Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 44. Freitag, den 3. März.!911 (Nacddrucr vervoten.) 44] pelle der Gröberer. Roman von Martin Andersen Nexö. Die Jungen hatten Auftrag von ihren Eltern, gut auf sich acht zu geben— die alte Schifferwitwe Marta hatte drei Nächte hintereinander die See mit kurzem Bellen eine Leiche fordern hören. Auch davon sprachen sie, und darüber, wann sich die Fischer wohl wieder hinauswagen würden, während sie am Strande umhersprangen.„Eine Flasche! Eine Flasche!" rief plötzlich einer von ihnen und fuhr hart am Wasser ent- lang, er hatte ganz deutlich eine Nasche aus der Brandung da hinten auftauchen und wieder verschwinden sehen. Die ganze Schar stand lange da und starrte gespannt in den Schaumstrudel. Nilen und noch einer hatten die Jacken ab- geworfen, um bereit zu sein, hinauszuspringen, sobald sie sich wieder zeigte. Die Flasche kam nicht wieder zum Vorschein, aber die Phantasie war in Fluß geraten, jeder Junge hatte seine eigenen feierlichen Kenntnisse von der Sache. Jetzt zur Zeit der Aequinoctialstürme ging wohl manch eine Masche über die Schiffswand mit einem letzten Gruß an die am Lande. Strenge genonrmen lernte man ja nur deswegen schreiben— um seinen Zettel schreiben zu können, wenn die Stunde kam. Dann ging die Flasche vielleicht in den Magen eines Haifisches, vielleicht wurde sie von dummen Bauern aufgefischt, die sie ihrer Frau mitbrachten, damit sie Getränke darauf abzapfte— das war ein wohlgemeinter Hieb auf Pelle. Aber es kam auch wohl vor, daß sie gerade da an Land trieb, wohin sie bestimmt war: und im übrigen war es die Sache des Finders, sie bei der nächsten Obrigkeit abzuliefern, wenn er nicht seine rechte Hand einbüßen wollte. Dort am Hafen gingen die Wellen über die Mole, die Fischer hatten ihre Boote auf das Ufer hinaufgezogen. Sie lwtte keine Ruhe in der warmen Stube, die See und das böse Wetter bannten sie an den Strand, Tag und Nacht. Sie standen im«chutz der Boote, gähnten kräftig und starrten auf die Tiefe hinaus, wo von Zeit zu Zeit ein Segler vorüberschoß wie ein vom Sturm verschlagener Vogel. „Kommt herein, kommt herein!" riefen die Mädchen von der Tür des Schulhauses her, die Jungen schlenderten lang. sam hinauf.'Fris ging vor dem Pult auf und nieder, er rauchte seine Pfeife mit dem Bilde des Königs, die Berlingske Zeitung guckte ihm aus der Tasche.„Zu Platz! Zu Platz!" rief er und schlug mit dem Rohrstock auf das Pult. „Js da was neues!" fragte ein Junge, als sie zu Platz gekommen waren— es geschah wohl, daß Fris ihnen die Schiffsnachrichten laut vorlas. „Das weiß ich nicht!" antwortete Fris mürrisch.„Könnt Ihr die Tafeln und Rechnenbücher herausholen." „Ah, wir soll'n rechnen? Ah, das is fein!" Die ganze Klasse freute sich sichtbar, während sie die Sachen herausholten. Fris teilte nicht die Freude der Kinder an dem Rechnen— seine Begabung war rein historischer Art, wie er zu sagen pflegte. Aber er kam ihrem Verlangen entgegen, weil jähre- lange Erfahrung ihm sagte, daß an einem Unwettertag wie heute leicht die Hölle los sein könne: dos Wetter hatte einen eigentümlichen Einfluß auf die Kinder.— Er selbst verstand sich nur auf Chr. Hansens I. Teil, aber da waren ein paar Baucrnjungen, die sich auf eigene Hand bis in den dritten Teil hineingearbeitet hatten, die halfen den anderen. Die Kinder waren ganz von der Arbeit in Anspruch ge- nommen und lagen ihr mit Eifer ob, ihre langen, regelmäßigen Atemzüge stiegen und fielen im Schulzimmer als tiefe Ruhe, es war ein fleißiges Wandern zu den beiden Rechnenmcistern. Nur von Zeit zu Zeit ward der Fleiß von einem kleinen Gaunerstreich unterbrochen, der als Erinnerung diesem oder jenem überkam, aber sie beruhigten sich bald wieder. Ganz unten in der Klasse ertönte ein Schluchzen, deut> licher und deutlicher: Fries legte ungeduldig die Zeitung nieder. „Peter weint," sagten die Zunächstfitzenden. „So— o!" Fris guckte weit über die Brille hinweg.„Was gibts denn da?," „Er sagt, er weiß nich mehr, wieviel zwei mal zwei is!" Fris stieß Luft durch die Nase aus und griff nach dem Rohrswck, besann sich jedoch.„Zwei mal zwei ist fünf!" sagte er ruhig. Dann lachten sie ein We ng über Peter und ar» beiteten weiter. Lange herrschte ausschließlich Fleiß, da erhob sich Nilen, Fries sah es, fuhr aber fort zu lesen. „Was is leichter, ein Pfund Federn oder ein Pfund Blei? Das steht nich hinten in den Auflösungen." Fris Hände zitterten, während er die Zeitungen sich hielt, um irgend etwas Wichttges darin sehen zu können. Die kleinen Teufel machten sich seine Mittelmäßigkeit im Rechnen be- ständig zunutzen: aber er wollte sich nicht mit ihnen ein» lassen. Nilen wiederholte seine Frage unter dem Gekiecher der anderen, aber Fries überhörte es— er war so in seine Lektüre vertteft. Dann schlief die Sache von selbst ein. Fris sah nach der Uhr, er konnte ihnen bald ihre Pause geben— so eine recht lange Pause. Dann nur noch eine kleine Stunde Quälerei, und dieser Schultag konnte als überstandene Widerwärtigkeit ack acta gelegt werden. Pelle stand auf seinem Platz mitten in der Klasse, er hatte Mühe, sein Gesicht in die rechten Falten zu legen und! mußte so tun, als wenn seine Nachbarn ihn störten. Endlich brachte er es heraus, aber die Klappohren waren ein wenig rot an den Spitzen:„Wenn ein Pfund Mehl zwölf Oere kostet, was kostet dann eine Tonne Kohlen?" Fris saß eine Weile da und sah Pelle unentschlossen an, es tat ihm innerlich immer mehr weh, wenn Pelle ungezogen gegen ihn war, als wenn es die anderen taten— er hatte, sich in den Jungen vernarrt.„N— na!" sagte er bitter und kam langsam mit dem dicken Rohrstock in der Hand—„na— na!" „Deck Dich!" flüsterten ihm die Jungen zu und schickten sich an, Fris den Durchgang zu versperren. Aber Pelle tat etwas, das gegen alle Regeln und Gewohnheiten verstieß und ihm trotzdem Respekt verschaffte: Statt sich gegen die Prügel zu decken, trat er frei vor und streckte beide Hände aus, die Handflächen nach oben: er hatte ein.m dunkelroten Kopf. Fris sah ihn überrascht an und hatte zu allem anderen mehr Lust als zum Prügeln— Pelles Augen erfreuten ihn bis ins Herz hinein. Er verstand sich nicht auf die Kategorie Jungen; aber Menschen gegenüber war er feinfühlig, und hier machte sich etivas Menschliches geltend— es würde Unrecht sein, es nicht ernschaft zu nehmen! Er zog Pelle einen tüchtigen Hieb über die Hände und warf dann den Rohrswck hin.„Pause!" sagte er kurz und wandte den Jungen den Rücken. Der Gischt spritzte bis an die Mauer des SchulhauseZ herauf. Draußen auf der See, eine Strecke vom Ufer ent- fernt, segelte eine Schute, sie sah sehr mitgenommen aus und war in der Gewalt des Unwetters: sie jagte schnell ein Stück vorwärts und stand dann still und schaukelte eine Weile, ehe sie sich wieder bewegte— wie ein Betrunkener— auf das südliche Riff zu. Die Jungen hatten sich hinter dem Schulhause verkrochen, um ihr Frühstück im Schutz zu verzehren, aber plötzlich donnerte es hohl von Holzschuhstiefeln auf der Strandseite: der Strandvogt und ein paar Fischer liefen vorüber. Und nun kamen sie in sausender Fahrt mit den Rettungsapparaten her. beigeeilt. Die Mähnen der Pferde flatterten im Winde. Es lag etwas Ansteckendes in der Fahrt, die Knaben mußten alles hinwerfen und sich anschließen. Die Schute war nun ganz unten an der Landzunge, sie lag da vor Anker und stampfte und ließ die Wellen über sich hinspülen, das Achterende dem Riff zugewendet, sie glich einem alten Gaul, der wütend gegen das Hindernis hinten ansschlägt. Der Anker konnte sie nicht halten, sie trieb rückwärts auf das Riff zu. Es waren eine Menge Menschen am Strande, von der Küste wie auch vom Lande hei— die Bauern waren offenbar heruntergekommen, um zu sehen, ob das Wasser naß war! Die Schute war auf Grund gestoßen und lag da und wollte auf dem Riff; sie hatten an Bord wie Schiveine manövriert— sagten die Fischer— übrigens war es kein Russe, sondern eine Lappenschute. Die Wellen gingen über sie hin, so daß der ganze Kadaver zitterte: die Mannschaft war in die Takelage gekrochen, La hingen die Leute und fochten mit Len Armen. Sie riefen wohl etwas, aber die Brandung verschlang es. Pelle hing mit Augen und Ohren an allen Vorbereitungen: er zitterte vor Spannung und mußte mit seiner krankhasten Anlage kämpfen, die sich jedesmal wieder zeigte, wenn irgend etwas das Blut in ihm zum Wallen brachte. Am Strande waren sie beschäftigt, sie trieben Pfähle in den Sand ein, um die Winde zu halten und ordneten Taue und Trossen, da- mit das Ganze glatt gehen konnte. Au' die. lange, dünne Leine, die die Rakete nach dem Schiff hinaustragen sollte, wurde besondere Sorgfalt verwandt: sie wurde wohl zehnmal gerichtet. Der Lotsenkommandeur stand da und stellte den Rettungs'- opparat zum Zielen ein— sein Blick war wie eine Klaue, in- dem er hinausschweifte und wieder zurückkehrte, um die Ent- fernung zu messen.„Alles klar!" sagten die anderen und gingen beiseite.„Alles klar!" antwortete er ernschaft. Einen Äugenblick war es ganz tot, er stellte und stellte wieder zurück. Hu— p— P— p— u! Die dünne Leine stand wie ein zittern- der Wurm in der Luft, bohrte sich mit ihrem wildgewordenen Kopf draußen in den Nebel über der See: von der Rolle jagte ihr Körper mit kreischendem Rucken und ritt hinaus auf tiefen Brummtönen, und weit da draußen kämpfte er sich vorwärts durch den Sturm. Die Rakete hatte die Wegeslänge vortreff- lich zurückgelegt, sie war eine Strecke Wer das Wrack hinaus- geschossen, aber zu weit windwärts. Sie hatte sich matt gelaufen und stand nun und schlingerte in der Luft wie ein un- ruhiger Schlangenkopf, während sie sich herabsenkte. „Sie geht vorneheruml" sagte ein Fischer. Die anderen schwiegen, aber man konnte es ihnen ansehen, daß sie dasselbe dachten.„Es kann noch kommen!" entgegnete der Lotsen- kommondeur. Die Rakete hatte das Wasser ein gutes Stück nordwärts getroffen, aber die Leine stand noch in einem Bogen in der Luft, der Druck hielt sie da oben. Sie fiel in langen Stößen südwärts, schlug ein Paar Falten vor dem Sturm und legte sich matt über den Vordersteven des Schiffes.„Da is sie! Sie hat famos getroffen!" riefen die Jungen und sprangen im Sande umher, die Fischer trampelten vor Freude herum, nickten dem Lotsenkommandeur mit dem Kopf zu und sahen sich anerkennend an. Da draußen krabbelte ein Mann in der Takelage herum, bis er die Leine gepackt hatte, dann kroch er wieder zu den anderen in die Wanten hinab. Es mußte schwach bestellt sein mit ihren Kräften, denn sie rührten sich nicht weiter. Am Ufer herrschte große Geschäftigkeit. Die Winde wurde noch fester in den Boden eingerammt und der Rettungsstuhl klar gemacht. Die dünne Leine wurde mit einem dreiviertel- zölligen Tau zusammengeknüpft, das wiederum die sthwere Trosse an Bord schleppen sollte— es kam darauf an, daß alle Gerätschaften hielten. An der Trosse hing eine Talje so groß wie ein Kopf, in der die Ziehtaue laufen sollten: man wußte ja nicht, was für Hilfsmittel sie an Bord so eines Seelenver- käufers hatten. Der Sicherheit halber wurde eine Tafel an die Leine gebunden, die auf englisch besagte, daß sie so lange ziehen sollten, bis die Trosse Kaliber so und so an Bord käme: das war überflüssig für gewöhnliche Menschen, aber man wußte ja niemals wie dumm solche Finnlappen sein konnten. „Nun könnten sie meinetwegen gern da draußen ziehen, so daß die Sache ein Ende bekäme!" sagte der Lotsenkomman- deur und schlug die Hände gegeneinander. „Sie sind am Ende zu arg herunter— sie haben woll Schlimmes durchgemacht!" sagte ein junger Fischer. „Ein dreiviertelzölliges Tau müßten sie doch wohl zu sich heranziehen können. Bindet eine Hilfsleine an das Tau, so daß wir ihnen behilflich sein können, die Trosse an Bord zu ziehen— wenn es so weit kommt." sFortsetzung folgt.)» (ZtaSdrillk»erBolen.) Die Burg des Glücks* Von AlfrcdScmerau. (Schluß.) Da rief es wieder ungewiß und bang. Den Herzog durchblitzte der Gedanke beschämend und mahnend: Piero rettete Dich. Er- halte Du ihm die Enkelin! Er sprang die Stufen hinunter zum Torwart. Plötzlich ent- sann er sich feines strengen Befehls, niemand in die Burg zu lassen. An der Luke zu unterst der Treppe stand er still, löste das 1 Seil und warf«8 hindurch. Wie eine Schlange schoß es in die Tiefe.. Es straffte sich bald; Bianca hatte es erfaßt und klomm empor. Er bog sich dor und sah sie, einer Katze gleich alle Vorsprünge im Gemäuer benützend, langsam aufsteigen. Wie sie.ratlos einmal inne hielt, zog er behutsam an. Er bog sich zurück, daß die Brust sich unter schwerem Atem wölbte und die Muskeln schwollen. En hob sie sacht, jetzt schwebte sie nur wenige Fuß noch unter ihm. Eine letzte kräftige Bewegung brachte sie an die Luke, er ergriff sie an den Händen und zog sie zu sich. Einen Augenblick ruhte ihr Kopf auf seiner Schulter, ehe er sie auf der Treppe nieder- gleiten ließ. Mit wogender Brust, den Atem durch die gepreßten Lippen stoßend, stand sie vor ihm. Dann erkannte sie ihn und erschrak. „Ihr habt mich hinaufgezogen, der Herzog selbst?" Staunend blieben ihr die Worte an den Lippen hängen. Rasch faßte sie sein« Hand und drückte ihre Lippen darauf. Ghismondo entzog sie ihr, winkte ihr:„Komm!" und stieg voran. Sie tastete sich ihm Stufe für Stufe nach. Einmal, da die Treppe in kurzem Bogen sich wand, suchte er ihre Hand und führte sie facht um die Rundung in die Höhe., Hier stieß er eine Tür auf, trat durch einen dämmernden Vor- räum und fand in der Kammer Piero, bei einer Oellampe einen Schwertknauf putzend. Der Alte fuhr auf, daß der Stahl auf den Steinen klirrte, und grüßte ihn. Da zog Ghismondo das Mädchen, das hinter ihm geblieben war, in das Licht. Bianca stürzte vor und sank dem Alten um den Hals, der sie mit unterdrücktem Schrei und zitternden Händen umschlang. End- lich löste sie sich aus seinen Armen und zog ihn mit sich vor dem Herzog auf die Knie:„Er hat mich gerettet!" jubelte sie. Ghismondo sah unter kräftig und schön geschwungenen Brauen ihre Augen, bläulichen Lichtern gleich, zu ihm aufflammen und wehrte sanft ihrem Kopf, der sich stürmisch auf seine Hand senken« wollte. Mit leiser Liebkosung glitten seine Finger über ihren dunkeln Haarkranz, aus dem sich krause Härchen emporstahlen. Wie Seide warm und weich waren die Flechten, und ein köstlicher Duft von Jugend und Kraft stieg, da er sich neigte, um sie aufzuheben, zu ihm empor. Piero stammelte:„Herr, Herr!* Ghismondo winkte ihm Schweigen; er wollte keinen Dank. Der Alte setzte vor Bianca gedörrtes Fleisch, Brot und Früchte, und indes sie aß, erzählte sie ihre Flucht. Unermüdet von dem langen und heißen Weg, mit geröteten Wangen und lichterfüllten Augen, flössen ihre Wort« frisch und klar wie ein Bergwasser. Wäre Monna Caterina noch am Leben, in deren Obhut sie blieb, da der Herzog mit Piero und den anderen wie gehetzt die Stadt verließ, so wäre sie nimmer zur Burg gekommen. Aber auch Monna Caterina sank in die Erde, wiewohl sie den mit Essig getränkten Schwamm nicht aus der Hand ließ und der dicke Rauch von dem Hosfeuer beißend durch die Räume zog. Da die aus einem verpesteten Hause entweichende Bianca niemand aufnehmen wollte, trieb Furcht und Hunger sie mit einem Geißlerzug fort. In einiger Nähe ihm folgend, durch ihn geschützt, kam sie nahe der Burg. Durch die Maisfelder und Weingärten, den Olivenwald lief sie, den Graben durchwatete sie, klomm den» Fels hinan und rief zur Burg empor, bis Ghismondo sie hörte. Mit feurigem Dank ruhten ihre Augen auf ihm, der in PieroS Stuhl lehnend, schweigend ihre herbe Schönheit betrachtete. Eine Locke, aus dem Haarkranz gelöst, hatte sich zwischen ihre Brauen gesenkt. Mit zierlicher Hand wand sie sie aus der gewölbten Stirn in die Flechten zurück. Wie sie, in allen Adern von Leben glühend« vor ihm saß, erschien sie ihm wie die Jugend in ihrer schönsten Blüte. Da allmählich der Schlaf auf ihre Lider sank und ihn Kopf müde zur Seite sich neigte, erhob sich der Herzog vorsichtig und wies Piero schweigend zurück, der ihm leuchten wollte. Seine Augen umfaßten noch einmal ihr Bild, dann stieg er die Treppe hinab. Unten wand er das Seil auf und hing es am Mauerring fest. Er meinte noch einmal einen sanften Druck auf seiner Schulter zu spüren, wo ihr Kopf geruht hatte. Als Ghismondo auf dem Lager in seinem Gemach des Schlummers harrte, ruhten seine Augen auf dem Fresko der Decke. In die glühenden Farben der venezianischen Schule gebannt, nun« von bläulichem Mondlicht Übergossen, tanzte dort ein neckischer Kinderreigen um die Schaumgeborene, die mit lockendem Lächeln dem Kriegsgott Helm und Schwert nahm und beides dem ein Lächeln in den Mundwinkeln versteckenden Amor an ihrer Seite zur Hut gab.... Das goldene Geflecht der Liebesgöttin wandelte sich ihm zu dem braunen Haarkranz Biancas, ihr edelschönes Antlitz zu dem leichtgebräunten, wie mit zartestem Pfirsischflaum bedeckten seines Schützlings, und die strengen Züge des gepanzerten Mars wurden weich und fein wie seine eigenen. Darüber sanken ihm von Schlummer beschwert die Lider. In der Frühe ward dem Gesinde und dem Hofstaat, selbst Eecco, der Burggarten verboten, und der erstaunte Torwart mußte dem Herzog den Schlüssel zu der kleinen Pforte überliefern, die aus der Burg führte. Dann stieg Ghismondo zu Piero hinauf, um ihm und Bianca Schweigen aufzulegen. Man hätte sich gegen Ghis» mondo empört, wäre laut geworden, daß jemand aus der verpesteten Stadt Einlaß in die Burg gefunden.. � Bianca wurde des Herzogs ängstlich behütetes Geheimnis. Niemand erfuhr von ihr. Wie eine Gefangene war sie in der Burg, aber i'er Herzog teilte ihren Kerker. Fn Ler Frühe, wenn der Torwart noch im Schlummer nickte, schlichen Ghismonoo und Bianca durch die Pforte den Felsen hinab und tauchten in den dunkeln Schatten des Weinbergs, wo die Trauben von der Sonne braunrot gekocht waren. Ghismondo schwieg, aber seine Augen gewannen Leben und sprachen. Bianca plauderte von ihrer armen, aber glücklichen Jugend. Niemand lebte ihr als der Großvater. Die Mutter starb, als sie ihr das Leben gab; der Vater war im Dienst Venedigs gegen die Türken gefallen. Sie wuchs wild und kräftig wie eine Berg- tanne auf, von Piero nur bewacht, wenn ihm der Dienst eine freie Stunde ließ. Wie ein Strom des Lebens quoll es von ihr zu Ghismondo hinüber und riß ihn in eine Welt, die ihm bisher verborgen war. Mit klaren Augen sah sie die Dinge der Welt, ohne Hülle und doch nicht als wesenlos. Unter ihren Augen belebte sich alles, wie unter wärmender Flamme. Wenn sie von Ghismondos dunkler Jugend sprach, flüsterte sie von Mitleid überwältigt, sich zärtlich an ihn schmiegend:„Du Armerl" und ihre Augen senkten sich in die seinen wie lichte Sterne in einen schwarzen Bergsee. Sie pflückten Trauben und rasteten im Olivenwald an einem zerrissenen, mit silbergrauem Moos bedeckten Stamm. Er legte den Kopf in ihren Schoß, ermüdet von der rasch wachsenden Glut und dem langen Weg; denn in dem kühlen Schatten des Palastes aufgewachsen. war er der sonnigen Luft entwöhnt. Sie streifte Beere, nach Beere ab und schob sie ihm zwischen die durstenden Lippen. So ent- schlummerte er ihr manchmal, und sie behütete ihn mit glück- liehen Augen. Im Burggarten wand sie einen Kranz aus purpurnen Rosen und krönte ihn. Er nahm ihn und drückte ihn ihr auf die FFlechten:„Du meine Herzogin!" Da färbte sich ihr Antlitz wie die Knospen, und ihre Augen flammten gleich blauen Lichtern. Abends in Pieros Kammer lehnte sie neben ihm. indes der Alte von Pinos Herrlichkeit erzählte: dreimal war der Kaiser sein Gast, und der Papst lud ihn dreimal nach Rom, ehe er kam. Wie ein Triumphator ward er von den Kardinälen eingeholt. Einem König gleich blickte er von seinem mit Gold aufgezäumtem Rappen, dessen silberne Hufe hell klangen und dem tausend Ritter aus andalusischen Rossen folgten, von denen die Scharlachdecken bis zur Erde hingen. Mit einem Ehrcnhelm, einem geweihten Schwert und einer goldenen Rose beschenkte ihn der Papst in St. Peter; Helm und Schwert deckte nun der Sarkophag über Pino, aber die goldene Rose prangte noch in einem Schrein im Dom. Ghismondo hatte sie stets als das Sinnbild von Pinos Größe betrachtet; er sah immer neben ihr die welke, mit dem Fischerring geschmückte Hand des großen Papstes, der sie dem Ahn gegeben.„Wärest Du wie erl" wünschte er, indes sein Haupt sich weich an Biancas Brust lehnte. Die stille Trauer, die auf seiner Seele gelastet und seine Jugend verdüstert hatte, begann, wie Frühnebel von der Sonne aufgesogen, einem friedvollen Glück zu weichen. Die Burg wandelte sich ihm in einem anderen Sinne als Pino zu einer Burg des Glücks. Ihre dunkeln Gänge erzählten nicht mehr von Dolchen, sondern von verschwiegenen Küssen, nicht mehr von Verschwörungen, sondern von leidenschaftlichen Geständnissen und LiebeSgeflüster. Zum Leben erwacht, schritt er frei und unbeschwert. Er hatte die Liebe gefunden, sanft wie eine Mutter, zärtlich wie eine Ge- liebte, und sie besonnte ihm die Tage, die ihm wunschlos verflossen. Ob sie, Hand in Hand, oft sich unbewußt umschlungen haltend, unter schwellenden Trauben schritten, im Olivenwald rasteten oder im Burggarten Kränze wanden, das Glück leuchtete in seinen dunkeln Augen und fand lachenden Widerschein in ihren blauen Lichtern. Der Herzog ward für die Burg ein Geheimnis; er wurde selten gesehen, und auch Cecco ergründete ihn durch ernste und scherzende Fragen nicht. Ghismondo hatte auf alles nur ein versonnenes Lächeln. Da geschah eS eines Abends, da der Herzog mit Bianca zu Piero hinaufsteigen wollte, daß ihre Lippen sich in einem heißen Kuß fanden. Ghismondo erschauerte darunter wie in jener Nacht, da er die Toten aus dem verschütteten Brunnen rufen gehört. Das Condottieriblut, das in Pinos Adern heiß geschäumt, flackerte in ihm wie Loderfeuer auf, und die sanft Widerstrebende eng um- fangend, trug er sie davon. Wie der Morgen aus dem in roten Wellen fließenden Horizont aufstieg, ging ein Traumbild durch Ghismondos Seele. Er sah sich bor der Loggia seines Palastes am Strande des Meeres, über das sich ein wolkenlos tiefblauer Himmel wölbte. Ueber das Wasser, wie aus dem Nichts erstanden, zog ein Wesen, leicht und duftig heran, gewann Gestalt und Leben und ward zu einer über das Irdische hinaus verklärten Bianca. Sie hob die Arme gegen ihn, und er wandelte, wie durch Zauber getrieben, ihr entgegen über das Meer, als sei es festes Land. Da sie sich erreichten, umschlangen sie einander und versanken wie von unsichtbaren Mächten in die Tiefe gezogen. Erwacht fühlte der Herzog mit wohligem Schauer Bianca leise atmend mit glücklichem Lächeln neben sich. Er erhob sich von ihrer Seite und flüsterte mit heißen Lippen:„Leben! Leben!" Er reckte die Arme, als wollte er des Daseins Fülle in sich schließen und nimmer lassen. Da lag das Leben vor ihm in Kraft und Schönheit jmd war sein. Cr bog sich über Bianca, ihr Mund formte im Traum eine« Namen, den seinen. Es war ein verivehender Hauch. Da die Sonne sank und der hc.ße Tag einer schwülen Nacht weichen wollte, ward Messer Simone, der Arzt, zum Herzog be-» schieden. Er fand ihn mit hämmernden Schläfen und Lippen, trocken wie gedörrte Feigen. Simone gab ihm einen kühlenden Trank, hielt die Hand mit dem jagenden Puls und drückte auf die glühende Stirn Tücher mit Eiswasser getränkt. Als der Herzog die fieberglänzenden Augenl aufschlug, klagte er über Brennen und Zerren unter der Achsel- höhle. Simon entblößte seine Brust und erblaßte. Er wusch sich dis Hände mit Essig, rieb sie, daß sie sich röteten, wechselte sein Ge» wand und ließ es im Loderfeuer auf dem Hofe verbrennen. Anfänglich geflüstert, dann laut mit allen Gebärden der Angst und des Schreckens erzählt, lief es in der Burg um: Der Herzog liegt danieder— Messer Simone verläßt ihn. Ein. Laufen und Jagen entstand unter den Hallen und in den Gängen. Die Diener schleppten ihre Habe zusammen, die Weiber liefen ratlos, der Hofstaat stand verstört, Cecco ließ Pferde und! Wagen rüsten und dann begann die Flucht. Das Tor ward aufge- stoßen, die Zugbrücke niedergelassen und hinaus in das brennends Land entrannen alle, als sei ihnen der Tod auf den Fersen. Der Herzog aber lag verlassen in seiner Kammer, wand sich in Fieberträumen und schrie Biancas Namen den toten Wänden zu. Stunde nach Stunde verging. Da öffnete sich die Tür und zag- hast sah ein Mädchenkopf in die Dämmerung. Verwundert hatte Piero den Auszug aus der Burg gesehen und war, da der 5!ach- zügler kein Ende war, endlich in den Hof niedergesticgen. Da hatte einer der letzten Flüchtlinge ihm des Herzogs Krankheit erzählt und entsetzt hatte er es Bianca berichtet. Nun war sie da, um Ghismondo nicht mehr zu verlassen. Sie wehrte mit sanfter Gewalt seinen Händen, die wild in die Luft griffen, sie flöhte ihm den Trank ein, den Messer Simone bereitet, aber nicht mehr gereicht hatte, sie legte ihm das kalte Tuch auf die lodernde Stirn. Sein Haupt ruhte weich auf ihrem Arm, der sich um seinen Nacken schlang. Ein schmerzhaftes Lächeln zuckte um ihren Mund, da er in seinen Fieberträumen schrie:„Leben! Leben! Friste mich! Simon!", aber sie verwand tapfer die Tränen. Die Nacht verran und Ghismondo ward ruhig. Ter Montz füllte die Kammer und sein Licht umfloß lind und zart die Schaumgeborene und ihren gepanzerten Geliebten. Er badete in lichten Wellen das Antlitz Ghismondos und Biancas, die er» mattet an seine Seite gesunken war, so daß ihre braune Flechte, gelöst, in das blonde Gelock des Herzogs floß. So ruhten sie, big Ghismondo jäh auffuhr und Bianca aus dem Schlaf riß. Von fern klang es gedämpft, ein Klage- und Bußgesang von tausend bebenden Lippen: Nun hebet auf all Eure Arme Daß Gott sich über uns erbarme. Mit geweiteten Augen starrte Ghismondo um sich.„Barm- Herzigkeit!" rief es wie ein starkes Echo der nahenden Wall- fahrer. Da zog ihn Bianca sanft auf das Lager nieder, neigte sich zu ihm und verschloß ihm den Mund mit ihren Lippen. Vorauf der Geißlerschar in den flammenden Morgen hineil» schritt unsichtbar dunkel und ernst eine hohe Gestalt. Sie wandelte über die Zugbrücke den Weg zur Burg hinan und fand, von niemandem zurechtgewiesen, doch die Kammer des Herzogs. Sie setzte sich- zu Häupten des Bettes, auf dem Ghismondo mit er» blaßten Wangen lag, die verdunkelten Augen auf Bianca ge» heftet, die neben ihm entschlummerte. Jetzt scholl es näher durch die heiß quellenden Lüfte in in» brünstigem Flehen: Nun hebet auf all Eure Hände, Daß Gott dies große Sterben wende! (Naivdruck verdolen.Z Streitbare Professoren. Von Eugen Jsolani(Berlin)'. Ter Professorenstreit an der Berliner Universität regt un« willkürlich die Frage an, ob ähnliche Vorkommnisse auch in früheren Zeiten sich schon zugetragen haben, und man muß leider bekennen, daß die Weisheit, deren Hüter ja die Herren Professoren sein sollen, sie auch früher niemals davor bewahrt hat, mit Kollegen in Zank und Hader zu geraten, und daß die große Bedeutung manches Gelehrten dennoch kein Grund für ihn war, der„Klügere" zu fein« der nach dem Sprichwort handelt. Nun wäre es freilich ein tröstlicher Gedanke, zu wissen, daß der Streit der Gelehrten immer nur um gelehrte Tinge sich handelte? auf dem Boden des Streites der Meinungen blüht ja die Erkennt» nis und Wahrheit. Leider aber hatte nicht selten ein Streit der Professoren, wie eben auch der. der jüngst die Gemüter in Berlin erregte, einen recht materiellen Hintergrund. Das war auch oft» mals da der Fall, wo es sich anscheinend um die Wissenschast handelte. Auch im Jahre 1817 tobte an ber Berliner Universität solch tnn Kampf um das Katheder. Da wollte sich Karl Witte, der be- rühmte gelehrte„Wunderkn/ be", der sechzehn Jahre alt und bereits in Heidelberg Doktor der Rechte geworden war, in Berlin habili- tieren. Die Juristenfakultät, der berühmte Savignh an der Spitze, wehrte sich dagegen. Man machte alle möglichen Gründe dawider geltend: die Studenten würden vor einem Knaben nicht den nötigen Respekt haben, es sei unmöglich, daß der Doktorhut recte erworben sei, usw. Man setzte Gott und die Welt in Bewegung, als ob das Heil der Wissenschaft davon abhinge, dah der„Knabe" keine Antrittsvorlesung halte. Als es schließlich doch zu einer solchen kam, entstanden die furchtbarsten Skandale im Hörsaale. Und als Karl Witte Beifall erntete und rechtlich nichts mehr gegen seine Habilitierung einzuwenden war, keine Intrigen verfangen hatten, wandte man sich an den König und wußte die Sache so zu drehen und wenden, daß Witte als„Gnadenbeweis" ein Stipendium gu einer Studienreise nach Italien erhielt. Natürlich war es bei den Juristen in der Hauptsache die Furcht gewesen, der junge Ge- lehrte könne ihnen die Hörer fortschnappen, da manche Studenten vielleicht aus Neugierde zum„Wunderknaben" in den Hörsaal gehen würden. Nicht selten gaben die Gelehrtenstreite den Anlaß, daß neue Universitäten begründet wurden. So hatte sich z. B. der berühmte Jurist Christian Thomasius slföö bis 1728) an der Leipziger Universität durch seine streitbaren Vorlesungen unmöglich gemacht. Er donnerte und wetterte gegen seine Kollegen von der theologischen Fakultät, bis diese einen Hastbefehl gegen ihn zu erwirken wußten, demzufolge er über Berlin nach Halle floh, wo seine Vorlesungen wiederum soviel Anklang fanden, daß aus der dort bestehenden Ritterakademie eine Universität gebildet wurde. Und viele Jahre vordem(1485) waren sich in Leipzig zwei andere Gelehrte, die damals sehr berühmten Mediziner Simon Pistoris und Martin Pollich, in die Haare geraten. Sie stritten sich über die Franzosenkrankbeit,— so nannte man in jener Zeit die Syphilis—, und ihre Fehde wurde so heftig, daß Pistoris er- klärte, er könne nicht mit Pollich an ein und derselben Lehrstätte dozieren. Er wandte sich an den Kurfürsten Johann von Brandenburg, dessen Leibarzt Pistoris war und der gerade im Begriff stand, in Frankfurt a. O. eine Universität zu begründen. Pistoris erhielt auch den Austrag, die Angelegenheit zu regeln, und hatte natürlich nichts Eiligeres zu tun. als in seinen Vorlesungen damit zu prahlen, um den gelehrten Gegner damit zu ärgern. Natürlich war Pollich nun auch nickt faul; er wandte sich an den Kurfürsten von Sachsen und wußte diesen anzustacheln, die Universität Witten- berg zu begründen und ihn. Pollich, zu deren Rektor einzusetzen. Pistoris war jetzt seinen Gegner los und wetterte weiter in Leipzig gegen seinen aus dem Felde geschlagenen Feind. In vielen Fällen nahmen die Professoren die gelehrten Streitigkeiten zum Vorwarck, sich populär zu machen. Sie würzten ihre Vorlesungen mit Jnvektivcn gegen ihre Gegner und zogen auf diese Art die Hörer an, denn für die Studenten war es ganz amüsant, derartige Rüpeleien vom Katheder herab zu hören. Auch hier hatte also der gelehrte Streit einen sehr materiellen Hinter- grund. Zwei Gelehrte erwarben sich in dieser Hinsicht besonderen Ruhm, zumal durch die Originalität, die sie bei ihren Zänkereien entwickelten. Der eine war der Polvhisior Gottsried Christian RkireiS(1730—1809), der an der Helmstedter Universität dozierte, jenes berühmte Gelehrtenoriginal, das auch einst von Goethe seiner wunderbaren Grillen und berühmten Sammlungen halber besucht worden war. Beireis scheute sich nickt, in seinen Bor- lesungen seine Kollegen mit den unglaublichsten Sckimpfworten zu belegen, was diese wunderbarerweise sich gefallen ließen, ohne daß jemand es wagte, den berühmten Gelehrten anzufeinden, da er trotz seiner Wunderlichkeiten die einzige Leuchte der im Niedergang begriffenen Lehrstätte war. Einige seiner Aussprüche während der Vorlesungen waren beispielsweise diese:„Ich bitte Sie. sich dies genau anzusehen, sonst werden Sie stets so unwissend bleiben, wie mein Kollege T." Oder:„Kennen Sie dies?(indem er ein Präparat oder irgendeinen seltenen Gegenstand aus seinen Sammlungen zeigte). NeinI Run, so können Sie freilich auch Universitätsprofessor in Helmstedt werden. Denn mein Kollege D. wird das auch noch nie gesehen haben. Aber jeder einigermaßen brauchbare Mensch sollte das doch kennen kernen I" Von ähnlicher Art war der Heidelberger Jurist Mörstadt •(f 1850), der in den dreißiger und vierziger Jahren durch seine witzigen, aber oft auch sehr zynischen Bemerkungen und seine Schimpfereien über die Kollegen die Studenten in seinen Hörsaal lockte. „Hier habe ich ein Buch, meine Herren." soll er einst auf dem Katheder gesagt haben,„das man seiner Schlechtigkeit wegen für ein Werk des Kollegen Zöpsl halten sollte, aber der Kollege Mitter- mayer ist der Verfasser." Ein anderes Bück desselben Gelehrten zeigte er einst seinen Zuhörern mit den Worten:„Ich werfe dasselbe an die Wand: was daran gut ist, bleibt hängen!" Einen anderen Kollegen, der geadelt worden und sich als „Ritter von N." in eine Liste eintrug, ärgerte Mörstadt, indem er leinen Namen kurz darunter schrieb und im Gegensatz zum Ritter sich aks„Fußgänger Mörstadt" bezeichnete. Eine ganze Flut von Pamphleten, die er geschrieben und die gegen ihn gerichtet find, befinden sich in der Heidelberger Universitätsbibliothek. Aber nicht Werantw. Redakt.: Carl Wermuts), Berlin-Rixdorf.— Druck U.Verlag: nur durch Bosheiten gegen seine Kollegen würzte Mörstadt seine Vorlesungen. Als im Jahre 1847 in Karlsruhe das Theater abbrannte, wobei zahlreiche Menschen ums Leben kamen, erlaubte sich der Zyniker die Bosheit, in seiner Vorlesung von dem namen- losen Unglück zu sprechen, das aber, wie jedes Unglück, auch einen Trost in sich berge: von der reichen Theaterbibliothek seien wenig- stens die dramatischen Werke des artistischen Direktors, des Frei- Herrn von Auffenbcrg, gerettet. Indessen war Mörstadt nicht der einzige Zänker an der Heidel- berger Universität, und es fehlte auch in der Neckarstadt nicht an Kämpfen ähnlicher Art, wie sie jetzt in Berlin vorkamen. Gerade die Juristenfakultät bestand ein paar Jahrzehnte hindurch in unver-> änderter Weise aus denselben Persönlichkeiten, neben den gc- nannten Mörstadt, Zöpsl und Mittermayer aus noch ein paar mittelmäßigen Gelehrten, die niemanden neben sich aufkommen ließen. Der Rechtsphilosoph Karl Röder(1806— 1879), ein Mann, der im Auslande so berühmt war, daß ihn die Universität Madrid zum Ehrenprofessor ernannte, konnte es niemals zum ordentlichen Professor bringen, obwohl er weit bedeutender war, als jene erb- eingesessenen Herren, die ihn von der Pforte des Heiligtums der Fakultät ausschlössen. Ein recht boshafter Kollege konnte auch der Heidelberger Philo- soph Reichlin-Meldegg(1801—1877) sein. Eines Tages ging er mit seiner Frau und seinem Söhnchen auf das Heidelberger Schloß. Da begegnete ihm einer seiner Kollegen, mit dem er des öfteren in theologischem Streit war, und der ihn aufziehen wollte, indem er ihn skeptisch begrüßte:„Ei, da kommt ja die heilige Familie!"» worauf die rasche Antwort erfolgte:„Ja, ja, jetzt sind wir voll- zählig; es hat nur noch der Esel gefehlt!" Aber auch in rein wissenschaftlichen Streitigkeiten der Ge- lehrten ivard oft genug von berühmteu Männern der Wissenschaft eine Menge Gift und Galle verspritzt.„Der Gröbste behält recht. Es ist ein anregendes und lustiges Spiel, dem Schach nahe der- wandt", so sagt der vor ein paar Jahren verstorbene Humorist Hans Hoffmann, der selbst eine Zeitlang Mitstreiter in einem wissenschaftlichen Kampfe war. Diesen hatte der Philologe K. Lach- mann um die Entstehung des Nibelungenliedes eröffnet, wobei ihm in A. Holtzmann und F. Zarncke Gegner erwuchsen. In einer reizenden Humoreske„Die Handschrift A." hat Hans Hoffmann später, als er unter die Schriftsteller gegangen war, diesen Kampf um der Nibelungen Hort wieder lebendig gemacht. Die Münchener Handschrist, die nach Lachmann die älteste Gestalt des Liedes darstellt, wird in Hoffmanns Humoreske zum Verhängnis eines jungen Philologen, der einst wie der junge Hoffmann selbst im Geiste des Meisters, Lachmann, streitet. Das erbitterte Rede- duell zwischen Professor und Prüfling ist eine treffliche Satire auf die Gelehrtengrobheit. Ein streitbarer Professor anderer Art war der Philosoph Schelling(1775— 1854), der in allen Schriften über neuere Philo- sophie immer nur Plagiate aus seinen eigenen Werken witterte. „Der peinliche Verdacht, bestohlen zu sein", sagt Kuno Fischer in seiner Geschichte der neueren Philosophie,„wird zum stehenden Argwohn und macht unter den Zügen, die Schelling verunstalten. den widerwärtigsten und kleinlichsten Eindruck." Als im Jahre 1829 Christian Kchip(1790— 1874), der auch ein Hörer Schellings gewesen, damaliger Professor in Erlangen, Schelling eine Schrift:„Ueber den Ursprung der Menschen und Völker nach der mosaischen Genesis" sandte, zog Schelling auch sofort gegen Kapp in einer alle Grenzen des Anstandcs überschrei- tenden Weise zu Felde. Er bezeichnete ihn als„notorischen Plagt- ator, der unter die diebische Nachdruckerzunst gehöre und sich ihm. Schelling, nähere, um durch hündisches Schöntun und Schweif- wedeln die wohlverdienten Fußtritte abzuwenden". Kapps brief- liche Erwiderung wurde gar nicht angenommen. Das war ein Stoß, der auf Kapps ganzen Lebensgang und seine ganze wissen- schastliche Richtung bestimmend wirkte. Der Haß gegen Schelling beherrschte fortan sein ganzes Leben und Wirken; seine Reden und Schriften atmeten diese Leidenschaft. In einer vierzehn Jahre später anonym erschienenen Schrift:„Fr. W. Joseph von Schelling. Ein Beitrag zur Geschichte des Tages, von einem vieljährigen Be- obachter" gab er eine vernichtende Charakteristik Schellings. Da heißt eS:„Keine neue Lehre bringe Schilling in Berlin, sondern wiederkäue die alte, unter dem Hohngclächter der Eumeniden fresse er sein Gespeites, er sei der Judas und Segestes der deutschen Wissenschaft, der echte Lucifer der Philosophie des Abfalls, da- Plagiat sei das eigentliche Prinzip seiner schriftstellerischen Tätig- keit." Knapp wollte den Spieß umdrehen, meinte Fischer, aber er hatte keinen Spieß. Seine Produktionskraft reichte nicht hin, Schelling den Heiligenschein zu entreißen. Auch gegen den Heidelberger Theologen Paulus(1761—185!) prozessierte Schelling, weil Paulus die„Philosophie der Offen- barung" nach einem nachgeschriebenen. Kollegicnhcfte Schellings publiziert habe, wegen Nachdrucks, verlor aber den Prozeß, und infolge des Skandals, der sich an diesen Rechtshandel knüpfte, legt? Schelling sein Lehramt nieder. Der Pfeil schnellte schließlich gegen den. der ihn abgesandt, zurück, und das ist erfreulicherweise da. wo es bei wissenschaftlichen Streitigkeiten nicht eigentlich um die Wissenschaft, sondern um den materiellen Boden für die Wissen» schast geht, nicht selten der Fall._____ vorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanjtatt Paul SingerZ-Co., Berlin ZW.