Martens, sagen Sic bitte Ihrer Frau, sie möchte die Spiegeleier nicht wieder so fürchterlich fett machen wie neulich I" „Herr Thiessen I" rief jetzt Martens,„sagen Sie bitte Ihrer und legte Martens die Hand auf die Schulter. „Ach, Herr", kam es unendlich verlegen heraus,„möchten Tie Mir nich'n grotzen Gefallen tun'-" „Wenn icsis kann, natürlich g rnl", �.Möchten Z i e nich reingehn und ihr das sagen?". � „Ich?"— Marten? wurde blaß.„Ja, wissen Sie— da» Ist so'ne Sache— das ist doch eigentlich Ihre Sache— ich kann doch nicht— das sieht ja doch merkwürdig aus— nee, dann lassen Sie's nur— das ist mir viel zu umständlich— ich sitz hier nun gerade gemütlich—" Die Eier wurden also fett; wir atzen wie Ruderknechte— aus» genommen die Damen natürlich— und hörten zu dem aus- gesprochen niederdeutschen Menu die tremolierenden Lungen- Übungen Biolettas und die wahnsinnigen Triller Lucias, durch die Güte eines italienischen Orgeldrchers nämlich, der sich dann über- raschend schnell in die holsteinische Kost einlebte. Als wir die Rück- fahrt antraten, bat er uns, ihn und seine Orgel mit nach Hamburg zu nehmen. Wir dachten an den Dreibund und willigten ein, unter der Bedingung, daß er nun auch der Orgel die wohlverdiente Ruhe gönne. Als wir wieder auf dem eigentliche Flusse waren, galt es, gegen den Strom des ablausenden Wassers nach Hamburg zw kommen: für zwei Ruderer, die neun Personen und einen Leier» kästen vorwärtsbringen sollten, keine leichte Arbeit. Ich satz am Steuer, und die vierte Mannsperson war zum Ablösen da. Es war Abend geworden. Wasser und Luft schienen sich Ztl einem Element vereinigt zu haben, zu einer milchig�grauen, alles erfüllenden Flut, die sich um Hals und Wangen legte wie der weiche Arm eines Weibes. Es war jene verdächtige Milde um uns, die sich leicht in Tränen löst. Wir konnten noch einen hübschen Regen bekommen. Die beiden Ruderer arbeiteten kräftig; aber es ging nur lang» sam, sehr langsam vorwärts. „Wir kommen ja kaum von der Stellei" rief Marien?. „Gar nicht", erklärte Herr Steen, der gerade frei war, mit auffallender Entschiedenheit. „Wieso„gar nicht"?" „Wir sitzen doch fest!" „Wir sitzen fest?" „Wieso sitzen wir fest?" „Wieso? Auf'm Sand. Haben Sie denn das nicht gemerkt? Wir sitzen ja ssbon'ne Viertelstunde." „'ne Viertelst-- Ja. aber Menschenkind, warum sagen Sie denn das nicht eher?" rief Martens etwas indigniert. „Ich dachte, Sie wützten das und blieben mit Absicht sitzen". entgegnete Steen mit der Miene eines frisch gewaschenen Engels. Ich mutzte laut herauslachen.„Jetzt uzt er uns!" rief ich. „Ja, wie kommen wir denn wieder losl" rief Martens ärgerlich. „O. das ist sehr einfach", meinte Steen.„Sie müssen nur nicht das Boot gegen den Strom flott machen wollen. Erlauben Sie?" fragte er höflick, nahm Martens das Ruder aus der Hand, tastete den Grund damit ab, stietz es dann in den Sand und schob allein das Boot mit dem ablausenden Strome wieder ins freie Waffer. „Bitte?!" Er gab das Ruder zurück. Es war kein Zweifel. Herr Steen war der ganzen Geiellschafß etwas interessanter geworden. Die Damen betrachteten sich ihn wiederholt von der Seite. Da geistert neben uns aus dem Nebel das Wrack der „Alexandria". Ein mächtiger Ueberseer, den ein anderer Dampfer mitten durchgerannt hat, bei solchem Wetter wie heute. Die beiden Hälften starren drohend aus der leise schwatzenden Flut herauf. Die furchtbaren Flügel der Schiffsschraube ragen gespenstisch in die Luft— sie haben Ruhe. Wir umfahren das Wrack. Wir sind wieder still geworden. Ilm diese Stätte weht Tod. Die dicksten Eisenstangen sind zerbrochen wie Glas, gebogen, aufgewickelt wie dünner Draht. Oben am Fockmast hängt eine Laterne und gibt ein kleines, einsames, trauriges Licht, zur Warnung für die Fahrenden. Einst war auf diesem Teck, in diesen Kajüten Leben, Bewegung, Lärm, Befehlen und Gehorchen. Alles verlassen. Wer weitz, 06 nickt unten in einem verborgenen, vom drängenden Waffer»er- scklossencn Räume noch von denen liegen, die nicht wieder an der Oberfläche kamen? Und ob sie nicht im nächsten Augenblick her- vorhuschen, die Treppen heraufkommen wie die Katzen, hierhin, dorthin hasten, die Glut aufstochern unter dem Kessel, in die Masten schlüpfen, die Segel hissen und im Hui mit ihrem Schiff ver, schwunden sind—. Es ist verschwunden. Wir sind verüber. Der Nebel ist stark. Ein schöner. leiser, wiegender Jwiegesang klingt ganz nahe. Und nichts zu sehen— dock!— Ein Boot mit dunklen Segeln? Aber kein Mensch darin zu sehen. Vorbei. Der Nebel verschlang es. So grützt uns ein Gedicht. So huscht es vorbei. Es kommt! darauf an, wieviel man davon erhascht. Ganz erwischt man's nie. Ein feiner Regen begann herabzurieseln. Die Damen hüllten fich fröstelnd in ihre Mäntel; es wurde unbehaglich und still. Mit einem Male rief Steen:„Ein Dampfer!" „Wo denn?" fragte Martens.'. „Da. dicht bor uns, sehen Sie denn nicht?" Ein Lickt ging aus dem Nebel auf. und ein grotzer, schwarzer Bug stieg dicht vor uns aus dem Dunkel. „Mensch, was machen Siel" schrie Steen entsetzt; im nächsten Augenblick hatte er Martens die Ruder entrissen. Martens war völlig kopslos geworden: er hatte vorwärts ge- rudert statt zurück. Die nächsten Sekunden entschieden über Leben v'nd Tod. Noch ein Paar Tchläge und wir wären unter den Dampfer geraten. Mit ein paar ruhigen, kräftigen Ruderschlägen brachte Steen unser Boot außer Gefahr; wir schrammten so eben, so eben an unserem Verderben vorbei. Vom Dampfer herab prasselte eine volle Garbe von Seemannsflüchen auf uns nieder, die allerlei wohl- meinende Ratschläge enthielten. Steen behielt die Ruder. Martens verlangte sie nicht zurück. Wenn jetzt jemand gewagt hätte, etwas gegen den Herrn Steen zu sagen— was dem wohl passiert wärel Die Damen ließen ihn kaum nock aus den Augen. Gar nicht aus den Augen lieh ihn diejenige, welche— der Leser weiß schon. Fhr Blick schien um Verzeihung zu bitten. Alles gehorchte jetzt seinen Anordnungen, und wir kamen dabei bald in den sicheren Hasen. An Land gekommen, fühlten wir in unserer Durchfrorenheit das Bedürfnis nach einem heißen Trunk. «Herr Steen", sagte ich,„Sie haben uns das Leben gerettet; nun müssen Sie auch so großmütig sein, uns für unsere Dumm- heiten bei einem Grog die Köpfe zu waschen. Uns friert; wir wollen einen trinken." „Mir ist sehr warml" sagte er überrascht.„Aber wenn ich an die Geschichte zurückdenke, krieg ich freilich nachträglich das Gruseln. „Sie sind ja eine komplette Wasserratte!" rief Martens. „Ich denke nicht dran", entgegnete Steen.„Dies war meine dritte Kahnfahrt. Ich würde keinen raten, mir auf dem Wasser sein Leben anzuvertrauen. Aber mir geht etwas ab, was auf dem Wasser sehr hinderlich ist." „Nun?" fragte Martens gespannt. «Die Saloncourage", versetzte Steen. prolctaner-Lynfc* i Das letzte Jahr ist nicbt arm gewesen an Gedichtbüchern, deren Inhalt den Kampf der Arbeiterklasse berührt oder ganz mit ihm verwachsen ist. Auf einigen stehen altbekannte Namen und ganz neue kamen hinzu. Vergangener Kampf und kämpfende Gegenwart werden nebeneinander fichtbar. WaS man erwarten darf— gewisse Ver- fchiedenheiten im Anschauen und Sagen— das zeigt sich auch. Ich meine nicht so sehr den Einstufe der Wandlungen, die fich in ded lyrischen Kunst seit einem Vierteljahrbundert vollzogen haben und die natürlich auch in die Lyrik des Proletariats hinüberspielen. Wichtig ist da? gewiß, aber wichtiger scheint in diesem Falle das Weiterwerden de« Stoffkreises, das Stärkerwerden begehrlicher Lebensinbrunst, das nun auch neue lyri'che Formen wagt. Neue, die fich freier bewegen. Die Kulturentwickelung unserer dichterischen Literatur läfet sich in deutlichen Spuren auch in der Dichtung des Proletariats verfolgen. Einer von den Alten der Partei— KarlFrohme— bat neuerdings seine Lieder und Gedichte abermals in Buchform drucken lassen. Der Borstand des Sozialdemokratischen Vereins für den achten und zehnten ReichSiagSwahlkreiS steht hinter dem Buche, dem der Titel„Empor!" aufgesetzt ist(Hamburg, Auer u. Co., Verlag, geb. 1 M.). Die ältesten Gedichte Frohmes reichen in die Zeit vor vierzig Jahren zurück; sie zeugen von politischen Verfolgungen, und dies Schicksal traf auch zwei erste lyrische Bändchen Frohmes selbst: als das Ausnahmegesetz los- knüttelte. DaS Vorwort des BucheS erzählt davon. Frohme steht, wie fast alle sozialistischen Lvriker jener Zeit— Leopold Jacoby ist eine Ausnahme— unter dem Einstufe der Formen klassischer Dichtung. Er ist der Redner festlich gestimmter Worte und Ge- danken. Das beste. waS er bringt, hat immer den idealen Prolog- ton. der bei aller Getragenheit immer schlichtNar bleibt, niemals ,n tote lästige Phrase verfällt. Im getragenen Ton gibt das Bewufet- fein des Freiheitsmenschen seinen Stolz, seine Freude, sein Kraft- gefühl zu erkennen. Klare Ziele stehen vor den Augen, die Seele ist ohne Last und Druck und voll Sicherheit.„Platz für den Geist der neuen Zeit!" ist ein Vorwort der Gedichte FrohmeS. Und in der feierlich beglückten.Waldfeier" tönt es anbetungsvoll: Licht. Leben. Farben. Töne Und Dust verschmelzen fich. in eins; Zusammen bilden sie das Schöne, Vereinzelt wär' so lieblich keinS. O wunderbares Leben, Das alle Sinne lockend grüfet l O tief geheimnisvolles Leben, Das sich dem trunk'nen Blick erschließt! Wo soll ich es erfassen, Wo fang' ich an. wo hör' ich auf? JchZmufe es leben streben lassen, Seh nur des großen Ganzen Lauf. Ein Buch Gedichte, das von jenseit de« großen GasserS herüber- kommt, stammt von Martin Drescher. Den hat vor zwanzig Jahren irgend ein Schuldzwang aus der juristischen Laufbahn herausgerissen und nach Amerika getrieben. In allerlei proletarischer Arbeit hat er dort um sein täglich Brot gerungen, weite Landstrecken hat er durchtrampt. Dem Kreise Robert ReitzelS gehöne er zu, und als Reitze! vor zwölf Jahren starb, hat e« seinen„Armen Teufel" weitergeführt. Drescher wurde Mitte der sechziger Jahre Izu Wiltstock in der Mark geboren und lebt heute in journalistischer Arbeit in Chicago. Sein Buch „Gedichte"(im Selbstverlag erschienen, durch die„Zeit am Momag", Berlin, zu beziehen) ist rein menschlich genommen ein. Dokument. Es ist persönlich und reicht übers Persönliche hinaus. Ein Mensch wird sichtbar, den das Schicksal an die Tiefe bannt und der doch von der reichen Schönheit der Höhen weife, einer, der die Glücksfreuden da oben begehrlich ersehnt und der um dieser Sehn» sucht willen dock wieder die Tiefe liebt. Er ist eine Lenaunatur: weltschmerzliche Stimmungen rühren ihn an. aber stärker ist der Äampftroy in ihm. Er möchte zertrümmernd dreinschlagen und weife doch, daß stark ausdauern das Notwendigste ist. In diesem Bürgerlichen, der ins Proletariat hinabgedrückl worden ist, lebt eine ehrliche goldene Güte und Lebcnsiapferleit und aus seinen Gedichten läfet sich gut verstehen, daß Robert Reitze! ihn auf dem Sterbebette zum Erben seiner Lebensarbeit bestimmte. In einem Gedichte an den gestorbenen Freund hebt sich als dachtragende Säule das Wort:„Die Jammernden sind ininier feig und zage." Wer so ist, den tritt das Tranip-Elend schonungslos nieder. Drescher hielt auS. Daß dies Elend ihn noch ongeitarrt hat, verraten di« Bilder auS den« Hungerleben auf der Landstraße, wo Zaun und Hecke Wohnstatt sind. Die Stimmungen dieser Welt leiten das Buch ein, und dann wächst die nachfolgende Fülle von Gedichten zu einem Lebensdilde zusammen, das in den äußeren Umrissen von individueller und zeitgefärbter Eigenart und in seinem inneren Gehalt ergreisend ist. Vom Dichter der Bergarbeiter des Rubrrebiers Heinrich K ä m p ch e n, der vor einiger Zeit das 60. Lebensjahr überschritten hat, ist wieder ein Band Gedichte bei HanSmann u. Co., Bochum (IM), erschienen. Ein dritter und wiederum starker Band:„WaS die Ruhr mir sang". Also ein Heimatbuch I Aber ein proletarische«. Und ehrliche proletarische Heimatlyrik muß besondere Töne und Farben haben. Die spürt man hier. Sie sieht und fühlt Wirklichkeiten, die anderen Heimaldichtern nicht wie ihm eingehen und gar zu oft ganz verborgen bleiben: die Wirklichkeiten deS proletarischen Arbeitsdaseins. Kämpchen hat altromantische Neigungen. Die Sorgen'einer Nuhrheiniat werden ihm in mittelalterlichen Farben und in den Rhythmen der Ubland-Schwabschcn Balladenzeit lebendig: durch das ganze Buch hin ziehen sie, und unmittelbar daneben stehen die Klasicnkampfgedichte, die von der Gegenwart zeugen. Diese Verbindung macht das Buch immerhin auch volkspsychologisch bemerkenswert. Sie ist ungewöhnlich. Aus altes Erbium des Blutes deutet sie, auf eine Boden- ständigkeit, die im Proletariat deS Ruhrreviers längst nicht mehr die Regel ist und die bei der wachsenden Einwanderung bodenfremder Jndustriemassen endlich ganz verschwinden muß. In ÄämpchenS romantischen Natur- und Vorzeiffreuden ist ein kräftiger Sinn rege. Er schwärmt glühend, aber niemals weichlich. Seine Sehnsucht nach aufragender Größe bricht in dieser Schwärmerei durch und in solcher Größe erschließt fich seinem Empfinden erträumte Schönheit. Man muß bei diesem Jubel über die sounenselige Welthcrrlichkeit bedenken, daß hier ein Mensch sein Inneres entlädt, der als Berg- arbeiter die Schrecken der Unterwelt durchlebt hat. Wie könnte sonst Kämpchen die Gedichte schreiben, die ihn bekannt gemacht haben. In diesem neuen Buche steht ein Gedicht: Das Grubenpserd. Ein echtes Dichterstück. Ein Ouaderblock proletarischer Lyrik. Vielleicht das beste Gedicht de« neuen Buches. Man liest es und sieht Meu- niers berühmte Plastik vor Augen, die vom Leben desselben Ge- schöpseS redet. Und demselben Manne, der solch ein Gedicht fertig bringt, gelingt dann ein so zaneS Lied wie das Schlußgedicht de» Buches:„Herbstklage". Von Kämpchen« drei Büchern sind die ersten beiden vergriffen. Da ist wohl der Wunsch angebrocht, der Dichter möchte nun eine Auswahl deS Besten, das ihm gelungen ist. treffen und herausgeben. Nur ein Büchlein braucht es zn sein. ES wird Kraft haben und Dank ernten. Dem Hefte„Fackeln der Zeit", das bei Arbeiterfesten gern ver» wertet wurde, hat L u d w i g L e s s e n ein Büchlein„Lebens- mittag"(Johann Sassenbach, Berlin, SV Pf.) folgen lassen. Auch in diesem schwingen die Rhythmen, die wie ein festes Schreiten im Gliede sind und die in der deutschen politischen Lyrik au« dem Vormärz herauf eine große Rolle spielen. Aber Lessen will mit seinem Buche etwas anderes ausdrücken, als mit den„Fackeln der Zeit", und so träfe es nicht da» Richtige, wollte man sagen: sie gäben dem Buche den Ton. Es will nicht ein Buch jungen HineinstürmenS ins Leben fein, sondern mehr ein Buch dankbaren freudigen GcnießenS von erreichtem LebenSglück, eins voll Sommcrreisen und Ernteraffen. in das schon weiße stille Herbstfäden hineinziehen, und natürlich bei alledem kein Buch lahmen Ausruhens. dem die eigene Freude das Auge für die haNen Wirklichkeiten des Lebens der Unbeglückten blind macht. Lessen liebt die Farbenwunder der Natur, man fühlt, sie erquicken ihn, und er wird nicht müde, alle Dinge, die sein Wort berührt, mit dem Namen ihrer Farbe zu nennen. Hier gibt seine Freude leicht zu viel und zugleich nicht genug: die farbigen Einzelheiten legen sich übereinander und verdrängen sich,«he sie noch Geltung gewinnen konnten. Tie müssen ihre Sprache hören lassen, sonst leuchten sie nicht bedeutungsvoll, wie sie foffcit. Darauf kommt es an, alles Einzelne im inneren Wesen zu erfassen und niemals mehr und anderes zu geben, als der Gedanke des ganzen Gedichls mit Gewinn in seinem Bau aufnehmen kann. Der Wink gilt ouib oer Neif,ung Lessens, jeder Verszeile ein seier- licheS, scköntönendes Glänzen zu geben. Könnte er diese Neigung, die auf ein rhetorisch schilderndes Zeigen hindrängt, bändigen. jo würde er wohl auch rhythmisch freier und reicher knit dem Reichtum an Einzelschönbeit, den sein Natur- schauen erntet, schalten können. Zum Schönsten des Buches zähl« ich die innige Herzlichkeit der Gedichte, die ihm ans dem Sonnenglück de? eigenen Heim? zngestiömt sind: DaS Freudejauchzcn UM Weib und Kind, das L bensmiitag-GIück. Tief berühren die Gedichle von Alfons Petzold, die Josef Luitpold Stern durch das Heitcken.Trotz alledem 1' weiteren Kreisen zuführt. fW>euer Volksbuchhandlung, 25 Pf.) Petzold, 1882 «eboren, ist von Kindesbeinen an mit aller Rot des sroletarierS der Großstadt geschlagen gewesen und fristet, als ein kränklicher Mensch, auch beute noch sei» Leben nur knmmer« lich. Rur ein Mensch, der wie er die Hotz, Onal. Unsicherheit der proletarischen Arbeit gekostet hat. konnte Gedichte schreiben, wie dieses Büchlein sie birgt. Sie haben die Farben und Töne der UrbeilSwelt, von der sie zeuge», sind Elendsgräser, durch die ein klagendes Frösteln streicht, und zwischen denen dennoch da und dort rolc Nelken der Hoffnung aufgegangen sind. Sie sind durch schlichte Echtheit stark, sind wirklich geschaut und ost in ihrer Einfachheit schön wie ein Volkslied. In PcyoldS Lyrik wirkt die geheimnisvolle Kraft, die in den Dingen lebendig wird, sobald fte als Gleichnis empfunden werden, diese Kraft, die den Dichter unerschöpflich macht. Was ihm gelingt, sage da? Gedicht »Der Blinde': Ihm hat deS LebenS stahlgeschieute Hand Im Vorbeginne schon daS Licht entwendet. Mit toten Augen grüßte er das Land, Für daS der Leib des WcibeS ihn gespendet. Um ihn erbebt sich eine hohe Wand, Die erst am Tage seines Todes endet. Doch sicher geht er an deS Lebens Hand Vorbei am Abgrund, wie von Gott gesendet, Und Seele ist in jeder seiner Hände. Er fühlt um sich daS ewige Gedickt DeS großen Lebens bis zu seinem Ende. Und jedes Ding voll Weisheit zu ihm spricht: „WaS find dir Nedel'chleier. dunkle Wände I Du birgst in dir das allergrößte Licht I' Franz Diederich. ln cier Vaterltacit Mnckelmanng. Spätgotik in der Altmari. Wenn ich gesagt hätte: Stendal, so— das bin ich überzeugt— hättest T-u Dich im Zug in die Ecke gedrückt.... ES ist Übend. Du hast, von Hamburg über Wittenberge kommend, die gewaltige Schleife um die Stadt gemacht und bist da staunend durch eine Märchenwelt gefahren. Nock mit voller Schnelligkeit geht'S lbald zehn Minuten lang durch eine endlose Lickterallee. Endlich zieh-.n die Bremsen an: Du bist da. Hier brandet ein gut Teil deutschen Durchgangverkehrs; hier kreuzen die großen Schiiellzug- linien Leipzig— Magdeburg— Hamburg und Bremen, Berlin— Hannover— Köln. Tag und Nacht fluten seine Wellen durch diesen Vahnhof, Tag und Nacht mühen sich die kleinen Rangietlokomotiven, die langen Wagenzüge zu entwirren. Folg mir in die Stadt, deren altertümliche und das nahe Tangermünde ergänzende Schönheiten «tan in der modernen Hast, vorwärts zu kommen, vergaß. Der erste Eindruck ist: eine kühle herbe Luft und eine aus- gesprochene Provinzstadt mit deutlichem Stich ins Ländliche. Die Straßen sind so breit, daß ein ganzes Heer, ohne die Kolonnen zu änderu, auf ihnen durch die Stadt ziehen könnte. Die Häuser find ängstlich besorgt, nicht über zwei Stockwerke hinauszuwachsen. Eine Studienstadt der Spätgotik ist es. Wenn Du Dir die Kirchen mtd Stadttore anschaust, wirst Du ausrufen: Ableger Branden- burgsl In der Tat: hier können wir die Backsteingotik der Mark. wie sie hauptsächlich an Brandenburgs St. Katharinen sich bildet, studieren. Da haben wir den Tom und die Marienkirche. Beide find zwei- und spitztürmig. Beide entstammen wie die zwei schön- ficn Stadttore, das Tangcrmündcr und das Ilcnglinger, dem Hb. Jahrhundert. Wer durch eine niederdeutsche Stadt streift, den umfängt auf ldcm meist.weiten und von alten Bäumen umstandenen Kirchplatze Alle Wehmutsstimmung der Vergangenheit. Die mächtigen Maße der Kirchenschiffe erzählen, wie volkreich diese Städte einst waren, die kleinen Bürgerhäuser ducken sich verschämt an den in schattigem Dunkel liegenden Seiten des Platzes. Ist auch der hohe Himmel der Altmark zu hell und positiv für solche Resignationsstimmungen. «uf dem Domplatz merken f-r doch zum ersten Male, daß wir daS «utteldeutsche Magdeburg verlassen haben. Auch der trutzige nieder- sächsische Markt- und Stadtwächser der steinernen Rokandfigur em dem zierlich unter den himmelanstrebenden und bis hoch hinauf fensterlosen Turmwänden der Marienkirche gelagerten spätgotischen Rathause mit seinem feineren Anbau und Nachbar in Renaissance mahnt daran. Diese niederdeutschen Marktplätze! Da schauen die wundervollen Wolkenburgen des Flachlandhimmels auf einen weiten, schlechtgepflasterten und ctivas unebenen Platz, den Heime- lige Häuser, hoch und niedrig, umstehen.„Bim" schrillt kurz bei Johannes Struve die erloschene Ladenglocke.„Kling" klappt die eichene Tür drüben bei Witwe Kluckfahn zu; ein paar Holzpantoffeln klappen in der mittaglichen Stunde über die dauerhaften Klinker und verlieren sich in der Ferne. Wie ein Klang aus längst- vergangener Zeit hallen feierlich zwölf Schläge voll und dumpf durch den stillen Mittag. Tiefe Stille.... Da, eine schwarze Gala- kutsche— der erste Wagen seit undenklickien Zeiten, wie Du meinst — fährt in schlankem Trabe vor das Tor zwischen den hübschen Renaissance-Giebelerkern. Klappernde Holzschuhe mit den dazu- gehörigen großen und kleinen Kindern sammeln sich lautlos um die Kutsche und warten geduldig, bis das Tor sich wieder öffnet. D« liest:„Standesamt". Ach so. Wieder einer und wieder eine... Der Eindruck trutziger Wchrbastigkcit, den die reich mit Blcnd- ziegeln, mit Erkern und Zinnenkränzen, mit Wappen und Friesen verzierten Stadttore machen, ist so deutsch und gotisch wie möglich. Und dock gemahnen Geburtshaus nahe der Petrikirche und Wich- manns Denkmal an den bedeutenden und sich ganz in die Welt alt- klassischer Schönheitsideale verlierenden Sohn der Stadt, an den ?lltertumssorscher Johann Joachim Winckelmann. der die Antike wiederentdeckte und dessen„Geschickte der Kunst des Altertums" Goethe auf seiner italienischen Reise Reisegenosse und Gefährte war. Du rüstest Dich sinnend zum Heimweg. Bom nahen lleng- lingcrtor führt eine hübsche Promenade um die Stadt. Hohe alte Bäume beweisen, daß es mit dem vielen Sand und Staub der Altmark denn doch wirklich nicht ganz so schlimm ist. Der Weg führt wieder am Dom vorüber, der das werlvolle altmärkische Museum mit Altertümern und naturwissenschaftlichen Sammlungen aufnabm, und bringt Dich sicher zum Bahnhof. Nun liegt er der- dacktig still da, und Du Hast alle Muße, über den königl. preußischen Sachlichkeitsstil so manch großen Bahnhofes nachzugrübeln...... W. Peer». Kleines f eullleton» Ein neuer transatlantischer Flug. Daß irgendwann irgend« jemand einmal den Atlantischen Ozean in einem Ballon oder anderen Flugichisf überfliegen wird, daran braucht man nicht zu zweifeln. Ob dies Ereignis aber schon im nächsten Jahre zur Tatsache werden wird, ist«ine Frage, deren Beantwortung wohl manchem reckt tm- sicher erscheint. Der Wille und Plan dazu ist jedenfalls vorhanden »nd auch sogar das Lustschiff scheint bereits fertig zu fein. Vielleicht ist es daher nur ein Versehen, wenn es in einem Aufsatz von Dr. Eugen Alt in„PetennannS Mitteilungen" heißt, die Erpedition solle erst Anfang März kommenden Jahres angetreten werden. Vielmehr scheint sie schon sür dies Jahr beabsichtigt zu sein. DaS Luftschiff hat einen Ballon von über 17 Metern im Durchmesser tmd von 60 Meter Sänge; sein Rauminhalt beläuft sich aus g-100 Kubikmeter. Statt der Gondel hängt an diesem Ballon ein Boot, das kräftig gebaut und ausgerüstet ist, um mict, einer Seefahrt einigermaßen gewachsen zu sein. Die Hauptsache ist, daß die Maschinen, die zum Treiben der Luftschrauben bestimmt ssnd, beim- Eintauchen der Bootgondel in das Meer noch eine Schiffsschraube bewegen können. Die Abfahrt soll von dem Ort Porto Grande aus den Cap Verdeschen Inseln erfolgen, und man hofft einen ständigen Rordoslpasiat während der Fahrt anzutreffen und benutzen zu können, so daß zusammen mit der Maschinenkrast in ungefähr fünf Tagen der Weg von 3500 bis 4000 Kilometer bis nach Amerika zurückgelegt werden könnte. Am wahrscheinlichsten würde die Landung an der Rüste von Guyana, vielleicht aber auch auf einer der Kleinen Antillen erfolgen. Dr. Alt setzt nun haupisächlich die wisseiischofilichcn Grund- lagen und zu erhoffenden Folgen einer solchen Expedition ans- einander. Die Berechnung der Windverhältnisse ist selbstverständlich das erste und wichtigste Moment. Der Nordatlantische Ozean liegt in der Zone, die der Meteorologe als Gebiet der vorherrschend west- lichen Winde betrachtet. Immerhin sind die Winde nach Stärke und Richtung io ungewiß und wechselnd, daß man dem famosen Wellman- scheu Versuch, den Atlantischen Ozean von Amerika auS mit Hilfe der Westwind? zu überfliegen, von vornherein kein günstiges Horoskop stellen konnte. Weiter int Süden sind die Be- dingungcn günstiger, weil der Rordostpanat nördlich der Tropen mit weit größerer Zuverlässigkeit weht. Hier ivären also mir die gelegentlich mit verheerender Kraft auftretenden Wirbelstürme zu fürchten, die von Westindien her in de» Atlantischen Ozean eindringen. Sie Pflegen sich aber im Winter und Frühjahr nicht zu zeigen. Dieser Expeditionsplan ist also nicht nur weit verständiger als der von Wellman, sondern hat überhaupt den aussichtsreichsten Weg gewählt, der zwischen Europa und Amerika für die Luftschiffahrt nach unserer bisherigen Kenntnis g:- geben ist.___ Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck n. Verlag: VorwärtsBuchdruckereiu.VerlagSanstaltPaulSingerziCo.,'Lerlin8>V,