Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 43. Donnerstag, den 2. März. 1911 KJlaitttuä(nisten.)! 43] pelle der Gröberen Roman von Martin Andersen Nexö. In Kongstrups Arbeitszimmer bekam Hans Peter seine Tracht Prügel, so daß man es hören konnte. Tann wurde er in den Hof hinausgestoßen und ging dort brüllend und be- ischämt umher, bis er mit Pelle hinter dem Kuhstall zu spielen anfing. Mit Bodil ging man strenger ins Gericht. Der fremde Bauer verlangte offenbar, daß sie sofort weg sollte: denn Kongstrup war ja im Grunde nicht hart. Sie mußte ihre Sachen packen und wurde am Nachmittag vom Hof herunter- gefahren. Sie sah so sanft und gut aus wie immer, sie glich ganz einem Mnde des Himmelreichs, als sie davonfuhr— hätte man es nicht anders gewußt. Am nächsten Morgen stand Gustavs Bett leer. Gr war Wie weggeweht— mit Kiste, Holzschuhen und allem. Lasse betrachtete das Ganze mit dem nachsichtigen Lächeln eines Mannes— Kinderstreicho? Nun fehlte nur noch, daß Sfarna ihren dicken Körper eines Nachts durch das Kellerfenster klemmte, um ebenfalls wie ein Nauch zu verschwinden— auf her Jagd nach Gustav. Dies geschah nun freilich nicht. Aber sie ward wieder »nild in ihrem Sinne Lasse gegenüber, fragte nach seiner und Melles Kleidern und wollte ihnen gern etwas zugute tun. Lasse war nicht blind, er sah sehr wohl, wo das hinaus- wollte, und ein Gefühl der Macht überkam ihn. Jeht waren (ba zwei, die er kriegen konnte, wenn er nur wollte: wenn er «nur die Hand ausstreckte, griffen die Frauenzimmer danach. Gr ging jeden Tag in einem Festrausch umher, und es gab Tage, wo er so hoch war, daß es unbändig in ihm flüsterte, er solle doch zugreifen. S>a war er sein Lebelang so sittsam vuf der Erde umhergegangen, hatte feine Pflicht getan und sein Leben in braver Anständigkeit gelebt! Warum sollte er nicht auch einmal hinten ausschlagen— und versuchen durch die brennenden Reifen zu springen? Es lag eine lockende Kraft- Entfaltung darin. Aber das Rechtschaffene in ihm siegte. Er hatte sich immer W dem gehalten, was die heilige Schrift gebot, und dabei wollte er auch bleiben. Das andere war nur für die Großen— für Abraham, von dem Pelle angefangen hatte zu erzählen, und für Kongstrup. Pelle sollte auch lieber niemals Anlaß haben, seinem Vater nach der Richtung hin etwas nachzusagen: er wollte rein vor seinem Kinde dastehen und ihm in die Augen Schen können, ohne zu blinzeln. Und dann— ja, der Gedanke aran, wie die beiden Frauen es auffassen würden, wenn es herauskam, konnte offengestanden, Lasse dazu bringen, mit feinen roten Augen zu zwinkern und den Kopf zu ducken. Ä q- Mitte März kam Frau Kongstrup unerwartet zurück. Ihr Mann hatte sich ganz gemütlich ohne sie eingerichtet, und sie kam ihm wohl ziemlich überraschend. Die blonde Marie wurde sofort in die Braustube hinuntergeschickt: wenn sie nicht ganz weggejagt wurde, so geschah das wohl, weil die Mägde knapp waren, seit man Bodil weggejagt hatte. Frau 5t'ongstrup hatte eine junge Verwandte mitgebracht, die ihr Gesellschaft leisten und ihr im Hause zur Hand gehen sollte. Es schien auch alles sehr gut zu gehen. Kongstrup hielt sich ans Haus und war solide. Die drei fuhren zusammen aus, und es war eine Lust zu sehen, wie sich Frau Kongstrup an seinen Arm hängte, wenn sie aus waren und dem jungen Mädchen die Umgebung des Gutes zeigten. Es war leicht zu sehen, warum sie zurückgekommen war— sie konnte nicht ohne jthn leben! Aber Kongstrup schien nicht annähernd so froh darüber &U sein: er hatte seine Ausgelassenheit an den Nagel gehängt and sich mehr zurückgezogen. Wenn er sich so im Freien be- wegte, konnte es wohl so aussehen, als laure ihm etwas Un- sichtbares auf, vor dessen Ueberrumpelung er sich fürchtete. DieS Unsichtbare streckte auch nach den anderen die Hände aus. Frau Kongstrup griff niemals strenge in irgend etwas ein, weder offen noch auf Umwegen: und doch fühlte man Aberall einen Druck. Man bewegte sich nicht mehr so frei über den Hof, sondern sah verstohlen zu den hohen Fenstern hinaus und eilte vorüber. Die Luft bekam wieder das drückende, das unwillig und beengt und schlechter Laune machte. Das Rätsel legte sich wieder schwer auf das Dach von Stengarden. Der Hof war seit Generationen die zeitliche Wohlfahrt oder das Unglück so vieler gewesen— er war darauf aufgebaut: dahin zogen noch immer die meisten Gedanken, Das Dunkle— der Schrecken, das Unheimliche, die»Maren Ahnungen, daß es Mächte gab, die Uebles wollten— war so daran gewöhnt, den Weg einzuschlagen, als ginge es auf den Kirchhos. Und nun zog es sich über dieser Frau zusammen, die einet» so schweren Schatten hatte, daß sich alles erhellte, sobald sie sich entfernte. Ihr ewig jammerndes Auflehnen gegen das Unrecht, das ihr geschah, wirkte verfinsternd und zog all das Schwere mit sich. Sie kehrte nicht einmal zurück, um sich unter das zu beugen, was nun einmal nicht anders sein konnte,— sondern um mit erneuter Stärke fortzufahren. Entbehren konnte sie ihn nicht, ebenso wenig aber konnte sie ihm etwas Gutes bieten: sie glich den Wesen, die nur im Feuer leben und atmen können und doch jammern, wenn sie sich darin be. finden. Sie wand sich in den Flammen und unterhielt sie doch— die blonde Marie war ihr Werk, und nun hatte sie die junge Verwandte ins Hau? gebracht. So kam sie ihm ent- gegen, um dann das Haus über ihm mit ihrer Klage erzittern zu machen. Eine solche Liebe war nicht Gottes Werk: böse Mächtie hausten in ihr. 17. Hu, wie schneidendkalt es war! Pelle befand sich auf dem Wege zur Schule, er warf sich im Juckeltrab dem Sturm ent» gegen. Bei dem großen Dornbusch stand Rud und wartete: er schloß sich ihm an, und sie liefen nebeneinander wie zwei ermattete Gäule, schnaubend und mit gesenkten Köpfen. Der Kragen der Jacke war über die Ohren hinaufgezogen, und die Hände schlüpften unter den Hosenbund hinein, um Anteil an der Körperwärme zu haben: Pelles Jackenärmcl waren zu kurz, seine Handgelenke waren violet vor Kälte._ Sie sagten nicht viel, sondern liefen nur: der Sturm schnappte ihnen sofort die Worte vom Munde weg und stopfte ihn mit Hagel, es war nicht möglich, Lust genug zum Laufen zu schöpfen oder ein Auge aufzumachen. Jeden Augenblick mußten sie stehen bleiben und den Rücken gegen das Wetter stemmen, während sie die Lungen füllten und warmen Atem über das gefühllose Gesicht hinaufbliesen. Das Schlimmste war der Uebergang, ehe man so recht gegen den Wind anlief und wieder in Tritt kam. Die drei Viertelmeilen nahmen ein Ende, und die Knaben bogen in das Fischerdorf ein. Hier unten am Strande war es beinahe geschützt, das empörte Meer brach den Wind. Es war nicht viel von der See zu sehen: das, was hier und da aus den Böen hervorguckte, kam wie eine wandernde Mauer und stürzte brüllend zusammen in wcißgrünem Strudel. Der Wind riß die Kämme der Wellen in wütendem Rütteln ab und führte salzigen Regen über das Land. Der Lehrer war nicht gekommen. Oben neben dem Pult stand Nilen, er war damit beschäftigt, es mit einem Nach- schlüssel zu öffnen, um einer Pfeife habhaft zu werden, die Fris in der Stunde beschlagnahmt hatte.„Hier ist Dein Messer!" rief er und warf Pelle ein Dolchmesser hinüber, das dieser schnell einsteckte. Einige Bauernjungen schütteten Kohlen in den Ofen, der schon im voraus glühend war, an den Fenstern saß eine Schar Mädchen, sie überhörten einander Ge- sangverse. Draußen brauste das Meer unaufhörlich ans Ufer und brach zusammen: wenn sein Dröhnen einen Augenblick sank, stiegen wilde Knabenstimmen auf. Alle Jungen aus dem ganzen Dorf liefen da draußen am Strande, sie sprangen in die Brandung und wieder heraus, obwohl sie aussah, als wolle sie sie zerschellen und zogen Wrackholz an Land. Pelle war kaum aufgetaut, als Nielen ihn mit hinaus- triezte. Die meisten von den Jungen waren klatschnaß, aber sie lachten und dampften vor Eifer. Einer von ihnen hatte das Namensbrett eines Schiffes geborgen— Die Einfalt stand da. Sie bildeten einen 5kreis darum und ergingen sich in schlagfertigem Ton über die Art und Heimat des Schisses. _ y | „Tann ist daS Schiff also uniergegangen." sagte Pelle erm'thast. Tie anderen antworteten nicht, es war zu selbst- verständlich. »Ja," sagte ein Knrbe zögenrd,„das Namensbrett kann sa auck) von den Wellen abgerissen sein; es ist ja nur festgc- nagelt gewesen." Sie untersuchten es nochmals sorgfältig— Pelle konnte nichts Besonderes daran entdecken. „Ich glaub nu eigentlich, die Mannschaft hat es abgc- rissen und es in die See geworfen— der eine Nagel is aus- gezogen." sagte Nilen und nickte geheimnisvoll. „Warum sollten sie das woll tun?" fragte Pelle un- gläubig. „Weil sie den Kapitän totgeschlagen und selbst das Kam- mando übernommen haben. Tu Schaff Tann taufen sie ganz einfach die Schute um und segeln als Seeräuber." Die andern Jungen bestätigten das mit Augen, die von?lbenteurerlust funkelten— der Vater von diesem hatte es erzählt, und der Vater von jenem war sogar mit dabei gewesen. Er Hatto ja natürlich nich gewollt, aber da wurd er ganz einfach an den Mast gebunden, als die Meuterei losging. An einem Tag wie heute war Pelle der Kleine nach jeder Richtung hin. Das Toben des Meeres bedrückte ihn und machte ihn unsicher: aber die anderen waren so recht in ihrem Ele- ment. Sie bemächtigten sich der ganzen llnheimlichkcit des Meeres und ließen sie übertrieben in ihren Vorstellungen wiederkehren, alle Schrecken der See häuften sie spielend am Strande zusammen: Schiffe, die mit Mann und Maus unter- gingen oder an den Fclsriffen strandeten, angeriebene Leichen lagen in der Brandung und rollten hin und her, ertrunkene Männer in Secsticfcln und Südwester kamen um Mitternacht aus der See gestiegen und stampften mitten in die kleinen Swbcn im Torf hinein, um ihren Heimgang anzusagen. Sie verweilten bei alledem mit einem Ernst, der von innerer Iren de strahlte— als sängen sie Lobgesänge zu Ehren des Gewaltigen. Aber Pelle stand außerhalb des Ganzen und kam sich feige vor bei ihren Erzählungen. Er hielt sich hinter den anderen und wünschte, er könne den großen Stier hier herunterziehen und ihn zwischen sie loslassen. Tann sollten sie schutzsuchend zu ihm fliehen! (Fortsetzung folgt.)! r?!achk>ruir icticftn.J Die ßurg cles Glücks. Von AlfredScmerau. Ter unheimliche Schrei jagte den Herzog aus dem ersten Schlaf.„Barmherzigkeit!" hallte eS, wie sein Bater gerufen, da ihm die Dolche der Verschwörer das Leben zerschnitten. Mit einem Sprung war Ghismondo am Fenster der Kammer, die hoch von der Burg auf die Ebene hinaussah Da bewegte sich unter dunkelblauem, in Sternen dämmerndem Himmel, an dem der Mond wie ein silberner Siundschild hing, ein Gciflerzug durch die schwüle Julinacht. Vorauf schwankten Kreuze und hingen Fahnen in schweren Falten, dann kamen, Fackeln in den Händen, die Geißler, zu dreien und vieren in weißem Gewand, baZ von den Hüften auf die bloßen Füße kose herniederhing, die matt wie Elfenbein schimmernden Leiber von den Stacheln der Geißeln zerrissen, die pfeifend durch die Lüfte schwirrten und ihre Blutbahncn durch die zuckenden Leiber zogen. Gleich ruhelosen Seelen, auf ein Stündlein den Gluten des Fegefeuers entronnen, schleppten sie die Kette ihrer Sünden klagend durch die Finsternis und schrien nach Gottes Barmherzigkeit. Mit den Fäusten häm- Merten sie die Brüste und sangen: Nun recket auf all Eure Hände, Daß Gott dies große Sterben wende k Mahnend und drohend wie die Posaunen des letzten Tages scholl es zur Burg herüber. Ghismondo sah ihnen mit scheuen Augen nach, wie sie sich in der Ferne verloren. Vor ihm stieg ein anderes Bild auf. das er vor Monatsfrist erblickt hatte. Da wand sich unter lastender Sonncnglut nicht weit von der Burg am Saum des Olivenwaldes eine Geißlerschar mit in- brünstigen Hymnen durch den brennenden Tag. Mit einem Male hallte es wie Donner, der fromme Zug zerstob in wilder Flucht, die Kreuze rissen den Boden auf und die Fahnen schleppten im Staub.... GhiZmondoS Vetter. Ceceo, durch daS Bußgeplärr geärgert, hatte die Bombanden lösen lassen und die Feldschlangen öffneten ihre Feuermäuler nach der Ebene. Mit verschränkten Arme», ei» herzliches Gelächter durch die vollen Lippen stoßend, stand Ceceo auf dem Turm, als der erschreckte Ghismondo ihn erreichte. Drunten in der Ferne reckten sich wütend hagere Arme gegen Cccco und ohnmächtige Flüche flogen von erblaßten Lippen. Seit jenem Tag bis heute Nacht war kein Wallfahrer«ehr von der Burg gesehen worden. Diesmal überfiel den Geißlerzug keine Feldschlange, denn Ceceo bankettierte lärmend im Spiegel» saal, an seinen Seiten die beiden üppigen Römerinnen, die ihn» die Einsamkeit der Burg belebten. Ehe der Zug im Dunkel verschwand, löste sich— oder schien es dem Herzog nur so?— von ihm eine Gestalt, zart wie ein Schatten. Mit eilenden Füßen schwebte sie über die Ebene und tauchte unter in die Maisfelder und Weingärten. Ghismondo spähte dem Schemen nach, aber die Fackeln der Geißler waren von der Finsternis aufgesogen, und nur das Mondlicht flutete in blassen Strömen über die Ebene. Der Herzog wandte sich und trat aus dem dämmernden Ge» mach. Omer vor'der Schwelle der Borkammer, wie ein müder Hund, lag in tiefem Schlaf ein Diener. Leichten Fußes stieg der Herzog über ihn fort und war nach wenigen Schritten in einem von Fackeln erhellten Gang, der auf dem Burghof führte, und in dem zuckende Lichter auf Rüstungen und Schwertern spielten. Leise ging er an den schlummernden Wachen vorüber, die lässig, die Hellebarden im Arm. an den Wänden lehnten. Im Burghof lag, von eisernem Gitter umzäunt, auf den Steinen ein Aschenberg von dem Loderfeuer, das jeden Tag auf des Arztes Simone Geheiß entzündet ward, um die Übeln Dünste, die die Pejt mit sich brachte, fernzuhalten. Reben dem großen Hügel senkte sich der verschüttete Brunnen, aus dem es Ghismondo wie Blutgeruch aufzusteigen schien. Hier hinein hatte sein Ahn Pino Daddei die großen Herren des Landes werfen lassen, nachdem sie bei einem Prunkmahl, das er ihnen zu Ehren gab, erdrosselt worden lvaren. Ghismondo erschauerte in der warmen Luft, die dick wie in einem Treidhause stand. Er meinte die verzerrten Lippen der Sterbenden zu sehen und ihr angstvolles Stöhnen aus der Tief« zu hören. Dies vom Henker beendete Bankett gründete die Macht der Daddei. Pino hatte die Gemeuchelten gewaltsam beerbt. Ihre Geschlechter wurden wie Unkraut ausgerottet, die Kinder in der Wiege verblichen unter dem Griff der Würger. Danach ließ Pino das kleine Kastell, das auf rotem Fels sich erhob, dessen Fuß Wein» berge, Mandel» und Feigenbäume umkränzten, niederreißen und von einem Florentiner einen Palast mit zackigen Zinnen und starken Türmen bauen und nannte ihn als Zeichen seiner Macht und Größe: die Burg des Glücks. Bon den Bergen bis zum Meer gebot seine gepanzerte Hand und lag schwer auf dem seufzenden Lande. Wie ein Riese, dessen Fabeltatcn die Dichtung der Borzeit besingt, stand Pino vor GhiSmondo. Alles war ihm Untertan und lag zu seinen Füßen. die größten Kriegssührer und die schönsten Frauen. Gleich einem reizvolle», ihm widerstrebenden Weibe zwang Pino Leben und Schicksal zu seinem Willen. Bor ihm erblaßten alle andern Daddei wie Schemen um die Mittagssonne. In schlaflosen Nächten stieg Ghismondo der Wunsch auf: „Wärest du wie er!" Er lag vor dem Bilde deS Ahnen im Staub wie vor einer Gottheit, in Demut und Anbetung. Ter purpurne Lebcnsstrom, der feurig und stark durch PinoS Herz brauste, war in den Adern des Enkels und Letzten der Daddei zu einem dünnen farblosen Gerinsel geworden. Ein feiner bleicher Knabe war GhiSmondo, unter Aufruhr und Verschwörung scheu und still herangewachsen. Den Bater trafen beim Hochamt im Tom die Dolche der Rebellen, mit ihm den ältern Bruder, die Mutter ward durch Feigen vergiftet. Ihn selbst rettete durch«inen rasenden Ritt auS der emvörten Stadt der alte Piero nach der Burg des Glücks, wo er weilte, bis der Aufruhr verebbt war und die Berschwörer erdrosselt an den Fenstern d?Z Palastes hingen. Dann führte man ihn Triumvh zurück; mit Palmen und Oclzweigcn traten ihm am Siadtor die Männer cnt- gegen, von den Fenstern und teppichbehangenen Ballonen riefen ihm die Frauen Glück zu, wie er, im füritlichen Schmuck, auf tänzelndem Rappen, bangen Auges in die verödete Residenz der Daddei einzog. Mit Pinos Tod war auch sein Reich zerfallen, die bösen Nach» barn warteten nur auf sein Erlöschen, um über daS Land wie gierige Hunde über verendetes Edelwild herzufallen und es za zerreißen. Ghismondo war kaum mehr als seine alte Stadt am Meer und die Burg des Glücks geblieben. Seine schönsten stunden verträumte er auf der Loggia des Palastes, von der er auf das unter blauem Sonnenglanz sich in die Unendlichkeit weitende Meer blickte, auf dem gelbe und rot« Talma» tinersegcl dahinglitten. Eine süße Müdigkeit in seinen Gliedern, wie ein Genesender, lag er läisig im Sessel, die schmalen Finger auf de» Drachenköpfen der Lehnen. Warmer Wind streichelte liebkosend wie zarte Frauenhand seine blaffen Wangen, und seine Sehnsucht erhob sich auf mächtigen Schwingen. Ihn verlangte nach einer lveichen Bcust, an die er glücklich daS Haupt schmiegen konnte, nach Augen, die sich zärtlich in die seinen senkten, nach Armen, die ihn liebreich umfingen, denn ihn bangte vor dem Leben, das für ihn ein enger, finsterer Kerker war. Bei jedem'Schritt meinte er seine Fesseln klirren zu hören. Er atmete mit bedrückter Brust, wie in der unheimlichen Stille, die einem alles Leben vernichtenden Wetter voraufgeht. Er fühlte sich umlauert und umdroht, und seine Hand fuhr nach dem Dolch, wenn der leise Schritt eines Dieners nahte. Wie sehr er aber auch die Liebe ersehnte, so fürchtete er sie doch als sein den Tod bringendes Schicksal. Die blitzenden Augen der Frauen dünkten ihn geschliffene Dolche, ihre dustenden Lippen sützer Gifttrank. ihr derhcißcndes Lächeln lockendes Verderben. Cecco stietz ihn in die vollen Arme rotwangiger Dirnen, die ihn lachend umschlangen, denen er sich aber angstvoll entwand. In der einsamen Loggia, an deren schlanken Marmorsäulen blaue Glyzinen emporklettertcn, träumte er von der Liebe, einem Rätsel, das er nie lösen würde. Er entsann sich der Worte des greisen Philosophen Dati: „Die Liebe ist die Sehnsucht nach der Schönheit. Wer wahrhaft liebt, den stößt alles Fehlerhafte und Unschöne ab. Die Schönheit von Antlitz und Seele der Geliebten bestimmt und leitet uns im Suchen nach der Schönheit anderer Tinge, im Aufsteigen zur Tugend, die auf Erden wie im Himmel Schönheit ist. im endlichen Erreichen der höchsten Schönheit, nämlich der Gottheit, unseres Ziel- und Ruhepunktes." Indes Dati so in einem verschwiegenen Rosenboskett des Schlotzgartcns sprach, trug laue Luft dem Herzog eine Duftwoge zu, süß und berauschend, und Ghismondo nahm behutsam eine sich eben öffnende Knospe zwischen die schlanken Finger und blickte zu Dati in stummer Frage:„Kannst Du diese Rose erklären, ihren wundersamen Atem, ihren seidenen Blätterschmelz?" Dati aber verstand ihn nicht und sprach mit welken Lippen bedachtsam wie von der Lehrkanzel herab weiter:„Die notwendigen Bedingungen einer wahren, würdigen, hohen Liebe dünken mich von zweierlei Art. vorerst, daß der Gegenstand ein einziger, sodann. daß die Liebe beständig sei. Diese Bedingungen völlig zu erfüllen, ist nicht allen gegeben; während nur wenige Frauen die hohe Kraft besitzen, die Männer so ganz an sich zu ketten, daß sie diese beiden Bedingungen nicht verletzen, ohne die es keine wahre Liebe gibt." Da hallte ein federnder Fuß, in den Schatten trat Eecco, und lichterfüllten Auges rief er:„Liebe, Messer Dati? Liebe ist zehrende Flamme, ist sengende Glut, ist himmlische Pein." Mit Parker Faust griff er in den Rosenbusch, riß einen Strauß empor und ließ ihn aus der gebreiteten Hand sacht zur Erde hinsinken: »Liebe ist Rosen und Blut." Verwirrt und erschreckt wandte sich Ghismondo ab. Gab es nur jene von aller Erdenschwere befreite und diese mit allen Sinnen in der Erde wurzelnde Liebe, gab es keine Liebe, sanft wie eine Mutter und zärtlich wie eine Geliebte zugleich. Der Herzog grübelte darüber bis zu jenem Tage, da die feuer- rote Wolke von jenseits des MeereS kam und die Sonne verdunkelte, da das Meer sich in brausenden Wellen erhob, die Luft wie vom Getöse einer Geisterschlacht erzitterte, und unter zuckenden Blitzen und rollenden Donnern ein Regen, rötlich wie Blut, hernieder- rauschte. Und am Abend dieses Tages kani das Griechcnschiff mit Seide aus Bvzanz. Wie die Ballen entladen wurden, erhob sich aus dem letzten Winkel ein Fahrgast, dessen niemand bisher gewahr geworden, und ging ans Land, auch jetzt noch unsichtbar. Als die flinken, braunen Finger der Griechen die schimmernden Stoffe entfalteten und sie den begehrlich sie musternden Frauen zumaßen, stand der Passagier neben den Händlern und fuhr mit knochiger Hand über das leise knisternde Geioebe. Am nächsten Tage sah entsetzt die blonde Fsotta Leoni, als sie dem Bad entstieg, aus ihrer linken Brust neben der Achsel einige brandrote Bläschen in bläulichdunklem Kreis, und nach zwei Nächten ward an der Tür ihres Hauses ein Kreuz gezeichnet und der Klopfer mit weißem Tuch umwunden zum Zeichen, daß hier der Schwarze Tod Einkehr gehalten. Und von hier ging er weiter durch alle Gassen, in alle.Häuser, und da er selbst die Treppe des Herzogs- Palastes hinauffchritt, floh Gbismondo geängstigt aus der verödeten Stadt nach der Burg des Glücks, und in solcher Hast, daß der alte Piero sein Enkelkind Bianca zurücklassen mußte. Niemand durfte der Burg bei Todesstrafe auf zwei Miglien nahen. Die Zugbrücke über den in braunem Wasser stehenden Graben ward aufgezogen. Lebensmittel sicherten die Burg wie gegen eine monatelange Belagerung, und von den Bastionen reckten die Feldschlangen ihre Mäuler allen Nahenden drohend entgegen. Auf dem Turm aber als Pestwächter saß Piero. der noch unter Pino gegen den Papst und Venedig gekämpft hatte und jetzt auf hoher Warte Lugaus nach dem unerbittlichen Feind hielt. Wo einst der Ahn mächtig gewesen und stolz über das Land geblickt, da weilte nun ängstlich der Enkel und spähte blaß, ob kein Unheil der Burg nahe. Oft schreckte ihn ein Traumbild aus dem Schlaf; dann tastete er sich ruhelos durch die dunkeln Gänge, in denen Verschwörer unheimlich geflüstert hatten, durch die Bogen- hallen, in denen noch das Echo von Todesfchreien und erstickten Seufzern zu schweben schien, über den finstern Burghof, und suchte Zuflucht bei dem alten Piero. Erklang da nicht ein Ruf?... Scheu wich Ghismondo vom Brunnen zurück. Wie aus der Tiefe kam es, von ferne, als brächen Mauern den Schall der Stimme.... Ter Herzog bog lauschend den Kops vor. Vom Spiegelsaal im Osten der Burg drang ein freches Lied CeccoS zu ihm hin und danach ein Gelackter, voll und klingend. Fhm zu entfliehe» eilte er über den Hof und tauchte in die Finsternis eines schmalen Ganges, wo eine enge Treppe zu Piero emporführte. An breiten Luken, neben denen in eisernen Ringen Seile hingen, an denen man sich, war die Burg erobert, in die Freiheit retten konnte, an Mauerlöchern, burch die die Lust schiSK und dick quoll, stieg er aufwärts.. Da erscholl, diesmal klar, ein Hilferuf. Ghismondo hielt inn«! und sah durch eine Luke hinab. Aus dem Schatten am Fuß der Mauer rief es, und eine feinS Gestalt, in das Zwielicht tretend, reckte die Arme, wie um empo« gehoben zu werden.• »Wer bist Du?"—„Bianca!"—„Wen suchst Du?"—„Deni alten Piero!"—„Woher kommst Du?"—„Aus der Stadt." Wie Vögel in die Höhe und Tiefe flogen Frage und Antwort. Ghis- mondo zögerte. DaS junge Blut da unten floh vor der Pest, wis er sich vor ihr geflüchtet hatte. Wenn aber nun mit ihr die Unheime liche selbst kam? (Schluß folgt.) fünfzigjahre deutfcbcs Rcttungö- wcfcn. 1861— 2. März— 1911, Von Emil Matthiesett. Der Ausgang des heurigen an Stürmen und Schiffsunfällen überreichen Winters bringt am 2. März die fünfzigste Wieder- kehr des denkwürdigen Tages, an dem zu«Emden die erste auf deutschem Boden gegründete Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchi- gcr zustande kam. Kurz vorhergegangene Ereignisse der traurigste» Art hatten endlich das schlafende öffentliche Gewissen wackgerüttelt und den Anstoß zur Schaffung von Werken tätiger Menschenliebs gegeben, die eigentlich schon längst als selbstverständliche Pflicht hätten betrachtet werden müssen, um so mehr, als andere Schiff- fahrt treibende Nationen bereits mit gutem Beispiel vorangegangen waren und die Errichtung von Rettungsstationen an den Küsten ja auch im ureigensten Interesse der seemännischen Bevölkerung und des großen Kreises der auf sie angewiesenen Reedereien und an« derer kaufmännischer Unternehmungen lag. Vor Spiekeroog, der zweiten ostfriesischen Insel, die die von Bremen ausreisenden Schiffe auf der Amerikafahrt zu passieren haben, war bei starkem Nordwestfwrm das große, von Kapitän Oldejahns geführte Auswandcrerjchiff„Johanna" gestrandet, und von den an Bord befindlichen 206 Personen waren mehr als 80 — vorwiegend Frauen und Kinder— die bei dem Vorhandensein von Rettungsbooten und Nakctenapparaten sicher hätten gerettet werden können, nach langem und qualvollem Kampfe mit den über das Wrack dahinrasenden Sturzseen in das kalte Wellengrab fort- gespült worden. Durch ganz Deutschland ging damals ein Schrei des Entsetzens und das Gefühl tiefer Beschämung über den Mangel an Rettungsstationen. Fast überall aber zollte man, wie der Histo- riker und spatere deutsche Generalkonsul in New Aork, Dr. Her- mann Schumacher, es treffend ausdrückte, nur ein ohnmächtiges Bedauern dem jähen Tode der Seefahrer, dem Untergang von Schiffen auf hohem Meere und in den Küstengewässern. Man sah darin Uebel, die untrennbar mit der Schiffahrt verbunden waren. Ins Inland verirrte sich nur selten die Kunde von Seenot und Schiffbruch, und jeder hielt es hier für selbstverständlich, daß leider das ferne Meer zahlreiche Menschenleben fordere, da es eben der Weg über die Wogen unsicherer sei als der über das feste Land. Um den Stein ins Rollen zu bringen, mußte erst noch ein zweites Seennglück«intreten, das die Vernachlässigung des Ret- tungswesens an den Küsten in grelle Beleuchtung setzte. An» 10. September 1866 lief aus Emden die telegraphische Nachricht durch Deutschland, daß an der Westseite der Insel Borkum, dort, wo sich der gleichnamige Ort befindet, die hannoversche Brigg „Alliance", mit Kohlen von England nach Geestemünde unterwegs, aufgelaufen und mit der ganzen Besatzung untergegangen sei. Man erinnerte sich nun mit einem Male, daß schon im 18. Jahrhundert ein Kolberger Tuchmacher, namens Ehrgott Friedrich Schaefer, mit dem Plane hervorgetreten war, den auf einem Wrack befindlichen Schiffbrüchigen ein an einer Kanonenkugel bc- festigtes Seil zuzuschießen, um auf diese Weise mittels eines hin- und hergezogenen zweiten Seiles die Bedrohten zu retten, daß dia erfinderische Idee aber durch die sie begutachtenden Artillerieoffi, ziere Friedrichs II. als„nicht praktikabel"«erworfcn worden war. Man wies darauf hin, daß schon 1770 in Amsterdam die erste Ge- sellschaft zur Rettung Ertrinkender ins Leben getreten war, daß man in England schon seit 1700 den von Lionel Lulin erfundenen und seitdem vielfach verbesserten Typus eines unvcrsintbaren Rettungsbootes besaß und daß sich eben dort alle schon seit vielen Jahren bestehenden Rettungsvereine 1850 zu der mächtigen Orga- nisation der„dlational Lileboat Institution" zusammcngetan hatten, nicht zum wenigsten aber kam die dringliche Angelegenheit dadurch in Fluß, daß man darauf hinwies, wie die preußische Re- gierung, die damals, abgesehen von dem im Entstehen begriffenen Kriegshafen an der Jade(Wilhelmshaven), noch keine Küsten- strecken an der Nordsee besaß, der Eigenbrödelei der deutschen Nord- seestaaten und Mecklenburgs müde, seit 1800 an der Lstseeküst« von Memel und der Kurischen Nehrung bis Darsserort mit der Er» richtung von 20 Rettungsstationen begonnen hatte, die sie mit Mörserapparaten zum Scilschießen und unversinkbaren Booten aus- gerüstet hatte, die unter die Führung geprüfter Lotsen gestellt waren. Angesichts der damals noch in ihrer Sünden Maienblüte stehenden deutschen Kleinstaaterei stieß der Gedanke, das gesamte deutsche Küstenland zum Gegenstand des Rcttungswerks zu machen, für den Augenblick ztvar auf unüberwindliche Hindernisse. Die Angelegenheit ging aber doch üortvärts, und am 21. November 1861 erließen die Mitglieder der Schiffcrgcsellschaft des bremischen Städtchens Vegesack an der dluterweser einen„Aufruf an das ge- famte deutsche Volk", in dem um Beiträge zur Errichtung von Rettungsstationen auf den deutschen Nordseeinfcln gebeten wurde. Als nun in schneller Folge Vereine entstanden, die sich beson- dere Arbeitsgebiete suchten, drohte dem idealen Werke die Gefahr, daß sich die Kräfte zersplittern würden. Es war daher eine besonders glückliche Fügung des Schicksals, daß sich in dem Geschäfts- führer des Bremer Vereins, dem späteren Direktor der Gothaer Lebcnsversicherungsbank Dr. Emminghaus, die treibende Kraft fand, um die verzettelten Bestrebungen unter dem gemeinsamen Dache eines alle deutschen Liüstcn bearbeitenden Vereines zu sammeln. Seiner Werbetätigkeit ist es zu danken, daß schon am L9. Mai 1865 zu Kiel in einer von 126 Delegierten der verschie- denen Vereine besuchten Versammlung die Deutsche Gesellsihaft zur Rettung Schiffbrüchiger gegründet Wersen konnte, in der sich alle «Einzelgründungen zusammenschlössen. Der Verein tvählte zum Vorsitzenden den Konsul H. Meyer zu Bremen, den Begründer des Norddeutschen Lloyds, der bis zu seinem im Jahre 1898 erfolgten ZEode das Präsidium geführt hat, während zum Generalsekretär Dr. Emminghaus erwählt wurde. Die Gesellschaft, die ihre Tätigfeit mit fünf Küstenbezirksvereinen mit 3874 Mitgliedern und 14179 Mark Jahresbeiträgen eröffnete, scknf sich in Bremen ihre Zentralstelle, die an die Beschlüsse der alljährlich zu einer General- Versammlung zusammentretenden Delegierten der Bezirksvereine gebunden ist. Als die Vereinsarbeit begann, waren nur zwei Stationen an der Nordsee und zwei an der Ostsee in Tätigkeit. Es wurde aber gleich im Gründungsplan die Errichtung weiterer 50 Stationen in Aussicht genommen, wenige Tage darauf erfolgte auch die lieber- nähme der von der preußischen Regierung seit 1859 ins Leben ge- rufenen Stationen. Das deutsche Rcttungswesen zur See ist in den 56 Jahren seines Bestehens zu einer imposanten Organisation herangewachsen, die zurzeit mit einer jährlichen Einnahme von 876 660 bis 386 666 M. arbeitet und über 126 Rettungsstationen verfügt, von denen 48 an der Nordsee und 81 an der langgestreckten Küste der Ostsee gelegen sind. 64 Bezirksvcrcine, von denen 24 Küstcnbczirke betreffen, und 289 über ganz Deutschland verbreitete Vertreterschasten, besorgen die Werbetätigkeit und zählen an 86 666 Mitglieder. Dem großen Aufwand an Geld und Arbeit entspricht aber auch der Erfolg, daß von der Geburtsstnnde der Gesellschaft bis zur Gegevwart bei 662 Strandungcn nicht weniger als 3619 Menschen von den gefährdeten Schiffen gerettet werden konnten. Wenn eine Wciterführuna der geschichtlichen Betrachtungen gu tief in die Einzelheiten führen würde, so lohnt es sich dafür voch. einen flüchtigen Blick auf den inneren Betrieb und die tech- vischen Hilfsmittel der Stationen zu werfen. Annähernd die Halste aller Stationen, die an den deutschen Ltüsten vom Dollart an der holländischen Grenze bis zur russischen Grenze hinter dem Dorfe Nimmersatt stehen, sind sogenannte Doppelstationen, die mit Rettungsboot und Raietenapparat ausgestattet sind, während die übrigen aus Gründen der Oertlichkeit nur mit dem einen oder anderen dieser Hilfsmittel arbeiten. Rettungsflöße, auf die man anfangs große Hoffnungen gesetzt hatte, haben sich dagegen bei ihrer Erprobung als unpraktisch erwiesen und sind deshalb nir- gendwo in Verwendung. Die Raketenapparate, deren Vervollkommnung ein großes Vcr- dienst des Feuerwcrkslaboratoriums in Spandau ist, haben den Zweck, zwischen ocm festen Land und einem in großer Nähe des Strandes ausgelaufenen Schiffe eine Verbindung mittels eines geworfenen Seiles herzustellen, an dem die Schiffbrüchigen in Sicherheit gebracht Verden können. Sie sind Bockgcstclle, von denen eine 8-Zentimetcr-Arcnstabrakete unter einer Elevation von 45 Grad an einer 560 Meter langen Leine von 9 Millimeter Durchmesser 366 bis 466 Meter weit über'das Schiff hinwegge- schössen wird, was allerdings häufig erst nach mehreren vergeb- jichen Versuchen gelingt. Ist die Leine an Bord erfaßt worden, tvas bei Tage durch Schwenken eines Tuches, bei Nacht durch Ab- brennen von BlaufeueM nach dem Lande signalisiert wird, so zeigt eine rote Flagge oder bei Nackt ein rotes Licht an, daß man an Word die Leine anholen will, mit der ein endloses Jolltau und end- lich das starke Rettungstau an Bord gebracht wird, in dessen Hosenboje nacheinander die ganze Mannschaft des Schiffes an Land gebracht wird. Weit größer sind die Gefahren und Schwierigkeiten, wenn die Rettungsboote zur Anwendung kommen müssen. Das unversink- bare englische Rettungsboot, dessen Austrieb so groß ist, daß sein zweiter Boden immer mehrere Zentimeter über dem Wasser steht, so daß das eingedrungene Wasser sofort durch Röhren ablaufen kann, eignet sich trotz seiner ausgezeichneten Leistungen nicht für die Dünen der deutschen Flachküsten, weil sein Transport ins Wasser zu schwierig ist. Statt seiner wird bei uns meistens das leichte, aus Eisenwellblech konstruierte, bis zu 1666 Kilogramm schwere FranciSboot Benutzt, das durch hinten und vorn angebrachle Lustkästen, Korkwände und Einlagen ebenfalls den Vorteil der Unvcrsinkbarkeit besitzt und je nach der Art seiner Verwendung fürs Segeln oder Rudern oder für beide Bewegungsarten ein- gerichtet ist. Auf den meiste» Stationen sind heute deren Vor- stände an die benachbarten Fernsprechnetze angeschlossen, so daß ihnen ein in der Nähe vorgekommener Schiffbruch sofort gemeldet werden kann. Aehnlich wie es bei kleinen Feuerwehren geschieht, werden, während vom nächsten Bauernhof Pferde requiriert wer- den, die zur Ausfahrt bestimmten Mannschaften herbeigeholt, die bereits ihre Korfjackcn angelegt haben und in dickem Wollzcug und Secstiefeln stecken. Die Pferde werden vor den anspannbereiten Transportwagengeschirrt, aufdem das Rettungsboot in einerSchiene umsturzsicher ruht. Und nun geht es so nahe wie möglich bis an das Meer oder in dieses hinein. Hilfsmannschasten losen die Räder des Transportwagens von diesem, so daß sich das Vorder- teil des Wagens stark senkt und das Boot auf der Schiene mit starkem Antrieb in die brandende See hineinrollt, wo nun der Kampf der tapferen Mannschaft mit dem regellosen Wogenschwall beginnt. Mit diesen Hilfsmitteln sind nicht nur die Stationen, sondern; auch die Leuchttürme, Leuchtschiffe und die an den Flußmündun- gen und Hafeneinfahrten kreuzenden Lotsenfahrzeuge versehen. Endlich ist auch der Fall vorgesehen, daß eine schiffbrüchige Mann- schaft, die ihr Fahrzeug im Boot verlassen hat, den Strand nicht erreichen kann und dem Verschmachten nahe ist. Für diesen Fall sind Rettungsbaken eingerichtet, die nach der Art der gewöhnlichen Signalbaken im flachen Meeresboden befestigt sind und in ihrem Jnuenraume den sich auf sie Rettenden sichere Aufnahme und Nah- rungsmittel und Getränke für die Dauer einiger Tage bieten. kleines feuUleton. Uhde s künst l« r i sche S GlaubensbekienntniS. Uhde hat sich selbst einmal darüber ausgesprochen, wie er zur reli« giösen Malerei gelangte.„Als ich in die Moderne hineinkam» respektive aus dem Schwarzen heraus ins Licht, als ich aus der ewigen braunen Ateliertunke losstrebte, da habe ich gedacht: etwa» muß dabei sein, das die Leute innerlich packt, sonst kann man ja mit seinen Bildern keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken. Ich wollte nicht bloß Naturstudien geben, ich suchte Inhalt; sonst sind. dachte ich; die Bilder ja von Haus auS schon zu langweilig. Die Impressionisten wollen nur eine neue malerische Formel. Ich suchte so was wie Seele. So ist das erste Bild dieser Art cnt» standen:„Lasset die Kindlein zu mir kommen", im Winter 1883/84; aus dem Drang, etwas mehr geben zu wollen als bloße Abschrift aus der Natur. Ich war damals gerade bei der Kindermalerei, die mich mehr erfreute, als die Studien an Erwachsenen. So bin ich hineingekommen. Man wird im Leben immer mehr geschoben, als daß man schiebt. Es ging ganz nach und nach und dann packte mich eben der Stoff und die Gestalt selber..." Der zufällige Anlaß zu diesem ersten religiösen Werk war eine Szene, die Uhde in einer bayerischen Dorfschule beobachtete, als er die Schulkinder in einem lichtcrfüllten Raum sich dicht um einen jungen, freundlichen Pfarrer scharen sah. Er selbst wollte bei diesen Werken vor allem ihren künstlerischen Gehalt betont wissen.„Meine sogenannte religiöse Malerei ist nicht der Kern, sondern nur ein Teil meiner Kunst", sagt er in einem interessanten Selbstbekenntnis, das die Velhagen und Klasingschen Monatshefte veröffentlichten.„Alle diese Bilder sind mehr oder weniger malerische Probleme. Für die Erscheinung des Lichtes paßt die Person Christi wunderbar schön. Er wurde mir zum Problem des Lichtes. Also: Lichtbringer in die Finster- nis der Welt und der Farben! Die„Jünger von Emmaus", daS „Tischgebet", immer ist cS dasselbe Lichtproblem, der Gegenstand kommt für mich erst in zweiter Linie. Einige Franzosen gingen voraus, bei uns Liebcrmann; die wollten das Licht aus der Natur herausfinden; ich wollte außer dem Licht noch Innerlichkeit, und so kam ich darauf; ich griff„die" Verkörperung des LichteS auf, Christus." Auch für die Wahl eines alltäglichen Zeitkostüms, mit dem Uhde die Gestalten dcS Neuen Testaments in die unmittelbare Gegenlvart rückte, führt er in seinen von der„Deutschen Revue" veröffentlichten Unterhaltungen mit Hermine Diemer rein male- rische Gründe an:„Ich finde, daß alles tiefer und wahrer wirkt in unserer Tracht und daß sich feinere Töne zusammenstimmen lassen als mit den schreienden Farben orientalischer Gewänder". Für seine Modelle suchte er sich immer einen echt deutschen Volks» typus aus, denn auch das Nationale erschien ihm als ein wichtiges Moment der wahren Kunst. Verhaßt war ihm jedes Nachahmen der Alten.„Jedes Kunstwerk soll das Gepräge seiner Nationalität und der Individualität seines Schöpfers tragen." Dabei war er ein großer Verehrer der Meister der Vergangenheit; als sein eigent- liches Ideal sah er Rembrandt an:„Der, den ich am meisten verehre, ist Rembrandt. Rubens, Velasquez haben sicher viel besser gemalt als Rembrandt; aber dieser wav doch der größte aller Maler, tveil er der menschlich mächtigste war. Seine Auffassung der Dinge war fabelhaft und ganz von innen heraus, kraft seiner Liebe für alles. Er hatte etwas, das über die Malerei hinausging, er besaß reinste Genialität. Er war vielleicht der einzige, der wirk- lich Christus malen konnte. Dies ist, wenn Sie wollen, mein künst« lerischcs Glaubensbekenntnis."____ keranlwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin,— Druck u. Verlag: vorwärtsBuchdruckereiu.Verlagsanjtalt Paul SingerjcCo., Berlin LW.