Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 19. Freitag den 27. Januar. 1911 fnaAticttil Oftijltx.) 19] pelle der Eroberer. Roman von Martin Andersen NexS. Autorisierte Uebersetzung von Mathilde Mann. 7. Der Weihnachtsabend brachte eine große Enttäuschung. Es war Sitte, daß die Hirtenjungen das ganze Weihnachts- fest auf dem Hofe verbrachten, wo sie im Sommer gedient hatten, und Pelles Kameraden hatten ihm von allen den Weihnachtsherrlichkeiten erzählt: Braten und süße Getränke, Weihnachtsspiele und Pfeffernüsse und Backwerk— es lvar ein endloses Essen und Trinken und Weibnachtsspielespielen vom Tage vor dem heiligen Abend, bis„Knud das Weih- nachtsfcst hinaustrug". So ging es auf ollen den kleinen Höfen zu, der einzige Unterschied war, daß man bei den Heiligen nicht Karten spielte, sondern statt dessen geist- liche Lieder sang. Aber das Essen war darum doch ebenso gut. Die letzten Tage vor Weihnachten mußte er um zwei, Halbdrei ausstehen und den Mägden beim Rupfen des Ge- flügels helfen und zusammen mit dem alten Dachdecker Holm den Backofen feuern. Damit war sein Verhältnis zu den Herrlichkeiten des WeihnachtSfestes erschöpft. Am heiligen Abend gab es Stockfisch und Reisbrei, und das schmeckte ganz gut, aber all das andere fehlte. Da standen ein paar Flaschen Branntwein auf dem Tische— das war das ganze. Die Knechte waren unzufrieden und schimpften, sie schütteten Reisbrei und Milch in den Schaft von Karnas Strickstrumpf, so daß sie den ganzen Abend wütend war, im übrigen hatte jeder sein Mädchen auf dem Schoß und sie lästerten über alles. Die alten Häusler und ihre Frauen, die eingeladen waren, um an der Weihnachtsmahlzcit teilzunehmen, redeten über Tod und alles Elend der Welt. Oben tvar großes Fest: alle Verwandten von Frau Kongstedt waren eingeladen, rmd man hieb tüchtig auf den Gänsebraten ein. Der Hof stand voll von Fuhrwerken, und der einzige, her guter Laune war, war der erste Knecht, er bekam alle Trinkgelder. Gustav war sehr schlechter Laune, denn Bodil lvar oben und wartete auf. Er hatte seine Handharmonika mitgebracht und spielte Licbcslicdcr: die Gemüter beruhigten sich dabei und daS Böse schwand aus den Augen. Einer nach dem anderen fingen sie an, mitzusingen, und es war nahe daran, hier unten ganz gemütlich zu werden. Aber da kam Bescheid von oben herunter, sie sollten ein wenig still sein. Da löste sich das gange auf, die Alten gingen nach Hause und die Jungen zerstreuten sich paarwerse, so wie sie im Augenblick miteinander befreundet waren. Lasse und Pelle gingen zu Bett. „Warum ist eigentlich Weihnachten?" fragte Pelle. Laste juckte sich bedenklich an der Hüfte. „Es soll nu mal so sein," antwortete er zögernd.„Ja, und denn is es das, daß sich das Jahr wendet und mi wieder bergan geht, siehst Dul-- Und in dieser Nacht is ja auch das Christuskind geboren, weißt Du!" Es währte lange, bis er daS letztere herausbrachte, aber es kam auch dafür ganz sicher heraus.—„Das eine mit dem anderen, siehst Du woll," fügte er nach einer Weile, alles zusammenfastend, hinzu. Am zweiten Weihnachtstage war ein Fest auf allgemeine Kosten bei einem unternehmungslustigen Häusler unten im Dorf; es kostete zwei und eine halbe Krone das Paar für Musik, geschnittenes Butterbrot und Branntwein mitten in der Nacht und Kaffee gegen Morgen. Gustav und Bodil sollten mit dabei sein. Es war doch immerhin ein wenig vom Weihnachtsfest, das da vorüberzog: Pelle tvar so davon in Anspruch genommen, als gehe es ihn selber etwas an: Laste batte an diesem Tage gar keine Ruhe vor seinen Fragen. Dann war Bodil Gustav also doch gut! Am Morgen, als sie hinauskamen, lag Gustav draußen vuf dem Felde neben der Tür zum Kuhstall und konnte sich nicht selbst helfen. Sein guter Anzug befand sich in einer traurigen Verfassung. Bodil war nicht bei ibm.„Dann iS sie ihm treulos geworden!" sagte Laste, als sie ihm hinein- halfen.„Der arme Junge? Erst siebzehn Jahr und schon eine Herzenssbunde. Die Frauenzimmer, die werden noch mal sein Unglück, da? werden wir noch sehen!" Zu Mittag, als die Häuslerfraucn zum Melken kamen, bestätigte sich Lasses Vermutung: Bodil hatte sich an einen Schneidergesellen ans dem Dorfe gehängt und war mitten in der Nacht zusammen mit ihm aufgebrochen. Man lachte mtt- leidig über Gustav und es ward in der nächsten Zeit allerlei über sein entschwundenes Glück gestichelt: über Bodil aber herrschte nur ein Urteil. Sie hatte ja ihre Freiheit, zu kam- men und zu gehen mit wem sie wollte: aber so lange sie sich mit Gustavs Geld amüsierte, mußte sie sich zu ihm halten. Wer wollte wohl seine Hand über den Hühnern halten, die ihr Korn daheim aßen und die Eier bei dem Nachbar legten? Doch niemand anders als der Nachbar. Es hatte sich noch keine Gelegenheit gefunden, Lastes Bruder hinter dem Steinbruch zu besuchen, aber am zweiten Neujahrstag sollte es vor sich gehen. Zwischen Weihnachten und Neujahr taten die Knechte nichts mchr nach Hercinbruch der Dunkelheit, und es war überall Sitte, daß sie dem Kuh- Hirten bei der Abendarbeit halfen. Duraus wurde nun für täglich nichts. Laste war zu alt. um sich geltend zu machen, und Pelle war zu klein: sie mußten sich freuen, daß sie nicht auch noch für die Knechte zu füttern brauchten, die auf Besuch ausgingen. Heute aber sollte Ernst daraus werden. Gustav und der lange Ole hatten die Abendarbeit übernommen. Pelle freute sich schon vom frühen Morgen an— er tvar jeden Tag um vier Uhr auf. Aber wie Laste zu sagen pflegte, wer mit nüchternem Magen singt, muß noch vor Abend weinen. Nach Tische standen Gustav und Ole unten auf dem Hofe und schliffen die Häckselniesser. Der Trog war leck, und.Pelle sollte Wasser aus einem alten Kessel auf den Stein gießen. Er war so vergnügt, daß es ihm jeder ansehen mußte. „Warum bist Du so vergnügt?" fragte Gustav.„Deine Augen schimmern ja wie jkatzendrcck bei Mondschein." Pelle erzäblte es. „Ja. ich bin bange, daß Ihr gar nich wegkommt!" sagte Ole und blinzelte Gustav zu.„Wir kriegen den Häckerling nick so früh gescknitten, daß wir das Vieh besorgen können, — Verteufelt, wie schwer auch der Schleifstein zu drehen is, wenn der Selbstdreher bloß nich kaputtgegangen wärt" „Der Sclbstdrcher? Was is das?" fragte er. Gustav sprang um den Schleifstein herum wid schlug sich vor lauter Pläsier auf die Lende. „Herr Gott, Herr Gott! Wie dumm Du doch bist, Du Frosch! Kennst nich mal'n Selbstdreher? Das is'ne Ein- richtung, die niau bloß auf den Schleifstein loszulassen braucht, dann dreht sich da? Ganze von selbst.— Drüben auf Kaasegard haben sie übrigens einen," wandte er sich an Ole, „wenn das bloß nich so weit war." „Is er schwer?" fragte Pelle mit leiser Stimme. Alles hing von der Antwort ab.„Kann ich ihn tragen?" Seine Stimme bebte. „Na, so gewaltig schwer is er grab nich— Du kannst ihn woll tragen! Aber es is ganz was Feines!" „Ich kann gern hinlaufen und ihn holen— ich will ihn auch ganz vorsichtig tragen." Pelle sah sie mit einem Ge- ficht an. das Vertrauen einflößen mußte. „Na ja, meinetwegen? Aber dann nimm einen Sack mit, wo Du ihn in haben kannst— und verteufelt vorsichtig inußt Du sein, hörst Du? Es is ganz was Feinxs." Pelle holte sich einen Sack und lief über die Felder dahin. Er war entzückt wie ein junges Zicklein. Er zwackte sich selbst, zupfte an allem, was ihm in den Weg kam und sprang dann plötzlich zur Seite, um die Krähen aufzuscheuchen — das Glück stand ihm aus dem Halse heraus. Nun rettete er doch den Abend für sich und Vater Lasse! Gustav und Ole waren gute Menschen!— Er wollte ganz schnell wieder da sein, daß sie den Schleifstein nicht länger zu drehen brauch- ten.—„Halloh, bist Du schon wieder da?" würden sie zu ihm sagen und große Augen machen.„Du hast doch den teure» Melanismus niH imTetWegs kaputt gemacht?" Und dann «lahmen sie ihn vorsichtig aus dem Sack und er war ganz heil.„Tiefer Junge, das war doch ein Wunder Gottes! Ein wahrer Prinz!" Drüben auf Kaasegaard wollten sie ihn durchaus zum Weihnachtsschniaus hereinnötigen, während sie die Einrich- tung in den Sack steckten: aber Pelle sagte nein und blieb auch standfest— er hate keine Zeit. Dann bekam er einen kalten Apfelkuchen draußen auf der Treppe, damit er ihnen uicht das Fest aus dem Hause tragen sollte. Sie sahen alle so freundlich aus den Augen und kainen alle zusammen herzu, als er den Sack aus den Nacken lud und damit nach Haus schleppte. Auch sie empfahlen ihm große Vorsicht und taten sehr besorgt— als ob er wohl gar nicht wisse, was er unter den Händen hatte. Es war eine gute Viertelmeile zwischen den Höfen, aber es währte anderthalb Stunden, bis Pelle nach Hause kam und da war er zum Umfallen. Er wagte nicht, den Sack niederzusetzen, um auszuruhen, sondern schlingerte vorwärts, Schritt für Schritt: nur einmal ruhte er aus, indem er sich an eine steinerne Umzäunung lehnte. Als er endlich auf den Hof schwankte, kamen alle Leute herbei, um des Nachbars neuen Selbstdreher zu sehen: und Pelle war sich seine Be- deutung wohl bewußt, als Ole ihm vorsichtig den Sack von der Schulter hob. Er fiel einen Augenblick gegen die Mauer, ehe er sein Gleichgewicht wieder gewann— es war so merk- würdig niederzutreten, jetzt, wo er von seiner Last befreit war— die Erde schob ihn förmlich von sich. Aber sein Ge- ficht strahlte. Gustav öffnete den Sack, der sorgfältig geschlossen war und schüttete seinen Inhalt aus das Steinpflaster aus— es waren Mauerbrocken, ein paar alte Pflugschare und der- gleichen. Pelle starrte verwirrt und ängstlich all das Ge- rllmpel an, er sah so aus, als sei er von einem anderen Erd- ball eben auf die Erde hembgeplumpst. Aber als das Gelächter von allen Seiten losbrach, begriff er den Zusammenhang: er rollte sich zusammen wie ein Klumpen und verbarg sein Gesicht. Er wollte nicht weinen, um keinen Preis— das Vergnügen sollten sie doch nicht haben. In seinem Innern schluchzte es, aber er kniff den Mund zusammen. Es durchzuckte sein Blut, krank vor Wut. Die Teufel— die vermaledeiten Satans— die!— Plötzlich stieß er Gustav mit dem Fuß gegen das Bein. .lFortsetzunx, falgt.)� Im Minter auf cUn Gottbardpaß. Er fuhr schon lange in einem Tempo, daß einige Neulinge seine Eigenschaft als Schnellzug in Zweifel zu ziehen begannen und im Zusammenziehen ihrer Branen die Absicht erkennbar machten, eine Protestnote an die Direktion der Gotthardbahn zu richten. Dabei war doch an den vielen Nasen, die sich an die breiten Scheiben des Waggons preßten, deutlich genug zu merken, daß die Sensation der Route begann: die tollen Abstürze, neben denen die Schienen keck entlang liefen, wie ein Knabe auf dem Brückengeländer, die genialen Kehrtunnel, in denen man einen heimlichen Spott gegen diese so trutzig, unantastbar starrenden, steinernen Niesen fühlt, mit denen schließlich das kleine winzige Geschövs. das als Bergsteiger der Mücke auf dem Elefanten gleicht, dock machte, was er nur wollte. Dazu drängten sich nun die hochgeschobenen Erdkrustschalen zu beiden Seiten engend zusammen, große Schneelasten und dicht geschlossen wie Orgelpfeifen hängende Eiszapfen erschienen als eine scherzhaft um- gehangene MaSke der Zone des ewigen EiseS, der Gletscher mit dem ganzen Tralala derer von 2500 und höher. Man glaubte aber etwas von der Langenweile und der Gleichgültigkeit zu spüren, die ein solches Anstarren nun schon seit Jahrhunderten in diesen Felsen- schönheiten hervorrufen muß. War es nun der nivellierende, alles mit monotonem Hellgrau überziehende Schnee, oder eine gewisse Enttäuschung einer viel leichter und großartiger bauenden Phantasie— jedenfalls blieb man der Scheibe fern und dachte viel lieber an die Hände und Hirne, die hier der Gattung.Mensch" Ehrendenkmale gesetzt hatten, in deren Anblick wohl der langgeschwänzten Vettern- schast von Borneo und Sumatra die Hoffnung sinken müßte, je diesen Stammbaumzweig zu erreichen. Je näher aber nun der große Moment, der Haupttunnel mit Göschenen rückte, desto merklicher wurde eine unbestimmte Unruhe, bis ein Gegenüber, das sich durch unmenschlich breit gezogene „Oah jäh" als Mittelgang zwischen Beefftea! und Sauerkohl, als Holländer, vorgestellt hatte, es aussprach, wo? mich quälte:„Man sollte wohl nicht so unten hindurchrutschen, oah jäh. oder meinen Sie nicht?", welches Tauende ich auch begierig ergriff:.Schaffner, über den Gotthardpaß kann man doch gehen?" Eben im Begriff, seine Amtsnase in die kleine Toilette zu stecken, um festzustellen, ob vielleicht ein kleiner pfiffiger Italiener auf diese: Weise seine Heimreise zu Polenta und Käse auszuführen gedachte. erwiderte dieser nur kurz und erstaunt:.Jetzt im Winter? DaS können Sie nicht, das dürfen Sie nicht." Und verschwand nun gänzlich in jener Zelle zur Fortführung der eingeleiteten Unter- snchung gegen.Unbekannt". Zwanzig Nasen aber, noch etwas blaß und platt von der Kälte und dem Gegendruck der Scheiben, gaben diese frei und recht schöne Felsenpariien nmßlen unbeachtet bleiben, weil der ganze Waggon ein unnötiges Gerede anhub, vielsprachig, da sich auch der italieniiche Teil schnell übersetzen ließ, um was es sich handelte und wenigstens durch erschreckliche Mienen und teuflische Gesten auf uns einzuwirken suchte. Nachdem die allgemeinen Adjektiva.Verrückt, wahnfinnig, leicht- sinnig" abgenutzt waren, ging man zur Aufzählung der in den letzten fünfzig Jahren aus dem Himalaja, den Kordilleren, Anden und sämtlichen Alpen bekannten und sämtlich nach dem Gotthard- paß verlegten Unglücksfälle über, bis endlich das Aechzen der Begeisterung über eine neue Aussicht eines neutral Gebliebenen sämtliche Nasen wieder aus unsere Angelegenheit heraus und an die Scheiben zurückbrachte. Nur einem, der wohl eben aus Bern das Patent als Eidgenosse brachte, entschlüpfte noch daS Geständnis der einstigen Zugehörigkeit zum deutschen Spießertum mit besten höchster und letzter Weisheit:.Die Regierung sollte etwas dagegen tun", worauf auch er den Konkav mit der Scheibe und der herrlichen Natur wiederherstellte. Wir beide, durch solche Siedehitze schnell zusammengelötet, disponierten inzwischen, ließen den Zug allein und krochen einem uns wie besessen umjagenden Schneesturme entgegen. Wir hatten unS nicht vorgestellt, krochen wechselnd, einer hinter dem andern, die Steilen hoch und atmeten tief und froh unter der kräftigen Um- armung einer derberen Natur. Einmal blieben wir unter dem Gefühl des starken Kontrastes stehen und sahen noch einmal nach unserem Zug, dessen Rauchsahne nur noch eben aus dem Tunnelloch herausflatterte. Mit den wenigen hundert Schritten war man so einfach von der Menschheit abgeschnitten, so jäh in eine andere Szenerie versetzt, als es nur auf der Bühne möglich schien. Eben noch Wärme, Kultur, Zeitung, der Atem der menschlichen Gesellschaft in Lächeln, Spötteln, Neid, nun nichts als zwei kleine Geschöpfe, verstummend unter einer übermächtigen großen Umgebung, die nur schwieg und handelte. Aber der Sturm ließ uns nicht lange Zeit zum Brüten, katzenartig sprang er uns an. Wir sahen vor uns die Bergwände, von denen feine kalten Hände den Schnee herabwischten— uns in die Augen. Aus eisverhangenen Kammern sprang die Reuß. wie eine Irr- sinnige den Zwangserziehungsversuchen des EiseS fich entziehend. stürzte sich von hohen Felsen herab, tauchte auf hundert Meter weit, daß man sie gezwungen, gepackt glaubte, und dann schnellte sie doch wieder mit tollem Satz heraus, stets von neuem umlauert von Eis- ketten, die sie immer wieder abwarf. Groß und ungeschlacht stellten sich Felsen und Geröll der Schnellen entgegen, mit ihren Schneepickelhauben und tolpasichiger Dienstbereitschaft drollige Karikaturen aus der lieben Heimat bildend. Da standen zu beiden Seiten hämisch, hochnäsig und doch besorgt die Granitmasten, deren uralte Geschichte und Steifbeinigkeit nicht hindern konnte, daß die Schäumende sie umwarf, zernagte, zermalmte— zu erbärmlichen Sand und Schutt, den erst tüchtige Fäuste zu nützlicheren Zwecken umformen würden— aus feudalen Nichtstuern und Schwadroneuren zu Kulturhelfern. Sie glaubten die Bewegung durch Starrheit zu hemmen und verstärften nur deren Stoßkraft, beschleunigten nur ihren eigenen Untergang. Aengstlich hob sich über dem Getobe da unten die schmale alte Steinbrücke hinüber. Da kommt aus dem Schnee der Klang eines GlöckchenS, ein Pferdekopf, hinter einander lautlos vier schmale beladene Schlitten. Schritt für Schritt die Steile hinauf in schwerem Schnee. Stumm sitzen die Führer, achten kaum auf den Gruß. Stumpfsinn und Gedankenlosigkeit möchtest du ihnen wohl unterlegen, da fie scheinbar einzig darauf achten, daß ihr Pferd heil und gesund in den Stall kommt. Du irrst wahrscheinlich. Der Einsame wird zum geübten Beobachter. Mit diesem flüchttgen Viertelsblick wissen sie alles von dir, von deiner Herkunft, deinen Verhältnisten, deinen Absichten, soweit diese fie angehen könnten und träumen fort von den ihren. Die Decke des Schweigens umhüllt auch fie. Aber setze ihnen einen„König" mit pfiffig zusammengebogenen uralten „Anrechten" und hunderttausend durch Aussicht auf schranken- lose Bestialität verführte Soldaten vor ihre Pässe, der fie ebenfalls zu„Untertanen" erheben will, und steh zu. wie diese„Stumpfsinnigen" zu feuersprühenden Titanen werden, sich mit Felsen auf die königlichen„Anrechte" stürzen, und sieh zu, wie die beutegierigen gekrönten Füchse ihre„Ansprüche" hurtig fallen lassen und nur eilen, um ans solch fatalen Pässen zu kommen.„Fürsten- und Adelsmörder" nannten die edlen Volks- mörder diese Widerspenstigen, die, die Ehrung durch den also um- gehangenen Orden kaum spürend, wieder in ihre Stumpfheit und zum Zeitvertteib auch in kleinliche Kantonslläffereien zurückfallen. Wir treten in die Lawinengalerie ein, in das Urner Loch, immer den Lärm des Kampfes im tiefen Flußbett im Ohr, dem die Straße folgte. Endlich eine Oeffnung zur Hochebene. DaS war das eine natürliche Tor der Gotthardbefestigung, überall in den Felsen- fronen Luken von Kasematten, Pulvergänge, Schildwachen, Kasernen, als einziger Durchgang zwischen furchtbarer Schlucht und starrer Felswand der hohe schmale Felspfad, der fich eng an die Wände hält, um dann vorsichtig aus hohen Futtermauern zu der festen Ebene hinüberzustelgen. Ein einziger elektrischer Funke wiirde die Hofsnungen künstiger europäischer Kampfhähne, durch diese Pforte an- «inanderzukommen, vernichten können. Danach ein breiter, blaugrauer Gebirgsbach, kalt, hastig, in scharfer Bodenreibung sich schiebend, breite Schneefelder hinauf, hinab, endlich schneegedeckte Dächer, verräucherte, hohe Holzhäuser mit all dem Schmuck des Bauernhauses, Dung- und Reisighaufen, Geräten und Wagen. Dazwischen standen reserviert, mit Distanz markierenden Zäunen„feine", saubere, hohe Steinkästen, in gar zu mühsam und steif nachgezirkelten Gebärden den ungezwungenen Stil des Dorfhauses kopierend, zumeist aber den herzlosen kalten Aus- druck des Geschäftshauses kaum verbergend. Das war nicht erfreulicher bäuerlicher Wohlstand, das war das internationale Kapital, das mit seinem Niesenprofitspargel, die einst bescheidenen Heimpflanzen überwucherte und erstickte oder häßlich veränderte. Jetzt lagen fie tot und still und wirkten noch unerquicklicher. Die Laden waren geschlossen, der Schnee hatte sich im Portal und Garten breitgemacht, kletterte bis zum ersten Stock an, suchte das scheußliche Blechreklanieschild„lZraack Hotel et Pension internationale" zu verschütten, der Wind ratterte daran, als müßte es weg; es klang mir jämmerlich von allen Seiten. Keine Zinsen, keine Zinsen"--- Hopp— sprang etwas über die Straße aus dem Wald herab— hopp— noch einer, Jungens auf Schneeschuhen— husch, stob hinter uns etwas hervor, vorbei, ein Soldat auf Schneeschuhen, dem etwas mühsamer ein paketbeschwerter Postbote folgte. Schnee- schuhe standen vor den Türen,„Schneeschuhe zu verkaufen, auch zu Verleihen", rief es von den mühsam schneefrei gehaltenen Läden, die wir nun abliefen, da Mynheer eine Schneebrille für unerläßlich hielt.— sSchluß folgt.) Die fälfcbung von Kunftwerkcn, Der soeben beendete Bilderfälschungsprozeß zu Münster hat die Aufmerksamkeit wieder einmal auf jene mit allen Schlichen betriebene Fälscherindustrie gelenkt, die trotz aller Wachsamkeit der Kunstkenner zurzeit vielleicht üppiger in Blüte steht als je zuvor. Der gesteigerte Wohlstand hat bei allen Nationen eine wahre Sammelwut hervorgerufen, und wer die Mittel dazu hat, betrachtet es als seinen höchsten Stoh}, wenn er seinem luxuriösen Heim eine Galerie alter Meister angliedern kann. Allerdings gehört heutzu- tage ein immenser Reichtum dazu, um eine ansehnliche Kollektion von Rembrandts, Corots, van Dycks, Böcklins und Menzels zu- fammenzubringen, und die weniger potenten Antiquitätenliebhaber müssen sich mit dem Besitz einiger weniger Bilder oder mit dem Sammeln von weniger kostspieligen Altertümern befassen. Sind doch die Preise für die ganz großen alten Meister des Pinsels der- ort ins Maßlose gestiegen, daß man sich für das Geld, das heute ein Rubens oder ein Holbein verschlingt, sehr wohl einen ganzen eigenen Luxuszug bauen lassen kann. Deshalb find Fälschungen der ganz wertvollen Lbunstwerke heute schon recht selten geworden; wer eine halbe Million oder mehr für ein Bild ausgibt, legt auch noch ein paar Tausend Mark zu, um es von den berufenen Sach- verständigen auf seine Echtheit prüfen zu lassen. Immerhin wird von Kennern behauptet, daß sich in den Palästen der amerikanischen Multimillionäre, die bekanntlich die Sammlung von Kunstwerken vielfach nur sportmäßig betreiben und zum Teil zur bildenden Kunst nicht die geringsten inneren Beziehungen haben, neben den herrlichsten Schätzen auch sehr viel wertloser Schund und Kitsch vorfinde, der diesen Nabobs von ebenso gerissenen wie gewissen- losen Händlern angedreht worden ist. Der Kunstkenner lächelt bisweilen über die„Wertbollen Funde", von denen Meldungen in die Zeitungen lanziert werden. Er weiß, daß neue Lionardos, daß Giorgiones kaum mehr zu ent- decken sind, und daß es sich bei solchen„Funden" im günstigsten Falle um Werke aus der Schule der betreffenden Meister handelt. Oft genug ist die Nachricht von dem in irgendeiner entlegenen italienischen Stadt gemachten Funde nichts als das Signal dafür, daß irgendein Kunstfälscher wieder einmal einen großen Fischzug vorbereitet. Da heißt es, ein herrliches Relief von Luca della Nobbin sei, unter Gerümpel vergraben, auf dem Boden eines apulischen HauseS gefunden worden, und