Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 52. Mittwoch, den 15. März. 1911 (ZiaSdrua dernultiU 62] pelle der Gröberer. Roman von Martin Andersen Nexö. „Ich freue mich nur. daß Kongstrup mit ihr hinüber- reist." sagte Frau Kongstrup eines Abends zu der blonden Marie, als sie vor dem großen Stopflorb saßen und die Strümpfe des jungen Mädchens nach der Wäsche ausbesserten. ».Kopenhagen soll eine arge Stadt sein für die unerfahrene Jugend. Aber Sine wird sich schon zurechtfinden, sie hat den guten Grund der Köllers in sich." Sie sagte das ganz in kindlicher Einfalt: man konnte mit großen Holzschuhen in ihrem Herzen aus- und eintrampeln, so mißtrauisch sie sonst auch war.—„Zu Weihnachten kommen wir vielleicht hinüber und sehen uns nach Dir um, Sine," fügte sie in ihrer Herzens- ßüte hinzu. Jungfer Koller öffnete den Mund und schnappte voller Angst nach Atem, erwiderte aber nichts. Sie saß über ihre Arbeit gebeugt und sah den ganzen Abend niemand an. Sie sah überhaupt keinen Menschen mehr offen an.„Sie schämt sich ihrer Falschheit!" sagten sie. An sie konnte sich das Urteil heranwagen, sie hätte wissen müssen, was sie tat. sie hätte sich nicht zwischen die Rinde und den Baum drängen sollen— noch dazu hier, wo der eine Teil all sein Vertrauen in sie setzte. Oben auf dem oberen Hof war der neue 5Awcht Per damit beschäftigt, den geschlossenen Wagen in Stand zu setzen. Erik stand bei ihm und ließ den Kopf hängen. Er sah so unglück- lich und trostlos aus, der Aermste— wie immer, wenn er sich nicht in der Nähe des Vertvalters befand. Jedesmal, wenn ein Rad abgenommen oder wieder eingesetzt werden sollte, mußte er seinen schweren Körper unter den Wagen stemmen und ihn in die Höhe heben. Lasse erschien von Zeit zu Zeit in der Stalltür, um sich ein Urteil darüber zu bilden, was hier vor sich ging. Pelle war in der Schule, den ersten Tag im neuen halben Jahr. Heute sollte sie also abreisen— die falsche Person, die sich hatte verleiten lassen, diejenige zu betrügen, die wie eine Mutter gegen sie gewesen war. Frau Kongstrup gab ihnen wohl noch obendrein das Geleite bis ans Dampfschiff, da ja Her geschlossene Wagen benutzt werden sollte! Lasse ging in die Kammer, um allerlei zurechtzulegen, damit er heute abend entschlüpfen konnte, ohne daß Pelle es bemerkte. Er hatte Pelle ein Stück Papier mit ein wenig Zuckergut für Madam Olsen mitgegeben. Auf das Papier hatte er ein Kreuz mit einem Bleiknopf gemalt, und das Kreuz bedeutete ganz im geheimen, daß er heute abend zu ihr kommen werde. Während er seine guten Kleider herausholte und sie unter ein wenig Heu an der äußeren Tür verbarg, ging er umher und summte: ,.— aber meiner Liebe Drang Der erleichtert meinen Gang, Und den Weg verkürzt der Nachtigall Gesang." Er freute sich so unsinnig auf heute abend, er war nun bald ein ganzes Vierteljahr nicht unter vier Augen mit ihr gusammengewesen. Und dann war er auch stolz darauf, sich der Schrift bedient zu haben, und zwar einer Schrift, die zu ergründen, Pelle schon unterlassen sollte, ein so scharfer Schristgelehrter er auch war. Während die anderen nach Tische der Ruhe pflegten, ging Lasse hinaus und ebnete den Misthaufen. Der Wagen stand da oben mit dem großen Koffer hinten aufgeschnallt und einem andern auf der hohen Kante oben auf dem Vorderbrett. Lasse ging umher und grübelte nach, wie so ein Mädchen es nun wohl anfing, wenn sie allein da draußen in der weiten Welt lag und für ihre Sünde büßen sollte. Es mußte wohl Häuser geben, wo sie sich so einer gegen gute Bezahlung annahmen— dadrüben gab es ja alles! Johanne Piehl kam da oben durch das Tor gewatschelt. Lasse zuckte zusammen, als er sie sah— sie kam nie in guter Absicht. Wenn sie sich hier oben so frech ausstellte, war sie immer betrunken, und dann wich sie vor nichts zurück. Es war traurig, wie tief das Unglück einen Menschen herunter- bringen konnte— Lasse mußte daran denken, was für ein schönes Mädchen sie in ihrer lichten Jugend gewesen war, Und nun ging sie nur darauf aus, Vorteil aus ihrer Schande zu ziehen! Er zog sich vorsichtig in den Stall zurück, um nicht offenbarer Zeuge von etwas zu werden. Da drinnen stand sie und glotzte. Die Sau ging unter den Fenstern auf und nieder und rief mit lallender Zunge, die Stimme wollte ihr nicht so recht ge- horchen:„Kongstrup, Kongstrup! Komm mal heraus, ich will mit Dir reden! Du mußt Geld für mich und Deinen Sohn rausrücken, ich Hab seit drei Tagen kein Essen gekriegt." „Das is nu'ne ausgestunkene Lüge", sagte Lasse wütend vor sich hin,„denn sie hat ihr gutes Auskommen. Aber sie schweinigelt mit den Gaben Gottes— und nu is sie auf'ne Gemeinheit aus." Er hatte die größte Lust, die Mistgabel zu nehmen und sie zum Tor hinauszujagen, aber gegen ihre giftige Zunge konnte man sich nicht gut wehren. Sie hatte den Fuß auf der Treppe, wagte aber nicht, hin- aufzugehen. Es hielt sie etwas in Schock, so umnebelt sie auch war. Da stand sie nun und tastete an dem Geländer und kaute auf irgendeinem Gedanken. Von Zeit zu Zeit hob sie ihr fettes Gesicht in die Höhe und schrie nach Kongstrup. Jungfer Koller kam ahnungslos aus dem Keller heraus und ging auf die Treppe zu: sie hatte den Blick zu Boden gesenkt und sah die Sau nicht eher, als bis es zu spät war. Da machte sie schnell Kehrt. Johanne Piehl stand da und grinste: „Komm hierher. Jungfer, und laß mich Dich begrüßen?" rief sie.„Bist Du großschnauzig. Du? Die eine kann woll ebenso sein wie die andere! Das kommt woll daher, weil Du in'ner Kutsche wegfahren und De i n s drüben überm Wasser kriegen kannst, wogegen ich meinen in'ner Rübenfurche ge- kriegt Hab'. Is das nu auch woll'n Grund, sich was cinzu- bilden— wir haben woll mit demselben Stier zu tun gehabt! — Du, geh rauf und sag dem stolzen Heinrich, daß sein Aeltester hungert! Ich bin bange vor den bösen Augen!" Jungfer Köller war schon längst wieder in den« Keller ver- schwunden, aber Johanne Piehl blieb ruhig stehen und wieder- holte dasselbe wieder und wieder, bis der Verwalter auf sie losgefahren kam. Da zog sie sich zeternd vom Hof zurück. � Die Knechte waren durch ihr Geschrei zur Unzeit aus dem Schlaf geweckt und standen nun schlaftrunken da und spähten hinter den Schcunentüren hervor. Lasse hielt gespannt Aus- guck aus dem Stall, und die Mädchen hatten sich im Brauhaus versammelt— was würde jetzt geschehen. Sie erwarteten! alle irgendeinen schrecklichen Ausbruch. Aber es geschah nichts. Hier, wo Frau Kongstrup he- rechtigt gewesen wäre, Himmel und Erde erzittern zu machen, — so treulos, wie sie sich gegen sie benommen hatten—, hier schwieg sie. Der Hof lag so ruhig da wie an den Tagen, wo es zu einer Art Auseinandersetzung zwischen ihnen gekommen» war und wo Kongstrup sich im Zaum hielt. Frau Kongstrup ging da oben an den Fenstern vorüber und sah aus wie jede andere— es geschah nichts. Worte mußten nun aber doch wohl gefallen sein, denn Jungfer Köller sah mächtig verweint aus, als sie den Wagen bestiegen, und Kongstrup hatte sein närrisches Wesen. Und dann rollte Carl Johan mit den beiden davon: Frau Kongs- trup ließ sich nicht sehen. Sie schämte sich wohl da, wo es den andern zukam. Es war nichts geschehen, was die Spannung hätte aus- lösen können, und sie lag wie ein Druck über ihnen allen. Sie mußte sich auf ihr unglückliches Los besonnen und darauf verzichtet haben, auf ihrem Rechte zu bestehen, gerade jetzt, wo ein jeder auf ihrer Seite stehen mußte! Diese Ruhe war so unnatürlich und so unbegreiflich, daß sie die Gemüter be- drückte und verstimmte. Es war ja, als litten andere für sie, als habe sie selbst kein Herz! Aber dann riß der Strang, das Weinen fing an, auf den Hof hinauszusickern, leise und gleichmäßig, wie rinnendes Herzblut. Den ganzen Abend strömte es hinaus, so ver- zweifelt hatte das Weinen noch nie über Stengaardcn dahin- geklungen— es ging allen durch Mark und Bein. Sie hatte das arme Kind wie ihr eigenes aufgenommen, und das arme Kind verriet sie— ein jeder fühlte an sich selbst, wie sie darunter leiden mußte. I'n dcr Nacht steigerte sich das Weinen zu so dcrztveifeltem 'Schreien, daß selbst Pelle davon erwachte— klatschnaß von SclVeiß.„Es klingt, als wenn jemand in höchster Not ist!" sagte Lasse und zog schnell die Hose an. Seine Hände zitterten und wollten ihm nicht recht gehorchen,„«ie hat doch wohl nicht freventlich Hand an sich gelegt?" Er zündete die Laterne an und ging in den Stall hinaus. Pelle folgte ihm nackend. Ta auf einmal verfwmniten die Schreie, so jäh, als wäre der Laut mit einer Axt durchgehauen; die Stille, die nun folgte, besagte, daß es für imnier sei. Der Hof versank in das nächtliche Dunkel wie eine erloschene Welt.„Eben is unsere Herrin gestorben," sagte Lasse fröstelnd und fuhr sich mit den Fingern über die Lippen.„Möge Gott sie milde auf- nehmen." Angsterfüllt krochen sie wieder in ihre Betten. Aber als sie am Morgen aufstanden', sah der Hof genau so aus tvie an jedem andern Tag. Die Mägde klapperten und lärmten drüben im Branhouse wie gewöhnlich. Nach einer Weile hörte man die Stimme der Hausfrau da oben; sie er- teilte Befehle in bezug arif die Arbeit.„Ich begreife es nicht," sagte Lasse kopfschüttelnd,„so plötzlich kann sonst nur der Tod Einhalt tun. Sie muß eine gewaltige Macht über sich haben." Jetzt sah man erst so recht, was für eine tüchtige Frau sie war. Sie hatte in der langen Zeit des Müßiggangs nichts eingebüßt, sie brachte die Mägde in Tritt, und die Kost wurde besser. Und eines Tags erschien sie im Kuhstall, um nach- zusehen, ob sie rein ausmelken. Auch Gerechtigkeit und Ge- richt übte sie aus. Eines Tages kamen die Arbeiter vom Steinbruch und beklagten sich, weil sie seit drei Wochen keinen Arbeitslohn bekommen hatten. Auf dem Hof war nicht Geld genug.„Tann müssen wir es beschaffen," sagte Frau Kongs- trup, und sie mußten auf der Stelle ans Dreschen gehen. Und eines Tages, als Karna zuviel Widerreden hatte, bekam sie eine schallende Ohrfeige. (Fortsetzung folgt.» Hauptmann„Drei Stern'". Skizze anS dem Soldatenleben. Die achte Kmnpagnie steht morgens 6 Uhr zum Abmarsch nach dem Exerzierplätze bereit auf dem Koseruenhofe. Heute ist Kompagnieexerzicren. Jeder, der Soldat gewesen ist. weiß, was das heißt. Die beiden Leutnants stehen vor der Front und unterhalten sich leise. „Na. Jtzenplitz," sagt von Zitzewitz,„heute wird'S woll wieder jut werden. Der Olle hatte gestern abend ja riesiges Peck im Jeu." „Und ivar besoffen wie n Schwein," fügt v. Jtzenplitz hinzu. „Wenn er uns aber mllbnnsen will, jebe ich ihn, lxenen Droppea Kognak ab." „Nee, iL er ooch nich wert." meint der erstere.„Seinen wird er wieder bald ex haben." „Der Herr Hauptmann kennnt," meldet in diesen, Augenblick der Feldwebel dem ältesten Leutnant. Im Kasernenior erscheint hoch zu Roß der„Olle" mit dickem. rotem Gesichte und eigemümlich glänzenden Augen. Er ist zwar erst gegen zwei Uhr ziemlich schwer ins Bett gekommmen, und seinem Burschen war es nur mit vieler Mühe gelungen, ihn rechtzeitig wieder herauszubringen. Als Belohnung für seine Bemühungen war dem Burschen der Stiefelknecht des Herrn Hauplmanns au den Kopf geflogen und hatte ihm eine große Beule zugefügt. Jetzt be- findet fich der Herr Hauptmann aber, nachdem er weben im Kasino schnell diverse Kognaks— Marke Hennefsy drei Sterne— hinter die Binde gegosien hat, ganz mobil. Seine allgemein bekannte Vorliebe für dieses edle Erzeugnis Frankreichs hat ihm beim ganzen Regiment den Spitznamen«Haupt» mann Drei Stern'" eingetragen. Nachdem Leutnant v. Jtzenplitz ihm die Kompagnie gcmeidet hat, ruft er dieser mit ziemlich belegter Stimme zu:„Morjen, Leute I" „Guten Morgen, Herr Hauptmann!" schallt eS wre aus einem Munde znrück „Was. begrüßt Ihr so Euren Hauptmann? DaS klingt ja jrade, als wenn'n Sack Kartoffeln auSjrschüttet wird. Na wartet I" Nach diesem Morgengruß gibt der„Olle" das Kommando zum Abmarsch und die Kompagnie marschiert nach den, ca. 8/r Stunden außerhalb der Stadt gelegenen Exerzierplätze. Die frische, kühle Morgenluft litt den Soldaten nach der stickigen Kasernenatmosphäre'wohl und munter stimmten fie ein Lied an: An der Weichsel gegen Osten Da stand ein Soldat auf Posten, Ei sieh, da kam ein schöne? Rtädchen, Brachte Blumen ans dem Städtchen. Der Hauptmann ist ein Stück hinter der Kompagnie zurück- geblieben und schenkt sich aus einem nicht gerade kleinen Flakon, daS er aus der Satteltasche hervorgeholt hat, den silbernen Abschraub- becher voll und noch einmal voll. Die Geschicklichkeit, mit der er da» ausführt, läßt auf viel Uebung schließen. Nun trabt er der Kompagnie nach und brüllt wütend: „Maul halten I Juten Morgen rufen könnt Ihr nicht, aber jröh'en l Werd'S Euch schon anstreichen, Schwefelbande!" Der Gesang verstummt. Ein Murmeln geht durch die Glieder, das klingt wie:„Der Oll' ist ivieder voll." Stumm marschieren sie weiter. Ein dumpfer Druck scheint auf allen zu liegen, denn was sie heute draußen auf dem Exerzierplatze erwartet, wisien fie. Kurz bevor dieser erreicht ist. fiihrt der Weg durch ein kleines Tannenwäldchen. Der Hauptmann.galoppiert voraus und ent- schwindet den Blicken der Kompagnie. Als er auf dem Platze an- gelangt ist, sieht er sich um. Gott sei Dank, es ist noch keine andere Kompagnie da Er holt das Flakon wieder aus der Satteltasche und setzt eS gleich an den Mund, ohne erst den Becher zu benutzen. Donnerwetter. etivaS kräftiger Hieb geworden I— Das Fläschchei, ist leer. Er setzt sich im Sattel znrecht. So. jetzt kann's losgehen. Die Kompagnie ist inzwischen herangekommen. Sobald fie den Platz betreten hat, kommandiert er„Tritt gefaßt!" und daS„Bimsen" geht los. Die Musketiere strengen fich aufs äußerste an, aber vergeblich. Heute kann dem Hern, Hauptmann nichts recht gemacht werden. Er wettert und flucht und diltiert unaufhörlich Nachexerzieren. Er fuchtelt mit seinem Säbel herum, bald fährt er auf den Flügel- man» los:„Kerl, ich steche dich tot!" bald auf eine» anderen Sol- daten:.Schweinebmtd. ich reite dich über den Hansen Nachdem daS so eine Weile fortgegairgen ist, befiehlt er:„Die Herren Offiziere austreten I" „IS ooch sciu Jlück, sonst.. brummt Leutnant V. Jtzenplitz. Bald darauf läßt der Hauptmann Gewehr abnehmen und rühren. Er winkt den Leutnant v. Jtzenplitz heran und fragt: „Sagen Sie mal, lieber Jtzenplitz, nich irgend'was FliiistgeS bei fich, um die Kehle anzufeuckicu? Muß mich ja heute total heiser schreien bei den verdammten Kerls!" „Bitte gehorsamst I" antwortet Jtzenplitz und schenkt ihm auZ seinem Flakon den kleinen Becher voll Kognak. Dann geht'S wieder weiter. „Mit Sckttoncn rechts schwenkt— marsch! Gerate«-- halbe Schritte! halbe Schritte!— aus! Wo bleibt� die Richtung, per- fluchte Hammelherdc!— Feldwebel, schreiben Sie den Muller aus! Der Kerl versaut nur die ganze Richtung." „Zu Befehl. Herr Hauptuuum!' schallt hinter der Front der Bierbaß der dicken Kompagniemutter.„Müller ist aber nicht hier, Müller ist in die Küche kommandiert. „WaS, nr der Küche ist der faule Lümmel?!" schnaubt Haupt- mann„Drei Stern'".„Schreiben Sie ihn erst recht auf l— Zwei Stunden Nachexerzieren— fünf Pfund Sand! Wenn er hier gewesen wäre, hätte er doch jebummelt." Die Soldaten haben keine» trockenen Faden mehr am Leibe, der Atem geht keuchend, und über der Trupve liegt eine Dunstwolke. Doch jetzt werden fie von trotzigem Ingrimm erfüll: und geben fich keine Mühe mehr. Je ärger der„Olle" tobr und wütet, desto gleich- gültiger werden die Muslctiere. Selbst die Unteroffiziere fluchen leise vor sich bin. Hin und wieder läßt der Hauptmann rühren, um sich bei Jtzen- plitz„die Kehle anzufeuchten". Die beiden Leutnants folgen scheinbar aufmerksam dem Exerzieren der Kompagnie, erzählen sich aber in Wirklichkeit saftige Zoten und machen sich über„Hauptmam, Drei Stern" luftig. „Aeh. Jeschichle hier wird langweilig", näselt v. Zitzewitz. „Scheint heule jar nich aufhören zu wollen." „Nee, so laitge noch'u Droppen in meiner Flasche is, nich", erwidert Jtzenplitz. „Jießen Sie doch den Dreck weg I" „Famose Jdee l Wird jemacht!" stimmt der andere zu und läßt den Nest des Kognaks in den Sand laufen. Der Hauptmann hat inzwischen die Konipagnie Aufstellung zum Parademarsch nehmen lassen. Die Soldaten siüstern sich zu:„Bloß nicht anstrengen'" Sie kennen ja ihren„Ollen" und wissen, daß bei ihm der Parademarsch die Ouinteffenz der Schinderei fft. Damit ist er selbst in seinem fmisteften Zustande selten zufrieden, und gar erst, wenn er so ist wie beute! Da wäre jede Mühe doch umsonst. Der Hauptmann will sich zuvor noch einmal stärken und begibt fich zu Leutnant von Jtzenplitz. Der erklärt jedoch achselzuckend, daß der Stoff leider ausgegangen sei. „Donnerwetter, haben Sie gesoffen I' bricht der Hauptmam« ärgerlich aus.„Werde Sie das nächste Mal doch lieber eintreten lassen." „Aeh, Verzeihung— haben Herr Haupimann ganz allein ausgetrunken," erwidert Jtzenplitz mit einem maliliösen Lächeln. „Nich möglich!" brummt der Kompaguicchef und wirst dem Leutnant einen wütenden Blick zu. Darauf läßt er die Kompagnie dorbeimarschiereu. Dabei werden seine Wutausbrüche immer wilder— er macht den Eindruck eines Tollhäuslers. Plötzlich fällt er auf dem Pferde schlapp zusammen— mit heiserer Stimme gibt er den Befehl zun, Formieren der Marsch- ordnung und läßt den Rückmarsch antreten. Die beiden Leutuaitts sehen sich an und lächeln Verständnis- innig. Schweigend zieht die Kompagnie auf der staubigen Chauffee iaHin. Kein Gesang erschavt, kein Scherzwort fliegt von Mund zu Mund— verbissener Grinnn liegt auf den Zügen aller, sich Hin und wieder in einem unterdrückten Flncbe Lust nwcdend. Da kommt ihnen eine andere Kompagnie laut und luftig singend entgegen. Als sie bei der achten vorbei-narschiert, wird dieser zugerufen r „Na, die achte hat's heute wieder gut gehabt!"— �Jhr seid wohl wieder ordentlich geschliffen worden!"—„Ihr drückt ja die Knie nach der Heimat durch I" Doch die Musketiere der achten antivorten auf alle scherzhaften Zirrufe nicht. Sie sind nach der Schinderei auf dem Exerzierplatze nicht aufgelegt zu Späffcn. Plötzlich ruft ein Witzbold der aud>.r«n Kompagnie: „Noch'ne Hennessy— drei Stern'!" Lautes Gelächter folgt diesen Worten, von der vorbeimarschierenden Kompagnie übermütig, spöttisch— von der achten dumpf grollend, aber doch die Brust wie von einem Alp befreiend. Die Offiziere und Unteroffiziere beiffen sich auf die Lippen. Wütend will der Haupmian» der achten ausfahren, besinnt sich aber schnell eines Besseren und tut, als ob er nichts gehört hätte. Bald steht die Kompagnie Ivieder auf dem gralren, stumpf- finnigen Kasernenhofe. Der Haliplniann übt kurze Kritik: „Das Exerzieren war henre unter aller Kanone— jradezu san- rnäfiig I Deshalb exerziert die janze Kompagnie sofort eine Stimde nach." „Das ist für das Lachen."-denken die Musketiere. „Herr Leutnant von Jtzenptitz," wendet snli der Hauptinann LN dirien,„übernehmen Sie die Aussicht beini Nachexerzieren 1" „Zu Befehl, Herr Hauptmann!" antwortet er rmd denkt, indem er salutierend an den Helm greift imd vor Aerger platzen möchte: »Aha' Das ist die Ouittmg für meine Bemerkung." Während die Nnterossiziere nun ihre Wur an den Soldaten auslonen. begibt sich Hauplmcm«„Drei Stent" ins Kasino: »Or'naitz—'n Hemtesfy I" Die Clelt der Utomc. T. In unendlicher Mannigfaltigkeit und in ständigem Wechsel breitet sich ans vor uns die Weit. Aber der dauernde Gedanke be- festigt die flüchtig schivebenden Erscheimmgen. Er siebt sie, durch eherne Bande nueiliander gekettet, aus einem Urquell der Natur fliehen. Was ist denn diese Natur? Woraus und wie ist sie ge- bildet? Ans diese Fragen, die das Nachdenken der Menschheit immer wieder und wieder gereizt halten, hat uns die griechische Naturphilosophie d« ersten verncbmbaren Autworten ge- liefert.„Aus Waffer ist alles rmswuden und in Wasser kehrt alles wieder zurück," lehrt« T h a l e s aus Milet(VI. Jahrh. v. Chr.). „Die Lust, aus der durch Verdichtung und Vcrdiinnmig Feuer. Wind, Wallen und Erde hervorgehen,— ist das Urelement der Dinge," so klang die Lehre von Anaximenes, dem jüngeren Landsmmmc von Thales.—„Die Zahl ist der Ansang der Dinge, die Uriache ihrer materielle» Existenz," dies ist der Jichalt der.phthagoräiscben Ansicht. Wir läck-eln jetzt über diese naiven Antworten, ober schon nn Attertuni haben sie viel reiferen und klareren Theorien Boden gefchafieii. Dies sind.die Theorien von Enhiedolles und Deniokrit. Empedokles stellte die Lehre von den vier Grundstoffen oder Elementen auf. Diese Elemente— Erde. Wasjer. Lust. Feuer— sind nngeworden und unvergänglich. Jedes von ihnen besteht auS qualitativ gteicharügen Teilen, und sie treten, durch zwei Uriräste(Liebe und Haff) getrieben, in verschiedene Verbindungen ein. woraus die ivcwselitdc Mmnugfaltigleil der materiellen Welt ciustehr. Diese Lehre, von Aristoletes oufgenoimneii, hat ein io zähes Dasein erhallen, daß wir ihre Spuren iogar bis in die.ncueste Zeit verfolgen können. Aber.man ging zuerst nicht daran, den Begriff des ElomenteL schärfer zu prästfieren und dir Grundstoffe experimentell abuisondcrii. Im Gegeuteil: man blieb bei der Bor- flcllung einer allen Körpern gemeinimiien Urmatcrie und dielt die gegenseitige Umwandlung der Grundstoffe für möglich. Sagt doch schon P la to in seinem„Timäus":„Wir glmtben zn feden, dah das Wasser durch Verdichtung zu Stein und Erde wird; diirü) Zer- teilung wird es Wind und Lust: die entzündete Lnst wird Feuer; dieses aber nimmt, verdichtet.und ausgelöscht, wieder die Gestalt der Luft an, und letztere verwandelt sich in Nebel, der zu Wasjer zerstiefft. Ans dteieni endlich gehen Steine und Erde hervor." Diese Aiischauungsivelfe wurde für die mitteialterischc A l ch i m i e maffgebend. Nur mit dem Unterschiede, dah an die Stelle von den vier Elementen des Empedokles zuerst Oneckfilber und Schwefel traten und dann später als drittes noch das Salz. DaS Quecksilber bedingte die metalliichen Eigenschaften der Körper, Schwefel— Geruch und Brennbarkeit, tvälpreud Salz für die Löslidileit und den Geschmack als befnmmend betrachtet wurde. Diese Grundstoffe hatten mit den heute so bezeichnetet! nur den Namen gemeinsam und wurden ost direkt als„philosophisches Quecksilber" usw. bezeichnet. Erst das l7. Jabrbundert gelangte, mir der Wiedergeburt der Nativnvissenschaften, zu einein-erfahrungs- inöffipen Begriff des chemischen Elements». Hatte Empedokles seinen Blick ans die qualitative Beschaffenheit der materiellen Welt gerichtet, so kam es für Demokrit vor allem darauf an. ihre quantitative Zusammensetzung zu begreife». Im unendlich ausgedehnten leeren Räume befinden sich in ewiger Fallbewegung die unendlich vielen Atome(griechisch— unteilbar). Sie find voneinander nur durch Gröffe und Gestalt verschieden und wirken(uifeina. der nur durch Druck und Stoff. Tie gröfferen Atome, die schneller fallen als die kleineren, stoffeu mit diesen zu-- samnien, und daraus entstehen die Seiteiibewegungen und Wirbel, die Keime der ummierbrvchen sich bildenden und immer wieder vergebenden Welten.„Es existiert nichts als die Atome und der leere Raum; alles andere ist Meinung." DieS ist das Weltbild, das uns Demokrit entwirft. Trotz groffartiger Einsacktest und Konsequenz, mit der sich hier zum ersten Male die meckanische Natnrerklärung behauptete, war diese Lehre, dank ihrem rein spekulativen Ursprung, mit schweren physikalischen Fehlern behastet, so ist z. B. die Annahme, daff die gröfferen Atome im leeren Raimie schneller als die kteinereri fallen müssen, durchaus falsch. Aufferdem fehlten damals dieser kühnen Theorie, um auf die noturwissenichatlliche Forschung be- fruchtend wirken zu können, alle Verbindungsglieder mit den Tatsachen der unmittelbaren Erfahrung. Aber nicht diese Umstände allein entschieden über chr Schicksal. Die Lehre, die den Einflnff der göttlichen Mächte aus den Gang der Welt ausschaltete und nur mit den uatürlicheii■ilmdien wirisckaften wollte, wurde schon im Alter- tum als ungeheiterlidi und ruchlos angesehen. Der fromme Glaube siegte sckltefflich über die Bernunst, und>o verfielen Demokrit und seine Leüre der Veraditmig mid Vergessenheit, denen sie erst im 17. Jahrhundert entrissen wurden, uni bald darauf ein neues glänzendes Leben zu beginircn. »» Es ist kein Zufall, daff der Mann, der mit Reckt als Begründer der modernen Chemie gilt, zugleich ein eifriger Anhänger der demo- kritischen Atomistik war, so wenig es ein Zufall ist. daff er in einem Lande lebte und wirkte, wo die moderne industrielle Technik, deren Grundlage die experimentelle Naturwissenschaft bildet, zuerst ihre Blüte erreichen konnte. Der Engländer Robert Doyle(1L2L— 01) hat die materialistischen Grundlagen in die Nalurivissen- schaften von neuem eingeführt und dadurch die einzig stricht- bare Methode der chcmisch-physikalischen Forschung geschaffen. Nnrcr dem endgültigen Bruch mit den alchimistischen Wahn- gebtlden hat er das Experiment, daS direkte Befragen der Natur, als das fruckttrageitde Feld de? naturwiffenschaftlicheu Denkens proklamiert. Er iprack als Grundsatz aus, daff die nachweisbaren, nicht mehr zerlegbaren Bestandteile der Körper als Elemente zn beiradiwit seien— eine Ansidit, die für die chemische Wiffcnschaft seitdem maffgebend geworden ist. Ihm gebührt mich die Ehre der Eittdeckimg eines Gesetzes, womit eines der schönsten Kapitel der physikalischen Atomistik— die kinetische GaLthearie— eingeleitet wurde, nämlich; daff die G a s v o l u in e dem darauf laste.» den Dfucke umgekehrt proportional sind. Schon im nächsten Jahrhundert nach seinem Tode haben die von ihm ausgestreiiien Ideen eine reiche Saat getragen. Seinem Grundsatze folgend, hat die Chemie eine Unmenge von Zerlegungen verschiedenster Körper vorgenommen. Es stellte sich bald heraus, baff die Zahl der unzerlegbaren ld. h. wohl ver- standen— mit den uns zu Gebote stehenden Mitteln unzerlegbaren) Stoffe oder Elemente im Vergleich mit der Zahl der überhaupt existierend«! verichiedeuen Körper verschwindend klein ist. Gegen» wärtig zählt man noch nicht 100(nach dem jüngst erschienenen Be- rrchl der internationalen Kommisfion zur Bestimmung der Atomgewichte beträgt die Zahl der offiziell anerkannten Elemente 81), während z. B. die Zahl der bis jetzt erioriditen organischen Stoffe allein nicht weniger als 100 000 ausmacht. Zwei sehr einfache Gesetze beherrschen diese bunte Welt. Die Elemente verbinden sich nicht aus gut Glück. sondern immer nur in bestimmten, konstanten Gewichtsniengen, die mit einander in einfachen ganzzahligen Verhältnissen stellen. Um das Wasser zn»bilden, müssen wir immer auf 2 Gewichtseinheiten Wasserstoff 10 Gewichtseinheiten Sauerstoff nehmen. Uiid wenn sich dieie zwei Eterncilte zu einem anderen Stoffe— Wafferstofihhper- oxyd— verbinden, so kommen auf dieselbe Gewichtömcnge Wasser- jtoff immer 82, d. h. im Vergleich zum früheren Beispiel eine doppelte Zahl der Gewichtseinheiten Sauerstoff. Diese Gesetze der konstanten n n d m n l t i p l e n P r o p o r t i o n e n, d. h. der unveränderlichen und einfachen, ganzzahligen Verhältnisse, in denen sidi die elementaren Atome zu verschiedenen Stoffen ver- binden, führten im Jahre 1805 den Landsmann Boyteö, de» Chemiker John D a lt o n zur Aufstellung der chemischen Atom- t h e o r i e. 1. Jedes Element besteht a u S gleichartigen Atomen von unver ä u derli ch em Gewicht. 2. Die chemischen Verbindungen bilden sich diirdi Vereinigung der Atome verschiedener Elemente nach einfachsten Z a h l e n v c r h äl in i s s en. Diese zwei Sätze bilden den knappsten und bündigsten Ausdruck der neuen Theorie. Diese Sätze sind von einer so außerordentlich großen Wichtigkeit, daff wir ihre Begrinidnng am liebsten mst den eigenen Worten Daltons wiedergeben möchten.„Ob die letzten Teilchen der Körper, z.B. des Wassers, alle gleich sind, d.h. dieselbe Gestalt, dasselbe Gewicht usw. besitzen, ist eine Frage von einiger Wichtigkeit. Ans dein, was wir hierüber wissen, geht kein Grund hervor, in diesen Stücken eine Verschiedenheit anzn» nehmen. Findet dies ober im Wasser statt, so muff dies gleichfalls bei den Elementen, die das Wasser bilden, nämlich beim Wasserstoff vnd Sauerstoff stattfinden.:. Wären einige Teilchen des Waffers schwerer als die anderen, und bestände ein Teil dieser Flüssigkeit bei irgend einer Veranlassung vorzüglich aus diesen schweren Teilchen, so»nützte man annehmen, datz dadurch das spezifische Gewicht der Masse beeinflutzt werde, ein Umstand, der keineswegs bemerkt worden ist. Aehnliche Bemerkungen lassen sich bei anderen Substanzen machen. Man kann dem- nach schließen: daß die letzten Teilchen aller ho»nogenen Körper bollständig gleich in Gewicht, Figur usw. sind. Mit anderen Worten: jedes Teilchen Wasser ist gleich jedem anderen Teilchen Wasser, jedes Teilchen Wasserstoff ist gleich jedem anderen Teilchen Wasserstoff usiv." (Dalton. Ein neues System des chemischen Teiles der Nalurwiffen- schaft; I, S. 161). Demnach unterscheiden sich die Stoffe von ein- ander lediglich durch verschiedene Art Lagerung und Bewegung der elementaren Atome, die selbst unveränderlich und unzerstörbar, durch ihre Verbindung jederzeit ein letztes Teilchen, sog. Molekül, der betreffenden zusainmengesetzten Substanz bilden. Man mutz also nach der chemischen Atointheorie streng zwischen Atoin und Molekül unterscheiden. Atom ist das letzte, chemisch nicht mehr teilbare Partikelchcn eines elementaren Stoffs. Molekül ist das letzte, physikalisch(also z. B. durch Zerschneiden, Zer- malmen usw.) nicht mehr teilbare, chemisch aber in Atome zerleg- bare Teilchen eines zusammengesetzten Stoffs oder Ver- bindung. Ein Molekül verhält sich zum Atom etwa wie ein lebendes Wesen zu den Zellen, woraus es gebaut ist. Es lätzt sich kaum andeuten, welche ungeheuere Bedeutung diese Theorie für die weitere Entwickclung der gesamten Chemie gehabt hat. Mit verblüffender Leichtigkeit und Anschaulichkeit lasten sich aus ihr nicht nur die einfachsten Grundgesetze, sondern auch die verwickelten Spezialgesetze, wie die der Assoziation und Distoziatioi», Jsomerie ilsf. obleiteu. Wir wollen jetzt nur einen, für den Laien vielleicht den befremdlichsten Punkt näher beleuchten. Wie ist eS möglich— so wird mancher fragen—, daß die Vereinigung verschiedener Atome ganz andere Eigenschaften austveisen als'die Atome selbst. Chlor ist z. V. ein ätzendes, giftiges Gas; Natrimn ein reaktionslustiger Stoff, der wohl einen jeden Menschen töten würde, dem es einfiele, ein Stückchen davon tu verschlucken. Sobald aber ein Atom Chlor sich mit einein ltoin Natrium verbindet, entsieht ein Molekül Kochsalz— ein Stoff, an dem man nichts von de» gefährlichen Eigenschaften seiner beiden Erzeuger merkt. Nun, solche Wunder treten uns überall entgegen. Die drei Linien, welche ein Dreieck bilden, haben nichts an sich, wa? mit den geometrischen Eigenschaften dieser Figur in irgend welcheni Znsammenhange stände, und wenn tvir sechs Stäbchen haben, können wir daraus ein Sechseck bilden, aber ebenso gut eine dreikantige Pyramide, also zwei total verschiedene geo- metrische Gebilde. Der eine Fall ist schließlich um nichts wunder- barer als der andere. V. Sonneninfe! unä I�ebellancl. (Zur Ausstellung bei Fritz Gurlitt.) Paul Gauguin und Friedrich Kallmorgen, das sind zwei Welten, die gegeneinander stehen. Wenn man aus dem Zimmer, da die Bilder des Norddeutschen hängen, in den Saal des Franzosen, des Wilden von Tahiti, tritt, meint man aus verqualmtem Grau und -regnendem Braun in ein Paradies dampfender Farben zu kommen. Es ist aber nicht nur die Landschaft, die diese beiden Maler trennt. Kallmorgcn ist ein Produkt der Geschichte; Gauguin entwuchs der Natur, eine Blüte aus der feuchten Schwüle tropischer Unberührt- heit.„Das Barbarische ist für mich ein Vcrjüngungsmittcl, ich bin tveir, weit zurückgegangen, weiter als bis zu den Pferden deS Parthenon, zurück bis zu den Holzpfcrdchen meiner Kindertage." So schreibt Gauguin von sich selbst in dem von Naivität köstlichen Rind in Sinnlichkeit untertauchenden Buch„Noa— Noa". Und Maurice Denis, ein anderer von denen, die um 1890 anfingen, aus dem leidenschaftlichsten Naturalismus eine von Blut erfüllte »ind mit heißen Temperamenten geladene Monumentalität zu ge- tvinnen, sagt:„In der Tat, wir kehrten zur Kindheit zurück, wir wurden wieder ganz dumm. Und das war das gescheiteste, was wir damals tu»' konnten. Unsere Kunst wurde eine Kunst der Wilden, der Primitiven." Das ist es, was diesen Gauguin von jenem Kallmorgen trennt. Der andere gehorcht der Konvention, er ist ein Gelehrter und ein Meister. Gauguin war ein Jäger, ein Abenteurer, einer, der die Natur nicht in ein Schema zwängen wollte.„Ich muß immer erst das Urwescn der Pflanzen, der Bäume, der ganzen mannigfaltigen Natur in»nich aufnehmen." Wie er das meint, davon erzählt er in seinen genießenden Er- rnnerungen an die durchsonnten Tage von Tahiti, die Sonncninsel, «in deren Schoß er sich flüchtete:„Die Landschaft mit ihren starken, reinen Farben blendete»nich, machte mich blind... Vergoldete Gestalten in Bächen und ain Strande entzückten mich, warum zögerte ich, diesen Sonncnjubel auf meine Leinwand zu bannen... Plötzlich, bei einer jähen Wendung, bemerkte ich an einen Felsen- Vorsprung gelehnt, den es»nit beiden Händen eher liebkoste als es sich daran festhielt, ein junges nacktes Mädchen. Es trank aus «iner Quelle, die leise aus großer Höhe zwischen den Steinen vecantwortl, Liedakteur: Haus Weber, Berlin. niederrieselte. Nachdem eS getrunken hatte, nahm eS Wasser in beide Hände und ließ es zwischen den Brüsten niederrinnen..." Von solcher Urmenschlichkekt, von solchen Instinkten deS Menschentieres sind Gauguins Bilder Dokumente. Es wird indessen nicht an Leuten fehlen, die sich abwenden, weil das, was da an Grimassen und grellen Schreien jäh aufbäumt, mit Kunst nichts mehr zu tun habe. Ganz recht, mit der Kunst, wie sie auf den Akademien gelehrt wird, hat Gauguin in der Tat nichts zu tun; desto mehr aber mit jener Kunst, die in den Kinderliedern der Mütter, in den barbarischen Tänzen der Insulaner, in den Kreisen der Pfauenfeder mystisch scklummert und selbstverständlich lebt... Da hängt ein ganz frühes Bild, noch aus der Bretagne, ein Dorf. Man sieht hinein, mit träumender Intimität, ohne Beharren am einzelnen, in das Wesentliche dieses schweigenden Daseins, in diese Welt aus Schindeldächern und verwackelten Mauern, in dieses Musizieren aus violetten Tönen... Ganz Anschauen und ganz Genuß ist auch ein anderes, daneben hängendes Bild, ein licht- grünes. Wethe, immaterielle Hauben bretonischer Mädchen flimmern; saftig grüne Schürzen schaffen Ruhe. So war also Gauguin bereits ein Maler des Wesentlichen, bevor er zur Sonnen- insel segelte. So war es nur ein natürlicher Prozeß, daß er dann dort unten all die unsterbliche Frische, die vom Tau der Morgen- röte überrieselte, schlummernde und doch immer wache Sinnen- seligkcit entdecken und gestalten nruhte. Entdecken, wie einer, der sich selber findet. Gauguin malte die Blumen des Urwaldes wie ein Konzert von süßen, schalmeiendcn Tönen in perlender Helligkeit. Er malte die Sonne der Tropen nicht grell uird schlagend, vielmehr als«inen goldenen Schleier, als ein Rieseln sanften Feuers. Er malt die bronzenen Leiber der Mädchen und aus den Wilden »verden(um noch einmal Denis zu berufen):„Frauengestalten von soviel Vollendung und Liebreiz, daß man nur von göttlicher Schön- heit sprechen kann." Ein Hoheslicd der Sonne. Im Norden, in der Kälte, da aber lastet der Nebel, da wurde schon längst der Mensch gezähmt, datz er artig seine Pflicht tue. Als eine Pflicht wird auch die Kunst verrichtet. Wir haben uns daran gewöhnt,»vir merken es kauin noch. Kall morgen ist ein guter Maler; wie er die Elbe bei Hamburg gibt, massig, dick und tot, das ist ausgezeichnet und toahr. Wer aber auch nur einen Blick, einen einzigen, tun darf in das Sonnenglück, der opfert gern ein ganzes Museum des Nebcllandes dafür. Robert Breuer. kleines Feuilleton. Physiologisches. Die Ungleichheit der beiden Gesichtshälften. Ein vollkommen regelmäßiges Gesicht gibt es vielleicht überhaupt nicht oder gehört mindestens zu den seltensten Ausnahmen. Nament- lich sind die beiden Gesichtshälften mehr oder weniger wesentlich von einander verschieden, was sich in der Regel schon bei einer genaueren Betrachtung von der Vorderseite her ergibt. Um die Abweichungen des rechten Profils vom linken durch das Auge fest- zustellen, ist freilich schon ein geübter Blick nötig, da man nicht beide Seiten gleichzeitig sehen kann. Allenfalls ließe sich dies in der Hauptsache mit Hilfe eines Spiegels bewirken. Es stehen aber noch andere Mittel zur Verfügung, zuverlässige Studien über die ver- schicdenc Entwickelung der Gefichtshälften auszuführen. Einmal lassen sich unschwer ganz genaue Messungen vornehmen, und dann kann man auch die Photographie zu diesem Zweck benutzen. Dies Verfahren ist von dem deutschen Physiologen Dr. Hallervorden vorgeschlagen worden, und zwar in einer einfachen und einleuchten- den Form. Man photographiert ein Gesicht dreimal, einmal von vorn, das zweitemal ganz von links und daS drittcmal ganz von rechts. Von den Profilaufnahmen werden je zwei Abzüge gemacht, der eine in gewöhnlicher Stellung, der andere in der Stellung des Spiegelbildes. Dadurch erhält man die Möglichkeit, zwei linle Hälften oder zwei rechte Hälften nach Belieben zu einem voll- ständigen Bilde des Kopfes zusainmenzusetzen. Hält man nun die eigentliche Aufnahme der Vordcrfläche gegen diese zusammen- gefügten Bilder, so werden die Unterschiede der rechten und der linken Gcsichtshälfte deutlich zum Ausdruck kommen. Nach den gegebenen Proben ist es erstaunlich, wie sehr sich der Gesichtsaus- druck verändert, wenn das Bild zwei rechte oder zwei linke Hälften des Gesichts enthält. Allerdings lätzt sich diese Folge wohl be- greifen, wenn man beispielsweise nur daran denkt, wie verschieden bei den meisten Menschen die beiden Hälften des Mundes und ins- besondere der Mundwinkel geraten sind. Ist der Mund ein wenig nach einer Seite gezogen, so wird sich der Gcsichtsausdruck schon bc- deutend ändern, wenn die dadurch bedingte Falte auf beiden Seiten des Gesichts austritt. Auch die Nase ist fast bei allen Menschen mehr oder weniger unregelmäßig gestaltet. Aber auch für tiefere Be- tracktungen ist diese pbotographische Untersuchung, die mancher vielleicht schon des Vergnügens halber wird versuchen wollen, von Wert. Wenn nämlich die Theorie richtig ist, datz die verschiedene Entwickelung und Betätigung der beiden Gehirnhälften sich wider- spiegelt, so müßten gewisse geistige Eigenschaften in jener künst- lichen Rechts- und Linksl-ndung des Gesichts besonders deutlich werden. Dem Studium der Physiognomik wird durch diese Bc- Nutzung der Photographie ein weites Feld eröffnet.__ — Druck u. Verlag: vorwärtsBuchdruckerei u.VerlagLanstaltPaulSingerä-Co.,BerlinZVV,