Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 41. Dienstag den 28. Februar. 191t lNachdrull Mnpttn.) il] pelle der Eroberer. Roman von Martin Andersen Nexö. 15. ..Recht wird sie woll gehabt haben, denn er hat ja nie ein heftiges Wort gesagt, wenn sie loslegte— mit Klagen ziild Vorwürfen, so daß es hell durch die Wände ging, in die Gesindestube hinab und bis auf den Hof hinaus. Aber dumm war es darum doch von ihr, denn sie hat ihn damit bloß kollerig gemacht und ihn von Hause getrieben. Und was soll woll auf die Dauer aus der Landwirtschaft werden, wenn der Herr sich immer und ewig auf der Landstraße rumtrcibt, weil er nich zu Hause sein kann. Das is'ne schlechte Liebe, die den Mann von Haus und Hof jagt." Lasse stand am Sonntagabend im Stall und sprach mit öen Tagelöhnerfrauen darüber, wahrend sie melkten. Pelle ging dort auch herum und hatte sein Teil zu tun, hörte aber doch zu. „Gang dumm war sie ja nun eigentlich auch nicht" sagte Dachdecker Holms Frau.„Wie zum Beispiel, daß sie die blonde Marie als Zimmermädchen nahm, damit er hier zu Hause ein nettes Gesicht anzusehen hätt'. Sie hat auch woll gewußt, daß, wer sein Brot zu Haus hat, es nich auswärts zu suchen braucht. Aber das könnt' ja auch nichts nich nützen, wenn sie es doch nicht besser kann, ihn mit ihr ewiges Geheul und ihr Getrink von'n Hof zu jagen?" .,Er trinkt woll auch?" sagte Pelle kurz. „Jawoll trinkt er sich auch mal'n Rausch an," sagte Lasse in verweisendem Ton—„aber er is'n M a n n, daß Du das man weißt— und er kann woll auch außerdem seine Gründe haben. Aber es is'ne üble Sache, wenn eine Frauensperson au zu trinken fängt." Lasse war ärgerlich, der Bengel fing an, seine eigene Anficht über alles zu haben und mischte sich ganz dreist ein, wenn erwachsene Leute redeten. „Feh bleib' dabei, daß er ein guter Mann is," wandte er sich an die Frauen,.wenn er man bloß nicht mit Heuleret und Gewissensbissen geplagt wird. Es geht nu, wo sie weg is, ja auch ganz gut. Er is beinah alle Tag' zu Hause und kümmert sich selbst um die Sachen, so daß der Verwalter ganz krank is— denn der will ja am liebsten König über das Ganze sein. Gegen uns is der Herr, als wenn wir seines« gleichen wären: selbst Gustav hat nichts nich zu räsonieren." „Na. er hat auch woll kernen Grund zu räsonieren— höchstens, daß er'ne Frau mit Geld kriegt. Bodil soll ja über hundert Kronen zusammengespart haben, die zwei, drei Monate, die sie als Stubenmädchen gedient hat. Welche Leute, die verstehen es— die kriegen Bezahlung für das. was wir unser ganzes Leben haben umsonst tun müssen," sagte eine von den allen Frauen. „Ja, wir woll'n erst mal sehen, ob er sie überhaupt jemals als Frau kriegt— ich glaub' es noch gar nich. Man soll ja nichts Schlechtes von seinen Kameraden sagen, aber Bodil, die is nich treu. Das mit dem Herrn mag sein wie es will— das Hab ich Gustav auch einmal gesagt, als er so wütend war: der Herr gebt vor den Leuten vor. Bengta war mir eine gute Frau nach jeder Richtung hin, aber sie hatt' auch ihre liebe Not, sich gegen den Herrn zu wehren, sie auch. Die Größten nehmen zuerst, das is nu mal nich anders hier auf der Welt! Aber Bodil hat einen an jedem Finger. Nu bändelt sie mit dem Lehrling an, und der is noch nich sechzehn Jahr? Sie läßt sich Geschenke von ihm machen. Gustav sollt sich beizeiten da herausziehen— es bringt immer Un- glück, wenn die Liebe bei eüiem Menschen Einkehr hätt. Das sehen wir hier auf dem Hof ja alle Tage." „Ich sprach heut wen, der meinte. Frau Kongstrup war' gar nich nach Kopenhagen gereist, sie war bei Verwandten südwärts auf'n Land. Sie is ihm weggelaufen, das sollt Ihr sehen." „Das soll ja hentzutag fein sein!" sagte Lasse...Aber wenn sie denn man bloß wegbleiben wollt; es geht am besten so, wie es nu geht." Es wehte jetzt eine ganz andere Lust in Stengaarden. Das Unheimliche war verschwunden; es klangen keine Klage- töne mehr aus dem Hause heraus, um sich wie Lehm und schwarze Trauer auf einen zu legen. An dem Besitzer von Stengaarden merkte man die Veränderung am meisten; er war zehn, zwanzig Jahre jünger und schlug in bester Laune hinten aus wie jemand, der von schweren Banden befreit ist. Er war ganz in Anspruch genommen von der Wirtschaft, jagte mehrmals täglich in seinem Gig nach dem Steinbruch, war bei jeder neuen Arbeit zugegen und konnte wohl auf den Einfall kommen, die Jacke abzuwerfen und selbst mit Hand anzulegen. Die blonde Marie deckte ihm den Tisch und machte sein Bett, und er genierte sich nicht zu zeigen, daß er ihr gut war. Wer gestand das wohl sonst einem armen Mädchen gegenüber bei hellem, lichtem Tag zu! Seine gute Laune wirkte förmlich ansteckend und verscheuchte das eine wie das andere. Im übrigen ließ sich ja nicht leugnen, daß Lasie sein Teil zu tragen hatte. Die Lust, sich zu verheiraten, packte ihn heftig bei der strengen Kälte, die sich schon im Dezember ein- stellte. Er sehnte sich danach, den Fuß unter den eigenen Tisch zu setzen und eine Frau zu haben, die ihm alles war. Ganz hatte er Korna noch immer nicht aufgegeben; aber er hatte Dachdecker Holms Frau doch zehn blanke Kronen auf den Tisch versprochen, ivenn sie etwas Passendes für ihn aus- findig machen könne. Eigentlich hatte er sich das ganze ja als Unmöglichkeit aus dem Kopf geschlagen und sich in das Land seines Alters be- geben. Aber was konnte es nützen, sich einzuschließen, wenn man doch nur nach einer Tür suchte, durch die man cnt- schlüpfen konnte. Lasse sah sich noch einmal wieder draußen, und wie immer, war es auch diesmal Pelle, der das Leben und die Freude ins Haus brachte. Unten an, äußersten Ende des Fischerdorfes wohnte eine Frau, deren Mann zu See fuhr und seit mehreren Jahren nichts von sich hatte hören lassen. Pelle hatte mehrmals auf dem Wege von und zur Schule Schutz gegen da° Wetter auf ihrer Diele gesucht, und all- mählich wurden sie gute Bekannte. Er richtete kleine Dienste für sie ans und bekam dafür eine Tasse warmen Kaffee. Wenn die Kälte so recht beißend war, holte sie ihn immer herein. Dann erzählte sie ihm von der See und von ihrem schändlichen Manne, der wegblieb und sie sitzen ließ, so daß sie sich ihren Lebensunterhalt durch Flicken von Netzen für die Fischer verdienen mußte. Und Pelle seinerseits mußte von Vater Lasse und Mutter Bergta erzählen, die daheim auf dem Kirchhof in Tommelilla lag. Viel mehr kam bei der Unter- Haltung nicht heraus, denn beständig kehrte sie zu ihrem Mann zurück, der wegblieb und sie als Witwe sitzen ließ. „Er is woll ertrunken!" pflegte Pelle dann zu sagen. „Ne, das is er nich, dem: ich Hab' kein Zeichen gekriegt?" antwortete sie sehr bestimmt, immer mit denselben Worten. Pelle erzähtte dem Vater das ganze wieder; er war sehr interessiert.„Na, bist Du heute wieder bei Madam Olsen gewesen?" war das erste, was er sagte, wenn der Junge aus der Schule kam. Daim mußte Pelle alles mehrmals erzählen, Lasse konnte es gar nicht gründlich genug bekommen: „Du hast ihr doch erzählt, daß Mutter Bengta tot ist? Hm, ja, das hast Du ja getan. Aber wonach hat sie Dich denn heute über mich ausgefragt?— Weiß sie was von der Erbschaft?(Lasse hatte kürzlich fünfundzwanzig Kronen von einem Bruder seines Vaters geerbt.) Du könntest ja gern ein Wort darüber fallen lassen— damit sie uns nich für solche arme Läuse hält." Pelle trug verblümten Bescheid hin und her. Von Lasse bekam er 5tteinigkeiken mit als Vergeltung für das Gute, dos sie ihm antat, gestickte Taschentücher und ein feines seidenes Tuch— die letzten Reste von Mutter Bengtas Noch- lassenschast. Es würde schwer fem. sie zu entbehren, wenn nun aus diesem Neuen nichts werden sollte— dann konnten sich «keine Erinnerungen mehr daran knüpfen! Aber Lasse setzte olles auf eine Karte. Eines Tages konnte Lasie erzählen, ßaß Madam Olsen jetzt ein Zeichen gehabt hatte. In der Nacht war sie davon aufgewacht, daß ein großer schwarzer Hund keuchend an ihrem Kopfende stand, feine Augen leuchteten in der Dunkelheit, und sie hörte das Wasser aus seinem Fell tropsen. Sie be- griff, daß es der Schiffshund sein mußte, der ihr eine Bot- fchast brachte und ging an das Fenster. Und draußen im Mondschein auf der See sah sie ein Schisf unter vollen Segeln gehen. Es ragte hoch auf, und man sah Meer und Himmel quer durch das Schiff hindurch. Ueber der Reeling hingen ihr Mann und die anderen, sie waren durchsichtig, und das Salzwasser trieb ihnen aus Haar und Bart und rann an der Schiffsseite herab. Am Abend zog Lasse seine besten Kleider an. Wolln wir heute Abend aus?" fragte Lasse froh erstaunt. „Nein— ja, das heißt, ich will aus— nur eine kleine Be- sorgung. Wenn jemand nach mir fragt, dann sag man, ich war zum Schmied gegangen, und bestellt einen Nasenring für den Stier." „Und ich soll«ich mit?" Pelle war kurz davor zu weinen. „Nein, Du mußt ein guter Jung sein und dies eine Mal zu Haus bleiben!" Lasse streichelte ihm den Kopf. „Wo willst Du denn hin?" „Ich will—" Lasse wollte eine Lüge fabrizieren, konnte es aber nicht übers Herz bringen.„Du mußt mich lieber nich fragen," sagte er. „Krieg ich es denn einen andern Tag zu wissen � ohne zu fragen." «Ja, ganz bestimmt." Lasse ging, kam aber wieder zurück. Pelle saß auf dem Vettrande und weinte— es war das erste Mal, daß Lasse aus- ging, ohne ihn mitzunehmen. „Nu mußt Du vernünftig sein und zu Bett gehen!" sagte er ernsthast.„Sonst bleib ich zu Hause bei Dir, aber dann geht uns vielleicht vieles verloren!" Da nahm sich Pelle zusammen und fing an, sich auszu- ziehen. Und Lasse kam endlich weg. Madam Olsens Haus lag dunkel und abgeschlossen da, als Lasse dort anlangte. Er erkannte es leicht nach Pelles Be- fchreibungen und ging ein paar Mal rund herum, um zu sehen, wie die Wände standen. Es sah ganz gut aus, sowohl das Holz als auch der Bewurf, und es gehörte ein gutes Stück Erde dazu— gerade groß genug, um es am Sonntag zu be- stellen, so daß man an den Wochentagen auf Tagelohn aus- gehen konnte. Lasse klopfte an die Tür, nach einer Weile kam eine weiße Gestalt am Fenster zum Vorschein.„Wer ist da?" wurde ge- fragt. „Pelles Vater, Lasse Karlsson," sagte Lasse und trat in den Mondschein. Die Lade wurde zirrückgeschlagen.„Komm doch herein, steh da nich in der Kälte!" sagte eine sanfte Stimme und Lasse trat über die Schwelle. Schlafstubenluft schlug ihm entgegen, Lasse witterte den Alkoven, konnte aber nichts sehen, er hörte ein Pusten, als wenn ein dicker Mensch sich die Strümpfe an- zieht. Dann strich sie ein Streichholz air und zündete die Lampe an. - Sie gaben sich die Hand und sahen sich dabei an. Sie trug einen Unterrock aus Bcttbührenzeug, der die Nachtjacke zusammenhielt, und hatte eine blaue Nachtmütze auf dem Kopf. Gute Glieder hatte sie und einen wohlgeformten Busen. Auch das Gesicht verhieß Gutes. Sie war von der Art, die keiner Katze was zu Leide tun. wenn sie nicht angegriffen werden— aber eine Arbeitskraft war sie nicht, dazu war sie zu weich. „So, das is also Pelles Vater!" sagte sie—„Tu hast aber einen jungen Sohn. Na, dann setz Dich man." (Fortsetzung folgt.), lTZoSdruck verboten. 7 JVTärcben der Alirklicbkeit. Von Maxim Gorki. Uebersetzt von A. Stein. „Es gibt keine schöneren Märchen, Als die das Leben selbst erfindet." Andersen. I. In Zieapel streikten die Angestellten der Straßenbahn: längs der ganzen Riviera Ouiaca zog sich eine Kette leerer Straßenbahnwagen hin, während sich auf der Piazza Triumphatore ein Haufen von Wagenführern und Schaffnern ansammelte, alles fröhliche, lärmende, wie Quecksilber bewegliche Neapolitaner. Ueber ihren Köpfen, hinter dem Gitter des Gartens glitzert der tümre Strahl eines Springbrunnens wie eine Degenschneide in der Luft. Ein großer Menschenhaufe, der nach allen Richtungen der ungeheuren Stadt fahren muß, umringt die Straßenbahner, und alle diese Handlungsgehilfen, Gesellen, Hausierer und Näherinnen tadeln böse und laut die Streikenden. Es ertönen böse Worte, boshafte Sticheleien und ununterbrochen fahren Hände durch die Last, mit denen der Neapolitaner ebenso ausdrucksvoll und beredt zu sprechen versteht, wie mit seiner nie still stehenden Zunge... Vom Meere weht eine leichte Brise, und die ungeheuren Palmen des StadtparkeS schaukeln ihre dunkelgrünen, fächerartigen Blätter, während ihre Stämme den Füßen ungeheurer Elefanten ähnlich sehen und wie» aus Stein auZgehauen scheinen. Kleine Burschen— die halbnackten Kinder der Straßen von Neapel— springen wie Sperlinge umher, die Lust mit ihrem lauten Geschrei und Lachen er- füllend. Die Stadt, die einer alten Gravüre ähnlich sieht, ist mit heißem Sonnenlicht Übergossen und klingt wie eine Orgel; die blauen Wellen des Meerbusens schlagen gleichmäßig gegen das steinige Ufer, das Gemurre und Geschrei der Leute wie ein Tamburin mit ihrem Getöse begleitend. Die Streikenden drängen sich mit niedergeschlagenen Gesichtern auf einem Haufen zusammen, die gereizten Ausrufe der Menge kaum beantwortend. Sie klettern auf das Parkgitter und schauen unruhig über die Köpfe der Leute hinweg die Straße entlang, einer Schar von Wölfen ähnlich, die von Hunden umringt find. Es ist allen klar, daß diese gleichmäßig gekleideten Leute durch einen un- erschütterlichen Willen fest miteinander verknüpft sind, daß sie nicht nachgeben werden, und dieser Umstand erbittert die Menschenmenge noch mehr. Es gibt freilich auch unter ihr Philosophen, die ruhig rauchend die allzu eifrigen Gegner des Streiks zu beschwichtigen suchen: „He, Siguor l Was soll man aber tun, wenn es für die�Kinder nicht für Makkaroni reicht?" In Gruppen von zwei bis drei Personen stehen die stutzerhast ge- kleideien Beamten der Munizipalpolizei da, aufmerksam darauf achtend, daß die Menge den Wagenverkehr nicht störe. Sie find streng neutral, schauen mit demselben Gleichmut auf die Tadelnden wie auf die Getadelten und scherzen gutmütig über diese wie jene, wenn die Gesten und das Geschrei einen zu hitzigen Charakter an- nehmen. Für den Fall ernster Zusammenstoße isi in einer schmalen Seitengasse längs den Häusern eine Abteilung Karabinieri, mit kurzen, leichten Gewehren in den Händen, aufgestellt. Das ist eine ziemlich unheilverkündende Menschengnippe, im Dreispitz, mit kurzen schwarzen Mänteln und schmalen roten Hosenstreifen, die wie zwei Blutstreisen aussehen. Das Schimpfen und Lachen, die Vorwürfe und Ermahnungen verstummen plötzlich; durch die Menge geht ein Rauschen, das gleich- sam alle versöhnt; die Streikenden blicken noch finsterer drein, sich zu gleicher Zeit noch enger zusammenschließend, während in der Menge Rufe ertönen: — Soldaten! Es ertönt ein spöttisches, triumphierendes Pfeifen an die Adresse der Streikenden; die Soldaten werden mit freudigen Rufen begrüßt; ein dicker Mann in einem grauen Sommeranzug, mit einem Panama- Hut auf dem Kopfe, beginnt zu tanzen, mit den Füßen schwer auf das Pflaster stampfend. Die Schaffner und Wagenführer arbeiten sich langsam durch die Menge hindurch und nähern sich den Straßen- bahnwagen, einige von ihnen klettern auf die Wagenplattform. Sie schauen jetzt noch finsterer drein und beantworten, sich den Durch- gang erzwingend, die feindseligen Rufe mit rauhen Worten. Es beginnt stiller zu werden. Indem die Streikenden den ihnen feind- lich gestimmten Menschenhaufen durchschreiten, zersplittern sie ihn in einzelne Stücke und Gruppen und teilen ihm eine neue, nicht so laute und mehr menschliche Stimmung mit. Vom Ufer Santa Lucia nähern sich mit leichtem, tänzelnden Schritt kleine, graue Soldatchcn, gleichmäßig mit den Füßen auf- tretend und mechanisch einförmig den linken Arm schwenkend. Sie erscheinen wie aus Blech gemacht und zerbrechlich wie Fabrik- spielwaren.... An ihrer Spitze geht ein hübscher, hoch- gewachsener Offizier mit gerunzelten Brauen und verachtungsvoll verzerrten Lippen und neben ihm läuft hüpfend ein dicker Mann im Zylinder, der unaufhörlich aus ihn einredet, die Luft mit unzähligen Gesten durchschneidend. Die Menge ist von den Trambahnwagen zurückgewichen— die Soldaten haben sich wie eine graue Perlenkette längs der Wagen» reihe zerstreut und bei den Plattformen Stellung genommen, während die Streikenden darauf stehen. Der Mann im Zylinder und noch einige Personen, die ihn um- ringt haben, schreien, wie wahnfinnig mit den Armen fuchtelnd: „Zum letzten Male... Hört ihr?" Der Offizier dreht gelangweilt seinen Schnurrbart, während er den Kopf gesenkt hält. Der Mann, der ihn früher begleitete, läuft zu ihm, seinen Zylinder schwenkend und ihm heiser etwas zu- rufend. Der Offizier blickt ihn von der Seite an, richtet sich hoch auf, drückt die Brust vor— und es ertönen die lauten Worte des Kommandos. In diesem Augenblick beginnen die Soldaten, je zwei auf ein- mal auf die Wagenplattformen zu springen. Aber zu gleicher Zeit springen die Wagenführer und Schaffner herab. Der Menge erschien das lächerlich. Es brach ein Geheul, Ge- pfeife und Gelächter aus, das aber sofort erstarb. In tiefem Schweigen begannen die Leute mit plötzlich geal»:rteii, langen Gesick'tern und «rflaunt starrenden Augen bon dem Wagen zurückzuweichen und fich mit ihrer ganzen Masse dem ersten Wagen zuzuwälzen. Und erst dort ward es sichtbar, daß zwei Schritte vom Wagen entfernt, quer über den Schienen, mit entblößtem Haupte und dem Gesicht eines Soldaten ein grauhaariger Wagenführer lag, die Brust nach oben und die Schnurrbartenden senkrecht zum Himmel gerichtet. Neben ihm stürzte mit affenartiger Geschwindigkeit ein junger Bursche zu Boden, nach ihm legten sich, ohne fich zu beeilen, immer neue Personen auf die Erde... Die Menschenmenge dröhnt dumpf; cS ertönen Stimmen, die erschreckt die Madonna anrufen; einige fluchen finster, es kreischen und stöhnen die Weiber, während die kleinen Burschen, von dem Schauspiele betroffen, überall wie Gummibälle umherspringen. Der Mann im Zylinder brüllt etwas mit schluchzender Stimme; der Offizier blickt ihn an und zuckt mit den Achseln; er ist verpflichtet, die Wagenführer durch seine Soldaten zu ersetzen, aber er hat keinen Befehl erhalten, gegen die Streikenden vorzugehen. Da stürzt der Mann im Zylinder, umringt von irgendwelchen dienstwilligen Leuten, zu den Karabinieri hin. Diese setzen sich in Bewegung, treten hinzu, beugen fich über die auf den Schienen Liegenden, wollen sie emporzerren. Es beginnt ein Kampf, ein Lärm. Plötzlich gerät aber der anze graue, verstaubte Haufe der Zuschauer in Bewegung. Er rüllt auf, heult, strömt auf die Schienen; der Mann im Panama- Hut reißt seinen Hut vom Kopf, wirft ihn hoch in die Lust und legt sich als erster auf den Erdboden, den neben ihm liegenden Streiken- den auf die Schulter klopfend und ihm ermutigende Worte ins Ge- ficht schreiend. Und nach ihm begannen, gleichsam als hätte man ihnen die Füße abgeschnitten, unzählige fröhliche, lärmende Leute, die noch vor drei Minuten nicht dagewesen waren, auf die Schienen zu fallen. Sie stürzten lachend zu Boden, schafften einander Grimassen und schrien elwas dem Offizier zu, der lachend und den hübschen Kopf schüttelnd dem Mann im Zylinder etwas zurief und ihm mit den Handschuhen unter der Nase herumfuchtelte. Inzwischen kamen immer mehr Leute hinzu, die sich auf die Schienen legten. Weiber warfen ihre Körbe und Pakete zu Boden; kleine Burschen rollte» sich lachend wie frierende Hunde zusammen; anständig gekleidete Leute wälzten sich im Staube, von einer Seite zu der anderen. Fünf Soldaten blickten von der Plattform des ersten Wagens auf den Leiberhaufen unter den Rädern herab und lachten, sich kaum auf den Füßen haltend, die Hände am Wagenrand und den Kopf zurückgeworfen, aus vollem Halse. Jetzt sahen sie den Blech- spielzeugen von früher gar nicht mehr ähnlich. ... Nach einer halben Stunde sausten die Trambahnwagen mit Gekreisch und Gequiek durch die Straßen von Neapel. Auf den Plattformen standen stöhlich schmunzelnd die Sieger, und auch längs den Wagen gingen sie, höflich fragend: „Billetts? I" Die Leute, die ihnen die roten und gelben Papierchen entgegen- halten, winken ihnen mit den Augen zu, lächeln und brummen gut- mutig... (Schluß folgt.) Die neuere Sntwlckelung der drabtlofen Helegrapdie. Es find fich nicht viele darüber klar, welch außerordentlich großen Anteil an der Eirtwickelung der drahtlosen Telegraphie deutsche Gelehrte und Techniker haben. Zwar weiß man, daß die elektrischen Schwingungen, die ihre Grundlage bilden, von dem deutschen Physiker H. Hertz entdeckt wurden, aber was Deutsche bei der Weitentwicke- lung von Marconis Erfindung geleistet haben, ist in weiteren Kreisen kaum bekannt. Man kennt den Namen Slabys, auch wohl Braun. aber daß ohne die intensive Arbeit deutscher Forscher und Ingenieure die drahtlose Telegraphie niemals praktische Bedeutung erlangt hätte, wird gewiß vielen überraschend sein. Und doch ist dem so. Erst vor kurzem lies die Nachricht durch die Zeitungen, daß ein Deutscher, Dr. Jng. R. Goldschmidt, eine Maschine erfunden habe, die der drahtlosen Telegraphie die wichtigsten Dienste zu leisten be- stimmt sei. Will man sich über die Grundlage der drahtlosen Telegraphie, die elektrischen Schwingungen, klar werden, so sucht man am besten nach einem anschaulichen Vergleich. Dieser bietet sich hier von selbst in den Wellen des Wassers und der Luft, von denen die ersteren den Vorzug haben, daß> man sie sehen kann. Wirst man einen Stein in ruhendes Waffer. so entsteht um diesen Punkt herum eine kreisförmige Welle, die sich nach allen Seiten ausbreitet, wobei sie immer schwächer wird, bis sie schließlich erlischt. Eine zweite Welle entsteht im Mittelpunkt unmittelbar nach der ersten, die schon schwächer ist, eine dritte ist schon sehr schwach, die vierte ist vielleicht kaum noch zu sehen. Dieser Vorgang, der durch die gegenseitige Reibung der bewegten Wasserteilchen hervorgerufen wird, heißt die Dämpfung der Wellen, und man spricht je nachdem von schwach oder stark gedämpften Wellen. Läßt man in gleichmäßigen kurzen Zwischenräumen immer einen Srein gleicher Größe an derselben Stelle ins Wasser fallen, so entstehen„ungedämpfte" Wellen. Bei den Wellen unterscheidet man bekanntlich Wellenberg und Wellental, die Entfernung zwischen zwei Wellenbergen heißt die Wellenlänge. Die Zahl der Wellenberge, die an einer Stelle in der Sekunde ent<- stehen, ist die Schwingungszahl. Mit ganz denselben Vorgängen hat man es zu tun, wenn man eine Glocke anschlägt oder wenn zwischen zwei Metallstücken(Elektroden) ein Funke überspringt. Im ersteren Falle entstehen in der Luft Wellen von ganz derselben Art wie vorher im Wasser, im Falle des Funkens entstehen sie im Lichtälher. Die elektrischen Wellen kann man an anderen Punkten nachweisen, durch sogenannte Resonatoren. Ein solcher Resonator ist weiter nichts als eine wirkliche Stimmgabel. Wenn man den Ton, auf den eine Stimmgabel abgestimmt ist, ertönen läßt, so klingt die Stimmgabel von alleine mit, die Erschütterung durch die Lustwellen von der Eigenschwingungszahl der Stimmgabel genügt, um sie zum Tönen zu bringen. Diese Erscheinung nennt man Resonanz. Ein elektrischer Resonator besteht aus einem Draht» kreise, der an einer Stelle unterbrochen ist. Gerät dieser Kreis ir» den Bereich elektrischer Wellen, so werden in ihm Spannungen in- duziert, und wenn man ihn an die Stelle eines Wellenberges bringt, so werden diese so stark, daß zwischen den freien Enden Funken überspringen. Der geniale Physiker Heinrich Hertz wies auf diese Weise die Ausbreitung der elektrischen Wellen im Räume nach, und maß zugleich ihre Ausbreitungsgeschwindigkeit, die 300 000 Kilometer in der Sekunde, d. h. gleich der Lichtgeschwindigkeit ist. Das unvergängliche Verdienst des italienischen Ingenieurs Gnglielmo M a r c o n i ist es, die praktische Verwendbarkeit des pbysi« kalischi» Versuchs erkannt zu haben. Das Jahr 1897 bildet einen Markstt n in der menschlichen Kulturgeschichte. Professor S lab y, der a. diesen Versuchen beteiligt war, beschreibt den un- auslöschlichen Eindruck jener Stunden mit den Worten: „Es wird mir eine unvergeßliche Erinnerung bleiben, wie wir, deS starken Windes wegen in einer großen Holzkiste zu Fünfen über- einander gekauert, Augen und Ohren mit gespanntester Aufmerksam« keit auf den Empfangsapparat gerichtet, plötzlich nach Aufhissung des verabredeten Flaggenzeichens das erste Ticken, die ersten deutlichen Morsezeichen vernahmen, lautlos und unsichtbar herübergetragen von jener felsigen, nur in undeutlichen Umrissen wahrnehmbaren Küste, herübergetragen durch jenes unbekannte, geheimnisvolle Mittel, den Aether, der die einzige Brücke bildet zu den Planeten des Weltalls." Der alte Marconische Sender bestand aus einem Kupferdraht, der Antenne, der einfach senkrecht in die Luft geführt wurde wie ein Blitzableiter. Mit seinem unteren Ende war der eine Pol einer Funkenstrecke verbunden, der andere führte zur Erde. Die Funken wurden durch einen Induktionsapparat oder eine Dynamomaschine für Wechselstrom erzeugt. Unter günstigen Verhältnissen konnte man so etwa 100 Kilometer weit telegraphieren, meist wurde aber der Betrieb durch atmosphärische Störungen beeinträchtigt. Eine Ver» größerung des Jnduktlonsapparates oder der Antenne half nichts. es war, wie wenn man«ine Glocke einmal anschlägt, die Glocke mag noch so groß, der Schlag noch so heftig sein, der Ton verklingt bald und trägt nicht weit. Professor Braun in Stratzburg erkannte den grundsätzlichen Fehler, er setzte die Glocke aus einen Resonanzkasten, der den Ton beträchtlich verstärkte und ihn länger dauern ließ. Dieser elektrische Resonanzkasten besteht aus einer Leydener Flasche und einer Induktionsspule, die zusammen einen Schwingungskreis bilden. Beim Ueberspringen des Funkens werden in diesem Kreise Schwingungen erzeugt, die die ursprüng- lichen Schwingungen ganz beträchtlich verstärken, so daß die Antenne weit kräftigere Wellen aussendet, die viel langsamer verklingen und viel weiter tragen. In allen neueren Systemen kehrt der Braunsche Schwingungskreis wieder, er hat erst die drahtlose Telegraphie lebensfähig gemacht. Das sollte nicht vergessen werden. Auch dieses System hatte aber den Fehler, mit gedämpften Wellen zu arbeiten. Der erste, der ungedämpfte Wellen in die drahtlose Telegraphie einführte, war der Täne Paulsen. Er be- nutzte dabei den von Prof. Simon in Göttingen erfundenen tönenden Lichibogen, an dem er einige zweckmäßige Veränderungen anbrachte. Er schloß ihn in eine mit Wasserstoff gefüllte Kugel ein und ließ ihn zwischen den Polen eines Magneten brennen. Wenn man dann parallel zum Lichtbogen einen Braunschen Schwingungskreis schaltet, so fließt in diesem ein Wechselstrom von 2— 300 000 Schwingungen in der Sekunde. Diese Schwingungen sind aber ungedämpfte, weil fortwährend ein Teil der dem Lichtbogen zugeführten Gleichstrom» Energie sich in Wechselstrom verwandelt. Indem man mit dem Braunschen Kreise wie früher eine Antenne verbindet(koppelt), sendet diese wie früher wit dem Funken Aetherwellen aus. Auf diese un- gedämpften Schwingungen lassen sich nun die Apparate viel feiner und zuverlässiger einstellen als auf die von Funken herrührenden. Schon Abweichungen der Wellenlängen von 1 Proz. lassen sich durch Resonanz erkennen. Indessen hat diese Methode eine größere Be- deutung für die drahtlose Telegraphie nicht erlangen können. Die so erzeugten ungedämpften Schwingungen können vor allem nicht zuverlässig mit gleichbleibender Intensität hergestellt werden, es kommen Schwankungen vor, die der Abstimmbarkeit großen Abbruch tun und die Leistungsfähigkeit des Systems auf die der Funken- Methoden herabdrücken. Es war wieder ein deutscher Forscher, der der Technik einen neuen Weg wies, Professor M. Wien in Danzig. Er ging wieder auf den Funken zurück. Während man aber früher möglichst große Funken zu erzeugen versucht hatte, wandte er jetzt ganz kleine an. Man hatte schon früher beobachtet, daß der Funke zwei Arten von SiZbwmgimgen anSlvst, feine eigenen und die der Antemie. Diese Antenne ist getvissermasten eine Stimmgabel, die angestoßen wird und ihren eigenen Ton gibt, also eigene Scbwingungen anSiendet. Diese Schwingungen hatte man aber früher gerade als störend empfunden. Man wollte nur die Funlenscbwingungen b«.mutzen, und suchte diese möglichst dämpfungsirei zu erholten. Die« war um so eher möglich. je höhere Stromstärken man anwandte, denn durch die größere Er- hitzung wurde die Lust besser leitend, der Widerstand der Funken- strecke wurde also verkleinert. Beim Ueberspringen eine? ganz kleinen Funkens wurde der Widerstand schnell so groß, daß eine weitere Schwingung uicht zustande kommt, der Flaschenkreis bleibt dann stmnm. Die mit dem Flaichenkreis fest gekoppelte Autenne wird aber durch dessen eine Schwingung selbst zu Schwingungen angeregt »ind schwingt nun, auch wenn der Flaschenkreis stumm bleibt, mit ihrer eigenen Schwingungszahl weiter. Die Schwingungen einer Antenne allein sind aber sehr wenig gedämpft, denn sie besteht ja »i»r ans guten Leitern, es fehlt der hohe Widerstand einer Funken- strecke. Da bei diesem System der Flaichenkreis der Anrenne bloß den Anstoß zum Schwingen gibt, nennt man die Methode Stoß- Bewegung. Die kleinen Funken, die diese wichtige Erscheinung hervorbringen, heißen Löschfunken. Da nun der Flasthenkreiß gleich „ach der ersten Schwingung ruhig bleibt, so kann man in jeder Sekimde Hunderte Lichtfunken erzeugen, die die Anleime immer wieder zum Schwingen bringen. Mehrere hundert Ladungen und Entladungen, deren jede durch einen Funken gekennzeichnet ist. geben aber einen Ton von bestimmter Höhe-, wird die Funkenzahl ver- doppelt, so hört man den Ton eine Okmve höher. Die Maschine sendet dann also Wellen von bestimmter Tonhöhe aus, die vom Empfangsapparat aufgenommen und in einem Telephon abgehört werden. Man bezeichnet dies System daher als. System der tönenden Funken Mit diesem System wurde eine ganz be- deuteirde ÄraflersparniS erzielt, während eS früher kaum gelang. LO Proz. der ursprünglichen Energie in Schwingungen untzusetzen, brachte es das neue System bis aus 50 Proz. Das Ideal blieb aber doch die Erzeugung der Schwingungen dmcch eine Maschine, um größmiögltckst« Auverlätfigkeit zu erzielen. Dieser Wunsch scheint nun durch die neu« G o l d s ch m i d t sche Maschine seiner Erfüllung nahe gebracht zu sein. Diese ist ent- standen aus«iirer gewöhnlichen Dynamomaschine für Wechsel- ström, bei der aber eine sonst sehr störende Nebenerscheinung zur Hauxisache gemacht und nach Möglichkeit ausgebildet ist. Eine Wcchselstrommaschine besteht aus einem hohen, feststebcndeu Eisen- Zylinder, der an der Innenseite gleichmäßig verteilte LängS- Vertiefungen,.Nuten', besttzi, in die Drähte eingelegt werde». Im Innern dieses Zylinders dreht sich ein Nad, das mit Elektromagneten besetzt ist. In den Drähten werden durch elektromagnetische �Induktion Spannungen erzeugt, die von verschiedener Richtung fiud, je nachdem sie von einem Nord- oder Südpol Herrübren. In einem Drahtkreise fließt also ein Wechselstrom, dessen Schwingungszohl von der Zahl der Pole und der UmdrebungSzahl der Maschine abhängt. meistens ist sie 50 pro Sekunde. Diese Schwingungen, deren Anzahl wir durch den Buchstaben m bezeichnen wollen, wirken auf die um- laufenden Elektromagnete zurück und erzeugen in ihnen Schwingungen von der Anzahl 2 m, also etwa 100 in der gewöhnlichen Licht- mafchine. Diese 2 m Schwingungen üben nun wieder ihrerseits eine Rückwirkung auf den feststehenden Teil aus und erzeugen in ihm L m Schwingungen. Theoretisch läßt sich das bis inS unendliche steigern. In der gewöhnlichen Maschine werden diese.Ober- schwingungen' aber so stark gedämpft, daß sie kaum bemerkbar find. Bei der Goldschmidtschen Maschine nun ist die Anordnung derartig getroffen, daß diese Oberschwingungeu extra hervor- gerufen und nach Möglichkeit gesteigert werden. Dabei wird auch die Erscheinung der elelnriichen Resonanz benutzt. Wenn in einem Resonanzlafien eine Anzahl Töne erklingen, wird der besonders verftärll. der dem Eigenlon des Resonaozkastens ent- spricht. Wenn man sich statt des Resonanzlastens ein« Leydener Flasche und eine Jnduknonsspule denkt, so hat man die Goldschmidtsche Maschine. Diese ist gewissermaßen ein Raum. in dem Töne von verschiedener Schwingungszohl erklingen, mit Hilfe der Resonanzeinricktungen werden die für drahtlose Telegraph ie geeigneten herausgesiebt und verstärkt. Seit April»»«rden in der Gerfuchöstatiou der C. Lorenz A.-G in Eberswalde Berfuche an einer derartigen Maschine gemacht. Die von der Maschine gelieferten elektrischen Wellen stellen eine Leistung von 17 Pierdekrästen dar, die antreibende Dampfmaschine brauch! etwa 21 Pferdekrüste, was dem hohen Wirkungsgrade von 80 Proz. entspricht. Räch Gold- schmidls Angaben bereitet es keine Schwierigkeiten, Maschinen für 80, 100 Pferdekrästen und mehr herzustellen. Man könnte dann eine Energie in Wellen erzeugen, die eine große Reichweite und große llnempstndUchkeit gegen atmosphärische Störungen ergeben würde. Dann hätte vielleicht doch endlich das letzte Slüudleu» der Äabel geschlagen. iL Kleines feuilleton. Astronomisches. Reue Weltwunder im Sonnensystem. Die Mehr- iheit der Menschen hat noch gar keinen Begriff davon, daß wahrend Berantwortl. Redakteur: Haus Weder, Berlia.— Druck u. Perlag der letzten Jahre auch ln der Nstronomie Entdeckungen gemacht worden sind, die eine Umwälzung in den bisherigen Anschauungen ahnen lassen. Ganz besonders und zunächst wird das Sonnen- system davon betroffen werden. Professor Turner, der hervor- ragende Astronom der alten Universität Cambridge, hat in einer große« Rede vor der Mathematischen Bereinigung in diesem Januar die gegenwärtige Sachlage für seine Wipcnschaft zusammenge- faßt. Die erste Erschütterung der bestehenden Anschauungen ging von der Entdeckung des neunten Saturumondes aus. Bis dahin waren acht Monde dieses Planeten bekannt geworden, die keine besonderen Eigenschaften auswiesen. Der Trabant aber, den Profesior Pickering von der Harbardsternwarte etwa vor einem Jahrzehnt durch Permittelung der Photographie auffand, stellte sich als ein ganz wunderbares Ding heraus. Er bewegte sich nämlich in umgekehrter Richtung um den Saturn wie alle anderen acht Monde und tvk der Planet um die Sonne selbst. Während man bis dahin im ganzen Sonnensystem überhaupt nur eine Bewegungsrichtung, sei es der Planeten um die Sonne, sei es der Monde um die Pla- neten kennen gelernt hatte, war hier das erste Beispiel einer ge- wissen rückläufigen Bewegung gegeben und damit ein Gesetz durch- brachen, das für das ganze Sonnensystem zu gelten schien. Pro- fessor Pickering erklarte diese erstaunliche Tatsache durch die An- nähme, daß dieser neunte Mond des Saturn, der als der äm wei- testen entfernte wohl auch der älteste ist, zu einer Zeit von dem mütterlichen Planeten geboren wurde, als dieser selbst sich in um- gelehrter Richtung um die Sonne bewegte wie jetzt. Immerhin blieb die Sache so erstaunlich, daß sie eine große Anzahl von Himmclsforschernen 8 bis 8 Stunden unverändert und lebend zu erhalten. Ihre Lebensäußerungen weichen von denen der andere» Blutkörperchen ab. Sie bewegen sich nicht wie diese nach Art der einzelligen Urtiere, schieben sich aber in Krümmungen und OSzilla- tionen dauernd hin und her. Die Form von Scheiben und Plättchen nehmen sie erst an, wenn sich bereits eine Zersetzung bei ihnen zu zeigen begonnen hat. Im Sundeblut find in einem Kubikmillimeter 400 000 solcher Blutplättchen gezählt worden. Das erscheint alS eine große Zahl, ist aber wenig im Vergleich zu der Menge der roten Blutkörperchen, von denen in einem Kubikmillimeter Mm- sthenblut 4— b Millionen enthalten sind. Di« Annahme, daß diese Bestandteile des BluteS Jugen-dformen der roten Blutkörperchen seien, ist durch die neuesten Forschungen zurückgewiesen worden. Ebensowenig hat es sich bestätigt, daß sie auf Kosten der tvelßül Blutkörperchen entstehen. SS muß immer noch einfach zugestanden werden, daß man Ursprung und Bildung der Blutplättchen noch nicht zu erklären vermocht hat. vorwärtsBuchdruckereiu.BerlagsanstaltPaulSingertCo.,BerlinLVV7