Mnterhattungsblatt des Horwärts Nr. 20. Sonnabend, den 28. Januar. 1911 tNaSdru« bttsotttt.J 20] pelle der Gröberer* Roman von Martin Andersen Nexö. Autorisierte Uebersetzung von Mathilde Mann. Hallohl Er stößt!" rief Gustav und hob ihn in die Luft empor.„Wollt Ihr den alten Satan auf Smoaland sehen? Bei ihm ist eben Umzugstaq gewesen, er hat den Hintern in das Gesicht raufgerückt!"— Er zeigte Pelles dicke Wangen Pelle bemühte sich, sein Gesicht mit den Armen zu verdecken und stieß mit den Füßen, um herunter- zukommen; er machte auch einen Versuch zu beißen.„Na, er will beißen, der Teufelsjunge!" Gustav mußte ihn hart an- fassen, um ihn regieren zu können. Er hielt ihn am Kragen fest und drückte ihm die Knöchel in die Kehle hinein, so daß er nach Luft schnappte: währenddes sprach Gustav mit höhni- schem Mitleid:„Schneidiger Junge das! Noch nich trocken hinter den Ohren und will sich schon prügeln!" Gustav fuhr fort, ihn in die Höhe zu halten, es sah so aus, als wolle er mit seinen überlegenen Kräften prahlen. „Ja, nu haben wir wirklich gesehen, daß Du der Stärkste bist!" sagte der erste Knecht endlich<— laß ihn man laufen!" Und als Gustav nicht gleich hörte, sauste ihm eine geballte Faust zwischen die Schulterblätter. Da ließ er den Jungen los und der lief in den Stall zu Lasse hinüber, der das Ganze gesehen hatte, aber nicht wagte, sich zu nähern. Er konnte nichts ausrichten, und seine Anwesenheit würde nur schaden. „Ja, und dann unser Ausgang heut abend, Du," er- klärte er entschuldigend, während er den Knaben tröstete. „Solchen Windhund wie Gustav sollt ich doch woll durch- prügeln können, aber dann wären wir ja heut abend nich weggekommen, denn er hätt ja das Vieh nich für uns be- sorgt. Und auch keiner von den andern, denn die hängen zusammen wie Wickcnstroh.— Aber Du kannst Dich ja selbst wehren! Hast den Satan selbst grad auf seinen Klumpfuß getreten! Ja, ja, das war ja ganz gut. aber vorsichtig muß man sein, nich zum Pläsier scharf schießen! Das bezahlt sich nich." Der Junge war nicht mehr so leicht zu trösten. Tief in ihm saß es und tat weh, weil er in so gutem Glauben ge- handelt hatte: sie hatten ihn in seinem offenen, fröhlichen vertrauen getroffen. Das Geschehene schmerzte auch seinen Ehrgeiz sehr: er war in eine Falle gegangen, hatte sich von ihnen zum Narren halten lasten. Das Erlebnis brannte sich tief in ihn ein und gewann grvßen Einfluß auf seine weitere Entwickclung. Es war ihm schosn früher begegnet, daß man auf Menschenwort nicht trauen konnte, und er hatte unbeholfen Versuche gemacht, dahinter zu kommen. Jetzt traute er keinem mehr ohne weiteres: und er hatte entdeckt, wie man hinter das Geheimnis kam— n«in brauchte nur den Leuten in die Augen zu sehen, wenn sie etwas sagten. Sie hatten so sonderbar ausgesehen, hier wie auch in Kaascgard gelegentlich des Selbstdrchers, als lachten sie inwendig. Und der Verwalter hatte damals gelacht, als er ihnen Schweinebraten und Nhabarbergrütze für jeden Tag versprach; sie bekamen eigentlich niemals was anderes als Heringe und Suppe. Die Leute sprachen mit zwei Jungen, Vater Laste war der einzige, der das nicht tat. Pell« ward aufmerksam auf sein eigenes Gesicht. Das Geficht sprach: daher erging es ihm übel, wenn er sich mit einer kleinen Notlüge herumdrücken wollte. Und das Gesicht war an dem heutigen Unglück schuld— wenn man sich freute, mußte man es nicht zeigen. Er hatte die Gefahr entdeckt, die darin lag, wenn man seinen Sinn offen daliegen ließ: und sein kleiner Organismus machte sich rastlos daran, harte Haut abzusondern, nm sie über die edleren Teile zu ziehen. « Nach dem Abendessen trabten sie über die Felder von Launen, Hand in Hand wie immer. Sonst ging Pelle der Mund unaufhörlich, wenn sie allein zusammen warem aber heute abend war er stiller: die Begebenheit des Nachmittags saß ihm noch in den Gliedern, und der Besuch erfüllte ihn mit feierlicher Spannung. Lasse hatte ein rotes Bündel in der Hand, darin war eine Flasche mit Süßem— Likör aus schwarzen Johannis- beeren—, die ihnen Per Olsen gestern in der Stadt gekauft hatte als er dort war, um sich loszuschwören. Sechsundsechzig Oere hatte sie gekostet, und Pelle ging in Gedanken versunken einher und überlegte, ob es Wohl anging oder nicht. „Vater, darf ich sie nich mal tragen?" fragte er kindlichd „Bist Du verrückt, Jung?— Ich glaub Du träumst— das is teure Ware! Du könntest die Flasche ja fallen lassen." „Ich laß sie nich fallen— kann ich denn nich wenigstens ein bißchen anfassen? Ach, bitte, Vater! Guter Vater!" „Was für Einfälle Du auch immer hast! Du kannst gut werden, wenn man Dir nicht beizeiten- einen Stopper davor. setzt! Ich glaub, weiß Gott, Du bist nich recht bei Trost, so unverschämt, wie Du wirst!" Lasse murmelte noch eine Weile allerlei vor sich hin, aber dann blieb er stehen und beugt-c sich über den Jungen. „Na, denn faß sie man mal an. Du dummer Jung, aber vorsichtig, hörst Du? Und daß Du mir keinen Schritt damit machst!" Pelle klemmte die Flasche mit den Armen gegen den Körper, er wagte nicht, sich auf seine Hände zu verlassen: der Magen schob sich weit vor, um mit zu tragen. Lasse stand da und hielt die Hände bereit, um die Flasche aufzufangen, wenn sie fiel. „So, nu is es genug." sagte er fieberhaft erregt und nahm die Flasche. „Sie is schwer!" sagte Pelle bewundernd und ging be- friedigt weiter an der Hand seines Vaters. „Aber warum will er sich eigentlich losschwören?" fragte er nach einer Weile. „Weil man ihn beschuldigte, einem Mädchen ein Kind gemacht zu haben. Hast Du das denn nich gehört?" Pelle nickte. „Hat er es denn nich getan? Alle sagen es doch." „Das kann man doch woll nich gut glauben: das würde ja die sichere Hölle für Per Olsen sein. Aber das Mädchen sagt ja, daß e r es iS und kein anderer, weißt Du. Ach ja« die Mädchen, das is'n gefährlich Spielzeug— Du mußt aufpassen, wenn Deine Zeit kommt. Denn die können den besten Burschen ins Unglück bringen." „Wie schwört man denn? Sagt man: hol mich der Deubel?" Lasse mußte lachen: „Ne, es is woll nich so ganz leicht für jemand, der falsch! schwört. Ach ne! Denn da in' Gericht, da sitzt die ganze hohe Obrigkeit Gottes um einen Tisch, der ganz so is wie ein Hufeise«, und inwendig darin steht ein Altar mit dem gekreuzigten Ehristus leibhaftig da auf. Auf dem Altar liegt ja nu ein großes, großes Buch, das mit'ner eisernen Kette an die Wand festgemacht is, damit der Böse es nich bei nacht- schlafender Zeit wegholt— und dos is Gottes heilige Schrift, Wer schwört, muß seine linke Hand auf das Buch legen, und die rechte soll er in die Höhe halten, die drei Finger ganz frei— das sind Gott der Vater und der Sohn und der heilige Geist. Aber wenn er falsch schwört, Tann der Landeshauptmann es gleich sehen, denn dann sind da rote Blutflecke auf den Blättern der Schrift." „Und was dann?" fragte Pelle gespannt. „Ja, dann welken seine drei Finger hin und es frißt sich ihm weiter in den Körper rein. Solche Leute leiden schrecklich, sie verfaulen ganz und gar." „Kommen sie dann nich in die Hölle?" „Ja, da kommen sie auch bin. Wenn sie sich nich selbst melden und ihre Strafe hinnehmen, damit können sie sich für das andere Leben loskaufen. Aber bei lebendigem Leibe verfaulen tun sie doch, da kommen sie nich von ab." „Warum bestraft sie denn der Landeshauptmann nich gleich von selbst, wenn er es doch in seinem Buche sehen kann« daß es falsch gewesen is?" „Ne, dann kämen sie ja um die Hölle weg. Und das iS 'ne-bgcmachte Sache mit dem Satan, daß er alle die haben soll, die sich nich selbst angeben, versteht Dgl" Pelle schauderte. Cine Weile ging er schweigend an des Vaters Hand dahin. Aber dann hatte er das Ganze vergessen. „Ter Oheim Kalle is wohl reich?" fragte er. „Reich is er woll nich, aber er is doch Grundbesitzer. Und tots is keine Kleinigkeit!—" Lasse selbst war nie weiter ge- kommen, als Grund und Boden zu pachten. „Wenn ich groß bin, will ich einen mächtigen Hof haben," erklärte Pelle sehr bestimmt. „Ja, den wirst Du schon kriegen," sagte Lasse und lachte. Nicht, daß er sich nicht Großes von dem Jungen erwartete— wenn auch nicht grade, daß er Hofbesitzer werden würde. Ob- gleich, wer konnte es wissen, vielleicht wollte es der Zufall, daß sich irgend eine Bauerntochter in ihn versah— die Frauen waren wie wild hinter den Männern in der Familie her. Mehr als ein Beispiel davon war bekannt, wie zum Beispiel des Waters Bruder, der selbst dem Pfarrer Hörner gedreht hatte. Dann kam es für Pelle bloß darauf an zuzugreifen, so daß sich die Familie nicht widersetzen konnte, der Schande halber. Und Pelle war gar nicht so ohne. Cr hatte diese Glückslvcke in der Stirn und feine Haare hinten im Nacken und ein Muttermal auf der Lende— das bedeutete alles Glück. Lasse redete mit sich selber im Gehen: er stellte die Zukunft des Jungen mit großen, runden Zahlen auf— und ein klein bißchen fiel auch für ihn dabei ab. Denn was jetzt auch Großes kommen mochte, es kam doch immer rechtzeitig genug, daß Lasse mit dabei sein und sich auf seine ganz alten Tage darüber freuen konnte. Sie gingen querfeldein, hinaus auf den Steinbruch zu, an steinernen Umfriedigungen und verschneiten Gräben ent. lang und arbeiteten sich vorwärts durch das mit Schlehen und Wacholder bestandene Gelände, hinter dem die Felsklippen und die Heide lagen. Sie kamen um die tiefen Steinbrüche herum und suchten in der Finsternis danach, wo der Abfall hingeworfen wurde: dort mußte die Steinklopferei liegen. Bon da oben her ertönten Hammerschläge, und sie ent- deckten Licht auf mehreren von den Plätzen. Unter einem schrägen Strohschirm, von dem eine Laterne herabhing, saß ein kleiner, breiter Mann und hämmerte auf die Abfallsteine los. Er arbeitete mit einem eigenartigen Appell: schlug drei Schläge und strich zur Seite, wieder drei Schläge und zur Seite damit. Und während die eine Hand die Steine beiseite schob, legte die andere ein frisches Stück Abfall auf den Stein zurecht � das ging so fleißig und gleichmäßig wie das Ticken einer Uhr. „Weiß Gott, das is Bruder Kalle, der da sitzt!" sagte Lasse mit einer Stimme, als sei das Zusammentreffen ein Zeichen des Himmels.„Guten Abend, Kalle Karlsson, wie geht es denn?" Der Steinklopfer sah auf. „Herrje, ja, da haben wir unfern Bruder!" sagte er und erhob sich beschwerlich: die beiden begrüßten sich, als hätten sie sich gestern zuletzt gesehen. Kalle sammelte das Werkzeug zu- fammen und legte den Schirm darüber, während sie schmatzten. „Du klopfst auch Steine? Verdienst Du denn was damit?" fragte Lasse. „Na, so weit her is es ja gerade nich damit, wir kriegen zwölf Kronen für den Klafter, und wenn ich morgens und abends bei der Laterne arbeite, kann ich die Woche einen halben Klafter schlagen. Zum Bier reicht es ja nich, aber wir leben doch. Aber eine schandbar schwere Arbeit is es— unmöglich, warm dabei zu werden, lind steif im Schritt wird man, wenn man so fünfzehn Stunden auf dem kalten Stein sitzt, so steif, als wenn man als alleiniger Mann Vater von der ganzen Welt war." Er schritt mühselig vor den anderen her über die Heide, auf ein buckliges Bauernhaus zu. „Ja, nu kommt der Mond, nu wo man ihn nich mehr braucht!" sagte Kalle, der allmählich in gute Laune kam. Herrjemine, wie ficht er aus, dieser verschlafene Rüssel— Drcckkleckse in den Augenwinkeln und den Mund voll zu- sammengelaufenes Wasser! Ter is gewiß zum Neujahrs- schmaus beim lieben Gott gewesen!" Die Wand des Hauses schob sich auf der einen Seite in einem großen Buckel heraus: Pelle mußte hin und das be- fühlen. Es war ganz geheimnisvoll; waS wohl darin sein konnte— am Ende ein geheimer Raum? Er zupfte fragend an den Rock des Vaters. „Das da. das is ja der Ofen, wo sie ihr Brot in backen," sagte Lasse,„der liegt so, um Platz zu schaffen." „Ja, und das da is die Bank, wo wir unterbringen, was wir übrig haben," sagte Kalle und zeigte Pelle ein kleines bau- fälliges Haus.„Hast Du Lust eine Einzahlung zu machen, so genier Dich man ja nich." Lasse lachte. „Du bist noch Verselbe fröhliche Teufel, wie in alte» Zeiten," sagte er. „Ja, weiß Gott, der Humor is bald das Einzige, was man noch gratis erhält.— Aber tretet gefälligst näher." Kalle steckte den Kopf zu einer Tür herein, die von der Küche nach dem Kuhstall führte.—„Halloh, Marie, Du mußt das lange Bein vorsetzen," rief er gedämpft.„Die Hebamme is hier." „Was will die denn?— Du lügst. Du alter Schelm." Man hörte die Milch wieder in den Eimer strullen. „Ich lüg— also das meinst Du! Ne, aber Du mußt rein gehn und Mch hinlegen: sie sagt, es wär die höchste Zeit. Dies Jahr gehst Du zu lange damit!— Nimm Dein Mundwerk in acht!" flüsterte er in den Stall hinaus,„denn sie is wirklich hier! Und sput Dich ein bißchen." Sie kamen in die Stube hinein, und Kalle tastete vor sich hin, um Licht anzuzünden. Zweimal hatte er die Schwefel- Hölzer in der Hand und warf sie wieder hin, um am Ofen an- zuzünden, aber es war kein rechtes Feuer im Torf.„Scheiß!" sagte er darauf und strich resolut ein Streichholz an—„man hat ja nich jeden Tag Besuch!" (Fortsetzung folgt.jl Im Mnter auf clen Gottkarclpav. (Schluß.) Dieses. Kling klingling die freundliche Neugier der im Laden versammelten Familie, die Vielseitigkeit der geführten Artikel be- glückte uns. Wie es sonst nur Kinder im Spiel fertig bringen, Ipielte man hier in einem Winkel des winzigen, überheizten Stübchens Friseur, in der anderen Ecke war der.Sportartikel-Laden", dort wieder gab es Wolle und Würste, über allem aber schwebte der Dust von Petroleum und Seife und das Ganze ward freundlich gerahmt von girlandenartig gebundenen„Ansichtskarten". So fingen die WertheimS in Rostock an— und wann, mein Freund aus Andermalt, werde ich Deine»Gelbe SS Pf.-Woche" in der Brunnenstrahe erleben? Wieder hinaus in Schnee und Einsamkeit. Wir treffen zwei Leute, die den Schnee in einer bestimmten Linie von links nach rechts werfen, den der Wind wieder von rechts nach links zurücklegt. Wir genoffen die Früchte ihrer Arbeit. Wo aber war unsere Gegen« leistung? Mit der nächsten Wirtshausrechnung, mit jeder Tafel Schokolade, die wir erwarben,, entrichteten wir den Posten: Straßen- unterhalwng 10 Proz. Aufschlag. Wieder Rauch, Kinder, Grand-HotelS und endlich Rast, Ablegen der Eisrüstung, eine warme holzgedeckte Schweizerstube, Erbsensuppe, lange nur bruchstückweise gehörte'Vorlräge einiger Skiläufergäste über die Unmöglichkeit, zu Fuß-- Dann acht Stunden Bcwutztlosig- keit und Erwachen im Fedcrpfuhl durch unendliche„Oah jäljV Mynheers, der schon beim Tee war. Hinaus in die Stille— kein Wind, kein Schnee— kalt und ruhig lag der Pahweg vor uns. Was sagte doch gestern der Skimann?.Dann kommen Sie endlich auf Schnecmaffen, daß sie bis zum Hals einsinken?" Da mühte man fich Bretter an die Fühe--? Mynheer stürmte fort— von Laden zu Laden. Aber niemand verkaufte hier Kisten. Eine andere Reminiszenz kam mir in den Sinn:»Die Indianer be- nutzen geflochtene Weiden zu Schneeschuhen I" Wieder stürmte Mynheer die Reihe ab, niemand besah oder ver- kaufte hier geflochtene Körbe. Da taucht vor uns ein altes Weib auf, mit einem Korb auf dem Rücken. Mynheer, die eine Hand mit S Fr. ihr vor die Nase haltend, zerrte an ihm, aber fie rettet sich an eine Wand, klemmte den Korb daran und sprach entschieden ihr „Veto". Was wir damit wollten. Oh— wir würden ihn in seine vier Teile zerschneide», daS gäbe zwei paar Schneeschuhe, gut genug um damit über den Pah zu kommen. Sie schlug die faltigen Hände zusammen und verfiel in eine Art von Wimmern..O meine Herren, doS geht bestimmt nicht, tun Sie eS nicht," und sie erzählte von einem Deutschen, der genau zu derselben Zeit, bei genau demselben Wetter über den Gotthard wollte und dem sie abgeraten hatte.»Nun, er kam hinüber",! fragte Mynheer.»Nein, er erstor, er war eingeschlafen." Mynheer hatte inzwischen unter Erhöhung der Abfindungssumme einen zweiten Angriff auf die künftigen Schneeschuhe gemacht, worauf die Frau Miene machte, uns die Geschichte von zwei Engländern zu erzählen, die---- Wir verliehen fie schnell, muhten aber noch nach fünfzig Schritten den gellend vorgetragenen Schluh hören:»Der eine verlor beide Ohren, dem anderen wurde ein Bein--" Aber es war doch schwerer vorwärtszukommen, als wir dachten. Kaum waren einige Kilometer in der bleiern langweiligen Schnee- öde auf der noch leicht gangbaren Pahstrahe zurückgelegt, als ein Schreien vieler Stimmen uns aufschauen lieh. Da stand ein Knäuel Arbeiter auf der Anhöhe, ziemlich fern, fie schrien und drehten ihre Arme windmühlenartig. Wir merkten endlich, daß dieser Lärm uns galt, und verstanden schließlich:»Zurück, sofort zurück I" Wir gingen weiter. Neuer Lärm, eine zweite Botschaft.»Wo wollen Sie hin? Gotthardpaß? Können Sie nicht, Lawinen I' Wir sahen uns um. Die Luft war still und warm,— die Berge langweilten sich und schienen an gar nichts zu denken. Außerdem waren Lawinen gerade das, was uns beiden durchaus sehenswert schien. Wir gingen weiter und man ließ uns zufrieden. Grau, ewig gleichgültig lagen die Felsenkulissen vor uns, die hohen Wände engten den Horizont, die gleichförmige farblose Schneedecke er- müdete das Auge noch mehr. Im Laufe der Serpentinen wieder- holen sich selbst die Ueberschneidungen, die bizarren Felsformen, die Abstürze so häufig, daß sie nicht mehr beachtet wurden. Nur der wieselschnelle Wildbach da unten erzwang sich Aufmerksamkeit, oder ein verschlossenes, vom Schnee verpacktes Haus. Blank gefegt vom gestrigen Sturm lag der Paß, ein ironisches Lächeln überflog wohl in gleichem Gedankengang unser Gesicht. Wenn das alles war--- Plötzlich eine Mauer— der Paß in seiner ganzen Breite durch eine mannshohe Schneewand gesperrt. „Dann kommen Sie an Schneemassen, da sinken Sie bis zum Hals ein." repetierte etwas im Ohr. Der Fuß trat zaghaft ein— bah— er hielt. Der andere folgte— alles fest, man stand auf der Zinne und siehe, es war eine Finte, eine schmale Anwehung, offen und schneefrei lag dahinter wieder der Paß. Hurtig hinab und scherzend über den Schreck weiter. Aber nicht geschickter und systematischer konnten je Aufständische ihre Straßen durch Barrikaden sperren, als es der Paß tat. Jede Biegung hatte ihren hohen Wall aufgeworfen und immer dichter folgten sie. immer höher stiegen die Kronen und breiter wurden die Kuppen. Weil hingen sie noch über den Paß in den Abgrund. Mynheer fluchte. Ich sprang schnell den Wall hinab und fluchte. Wir sanken ein bis zum Knie. Suchten links und rechts festen Schnee, vergeblich. Da wateten wir nach kurzem Nachdenken eigen- sinnig weiter.„Danach werden Sie bis zum Knie einsinken und endlich bis zur Brust---" Wir gingen stumm weiter, zogen Fuß um Fuß heraus und hinein. Es legten sich Nebel uni tins, wir stampften weiter. ES gab nach einer Stunde eine matte Helle, die Sonne, sie verging und Mynheer konnte die Schneebrille wieder verstecken. Um die zurückliegenden Gipfel hoben sich dünne, helle Staubwolken, Schneestürme. Bei uns war es still und warm. Tief unter uns hatten sich einige lange Schuppen und Häuser in den Winkel hineingekrochen und zuschneien lassen. Das gab wohl einen Unterschlupf, wenn wir-- Wir stampften fort. Die Höhen halten deutlich abgenommen, wir mußten der Platte, dem Hospiz nahe sein. Es war eine unheimliche, be- unruhigende Stille, kein Hauch, kein Atem als der unsere. Kein Rabe, kein lebendes Wesen, selbst der Wildbach da unten verstummt oder erstickt unter Eisfäusten. Die Luft schwer und warm, eine wohlige Erschlaffung und Wärme nach dem stundenlangen Waten. Wieder war ein Wall zu nehmen. Wir traten auf— und stürzten hinein— versanken gänzlich. Der Schnee trug nicht mehr. Den Grund verstanden wir nicht. Ermüdet und verdrießlich standen wir. Mynheer, sehr erzürnt über solche nicht angenommenen Schwierig- leiten, erktärte, etwas ruhen zu wollen und fiel auch, überanstrengt vom Stapfen, gegen den Schneewall. Zu wohlig und lockend fühlte auch ich die Bergsirene, den Schlaf, und zerrte ihn hoch— zurück zum letzten Wall, der uns trug. Er versicherte, daß wir sofort da wären und er nur zehn Minuten schlafen wollte. Ich wußte aber, daß ich. ganz allein mit dieser schläfrigen Stille, meine Augen nicht beherrschen könnte, und nichts unseren Schlaf stören würde als die Frühlingssonne. Er stand unentschlossen, unglücklich..Welch ein Bluff für meine Eltern, über den Gotthardpaß im Winter," klagte er. .Wie,— fuhr ich auf— Eltern haben Sie auch und bluffen wollen Sie nur?" und ich machte Kehrt, worauf er folgen mußte. Welch ein.Bluff" war das, wenn keine Lawine kommt.— Er ward erst als guter Rechner munter, als ich feststellte,' daß unsere teuren Fahrkarten nach Mailand in sechs Stunden ungültig geworden wären. Die acht geretteten Frank wogen bei ihm den Bluff auf.— Kaum erzwangen wir aber die Rückkehr von den ermatteten Körpern. Jeder der dreißig Wälle schien höher und breiter geworden und wir stürzten und tappten schwerfällig. Die Lust wurde dicht. Schnee begann zu fallen, unsere Fußtapfen waren lange verwischt— nach Stunden zog wie im Nebel alles wieder vorüber. Die verschneiten Häuser, jene warnenden Arbeiter, die uns fröhlich und erfreut zuwintten, die beiden Orte, die Kasernen, selbst der einleitende Schneesturm, nur daß er diesmal ungeheuere dichte Schneemaffen hcrabwälzte. Taumeld wankten wir wieder die Kehren herab zum Bahnhof, brachten die steifen Beine in das Koupee und fielen schlaftoll in unsere warmen Ecken, die Füße auf den heißen Röhren. Und der Zug fuhr langsam in das schwarze Loch hinein.... R G. Die Boheme» Zum fünfzigsten Todestage ihres Dichter?. Am 28. Januar 1861 starb zu Paris der Schriftsteller und Dichter Henri M u r g e r, vor der Zeit und nicht unter eigenem Dach und Fach, sondern im Hospital, wie er es von einem seiner Helden einst berichtet hatte:„Das Elend ließ ihm keine Zeit, zu er- füllen, was er versprochen hatte. Gr starb im Marz vor Erschöpfung im Hospital Saint-Louis, Saal Sainte-Victoire, Bett iL" Nur mit dem Unterschiede, daß Murgers Schicksal, so traurig e> an fich sein mochte, doch nicht mit der Tragik umkleidet war, die ein vom Tode vor der Vollendung vernichtetes Lebenswerk umgibt, denn was er an Eigenem und in seiner Art Unvergänglichem zu geben hatte, nahm er nicht mit in die große Dunkelheit hinüber. Dieses Eigene und Unvergängliche steckt nämlich ganz und gar in seinen „Scenss ds la Vis do Bohfemo",„Szenen aus dem Zigeunerleben", die allein von seinen zahlreichen Romanen, Erzählungen und Gedichten vor der dicken Staubschicht des Vurgessens bewahrt worden sind. Und eS ist die literarisch entflammte männliche Jugend zwischen sechzehn und einundzwanzig, die um dieses Buches Willen den Kranz der Unsterblichkeit für den Dichter von Jahrzehnt zn Jahrzehnt weiter gereicht hat, jene schwärmende Jugend, die aus der Gebundenheit des Gymnasiums oder Kontors in die Welt der freien künstlerischen Betätigung hinausstrebt, sich mit dem Feder- Halter statt mit dem Degen die Erde erobern möchte und immer wieder mit heißen Wangen in MurgerS Buch die erste Offenbarung ihres eigenen Herzens gefunden hat und finden wird. Die jungen Kunstzigeuner Rodolphc, Marcel, Scheunard und Colline mit ihrem unverwüstlichen Leicht- finn, ihren lustigen Streichen, ihrem ds m'enficliismus, ihrer„Ich Pfeif drauf"- Philosophie, mit ihren kühnen Gefechten gegen Gläubiger, Hauswirte und sonstige Philister, dann die Grazie der Mimi Pinson und der Musette, die zu Urbildern eines naiven. liebenswürdigen und unverderbten Grisettentums geworden und auch für das Auge von Wtllettes Griffel festgehalten worden sind, und nicht zuletzt der verklärende Glanz, der wie ein melancholischer Sonnen- Untergang noch über dem Hungern, dem Verzweifeln und dem Sterben dieser Bohömiens liegt— wie sehr ist all das geeignet, die Seele leicht entzündlicher Jugend zu entzünden. Darum braucht sich auch m späteren Jahren nicht zu schämen, weffen Herz einst für diese Szenen, mitemfindend in Freud und Leid, geschlagen hat, so viel auch an falscher Perspettive, an falscher Sentimentalität und an falschem Heroismus in diesem Buche steckt. ES ist jung! Und daS ist feine ganze Rechtfertigung. Zu Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, al» in Deutschland gerade die Revolutionäre in der Literatur ihren Guillotinenmarsch zu trommeln begannen, erschien die„Vie de Bohöme" ins Deutsche übertragen in Reclams Univcrsalbibliothek. In seinem Roman eines verbummelten Genies, im„Stilpe", hat Otto Julius Bierbaum eine anschauliche Schilderung davon entworfen, wie Murger die Herzen jener Generation im Sturme nahm. Auf der anderen Seite hat es in neuerer Zeit nicht an heftigen Angriffen auf das.Zigeunerleben" gefehlt. Besonders Camille M a u c l a i r, einer der gepflegten und kühlen Geister des modernen Frankreich, hat fich mehr als einmal dafür ins Zeug gelegt,.diesem schlechten und schwachen Buche eines mittelmäßigen Schriftstellers" den Gnadenstoß zu versetzen, und zwar im Jnlereff« der bürgerlichen Reputierlichkeit der Literatengilde. Denn MurgerS Werk habe überall den nicht wieder auszurottenden Gedanken ein» wurzeln lasten, daß der Künstler schmutzig sei, einen durchnäßten Filzhut, karrierte Beinfleider und Bindekrawatten trage, niemals einen Lieferanten bezahle, schlecht erzogen sei und dergleichen mehr. Wie dem auch sein mag, auf jeden Fall wuchs der Erfolg der .Vie de Bohöme" für ihre Zeit aus der Tatsache heraus, daß fie eine damals vorhandene Schicht, wenn auch nicht ohne Schönfärberer, in ihrem Wesen spiegelte. In der Vorrede, die Henri Murger seinem 1862 erschienenen Buch vorausschickte, mühte er sich zwar, nach- zuweisen, daß es Bohömiens zu allen Epochen gegeben habe. Aber wenn die Gesellschaft auch stets an ihrer Peripherie herum» schweifende Außenseiter genialer Prägung und schöpferischer Art ge- kannt hat, eine in sich abgeschlossene Boheme konnte nur auf dem Pariser Pflaster des zweiten Kaiserreiches gedeihen, und zwar eins Boheme, für die Murgers Wort nicht gilt, daß sie die„Vorstufe deS Künstlerlebens, die Vorrede zur Akademie, zum Hospital oder zur Morgue" sei. Denn diese Boheme war kein Durchgang, sondern eine Sackgaste und in ihrer Art die erste Opposition gegen ein Regime, das jede andere Opposition mit eisernen Fängen daniederhielt. Das Wesen der Bohöme ist. daß sie. wenn auch bourgeoisen Ursprungs, außerhalb jeder Klassenschichtung steht und_ auf eigen« Faust einen Kleinkrieg gegen die bürgerliche Gesellschaft führt, freilich mit Kampfesmitteln, die eher dem Lumpenproletariat als dem werktätigen Proletariat entsprechen, mit Faulenzen, Schuldenmachen und Zediprellerei, wie denn Max Stirner wohl am ersten als Philo? oph der Bohöme zu nennen wäre. Soweit sie nicht Schmocks, unfähige Kaffeehausschwätzer und schlimmeres Ungeziefer sind, dürfen fich aber die Mitglieder der Bohöme mit mehr oder minder Recht als Opfer der kapitalistischen Wirtschaftsordnung fühlen, in der für ihre Ware, künstlerisches Talent, nicht die genügende Nachstag» herrscht. Arbeitslos und brotlos sinken da die BohsmienS oft noch unter die Existenzbedingungen de? wirklichen Proletariats herab. Das zweite Kaiserreich in Frankreich hatte, weit weniger noch alS vordem das Bürgerkönigtum, nichts, was einer feurigen und stürmischen Jugend den Weg zu hohen Zielen hätte weisen können. Kaum jemals war eine herrschende Klasse so ohne allen Glauben an sich selbst und an Ideale, kaum eine opferte mit solcher Skrupellosigkeit alles, was über ihre brutalen materiellen Interessen, hinausging, dem zügellos rasenden Tanz um das golden« Kalb wie die herrschende Klasse Frankreichs unter dem dritten Bonaparte. Kein Hauch von Freiheir wehte durch da? Land, in dem jede politische Bewegung gcknebclt, jede politische Teilnahme erloschen war. WaS hier an jungen Intelligenzen aufwuchs, an Gehirnen, in denen eS gärte wie im frischen Mast, und was sich davon zukunftZ- freudig in dem grotzen und glänzenden Paris ansammelte, hatte keine Möglichkeit, im politischen Kampfe eine Klinge zu schlagen, und sah nur zwei Wege offen: sich mit Haut und Haar der überall tief eingefresscncn Korruption zu verkaufen oder aber sich der hungernden und lungernden Bohöme beizugesellen. So bevölkerte sich denn in den zwei Jahrzehnten zwischen 1850 und 1870 das Pariser QnartierLatin mit einem solchen Lnmpenproletarita der Intelligenz, das keineswegs immer von der harmlosen Fröhlichkeit und der melancholischen Untergangs- stimmung beseelt war ivie e-Z Würger in seinen sanften Pastellfarbcn schildert. Voller schriller Diffonanzen war diese Welt der Bohvmc und die Verzweiffung über ein zerstörtes Leben bäumte sich oft in grellen Zynismen und Blasphemien auf. Einer, der etwas leisten tonnte aus dieser Schicht, JnlcS Vallös, hat in einem berühmten Aufsatz, deu„Refractaires"— mikuüpfeud an die Nefractaircs de? erfieit Kaiserreiches, die der Rckrutenaushebung durch eine Flucht in die Wälder zu entgehen suchte»— die wild zerrissene Stimmung dieser ganzen Jugend festgehalten, der auf dem Sumpfboden des zweiten Kaiserreiches keine Götter winkten und keine Sterne leuchteten. So unpolitisch die ganze Bohöme dachte und lebte, unpolitisch wie die Helden Würgers, mit dem Wiedererwach«» der allgemeinen politischcn Bewegung entzündeten sich auch hier die Köpfe an den brennenden Tagestragen, und niit Mißtrauen begannen bald die MouchardS, die Spitzel de? BonaparliSmuS, diesen Schwann von Literaten, Studenten, Künstlern, Journalisten und zweifelhafteren Gestalten zu beobachten, der ans dem Wontumrtre bei Wein und Tabak hauste und es an kräftigen Flüchen gegen„Badinguet" (Spitzname Napoleons) nicht fehlen liest. Das Misttranen war uickt unbegründet, denn miS der Boheme erhoben sich alsbald scharfe und schneidige politische Kämpfer gegen den überlebten und schon in allen Fugen' krachenden Cäsarismus, und als das Kaiserreich weg- gefegt war und die Kommune sich auftat, fasten in ihren Reihen nicht wenige Haupthähne jener Boheme und mancher von ihnen starb im Kampf für die rote Fahne oder fiel ans dem Sandhaufen des Standrechts, gemeuchelt von den Banditen der»Ordnung". Sie alle, die im politischen Kampf ihren Mann standen, hatten die Boheme überivundeii. denn wo sie— und das lästt Schlüsse auf heme zu!— in tropischer Pracht gedeiht, ist das ein sicheres Kennzeichen für die politische Stagnation einer ganzen Gesellschaft oder einer einzelnen Klasse." Hermau n.Wendel. Steines Feuilleton. Kunst. Die Jugendheime. Nichts ist verkehrter, als die Form für etwas Nebensächliches zu achten. Eher wäre das Gegenteil richtig. Jedenfalls: dem Sehenden wird die Form zur Hieroglyphe des Wesentlichen, zum Spiegel der Lebensarten, zum Wahrzeichen der Ideale. Es gibt eine Sprache der Steine, ein Reden des Raumes. Die protzige, schwülstige Fastade am Kurfürstendamm ver- rät die Lbersätiigte Barbarei des dahinter residierenden Geldes; der Berliner Dom entlarvt die höstsche Frömmigkeit als repräsentative? Gelüst. Ein Stuhl der Gotik. ouS Kloben gezimmert, wie ge- mauert, crloartete den Gewappneten, der sich wuchtig hinein- schmiß. Der zerbrechliche Fauteuil des Rokoko begehrte schmeichelnd nach der elastischen Riinoline. Die Leidenschaften aller Jahrhunderte. Nnssticg und Niedergang der Geschlechter, aller Wechsel der geschichtlichen Entwickclung. davon erzählen die berstenden Häuser, die vom Wurm zernagten Möbel. Die Form, die scheinbar lote, birgt das Leben und lästt es wirken, auch wenn der Lebenden Schatten längst cutschwand. Die Form ist ein Sichtbarwerden der innersten Kräfte und der wirksamsten Tendenzen. Ans solcher Erkenntnis und Zuversicht sei cZ gesagt, ruhig und mit Nachdruck: dast die Berliner Jugendbeime ein Dokument von dem Knllurwert der Arbeiter sind. Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Gcwist, die Jugend, die beute in diesen Räumen plaudert, spielt, liest und studiert, hat für's erste nichts dazu getan, daß die Zimmer «nit dem Ausdruck milder Gesittung und ehrlicher Schön- deit umkleidet wurden. Die Jugend empfing ein Geschenk. Aber, wie die Lösung durch die Aufgabe, so wird das Geschenk durch den Empfänger bestimmt. Dast der Jugend solche, nach acht- same Pflege und liebender Fürsorge verlangenden Räume anvertraut »verde» konnien, da? ist das Entscheidende. Hermann Münchhausen, der Architekt, war mir ein Ausdeuier, das Werkzeug, ein Erfüller längst wacher nnd sehnsüchtig wartender Wünsche. Doch schmälert solche inatcnalistische Bedingtheit nicht sein Verdienst. Er bat etwas Treffliche» zustande gebracht. Besonders das zweite Heim ist gut gelungen, zweamästig, freundlich nnd Symbol. Die festgefügten Möbel trotzen allen Strapazen: sie wurden der Jugend auf den Körper gearbeitet. Die Farbe hilft, die Abficht der Zimmer deuten: hier soll cS ruhig, dort darf eS lauter sein. Die Rcinlichkeir, die Logik, da? Srlbstbclvusttsein allüberall, diese Tugenden der Räume, find Offenbarer der hier ivcilenden und wachsenden Menschlichkeit. _ S. Br. Kerantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Technisches. Reue« vom Telephon. Nichts ist beständiger nl« der Wechsel, tagte ein würdiger Greis des Altertums, der wohl unsere Telegrapheiiverwaltnng ichon gekannt haben must. Kaum hat man sich an das Telephon mit Zentralbatterie gewöbnt, bei dem man hilflos.aufgeschmissen" ist, wenn ein renitenter Teilnehmer sich nicht meldet, da n»r da? Amt ihn aus feinem Schlummer wecken kann, da tönt an unser Ohr die himmlische Kunde vom aulomatischen Telephon. Also keine falschen Verbindungen mehr durch falsches Verstehen der Nummer durch die Beamtin! Kein ewiges Warten mehr um ein neues Gespräch, bis es ihr beliebt, die Verbindung zu lösen! Kein Mithören! Betrieb ohne besondere Kosten Tag und Nacht?, da der Automat kein Schlafbedürfnis kennt! Freilich ganz so günstig klingt es nicht, was man bisher darüber vernahm. Im Gegenteil l Die Münchener wollten sogar die Abschaffung ihres automatischen Telephonamtes durch einen allgemeinen Telepbonstreik erzwingen. Dazu ist eS nun freilich nicht gekommen, und inzwischen hat man wohl auch in München die Kinderkrankheiten des automatischen Betriebes(denn die hat er natürlich wie jedes Neugeborene) überwunden und freut sich rückhaltlos seiner grosten Vorteile. Denn dost die Sache geht, beweisen die zahllosen automatischen Aemter, die in Amerika gebaut worden sind und zum Teil Sinsdilustziffern von 10—20 000 haben. In der ganzen Welt werden gegenwärtig etwa 200 000 Stationen antomattsck betrieben, d. 6. beinahe ein Viertel soviel, wie daö deutsche Tclephonnetz umfastt. Auch die österreichische Post» Verwaltung hatte seit einigen Jahren ein kleines Selbst» anschlustamt in Wien unterhaiten, das so günstige Erfahrungen ge- zeitigt hat, dast in Graz der ganze Telephonbctrieb automatisch ein» gerichtet werden soll. Das technische Problem scheint also gelöst zu sein, nicht aber das soziale. Denn min man so weit ist, erhebt sich mit einem Male die Frage nach dem Schicksal der zahlreichen Beamten und nament« lich Beamtinnen, die bisher im Tclephondienst ihr Leben fristeten, ilitd die beim Siege des SelbstaitschliintystcmS mit einem Male über- flüssig werden. Dies Problem zu lösen hat freilich noch niemand auch nur den Vernich gemacht. Zu bedauern brambt man es ja von, volkZgesundheillichen Standpunkte aus nicht, dast in Zukunft nicht mehr Tausenden von jungen Mädchen mit Gewalt die Nerven ruiniert werden sollen, aber dast die Frauensrage in Zukunft eine beträchtliche Verschärfung erfahren wird, ist nicht allster acht zu lassen. Wie geht nun solche automatische Vertttiiielmtg eigentlich vor sich? An und für sich ist cS ja schwer zu verstehen, wie der Automat eS fertig bringt, gerade die gewünschte Rummer zu treffen. Das Prinzip ist auch hier, wie in allen Fällen, Ivo der Maschine eine bi?» her von Mettscheuhand verrichtete Tätigkeit übertragen werden soll, weitgehende Unterteilung. In diesen» Falle besteht die Unterteilung darin, dast die Verbindung mit der gewünschten Nummer in Ver- bindungen mit der Tausender-, Hunderter-, Zehner- und Eincrgruppe, zu der' der Anschlnst gehört, und je von besonderen Apparaten, die alle Wähler heisten, besorgt wird. Je tausend Anichlüsse sind an einen sogcnonitten Gruppenwähler geführt, der die Verbindung besorgt, falls einer dieser Teilnehmer angerufen wird. Natürlich ist»ticht für jeden Anschlnst ein Gruppenwähler vorhanden, sonder» nur soviel. wie es dem Prozentsatz der erfahrungsgemäst zu gleicher Zeit sprechenden Teilnehmer entspricht. Will der Teilnehmer selbst anrufen, so tritt noch ein Barwähler in Aklion, den jede Teilnehmerleitung passieren»nnst. ehe sie den Gruppenwähler erreicht. Der Anruf vollzieht sich folgcndermasten: es soll die Nr. 576 angerufen werden. Dann drehe ich die am Avparot befindliche Nunnttcrnscheibe, die die Nummern t— v und v trägt, von 5 an? bis zum Anschlag. Hier lasse ich sie los, worauf sie selbsttätig zurückläuft. Ebenso macht man es bei 5 und 6. Dann ist die Verbindung hergestellt. Der eigentliche Schalworgang voll- zieht sich beim Rücklauf der Scheibe. Beim Abheben des Fernhörers tritt zunächst der Vorwähler in Aktion und stellt sich selbsttätig auf einen freien Gruppenwähler ein. Beim ersten Rücklauf der Scheibe wird dann Smal ein Koniakt geschlossen und dadurch ein Elektro- magnct 5mal erregt. Der Wagnet zieht einen Anker an und jedes- mal beim Abfallen dieses Ankers wird ein Ann einen Schritt über eine Reihe von Kontakten bewegt, bis er bei einer Reihe stillhält, die die Kontakte der Ansslüffe 600—593 nmfastt. Bei den folgenden Rückläufen der Scheibe von den Nummern 7 und 0 be- sorgen dann sogenannte Limenwähler die Verbindung mit der Reihe 70— 79 und ich liest lich mit 6. Natürlich geht die ganze Schaltung viel schneller, als sie sich hier beschreiben lästt. Vom Ab- beben des Hörers bis zur vollzogenen Verbindung sollen nicht mehr als 10 Sekunden vergehen, während man bei dem bisherigen Hand» betrieb 14 Sesimden brauchte. Eine derartige automatische Anlage bietet ganz besondere Vor- teile für kleinere Aemter, die bisher durch die schlecht ausgenutzte Vedienuitg sehr teuer waren oder durch schlechte Bedienung(im Nebenamt) die Teilnehmer nicht befriedigtem So ist z. B. das Amt Dallmin für 30 Teilnehmer ausgebaut und über das Städtchen Karstadt an das allgemeine Fernsprechnetz angeschlossen. Ferngespräche von und nach Dallmin werden von Karstadt aus wie gewöhnlich bc« sorgt. Da» Amt arbeitet ohne ständige Aussicht und hat sich bisher gut bewährt, die Ersparnis an Betriebskosten ist somit beträchtlich. �orwärtsBuchdruckerei u.Vcrlagsanstalt Paul SingerLCo., Berlin S\V.