Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 45� Sonnabend ven 4. März 191t (Haasrui oereotsn.) 45] pelle der Gröberer. Roman von Martin Andersen NexL. Das geschah. Aber draußen auf dem Wrack hingen sie so sinntos stumpfsinnig in der Takelage, ohne sich zu rühren— was in Himmels Namen war denn in sie gefahren? Die Leine lag noch immer tot im Sande ohne zu gleiten. Am Boden hing sie nicht, sie bewegte sich, wenn die Wellen sie in die Höhe hoben: sie mußte an dem Mast festgemacht sein. „Sie haben sie festgemacht, die Dummköpfe!" sagte der Lotseillommandeur.„Sie erwarten wohl am Ende, daß wir Ihnen die Schute an Land ziehen sollen— an dem Garn- ende!"— Er lachte verzweifelt. „Sie wissen es woll nich besser, die Aermsten!" sagte der Mormone. Niemand sprach oder rührte sich. Sie standen da, gelähmt von dem Unfaßbaren: ihre Augen wanderten in schrecklicher Spannung von dem Wrack hinab auf die unbewegliche Leine und wieder zurück. Die schwerlastende Angst, die dort folgt, wo Menschen ihr Aeußerstes aufgeboten haben und von der Dummheit selbst zurückgeschlagen werden, befiel sie. Das einzige, was die Schiffbrüchigen taten, war, daß sie mit den Armen fochten. Sie meinten wohl, man könne hier am Lande stehen und Wunder vollführen— trotz ihnen. „In einer Stunde ist es aus mit ihnen," sagte der Kam- mandeur traurig—„es ist schwer, stillzustehen und zu- zusehen." Ein junger Fischer trat vor. Pelle kannte ihn gut: er hatte ihn mehrmals da drinnen an dem Steinhaufen getroffen, wo die Kinderseele in den Sommernächten brannte. „Wenn einer von Euch mitgeht, will ich versuchen, sie runterzutrciben!" sagte Niels Koller ruhig. „Das ist der sichere Tod, Niels." sagte der Kommandeur und legte die Hand auf seine Schulter,„darüber bist Du Dir doch wohl klar? Ich bin nicht für mein Leben besorgt, aber es wegwerfen, das tue ich nicht. Jetzt kennst Du meine Ansicht." Die anderen betrachteten es nicht anders. Es war ganz einfach unmöglich, in dem Wetter ein Boot aus dem Hafen herauszubekommen— es würde sofort bei den Molen zerschellen— geschweige denn, sich bis zu dem Wrack hinab- zuarbeiten, wo Sturm und Wellen von der Seite kommen! Daß das Meer auch seine Ansprüche auf das Dorf gerichtet hatte, dagegen war nichts zu machen— seinem Schicksal konnte sich niemand entziehen! Aber dies war offenbarer Wahnsinn. Mit Niels Koller war es ja auch so seine eigene Sache: Mit einem Kindesmord halbwegs auf dem Gewissen und die Braut im Zuchthaus! Er hatte seine eigene Ab- rechnung mit dem lieben Gott— ihm dürfte niemand ab- raten! „Es will also niemand von Euch?" sagte Niels und starrte zu Boden,„ja, dann muß ich es allein versuchen." Schwerfällig ging er hinab. Wie er hinauskommen wollte, begriff kein Mensch, er selbst am wenigsten— die Macht war offenbar über ihm. Sie standen da und sahen ihm nach.„Ich muß woll mitgehen und das eine Ruder nehmen," sagte ein junger Bursche langsam—„allein kann er ja nichts ausrichten." Es war Nilens Bruder. „Es würde wunderlich klingen, wenn ich Dich zurüphaltcn wollte, Sohn," sagte der Mormone—„aber könnt Ihr zu zweien mehr ausrichten als einer?" „Niels und ich haben zusammen auf der Schulbank gesessen und sind immer Kameraden gewesen," antwortete der junge Mann und sah den Vater eine Weile an. Dann ging er: nach einer Weile fing er an zu laufen, um Niels ein- zuholen. Die Fischer sahen ihnen schweigend nach.„Jugend und Torheit!" sagte einer.„Ein Segen, daß sie das Boot nie aus dem Hafen rausbringen werden." „Wenn ich Karl recht kenne, so werden sie das Boot schon aus dem Hafen rausbringen," sagte der Mormone diister. Es verging eine lange Weile. Dann tauchte ein Boot auf der Südseite des Hafens auf, wo ein wenig Land tvar— sie mußten es mit Hilfe von Frauen über Land geschleppt haben. Der Hafen schob sich eine Strecke hinaus, und das Boot kam aus der ärgsten Brandung heraus, ehe der Schutz aufhörte. Sie arbeiteten sich hinaus. Sie konnten soeben das Boot gegen das Wetter halten und viel vorwärts kamen sie nicht. Jeden Augenblick zeigte das Boot sein ganzes Inwendige, als solle es für ein gutes Wort kentern. Aber das hatte das gute, daß das Wasser, das sie einnahmen, wieder über Bord lief. Es war deutlich, daß sie sich soweit hinausarbeiten wollten, daß sie die hohen Wellen benutzen und sich von ihnen an das Wrack treiben ließen— ein verzweifelter Einfall. Aber das Ganze war ja halsstarriges Tollhauswerk: man sollte nicht glauben, daß dies Leute waren, die von Kindesbeinen an am Wasser gelebt hatten. Nachdem sie eine halbe Stunde gerudert hatten, konnten sie offenbar nicht mehr: sie waren nur ein paar gute Kabellängen aus dem Hafen heraus- gekommen. Sie lagen still: der eine saß an den Rudern und hielt das Boot gegen die Wellen, während der andere sich mit etwas abmühte— einem Stück Segel so groß wie ein Sack. Also so! Wenn sie nun die Ruder einzogen und sich dem Wetter anvertrauten— mit Wind und Wellen quer etwas von hinten!— dann mußten sie doch sofort voll Wasser laufen. Aber sie zogen die Ruder nicht ein. Der eine saß da und spähte wie ein Verrückter, während sie vor dem Wind herliefen: ganz toll sah es aus, aber man mußte zugeben, daß es eine größere Macht über das Boot gab. Dann auf ein- mal ließen sie das Segel fahren und ruderten das Boot hart gegen den Wind an— wenn eine Welle sich brechen wollte. Etwas Aehnliches von Segelei erinnerte sich kein Fischer, je erlebt zu haben: es war junges Blut und sie verstanden ihren Kram! Jeden Augenblick mußte man„Jetzt!" sagen. Aber das Boot war wie ein lebendiges Wesen, das allem zu begegnen wußte— beständig kam es über alle Launen hinaus. Der Anblick machte einem das Herz warm, so daß man für eine Weile vergaß, daß es ein Segeln um den Tod war. Kamen sie wirklich glücklich bis ans Wrack hinan— was dann? Sie wurden ja unfehlbar an der Schiffswand zerschellt. Der alte Die Koller, Niels Vater, kam über die Dünen herab.„Wer is das da draußen, der sich wegwirst?" fragte er. Die Frage wirkte brutal in dem Schweigen und der Spannung. Niemand sah ihn an— Ole pflegte den Mund ziemlich voll zu nehmen. Er warf einen Blick über die Schar, als suche er nach etwas Bestimmtem.„Niels— hat keiner von Euch Niels gesehen?" fragte er leise. Einer nickte nach der See hinaus. Dann verstummte er und brach zusammen. Die See mußte die Ruder geknickt oder sie ihnen aus der Hand geschlagen haben: sie machten das Segel los, das Boot wühlte ratlos mit seinem Steven und legte sich dann träge mit der Breitseite in die Höhe. Da nahm eine große Welle sie und führte sie mit einem langen Wurf nach dem Wrack. sie verschwanden in den zusammenbrechenden Wassermassen. Als das Wasser sich wieder beruhigte, lag das Boot da und rollte im Schutz des Schiffes, den Kiel nach obem Ein Mann war im Begriff, sich vom Deck in die Takelage hinaufzuarbeiten.„Das is gewiß Niels?" sagte Ole und starrte, daß ihm die Augen voll Wasser liefen— „ob es wohl nich Niels is?" „Nein, das is mein Bruder Karl!" sagte Nilen. „Denn is Niels weggegangen," sagte Ole jammernd— „denn is Niels ja weggegangen." Die anderen wußten nichts dazu zu jagen: es war ja von vornherein abgemacht gewesen, daß Niels weggehen würde. Ole stand eine Weile da und kroch zusammen, als warte er darauf, daß jemand sagen würde, es sei Niels. Er trocknete seine rinnenden Augen und versuchte, auf eigene Hand da hinauszustarren: aber sie liefen voll Wasser.„Du bast junge Augen." sagte er zu Pelle—„kannst Du nicht sehen, daß es Niels is?" Sein Kopf zitterte. „Nein, es ist jtarl," sagte Pelle leise. Da ging Ole gebeugt durch die Schar, ohne jemand anzusehen oder aus- zuweicheu. Er ging, als sei er ganz allein auf der Welt, an dem Südstrand entlang— er ging, um der Leiche z» be- gegnen. Jetzt war keine Zeit, den Gedanken nachzuhängen: die Leine begann lebendig zu werden: sie glitt in die See hinab und zog das Tau nach sich. Faden für Faden rollte es seine Windungen ab und glitt langsam ins Meer hinaus wie ein erwachendes Seetier, und die dicke Trosse fing an sich zu rühren. Karl befestigte sie hoch oben am Mast: und da war Ver- Wendung für alle Mann— auch für die Jungen, um sie straff zu ziehen. Trotzdem hing sie in einem schnüren Bogen infolge ihres Gewichts, und der Rettungsstuhl mußte sich durch die Wellenkämme schleppen, als er leer hinausging. Er ging mehr unter als über Wasser, als sie ihn mit dem ersten von der Besatzung, einem lächerlich kleinen, dunkelhaarigen Mann in graues, abgenagtes Pelzwerk gekleidet, zurückzogen. Er war beinahe erstickt auf der Reise, aber als sie erst das Wasser von ihm abgeschiittelt hatten, fehlte ihm nichts, und er schwatzte unaufhörlich drauf los, in einer drolligen Sprache. die niemand verstand. Mit fünf kleinen in Pelz gekleideten Wesen kam der Stuhl herbeigewandert. Einer nach dem anderen kam an Land. Und schließlich kam Karl, ein kleines schreiendes Ferkel im Arm. „Tas waren verdammt schlechte Seeleute!" sagte Karl, während er Wasser herauswürgte—'„die verstanden, Gott sei es geklagt, nicht das geringste. Die Raketenleine hatten sie an die Wanten festgemacht und das lose Ende dem Kapitän um den Leib gebunden! Und Ihr hättet die Wirt- fchaft sehen sollen, die da an Bord herrschte!" Er� sprach mit lauter Stimme, aber sein Blick war wie ein Schleier über etwas. Dann zog man nach Hause ins Dorf mit den Schiff- brüchigen. Die Schute sah so aus, als könne sie noch eine Weile dem Wasser Widerstand leisten. Als die Schulkinder nach Hause gehen sollten, kam Lle schlingernd, die Leiche seines Sohnes auf dem Nacken. Er lief mit losen Beinen, strich flach über die Erde hin und jammerte leise unter seiner Bürde. Fris hielt ihn an und war ihm behilflich, die Leiche in die Schulstube zu legen: sie hatte ein großes Loch in der Stirn. Als Pelle die Leiche mit der klaffenden ausgewaschenen Wunde sah, fing er an zu hüpfen: er sprang kurz in die Höhe und ließ sich nieder- fallen wie ein toter Vogel. Die Mädchen zogen sich schreiend von ihm zurück: Fris beugte sich über ihn herrb und sah ihn schmerzlich an. „Das is keine Schändlichkeit," sagten die anderen Jungen,„das is sein Leiden— er wird manchmal so. Tas hat er mal gekriegt, als er gesehen hat, wie ein Mann tot- geschlagen wurd'." Sie zogen mit ihm nach der Pumpe, um ihn wieder zu sich zu bringen. .lFortsetzung folgt.?, Ver VausbaU.*) Die Komödie spielte im Hause eines höheren Beamten, zu tiem man Herr Rat sagte. Es war eine bildhübsche Tochter da. eine korpulente und asthmatische Mutter. Bier kleine Zimmer, völlig ausgeräumt. Damit man sich doch ein bißchen umdrehen konnte. Denn hundert Miste waren geladen. Und natürlich kamen die Damen in großer Toilette, die Herren in Frack und weißer Binde. In einem der vier Zimmer standen drei Skattisaie für die alten Herren; in einem anderen, vorerst noch abgesperrt, war das kalte Büfett installiert; in zwei aneinanderstoßenden Zimmern wurde getanzt: das Pianino stand auf dem Korridor, der auch als Mandel- bahn für die erhitzten�Pärchen diente, und dessen lange Wand eine Sessclreihe in allen Stilarten hatte, vom Rokokotaburett bis zum breibeinigen Küchenstuhl. Wo der Korridor sich in die Tiefe des Hauses verlief, war er durch eine geblümte Gai!*ne abgesperrt. Im ehelichen Schlafgemache legten die Herren ab— unter allerlei „unpassenden Scherzen"— im Zimmer der Tockter schlüpften die Damen aus ihren Pelzen und Mänteln. Man konnte aus diesem Zimmer immer ein wunderliches Gekicher hören. Eine Dienst- botenkammcr mit Klopfbalkon loar als Rauchsalon und Bierstübchen eingerichtet. Ludwig Ganghofcr gibt in seinen Erinnerungen. die als„Buch der Freiheit" in den„Süddeutschen Monatsheften" erscheinen, eine ergötzliche Schilderung eines von ihm miterlebten Berliner Hausballes, der typisch für die Protzengewohnheiten der guten Familie ist, � Solange nur zwanzig und dreißig Leute da waren, sah die Sache sehr fein und stilvoll aus. Ein ununterbrochenes Vorstellen und Verbeugen. Frühgekommene hörten dutzendmal die gleichen Namen. Schon jetzt war die Hausfrau aufgeregt und ruhelos. Immer schwerer ging ihr Atem. Und die beiden Dienstmädchen, welche Tee und Konfekt servierten, hatten kongestive, abgehetzte Gesichter; man konnte es ihnen an den bösen Augen ansehen, daßj sie am folgenden Morgen kündigen würden. Ein paar Minuten nach 8 Uhr war das Gewühl ein körn* plettes. Die alten Herren setzten sich gleich zu ihrem Skat. Man transpirierte schon, noch ehe man zu tanzen begann. Bei der Polo- naise kam man nicht vom Fleck, und es wurde da immer lustig kommandiert:„Auf der Stellei Rührt Euchl" Im Anfang er- höhte dieses Ellenbogengefühl die Lustigkeit; hart stieß man sich niemals an; immer geriet man in linde Gegend. Aber schon während der ersten Rundtänze, die für jedes Paar ein behindertes Kreisen auf beschränktem Flecke wurden, begann ein aufgeregter Trachenkampf zwischen der Jugend, die Luft haben wollte und überall unter den Vorhängen die Fenster ausriß, und zwischen der Hausfrau, die ihre üppig entblößten Freundinnen vor Schnupfen bewahren wollte und die Fenster immer wieder schloß. Tie Sachs entwickelte sich zu einem boshaften Gesellschaftsspiel. Alle paar Minuten kreischte eine ängstliche Frauenstimme:„Es zieht, es zieht, es zieht!" Tann kam die Walze der Hausfrau wieder in aufgeregtes Rollen. Jugend und Alter wurden erbitterte Feinde. Nur die grauköpfigen Herren saßen ruhig und zufrieden bei ihrem! Skat. Fürchterlich war dieses Gequietsche des Pianinos. Der Klavier» spieler, als man ihm Vorwürfe machte, verteidigte heftig seine Kunst und schob alle Schuld auf das Instrument. Da müsse etwas nickt in Ordnung sein. Als man den Klavierkasten öffnete, wurden verschiedene Fremdkörper gefunden, die vom letzten Hausball her noch zwischen den Hämmern und Saiten hingen: ein Handschuh, ein Tpitzcntüchelchen und eine Serie von Zigarrenstummeln. Um halb elf Uhr wurde die versperrte Flügeltüre zum Büfett» räum geöffnet. Und unter Hurra und Halloh begann eine Be- wegung der Massen, die dem Sturm auf eine Festung glich. Was man eroberte, mußte man, von Gewühl umkeilt, in der Luft ver- schlingen. Die Gesellschaft glich einem Schwärm von Gauklern, mit Tellern und Gläsern über den Köpfen. Alle verstanden sich nicht aufs Balanzieren. Man bekleckerte seinen Mitmenschen mit italie- irischem Salat, übertüvfelte die Ausladungen der Damen mit Mavonnaise und ließ ihnen das in Suppe zerfließende Gefrorne auf die Kleider tröpfeln. Nur die alten Herren bekamen Teller und Gläser in das Spielzimmer getragen und blieben— als das einzig Feste in diesem lärmenden Aufruhr— zufrieden und seelenruhig bei ihren Wenzeln sitzen. Im Büfetiraum tobte der Kampf der Hungernden und Durstigen eine Stunde lang. Wer sich ein Plätz- che» an der vom Gedränge schief gerückten Tafel erkämpfte, nützte die Gunst des Augenblicks und stürzte flink, bevor das Schicksal ihn wieder ins Ungewisse schleuderte, ein paar Gläser schaumlosen Bieres hinunter oder ein paar Kelche von diesem Sekt, welcher Luftblasen so groß wie Erbsen von sich gab. Dieses eilfertige und gierige Verschlingen und Schlucken führtS zu akuten Folgen. Wer sich im Korridor befand, konnte immer wieder ein Tamenpärchen gewahren, das möglichst unauffällig durch jenen geblümten Vorhang zu verschwinden suchte. Die Grenze dieses Vorhanges durfte kein Männerfuß überschreiten. ES hatte ein Engel des Schamgefiihls mit weißem Lilienschwert vor diesem geblümten Vorhang Wache stehen und alle Unberufener» verscheuchen sollen. Und dennoch wurde gerade die Stätte vor diesen« Sck'leier der Geheimnisse von allen Kavalieren des Hausballes beharrlich und mit zunehmendem Eifer aufgesucht. Denn dicht vor diesem Vorhange war eine Türe. Wer sie öffnete tat es immeN nur um einen schmalen Spalt, der knapp zum Durchschlüpfen aus» reicbte. Diese Tür führte zu einer dämmerig erleuchteten Garde» robekammer. Der Lichtmangel, der hier herrschte, war nicht Spar» samkeit; er war eine Konsequenz wohlwcislicher Ueberlcgung. Int diesem Räume konnte man eine ingeniöse Erfindung der kulti» vierten Großstadt kennen lernen. Mitten in dem leeren Räume zwischen den hohen Kästen war eine lange hölzerne Bank plaziert. Sie war sehr hochbeinig, viel höher als eine gewöhnliche Bank. Und auf dieser Holzbank standen in exakter Reihe ein Dutzend— wie soll ich sagen?— ein Dutzend Urnen der fluktuierenden Lebensaschc. Diesen architektonischen Aufbau nannte man die „Scufzerbrücke". Ilnleugbgx eine höchst sinnreiche Institution. Nur: ein bißchen gefährlich! Und in später Stunde, bald nacki der Mitternachtsglocke, gab's auch richtig eine schreckliche Katastrophe. Ein Jüngling stieß bei einem gaukelnden Ruck in diesem Dämmerscheine gegen die Seufzcrbrücke und brachte sie aus dem Gleichgewicht. Sie fiel. Ein ftirchterlickes Klickeradoms! Während aus der düste- ren Rätsclhöhle dunkle Schlangen in den Korridor herausgeschossen kamen, erhob sich ein wirres Gescbrei und Gelächter. Jetzt liefen sogar die Skatbrüder mit den Karten in der Hand zur Türe und guckten wißbegierig in den Korridor hinaus. Der war im Nu so leer geworden, wie der Marktplatz nach dem Warnungsschrei:„Der Löwe kommt!" Nur der Pianist blieb auf verlorenem Posten zurück; er war erschrocken auf den Klaviersessel gesprungen und zog mit übertriebener Vorsicht sogar noch die Frackschöße in die Höhe. TaS hübsche Töchterchen des Hauses weinte vor Scham, die Hausfrau glich einer Entseelten, renitent verweigerten die beiden Dienst- mädchen das notwendige Werk der Hilfe, und der Hausherr, mit tcn Skatkarte« in der Tand, beschimpfte den unbekannten Misse- tätet als brutalen Rohling. Neben dem Bilde dieser schauerlichen Situation die Sprache des schreienden Kontrastes: Große Toilette mit Perlschnüren und blitzenden Steinen! Ordensbändchen, Frack und weiße Binde! Schliff der Großstadt! Sublime Kulturl Der I�audenkolonift als Gärtner und Kleintierzüchter. Insektenfressende Stubenvögel. Als Pritzke Sonntag vor 8 Tagen nach langer, durch Sturm und Regen veranlaßter Pause wieder nach Neu-Bogelsdorf kam, das seinen Namen nicht umsonst trägt, fand er dort die ersten Starschwärme vor. Der Starmatz kommt nämlich am frühesten von allen den wanderlustigen Vögeln wieder, die uns im Herbst verlassen, und die Schwärme machen sich dann durch ihr eifriges Geschwätze weithin bemerkbar. Prietzke behauptet, es seien nur die Starweiber, die diese Schwatzereien veranstalten. Fast zugleich mit den Staren kommen noch die Rotkehlchen, diese reizenden Jnsektenfrcsier, die, außer der Mauserzeit, fast das ganze Jahr hindurch ihren lieblichen Gesang erschallen lassen, trotz Sturm und Kälte lustig mit dem Schwänze wippen und mit beiden Beinen zugleich munter auf dem Boden umherhopsen. Wie manche Stare, so bleiben auch vereinzelte Rotkehlchen den Winter über bei uns; wird dann die Kälte streng, so sind sie rettungslos verloren, wenn sie nicht irgendwo in einem Vorstadt- treibhaus gastliche Aufnahme finden. Durch Jahre hindurch hatte ich in den Treibhäusern allwinterlich meine Rotkehlchen, zu denen {ich hier und da ein winziger Zaunkönig gesellte. Er ist ein echter Proletarier, dieser König vom Zaun, der kommt und geht, wie es ihm paßt, dieser stets krcuzfidele Drückeberger, ohne daß man feststellen könnte, durch welche Ritze er seinen Weg nimmt. Anders hält es das Rotkehlchen. Wenn es einmal in einem kalten Treibhause heimisch wurde und die Gewißheit erlangte, daß es nichts zu furchten hat, so wartet es hier geduldig die kommende, bessere Zeit ab. um sich dann, wenn die Luftfenster des Hauses wieder regelmäßig geöffnet werden müssen, bei gutem Winde auf Nimmerwiedersehen zu empfehlen. Den Nutzen, den diese und andere insektenfressende Vögel dem Laubcnkolonisien und Parzellenbcsitzer bieten, will ich heute nicht erörtern; er wird meistens überschätzt, da sie fast alle die schäd- lichen Läuse und die behaarten Raupen durchaus meiden. Man mache nur einmal den Versuch, einen gefangenen Star oder an- deren Insektenfresser mit Kohlraupen, oder mit denen des dem Obstbau so verderblich werdenden Ringelspinners zu füttern; sie werden eher den Hungertod sterben, als auch nur eine dieser Raupen zu verzehren. Einen ganz besonderen Reiz hat aber der insektenfressende gefiederte Sänger für den Liebhaber von Zimmer- vögeln. Diesen Vögeln ist in fast allen Arten ein ausgesprochen lebhaftes Temperament eigen, dabei bekunden sie eine Neugierde, aber nicht nur die Weibchen, die hart an Frechheit grenzt; Tempe- rament und Neugierde tragen dazu bei, bald ein freundschaftliches Verhältnis zwisojen dem gefangenen Vogel und seinem Pfleger herzustellen, das uns besonders sympathisch berührt. Ich erinnere mich aus früheren Zeiten, als der Kampf ums Dasein noch nicht seine heutige Erbitterung hatte, als in Familie und Werkstatt noch größere Gemütlichkeit herrschte, der vielen Stare, Amseln und Rotkehlchen, die damals in Stube und Werk- statt, namentlich auf dem Lande, gehalten und liebevoll gepflegt wurdet* So ein Starmatz, der alle Ecken, alle Fächer und Ritzen untersuchte, gewissermaßen seine Nase überall hineinstecken mußte, weder eine Mücke noch eine Stubenfliege aufkommen ließ und sich bei Tisch seinen Anteil selbständig aus den Tellern und Schüsseln herausfischte, gehörte gewissermaßen mit zur Familie. Das neue Vogelschutzgesetz hat dieser oft rührenden Tierfreundschaft einen argen Dämpfer aufgesetzt, da unter seiner Herrschaft der Handel mit einheimischen körnerfressenden Vögeln fast während des ganzen Jahres, der mit insektenfressenden Singvögeln der Heimat über- Haupt vollständig verboten ist. Das Halten besonders bevorzugter Vogelarten, namentlich der Nachtigall, war schon vorher in manchen Landesteilen überhaupt verboten, in anderen mit einer dem kleinen Mann unerschwinglichen Steuer belegt. So mutz denn heute der Liebhaber sehen, entweder den gewünschten heimischen Insekten- fresfer aus dem benachbarten Oesterreich zu beziehen, wo in den Donauländern noch eine reiche Vogelfauna vertreten ist, oder ge- legentlich diesen oder jenen Piepmatz selbst aufpäppeln und seiner Liebhaberei dienstbar machen. Man braucht einen solchen jungen Vogel durchaus nicht aus dem Nest zu rauben, da sich häufig Gelegenheit bietet, zu früh dem Neste entschlüpfte kleine Heiß- sporne, die in der nächsten Nacht einer wildernden Katze oder einem Wiesel zum Opfer fallen würden, in schützende Obhut zu nehmen und aufzuziehen. Ich habe das in vielen Fällen mit Schwarzdrosseln, Staren, aber auch mit den zartesten Sängern wie Schwarzplättchen, Rot- und Blaukeblchen usw. erfolgreich durchgeführt. Man darf es sich aber nicht verdrießen lassen, sich früh aus den Federn zu machen, und beim Morgengrauen erst- mals zu füttern. ES sind bekanntlich nicht die harmlosen Vogel« liebhaber, die unsere heimische Vogelwelt dezimieren, sondern in erster Linie unsere Raubvögel, ferner Krähen, Häher, Elstern. Würger und die kleinen Raubsäugeticre, von den Italienern, dia die Zugvögel auf der Durchreise zu Hunderttauscnden vernichten� nicht zu reden. Es sei hier nur daran erinnert, daß viele Sänger« wie z. B. die Nachtigall, die Lerchen u. a. direkt auf oder dicht über der Erde brüten, und daß viel andere ihre Nester so sorglos anlegen, daß sie von jeder Katze ausgeplündert werden tönnep, wie es andererseits auch zahlreichen Vogelarten, namentlich den Höhlenbrütern, an passenden Nistgelcgenheiten fehlt. Für diese bieten die Nistkästen, die der Laubenkolonist selbst zu zimmern pflegt, keinen geeigneten Ersatz, denn in diesen Kästen brüten« vom Star abgesehen, meist nur die Haus- und Feldspatzen. Dio richtige Nistgelegenheit für Höhlenbrüter bilden nur aus einen« Stammstück gebohrte Nisthöhlen nach dem Vorbild der von den Spechten selbst in den Stamm gemeißelten Bruthöhlen. Man darf sich aber nicht damit begnügen, Naturhöhlen sachgemäß in den Bäumen zu befestigen, sondern man muß sie auch im Auge be» halten und die Feldspatzen, die durch das kleinste für Meisen be» stimmte Flugloch hindurchschlüpfen, solange regelmäßig heraus» schmeißen, bis einer der nützlichen Höhlenbrüter die Nistgelegen-, Heit bezogen und sich darin häuslich eingerichtet hat. Da die Höhlenbrüter keine Nester bauen, gibt man in jede Höhle ein Löffelchen Sägespäne oder trockneni.Mulm aus einem hohlen Baume, als Unterlage für das Gelege. Genaue, durch Abb»- düngen erläuterte Abbildungen zum gesamten Vogelschutz finden die Leser im„Praktischen Taschenbuch für Gartenfreunde", zweite Auflage mit 137 Abbildungen. Preis 3,50 Mk. Vorrätig in der Buchhandlung„Vorwärts". Als heiterer Zimmergenosse, der zu Zeiten durch herrlichen Gesang erfreut, ist der insektenfressende Vogel wie geschaffen. Diese Vögel sind aber Viclfresser und erfreuen sich einer vorzüg- lichen Verdauung, infolgedessen schmutzen sie stark. Es ist alsa bei ihnen weit mehr wie beim Kanarienvogel und anderen körner- fressenden Vögel auf Reinlichkeit zu halten. Ter Käfigboden muß einen geräumigen Schiebekastcn aufweisen, der täglich zn reinigen und mit staubtrocknem Sand neu zu bestreuen ist. Ge» wöhnliche Vogelbauer, wie man sie für Finkenvögel verwendet, sind für Insektenfresser absolut ungeeignet. Der Bauer für diese muß mehr lang als hoch sein. Ein sogenannter Nachtigallen- käfig, der» sich auch für den in Osteuropa heimischen Sprosscr, auch Auennachtigall genannt, wohl unseren hervorragendsten Sänger, eignet, soll mindestens 46 Zentimeter lang, 23 Zentimeter breit, 32 Zentimeter hoch sein. Die Amseln. Drosseln und Stare er- fordern doppelte Käfiggröße. Die Schublade für die Sandcinlage muß 4% Zentimeter Höhe haben und gut schließen, damit jede Bc- schmutzung des Zimmers unmöglich gemacht wird. Sauf- und Wassergefäße befinden sich an den beiden Schmalseiten des Bauers in zwei nach außen gut schließenden gestrichenen Blechkästcn, daS Badegesäß wird an die hochgezogene Tür gehängt. Das Dach des Käfigs darf nicht aus Drahtgeflecht bestehen, sondern von eine Wachstuchdccke gebildet sein, da uneingeweihte Insektenfresser anfangs sehr stürmisch sind, dann häufig mit dem Kopf gegen die Käfigdecke rennen und sich, falls diese nicht elastisch ist, leicht den Schädel einstoßen. Im Herbst, zur Zugzcit, werden diese Vögel oft von unbezähmbarer Wanderlust befallen, leicht stürmisch, namentlich dann, wenn sie die Lockrufe ihrer reisefertigen Sipp- schaft draußen hören. Sprunghölzer lvcrdcn in einem Nachti» gallenkäfig nur drei angebracht, zwei rechts und links unten, und eine etwas erhöht zwischen diesen beiden. Zum Schutz gegen die Einnistung von Ungeziefer soll der ganze Käfig ausschließlich aus Metall gefertigt sein; Holzkäfige, namentlich mit der Laubsäge gearbeitete, sehen ja äußerlich oft recht schmuckvoll aus, find aber zur Vogelhaliung absolut ungeeignet. Auch Sprunghölzer aus Bambus und sonstigem Rohr müssen vermieden werden, da diese zur Brutstätte der Milben werden. Der Gesang der obenge- nannten Drosselarten ist für geschlossene Wohnräume zu kräftig, sie werden deshalb meist nur in Bauern gehalten, die man im Frühling und Sommer außerhalb der Wohnräume, aber gegen sengende Sonnenstrahlen geschützt, unterbringt. Zu beachten ist noch, daß die Insektenfresser wenig verträglich sind, daß sich nicht nur zwei in einem Bauer gehaltene Männchen gegenseitig bis auf den Tod bekämpfen, sondern auch richtige Pärchen außerhalb der Brutzeit. Während sich gewisse heimische Körnerfresser im Zimmer leicht züchten lassen, gelingt dies bei Insektenfressern nur selten und ausnahmsweise. Zwar hat man bereits Nachtigallen in der Gefangenschast gezüchtet, aber niemals im Vogelbauer,.sondern nur in großen, im Freien stehenden, mit Gesträuch bepflanzten Flugkäfigen. Ganz auffallend ist die Vorliebe unserer heimischen und auch der ausländischen insektenfressenden Stubcnvögel für ein er- frischendes Bad. Ein geräumiges Badekästchen, nach oben und nach drei Seiten mit Scheiben abgedeckt, nach der vierten Seite offen, um hier an das Bauer gehängt zu werden, muh für jeden Vogel vorhanden sein. Wärmcbedürftigm ausländischen Vögeln gibt man täglich einmal erwärmtes Badewasser(26— 30 Grad Celsius), einheimischen nur kaltes, das man ihnen während des ganzen Tages zur Verfügung hält. Selbstverständlich müssen einheimische Insektenfresser, wie Schwarz- und Singdrossel, aber auch Stare und Rotkehlchen, während des Winters entweder in kaltem oder fföüj m nur wenig erwärmtem Zimmer gehalten werden, da sie die Temperatur der Wohnstube auf die Dauer nicht ertragen. Vor zwei Jahren fütterte ich zwei dem Neste entnommene Schwarz- drosseln auf, die ich in zwei getrennten Käfigen in ungeheizter Stube, deren Fenster auch bei strenger Kälte im W.nter Tag und Nacht geöffnet blieb, überwinterte. Während des ganzen strengen Winters verging kein Tag, an dem nicht beide Vögelchen ihr Voll- dad nahmen. Die Fütterung der insektenfressenden Stubenvögcl ist mühe- voller und leider auch kostspieliger als die der Körncrfresser. Im Handel find verschiedene Mischfutterpräparate erhältlich, die in der Hauptsache aus getrockneten und zerkleinerten Früchten, aus Weitzwurm und Ameisenpuppcn, sogenannten Ameiseneiern, bc- stehen. Solch Mischfutter, wenig mit Wasser angefeuchtet, kann als sogenanntes Universalfuttcr Verwendung finden; da es leicht säuert, muh es an warmen Tagen zweimal frisch zurechtgemacht werden. Uebrigens kann sich der Liebhaber auch selbst ein ge- eignetes Mischfutter zurecht machen, wenn er gleiche Teile auf dem Reibeisen geriebener Möhre und ebenso behandelte altbackene Wassersemmel(Schrippe) mit einer Portion Ameisenpuppen ver- mischt. Das Mischfutter darf nie nah sein, sondern nur krümelig. Daneben muh man natürlich im Sommer frische Ameisenpuppen tAineiseneicr des Handels) und das ganze Jahr hindurch täglich einige Mehlwürmer geben. Von dieser Fütterung und der Sauber- Haltung der Tiere, denen man gelegentlich auch einen kleinen Spazicrflug in das Zimmer gestattet, hängt ihre Ausdauer im Zimmer ab. Es ist wiederholt gelungen, selbst Nachtigallen, Schwarzblättchen und Rotkehlchen 10— 15 Jahre lang in der Ge- fangenschaft zu erhalten. Alle Insektenfresser lieben zur Abwechse- lung auch Beerenobst, z. B. Vogelbeeren(Sorbus), Holunderbeeren, Erdbeeren, Johannisbeeren, ein Stückchen Apfel, etwas Feige usw., ferner geschabtes Rindfleisch und alle möglichen Insekten, die man im Sommer reichlich erlangt, wenn man einen Kätscher (Schmetterlingsnetz) durch das hohe Wiesengras streift oder die Bewohner eines Feldbusches in einen untergehaltenen Schirm ab- klopft. Das Hauptbeifutter ist aber immer der Mehlwurm. Prietzkc kennt sich da aus, er hat sich eine grosse Mehlwurmhecke angelegt, und Frau Prietzke weigert sich seitdem beharrlich, die Kammer zu betreten, in der sich die Kiste mit diesen„Ungeheuern" befindet. Es juckt sie überall, sobald sie diesen Unglückskasten sieht!— Der Mehlwurm ist die Larve des Mehlkäfers, der in den Bäckereien und auch in Taubenschlägen als dauernder, aber nicht gern gesehener Gast vorkommt. Seine Zucht wird vielfach be- rufsmässig als Nebenerwerb betrieben, denn rein ausgesiebte Mehlwürmer kosten, nach dem Gewicht verkauft, kaum weniger als Hummern und Austern. Zur Zucht genügt eine gewöhnliche. mässig hohe Kiste, innen mit Blech gut ausgeschlagen, da die Wür- mer das Holz durchnagen würden, und oben mit einem gut- schlicsscnden Drahtgazcdeckel abgeschlossen, der genügend Lüftung gestattet, aber den Käfern das Davonfliegen unmöglich macht. Statt der üblichen ausgedienten wollenen Strümpfe und Woll- läppen, in denen sich leicht Motten einnisten, die der Zucht schaden, gibt man als Brutstätte eine gute Lage alter anderer Flicklappcn, Hemden usw. hinein, und hierauf reichlich Weizenkleie. Dann setzt man eine Handvoll kräftiger Würmer ein, die sich im Sommer verpuppen und dann in Käfer verwandeln, die die Fortpflanzung besorgen. Als Futter der Käfer und Würmer verwende man nur geriebene Mohrrübe, die man auf ein Blatt Pergamentpapier legt, und eingeweichte, aber danach wieder etwas abgetrocknete Brotrinde, denn die Mehlwurmhccke muss stets trocken gehalten werden. Das Einlegen von toten Ratten, Mäusen, Spatzen usw. empfehle ich nicht. Der Mehlwurm ist auch das beste Mittel, den Insektenfresser gahm zu machen. Einem zwischen Daumen und Zeigefinger ge- fasstcn und an den Käfig gehaltenen zappelnden Mehlwurm kann auch der scheueste Vogel auf die Dauer nicht widerstehen. Nach kürzerer Zeit kommt er bereits auf die Hand geflogen, um sich den Fratz selbst zu holen. Wild cingefangcne Insektenfresser müssen in brj ersten Wochen in verhängtem Käfig gehalten werden, sind sie aber einigermaßen eingewöhnt, so nehme man den Vorhang nach und nach fort und stelle oder hänge die Käfige so tief, dass man stets„von oben herab", aber ohne hochgehaltene Nase mit dem Bogel verkehrt, denn so wird er am leichtesten zahm und zutraulich, während der Vogel in einem hoch hängenden Käfig stets wild und ängstlich bleibt. Von den ausländischen insektenfressenden Stubenvögeln ist jetzt de» Sonnenvogel, auch chinesische Nachtigall genannt, ein ganz angenehmer, äuherlich dem Rotkehlchen ähnlicher Sänger, eine der gewöhnlichsten Erscheinungen des Vogelmarktes, den man schon für 2— 3 M. erstehen kann. Exotische Meistersänger sind die bedeutend grösseren Spott- und Schamadrosseln. die hoch im Preise stehen (30—35 M.). Vor einigen Jahren versuchte ich die Züchtung der Schamadrossel mit einem importierten Männchen und einem Weibchen, das aus der ersten in Deutschland gelungenen Zucht her- vorgegangen war. Die Ehe nahm einen unglücklichen Ausgang. Das entartete Weib bearbeitete den Gemahl derart mit seinem bösen Schnabel, dass er seine nur schüchtern vorgebrachten Liebes- betcuerungen mit dem Tode büssen mutzte, was mein Junggesellen- herz tief betrübte.__ M. H. Scbacb. Unter Leitung von S. Alapin. Lösung.(25. Februar. Dr. E. Lasker Weiss: Kai; BB ai, d5, d4, lt. Schwarz: Ka7; BB a5, d6, kö. Weiss zieht und ge» winnt.) Auch dieses Endspiel eignet sich sehr zu„Vexier"- Zwecken, weil die Zahl der Varianten zu gross ist, um ohne Kenntnis der Methode der Lösung immer beiderseits den richtigen Zug zu treffen. Diese Methode besteht in folgendem: Weiss droht zunächst nach dS mit seinem K zu gelangen, wonach er den BaS und somit dann augenscheinlich auch leicht die Partie gewinnen würde. Schwarz muss also das Eindringen des weissen K nach b5 verhindern. Der Weg nach bö geht für Weiss über ct. Sobald also Weiss das Feld ot bestritt, muss Schwarz seinen K nach b6 l postieren. Denn würde auf Kot der Zug Käß? erfolgen, so würde Weiss mit Kot— d3—«3— k3— g3— bt— bö— göX® leicht gewinnen. Es ist zu bemerken, dass diese letztere Gewinnmöglichkeit für Weiss sich in a l l den Fällen darbietet, in denen der schwarze K m e h r als um eine Vertikalreihe nach links(von Weiss aus gesehen) (einem weissen Opponenten nachsteht.(Die Felder ot und a6 z. B. sind eben um zwei Vertikalreihen voneinander entfernt.) Man merke sich nun folgende Gruppen von Feldern: 1. ot und b6; 2. b3, d3, bl, dl und dementsprechend»7, o?; 8. c3, ol und b7; 4. b2, d2 und a8, c8; 6. c2 und b8.(Die logische Begründung der gegenseitigen Korrespondenz der Felder in jeder dieser fünf Gruppen ist zu platzraubend. Empirisch aber die Einteilung der erlvähnrcn Felder in die fünf Gruppen sich zu merken, dürfte nicht schwer(ein. Man kann es sich schliesslich aufzeichnen I) Die LösungS» Methode besteht nunmehr darin, dass der weisse K fortwährend und möglichst in der Richtung nach rechts die Felder der Gruppe auf- sucht, auf denen der schwarze K im gegebenen Momente postiert ist.(Der erste— und einzigl richtige Zug der Lösung be- stände demnach in 1. Kbll. weil a7 und bl zur selben Gruppe gehören. Auf jeden anderen Zug von Weiss könnte Schwarz Remis halten, indem er sich an dasselbe Prinzip des AufsuchenS der be» treffenden Feldergruppen hält! Für diese letztere Eventualität Härte Schwarz nur noch zu beobachte», dass die Felder al, a2 und a3 sowohl zur dritten als zur fünften Gruppe gehören.) Wenn Weiss richtig nach obiger Methode vorgeht, wird der Gegner bald nicht mehr in der Lage sein, gleichzeitig das Eindringen nach bö und die Entfernung uin mehr als eine Benikalreihe(bezw. das Eindringen nach bö) zu verhindern. Z. B.: 1. Kbl I(1. Ka2?, Kb7:c. Remis. Oder 1. Kb2?, Ka8 1 auch Remis.) 1...... Ka8; 2. Kb21, Ka7; 3. Kb3!(3. Kc3?, Kb7 1 Remis. Oder 3. Kc2?, Kb3! Remis.) 3...... Kb7(3...... Kaö; 4. Kc21, Kb6; 5. Kd2I. Kc7; 0. Kd3 1 und Schwarz mutzte, um das Eindringen nach bö zu verhindern, die Entfernung von zwei Vertikalreihen zulaffen, wonach Weiss nach bö gelmrgt. Bei 3...... Ka8? oder 3...... Kb8? gewinnt augenscheinlich t. Kot nebst 5. Kbö und 6. KXa5) t. KcSH Kc7; 5. Kd3!(5. Kot?, Kb6! Oder B. Kd2?, Kc8 1 Oder 5. Ko2?, Kb8I würde Remis zulaffen.) Weiss gewinnt nunmehr leicht, weil er entweder nach bö oder nach bö gelangt, indem Schwarz das günstige Feld o7 verlosten mutz. Da den beiden Königen bei jedem Zuge anscheinend mehrere Züge zur Verfügung stehen, ist die Zahl der Varianten sehr gross. Ii» sämtlichen diesen Varianten ist fast bei jedem Zuge beiderseits ein einziger Fehler genügend, um das Resultat zu ändern, denn meistens gibt es nur eiuen einzigen richtigen Zug. Ohne die obige allgemeine Methode zu kennen,»st eS für den Laien(selbst für einen Meisterl) fast undenkbar, in der Sache sich auszukennen. Man kann also auch mit diesem„Vexier"-Eudipiel spassige Unterhaltung erzielen, indem man dem Laien gegenüber mit Weiss aus Gewinn und mit Schwarz auf Remis wettet.— Berichtigung. Wir werden aus San Sebastian darauf aufmerksam gemacht, dass nach 1. ot, s6; 2. dt. dö; 3. SeS, Sf6; t. Lgö, Le7; 5. eö, Sfd7; 6. LXe7, DXe7; 7. Ld3, 0-0; 8. Sce2, cö; 9. c3, f6; 10. kt, cd; 11. cd, fe Weiss doch am besten hätte 12. kXol» I antworten sollen. Denn die in»mserer Glaste vom 18. Februar angegebene Fortsetzung:„12..... Dbtf; 13. ScS, DXb2; 13. Sge2, Sc6* überlätzt dem Weissen noch gute Angriffs- chancen mit lt. Tbl. Da3; 15. Dc2»c. Wir muffen die Richtigkeit dieser Einwendung anerkennen»md berichtigen wie folgt: 12. IXeöl, Übtf(Gut ist auch 12.... vbts-; 13. g3, Db6-c.) 13. ScS, Tf7I (Aus ScC folgt Dbö) 14. Sf3!, Sk8; 15. 0-0, Ld7; 16. Tf2, Le3; 17. Dd2. Sc6; 18. Tafl, TacS; 19. Lbl, a6 2C. mit annähernd gleichen» Spiel. Schachnachrichten. Die Preisträger von San R e m o sind: Fahrni(7>/z). Lowtzki(7), Forgacz(6Vs). Leichter find so hohe Geldpreise(2000. 1500 und 1000 Fr.) noch»sie gewonnen worden; denn die Besetzung war wegen der Konkurrenz von San Sebastian eine sehr»ninderioertige. Es erhielten noch Trostpreise: Kostic und Przepiorka(6), Gunsberg und Reti(ö'/s), Roselli und v. Schewe(5).— Der gegenwärtige Stand in San Sebastian ist: Capa- blanca 4'/,(1 Hängepartie). Macshall 4(1), Schlechter 4, Tarrasch 3'/,(1). Maroczy. Rubinstein je 3(1). Bernstein. Burn, Riemzowitsch. Spielmann, Bidmar je 2b,(1), Leonhard 2(1), Duras 2, Janowski l'/s(2), Teichmann!'/,(1)._ »erantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlm.— Druck u. Verlag: RorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanftalt Paul Singer�Co., Berlin SXV»