Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 51. Dienstag, den 14. März. 1911 (Raabciiit ociBoten.) 61] pelle der Eroberer. Roman von Martin Andersen Nexö. Karna stand hinten im Wagen und schlief, an den Vorder- sitz gelehnt stand Bengta und weinte:„Sie haben Anders eingesteckt." schluchzte sie.„Er wurde wild und da haben sie ihm Handeisen angelegt und ihn eingesteckt." Sie ging mit Pelle zurück. Lasse stand neben Karl Johann und der blonden Marie: er sah Pelle herausfordernd an. in seinen zusammenge- fniffencn Augen brannte eine kleine empörerische Flamme. „Dann fehlen also nur noch Möns und die flotte Sara." sagte Karl Johann und musterte sie. „Aber Anders? Du willst doch nich ohne Anders wegfahren?" schluchzte Bengta. „Mit Anders is nichts nich zu machen," sagte der Groh- knecht.„Der kommt woll mal von selbst wieder, wenn sie ihn loslassen." Sie erfuhren, daß Möns und die flotte Sara unten auf einem von den Tanzplätzen waren und gingen da hinab.„Nu bleibt Ihr hier." sagte Karl Johann hart und ging hinein, um sich einen Ueberblick über die Tanzenden zu verschaffen. Da drinnen brannte das Blut wie tanzende Sonnen: die Gesichter glichen Feuerkugeln, die rote lkreise in dem blauen Nebel von Schweißausdünstungen und Staub zogen! Dung! Dung! Dung! Tier Takt fiel dröhnend wie eine Faust am jüngsten Gericht: und mitten in dem Raum stand ein Bursche und rang seine Jacke aus, so daß das Wasser plätscherte. Aus einem der Tanzplätze stürzte ein großer Bursche mit zwei Mädchen heraus. Er hatte einen Arm um den Hals von einer jeden geschlungen, und sie falteten getreulich die Arme um seinen Rücken. Die Mütze saß ihm im Nacken, er war nahe daran, in die Luft aufzusteigen vor lauter Un- bändigkeit, fühlte sich aber zu angenehm beschwert, um sich durch Sprünge zu betätigen: so sperrte er denn den Mund weit auf:„Hol mich der Deubell Hol mich der Satan! Siebenhundert Teufel soll'n mich holen!" jubelte er, so daß es gellte und zog mit feinen Mädchen ab unter die Bäume. „Das war ja Per Olsen selbst!" sagte Lasse und sah ihm sehnsüchtig nach.„Is das ein Kerl! Der sieht wahrhaftig nich aus, als wenn er dem lieben Gott gegenüber eine Schuld auf'm Gewissen hätt!" „Sein Tag wird auch woll kommen," meinte Karl Johann. Durch einen reinen Zufall fanden sie Möns und die flotte Sara, die auf einer Bank unter den Bäumen saßen und in inniger Umarmung schliefen.„Na, denn woll'n wir man sehen, daß wir zu Haufe kommen!" sagte Karl Johann langgezogen: er war so lange umhergegangen und war brav gewesen, daß er ganz trocken davon im Halse geworden war. „Von Euch spendiert woll keiner ein Abschiedsglas?" „Das tu ich," sagte Möns,„wenn Ihr mit nach dem Pavillon rauf kommen und es trinken wollt." Möns hatte was versäumt durch sein Schlafen und fühlte das Bedürfnis, noch einmal die Runde um den Platz zu machen. Jedesmal, wenn ihnen ein Geheul entgegendrang, sprang er an der Seite der flotten Sara in die Höhe und antwortete mit einem langen Jauchzer. Er versuchte sich loszureißen, aber sie hielt ihn fest am Arm: dann schwenkte er mit dem dicken Ende seines Kugelstockes und jauchzte hemusfordernd. Lasse zappelte mit seinen alten Gliedern und versuchte, Möns Jauchzer nachzuahmen, er hatte auch Lust zu allem anderen, als nach Hause zu fahren. Aber Karl Johann schlug auf den Tisch— jetzt sollte es vor sich gehen! Und Pelle und die Frauenzimmer standen ihm bei. Draußen auf dem Platz veranlaßte ein Geschrei sie. still- zustehen. Die Frauenzinimer verkrochen sich jedes hinter feinen Mann. Ein Bursche kam barhäuptig gelaufen, aus einem großen Loch in der Schläfe floß das Blut über Gesicht und Kragen herab, seine Züge waren verzerrt vor Entsetzen. Hinter ihm drein kam ein anderer, ebenfalls barhäuptig und mit gezücktem Messer. Ein Waldhüter stellte sich ihm in den Weg, bekam aber sein Messer in die Schulter und fiel: der Verfolger lief weiter, �-«dem er an ihnen vorüber- jagte, stieß Möns ein kurzes Geheul aus und sprang in dis Luft empor: sein Kugelstock sauste dem anderen gerade in den Nacken, so daß er mit einem Seufzer zusammensank. Möns glitt hinter einige Gruppen und verschwand: unten am Rande des Waldes stand er und wartete auf die anderen. Er beantwortete das Geheul nicht mehr. Karl Johann mußte die Pferde an den Köpfen führen, bis sie auf den Weg hinausgekommen waren, dann setzte man sich auf den Wagen. Hinter ihnen war der Lärm verschwun- den, nur ein vereinzelter langer Hilferuf stieg in die Luft auf und fiel wieder. Unten an dem kleinen Waldsee hatten sich einige ver« gessenc Mädchen versammelt und spielten auf eigene Hand auf der Wiese. Der weiße Dampf lag über dem Gras gleich schimmerndem Wasser und die Mädchen ragten mit dem Ober- körper daraus aus. Sie gingen im Rundkreis und sangen das Sommernachtslied. Rein und klar stieg der fröhliche Gesang auf und war doch so wunderlich, traurig anzuhören — weil die. die sangen, von Saufbrüdern und Raufbolden im Stiche gelassen warm: Lasset uns tanzen über Berg und Tal, 4 Verschleißen die Schuh und die Socken zumal. Hei hopp, mein süßes Herzelein! Lasset uns tanzen bis zum Morgensonnenschein. Hei hopp. Du Holde! Wir tanzen im Sonncngolde. Die Töne legten sich so sanft ins Ohr und auf den Sinn; Erinnerung und Gedanke mußten sich von allem säubern, was häßlich war und den Tag selbst zu seinem Recht kommen lassen, als der Festtag, der er war. Ein unvergleichlicher Tag war es nun für Lasse wie auch für Pelle gewesen— � mit Vergeltung für die Zurücksetzung vieler Jahre. Schade, daß er vorbei war und nicht erst anfangen sollte. Auf dem Wagen waren sie jetzt matt, sie nickten ein oder verhielten sich schweigend. Lasse saß da und wühlte mit der einen Hand in der Tasche. Er suchte sich einen Heber- blick zu verschaffen, wieviel Geld er übrigbehalten hatte. Es war kostbar, eine Braut freizuhalten, wenn man in keiner Beziehung vor der Jugend zurückstehen wollte. Pelle schlief und glitt tiefer und tiefer herunter, bis Bengta seinen Kopf in ihren Schoß nahm: sie selber saß da und weinte ihre bitteren Tränen über Anders. Es dämmerte bereits stark, als sie auf den Hof von Stengaarden hineinrollten. 19. Die Herrschaft auf Stengaarden war jetzt fast beständig in der Leute Mund, niemals waren sie ganz aus den Ge- danken der Bevölkerung heraus. Man dachte ebensoviel an KongstruP und seine Frau und redete mehr über sie wie über das gesamte Kirchspiel, sie warm ja das Brot für so viele, die Porsehung im Guten und Bösen: nichts, was sie unternahmen, konnte gleichgiiltig sein. Es fiel niemand ein, dasselbe Maß und Gewicht für sie in Anwendung zu bringen wie für andere: sie waren etwas für sich. Wesen, die über vieles gesetzt waren, und die tun und lassen konnten was sie wollten— die sich über alle Rücksichten hinwegsetzen und sich Leidenschaften erlauben durften. Das, was von Stengaarden ausging, war für gewöhnliche Menschen zu groß, um darüber zu Gericht zu sitzen, es konnte schwer genug sein, zu deuten, was dort vor sich ging— selbst wenn man das Ganze so aus der Nähe sah wie Lasse und Pelle. Für sie wie für die anderen waren die Leute auf Stengaarden Wesen für sich, die ihr Leben unter größeren Verhältnissen lebten, so halbwegs zwischen Menschen und höheren Mächten— in einer Welt, wo so etwas wie unauslöschliche Brunst und wahnsinnige Liebe herrschte. Was auf Stengaarden geschah, verursachte � daher eine ganz andere Spannung als andere Ereignisse in der Ge- meinde. Man lauschte staunend und gespannt der leisesten Aeußcrung von dort oben aus dem hohen Wohnhaus und bei den Jammerausbrüchen sing man an zu zittern und ging von Grauen bedrückt einher. So klar Lasse in den ruhigen Perioden alles vor sich liegen sah, so konnte das Leben da oben plötzlich wieder außerhalb der täglichen Erkenntnis rücken und schlug um seine und des Knaben Welt zusammen wie eine Nebet- Märe, in der launenhafte Mächte Krieg führten,— gerade über ihren Köpfen. Jetzt war Jungfer Koller schon im zweiten Jahr auf dem IHof, trotz aller üblen Prophezeiungen; es hatte sich im Gegen- teil so gestaltet, daß ein jeder seine Gedanken zurücknehmen mußte. Sie zeigte eine immer größere Vorliebe mit Kongs- trup in die Stadt zu fahren als daheim zu bleiben und Frau Dongstrup in ihrer Verlassenheit aufzuheitern— so ist die Jugend nun einmal. Im übrigen führte sie sich höchst an- ständig und es war eine bekannte Tatsache, daß der Gutsbesitzer wieder feiner alten Hotellieberei in der Stadt verfallen war. Frau Kongstrup selbst hegte denn auch kein Mißtrauen gegen ihre junge Verwandte— falls sie es überhaupt jemals getan hatte. Sie hatte ihre ganze Liebe auf das junge Mädchen ge- warfen, ganz als wäre sie ihre Tochter gewesen; und sehr oft veranlaßte sie selbst Jungfer Köller, mit auf den Wagen zu steigen, um acht auf ihn zu geben. Im übrigen vergingen die Tage!vie gewöhnlich. Frau Kongstrup unterlag häufig ihrer Trunksucht und ihrem »ummer. Wenn das Böse in ihr aufkam, weinte sie über ihr vergeudetes Leben; und wenn er dann zu Hause war, verfolgte sie ihn von einem Zimmer in das andere mit ihrer Anklage, bis er anspannen ließ und die Flucht ergriff— mitten in der Nacht. Die Wände waren so getränkt von ihrer Stimme, daß sie sich durch alles hindnrchfraß, wie ein trübseliges Geräusch. Wer des Nachts zufällig auf war, um bei dem Vieh zu wachen »der aus ähnlichen Gründen, konnte ihre schwere Zunge bis ins endlose da oben lallen hören, selbst wenn sie ganz allein war. Aber da fing Jungfer Köller an, Vorbereitungen zu ihrer Abreise zu treffen; sie verfiel recht plötzlich darauf, daß sie nach der Hauptstadt wolle, um etwas zu lernen, damit sie sich selbst versorgen könne. Das erschien recht sonderbar, da sie doch alle Aussicht hatte, Kongstrups einmal zu beerben. Frau Kongs- trup wurde ganz elend bei dem Gedanken, sie verlieren zu sollen. Sie vergaß ihre anderen Sorgen ganz und redete beständig auf sie ein. Selbst nachdem alles klipp und klar war, als sie zusammen mit den Mägden in der Stallkammer standen und Jungfer Kollers Wäsche zur Reise in Ordnung brachten, fuhr sie mit ihrem Drängen fort— ohne jeglichen Nutzen. Es war ja so ihre Art, daß sie nicht wieder loslassen konnte, wo sie einmal eingehakt hatte— so wie alle Sten- gardener! Es war etwas Eigentümliches, diese Beharrlichkeit von Jungfer Köller; es war ihr nicht einmal klar, was sie in der Stadt anfangen wollte.„Sie will woll hin und kochen lernen?" sagte diese oder jene mit einem verblümten Lächeln. Die Tagelöhnerfrauen machten sich ein Gewerbe auf dem Hof mit dem Milcheimer, um sich bei den Mädchen nach Jungfer Kollers Wäsche zu erkundigen: da waren Zeichen hier und Zeichen da! Frau Kongstrup selbst hegte keinen Verdacht. Sie, die sonst stets, zur Zeit wie zur Unzeit, von Mißtrauen, erfüllt war, schien hier mit Blindheit geschlagen zu sein. � Es kam wohl daher, daß sie sich so felsenfest auf ihre Vertraute verließ — und so viel in ihr sah! Sie hatte nicht einmal Zeit, zu seufzen, so beschäftigt war sie. alles instand zu setzen. Das war auch groß nötig; Jungfer Köller hatte offenbar den Kopf voll von anderen Dingen gehabt, in einer solchen Verfassung waren ihre Sachen. (Fortsetzung folgt.)) Die Ghcm des Glücks. Vor Toiio dehnt sich eine Stadt der duftenden Blüten und der leuchtenden Fenster. Ein Graben trennt sie von der Hauptstadt Japans und ein Gitter umschirmt sie. Auf dem Tor aber, durch das alles Volk passieren muß, steht in goldenen Schrift>eichen der lockende Spruch:„Es ist ein Frühlingstraum, wenn die Straßen voll Blüten find:«in Herbstabendtraum, wenn überall auf den Straßen La- terncn aufflammen." Diese Stadt von mehr als lb 000 Einwohnern treibt nur eine Industrie: den stundenweisen Verkauf junger Frauenleiber. Aus dieser Industrie hat sich eine vollständige Stadt- organisation gebildet mit Beamten und Polizisten, Dirnen und Tänzerinnen, Kausieuten und Kupplern, Acrztcn und Priestern, Gauklern und Bettlern. Aus dem Golde, daO die rastlos taumelnde Brunst strömen ließ, stiegen Zauberpaläste geheimnisvoller Lüfte auf, wuchsen Tempel auf und— Spitäler. Heute führt eine elek- irische Straßenbahn den unruhigen Fremden und den gemessenen Japaner schnell zu dem Tor der Träume, und grelle elektrische Kugellampen stören das zarte Seibenlicht der bunten japanischen Laternen. Alle Wett besucht diese Stadt, w e man eine Weltaus- stellung besucht. Geschäftige Agenten und Rellanien sorgen für den nie stockenden Massenstrom der Besucher. Das ist Joshivara, die„Ebene des Glücks". So nennt die Stadt die mächtige, reiche und angesehene, höchst ehrenwerte Gilde der Bordellwirte. Die Frauen aber, deren Selbstausopferung diese In- dustrie fristet, reden von der Ebene(oder auch von dem Sumpf) des Glücks cus dem„Schlünde grausigen Elends". Das Leben dieser Stadt spiegelt sich in der dichterisch zarten nnd anschaulichen Bc- nennung: Die„Stadt ohne Nacht", denn hier erlischt niemals das Licht in den Fenstern der mehr als 100 Teehäuser und 200 Bordelle. Die Statistik der ärztlichen Untersuchung leuchtet noch tiefer in den Sumpf des Glücks. Sie verzeichnet 11 309 Fälle geschlechtlicher Ansteckung in einem Jahre bei 1270 435 Besuchern; cnif eine Dirne entfallen ungefähr 450 Gäste. Ungezählte namenlose Tragödien der Frauenqual haben sich in der Ebene des Glücks abgespielt, seit jenem Jahre 1017, da diese größte Bordellstadt der Welt begründet und organisiert wurde. Seit drei Jahrhunderten wird auf diesem Stück Erde nichts anderes getrieben, als armes gelbes Menschcnfleisch zerstörti Seit drei Jahrhunderten gehen Millionen kleiner junger Oiran, Dirnen, die der Japaner mit melancholischem Zartsinn„verwehte Blüten des gefüllten Kirschbaums" heißt, anmutig fächelnd, stumm, mit einen» letzten Seufzer der Hoffnung aus Freiheit zugrunde. Seit drei Jahrhunderten werden hier die Schmerzen sanft hingebender Frauen in Berge von Gold gemünzt. Seit drei Jahrhunderten über- tönt hier der Lärm entfesselter Lüste die bang zwitschernden Secl- chen frommer Heldinnen sozialer Aufopferung. Erst hat die fratzcnschneidende Lüge grotesker Operetten, dann die sentimentale Lüge tragischer Romane und Opern dem Abend- länder die Ebene des Glücks vorgegaukelt. Man zeigte uns aber nur das Teehaus, das eine Art Tingeltangel, kein Bordell ist, und die Geisha, die nur Tänzerin ist und allenfalls der freien Prosti- tution ergeben ist. nicht die gefesselte Kurtisane in dem vergoldeten Käfig der Blüten und Laternen. Ein französischer Arzt, Tresmin- Tremolieres, hat ein wissenschaftliches Buch über Doshivara ge- schrieben, das neuerdings auch in einer deutschen llebersehung der von Iwan Bloch herausgegebenen sexual-psychologischen Bibliothek vorliegt. Nur mit tiefer Erschütterung kann man dieses, auch durch bedeutende literarische Kunst der Tarstellung ausgezeichnete Werk lesen. In dem ewigen grausigen Weltdrama der Prostitution bildet die Ebene des Glücks ein um so ergreifenderes Einzelbild, als sich dies Leben auf dem Grunde einer feinen und sicheren Kultur aus- wirkt, als hier die Vergeudung menschlichen Glücks fast zu der ästhetischen Technik einer Kunst erhoben scheint. lleberall und in allen Zeiten, wo kasernierte und abgeschlossene Prostitution wuchert, zeigt ihr Wesen verwandte Züge. Immer wird die Schuldhörigkeit der Frau industriell ausgebeutet. Es ist kein erheblicher Unterschied zwischen deutschen Bordellordnungen des 10. Jahrhunderts(deren Geist auch ins zwanzigste eingedrungen ist) und den heutigen japanischen Polizciverfügungen für die Ebene des Glücks. Nur in einem unterscheidet sich die Zivilisation des fernen Ostens sehr zu ihrem Gunsten von der christlich-abendländi- schen. Zu dem Abgrund schamlos heuchlerischen Aberwitzes ist der Japaner nicht entartet wie der deutsche Kulturchrist, daß er die Frauen, die ihm ihren Leib schenken, noch beschmutzt, beschimpft und verachtet. Der Japaner kennt kein entehrendes Gefühl und wagt keine rohe Acußerung oder Geberde gegen die verwehten Blüten des gefüllten Kirschbaums. Sie ist ihm eine Frau, wie seine Mutter oder seine Schwester. In diesem Volk ohne Monogamie, mit lockerer Ehe— die Zahl der Ehescheidungen beträgt jährlich mehr wie ein Drittel der Eheschließungen— wird auch in der Prostituierten der Mensch geachtet. Deswegen verbirgt sich die Prostitution nicht in schmutzigen, stinkenden Winkeln, und die Bor- delle sind nicht öde Höhlen, in denen der billigste Plunder frech und grell nur auf den einen Zweck zusammengedrängt ist. Doshivara ist eine helle Stadt fröhlicher und prächtiger Häuser, die im Früh- ling unter rosa Kirschblüten halb verdeckt sind, die ihren natürlichen Blumenschmuck mit den Jahreszeiten wandeln bis zu den Chrysan- thcmen des Herbstes: und selbst im Winter grünt überall Tannen- schmuck. Aller Hausrat stammt aus edelster japanischer Kunst: oft find es Stücke von großem Wert. Es gibt keine feineren Matten und keine prächtigeren Gewänder, als in dieser Bordellstadt. Frei- lich, auch die Ebene des Glücks kennt Klassenunterschiede: die großen Lustschlösser an der Hauptstraße, in denen die jüngsten und sckönsten Mädchen zu hohen Preisen feilgeboten werden, bis zu den Hütten an den entfernteren blassen, in denen sich die schon verfallenden Mädchen für wenige Pfennige hingeben müssen. Ucbrigcns ist alles streng kaufmännisch geregelt, man hält auf feste Preise und solide Gepflogenheiten. Auch der Kaufmann, der mit Menschensleisch handelt, hat den Ehrgeiz, den Ruf der Reellität zu verdienen. Am schönsten ist es in Doshivara an den großen Festtagen; dann ist die Ebene des Glücks der Schauplatz der Freude eines ganzen Volkes. Aber durch diese Stadt der Liebe und Tänze, der berauschen- den Getränke und der duftschwangeren Winde gleitet unsichtbar ein tiefer und breiter Strom der Tränen, und jede Stunde speist ihn aufs neue. Es sind wahre Sklavinnen, die in den lustigen Käfigen sitzen. Der Hunger und die Kindesliebe— die Religion des ja- panischen Volkes— füllt das Frauenlager von Doshivara. Das junge Mädchen will seinen armen, alten, hungernden Eltern Geld verschaffen. Der Kuppler gewährt einen Vorschuß. Zwischen dem Wirt und dem Mädchen wird ein Bertrag geschlossen, nach dem es so lan'e in seinem Hause zu bleiben hat, bis es die Schuld abge- trcgcn hat. STtcr der Bordellbesitzer sorgt dafür, dah die Schuld niemals abgetragen wird, solange der Leib noch Reize hat. Das ist der gewöhnliche Weg in die Ebene des Glücks. Vom ersten Tage ihrer Einkerkerung hat die Arme keine andere Sehnsucht, als wieder heim zu kommen. Sie hofft und arbeitet, sie lächelt und verdient— aber die Schuld verschwindet nicht. Bisweilen träumt sie von einem reichen Gast, der sie freikauft; aber das kommt zumeist nur in Romanen und Theaterstücken vor, die Wirklichkeit weist desto hau- figer von Selbstmorden zu erzählen, die ein ebenso schimpflicher Vertragsbruch sind wie die Flucht oder— eine wirkliche Liebe; wie in alten deutschen Bordellordnungen, so gilt auch in den Satzungen von Uoshivara die Liebe als Störung der bcrufsmästig übernomme- nen Pflichten. Auch Mistbrauch der elterlichen Gemalt füllt die Ebene des Glücks. In Japan kann jeder ohne Schwierigkeit jeden adoptieren; so adoptieren die Kuppler häufig die Mädchen, die sie verhandeln wollen. So dämmern die holden Geschöpfe dahin, bis sie eines Tages der Fäulnis verfallen und in rettungslose Tiefen versinken. Ihr Hirn ist von allerlei religiösem Zauberglauben erfüllt; die crbar- mungslose irdische Welt, die ihnen alles versagt, wird übervankt von einem bunten Gewiinmel magischer Gewalten, deren Güte und Hilfe sich das verlassene und verlorene Herz auvertrauen möchte. Mit rührender Zartheit erträgt es auch die plumpen Gemeinheiten der fremden Barbaren und verbirgt allen Ekel und Abschen hinter dem rätselhaften japanischen Lächeln, dessen Sinn der Verfasser des genannten Werkes also zu deuten sucht:„Du bist zweifellos brutal und grob(so sagt das Lächeln zu dem Gast), weil du die Formen der guten Erziehung unseres Landes, nicht kennst. Ich bin da, um dir zu gefallen, eine Sklavin deiner Wünsche. Du quälst mich, aber du darsit es nicht merken, da du mich nimmst, um glücklich zu sein. Der Verdrust, den du mir bereitest, würde, wenn du ihn ahnen könntest, unfern Abend zerstören. Und wenn du, sobald du fortgehst, nicht freigebig genug bist, um meine Schuld gegen meinen Herrn zu tilgen und es mir möglich zu machen, meinen Leib zurückzukaufen, so werde ich mich ebenso freundlich dir zu Fützen werfen und werde noch im Augenblick des Abschieds lächeln. Mein Lächeln wird dir sagen: Ich will, daß du nicht den Gedanken mitnähmst, dah dein Mangel an Freigebigkeit die hat kränken können, die sich alle Mühe gab, dir zu gefallen. Du könntest einige Augenblicke mit Bedauern daran denken, dah, wenn dn reicher wärest, du mir den unendlich grasten Dienst erwiesen hättest, grast wie das Meer, nämlich mich meiner Familie zurückzugeben, und könntest das schreckliche Bewuhtsein haben, mich hier zu lassen. Ich bitte dich, denke nicht daran, du siehst ja, ich lächle... ich lache sogar."..._ Mas kann man komponieren? Von Felix Weingartner. Alles?— So ungefähr die Antwort eines berühmten Kom- ponisten. die ich unlängst in einer Musikzeitung las. Ganz richtig! Wenn sich's blast ums Können handelte, so kann man gewiß alles lomponicrcu. Sogar zu den unmusikalischsten Worten kann man Musik machen. Das Notenpapier ist geduldig und die Zuhörer sind es meistens auch. Mitunter scheint es allerdings, als ob man sogar zur Grammatik gute Musik inachen könne. Cornelius schrieb ein Terzett über die Sätze:„Ich sterbe den Tod des Verräters, du stirbst den Tod des Verräu'rs" usw., und erwies sich damit als Humorist ersten Ranges. Das war aber eine Ausnahme. Hier handelte es sich nicht um eine sinngemäße Vertonung der Worte, sondern um eine Parodie sinnlosen Gewäsches der ewigen Wieder- holungen in älteren Opern, gegen die damals der musikdramatische Krieg geführt wurde, dem sich Cornelius nolens volens angeschlossen hatte. Dem Humor ist vieles gestattet, was sich der Ernst nicht er- tauben darf. Sowohl in den„Meistersingern" wie in den«Nibe- lungcn" sind Dinge komponiert, die zur Musik nur in einem äußer- lichen Verhältnis stehen. In den„Meistersingern" aber wärmen uns die goldigen Sonenstrahlen des Humors, die den frostigen Götternebel nickt durchdringen können, und nötigen unser Gefühl zu einer Teilnahme, die Walhall gegenüber mehr und mehr erkaltet. Wagner war ein größerer, ein unendlich größerer Musiker als seine Nachfolger. Seine Lebensaufgabe war es, dem Drama in der Oper zu seincni Rechte zu verhelfen. Mit echt deutscher Gründlich- keit führte er seine Absichten bis zur letzten Konsequenz aus. Das sogenannte Durchkomponieren, das seine Vorgänger nur schüchtern versuchten, erscheint bei ihm zum schärfsten Prinzip ausgebildet. Um nur ja nie undeutlich zu erscheinen, gab er seinen Szenen eine dichterische Breite, die dem gesprochenen Drama angemessener wäre als dem musikalischen. Dadurch ergaben sich Partien, denen die Musik mehr aufgezwungen werden mußte, als daß sie ihnen mit unbedingter Nolivendigkeit entspringen konnte. Gerade da aber, wo der Ausdruck unmittelbarer Empfindung, der die Musik herbei- zwingk, nicht zur Wirksamkeit kommt, setzt Wagners meisterhaftes Können ein, und hilft mit großartigem Stilgefühl, das er sich selbst abrang, die Klippe umschiffen und selbst diese musikalisch unfrucht- baren Szenen durch die Kraft der Deklamation und die eigentüm- liche Charakterisierung seiner Orchestcrsprache mit einem tonalen #) Dieser Aufsah, der die Wagnernachäffung getreulich wider- spiegelt, erschien als Beitrag in dem eben herausgegebenen Konzert- taschenbuch des Konzertburcaus Emil Gutmann in München. Fluß zu durchdringen, die trotz der oft quälenden Längen und irohi des nicht zu bannenden Gefühles, daß es sich hier um eine durch das dramatische Prinzip erzwungene, aber nicht mehr um natürlicho Musik handele, doch noch überzeugeick wirkt. Wagners gewaltige« Wille ist immer erstaunlich. Gerade bei ihm sehen wir aber, daß die Inspiration den Vor« tritt hat vor dem Können. Wie hoch erhebt er sich, wenn er als de« große Musiker zu uns spricht, wenn die Musik, die er in sich trägt, voll und rein zum Durchbruch gelangen darf. Wie viel ergreifender ist es, lvenn Wotan von seinem Lieblingskinde Abschied nimmt, alS wenn der unendliche Gott über sein Mißgeschick in der Weltregierung klagt. Wie weit überlegen sind die beiden Monologe„Wie duftet! doch der Flieder" und„Wahn überall Wahn" des Hans Sachs seinen beiden langatmigen Reden auf der Festwiese. Wohl auch der recht- gläubigste Wagnerianer atmet erlöst auf, wenn Tristian und Jsolds nach dem Theoretisieren über ihre Liebe den Zwiegcsang„Oh, sink hernieder, Nacht der Liebe" und damit bis zum Schluß dieser Szene das schönste dramatisch-symphonische Adagio anstimmen, das wir in neuerer Zeit besitzen. Nicht durch seine Dichtungen, nicht! durch sein scharfes Erkennen dessen, was der Oper tatsächlich»ottat, ist Wagner unsterblich geworden. Diese und andere musikalische Höhepunkte sind es, die ihm seine Popularität gewonnen haben. Seine unbedingten Anhänger werden in diesen Worten ein Per- kennen oder vielleicht sogar ein absichtliches Nichtverstch-en seiner gesamten Erscheinung herauslesen. Ich bin der Ansicht, daß di« Tatsache, daß es schließlich diese tief ergreifenden Höhepunkte waren, die Wagners Weltruf begründeten, ein gewichtiges Zeugnis dafür ablege, daß die Musik sich nicht, selbst nicht so, wie Wagner es selbst wollte, Sklavenfesseln im Dienste einer anderen Kunst an- legen läßt. Wo sie ihr Haupt erhebt, ist sie Königin, wo sie es nicht darf, eine niedrige Magd, an der man achtlos und bedauernd vorbeigeht. In Wagners Werken können wir den Abstand des absolut Komponierbareu vom absolut Unkomponierbarcn bereits deutlich erkennen. Bei seinen Nachfolgern wird dieser Abstand noch größer; daI Unkomponierbare hat ein unverhältnismäßig breiteres Feld gc» Wonnen. Schlagen wir moderne Opern aufl Seitenlang finden wir da Dialoge und Abhandlungen, bei denen wir uns vergeblich fragen, was denn all das, was uns da im Sprechgesangton mit lcitmotivi- scheu Bcgleitungsillustrationen vorgetragen wird, eigentlich mit deo Musik zu tun hat. Oft drängt sich an iolchen Stellen der Ruf auf die Lippen:„Sei doch endlich einmal stille, da unten im Orchester? Ich möchte verstehen, was die oben auf der Bühne sagen!" Auf. das Wort ist alles gestellt. Stücke, die lediglich für scharf und pointiert sprechende Schauspieler berechnet sind, so z. B.„Liebelei"� von Schnitzler, werden ohne Veränderung in Musik gesetzt. Der Sinn, die Farbe, der Tonsall und Stimmungsgehalt der Phrase sollen uns in begrifflicher Deutlichkeit aus dem mystischen Abgrund des Orchesters entgegenklingcn und dadurch in ihrer Eindrucks- fähigkeit gehoben werden. Gerade das Wvrt aber versteht man nicht. Es geht hier wie bei Bäumen, die von Schmarotzerpflanzen überfallen sind: Eine Efeuranke, die den Stamm umwindet, erhöht seine Schönheit, überwuchern aber die Ranken den ganzen Baum, so fressen sie ihn auf. So hat unser modernes illustrierendes Or» chefter allmählich das Wort aufgefressen, zu dessen Hebung es kon- struiert wurde und den Gesang dazu. Denn von Gesang ist bei diesen unnatürlich geführten, nnmelodischen, rein deklamatorisch i» den Orchesterpart hineingezwängten Singstimmen, wenn man sie noch so nennen darf, nicht mehr die Rede. Auf diese Art mit fortlaufendem, gleichsam symphonischem Orchester, mit hinein punktierten menschlichen Gurgellautcn, die man auch beliebig ändern kann, ohne daß eine wesentliche Per» schiebung entsteht, läßt sich freilich„alles" komponieren, auch philo- sophische Abhandlungen, Gespräche über alltägliche Dinge, Frivoli- täten; warum schließlich nicht auch politische Leitartikel oder Kunst- kritiken?— Wenn man ähnliche Experimente nicht etwa als„Prä- gung neuer Werte" ansehen will, was bei der Verwirrung, die heute in musikalischen Dingen herrscht, gar nicht verwunderlich wäre, so wird man vieles, was beute komponiert wird, als absolut! unkomponierbar bezeichnen müssen. Sollte es aber vielleicht ge« rade darauf abgesehen sein, zu zeigen, daß man komponieren kann, was man nicht komponieren kann?— In einer so antimnsikalischer» Zeit wie der nnscrigen wäre auch das nicht verwunderlich. Tie Grenzen des tatsächlich Komponierbaren wird man nicht absolut, sondern nur individuell ziehen können. Ich nehme z. N. eine Sammlung von Gedichten in die Hand. Manche fesseln mich, manche nicht. Bei einem aber klingt etwas in mir, ein unbestimmtes Etwas, ein kaum hörbarer Ton einer feinen Saite, ein Hauch. Es hat mit Gefallen oder Nichtgefallen nichts zu tun, nichts mit größerem oder geringerem Werte des Gedichtes— es klingt— und dos ist das Entscheidende. Ich merke mir das Gedicht und weiß sicher, daß es sich früher oder später zum Lied gestalten wird. Ein anderer Komponist nimmt dasselbe Buch zur Hand und erlebt einen ähnlichen Vorgang wie ich, nur wahrscheinlich bei anderen Ge- dichten. Tressen wir uns bei denselben, denn es gibt Gedichte, dio wirklich nach Musik„schreien", so wird er die Stimmung anders zum Ausdruck bringen, die Worte in anderem Lichte sehen wie ich, so wie er eben überhaupt anders sieht und empfindet wie ich. Die Qualität, die Feinheit, die Stärke des Sehens und der Empfindunc; entscheiden dann später den Wert. Auch an einem dramatischen Stoff kann der eine achtlos vorbeigehen, während der andere ihn vegierig ergreift. Was in dem einen eine ganze Welt von Tönen thervorruft, läßt den anderen kalt. Ein um» dasselbe kann daher iindividuell komponierbar und unkomponierbar sein. Aber dieses Erklingen der Seele, toern sie vom rechten Gedichte, vom rechten Stoff berührt wird, ist noch immer nicht das Primäre. Dasselbe Gedicht, das morgen diesen wundersamen Klang in mir erweckt, kann mich heute noch kalt lassen, weil ich aus irgendeinem Grunde, sei es einer Ablenkung, einer körperlichen Jndisposiition oder aus sonstigen, mir vielleicht nicht einmal bewußten Gründen, keine Musik in mir habe. Darauf kommt es aber an. Mein Wesen muß init Mufik so erfüllt sein, oaß ein mit dieser latenten Musik der- tvandter äußerlicher Anlaß, in diesem Fall das Erleben eines Ge- dichtes oder eines dramatischen Stoffes, so in mich eindringen kann, daß jene unendlich zarte Vibration erzeugt werden kann, die nichts anderes ist als der Moment der Empfängnis, dem die Geburt des Kunstwerkes folgt. Jeder Komponist— ich spreche natürlich von wirklichen Kompo- disten, nicht von Sensationsmachern— hat, so glaube ich, die Werke, die er in der Zeit seines Erdenlebens schaffen wird, schon in sich, und es bedarf, soweit es sich um Gesangskompvsitionen handelt, nur der befruchtenden poetischen Anregung, damit der Keim lebens- fähig wird, alle Umhüllungen nach und nach abwirft und zum Kunstwerke reift. In diesem Sinne hat Schopenhauer recht, wenn er sagt, daß bei einer Oper eigentlich die Musik zuerst da sein müßte, und der Text dann dazu komponiert werden sollte. Merkwürdigerweise hat der große Metaphysiker hier durchaus nicht metaphysisch gedacht, als er diesen Satz niederschrieb, den er in sehr physischem Sinne für wahr hielt. Aber die Metaphysik— und die Musik ist metaphysisch— gibt ihm hier, wie in dem Meisten, was er über diese wunderbare Kunst geäußert hat, recht. Was nicht in mir ist, kann auch nicht zum Erklingen gebracht werden. In diesem Sinne möchte •ich die Grenzen des individuell Komponierbaren ziehen. kleines Feuilleton. Kunstgewerbe. Dekorationsmalerei und Jnnnngsfachschnlen. Bor etwa zehn Jahren fetzte im deutschen Kunstgewerbe eine revolutionäre, zukunstSfrohe Bewegung ein. von der man z» hoffen bereit war, daß sie auch auf den Geschmack weitester Volks- schichten veredelnd wirken würde. Besonders schienen die kunst- gewerblichen Berufe im Bannkreis der Architektur zu dieser Kultur- aufgab« berufen zu sein. Leider haben sich diese Hoffnungen nur zu einem kleinen Teile erfüllt. DaS Schlagwort von einer»Demo- kratisicrmig" der Kunst oder des Kunstgewerbes ist eine bloße Redensart geblieben. Daß die Bewegung so im Sande der- lief, nimmt bei dem Wesen unserer heutigen WirtschaftSiveise nicht weiter Wunder; kommt es doch auch bei der Mehrzahl der hier in Betrockit kommenden Unternehmergruppen vor allen, auf den heraus- zuwirtschastenden Profit an. Nirgends ein Verstehen des auf Wirt- fchaftlichcn Voraussetzungen beruhenden Kunstbedürfnisses: ja man ist sich i» jenen Kreisen im allgemeinen nicht einmal des Unter- schieds zwischen den Aufgabe» des Kunstgewerbes und der höheren Kunst beuuißt. Dieser beschämende Mangel au kunstgewerblicher Bildmig tritt recht kraß hervor auf der Ausstellung, die der Ver- band der Malerinnungen(Gau 6, Brandenburg und Werlin) dieser Tage in den Räumen der Sezession am Kurfürsten- dämm veranstaltete. Zum überwiegenden Teile find es Arbeiten von Lehrlingen, die dwse auf den Fachschulen der Jmmiigen herstellten. Ehe wir näher auf die eigentliche Ausstellung eingehen, seien einige Bemerkungen eingefügt. Die Objekte der höheren Kunst sollen lediglich durch ihre Schönheit auf das Gefühl des Beschauers einwirken. Bei der angewandten K u n st sKuustgewerbe, Werk- lunst) ist da? S ch ö n h e i t s moment dem N u tz z iv e ck des Gegen- ftandes gleich oder gar untergeordnet; sie ist n i e S e l b st z w e ck. Die Baukunst ist in ihrem Schaffen von Schönheitswerten durch Rücksichten auf eincn außerästhetischen Zweck gebunden, z. B. soll der Architekt Räume schaffen, die ein zweckmäßiges und an- ? genehmes Wohnen gestatten. Dazu ist eine lebendige Zusammen- assuug der in Frage kommenden Gewerbe notwendig, ein Unter- ordnen unter einen gemeinsamen Zweck. Vor allem müssen sich die Geiverbe über die Aufgaben, die ihrer harren, klar sein. ES genügt beispielsweise durchaus nicht, daß der Malermeister nur den Decken- Malereien einen kunstgewerblichen Wert zuspricht! sein künstlerisches Feingefühl sollte ihn z. B. auch beim Bestimmen des Farbentoncs der Türen und Wände leiten, damit aus dem bloß nützlichen An- strich ein notwendiger, zur Schönheit des Raun» es bei» tragender künstlerischer Faktor wird. Die Arbeit des MalerS, des Anstreichers myß kunstgewerblich beseelt werden. Nun bedingt eine solche Aufgabe eine bessere Schulung der in Betracht kommenden Arbeiter: aber auch»ach einer anderen Richtung hin muß sich die Lehrtätigkeit der Schulen entwickeln. Der Kontakt mit dein Leben. mit der Praxis muß wieder hergestellt werden. Dnrch ihren Einfluß auf die Gesetzgebung haben die Innungen eS verstanden, sich ein Privilegium für Lehrlingshaltung zu sichern. Auf ihren Fach- schulen ivcrden die Lehrlinge für ihre.kunstgewerblichen' Aufgaben herangebildet. Bei der Eröffnung der Ausstellung bemerkte u. a. der Herr Vor« sitzende Schulz(Sachsen), daß das Malergewerbe sich in der Rolle deSPapageno(aus Mozarts„Zauberflöte") befunden, daß cS ebenso wie jener sich durch einen langen Läuterungsgang hindurchgerungen habe. Nun wenn man sich die Abteilung der Berliner Innung auch nur flüchtig anschaut, so kommt man zu der Ueberzeugung, daß von einer Läuterung hier nicht gesprochen werden kann. Besonders lächeAich wirkt der zum eisernen Bestand der Berliner Innung gehörende Zopf der„plastischen Malerei". Ueberladene Kartuschen, sorgfältig„plastisch" ausgemalte Akanthus- blätter machen sich selbstgefällig breit. Bombastischer Krimskram. der nirgends praktische Verwendung findet. Besonderes Gewicht scheint man auf da« Malen von Blumen, Stilleben, Land- schaften u. dgll zu legen. Diese Dinge soll man der höheren Kunst überlassen. Hier ist die dekorative Malerei nicht Helferin der Architektur, sondern proklamiert sich in komischer Gespreiztheit als Selbstzweck. Das belebende Band mit der Wirklichkeit, mit der Praxis ging verloren. Schade um die Zeit, die die bedaueruS- werten Lehrlinge durch eine» derartigen„Schulbesllch" vergeuden müssen. Doch ein frischer Hauch schoß uns entgegen, wenn«vir den Raum beiraten, in dem Kunstgewerbeschüler(was dem Publikum verschwiegen wird) unter ihrem Lehrer Herr» Friede ihre Arbeiten ausstellen. Besonders erivähnenswert ist ein Wettbewerb zur Ausmalung emer WobnungSdiele. Da finden wir«mindervolle Harmonien und Stimmungen. Diese paar Entwürfe haben mehr lunstgewerblichen Wert, als alle die zahllosen anderen Arbeiten der JnnungSfachschulen zusammen. Naturwissenschaftliches. Eine neue Theorie über die Entstehung de» Lebens. Eine von allen früheren Theorien abweichende Hypo- these über den Ursprung der lebenden Wesen auf der Erde stellt der russische Biologe C. Mereschkowski in einem vor kurzem erschie- uencn Buche auf. Während man sich bisher damit begnügte, alS Grundlage jedes organischen Lebens ein Protoplasma anzunehmen, das sich aus hochkonstituierten, gegen gewisse Gifte im allgemeinen sehr empfindlichen Eiweißmolekülen zusammensetzt, weist Mereschkowski auf die eigenartige Tatsache hin, daß wir heut eine ganze Welt von lebenden Körpcrchen kennen, die zu ihrem Fortbestehen des Sauerstoffs der Luft nicht bedürfen, die Temperatur des sie- denden WasserS ertragen, keine der für die Protoplasmakörperchen so charakteristischen amöboiden Bewegungen ausführen und vor allem die Eigenschaft besitzen, gegen die stärksten Gifte wie Morfin, Blausäure und Strychnin immun zu sein. Das Baumaterial dieser Wesen, das Mereschkowski als Mycoplasma bezeichnet, muß sich also von der Materie, die man gewöhnlich Protoplasma(Arnibo- Plasma) nennt, sehr wesentlich unterscheiden. Dank seiner außer- ordentlichen Widerstandsfähigkeit, die es zu einem«vahren„Glft- ftesser" stempelt, konnte es auf der Erde viel früher entstehen, als das Protoplasma und hat sich schon gebildet, als die Erdoberfläche in ihren meisten Teilen noch mit siedend heißen Meeren bedeckt war, in deren sauerstoffreinem Wasser giftige Salze in großen Mengen gelöst waren. Erst nach Aeonen, nachdem sich die Erdober- fläche und die Meere sotveit ausgekühlt hatten, daß die meisten Metallsalze auskristallisierten und eine sauerstoffhaltige Atmosphäre sich bildete, konnte, neben dem Mycoplasma, ein höher organisierter Träger des Lebens, das Protoplasma, auftreten. Aus diesem begann sich eine andere Lebewelt der sich bewegenden Schleimklümp, che», der Häckelschen Moneren aufzubauen, die anfänglich zu dem Mycoplasmawescn in feindlichem Gegensatz standen, aber durch das fortgesetzte Zusammenleben gezwungen«varen sich anzupassen. Dieser Gegensatz aber wurde die Ursache zur Entstehung einer höheren Lebensform, die zur ersten Arbeitsteilung zwecks Erhal« tung des Lebens führte. Bewegliche Protoplasmakörperchen, in die ein älteres Mycoplasmawesen eingewandert war, bildeten zusammen den ersten Typus der Zell«,«vobei das Mycoplasma die Rolle des Zelltcrns übernahm, während das Protoplasina als Zell-Leib zu funktionieren begann. Anatomisches. Die Gewichtsabnahme der Neugeborenen. Be- kanntlich verlieren Neugeborene in der ersten Zeit nach ihrer Geburt einen Teil ihres Körpergewichtes. Genauere Untersuchungen über diesen Vorgang sind kürzlich in dem Berliner Kaiserin-Auguste- Viktoria-HauS zur Bekämpfung der Säliglingssterblichkeit von Dr. W. Pies angestellt«vorden. Danach hatte der größte Teil der Säuglinge, obwohl sie von der Mutter gestillt wurden, erst bei Be» ginn der vierten Woche, am 22. Lebenslage, ihr Anfangsgewicht er- reicht. Rur 11 Proz. waren schon an, zehnten Lebenötage so weit. Je schwerer das Neugeborene bei der Geburt war. um so größer ist auch der Gewichtsverlust. Trotzdem erleiden die Kinder von Mehr- gebärenden— die jüngeren Nachkommen sind bei der Geburt ge- wohnlich stärker und schwerer als ihre älteren Geschwister eS waren— eine geringere Gewichtsabnahme, die durchschnittlich 27V— 300 Gramm beträgt. Hat aber der Säugling erst einmal sein Anfangsgelvicbt wieder erreicht, so muß er es halten und erhöhen. Eine zweite Gewichtsabnahme deutet mit Sicherheit entweder auf ungenügende Ernährung oder auf eine Infektion hin._ Perantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärtsBuchdruckerei u.Vcrlagsanstalt Paul Singer�Co., Berlin LWtz