Mnterhaltungsblatt des'Zorwärts Nr. 34. Freitag, den 17. Februar. 1911 lNaSdruck vervolen.1 Si] pelle der Gröberer» Roman von Martin Andersen Nexö. An Regentagen war es eine ganze Arbeit, sich Klarheit darüber zu verschaffen, wieviel die Uhr war, man mußte sich bis zum äußersten anstrengen. Sonst war es die leichteste Sache der Welt, Pelle hatte es hauptsächlich im Gefühl. Da waren Zeichen daheim auf dem Hof, die besagten, wieviel die Uhr zu gewissen Zeiten des Tages sein konnte, die Kühe gaben ihre Gewohnheiten zu anderen Stunden kund. Gegen neun Uhr legte sich die erste zum Morgenwiederkäuen hin, und allmählich fiel eine nach der andern ein— gegen zehn Uhr war da stets ein Augenblick, wo sie alle lagen und kauten: um elf Uhr waren die letzten wieder auf dm Beinen. In gleicher Weise spielte es sich am Nachmittag zwischen drei un4> fiinf Uhr ab. Wenn die Sonne schien, war es leicht zu bestimmen, wann Mittag war, Pelle wußte es immer an sich selbst, wenn sie in ihrer Bahn umkehrte. Und da waren hundert andere Dinge in der Natur, die ihn mit den Tageszeiten in Per- bindung brachten, zum Beispiel die Gewohnheiten der Vögel und etwas bei den Tannenbäumen. Und eine Menge anderes, worauf er nicht den Finger setzen und d a sagen konnte, weil es nur so eben eine Empfindung war. Den Trieb nach Hause gaben die Kühe selbst an. Wenn der sich näherte, grasten sie sich langsam herum, bis sie mit ihren Köpfen die Rich- tung auf den Hof zu angaben, und ein Strecken machte sich in ihrem Körper bemerkbar— sie sehnten sich. »» • Die ganze Woche hindurch hatte sich Rud nicht sehen lassen, und heute war er kaum da, als ihm Pelle auch schon wegen einer Hinterlist ausschelten mußte. Da lief er nach Hause, Pelle aber legte sich oben an den Rand der Tannen und sang, auf dem Bauch, die Fußsohlen in der Luft. Rings umher waren Spuren seines Messers an den Stämmen der Bäume— bei den ältesten Schissen- sah mau den Kiel und das Deck stand lotrecht auf dem Rumpf, die hatte er im ersten Sommer geschnitzt. Hier war auch eine Sammlung von Aeckern am Wiesenrairde, ordnungsmäßig gepflügt, geeggt und besät. Jeder Acker war eine Viertelelle groß. Aber nun lag Pelle da und ruhte sich aus nach den An- strengungen mit Rud— in einem jubelnden Geheul, das die Luft schaukeln niachte. Oben auf dem Hofe kam ein Knecht heraus, er ging mit einem Bündel unterm Arm die Land- straße entlang: es war Erik, der wegen Prügelei vor Gericht sollte. Jetzt kam der Gutsbesitzer gefahren und sauste in schneller Fahrt auf die Stadt zu, er wollte also zur Stadt und bummeln. Warum konnte der Knecht denn nicht mitfahren, wo sie doch denselben Weg hatten. Wie schnell er fuhr, obwohl sie ihn jetzt ja nie mehr verfolgte— sie tröstete sich jetzt zu Hause. Ob es wohl wahr war, daß er an einem Abend fünfhundert blanke Kronen durchgcbracht hatte? „Wild raset der Krieg, es fließet das Blut, In den Bergen Rufe man hört! Mit Grauen und Schrecken der Türke naht, Und manch trautes Heim er zerstört. Sie zieh—" „Hallo!" Mit einem Satz war Pelle auf den Füßen und starrte zu dem Klee hinauf. Die Milchkühe da oben hatten die letzte Viertelstunde jeden Augenblick nach dem Hof hinauf- gesehen, jetzt brüllte Aspasia, dann mußte der Vater bald auf dem Wege hier heraus sein, um die Kühe umzupflöcken. Da kam er auch wirklich um die Ecke des Hofes gewatschelt. Es war nicht weit bis zu der untersten Kuh hinüber: wenn der Vater da war. konnte Pelle es schon abpassen, daß er schnell hinüberrannte und ihm Gutentag sagte. Pelle sammelte die Kühe zusammen und trieb langsam nach der anderen Grenzscheide und über die Felder hinüber. Lasse hatte die obere Hälfte umgepflöckt» jetzt ging er zu dem Stier hinüber, der ein weig abseits stand. Der Stier brummte und stampfte, daß die Erde aufspritzte: die Zunge hing ihm an der einen Seite aus dem Maul, und mit dem einen Horn stieß er in die Luft— er war wütend. Dann ging er mit kurzen Schritten und allerlei Hokuspokus vor— wie er stampfte! Pelle hatte die größte Lust, ihn über die Schnauze zu hauen, wie er es so oft getan hatte: das war doch keine Manier, Lasse selbst zu bedrohen, wenn er auch gar nichts damit meinte. Vater Lasse achtete auch nicht weiter darauf, er stand da und hämmerte auf den schweren Spannpflock los, um ihn hemuszuschlagen.„Guten Tag!" rief Pelle. Lasse wandte den Kopf und nickte, dann beugte er sich herab und schlug den Pfahl in die Erde. Der Stier stand ganz dicht hinter ihm und stampfte kurz. Das Maul stand ihm offen, und die Zunge hing heraus: es sah aus, als erbräche er sich, und dem ent- sprach auch das Geräusch. Pelle lachte, während er seinen Lauf mäßigte, er war ganz in der Nähe. Aber plötzlich schoß Vater Lasse einen Purzelbaum, fiel und war wieder in der Luft— und fiel eine Strecke weiter nieder. Wieder wollte ihn der Stier aufspießen, aber Pelle stand gerade vor seinem Kopf: er hatte seine Holzschuhe nicht an, sondern stieß mit den bloßen Füßen, so daß es ihm schwarz vor den Augen wurde. Der Stier kannte ihn und wollte um ihn herumschleichen, aber Pelle sprang vor seinen Kopf hin und schrie und stieß mit den Füßen und packte ihn, ganz außer sich, bei den Hörnern. Da schleuderte er ihn sanft beiseite und ging auf Lasse zu, der in einiger Entfernung da lag, er blies an der Erde entlang, so daß das Gras wogte. Er packte den Alten bei der Bluse und rüttelte ihn ein wenig, faßte dann tastend mit beiden Hörnern unter ihn, um ihn hoch in die Luft zu schleudern. Aber Pelle war wieder auf den Beinen, wie ein Blitz zog er das Messer heraus und jagte es dem Stier zwischen die Hinterbeine. Der Stier stieß ein kurzes Gebrüll aus, warf Lasse beiseite und fuhr in Sprüngen über die Felder hin, er stieß im Laufen mit den Hörnern in die Lust und brummte. Drüben am Bach machte er sich daran, den Abhang aufzuwühlen, die Luft um ihn her war dick von Erde und Grassoden. Lasse lag da und stöhnte mit geschlossenen Augen. Pelle zerrte vergebens an einem Arm, um ihm aufzuhelfen. „Vater, lieber Lasscvater!" rief er weinend. Endlich setzte sich Lasse aufrecht hin. „Wer singt da, Junge?" fragte er.„Ach. Du bist es, Junge— und Du weinst! Hat Dir jemand was getan?— Ach ja, der Stier, der war kurz davor, Fandango mit mir zu spielen. Aber was fingst Du eigentlich an, daß ihn der Teufel so schnell holte? Du hast ja Deinem Vater das Leben tzerettet, sd klein Tu auch noch bist.— Pfui Satan, ich glaub', wahr- haftig, ich muß spucken." Lasse erbrach sich.„Ach ja!" sagte er und trocknete den Schweiß von der Stirn,„wer jetzt'n Schluck hätte!— Ja, ja, er kannte mich ja. der Bursche, sonst war' ich nich so leicht davongekommen. Er wollt' bloß ein bißchen mit nur spielen, weißt Tu— er war ein klein wenig nachträgsch, weil ich ihn heut' morgen von einer Kuh weggejagt hatt': ich inerkt' es ja recht gut. Aber wer hätt' auch gedacht, daß er sich an einem vergreifen könnt'. Na, das hätt' er rn» auch nich getan, wenn ich nich so dumm gewesen wär', in fremden Zeug zu gehen: dies is nämlich Möns seine Bluse, die Hab' ich mir geliehen, weil ich meine gewaschen Hab'. Und den fremden Geruch kann Kulurius nich an mir vertragen, — Na, nu müssen wir ja sehen, was Möns zu diesem Riß sagt, er wird woll nich allzu sauber sein!" Lasse ließ den Mund noch eine Weile laufen, ehe er ver- suchte, aufzustehen und mit Pelles Hilfe auf die Beine zu kommen. Er stand da, auf die Schulter des Jungen ge» stützt und schwankte hin und her.„Ich könnt' ganz gut be- trunken sein, wenn man bloß die Schmerzen nich wären!" sagte er und lachte leise.„Ja. ja, ich muß woll Gott danken� daß ich Dich Hab', Junger: immer machst Du mir das Herz froh, und nu hast Du mir auch das Leben gerettet." � Lasse schwankte nun nach Hause, und Pelle trieb den Rest der Kühe auf dem Wege zu den seinen hirnrnter. Er war stolz und zugleich erschüttert, hauptsächlich aber doch stolz. Er hatte Vater Lasse das Leben gerettet— und Kvar hatte er ihn von dem großen, wütenden Stier errettet, mit dem niemand sonst auf dem Hofe zu schaffen haben wollte, Tas nächste Mol, wenn Henrik Bödker herauskam, um ihn zu besuchen, sollte er das Ganze zu wissen bekommein Ein wenig ärgerlich war er darüber, daß er das Messer gezogen hatte, hier auf dem Lande sahen olle darauf herab und sagten, das sei schwedisch. Es Hütt' ja auch gar nicht nötig getan, wenn da nur Zeit gewesen wäre— oder er bloß seine Holzschuhe angehabt Hütt', um den Stier damit ins Auge zu schlagen. Er war so oft mit den Schnauzen von seinen Holzschuhen ouf ihn losgegangen, wenn er nach einer Deckung wieder in den Stall hineingetrieben werden sollte, und er nahm sich Wohl in acht, ihn, was zu tun. Vielleicht wollte er ihm einen Finger in das Auge stecken und ihn blind machen— oder ihn bei den Hörnern packen und herumdrehen, so wie in der Geschichte, bis er ihm den Hals abgedreht hätte. Pelle wuchs und schwoll an, bis er alles überschattete: die Kräfte, die er hatte, wollten gar kein Ende nehmen, während er herumlief und die Kühe wieder zusanimentrieb. Er ging im Sturmgang über das ganze hin, schleuderte den starken Erik und den Verwalter hierhin und dahin und hob — ja, hob das ganze Stengaarden in die Höhe, nur indem er eine Hand unter den Balken stemmte. Er geriet in eine sörmliche Verserkcrwut. Und mitten in alledem fiel ihm auf einmal ein, was für ein Skandal daraus entstehen würde, wenn der Verwalter er- fuhr, daß der Stier frei herumlief. Dann setzte es am Ende Haue für Lasse und für ihn selber. Er mußte hin und ihn suchen: der Sicherheit halber nahm er die Peitsche mit und zog die Holzschuhe an. Unten am Bachabhang hatte er fürchterlich gehaust. Ein ganzes Stück von der Wiese war aufgepflügt. Blutige Spuren liefen unten am Bett des Baches und über die Felder hin, Pelle folgte diesen Spuren nach dem Feldrain hinüber, dort fand er den Stier. Das große Tier hatte sich ganz unter die Dornbüsche verkrochen und stand da und leckte seine Wunde. Als er Pclles Stimme hörte, kam er heraus.„Kehrt!" rief er und schlug ihn auf die Schnauze. Er setzte den Kopf an die Erde, brüllte und zog sich schwerfällig zurück: und Pelle fuhr fort, ihn auf die Schnauze zu schlagen. Schritt für Schritt rückte er vor, unerbittlich ertönte seine Stimme: «Kehrt! Willst Du wohl kehrtmachen!" Da drehte er sich um und lief mit großen Sätzen davon, Pelle ergriff den Spann- pflock und rannte hinterdrein: mit der Peitsche hielt er den Stier in Atem, damit er keine Zeit hatte, Uebles zu ersinnen. Als das dann glücklich überstanden war, brach er vor Müdig- keit zusammen. Er lag zusammengekauert unter der äußer- sten Tonne und dachte trübselig an Vater Lasse, der nun wohl krank zu Hause umherging und keinen lwttc, der ihm eine Handreichung bei der Arbeit geben konnte. Schließlich wurde der Zustand unerträglich, er mußte nach Hause. (Fortsetzung folgt.) )Znliecller-C3efcKicKten aus J�ord- land. 12] Von Andreas H a u k l a n d. DemiKeKt'. Oben auf dem Heuboden in Steinarstad stand Brhnjukv und warf Heu durch eine Luke herab. Und unten im Viehstall ging Thorbjörg umher und trug das Heu. je einen Arm voll, von Tier zu Tier. Unter dem Toch drinnen hing eine große Hornlatcrne und verbreitete ihren matten Schein über die Tiere und über dem schwarzen Fußboden. Ein paar Lämmer tummelten sicb frei um- her. Und hinter dem Gitter, in einer Ecke, standen die Schafe und mischten ihr Blöken in das Muhen der Kühe. „Jal Jal" sagte Thorbjörg und eilte sich von Hürde zu Hürde. „Rai Na— aal" sagte sie.„Ihr bekommt schon." Und es war ein müder Gesang in ihrer Stimme, als seien es Kinder, die sie beruhigen wollte. Als alle Tiere ihr Heu bekommen hatten, rief sie zu Brhnjukv empor, daß es jetzt genug sei Bald daraus kamen beide Beine durch die Luke zum Vorschein und dann der ganze Körper. Er hing einen Augenblick an den Armen und ließ sich dann herab. Die Mutter setzte sich, um zu melken. Er machte eine Runde zu jeder Kuh und jedem Schaf und sah sie fressen. Tann nahm er einen der kleinen Schemel und setzte sich zwischen zwei Kühe, dicht in die Nähe der Mutter. Sie schwiegen eine Weile, beide. Es war nichts weiter zu hören als der knirschende Ton, den all die kauenden Tiere hervorbrachten, und hie und da ein Horn, das gegen die Scheidewand schlug, und der taktfeste, nasse Klang der Milch, die aus den Zitzen spritzte und in die Eimer platschte. Plötzlich hielt sie mit Melken inne, saß ein Weilchen still. lauschend. „Ach nein", sagte sie dann. Und begann wieder zu melken. „Mir tvar, als hörte ich eine Schelle", sagte sie dann er- klärend. Wieder war es eine Weile still. Dann sagte sie: „Aber heute abend müssen sie doch kommen." „Ja", sagte er, ohne Erwartung in den Worten. Und sein helles Gesicht wurde plötzlich düster wie vom Haß. Weshalb hatte Orm mitfahren dürfen— und nickt er? Die Worte fuhren ihm heraus, plötzlich, als entblößte er sich. ohne es zu wollen. O— das hatte an ihm gefressen, jede einzige Stunde in all diesen Tagen. Und wie er hier allein mit der Mutter umher« gegangen war, die stets mit ihrer Arbeit so eifrig beschäftigt war» batte diese große Zurücksetzung alle anderen nach sich gezogen. Jedes einzige Mal war ihm eingefallen, wo der Vater ihn hinter Orm zurückgesetzt hatte. Es sah ja immer aus, als ob Steinar sich erst darauf besinnen müsse, daß auch Brhnjulv sein Sohn sei. Die Mutter blickte ihn an: „Ach— er ist doch der Aelteste", sagte sie. Aber sie bereute es im selben Augenblick. Denn er warf den Kopf in die Höhe und schrie beinahe: „Ja— er ist der Aelteste— der Aelteste!" „Holls der Teufel!" sagte er und stand auf und ging von ihr fort. Sie konnte hören, wie es in seiner Kehle lärmte, als ob dort ein Schluchzen festsäße. „Aber er ist doch nur ein Jahr älter", sagte er und kam zurück. Die Mutter lächelte ihm milde zu. Wollte er denn, daß sie allein zu Hause bliebe? Er würde schon das nächste Mal mitkommen, sagte sie tröstend. „Das nächste Mall Das nächste Mall" maulte er. Aber er wollte nickt sein ganzes Leben hier umhergehen und warten auf— das nächste Mall Nein— er wolle nicht! sagte er und stand wieder vom Schemel auf. Was wollte er dann? Die Mutter ließ die Euter loS. Sie saß vornübergebeugt und wartete. Er wollte fort! Ja— und wenn er auch ganz allein in einer Hütte, weiß der Teufel wie weit entfernt, hausen sollte.� Sein Blick wurde hell und funkelnd. Und die Stimme sank vor Milde:„Du könntest ja einmal zu mir kommen", sagte er. Und als er das gesagt hatte, da war es, als ob Haß und Zorn von ihm Wicken. Er blieb eine Weile stehen, schweigend und still, während Lächeln auf Läckeln über sein Gesicht flatterte wie Sonnenstrcifen über weiche Wiesen. Und durch feinen Sinn sauste der Urwald mit dem Erlen» gesäusel im Lenz und der Musik der durchioachten hellen Sommer. nächte. Er hörte den saugenden Ton der Bärentatze auf weichem Sumpf und das Knicken der Zweige unter den Hufen des Elchs. Ja— er sah das langbeinige Tier davonstolpern, wie aus Stelzen, die große», flachen Hörner hinten am Halse zurückgelegt, da, wo Tannen und Zweige das gewaltige Haupt umschcuerten. „Jal Jal" sagte er laut. Die Mutter lächelte. Sie nahm seine Hand und zog ihn auf den Schemel hinab. Sie saß lange und blickte ihn an. Ihre Lippen öffneten sich mehrmals, als wolle sie sprechen. Aber sie schlössen sich wieder. als besänne sie sich. Zuletzt sagte sie, und ihre Worte kamen unsicher und schleppend: Sie wolle ihm etwas erzählen. Aber er dürfe nicht sagen, daß sie es gesagt hätte. Er dürfe Steinar und Orm nicht wissen lassen, was sie ihm erzählte. Sie schwieg wieder, als bereue sie ihre Worte. Aber da wurde er ungeduldig und drang in sie: „Was war es? Was war es denn?" Ja. So erzählte sie denn von ibrem heimatlichen Kirchspiel, von ihres Vaters Höfen, von dem Abhang und dem Tal und den halbgemähten Wiesen, von dem Abrndnebel, der wie eine Silber» wölke am Fluß entlang wogte, vom Espenlaub, das wie Sckuppen im Espentvalde glitzerte, und voni Birkenlaub, das in Büsckeln hing, so fein, daß sie fast in der Luft verschwanden, und von dem Fluß, der mitten im Tale lag wie eine Klinge, die ein Lager teilt. Und von den, Wasserfall, der immerfort summte, wie eine ewig mahlende Mühle. Von der Mittagsruhe erzählte sie, da die Sonne heiß über den Heuwiesen auf dem Abhang stand und eS sich so erquickend im Bach badete, und der Grasboden kühlend die Fußsohlen streichelte, und das lange Gras um die Waden peitschte. Lange erzählte sie. Und alles, was sie erzählte, handelte von dem Kirchspiel, wie es an dem Tage war, als sie es verließ, als hätte sie in all diesen Jahren nichts anderes im Gedächtnis gehabt. nichts anderes gesehen, wenn sie ihre Augen schloß, als diesen einen letzten Tag. Als sie zuletzt schwieg, saß sie eine Weile mit einem traurig- träumenden Lächeln. Und dann erzählte sie das ganze noch einmal. Als gäbe es auf den Walzen ihrer Seele nur diese einzige Melodie. Brynjulv hörte sie auch das zweitemal bis zu Ende an. Und nun sah auch er jedes einzelne Bild, als stünde er neben ihr auf dein Abhang. Er bewegte hie und da seine eine Hand, als wollte er über das Tal hindeuten auf alles, was er sah: Ten schwarzen Schatten unter den Waldwipfeln, die weiße Perlenwolle über dem Wasserfall und den Fluß, der gewunden, wie eine Flammenllingc, mitten im Lager der Fruchtbarkeit lag. Aber als sie wieder schwieg, fragte er: .Können wir nicht dorthin gehen?" ' Und gleich darauf sagte er, als hätte alles andere keinen Sinn: „Wir gehen dorthin, ja, gewiß, Mutter!" „Ach,— das ist weit—" sagte sie, und sie lächelte wie jemand, der sich in sein Los gefunden hat und nichts mehr verlangt. Bald darauf beugte sie sich dicht zu ihm und sprach, bleich und stille, während sie seine Hand streichelte: Er solle Ornr nicht zürne und auch seinem Vater nicht. Wenn er nicht mehr auf Steinarstad bleiben wolle, dann müsse er versuchen, ob er den Weg über das Gebirge sinden könne. Und fände er ihn, dann sollte er erzählen, wer seine Mutter sei. Viel- leicht fände er auch ihren Vater am Leben.. „Aber Tu, Mutter?" sagte er. „Ich bleibe hier", sagte sie. plötzlich flammte ihr Gesicht, und sie saß gerade auf- gerichtet und stolz auf dem Schemel. „Das mußt Du sagen, wo Tu hinkommst", sagte sie. dMpJfer ftz/»>qn�tlang voll und fest. „ivretimllig ans ahne �ivang lebe ich hier auf Steinarstad. Und es geht mir gut! Das sollst Tu sagen!" Sie saß kurze Zeit mit zurückgeworfenem Haupt und schwieg. Dann beugte sie sich plötzlich als sänke sie zusammen. Durch ihren Rücken lief Zucken auf Zucken, als säße sie und schluchzte und unterdrück« das Weinen. Plötzlich fuhr Brynjulv in die Höhe. „Da sind siel" Er stand starr und lauschte. „Da sind siel" sagte er in atemlosem Eifer. Und im selben Augenblick war alle Zurücksetzung und der fressende Groll dieser Tage wie aus seinem Sinn verschwunden. Er stürzte hinaus und stand draußen auf dem Hofplatz und lauschte. Es war Mondschein. Die blauweißc Fläche fllüff See, und der Wold einer Mauer schwarzer Felsen um lkM 7ssdruck verdoten.Z Die fchwarzc peft in Rußland im Iakre 1654. Von Dr. Otto Schmelzer. In keinem Lande Europas hat die Pest so oft Einkehr gehalten und so fürchterlich gewüstet wie in Rußland. Immer ist sie von Osten gekommen in raschem und plötzlichem Zuge und man wußte keinen Wall gegen sie zu errichten. Vorkehrungsmaßregeln kannte man nicht: auf dem Lande lebten die Russen kaum anders als die Asiaten, die großen Städte starrten von Schmutz, Aerzte gab es bis zum achtzehnten Jahrhundert nur in ganz geringer Zahl und das Volk traute ihnen damals noch weniger als heute? dazu kam das jähe Klima, namentlich die Gluthitze im Sommer mit ihrer wechselnden Nachttemperatur, und die Bettelarmut de? niederen Volkes— der schtvarze Tod hat niemals einen günstigeren Herd gefunden als im Reiche des Zaren und nirgends schrecklichere Ernte gehalten als dort. Nach einer Zusammenstellung des russi» schen Äulturhistorikers Alexander Brückner, die bis in das elfte Jahrhundert zurückruft, haben von da an bis zum sechzehnten Jahrhundert in Rußland in jedem Säkulum mindestens dreimal große Seuchen geherrscht, die ein Massensterben mit sich brachten und die man im allgemeinen mit dem Namen„Pest" bezeichnete, wenn es bisweilen auch nicht die wirklicbe Pest, sondern der Hungertyphus sein mochte, der unter den Bewohnern aufräumte. Seit der Zeit, da Rußland iunner mehr in die Reihe der Kultur» staaten eintrat und westeuropäische Sitten annahm, hat die Ge- Walt des schwarzen Todes nachgelassen. Im Mai 1664 traf in Moskau die Nachricht ein, daß die Pest Wiederum in Anmarsch sei. Die Bevölkerung wurde alsbald von ainrr Panik ersaßt; aber man batte keine Mittel zum Widerstand ÜNÜ.ulußte:n dumpfer Verzweiflung den grausigen Gast erwarten« dvtf milr Riesenschritten heraneilte. Damals herrschte der zweisg Z»«i«is dem Hause Romanow, Alexei. Alexei befand sich fotnt von her Hauptstadt, auf einem Feldzug gegen die Polen, und hackke die Regierungsgeschäfte dem Patriarchen Nicon anveptrrmLojiAk» die ersten Opfer in Moskau fielen, war es dessen Srnzteübch Zarin Marja Jljnischna und deren Kinder schleunigsttls�etzufchaffen; die Zarin führte zuerst am Flusse Nerli eine Art Ltin«tck»chen. das sie rasch aufgeben konnte, und suchte dann Zufkuchtirrm Kloster Koljasin. Die Pest griff inzwischen mit rasender'Schnelligkeit um sich und verschonte keine Kreise. Um den Zaren und sein Heer vor Ansteckung zu schützen, wurden auf der Straße von Moskau bis Smolensk Schlagbäume errichtet, die niemand passieren durfte, der in der Nähe Moskaus geweilt hatte oder gar aus der Hauptstadt kam. Auch der Vertreter des Zaren mußte fliehen, um sich vor dem sicheren Todo z» retten. Als es bekannt wurde, daß die Leiche einer von tjer.Mst,verstorbcnen Beanitcnfrau über den Weg gebracht inariiibet'atqch■ dem Kloster Koljasin führte, wurde die Stelle dar Straße«und der Raum zu beiden Seiten auf hundert SchichstninitiijpHlHhtnifen belegt, die man zur Reini- gung der LuftSAnzündMe.>Dann wurde die Asche mit der Erde vermischt« favtgesttkchftäBnd aus weiter Entfernung neues Erdreich Herangefqhntfi.rwt r In Moskau hatte man Fenster und Türen im Zarenhofe und dessen sümtlicbi'n Nebengebäuden vermauert, um sie vor dem Ein» dringen des Gifthauches zu schützen. Ueber der Stadt brütete die Sommerhitze und die Luft war schwer wie dicker Nebel. Zuerst sperrte man die Häuser ab, in denen Ertrankungen stattfanden; was drinnen war, mußte drinnen bleiben und verfiel der Seuche. Ileberall sah man Wachen stehen. Auch um die Dörfer der Umgegend wurden Kordons gezogen und an allen Orten stiegen die Feuergarben zum Himmel, die Luft von Miasmen zu befreien. Auf den Verkehr Gesunder mit Kranken stand Todesstrafe. Aber so verhee wd wirkte die Seuche, daß man auch diese Maßregeln bald unterließ. Ter Tod raffte alles dahin und keiner kümmerte sich mehr um den anderen. Die Hitze ließ nach, aber auch das brachte keine Hilfe. Die Regierung hatte mittlerweile der Fürst Pronski übernommen, dem die Zarin das wundertätige Bild der heiligen Mutter Gottes von Kasan aus dem Troizkischea Kloster senden ließ;«man sollte dem Heiligenbilde einen feierlichen Empfang bereiten und es in der Kathedrale aufstellen, damit der gerechte Zorn Gottes gestillt werde". Um diese Zeit richtete �»er Fürst ein Schreiben an den Zaren, aus dem man ersehen kann, wie es in Moskau zuging. Es hieß darin:„Nun ist seit dem Tage des heiligen Simeon(1. September) die Seuche von Tag zu Tag schlimmer geworden. Sowohl in Moskau selbst wie in den Vorstädten ist nur ein kleiner Teil der rechtgläubigen Christen übrig geblieben. In-sechs Regimentern ist kein Soldat mehr vor- ihanden; in den anderen sind die meisten krank oder davongelaufen; es ist niemand da, der die Wache beziehen könnte. Alle Käthe- dralen und Kirchen haben den Gottesdienst eingestellt, nur in der atoßen Kathedrale findet täglich die Messe statt, da noch drei ieistliche übrig geblieben sind. Alle anderen sind tot und so sterben die rechtgläubigen Christen ohne geistlichen Beistand und in der Stadt und ihrer Umgegend liegen die Leichen, die von den Hunden hin und her gezerrt werden. Es ist niemand da, der den Toten ein Grab graben könnte; die Fuhrleute der Armenhäuser, welche die Leichen früher hinausschafften und sie verscharrten, sind selbst gestorben; alle anderen Menschen, die noch leben, fürchten sich, in die Nähe der Toten zu kommen. Alle Aemter sind geschlossen; die Beamten und Schreiber sind alle dahin. Unsere Häuser stehen leer; die darin wohnten, sind tot, und auch wir, deine Sklaven, erwarten stündlich, daß der Tod uns heimsuche. Ohne deinen Be- Ischl, o Herr, dürfen wir nicht in die bei Moskau gelegenen Dörfer übersiedeln, tvas wir der schweren Luft hier wegen gern täten, um nicht insgesamt wegzusterben. Darum bitten wir dich, uns, deinen Sklaven, einen solchen Befehl ausfertigen zu lassen." Pronskis Befürchtung, daß auch ihn der Tod ereilen würde, erfüllte sich nur zu rasch. Wenige Tage, nachdem er diesen Brief an den Zaren geschrieben, war er eine Leiche. Und in der un- glücklichen Stadt wurde es immer schlimmer. Kein Laden stand mehr offen, Handel und Wandel stockten völlig. Von dem zahl- reichen Gesinde der Magnaten, die oft Hunderte von Haussklaven hatten, war bisweilen nicht ein einziger mehr zur Bewachung des Palastes übrig, aus dem die Herrschaft entflohen war. Die Sträf- linge brachen aus den Gefängnissen aus, und niemand konnte sie am Plündern hindern, bis sie selbst von der Seuche vertilgt wurden. Auf den Straßen häuften sich die Kadaver und in der ganzen Stadt herrschte ein Leichengernch, der das Atmen un- möglich machte. Um das, was in den Dörfern und anderen Städten Rußlands geschah, sorgte man sich nicht; überall herrschte das Sterben; am schlimmsten scheint es aber doch in der Hauptstadt selbst gewesen zu sein. Im„Icheatrnm europaeum" findet sich folgende Schilderung der Zustände in diesen Zeiten:„In diesen Tagen herrschte die abscheuliche Seuche der Pestilenz in Moskovicn derartig heftig, daß auch die Menschen auf den Gassen unbegrabcn lagen und von den Hunden gefressen wurden,— wovon sie(die Hunde) dann ganz rasend und toll die lebendigen Menschen an- gefallen, also daß die Leute wegen dieser Bestien weder auf den Feldern noch in den Häusern sicher sein können. Dieses war die Ursache, warum der Großfürst(Zar), welcher mit seinem Hauptheer zehn Meilen hinter Wjasma stünde, nach der Moskau- zu gehen. Scheu getragen." Sodann ist von der Uneinigkoib Sifchen dem Zaren und dem Patriarchen die Rede, mit de« stdls sjci in der Tat überwarfen hatte, und dann heißt es wvikkrr »iSatüber nun sein ganzes Reich zu Strafe vor Gott mit»er gtttusamcir Pest besucht wurde, als zuvor nie malen in selbigem Lande gehört worden. Darinnen waren etliche IM 000 Menschen, ja in dir Eöädts Moskau allein über 200 000 Seelen an solcher Seuche delcftodstin, sogar, daß auch keine Leute mehr gewesen, die des Großzartt» Schloß bewachen wollten. Danncnhero die Tore zu Moskau' Tag und Nacht offen und ohne Wacht gewesen. Die- weil auch auf dem Lande viel Dörfer ausgestorben, als lief das Vieh haufenwcis auf dem Felde herum, sterbe teils Hungers, ward auch teils von den wilden Tieren zerrissen und verzehrt." Völlig-erloschen scheint die Epidemie, die wahrscheinlich Beulenpest war. erst im Jahre 1656 zu sein, denn bis dahin sind tmmer noch gewisse Warnungen erlassen. Alexei kehrte 1655 zurück und hielt Ende Februar des genannten Jahres seinen Einzug in die Stadt, der mit großen kirchlichen Feierlichkeiten verbunden war; seine Gemahlin war mit den Kindern bereits früher eingetroffen. Aver dvc Zar blieb quit wenige Wochen in seiner Hauptstadt und ging dann wieder zur Arm««b. Die Stadl konnte sich von der Heimsuchung nur langsam«holen und noch nach Jahrhunderten sprach man mit Schaudern von'diesem Zuge des schwarzen Todes. kleines feuilleton. Kunst. Wehendes Grün. Im Salon von Pank Cassircr zeigt Waldemar Rösler seine neuesten Bilder. Wehendes Grün.— Es gab Zeiten, da sahen die Maler den Baum als ein Nebeneinander von vielen kleinen Einzelheiten, von zahllosen Zweiglein und Blättchen. So haben etwa Ludwig Richter oder Caspar David Friedrich die Bäume gezeichnet, haben ein Netz von 'Verantw. Redakteur: Richard Barth. Berlin.— Druck u. Verlag: Konturen säuberlich gestrickt und bann all diese Zelle« mit schattiertem Grün auSgetuscht. Man darf nicht sagen, daß solche Methode, den Wald cinzufangen, unkünstlerisch gewesen wäre; auch auf Richters minutiös addierten Baumkronen webt ein Raunen und Flüstern von de» WaldeS grüner Unendlichkeit. Nur: wir sehen heute nicht mehr so, nicht mehr so botanisierend, nicht mehr so sentimental, daS Einzelne liebkosend, nicht mehr so entdeckerlustig. Wir sehen mehr das Zu» sammenhängende als das Einzelne. Wir sehen weder die Blättchen noch den Baum; wir sehen allein das Grün. Wir sehen dies Grün auch nicht so starr, daß wir e§ Oval für Oval anspießen könnten; wir sehen ein dauerndes Werden. Wir erblicken nicht mehr romantisch den Baum als einen Helden; wir erblicken im Prozeß der Natur die grüne Materie und deren Funktionen. Wehendes Grün, ganz unsentimental gesehen, das ist eS, was Waldemar NöSlerS Bilder uns zu Offenbarungen des eigensten, tiefsten EmpsindenS werden läßt. Ja, so sehen wir den Wald und so den Baum, als ein grüne» Flammen und Flackern, als auf- leuchleiides.. wirbelndes Grün. Gerade diese Bewegung der tausend- fältigen Blätter wurde uns zur Forin des Baumes. Das Fließen und Fluten der Wipfel dünkt unS ein Ornament, ein Sichtbar- werden von den Kräften, die in den Stämmen steigen und aus den Wolken blasen, den grünen Zauber aufrauschen zu lassen. Es ist sehr schon, wie lebenswahr Rösler den Wald als Bewegung, als ewiges Werden zu geben vermag. Wenn die Art Ludwig Richters lyrisch ist, so dürfen wir von Rösler sagen: daß er das Drama des Wäldes malt. Aber nicht ein Draina im heroischen Maße, einem einzelnen zur Ehre. Vielmehr: das ge» wältige, in seiner Unabänderlichkeit heitere, in feiner Bedingtheit sich selbst erlösende Drama, zu dem uns gegenwärtigen Menfchen die Natur und das eigene Sein wurde. B. Br. Technisches.:. Eine neue Art von elektrischem Licht. Die Wissen- schaft und Technik kann mit ihren Mitteln füif künstliche Beleuchtung noch nicht am Ende ihrer Arbeit und ihrer Fähigkeiten angelangt sein, denn trotz aller Fortschritte auf diesem Gebiete ist man von einem Ideal noch weit entfernt. Alle Beleuchtungsarten, die jetzt eine mehr oder weniger weite Verbreitung besitzen, leiden an dem Fehler einer großen Wärmecntwickclung, die, abgesehen von ihrer Unannehmlichkeit in geheizten Räuinen. auch eine Verschwendung von Kraft bedeutet. Allerdings sind in letzter Zeit einige Erfindungen gemacht worden, die eine wesentliche Vervollkommnung in dieser Richtung anzeigten, zum Beispiel die der Ouecksilberdanipflampe. Diese Lampe besitzt eine weil geringere Wärmeausstrahlung als andere Beleuchiungsmittel, dafür aber wieder den Nachteil eines intensiv farb'gen Lichtes, das für gewöhnliche Verhältnisse aus diesem Grzmde gar nicht in Frage kommen kann. Uebrigeus ist man auch dayru'sioch lange nicht bei dem Ziel eines völlig„kalten LichtS" miacUiijgl,1 ivie es in der Natur das Licht des Glühwürmchens dar- stell t�yHseseSZiel zu erreichen, wird auch sicher noch viel Arbeit und it„ kosten. Bis dahin muß jede neue Beleuchtungsart sorgsam iiinfNiw geprüft werden, inwieweit sie einen Fortschritt in diesem Wettlaitf bringt. Das Neueste auf dem Felde der BelenchtungS- tlrcksttik ist das Neonlicht. Das Neon gehört zu den Elementen, dii in der gemeinen Luft enthalten, dem Menschen aber bis auf die jüngste Zeit verborgen geblieben sind. Erst die moderne Physik hat sie zutage gefördert. Die Entdeckung des Neon war eine der Groß- taten von William R a m s a y, nachdem er schon zuvor mit Lord Raileigh zusammen daS Argon in der Atmosphäre gefunden halte. Gleichzeitig mit dem Neon wies Ramsay noch zwei andere seltene Gase im Luftmcer nach, die er auf den Namen Krypton und Tenon taufte. Zu diesen Entdeckungen gehört dann außerdem noch die Feststellung des früher im Spektrum der Sonne erkannten und danach benannten Elements Helium in der irdischen Atmosphäre. Diese Stoffe sind nun sämtlich in nur geringen Mengen in der Lust vorhanden, sonst wären sie der Forschung wohl nicht so hartnäckig ausgewichen. Das Argon ist noch das häufigste, indem davon ein Raumteil in je hundert Teilen Luft enthalten ist. Vom Helium kommt erst ein Rnumteil auf 20 000, beim Neon auf 60 000, beim Krypton gar auf 20 000 000 und beim Xenon auf 170 000 000 Rauin- teile der Lust. Wenn man aber bedenkt, ivelch ungeheuren Raum die Almospäre selbst einnimmt, ko ist die Gesamtmenge dieser Elemente immer noch bedeutend genug. Mehrere Physiker, unter ihnen auch Ramsay, der dazu ein halbes Liter von reinem Neon zur Verfügung hatte, haben nunmehr festgestellt, daß dies Gas leicht von elektrischen Funken durchschlagen wird, und zwar fünfmal leichter als Luft. Beim Durchgang einer elektrischen Ladung gerät das Neon in e,n prachtvolles orangesarbencs Leuchten. Der französische Physiker George Claude i» Boulogne hat nach einem Bericht des„CosmoS" zuerst den Versuch gemacht, dies Leuchten zu verwerten. Die Aufgabe war nicht leicht zu lösen, da eine genügend reinliche Scheidung des Neon von den übrigen Elementen der Luft ein schwieriges und daher auch kostspieliges Unternehme» ist. Trotzdem sind diese Hindernisse überwunden worden und Claude hat in einer 6 Meter langen Rödre mit nur 1000 Volt Spannung ein außerordentlich schönes und Helles Licht erzeugt. Die Leuchtkraft betrug nicht weniger als 1320 Kerzen oder 220 Kerzen ans das laufende Meter der Röhrenlänge. Danach wäre daS Neonlicht sowohl an Leuchikraft als an Billigkeit der Er» zengung dem Moore-Lickn erheblich überlegen.___ PorwärtsBuchdruckerei u.Berlagsanstalt Paul Singer.fcCo.,Berlin SW,