Nnterhaltungsblatt des Horwärks Nr. 39. Freitag den 24. Februar. 1911 tÄ (Nachdruck vrrrstta.i 89] pelle der Eroberer. Noman von Martin Andersen Nexö. Gustav stolzierte nach wie vor mit seinem Bündel umher, ohne Hand anzulegen; die anderen lachten ihm er- »nunternd zu. Der Verwalter kam wieder herunter und ging auf ihn zu. „Dann spanne an, ehe Du gehst," sagte er kurz.„Ich werde Deine Pferde fahren." Ein wütendes Knurren ging von Mann zu Mann.„Wir soll'n den Hund mithabenl" sagten sie halblaut zu einander. „Wo is' der Hund? Wir soll'n den Hund mithaben." Der Verwalter sollte es hören. Es ward nicht besser, als Möns die Treppe herunterkam, das Gesicht e i n wunderlich frommes Schielen, und sich einen Zehnkronenschein vor den Bauch hielt.„Nu is' es ganz egal, denn wir soll'n den Hund mit Habens" sagte Erik. Möns' Gesichtsausdruck wechselte mit einem Ruck. Er fing an, grimmig zu fluchen. Sie gingen umher und machten sich an den Wagen zu schaffen, ohne Hand anzulegen: ihre Augen leuchteten boshaft. Der Verwalter kam, zur Fahrt angekleidet, die Treppe hinab.„Na. wird's bald mit dem Anspannen?" donnerte er. Die Leute auf Stengaarden beobachteten die Rangfolge ebenso genau wie die eigene Bevölkerung der Insel, und sie tvar ebenso verwickelt. Der Großknecht saß bei Tische obenan und nahm zuerst, beim Mähen ging er vorne, und beim Auf- laden des Fuders, wenn eingefahren wurde, ging ihm die erste Magd zur Hand; er war der erste, der des Morgens auf war, und ging vorne, wenn sie aufs Feld hinauszogen, niemand durfte die Gerätschaften niederlegen, ehe er es getan hatte. Nach ihm kam der zweite Knecht und dann der dritte usw., und endlich die Tagelöhner. Wo nicht persönliche Vor- liebe mitspielte, war der Grotzknecht ganz selbstverständlich der Geliebte der ersten Magd usw. die Reihe hinab; zog einer von ihnen weg, so übernahm der Nachfolger das Verhältnis— das war der Gleichgewichtzustand. Hier wurde die Rangfolge jedoch oft unterbrochen, niemals aber, wo es sich um die Pferde� handelte. Gustavs Pferde waren die schlechtesten, und keine Macht der Welt würde den Großknecht oder Erik dazu bewogen haben, sie zu fahren— nicht einmal der Guts- desitzer selber. Der Verwalter wußte das und sah, wie sich die Knechte darüber ergötzten, als Gustavs Kracken vorgespannt wurden. Gr schluckte den Aerger herunter; aber als sie übermütig Gustavs Fuhrwerk als hinterstes in der Reihe aufstellten. war's ihm denn doch zu arg. Er befahl, daß sie es vor den anderen auffahren sollten. „Meine Pferde pflegen nich' hinter den Arschklöppern zu gehen!" sagte Karl Johan und warf die Zügel hin; es war das der Spottname für den letzten in der Reihe. Die andc- ren standen da und kicherten, so daß der Vorwalter nahe daran war, aufzubrausen. „Bist Du so darauf versesien, an der Spitze zu fahren, na, denn meinetwegen," sagte er beherrscht.„Ich kann sehr gut hinter Dir fahren." „Ne, meine Pferde kommen nach denen des Großknechts, ich will nich' hinter den Arschklöppern herfahren." sagte Erik. Dies war offenbar ein Schimpfwort, so wie sie es wieder- holten, einer nach dem anderen, während sie verstohlen hinüberschielten. Sollte er sich das die ganze Reihe hinunter gefallen lassen, so war er einfach unmöglich hier auf dem Hof. „Sä, und meine gehen hinter Eriks her." sagte Anders jetzt—„nicht hinter-- Gustavs," begriff er sich schnell. 5Der Verwalter hatte seinen Blick in ihn hineingebohrt und tat einen Schritt vor, um ihn auf das Pflaster niederzu- schlagen. „Ihr seid ja heute ganz verrückt," sagte er.„Aber jetzt fahre ich voran, und wer sich untersteht, zu mucken, soll einen an's Maul haben, daß er noch fünf Tage in der nächsten Woche daran denkt!" Er fuhr in einem Bogen um die Reihe herum. Eriks Pferde, die sich vordrängen wollten, bekamen einen Schlag mit der Peitsche, so daß sie sich bäumten. Eriß ließ seine Wut an den Tieren aus. Die Leute gingen niedergeschlagen umher und ließen sich Zeit, um einen Abstand zwischen sich und dem Verwalter zu schaffen. .Sa, denn müssen wir woll man sehen, daß wir weg- kommen!" sagte Karl Johan und setzte sich auf den Wagen. Der Verwalter war schon ein gutes Stück Wegs weiterge- gekommen, Gustavs Kracken nahmen sich heute gewaltig zu- sammen— es gefiel ihnen offenbar, voran zu sein. Aber Karl Johans Pferde waren mißvergnügt und trieben an, die neue Ordnung war nicht nach ihrem Sinn. Beim Kaufmann machten sie Halt und besserten dis Laune ein wenig auf. Als sie wieder auf die Landstraße hinauskamen, wurden Karl Johans Pferde aufsässig, er mußte sie zur Ruhe zwingen. Das Gerücht von dem Fang hatte sich über das Land verbreitet und Wagen von anderen Gütern holten sie ein oder begegneten ihnen auf dem Wege nach den Fischerdörfern. Diejenigen, die näher an die Stadt heranwohnten, waren schon auf dem Heimwege mit übervollen Fudern. „Sehen wir uns in der Stadt bei einem Glas?" rief ein Knecht Karl Johan im Vorüberfahren zu.„Ich soll noch eine Fuhre holen." „Ne, wir fahren heut' Herrschastsfahrt!" sagte Karl Johan und zeigte auf den Verwalter. „Ja, ih seh ihn— der fährt heut aber fein. Ich dacht', es wär' König Lazarus." Ein Bekannter von Carl Johan kam ihnen entgegen mit einem bis an den Rand gefüllten Wagen voll Heringe. Er war der einzige Knecht auf einem der kleinen Gehöfte.„Du bist auch wohl in der Stadt gewesen und hast Winterfutter geholt?" sagte Carl Johan und hrell die Pferde an. „Ja, für die Schweine!" antwortete der andere.„Für uns selbst haben wir schon vor der Ernte eingenommen. Dies is ja keine Menschennahrung!" Er nahm einen Hering zwischen die Finger und tat so, als breche er ihn mitten durch. „Nee, für solche große Herren woll nich," entgegnete Carl Johan bissig.„Du bist ja so vornehm, daß Du am selben Tisch mit Deinem Herrn und der Hausfrau ißt, Hab ich man gehört." „Ja, das is nu mal so Brauch bei uns," antwortete der andere.„Wir kennen das nich mit Herren und Hunden." „Dann is es woll auch wahr, daß Du jede zweite Nach! bei der Frau liegst?" sagte Carl Johan giftig. Die andern lachten. Der fremde Knecht erwiderte nichts, sondern fuhr weiter. In Carl Johans Jnnerm fraß die Wut— er konnte es nicht lasten, zu vergleichen. Sie hatten den Verwalter cingcholt, und nun wurden die Pferde ganz kullerig; sie wollten fortwährend vorbei und be- nutzten jeden unbewachten Augenblick, um vorzugehen, so daß Carl Johan kurz davor war, die Deichsel in das Hmterteik von des Verwalters Wagen hineinzufahren. Schließlich hatte er es satt, sich mit ihnen abzuplacken, er ließ ihnen die Zügel schießen, sie fuhren über den Grabenrand hinaus und vor Gustavs Gespann, tanzten ein wenig auf der Landstraße und beruhigten sich dann. Jetzt war an Eriks Pferden? die Reihe, kullerig jzu werden. »* « Auf dem Hofe wurden alle Tagelöhnerfraucii auf Eeft Nachmittag bestellt. Das Jungvieh war in der Hürde, und Pelle brachte Botschaft von Hütte zu Hütte. Er selber sollte zusammen mit Laste den Frauen zur Hand gehen und war cnt- zückt über diese Unterbrechung des täglichen Einerleis; das war ein förmlicher Ferientag für ihn. Zur Mittagszeit kamen dieKnechte mit der schweren Fuhre Heringe zurück. Sie wurden auf das Pflaster auf dem oberen Hof um die Pumpe herum geschüttet. In der Stadt war keine Gelegenheit gewesen, über die Stränge zu schlagen, und an- Gelegenheit gewesen, über die Stränge zu schlagen, und infolgedessen war die Stimnmng schleckst. Nur Möns, dieser Affe, ging umher und grinste über das ganze Gesicht; er war bei seiner kranken? Mutter mit dem Geld für Doktor und für Arznei gewesen und kam im letzten Augenblick mit einem - 154— SunSe! wnTernt ArM ffhS war tn s?ra�enZ>fler Zauns.„War das eine Arznei!" wiederholte er einmal über das andere und schnalzte mit der Zunge—„eine verzehrend starke Arznei." Er hatte einen harten Kampf mit dem Verwalter zu bs- stehen gehabt, ehe er Erlaubnis bekam, seine Besorgung zu machen. Der Verwalter war ein mißtrauischer Mann, aber Möns' zitternden Worten gegenüber, daß es doch hart wäre, einem armen Mann die Erlaubnis vorzuenthalten, seiner kranken Mutter zu helfen, war nicht gut standzuhalten.„Noch dazu wohnt sie hier ganz in der Nähe, und ich seh' sie am Ende nie im Leben wieder," sagte Möns betrübt.„Und das Geld, das ich zu dem Zweck von dem Herrn gekriegt Hab'? Soll ich das am Ende in Branntwein verkleckern, während sie daliegt und nich mal das trockene Brot hat?" „Nun, wie geht es denn Deiner Mutter?" fragte der Verwalter, als Möns im letzten Augenblick atemlos ge- stürzt kam. „Ach, sie macht es woll nich mehr recht lange!" sagte Möns mit einem Beben in der Stimme. Dabei strahlte er aber über das ganze Gesicht. Die anderen gingen herum und sahen wütend zu ihm hinüber, während sie die Heringe abluden. Sie hätten ihn prügeln können für sein schtveinemäßiges Glück. Aber das gab sich, als er in der Kammer sein Bündel aufknotete.„Das schickt Euch meine kranke Mutter!" sagte er und holte eine Kruke Branntwein heraus. „Und sie läßt Euch auch vielmals grüßen und Euch danken, weil Ihr so gut gegen ihren kleinen Sohn seid." „Wo bist Du gewesen?" fragte Erik. „Ich Hab die ganze Zeit oben in der Wirtschaft auf dem Hafenhügel gesessen, um Euch nich aus den Augen zu der- lieren; ich konnte den Blick gar nich von Euch losreißen, so famos durstig sah't Ihr aus. Daß Ihr Euch nich pardauz auf den Bauch gelegt und aus dem Meer getrunken habt, alle Zusammen!"--- Am Nachmittag saßen die Tagelöhnerfrauen und die Mägde um die großen Heringshaufen draußen bei der Pumpe und kehlten die Fische aus.' Lasse und Pelle pumpten Wasser zum Spülen utch reinigten die großen„Salztonnen, die die Knechts aus dem Keller herbeiholten. Zwei von den ältesten Frauen hatten das verantwortungsvolle Amt des Salzens. Der Verwalter ging vor der Haupttreppe auf und nieder und rauchte seine Pfeife. Das Heringeinlegen gehörte sonst zu den vergnüglichen Arbeiten, aber heute herrschte Mißstimmung über der ganzen Linie. Die Frauen schwatzten drauflos während der Arbeit, ober das Schwatzen war nicht unschädlich, es war an eine bestimmte Adresse gerichtet— die Knechts hatten sie auf- lgewiegelt. Wenn sie lachten, klang es. als hätten sie einen Hintergedanken. Die Knechte mußten herausgerufen werden, und jedes Ding, das ausgeführt werden sollte, mußte ihnen «einzeln befohlen werdem Widerwillig verrichteten sie die Arbeit und zogen sich sofort wieder in ihre Kammern zurück. Tadrinnen aber waren sie um so lustiger, sie sangen laut und trieben Kurzweil. .(Fortsetzung folgt.)j .. rNaSdnick verroten.) Karneval im Süden« Von Walter Pütz. MS Goethe in den Jahcen 1787 und 1788 in Italien weilte, stand der römische Karneval noch in voller Blüte. Papst Pius VI. folgte dem Beispiel seiner Vorgänger: er hütete sich, dem Volke den Karneval durch kirchliche und polizeiliche Maßnahmen zu ver- leiden. Das Aschenkreuz, das sich am Aschermittwoch jeder in der Kirche vom amtierenden Geistlichen auf die Stirn malen ließ, und die Fasten hoben ja alle begangenen Sünden und Narrheiten wieder auf. Ueberhaupt ist das Papsttum, wenn es seinen Jnter- essen entsprach, in der Schonung althergebrachter Volksfeste immer sehr weitherzig gewesen. Einige Päpste— so geht die Mär— sollen sogar aktiv am Karneval teilgenommen und im Konfetti- kämpfe wacker ihren Mann gestanden haben, natürlich in ent- sprechender Verkleidung. Jedenfalls steht fest, daß mancher Abbate in den Tagen der Tollheit sein schwarzes Gewand mit «inem karnevalistischen vertauscht und sich vergnügt in das Gewoge des Korsos gemischt hat— nach dem fidelen Refrain: Heisa, lustig und Juchhei! -- Brüder, ich bin mit dabei! In Wahrheit, der römische Karneval ist damals volkstümlich Im höchsten Grade gewesen, und alle Stände, die niedrigsten wie hie höchsten und heiligsten� haben ihm in Fröhlichkeit gehuldigt. Aber heute ist es mit ihm ssorbet— her gSnze kolle Zaubet ist Kt> flogen. Es ist, als ob dem modernen Geschlecht der Ewigen Roma die Erinnerung an die Glanzzeit des närrischen Prinzen Karneval völlig geschwunden sei. Wer diesen früheren römischen Karneval in seiner packender» Lebendigkeit und seinem schäumenden Uebermut kennen lernen will» kann nichts Besseres tun, als Goethes meisterliche Schilderung zu lesen, die er im„Zweiten Aufenthalt in Rom" eingeschoben hat. Noch unmittelbarer ist die Wirkung beim Lesen der Separataus- gäbe„Das Römische Karneval", da sie mit zwanzig erläuternden farbigen Tafeln geschmückt ist. Sie wurde gedruckt im Jahre 178S bei Johann Friedrich Unger in Berlin und in Kommission verlegt bei Wilhelm Ettinger in Weimar und Gotha. Goethe hatte seinen Hausgenossen, den Maler Georg Schütz, gebeten, die einzelnen» Masken flüchtig zu zeichnen und zu kolorieren. Beim ersten Karneval war Goethe von dem kunterbunten» Treiben und ohrenbetäubenden Lärmen nicht sehr erbaut.„Nun ist der Narrheit ein Ende," schreibt er am Aschermittwoch de? Jahres 1787.„Die unzähligen Lichter gestern Abend waren noch! ein toller Spektakel. Das Karneval in Rom muß man gesehew haben, um den Wunsch völlig loszuwerden, es je wieder zu sehen. Zu schreiben ist davon gar nichts, bei einer mündlichen Darstellung möchte es allenfalls unterhaltend sein. Was man dabei unange- nehm empfindet, daß die innere Fröhlichkeit den Menschen fehlt» und es ihnen an Geld mangelt, daß Bißchen Lust, was sie noch haben mögen, auszulassen. Die Großen sind ökonomisch und halten zurück, der Mittelmann ist unvermögend, das Volk lahm. An den letzten Tagen war ein unglaublicher Lärm, aber keine Herzens- freude. Der Himmel, so unendlich rein und schön, blickte so edel und unschuldig auf diese Possen." Der zweite Karneval im Jahre 1788 änderte Goethes Ansicht sehr wesentlich. Nach Verlauf des Festes schreibt der Dichter:„Wenn man einmal zum Künstler ge» boren ist und gar mancher Gegenstand der Kunstanschauung zu- sagt, so kam diese mir auch mitten unter dem Gewühl der Fast- nachtstorheiten und Absurditäten zu Gunsten. Es war das zweite Mal, daß ich das Karneval sah, und es mußte mir bald auffallen, daß dieses Volksfest, wie ein anderes wiederkehrendes Leben und Weben, seinen entschiedenen Verlauf hatte. Dadurch ward ich nun mit dem Getümmel versöhnt, ich sah es an als ein anderes bc- deutendes Naturerzeugnis und Nationalereignis; ich interessierte mich dafür in diesem Sinne, bemerkte genau den Gang der Tor- Helten und wie das alles doch in einer gewissen Form und Schick- lichkeit ablief." Und so entstand die Beschreibung des römischen Karnevals, die den Verlauf des übermütigen Festes,„das dem Volke eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt", in höchster Anschaulichkeit vorführt. Der ganze bunte, tolle, lachende Schwärm der Masken: zank- süchtige Pseudofrauen, weibliche Pulcinells, imitierte Advokaten» verliebte Ouarqueri und Hahnreie, jammernde Bettler und Bettle» rinnen, hübsche Landmädchen, niedliche Frascatanerinnen, neapoli- tanische Schiffer, Fischer und Sbirren, weißgekleidete Gespenster» große Zauberer, bürstenschwingende Stallknechte und zudringliche Vetturine, zieht vorüber. Dazu die aufgeputzten Wagen mit schönen, glutäugigen Damen, die Prachtkarossen des Gouverneurs und des Senators, der beiden ersten Gerichts- und Polizeiherrer» von Rom, die prächtig uniformierten und berittenen Garden des Papstes und eine Menge anderer fesselnder, farbenreicher und leb- Haft agierender Erscheinungen. Das drängt und schiebt in un- aufhörlicher Bewegung durcheinander, gleißt und glänzt und prunkt, ruft sich Neckworte zu, akklamiert die lächelnden Schön- Helten in den Wagen, spendet stürmischen Beifall den plädierender» Advokaten, belacht die lasziven Scherze der Hahnreie, entlockt gräu- liche Töne gewundenen Muscheln, jubelt den mit kleinen Besen kühn zur Offensive übergehenden weiblichen Masken zu, liefert jauchzend stürmische Schlachten mit Konfettis, damals noch von Gips, nicht von Papier, und tobt sich, aus, wie sich eben nur ein von allem Zwange befreites Narrentum austoben kann. Beim Nahen der Dämmerung pressen sich die Massen nach beiden Häuser- reihen zusammen, eine Gasse wird frei, und durch sie hindurch» sprengen den Korso entlang in wilder, wahnsinniger Hast un- berittene, festlich aufgeputzte Bcrberpferdchen— das Wettrennen» der Clou des römischen Karnevals, ist in sausender Eile vorüber- gerast. In tausendköpfigen Festinen, in Theatervorstellungen mit prachtstrotzenden Bühnendekorationen, in blendenden Fluten von Licht atmet der Karneval aus. Die Finale ist da— der Scheiterhaufen! Auf der Höhe des Holzstoßes pendelt am Pfahl eine kostümierte Gestalt. Bald züngeln Flämmchen aus dem Haufen. lecken gierig an der Gestalt, einer Puppe, empor und lodern schließ- lich in grimmiger Wut als gewaltiges Fanal auf, das weit über die Ewige Stadt leuchtet— der Karneval ist verbrannt, ist zn Asche geworden, ist vorbei! x Er ist für immer vorbei, der römische Karneval. Daß er aus der Asche wie der Vogel Phönix wiedererstehe, ist ausgeschlossen. Nicht Mangel an Geld, nicht die Verarmung zahlreicher Mitglieder der römischen Aristokratie, nicht das neue Regiment im Ouirinal. nicht polizeiliche Dekrete sind der Auferstehung im Wege, sonderw die einfache Tatsache, daß eine neue Zeit neue Ideale geboren hat. Aus der Naivität, aus dem lindlichen Hindämmern und sorglosen Hinleben ist die Masse des Volkes herausgetreten— sie ist reifer. aufgeklärter und klüger geworden, verfolgt mit Eifer soziale und politische Ziele, ringt nach Macht und Ansehen und läßt sich durch Gestibrtateit, tür'ch sogenannke VoNSseste, mogkn sie Such noch so tief in der Vergangenheit wurzeln, nicht mehr von der aufsteigenden Kahn ablenken». Das gilt nicht nur für die Bevölkerung Roms, Eondern für die der ganzen zivilisierten Erde. Am Narrentum auf >er Straße hat das Volk den Geschmack verloren, und um so mehr. als die Clowns im Zirkus, die Possen im Variete, die Fülle der Witzblätter, die Ausstattungsstucke auf der Bühne Tag für Tag genug des Ulks und der kostümlichen und dekorativen Feerie bieten. Masken, die als Chinesen. Japaner, Jndier, Mohren, Araber auf der Straße herumlaufen, erwecken kein Jntereffe mehr, denn sie find in der Zeit der Eisenbahnen und Dampfschiffe, in der Zeit des hochgesteigerten Weltverkehrs, der die Völker durcheinander- wirbelt, jeden Tag und jede Stunde in wirklicher Echtheit zu sehen. So ist der Karneval in Rom von der Straß« verschwunden— er vegetiert nur noch in der Form der Maskenbälle in großen Ver- gnügungslokalen und im geschlossenen Zirkel. Und wie Rom, so auch in den übrigen Städten Italiens, ausgenommen Venedig. Diese Wandlung ist um so augenfälliger, als gerade die romanischen Völker früher dem Karneval mit Leib und Seele ergeben waren. Noch um die Wende des 18. Jahrhunderts wurde er in jedem Nest gefeiert, sogar auf den einsamen Balearen. Auch das ist vorbei. Vorbei der Karneval in Madrid, wo der König für die Karnevals- bälle ein großes Amphitheater hatte bauen lassen, zu dem jeder Maske der Zutritt für zwanzig Realen gestattet war, und wo der spanische Nationaltanz, der Fandango, unter dem Geklapper der Kastagnetten meisterlich exekutiert wurde. Auch auf Straßen und Plätzen, auf der Puerta de Sol, der Plaza Mayor, der Plaza del Oriente und besonders in der alten Toledostraße mit ihren Nebengassen und auf der Piazza dela cebada und der Puerta de Moros, wo das eigentliche Volk haust und der Marktverkehr wogt, entwickelte sich ein tolles Maskenleben, dem es an Bänkelsängern, meist stimmbegabten Zigeunern, an leidenschaftlich getanzten Fan- dangos und Sequidillas, an heiteren und stürmischen Szenen, an Grazie und Anmut nicht fehlte. Das heiße Blut der Männer und Weiber, die bei den Maskeraden in Streit geraten waren, konnte sich genügend abkühlen in zwei Karnevalsgefängnissen, von denen das ein« die humorvolle Aufschrift„Käfig für die Hähne" und das andere„Käfig für die Hühner" trug. Beide Gelasse sollen immer stark besetzt gewesen sein, obwohl die hochlöbliche Polizei gegen jede wildgewordene Donna die höchste Nachsicht walten ließ. Nur wenige Städte im Süden haben den Karneval auf der Straße beibehalten. Wo es geschehen ist, liegt der Grund in dem Verlangen, aus möglichst starkem Fr�nitonverkehr finanziellen Nutzen zu ziehen. Die Venezianer wissen, was sie den Fremden zu verdanken haben. Die Lagunenstadt hat denn auch das Karne- valstreiben, mit dem sie schon im Mittelalter und in der Re- naissance zahlreiche Fremden anlockte, als„Sehenswürdigkeit" weiter gepflegt. Vom Gkovedi graffo(dem letzten Donnerstag vor Fastnacht) an ist der Markusplatz ein großer offener Masken- und Ballsaal, in dem die Pierrots, Harlekins, Dominos, Beicht- Väter und Jesuiten, die rotrockigen Tatti und dickbäuchigen Nuß- knacker, die wohlgenährten Pilger mit Stab und Muschel, die Fischer, Gondoliere, Bauern und Bäuerinnen unter Tanzmusik, Mandolinengeklimper und Tambouringerassel ihre Allotria treiben. Abends gibt das bei glänzender Beleuchtung ein herrliches Bild, das Malerherzen begeistern muß. Noch schöner ist der Anblick, den die Hauptkanäle und die Lagunen mit den hin- und herfahrenden, festlich erleuchteten Barken bieten. Serenaden klingen vom Wasser her und Leuchtkugeln schießen wie feurige Meteore zum Himmel empor, um farbenprächtig zu vergehen. Den Höhepunkt der Feier bildet der Trauerzug des Prinzen Karneval, der zugleich das Finale bildet, denn bei Einbruch der Nacht wird der Held unter einem schauerlichen Konzert aller möglichen Friktions- und Schlag- instrumente hinausgetragen zur Piazetta, um den Tod des Ver- brennens zu erleiden. Nizza, die große Fremdenherberge, hat sich seit dem Jahre 1872 ebenfalls einen Karneval zugelegt. Was tut man nicht, um ein internationales Publikum, das Jahr für Jahr einige Millionen Franken spendet, zu amüsieren! Der Nizzaer Karneval ist pomp- Haft, der große Karnevalszug mit seinen Dutzend umfangreicher Wagen, Meisterwerken dekorativer Kunst, seinen zahlreichen Musik- korps, seinen Maskenschwärmen und sonstigen Zutaten ist sehens- wert, das Leben und Treiben bunt und wechselreich, die Zahl schöner Frauen und eleganter Tänzerinnen Legion, aber man spürt die künstliche Mache, das Parvenütum, das Fehlen des Alther- gebrachten und Volkstümlichen. Durch alles Fluten und Ver- girögen weht ein kalter Zug— es fehlt der goldige, warme Humor, der. wie es in der Fastnacht am Rhein der Fall ist. versöhnend und verklärend in die Tollheit hineinleuchtet. freund Star. Von C. Schenkling. Sobald die ersten leisen Regungen der wieder erwachenden Natur sich bemerklich machen, wird auch das Völkcben der Stare mobil. �Von dein Wipfel der noch kahlen Bäume lassen sie ihr zwitscherndes Pfeifen hören, zur Freude des den Frühling er- harrenden Menschen. Ja, man hat ihn gern, den zutraulichen und gelehrigen, den lustigen und possierlichen Burschen, den man den Hanswurst unter den Vögeln nennen könnte. Ein all- bekanntes Kinderliedchen begrüßt ihn als den wieder Heim- 1 gekehrten. Ein Zugbogel in dem wahren Sinne des Worte? ist der Star aber längst nicht mehr. Fast in allen Teilen Deutschlands bleiben selbst in strengeren Wintern größere oder kleinere Flüge zurück, die sich in der unwirtlichen Zeit durchschlagen, so gut oder schlecht es eben gehen mag. Aber auch die wandernden Individuen dehnen ihre Reise nicht weit aus: im südlichen Europa und nördlichen Aftika verweilen unsere Mitarbeiter in Wald und Feld während der wenigen Wochen, die sie von uns fern sind, denn erst spät im Herbst schicken sie sich zur Reise an und schon mit den ersten Strahlen der Februarionne treffen sie wieder ein, um die Häuschen zu beziehen. die man ihnen allerorts angebracht hat. Es ist eine schöne Sitte. diesem außerordentlich nützlichen Vogel künstliche Niststätten zu bieten, zumal der heutige Forstbetrieb hohle Stämme, Baum- stumpfe usw., die die natürlichen Nitzplätze des Vogels bilden, nicht mehr duldet. Sobald sich die Stare wieder heimisch fühlen, gehen sie daran, die Wohnung auszubessern, den vorjährigen Schutt zu entfernen und Baumaterialien zu dem neuen Neste hcrbeizulrogen. Alles das ist Sache des Männchens, und es umerzieht sich diesem Geschäft mit so großem Eifer und mit solcher Hingebung, daß, wenn das Weibchen die Schwelle des Hauses überschreitet, fast nichts mehr zu tun übrig bleibt. Mit dem Nestbau werden allerdings nicht viel Umstände ge- macht: Stroh- und Grashalme und einige Blätter werden liederlich zusammengeworfen, die Mulde mit Federn und Wolle ausgekleidet und die 5Ünderwicge ist fertig. Oft werden bereits Ende April im Nest vier bis sieben einfarbig blaugrllne Eier gefunden, die vom Weibchen 14 Tage lang bebrütet werden. Schon im Mai ist die erste Brut flügge und im nächsten Monat folgt die zweite. Während des Brurgeschästes sorgt das Männchen für Unterhaltung. Unfern des Häuschens läßt es seinen Gesang erschallen, der fieilich mehr Geplauder ist. Naumann bezeichnet ihn als aus einer Mengo Strophen zusammengesetzt, aus denen sich ein pfeifendes, gedehntes „Hooid" und ein hohes„Zieh" markant hervorheben, während die anderen Weisen bald schnurren und schnattern, bald leiern, bald zu sprechen scheinen, so daß alles zusammen ein wunderbares Gemengsel verschiedenartiger Töne ergibt. Sind aber die Jungen ausgekommen, so hört die Singerei auf. Rührend ist die unermüdliche Sorgfalt, die unverdrossene Tätigkeit, mit der die Alten für die Brut sorgen. Bald erscheinen die Jungen vor dem Neste und nicht lange, so zieht die Familie fort, andere schließen sich an und zu großen Schwärmen vereinigt, streift die ganze Gesellschaft in der Gegend umher. Namentlich besuchen die Vögel Weideplätze und Viehtriften, wo sie sich furchtlos zwischen den Herdentieren bewegen, sich auf deren Rücken setzen und ihnen allerlei lästige Gäste ablesen. Die? ist ein Akt von Mutualismus, das ist gelegentliche Vergesellschaftlichung von verschiedenen Tierarten zu gegenseitigem Vorteil, wie er auch zwischen Krokodil und Krokodilwächter, zwischen Wildrindcrn und Elefanten einerseits und gewissen Vogelarten andererseits besteht. Sind die Jungen in längerem Beisammensein mit den Alten in alle Künste des StarlebenS eingeweiht, so kehren letztere zu ihrem Neste zurück, um das Brutgeschäst von neuem zu be- ginnen. Die Jungen vereinigen sich während dessen zu mitunter ganz enormen Schwärmen; man hat solche beobachtet, die schätzungs» weise 2000 bis 8000 Individuen zählten. Abends suchen sie gemein- same Schlafplätze auf, die sich gewöhnlich in Laubwäldern oder im Geröhrig der Gewässer befinden. Hier find die noch unerfahrenen Jungen zwar den Nachstellungen ihrer zahlreichen Feinde ausgesetzt, aber ihr geselliges Beisammensein und ihre Wachsamkeit läßt die Gefahr schneller erkennen. Wo Hunderte und Taufende von Vögeln beisammensitzen, gibt eS viele, die nicht schlafen und vor dem Feinde warnen, iobald er naht. Ihr Geschrei ermuntert die übrigen und die Gefahr ist abgewendet. Ist auch die zweite Brut herangewachsen, so vereinigen sich die Vögel zu geradezu kolossalen Zügen, die sich bald hier bald dort auf» hallen. Nach den Mitteilungen eines fleißigen Beobachters fliegen dann mitunter mehr denn 50 000 Individuen zusammen. Es ist selbstverständlich, daß diese nicht einem Gebiet entstammen. Die stattliche Armee rekrutiert sich vielmehr aus Schwärmen, die aus Entfernungen von 5— 10 Kilometer herbeeilen, um gemeinschaftlich zu übernachten. Ebenso selbstverständlich ist es, daß beim Einfallen derartiger Schwärme in das Geröhrig der Teiche und Seen ein ganz erklecklicher Schaden verursacht wird, wenn man nämlich berück- sichtigt, daß ein Rohrfeld, wie man sie im Holsteinischen findet, einen höheren Wert repräsentiert, als ein ebenso großes Weizenfeld. Je näher der Herbst heranrückt, desto weiter gehen die Vögel nach Süden. Und wenn sie schon im mittleren und westlichen Deutschland zu Weinbergsplündercrn werden, so werden sie in den Weingefilden Oberitaliens und Südfrankreichs geradezu schädlich, denn ihre Züge werden immer größer. Daher ist man dortlands auch nicht gut aus den Star zu sprechen. Haben sich die Vögel trotz aller Abwehr» mittel und Vorsichtsmaßregeln in der Beerenschmauserei gütlich getan, dann überfliegen sie in wolkenbildenden Schwärmen das Mittelmeer. So berichtet ein Kenner der afrikanischen Vogelwelt, daß Starzüge mit donnerähnlichem Geräusch über ihn weggeflogen seien, und em anderer schätzt die Individuen einer solchen Starwolke auf mindestens 2 500 000 Stück I Nur zu solchen Schwärmen vereinigt richtet der Star Schaden au. Die kleinen bei uns vorkommenden Züge plündern wohl einmal eine Kirschplantage, fallen auch in einen Weinberg ein, doch wiegt ihr Nutzen den verursachten Schaden reichlich auf. Diese Vögel sind nämlich in erster Linie Insektenfresser und sie sondieren mit ihrem Schnabel überall herum nach Raupen, Käfern usw. Es ist sehr au» rfeljcnb, eine Anzahl Stare auf einer SBlefcJ&utBeoBaiijten, wenn sie der Jagd obliegen. Emsig laufen ihrer mehrere, denn sie sind aus- gesprochen gesellige Vögel, auf den, Plane umher, mil dem Kopfe nickend, einmal nach rechts, dann wieder nach linls abschwenkend, wo nur imnier im niederen Grase ein Beutestück ihre Auf- werlsamkeit fesielt. Jetzt macht der eine einen drolligen Luftspruug, denn ein junger Grashüpfer verliest sich auf seine Schenkel und wollte entfliehen. Ein anderer hat im Boden ein Loch entdeckt, tastet mit den, Schnabel hinein und verspürt einen Regen- wt>.m, den er ans Tageslicht zieht. Da dieser aber grost ist und voll Lebensenergie steckt, so sträubt er sich, windet sich, schlängelt sich Hin und her, und der kleine Jäger hat seine liebe Rot, den Lecker- Bisten zu bewältigen. Am Stande der Wiese, nach dem Gehölz zu, liegt noch modernde» Laub vom vorigen Herbste her. Darüber hat sich ein dritter Star gemacht, drebt sorgsam mit dem unschätzbaren Schnabel Blatt für Blatt um und spähr nach allerlei Gewürm, O, eS sind eifrige Jnseltenjäger, die Stare, und äusterst nützliche Vögel. Lenz, einst Lehrer an dein berühmten Institut Schnepfenthal im Thüringer Walde, hat berechne,, dast eine einzige Starenfainilie täglich über 350 Insekten und Schnecken verzehrt. Die Stare sind aber auch schöne Vögel I Wie schillert und gleistt grün und rot ihr Federkleid an Hals und Brust, wie prächtig heben sich die meisten Tupfen und Tropfenfleckchen vom dunklen Untergrund ab! In einigen Wochen wird auch der Schnabel ein schönes Aussehen haben. Jetzt ist er noch grau, aber dann wird er. bei», Vlännchen wenigstens, ganz goldgelb sein. Wenn aber die Kleinkinderwirtschaft vorbei ist, ergraut er wieder mehr und mehr, und i», Herbst und Winter erscheint er ganz dunkel. Dergleichen Umfärbungen deö Schnabels finden bei ziemlich vielen Vögeln, besonders männlichen, einmal im Leben statt, dann nämlich, wenn sie, im ersten Frühjahr nach ihrem JnSlebentteten, in das heiratsfähige Alter kommen. So ist es unter andem sehr auffallend bei dem Amselmännchen, das im ersten Jahre einen fchwärzlich-bräunlichen Schnabel hat, aber im Frühling des zweiten einen orangeroten bekommt. Weit seltener ist, dast, wie beim Star, ein und dasselbe Individuum seinen Schnabel in jedem Jahre verfärbt. Kaum ein anderer Vogel eignet sich in gleicher Weise als Stubenvogel wie der Star. Harmlos läuft er zwischen den HauS- Bewohnern hin und her, ist dauerhaft, vorsichtig, erfreut durch sein possierliches Wesen, beschaut jedes Ding neugierig, schliestt mit Hund und Katze Freundschaft und liest ihnen die Schmarotzer ab, zirkelt alle Ritzen und Löcher mit dem Schnabel aus, ahmt Laute und Tierstimmen nach, lernt, auch ohne Bah man an ihm die qualvolle Operatton des ZungenlöienS vor- nimmt, Worte nachsprechen, kurz, er ist für daS Zimmer, die Vogel- stube und einen grosten Käfig der dankbarste und beste Vogel. Zu- dem gehört er zu den wenigen seines Geschlechts, die von ihrem Pfleger körperliche Züchtigung erwägen, ohne scheu zu werden und verhält sich der Rute gegenüber genau so wie der Hund. Der ver- storbene Vogelkenner und geschickle Vogelpfleger Hoftat Liebe in Gera, der mitunter über 200 Käfigvögel hielt, erzählt in seinen Schriften von einem an die Reitpeitsche gewöhnten Star folgendes: Ich besah einst viele Jahre hindurch einen Star, den ich mit Hilfe der Reitpeitsche gewöhnt hatte, während des WinterS in der Wohn- stube frei auf einem Papageiständer sich zu bewegen, der auf einem arohen Papierbogen in der Ecke stand. Solange sich jemand in der Stube aufhielt, zeigte er kein Verlangen, seinen Ständer zu Verlasien und weitere Ausgänge im Zimmer zu unternehmen; befand er sich aber längere Zeit allein, dann konnte er der Versuchung, von seiner Warte herabzusteigen, oft nicht widerstehen. Trat man jetzt ins Zimmer, so schlich er, geduckt wie ein Hund mit bösem Gewisten. in möglichst flachem Boden längs der Wand herum und strebte seinen Ständer wieder zu gewinnen. Sehr komisch sah e» auS, wenn er, um einen über den Papierbogen hinaus gefallenen Leckerbissen zu erlangen, am Rande des BogcnS auf- und abtrippelte und dabei nach der Reitpeitsche schielte; wagte er endlich die Ueber- schreilung der Grenze und griff man nach jener, so suchte er schleunigst den Bogen und seine Sitzstange wieder auf. nicht ohne semen Aerger durch scheltende Laute Lust zu machen. Später half er sich in allen Fällen, indem er BaS Dienstmädchen, das mich beim Füttern zu unterstützen pflegte, unausgesetzt bei ihrem Zunamen rief, bis dieses auS der Küche kam und ihm den ersehnten Bisten wieder zuschob. Der gezähmte Star sristt alles, was man ihm gibt: Brot, Kartoffeln, Fleischstückchen, GrüneS, Obst usw. Halbflügge oder flügge auS dem Reste genommen, füttert man die Jungen zunächst mit Semmel und weihem Käse, dann mit Mehlwürmern und sonstigen kleinen Würmern, bis sie allmählich an das gewöhnliche Futter gewöhnt werden. In der Vogelswbe Halle man ihm die Flügel ge- stutzt, so dast er keinen Unfug an den Nestern anstellen kann, und man wird an dem spasthaften Burschen einen angenehmen Gesell- schaster haben._ Kleines f euilleton* Kunst. Führer dnrchdieMuseenBerlinS. fJm Berlage der Neuen Freien Volksbühne Berlin.) Die kleinen Bändchen, die nur Nerantwortl. Redakteur: Haas Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: den Mitgliedern zuganglich find, verdienen aufrichtiges Lob. Bor allem darum, weil sie nach Möglichkeit die Gefahren solch knapper und wortkarger Leitfaden meiden: die urteilslose Regiswierung eines willkürlich gewählten Materials oder den Drill nach einem subjektiven Geschmacksschema. Soweit das in Dingen der Kunst wünschenswert und erreichbar ist, wahren diese Pfadfinder eine gründliche Sachlichkeit; sie verschweigen aber nicht die Zwiespältig- keit der Anschauungen über manches Werk und manche Schule, sie predigen nicht stumme Verzückung, sie wollen zum selbständigen Erleben der Kunst hinleiten.— Ueber die Nationalgalerie schrieb Er n st Schur. Für die kluge Art charakteristisch ist sein Spruch über Knaus, dem wir heute gerecht werden können, weil wir ihn nicht mehr bekämpfen muffen. Auch die Andeutung der Linien von Rethel zu Hodler, von Hosemann zu Baluschek, von Steffeck zu Liebermanu zeigt die für solche Wegleitung allein richtige Methode des Vergleichens aus dem Eindruck. Es wird kein festes Skelett der Entwickelung gegeben; der Beschauer(der Leser) must die Zu» sammcnsetzung selber erfühlen.— Max Deri führt durch das Kunstgewerbemuseum. Er beginnt mit einem Versuch, die ästhe» tische Einfühlung zu erklären:„Die Formen baulicher und tunst» gewerblicher Art liest man am leichtesten, indem man sich selber als den Gegenstand denkt." Das hat etwas für sich, dürfte aber nicht immer ganz leicht zu vollziehen sein. Freimütig spricht Deri seine Bedenken gegen die mit Figuren und Allegorien überladene, italie- nische Majolika, auch gegen die holländischen Landschaftsteller; nicht weniger energisch wendet er sich gegen dekorativ überreizte Kuriosi» täten, wie den Pommerschcn Kunstschrank. Eies sucht er durch die Aeusterlichkeiten, durch den schönen Schein, Hinduich zu dem Geist der Form und zu den wirksamen Kräften der Ze.. zu leiten. Sa sagt er von den beiden ftübesten Bechern des Lüneburg« Ratssilbers:„Sie haben von der Gotik noch das nervig Kantige im auf» steigenden Fust, das Organische und lebendig Bewegte im gedrehten Körper, das nach oben Gewendete, frei Ausblühende in der Be- krönung. Der Kraftftrom geht von unten nach oben; der Becher setzt sich nicht im Stehen nach unten, sondern er streckt sich, schraubt sich empor, wie ein lebendig wachsendes Ding." Man darf wohl sagen, dast nach solcher Weise auch des Ungeübten Empfindung für das Künstlerische im Kunstwerk erschlossen werden kann.— DaS Kaiser-Friedrich-Museum wurde von Ernst Diez bearbeitet. Mit Recht fordert er, daß, wer ein Bild gründlich verstehen will, sich nicht damit begnügen darf, es geniestend anzuschauen, es vielmehr bewußt beschreiben muffe. Ein wenig weit scheint die Forderung zu geben, die solckem beschreibenden Anschauen bei jedem Museums- besuch nur ein Bild gestatten möchte. Prinzipiell abzulehnen ist die von Diez empfohlene Methode der Deutung: sie verirrt sich im Literarischen, lenkt also vom Malerischen ab. Im übrigen bewältigt auch dieser Führer die Fülle des Stoffes gewandt, aber ohne Vergewaltigung.— Die Bändchen sind in lesbarer Type ge- druckt, gefällig ausgestattet und mit einigen erträglichen Abbil- düngen versehen. R. Br. Naturwiss enschaftliches. Bazillen im Kinematographen. Der Gedanke, die Kinematographie der Wissenschaft dienstbar zu machen, ist schon vor geraumer Zeit in die Praxis umgesetzt worden. Bereits über ein Jahrzehnt ist es her, dast der bekannte französische Gelehrte Doyen chirurgische Operationen im beweglichen Bilde ze'gte und so besonders der Lehrtätigkeit der Chirurgen ein neues Hilfsmittel brachte. Inzwischen ist man auf diesem Wege erheblich fort- geschritten. Die wunderbaren kleinsten Lebewesen, die bisher nur der Forscher in ihrer Lebenstätigkeit unter dem Mikroskop, unter viel tausendfacher Bergrösterung beobachten konnte, sind bereits kinematographiert worden, und auch der Laie ist jetzt imstande, die Lebensvorgänge dieser Wesen, das Zerstörungswerk, das sie im menschlichen Körper verrichten, im Bilde vor sich vorüberziehen zu lassen und so einen Einblick in die Geheimnisse der Biologie und Bakteriologie zu tun. In meisterhafter Vollendung führte Dr. Co maudon auS Paris eine Reihe von Kinematographien dem Berliner Publikum vor, die er mit Hilfe der bekannten Filmfirma PatHe Freies in Paris angefertigt hat. Von den gezeigten Bildern sind besonders diejenigen, die die Tätigkeit der verschiedenen Krankheitserreger zeigen, für den Laien interessant. Die Komma- bazillen, die die Erreger der asiatischen Cholera find, sieht man vor sich in lebhafter Bewegung; ebenso beobachtet man die Erreger der Schlafkrankheit und anderer Erkrankungen bei ihrem Vernich- tungswerk, wie sie in die Blutkörperchen eindringen und sie zer- stören. Man sieht aber auf einem anderen Bilde auch die Abwehr des Körp«s gegen diese Feinde. Die weißen Blutkörperchen nehmen den Kampf gegen die Eindringlinge auf, umfassen sie vor unseren Augen und absorbiren sie. Der Erreger der Syphilis— die Spirocbaeta pallida— erscheint in 40 000fach« Vergrößerung. Ein anderes Bild stellt den Blutkreislauf, die Bewegung der Blut- körperchen in den kleinsten Gefäßen dar. Eine ausführliche Auf- zählung der gezeigten Bilder würde hier zu weit führen. Es zeigen aber die Comaudonschcn Kinematographien, daß ein Schatz, reicher Belehrung durch die„Kientöppe" geschaffen werden kann. und es liegt an dem Publikum— nicht zum mindesten an der Arbeiterschaft—. durch seinen Einfluß aus dem„Kientopp" die Sensations- und Paradenbilder zu entfernen und ein BildungS« mittel zu schaffen.___ VorwärtsBuchdruckerei».Verlagsaustalt Paul SingeröcCo., Berlin SW.