Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 33. Donnerstag den 23. Februar. 1911 (SaAttutf Benoten.) 88] pelle der Gröberer. Roman von Martin Andersen Nexö. Gustav stand da und sah so aus, als wolle er sich wieder in den Streit stürzen, wütende Zuckungen huschten über sein Geficht. Aber dann sing er an zu schwanken wie ein an der Wurzel abgehauener Baum und sank zu Boden. Bodil war die erste, die ihm zu Hilfe kam, mit einem Schrei lief sie hin und schlang die Arme um ihn. Er ward hineingetragen und ins Bett gelegt, Karl Johan goß Branntwein in den tiefen Schnitt, um die Wunde zu reinigen, und hielt sie zusammen, während Bodil mit Faden und Nadel aus dem Kasten eines der Knechte heftete. Dann zerstreuten sie sich, ein Paar nach dem anderen, so wie sie zu- sammenhielten. Aber Bodil blieb bei Gustav— sie war ihm doch gut. So ging es jenen ganzen Sommer, ein ewiger Krieg und Unfriede mit dem Verwalter, gegen den sie trotzdem nichts zu machen wagten, wenn es so weit kam. Dann schlug sich die Bosheit nach innen, und sie gingen aufeinander los. �Irgendwo muß es ja raus," sagte Lasie, der diesen Zu- stand nicht leiden konnte und sich heilig und teuer gelobte, fortzugehen, sobald sich ihm etwas anderes bot— und sollten sie auch Lohn und Kleider und alles im Stich lassen. „Mit dem Lohn sind sie unzufrieden, die Arbeitszeit ist ihnen zu lang und das Essen nicht gut genug. Damit warfen sie sich, so daß es einem leid tun kann, es mit anzusehen— es is' ja doch'ne Gabe Gottes, wenn es auch besser sein könnt'. Und von Erik rührt das ganze Herl Immer mutz er das große Maul haben und aufbegehren, und die anderen aufwiegeln, so lang der Tag is'. Aber sobald der Verwalter ihm gegenübersteht, wagt er auch nichts nich'. Denn kriechen sie einer nach dem anderen ins Mauseloch. Vater Lasse is' gar nich' solche Bangbllchs wie die alle, so alt er auch is'." „Das Gewissen is doch woll die beste Stütze, hat man das und hat man seine Pflicht getan, denn kann man Verwalter und Gutsbesitzer— und den lieben Gott auch— frei in die Augen sehen. Denn das mußt Du Dir ein für allemal merken, Jung', Du darfst Dich nich' auflehnen gegen die. die über Dich gesetzt sind. Einige müssen Diener sein und andere Herren: wie sollt' es sonst wall werden, wenn wir. die wir arbeiten, unsere Pflicht nich' tun wollten. Man kann doch woll nich' gut verlangen, daß die Feinen den Kuhstall aus- »nisten und den gewissen Ort reinigen sollen." Das alles entwickelte Lasse, nachdem sie zu Bett ge- kommen waren. Aber Pelle hatte was anderes zu tun, als zuzuhören. Er schlief fest und träumte, daß er Erik in höchst- eigener Person sei und den Verwalter mit einem großen Stock durchprügelte. 11 Zu Pelles Zeit war gesalzener Hering das wichtigste Nahrungsmittel der Bornholmer. Es war das stehende Früh- stücksgericht in allen Schichten der Gesellschaft, und in den tieferen beherrschte es auch den Abendtisch— und kehrte zuweilen auch des Mittags in etwas veränderter Gestalt wieder. „Das is'ne schlechte Eßstelle," sagten die Leute spottend von diesem oder jenem Hof—„man kriegt die Woche bloß ein- »mdzwanzigmal Heringe." Wenn der Hollunder in Blüte staird, rollten ordentliche Menschen der guten alten Sitte gemäß die Solztonnen heraus und fingen an, nach dem Meer hinauszusehen— denn dann ist der Hering am fettesten. Von dem schräge ab- fallenden Land, das fast überall einen Ausblick auf die See gewährt, spähte man an den frühen Sommermorgen weit hinaus nach den heimkehrenden Booten: das Wetter und die Lage der Boote draußen in der See waren eine Vor- bcdeutung für die Winternahrung. Dann konnte wohl ein Gerücht seine Wanderung über die Insel antreten— das Gerücht von einem großen Fang und einem guten Kauf. Die Bauern rollten in die Stadt oder in das Dorf mit ihren ge- räumigen Wagen, und der Heringsmann arbeitete sich durch das Land, von einer Hütte zur anderen mit seiner Bracke. die so erbärmlich war, daß jeder das Recht hatte, sie vor die Stirn zu schießen. Des Morgens, wenn Pelle die Stalltür aufschlug und' auf das Feld hinausging, stand der Nebel gleich einem hell- grauen Wasser in allen Niederungen: und drinnen auf den Höhenzügen, wo der Rauch munter aus Häusern und Ge- Höften aufstieg, sah er Männer und Frauen um den Giebel herumkommen, halb angekleidet oder in dem bloßen Hemd, und hinausstarren. Er lief selbst um die Wirtschaftsgebäude herum und sah nach der See hinaus, die blank wie Silber da lag und die Farben von dem Tag empfing. Die raten Segel hingen schlaff herab und glichen im Glanz des Tages Blutklecksen, die Boote lagen tief im Wasser und trabten langsam heimwärts unter den Schlägen der Ruder, sie ar- betteten sich vorwärts wie hochträchtige Kühe. Aber das alles ging ihn und die Seinen nichts an. Auf Stengaarden kaufte man, so wie es die Armen in der Ge- meinde machten, die Heringe erst nach der Ernte ein, wen« sie trocken waren wie Holz und fast nichts kosteten. Um die Zeit des Jahres herum pflegte es reichlich Heringe zu geben, sie wurden zu fünfzehn bis zwanzige Oers das Wall verkauft, solange die Nachfrage währte. Später wurden sie fuderweise als Schweinefutter abgesetzt oder kamen in die Dunggrube. Eines Sonntagmorgens im Spätherbst kam ein laufen- der Bote aus der Stadt nach Stengaarden, daß jetzt Heringe zu haben seien. Der Verwalter kam in die Gesindestube, während sie dort bei der Morgenmahlzeit saßen, und erteilte Befehl, mit allen Arbeitsgespannen auszurücken.„Ja, dann müßt Ihr auch mfat!" sagte Karl Johan zu den beiden Stein- bruchkutschern, die verheiratet und oben beim Bruch ansässig waren, aber zu den Mahlzeiten herunterkamen. „Nein, dazu kommen unsere Pferde nich' aus'm Stall," sagten die Kutscher—„die und wir fahren bloß Steine und nichts weiter." Sie saßen eine Weile da und machten spättische Bemerkungen über gewisse Leute, die nicht mal den Sonntag zu ihrer Verfügung hatten: der eine reckte sich auf eine verdammt aufreizende Art und Weise.„A— ah! Ich glaub', ich geh' jetzt nach Haus' und mach' einen kleinen Vor- mittagsschlaf. Es tut doch gut, einmal die Woche sein eigener Herr zu sein." Und dann gingen sie nach Hause zu Frau und Kindern, um Sonntag zu feiern. Die Knechte blieben noch eine Weile sitzen und schimpften das gehörte nun einmal mit dazu. An und für sich hatten sie nichts gegen die Fahrt, ein bißchen Amüsement fiel doch allemal dabei ab. Da waren Wirtschaften genug in der Stadt, und sie wollten es schon so einrichten mit dem Hering. daß sie nicht viel vor Abend nach Hause kamen. Schlimmsten- falles fuhr Erik seinen Wagen kaput. dann mußte er ja in der Stadt bleiben, während er zurechtgemacht wurde. Sie standen draußen im Stall und kehrten die Geld- beute! um— große, solide Lederbeutel mit Stahlschlößern, die sich nur durch einen Druck auf einen geheimen Mechanis» mus öffnen ließen: aber sie waren leer. „Das is' doch des Satansi" sagte Möns und guckte ent- täuscht in seinen Geldbeutel—„auch nich' mal nach einem Oere riechen tut es! Das Tinas muß ja leck sein!" Er sah das Portemonnaie in den Säumen nach, hielt es dicht vor die Augen, lauschte schließlich hinein.„Das mag der Teufel verstehen, mir däucht, ich hör' ein Zweikronenstück schnacken. Das muß ja Spuk sein!" Er seufzte und steckte den Beutel in die Tasche. „Du armer Deubel! Hast Du je mit'n Zweikronenstück geschnackt?" sagte Anders.„Na, hier sollt Ihr mal was sehen!" Er holte einen großen Geldbeutel heraus.„Ich Hab' das Zehnkronenstück noch, um das mich der Verwalter den ersten Mai betrogen hat: aber ich kann mich gar nich' entschließen, es auszugeben: das soll aufgehoben werden, bis ich alt werd'." Er griff in den leeren Geldbeutel hinein und tat so, als zeige er etwas. Sie lachten und machten Witze, die Laune war vorzüglich bei der Aussicht auf die Fahrt nach der Stadt. „Aber Erik, der hat gewiß Geld unten in seiner Kiste." sa�te darauf einer—„er dient für hohen Lohn und hat'ne reiche Tante in'er Hölle." 'Jtfi ncT1' sagke Erik kläglich,„ich muß ja für ein Dutzend Goren bezahlen, die keinen anderen Vater aufzuweisen haben. Aber Karl Johan muß Geld schaffen, wozu is' er sonst Großknecht." „Das geht nich'/' sagte Karl Johan bedenklich.„Wenn ich den Verwalter um Vorschuß bitt', nu' wo wir in die Stadt soll'n, denn sagt er glatt„Nein", Gott weiß, ob die Mä'chen keinen Lohn liegen haben?" Die kamen gerade mit ihren Milcheimern vom Kuhstall geklappert. „Hört mal, Mächens l" rief Erik ihnen zu,„kann nich' eine von Euch uns zehn Kronen leihen? Sie soll dafür auch Zwillinge zu nächsten Ostern haben— denn wirft die Sau doch!" „Das sind ja nette Aussichten!" sagte Bengta und blieb stehen: sie setzten die Milcheimer nieder und besprachen die Sache.«Ob Bodil nichts hat?" meinte Karna.„Nein, denn sie hat die zehn Kronen, die sie liegen hatt', neulich an ihre Mutter' geschickt," entgegnete Marie. Möns schleuderte die Mütze an die Erde und machte einen Sprung.„Ich geh' zu dem alten Satan selbst." sagte er. „Denn kommst Du kopfüber die Treppe runter, daß Du das man weißt." „Zum Teufel auch, wenn einem seine alte Mutter tod- krank da in der Stadt liegt und nichts für den Doktor oder den Apteker hat! Ich bin doch kein schlechteres Kind als Bodil." Er ging die steinere Treppe hinauf. Sie standen da und sahen ihm durch die Stalltür nach, bis der Verwalter kam und sie sich mit den Wagen zu schaffen machten. Gustav ging im Sonntagsstaat, ein Bündel Kleider unterm Arm. umher und sah ihnen zu. „Warum fängst Du nicht an?" fragte der Verwalter. ..Mach', daß Du angespannt kriegst!" „Herr Verwalter haben mir heut' selbst freigegeben," sagte Gustav und verzog das Gesicht— er wollte mit Bodil ausgehen. , Hm, ja— das ist wahr!— Dann fehlt uns ja aber ein Wagen.„Du kannst ja einen anderen Tag statt dessen frei bekommen." „Das kann ich nich' 1"• „Zum Kuckuck auch— warum kannst Du das nicht, wenn man fragen darf?" „Ne, denn ich Hab' heut' freigekriegt." „Ja, aber zum Teufel. Mensch, wenn ich nun doch sage, daß Du einen anderen Tad frei kriegen kannst!" .Nein, das kann ich nich'I" „Aber warum denn nicht Mensch— hast Du denn irgend etwas so Eiliges vor?" „Nein, aber ich Hab' heut frei gekriegt." Es sah so aus. als wenn Gustav hinterlistig grinste, aber er wendete wohl nur den Priem im Munde herum. Der Verwalter stampfte vor Zorn mit dem Fuß. „Aber ich kann ja gern gleich ganz wegbleiben, wenn der Herr Verwalter mich nich' gut sehen kann!" sagte Gustav sanft. Der Verwalter hörte es nicht, er wandte sich schnell ab. Eine lange Erfahrung hatte ihn gelehrt, dergleichen An- erbieten in der geschäftigen Zeit zu überhören. Er sah zu feinem Fenster auf, als falle ihm plötzlich etwas ein, und lief in ein paar Sätzen die Treppe hinauf. Sie hatten ihn in den Fingern, wenn sie die Saite anschlugen. Aber zum Winter kam die Reihe an ihn, und dann mußten die anderen schweigen und dulden— um in der flauen Zeit ein Dach über dem Kopf zu haben. lFortsehung folgt.?! Omar der Zcltrnacbcn „Bin trunken ich vom Wein"— gut ich bin? »Ein Ketzer sei ich"— auch gut— ich binS Auf meine Kosten mäkelt jede Sippschaft, Was tuts, mir bin ich— bin was i ch bin." (Omar.) Er gehört seit langem der Weltliteratur an, aber seine zeit- genössischen Kollegen bestritten, daß man ihn einen Dichter nennen könne. Er wird die Vollendung und Krönung der arabischen Literatur genannt, aber sein Volk wußte nach einem Jahrhundert so wenig von ihm, daß es einem schwächeren Nachfolger, der semen Geist neu prägte, überschwenglich zujauchzte, ohne den Inhalt wieder zu erkennen. Die Art seiner Verse, ihre Tendenz, ihr Inhalt trugen dazu bei, die Hülle der Vergesienheit bald über sie zu legen i denn Leben und Nomen dessen war gefährdet, der sich zu Omar bekannte. Es ist nicht Zufall, daß wir erst gegenwärtig das Leuchten dieses Sternes aus dem fernen Osten wahrnahmen. Bodenstedt und Schack, Rückert und andere haben ihn vor Jahrzehnten ge- sichtet, aber das war für Wenige. Es bedurste der Kämpfe um geistige und politische Freiheit, um uns für diesen Dichter, diesen Kampfgenossen, die Augen zu schaffen. Sekten und Genieinden haben sich in England und Amerika ge» bildet, denen sein Geist Band und Führung wurde; tritt er für Deutschland verhältnismäßig spät über den Horizont, so wird er in einem ganz anderen Grade als ein Zugehöriger,«in Helfer gegen innere und äußere Gegner erkannt werden. Ter Weise von Neschapur hatte mit den Literaten seiner Zeit, die in vielerlei kunstvollen Formen ihrer poetischen Hantierung nach» gingen und vor allem um Gold und Gunst ihre Milchkühe— die Fürsten— beweihräucherten, allerdings wenig gemein. Er schrieb nicht für die anderen, schrieb nicht um Ehre und Ruhm; nicht eine Zeile entkam seiner Feder, die nicht ausschließlich zur Befreiung auS inneren Nöten zu Papier kam— uur wenigen Freunden zugänglich gemacht, einem.Muß" sein Dasein verdankend. Rur so ist es verständlich, daß jeder seiner Vierzeiler, ob sie auch einen Gedanken hundertfach variierten, stets einen eigenen Ton erhält, den des inneren Erlebens. So kann er allerdings die Literaturzunst, soweit sie Jagd auf neuartige Kunstformen macht, nicht lange reizen; denn seine Kunstform, der perfische Vierzeiler. auS einer Volksliedsorm ge» Wonnen, besonders klar und durchfichtig seine Gedanken spiegelnd, er hat sie nie aufgegeben. Andere brachten eS in der Virtuosität da» mals soweit, Ghaselen ohne ein einzige« a oder r zu dichten. Wieder andere seiner Zeit fanden unerhörte stoffliche Neuerungen; so dichtete in einer Zeit des Artistentmus zur Ueberbietung erneS Rivalen, der in der Blüte zu fein wünscht, die die Liebste küßt, ein anderer, er wünschte das Fieber zu sein. daS die Liebste befällt, da» mit er als Fieberpustel ihre Lippen küssen könne. Omar Chajjim sd. h. Zeltmacherj füllte anderen Stoff in seine Form, da« Rubai lVierzeiler): die Oualen und Erschütterungen seiner Seele um Erkenntnis von Sinn und Zweck des Seins— befreienden Spott und Hohn über die mächtigen Hemmer de? steten Forschen? und Rawrerkennens, ost voll überlegener Heiterkeit, aber auch trun» kener Verzweiflung erliegend, in faustischer Bitterkeit und satanischem Zorn gegen die dunklen unerklärlichen Mächte wütend, um zu heiterer Gelassenheit, ruhiger Ergebuug zurückzugleiten— standhast und kampfeskühn bis zum letzten Augenblick: .Und naht Dir am Ufer von dem Leben Der Engel mit dem Saft der dunklen Reben Und bietet Dir den letzten Liebesbecher— So wirst Du leeren ihn und nicht erbeben. Der gleiche stolze Trotz in dem: Und dieses umgestülpte Himmelsbecken, Woninter wir, gefangene Fliegen, stecken, Machtlos wie Ihr rollt es auf seinem Fleck Warum d i e Hände ihm entgegenstrecken? Ein.unseliger Philosoph. Atheist und Materialist' lautet daS Verdammniswort seiner Zeit, in der er ein Vereinzelter war, während wir, in deren Herzen jedes seiner Worte und Bilder ein starkes Echo weckt, vielleicht einzig uns wundern, daß diese Höhe des Natur» erkennen? bereits in einem heute als barbarisch geltenden Lande er» reicht war und zu Zeiten, da Europa im prünitiven Wahn d« Kreuzzugideen stand. Von dem Besonderen seines Charakters abgesehen, erklärt sich die Zusammenfaffung menschlichen Erkenntnisvermögens in derart vollendet einfachen Formen, einer derart souveränen Ueberlegenheit seines Geistes, aus der Kenntnis seiner Zeit. Man muß diese be» trachten, um die Stufen, die zu diesem Gipfel führten, zu erkennen; muß sein Leben, das seines Volkes betrachten, um manche rätsel» haften Widersprüche— seine Verherrlichung des Weines— richtig zu deuten; muß die Widerstände erkennen, die er mit seiner Skepsis erregte, um seine Kampsart zu schätzen und sein furchtloses Aus» harren auf isolierter Stelle. Omar wurde zu Neschapur im 11. Jahrhundert, zur Zeit der höchsten Blüte der islamitischen Kultur, als Sohn eines ZeltmacherS geboren und nahm nach der Sitte seinerzeit dieses Wort als Dichter» namen an—.Zelte nähte ich der Philosophie".— Ob er selbst, um sich zu erhalten, dieses Gewerbe ausübte, ist oft angenommen, aber nicht gewiß. Die persische Literatur zählt viele Dichter, die sich nach ihrer bürgerlichen Hantierung nannten, so.den Schuster", .den Bäcker", öfters aber wurden diese Bezeichnungen im poetischer» Sinne angelegt, wie»der Parfümeur". Von einem gelehrten Beschützer dem Studium zugeführt, erreichte er als Mathematiker, Asttonom und Arzt.de» höchsten Ruhm seiner Zeit". Der von ihm und anderen auf Wunsch des Sultans auf» gestellte Kalender, der den Jahresanfang übrigens auf den 21. März verlegt, ist noch heute in Persien gebräuchlich, seine.Algebra" erlebte noch vor wenigen Jahrzehnten in Frankreich«ine Wiedererweckung. Daß er also auch auf dem Gebiete der Wissenschaften eine Vollendung bedeutete, deutet auf besondere Lorbedingungen, die allerdings gegeben waren. Sein Land war, als er lebte(zirka 1037—1123 n. Chr.), seit einigen Jahrhunderten vom Islam unterworfen, die konnige Lehre �oroasterS von der finsteren Strenge der Mobammeds erdrückt; das Persische durch das Arabische verdrängt und beseitigt— ebenfalls beseitigt oder doch ins Dunkel der Heimlichkeit verscheucht der Rebenkult des alten Weinlandes. Aber die politischen Machthaber sahen sich damit am Ende ihrer Macht; dem Geist, der im unterworfenen Persertum, in ihrer bohen Kultur lebte, unterwarfen sich die Fürsten und suchten sie zur Verherrlichung ihres Glanzes sich nutzbar zu machen. So konnte der persische Geist in arabischer Form seine Wiederbelebung finden, konnte vor allem die Beziehung zur griechischen Philosophie neu geknüpft, die Lehren des Plato. Aristoteles, Euklid, Hippokrates, PtzlhagoraS sowie die der Neuplatoniker an ihren Schulen gelehrt werden. Aus der Orthodoxie des Islam sonderten sich inzwischen die ab, die dem Ki-metglauben. dem an eine Vorbestimmung, nichi anhingen, sondern diesem die Lehre vom freien Willen entgegensetzten. Eine weitere Absonderung bildeten die Sufiten, die die Einheit Gottes und der Well und als Sinn deS Lebens die Wiedervereinigung mit Gott noch in diesem Leben erstrebten, Mystiker— später auch als Derwische bekannt—, deren bedeutendster Vertreter, der Arzt Avicenna, fast zu der Zeit und an dem Orte starb, an dem auch Omar sein Leben begann. Auch Avicenna hotte bereits Gedanken zu seiner Weltanschauung in die Form des Rubai gebracht. Wenn so an den Hochschulen PersienS die Ideen der griechischen Philosophie überliefert und fortgesetzt wurden, werden wir unS nicht wundern, auch der Skepsis, dem Weltschmerz, sehr früh in der persischen Dichtung zu begegnen, und so hat denn auch Omar zahl- reiche Vorgänger, die gelegentlich dem Weltschmerz ihr Opfer brachten, ohne etwas anderes als Ueberdrusi und Langeweile in den platten Wiederholungen des Gedanken«:„Aber das letzte Wort hat noch keiner gesagt" zu erregen. WaS ober Avicenna bereits lehrte — daß der Susi über Welt, Form und Gesetz erhaben sei— das gab auch Omar mit der Grundlage zu seiner starken Stellung über der Umwelt. Die Skepsis aber, z» der Omar kommen mußte, wenn er die nun erreichte Kenntnis der Natur, des Seins übersah, sie brachte ihn in Kampfstellung zu allen Religionsformen seiner Zeit. Zuerst be- mühte man sich, seinen Ketzereien die Spitze abzubrechen, indem man unter Wein, Becher, Zypresse die Gottheit zu verstehen meinte. ein Versuch, der auch noch kühnlich von manchen Auslegern der neueren Zeit gewagt fwird, an einem Dichter, der den Vierzeiler schrieb: In Kirchen und Moscheen und Synagogen Wird man um seiner Seele Ruh betrogen. Doch dem. der der Natur Geheimnis ahnt, Wird keine Furcht vom Jenseits vorgelogen. Man stößt sich auch neuerdings oft an der Verherrlichung des Rausches und des Genusses und verweist, vielleicht nicht immer mit Unrecht, auf die Wahrscheinlichkeit, daß„Wein" ihm oft ein Sinn» bild der.freien Forschung", deS»selbständigen philosophischen Denkens" bedeute und man fich vor gar zu primitiven Deutungen zu hüten habe. Meist aber— wo nicht die Verzweiflung des Skep- tikers im Wein, im Leben deS Augenblicks Vergessenheit sucht— ist eS ober wiederum eine Opposition gegen die Fremdherrschaft des Koran mit seinem Weinverbot. Perfien war, wie erwähnt, ein Weinland, die Rebe, der Wein lange vor Omar ein Gegenstand perficher Dichtung gewesen, nun erhielt sein Kult eine neue symbolische Bedeutung. In den von den Eroberern zerstörten Städten und Ruinen fanden sich die heimlichen Anhänger der noch glimmenden Lehre ZoroasterS zusammen, dem Wein und den alten Lehren zu huldigen. Von den Orthodoxen erhielten ihre Stätten der Zusammenkunft die Spott- bezeichnung„Schenke", die in den Versen Omars oft vorkommt, also nicht ohne ernsten Sinn ist. Denn hier blieben auch die Stütz- Punkte der persischen Kultur. So kann man bei OmarS„Schenke" eher an einen Ort der Erhebung, Befteiung, Stärkung durch Ge- finnungsgenosien denken, statt, wie es von vielen.Anhängern" ge- schehen mag, die Stätte groben SinneSgenusseS verherrlicht zu wähnen. Wir finden die Opposition gegen dm vermeintlichen Weltschöpfer des Koran in dem Bers: Wer durste sich so freventlich vermessen, Mit uns dies Spiel zu treiben?— Unterdessen Bedarf es manchen Trunks verbotenen WeinS, Um das Bewußtsein solchen Hohns zu löschen. Am ergreifendsten bleiben uns seine vielen Wendungen der Er- kenntnis, daß der Mensch zum Staub zurück muß: In ihrem Laubengang, wo neu die Blätter grünen-r- Trinken wir jetzt und müssen doch zu ihnen So bald hinab, um selbst für fremde Zecher Im kühlen Grund als Lagerstatt zu dienen. Daneben war Omar unablässig gegen die Dunkelmänner seiner Zeit an der Arbeit— ein Voltaire Persiens— für die Aufklärung gegen die„Jnfüme", oder milder gesagt»im Kulturkampf derer, die suchen, und derer, die glauben gefunden zu haben". Fand er aus feiner Skepsis noch nicht bewußt die Erlösung, unbewußt befreite er fich durch de» Kamps und dt« nächste Möglichkeit fich die Welt selbst umzugestalten, selbst Schöpfer seines Lebens zu werdet Spricht er doch bereits aus; — hätten wir beide freies Walten Mit jenem Weltenplan, dem schlechten, alten, Wie wollten wir in Stücke ihn zertrümmern Und ihn dann neu nach Herzenslust gestalten. Hier haben wir wohl den Faden, der uns aus der betrachtenden Skepsis zu der Stellung unserer heutigen Känipfe führt, die gleich denen Omars der Orthodoxie aller Kirchen gelten, durchaus ein» gedenk des umgestülpten Himmelsbeckens Omars, benutzen auch wir die Hände nicht mehr, um fie dem Himmel betend, anklagend oder zweifelnd entgegenzustrecken, sondern um unsere ureigene Welt nach eigenen, Willen in den gegebene» Kräften umzugestalten, zu zerstören und neu aufzubauen. P. G. Von deutschen Ausgaben der Vierzeiler Omar Chajjims find neben den älteren, in der Form oft willkürlichen Uebertragungen von Schock und Bodenstedt zu nennen die kleine Auswahl in Hendels Bibliothek, ferner als eme umfassendere, sehr getreue, mit eingehender Schilderung des kulturellen Hintergrundes die in der deutschen Ver» lagsanstalt in Stuttgart von Rosen herausgegebene. Rechter Ver» tieiung dient die kostbar ausgestattete Ausgabe des Jnsel-VerlagS von Gribble, die in weiser Wahl eine Anzahl der eigenanigsten Ge» danken in freie, sehr zugängliche Formen bringt und dadurch, daß jeder Vierzeiler für sich gelesen wird, jedem Gedanken die ruhig« volle Wirkung läßt._ Die JVIenrchbcit im Kampf gegen den„rebwarzen XTod". Aus der Geschichte der Pestabwehr. Von Dr. Kurt Haack. Das unheimliche Gespenst der Pest, daS im fernen Osten wieder so verheerend wütet und auch schon bei uns in Europa eine gewisse Beunruhigung hervorgerufen hat, wirft über weite Strecken der Menschheitsgeschichte seine tiefen, düsterblutigen Schatten. Keine andere Seuche hat so zahllose Opfer gefordert und die Welt mit so furchtbaren Schrecken erfüllt; keiner anderen gegenüber ist aller Menschenwitz und-verstand so machtlos ge» Wesen. Fast ein Jahrtausend hindurch haben sich die Völker mit aller Zähigkeit der Verzweiflung, mit all dem Kräfteaufwand, w,e ihn nur die höchste Not im Menschen entfesselt, gegen die grausige Umklammerung des schwarzen Todes gewehrt, haben ihn zu er» sticken und zu vernichten gesucht mit ihren Listen und ihren Waffen; aber er hat all ihrer Anstrengung gespottet und immer wieder triumphiert in seinen mörderischen Siegeszügen. Wir wissen heute, was dies höhnisch-furchtbare Lächeln der Sphinx bedeutet, die an die Welt durch Jahrtausende ihre entsetzliche Frage gerichtet und die Unglücklichen, die sich vergebens das Hirn nach der richtigen Antwort zermarterten, in ihren Armen erwürgt hat. Das Rätsel der Pest ist gelöst, ihr Geheimnis entschleiert. Der neue Oedipus, dem das gelungen, war die Wissenschaft der Bakteriologie, der Robert Koch die Wege gewiesen. 1öS4 fanden zwei Aerzte, der Japaner Kitafat«, ein Schüler Kochs, und der Franzose D e r s i n, ein Schüler Pasteurs, den Pesterreger; sie machten dem Auge jene mysteriöse, unzählige Male verfluchte und gesuchte Macht sichtbar, in der man die Pfeile eines zürnenden Gottes, den Samen des Teufels, das Gift der Hölle, den In» begriff des Scheußlichsten und Schlimmsten auf Erden erblickt hatte. Nun, da man dem innersten Wesen der Pest in ihrem Bazillus auf die Spur gekommen, dem schwarzverhüllten Dämon ins Gesicht geblickt hat, find auch die Mittel der Erkenntnis und Abwehr der Krankheit im wesentlichen gesichert. Wir stehen also heute dem Ende jener langen historischen EntWickelung schon ziemlich nahe, die durch labyrinthische Irrtümer und ver» hängnisvolle Mißgriffe geführt hat. Ueber ihre Etappen sind wir auf das genaueste unterrichtet durch das monumentale zwei- bändige Werk über die Pest, das der Kölner Professor Georg Sticker veröffentlicht hat und das wohl die umfassendste Geschichte und Darstellung einer Seuche bietet, die es bis jetzt gibt. Ein vielaktiges, spannendes Schauspiel menschlichen Leidens, mensch» sicher Ohnmacht und menschlichen Irrens stellt dieser Kampf gegen die Pest dar, eine der gewaltigsten Tragödien der modernen Weltgeschichte. Aber auch in diesem lange erfolglosen Ringen offenbart sich die zähe Energie, die unablässige Arbeit, der ni« versagende Lebensmut der Menschheit, die trotz größter Verluste und ewiger Enttäuschungen doch weiterringt und schließlich ihrem Ziele immer näher kommt in der stolzen Gewißheit:„Ter Sieg muß uns doch bleiben!" Als um die Mitte des 14. Jahrhu»dertS der schwarze Tod die Welt in seiner schrecklichsten Form verwüstete und in Europa allein gegen 25 Millionen Menschen tötete, da nahm man zum erstenmal den Kampf gegen die Seuche auf, von der man bald erkannte, daß die Ansteckung nicht nur vom Kranken allein ausging, sondern aus verpesteten Gegenden auch von Gesunden, von Schiffen, Kleidern usw. übertragen werden konnte. Einzelne Städte ver» scheuchten sofort alle Fremden von ihren dicht verrammelten Toren; Genua empfing fremde Schisse giit brennende» Pfeilen — 152- in seinem Hafen. Doch war dveS vergeblich. NI» da? erste furchtbare Wüten der Pest vorüber war, sann man auf Abwehr ür spätere Fälle. Der Vicomte Bernabo von Reggio verordnere am 17. Januar 1374. daß jeder Pestkranke seine Wohnung ver lassen und sich aufS Feld oder in den Wald begeben müsse, um dort zu sterben oder zu genesen. Niemand dürfe bei Todesstrafe und VcrmögenSt>erlust den Kranken beistehen, außer den dazu bestellten Leuten, die ebenfalls abgesondert gehalten werden müßten. 1377 befahl der Stadtrat von Ragusa, daß alle Ankömm» linge aus verpesteten Orten vom Stadtbezirk ferngehalten werden sollten, falls sie niichi vorher an einem bestimmten Ort«zur vieinigung" dreißig Tage geblieben wären. Diese 30tägige Ab- sonderung(„Tecntina") ward bald zu einer 40tägigen erweitert, der«Ouarantina"; die erste Quarantäne st ation wurve t333 in Marseille errichtet, die zweite 1403 in Venedig und noch andere folgten bald. Die strengsten Erlaffe gingen aus: keine Schweine durften geschlachtet, andere Tiere überhaupt nicht ge- halten werden; die Bäder wurden geschlossen, Versammlungen verboten; Waren aus Pestgcgenden unterzog man einer genauen Prüfung und Lüftung. Als all das nichts nützte, wurden die Maß- regeln verschärft. Die Aerzte und ihre Gehilfen wurden ab- gesperrt: tauchten sie in ihren roten Wämfen mit den weißen Peststäben auf. ihr Nahen durch das Klingeln der Fußschellen an- lündigend, dann mußte jeder fliehen. Wer den geringften Verstoß gegen die Pestgesetze beging, wurde ausgepeitscht, die Ohren wurden ihm abgeschnitten oder er wurde getötet. Viele glaubten. daß nur die Flucht sie retten könne und verließen in panischer Furcht Hau? und Stadt. Gegen dieses gottlose.Fliehen vor dem Sterben" wetterte Luther, der in seinem starken Glauben sogar Pestkranke bei sich aufnahm, aber die Obrigkeit gegen die .pestilenzischen Mörder und Bösewichter" hetzte, die die Pest unter die Leute brächten, wie man jemanden aus Schalkheit Läuse in den Pelz setze. Viele Unschuldige wurden von der abergläubischen Menge als.Pestsalber" angeklagt, gepeinigt und getötet. Der P e st w a h n forderte feine Märtyrer wie der Hexcnwahn. Um diesem fanatischen Treiben des geplagten Volkes Einhalt «u tun und Aufklärung über die Seuche zu bringen, entstanden im Ib., 1k. und 17. Jahrhundert eine lange Reihe von Pcfwerord« «mngen, die in volkstümlicher Form, teilweise in Reimen,„eine guete Lere von der Pestilenz" erteilten. Die Anschauungen, auf denen diese Traktate wie auch die wissenschaftlichen Arbeiten zu- meist beruhen, waren die des sogenannten.Kontagionismus". Die Pest, die durch«inen lebendigen Pcstkeim verbreitet wird, stecht danach nur an durch Berührung(Kontagion) des Kranken und höchstens noch durch verpestete Gegenstände vermittels deS anklebenden Pestsamens. Daneben aber traten im 16. und 1?. Jahr- hundert auch schon Aerzte hervor, die gegen die offenbar nicht zu- treffende Kontagionstheorie protestierten und behaupteten, die der- unreinigte Lust der verpesteten Orte verursacht die Ansteckung, die Pest sei eine Infektion. Die Kontagionisten wußten jedoch auf lange hin, bis weit ins 19. Jahrhundert hnrein, die Herrschast zu behaupten. Abwehr der Pest war nach ihrer Meinung nur mög» lich, wenn jede Berührung mit Kranken vermieden wäre und die verpesteten Sachen gereinigt, gelüftet und geräuchert würden. Sie erfanden die gewaltigen Ouarantänemaßrcgeln und setzten sie durch, hie die ganze zivilisierte Welt gleichsam mit Wällen und Mauern durchzogen, alles der strengsten Kontrolle unterwarfen und allmäh. lich mehr noch als zu einer sanitären, zu einem politiscbcn Macht- saktor wurden. Zunächst wurde die Untersuchung aller Schiffe, die Seequarantan«, durchgeführt; kein Fahrzeug, auf dem die gelbe Peftflagge wehte, durste in den Hafen hinein, bevor eine bestimmte Zeit verstrichen und alles gelüftet oder geräuchert war. Die Vorschriften gingen schließlich so weit, daß in manchen Staaten, z. B. in England, der Handel mit verpesteten Ländern überhaupt verboten wurde, ohne daß der Zug der Pest sich aufhalten ließ. Nicht minder verhängnisvoll waren die Absperrungsmaßregeln zu Lande, die zuerst von Rußland in der zweiten Hälfte des 16. JahrbundertS angewendet wurden, wobei all« Zuwiderhandelnden die Strafe der Verbrennung traf. Ein Jahrhundert lang hat dann Oesterreich du Pestquarantäne als Dauereinrichtung gegen die Türkei austecht erhalten und ein Heer von Beamten besoldet, die von der Pestgefahr lebten, daher böswillig Pestgerüchte verbreiteten und in dem allgemeinen Schrecken Gewalttätigkeiten aller Art ver- übten. Irgend welchen Nutzen hatten die rigorosen Absperrungen weder zu Wasser noch zu Lande. Immer wieder durchbrach die Pest alle von Menschenhand errichteten Schranken und blieb die chlte entsetzlich« unbesiegbare Geißel. Da den Menschen die von den Staaten und öffentlichen G>.- sundheitsämtern getroffenen Sckutzmethodcn nichts helfen konnten. nahm man zu allerlei übernatürlichen und natürlichen Mitteln Zuflucht. Von Gläubigen wurden die zahlreichen Pestpatrone, be- sonders St. Sebastian und St. Rochus, angerufen; man trug wundertätig« Amulette, pestschützende Steine, wie Saphire und Suiaragde, legte Kröten auf,„weil sie so abscheulich sind wie die Pest", nach der Begründung des berühmten Arztes van Helmont. Kräuter und Salben wurden angewendet, Riech, und Räucher- mittel kamen in Aufnahme; die Mode der Parfüms blühte. Man rieb sich mit Pestölcn ein, trank Thcriak in Massen und noch mehr — Branntwein. Die schon um lSOO aufkommende Pesttracht sollt« gegen jede Berührung schützen; vor allem die Hand wurde gegen die AußenweU abgeschlossen, soll doch sogar die Erfindung oder wenigstens der allgemeine Gebrauch von Handschuhen aus Pestzeiten herrühren. Die Aerzte erteilten nur durch die Fenster Ratschläge und öffneten die eitrigen Bubonen mit 6 Fuß langen Messern; die Priester reichten an ebenso langen Stäben die letzte Oelung. All dies waren Folgerungen aus der Lehre von der Kontagionx aber allmählich wurden die Zweifel gegen diese Theorie immer stärker. Nichts wollte mit ihr zusammenstimmen. Die Quaran- tänen hatten gar keinen Erfolg; ja, die Pest hörte sogar vielfach auf, wenn man die Absperrung aufhob. Sie brach unversehens in völlig isolierten Häusern aus und verschonte gerade die Lazarette mit Ansteckungen. Tapfere und selbständige Geister lehnten sich gegen dies überall spukende Gespenst der Pestfurcht auf, s« Napoleon, der in Jaffa absichtlich Pestkranke und-Leichen berührte, um seine Soldaten zu beruhigen, und bei seiner Rückkehr aus Aegypten die Quarantäne durchbrach, eine Tat, die jeder andere hätte mit dem Tode büßen müssen. Der erste Mediziner aber, der der Kontagionslehre mit Wort und Tat entgegentrat und ihr An- sehen stark erschütterte, war der ägyptische Arzt Clot-Beh. der bei dem Pestausbruch von 1835 in Kairo ohne jede Vorsichtsmaß- regel die Kranken operiert« und sich mit Pesteiter impfte. Die Pestimpfung ist dann seit 1397 von dem Russen Hafskine zu dem einzig bisher erprobten Mittel gegen die Seuche ausgebildet worden. Clot-Bey vertrat, von einer Anzahl französischer Schüler unier- stützt, die heut« als wahr erkannte Ansicht:.Die Pest kommt auS dem Boden"; die Pestgefahr hafte an den Häusern, deren Boden verseucht ist. Daß aber die Verseuchung des Bodens durch ver- pestete Ratten bedingt sei, das wußte er noch nicht, daS hat man erst ein halbes Jahrhundert später in Bombay entdeckt. Ein letzter scheinbarer Triumph und doch zugleich die beste Widerlegung des KontagioniSmuS war die Tatsache, daß die Pest 1341 völlig auS Europa und 1846 auch aus ihrer Hauptbrutstütte Aegypten verschwand. Was die Absperrungsmethoden durch viele Jahrhunderte nicht vermocht, sollten sie nun vollbracht haben. Wie irrig dies war, bewiesen die jüngsten Forschungen, die einsetzten» als 1834 die Seuche wieder in Asien ausbrach. Nach der Entdeckung des Pestbazillus wurde dann 1896 in Bombay endlich auch das Rätsel vom Träger und Ueberträger der Pest gelöst. Die An- steckung erfolgt nicht von Mensch zu Mensch, sondern durch ein Mittelglied, durch Schmarotzer, hauptsächlich durch Flöhe, Ratten, Mäuse und andere Tiere, durch die der Pcstbazillus zumeist unter- irdisch vervielfältigt wird. Sie sind die Quelle der Epidemie, können aber dem Menschen nicht gefährlich werden, wenn nicht irgendwelche Schmarotzer, Menschen- oder Nattenflöhe, die Ucbertragung des Bazillus ausführen. Alle die Maßregeln, die eine Berührung mit Pestkranken verhinderten, waren also verfehlt. Die völlige Ver» tilgung von Natten und Flöhen, die man heute versucht, wird frei« lich undurchführbar sein. Tos beste Mittel zur Abwehr der Pest ist die strengste Reinlichkeit, eine immer größere Vervollkommnung der öffentlichen Gesundheitspflege und der Volkshygiene. kleines feuiUeton. Meteorologisches. Eine riesige Wasserhos«, die im südlichsten Gebiet der französischen Küste am Gatcogner Meerbusen nah« der spanischen Grenze beobachtet worden ist, wird in einem Briefe an die«ftrono- mische Gesellschaft Frankreichs beschrieben. Da die Entstehung dieser merkwürdigen und in ihrem Verlauf auch oft recht großartigen Er- scheinung noch immer nicht genügend aufgeklärt ist. hat jede genaue Darstellung eines derartigen Vorganges Interesse. Es war an einem regnerischen Morgen und gerade wahrend einer Regenpause. als die Wasserhose, von Südosten kommend, gesehen wurde. Eine Wolke schien durch einen Wirbel, der die Gestalt eine« um- gekehrten Kegels besaß, mit dem Erdboden verbunden zu sein, indem die fem ausgezogene Spitze die Erdoberfläche be- rührte. Man konnte den Dampf der Wolke mit reißender Ge- schwindigkeit uniherwirbeln und an der gesamten Drehung teil« nehmen sehen. Zuweilen zerstreute sich der Wirbel scheinbar siir einig« Sekunden, um sich dann von neuem zu bilden. Nur 30 bis 40 Sekunden blieb der Wirbel sichtbar, ohne daß man eine Fort- bewegung nach irgend einer Richtung an ihm bemerken konnte. Dann war er plötzlich verschwunden, als ob er sich in Staub auf- gelöst hätte. Es dauerte aber nicht lange, bis die an der Küste versammelten Leute anfS neue auf ein ähnliche« Naturwunder aufmerksam wurden, das nun aber einen ganz anderen Charakter annahm und geradezu eine Panik verursachte. Bon weitem sah die Wasserhose auS wie eine Rauchsäule, die sich mit größter Eil« näherte, während das Meer in einen kochenden Zustand zu geraten schien. Der Wirbelsturm zeigte seine Gewalt an Menschen wie an leblosen Wesen. Ein auf dem Strande liegendes Boot wurde ergriffen und 40 bi» 50 Meter weit auf ein als Bade- anstalt dienendes Gebäude geworfen, wo es eine ziemlich gründliche Zerstörung anrikbtete, dabei aber selbst völlig in Stücke ging. Auch ohne solche Wurfgeschosse demolierte der Wind sämtliche in der Näbe befindlich« Häuser. Der Umfang deS Luftwirbelö betrug 30 bis 40 Meter und seine Gewalt schien schon nach emem Lauf von einigen 100 Meiern ins Innere de? Lande« gebrochen zu sein. Aerantwortl. Redakteur: Ha»S Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärtsPuchdruckerei u.Verlagsanjtalt PauI Singerz-Co., Berlin L�V.