Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 64._ Freitag t>en 17. März. 1911 tNacddru« tiecsoien.} 511 pcllc der Brobcrcr. Roman von Martin Andersen Nexö. Lasse erhob den Kopf, wie ein altes Dragonerpferd, das �as Signal hört; dann fiel er in seine gebeugte Stellung zurück. „In die Welt hinaus und reich werden— jawoll," sagte er zögernd,„so Hab ich auch gedacht, als ich in Deinem Alter war. Aber das geht, nich so leicht, wenn man nich mit dem Siegerhemd geboren is." Lasse schwieg und stieß sinnend die Streu mit dem Fuß unter eine Kmh. Er war sich nun freilich nicht ganz sicher, ob der Junge nicht doch am Ende mit dem Siegerhemd geboren war. Er war eine Spätgeburt: die waren immer zu dem Schlimmsten oder zu dem Besten be- stimmt: und dann hatte er die Glückslocke an der Stirn, die bedeutete ein gutes Fortkommen. Fröhlich war er und voller Gesang— und eine leichte Hand hatte er zu allem. Alle g«- wann er durch die Beschaffenheit seines Gemüts. Sicherlich lag das Glück irgendwo da draußen und wartete auf ihn. „Aber dazu is es vor allen Dingen nötig, daß man ordent- lich konfirmiert is. Nimm Du lieber Deine Bücher und lern Deine Aufgaben, damit Du nich zurückgewiesen wirst! Ich will woll fertig futtern." Pelle nahm seine Bücher und sehte sich oben in den Futtergang, mitten vor dem großen Stier. Er lernte halb- laut. Lasse ging hin und her, eifrig beschäftigt. Eine ganze Weile dachten beide nur an ihre Arbeit. Da kam Lasse zu ihm hin— die neuen Bücher, die Pelle für die Konfirmations- stunden bekommen hatte, reizten ihn. „Is das da biblische Geschichte?" „Steht das dadrin von ihm, der sich besoffen hat?" Lasse hatte es schon längst aufgegeben, das Lesen zu er- lernen. Er hatte keinen Kopf dafür. Aber er war noch immer voller Interesse für alles, was der Junge vorhatte. Die Bücher übten eine eigene Zaubermacht auf ihn aus. „Was kann da nu woll stehen?" konnte er verwundert fragen und auf etwas Gedrucktes zeigen, oder:„Was lernst Du denn heute Merkwürdiges?" Pelle mußte ihn von Tag zu Tag darüber unterrichten. Und dieselben! Fragen kehrten häufig wieder. Lasse hatte kein gutes Gedächtnis. „Ich mein den, dem die Söhne die Hose herunterzogen und die Scham ihres eigenen Vaters entblößten?" fuhr Lasse fort, als Pelle nicht antwortete. „Ach Noah!" „Ja, richtig, der alte Noah— von dem Gustav das Lied konnte. Wo in er sich woll besoffen hat— der Alte?" „In Wein." „War es Wein?" Lasse zog die Augenbrauen in die Höhe.„Dann is dieser Noah ja ein feiner Mann gewesen. Mein Herr da drüben in Schweden, der trank auch Wein, wenn es flott herging! Ich Hab mir erzählen- lassen, daß da viel zu gehört, eh das seinen Mann unterkriegt— und Wein is teuer! Steht da auch von dem, der so gottserbärmlich be- trogen hat? Wie hieß er doch noch gleich?" „Meinst Du Laban?" „Ja, Laban, ja! Daß ich das auch vergessen könnt! Denn er war ja ein richtiger Laban, so daß der Name eigent- lich gut auf ihn paßt. Das war der. der seinem Schwieger- fohn die beiden Töchter gab— und er mußt sie sich noch oben- drein mit Tagelohn verdienen! Wenn sie nu gelebt hätten, wären sie gewiß ins Zuchthaus gekommen, er und auch der Schwiegersohn, aber in den Zeiten sah die Obrigkeit den Leuten woll nich so genau in die Karten. Ich möcht woll wissen, ob'ne Frau damals auch Erlmibnis gehabt hat, zwei Männer zu haben. Erzählt das Buch nichts davon?" Lasse stand da und wiegte sich neugierig hin und her. „Na, da steht woll nichts von drin," sagte Pelle geistes- «abwesend. „Na ja, ich will Dich lieber nich stören," sagte Lasse und «ging wieder an seine Arbeit. Aber es währte nicht lange, da war er wieder da:„Sie sind mir nu zufällig wieder abhanden gekommen, die beiden Namen. Ich begreif wirklich nich, wo ich meinen Kopf in dem Augenblick gelassen halt'. Aber die großen Propheten, damit weiß ich gut Bescheid— willst Du mir die mal überhören'?" „Na, denn man her damit!" sagte Pelle, ohne die AugetU vom Buch zu erheben. „Du mußt woll so lange mit dem Lesen aufhalten," meinte Lasse,„sonst könnt'st Du da in venvirren." Er mochte es nicht, daß Pelle es wie eine Kinderei behandelte. „Na, in den vier großen' werd' ich woll mich irren!" sagte Pelle überlegen, klappte das Buch aber doch zu. Lasse nahm den Priem mit dem Zeigefinger von der Unterlippe und warf ihn an die Erde, um den Mund klar zu Hab, dann zog er die Hosen in die Höhe und stand eine Weile mit geschlossenen Augen da nnd bewegte die Lippen, während er seine Lektion leise für sich hersagte. „Na, wird es bald?" fragte Pelle. „Ich muß doch erst zusehen, ob sie auch da sind!" ant- wartete Lasse, ärgerlich über die Störung, und fing wieder an, sie herzusagen.„Jesaias, Jeremias, Hesekiel und Daniel!" Er schleuderte sie hastig heraus, damit ihm keiner unterwegs verloren gehen sollte. „Woll'n wir auch Jakobs zwölf Söhne gleich mal nehmen?" „Stein, heute nich, es könnt zuviel für mich auf einmal werden. In meinen Jahren muß man bedachtsam fahren, ich bin ja nich mehr so jung wie Du. Aber wenn Du die zwölf kleinen Propheten noch mal mit mir durchnehmen willst—" Pelle sagte sie langsam vor, und Lasse wiederholte sie, einen nach dem andern.„Verteufelte Namen, die sie dazu- mals ausfindig machen konnten!" rief er stöhnend aus.„Der Mund tut einem ordentlich weh. so wie man ihn verdrehen muß! Aber ich will sie schon kriegen." „Was willst Du eigentlich damit, Vater?" fragte Pelle plötzlich. „Was ich damit will?" Lasse kraute sich an Seitdem wurde aus dem zufriedenen Philosophen, dem all- bekannten und nicht ungern gesehenen„Gcschirrdortor" ein finster vor sich hinbrütender, fahriger, unruhiger Mensch, der jede» Halt verloren hatte. Grenzenlos schien ihm die Einsamkeit, die ihn jetzt umgab, und wie ein Panther, mit leisen Raubtierschritten, beschlich ihn das Grauen. Er hatte immer einen bei sich gehabt... wenn er wanderte, wanderte das Brüderchen neben ihm; wenn er nachts ausfuhr, hörte er die tiefen Atemzüge des Hundes. Nun war das nicht mehr. Nichts war da... nur die Stille. Die fang... eigentümlich rauschte sie, wie man Wellen rauschen hört, die tief unter der Erde find. Besonders nachts... da kam noch ein Knistern dazu, unheimlich, seltsam. Aufschreien Hütt' er mögen: wer ist da? Den Namen seines Hundes rufen: Brüderchen! Von allen Seiten schlich es näher. Und wenn er die Augen zudrückte, hörte er durch alle die feinen, unheimlichen Geräusche ganz aus der Ferne die langgezogenen Hcultöne, die sein einziger Freund kurz vor dem Tode ausgestoßen. Er trank viel, um schlafen zu können. Immer von neuem ließ er die Flasche füllen. Da hat« er Gesichte... In den Herbstnebeln, die jetzt öfter und öfter in wunderlichen Formen und Schleiern sanken, sah er seinen Hund laufen. Er lies immer vor ihm her; er ließ sich nicht einholen. Er rief, er pfiff, er bettelte, er stürzte hinterdrein— das Brüderchen im Nebel war schneller und glitt wie ein Schatten durch die grauen Abende. Da geriet Adam Kaiinka noch mehr in Verzweiflung. Er ver- fiel fichtlich. Die Hausfrauen, die ihm ihre Töpfe anvertrauten, waren nicht mehr so zufrieden wie sonst. Die Hände zitterten; er zog den Draht nicht fest genug. Auch kam es besonders häufig vor, daß er mitten in der Arbeit aufhörte und vor sich hinstarrte. Er grübelte sich immer mehr in einen Gedanken hinein. Warum, Brüderchen, läufst du weg vor mir? llnd er erinnerte sich, wie der Hund früher zu ihm gekommen war, den Kopf an seinen Knien gerieben, mit dem Schwänze ge- wedelt, durch tausend Kleinigkeiten seine Anhänglichkeit bewiesen hatte. Und nun lief er fort vor ihm... durch den grauen Nebel. Weshalb? Weil er ihn nicht gerettet hatte? Weil er den Tod nicht von ihm abgewendet? Adam Kalinka trank, trank. Es ist, dachte er, kein Unterschied zwischen Mensch und Tier. Mir aber hat man den Freund ge- tötet. Dre Mörder läuft herum... ißt Rebhühner.... Als ob ihn das in Raserei versetzte, daß der Mörder Rebhühner aß, stand er auf, ließ den habfertigen Topf liegen und stürmte fort. Es brannte ihm in der Kehle. Das tat der weiße Pfeffer, den der Schankwirt in den Fusel gemischt. Mühsam, als müßten sie sich durch ungeheure Hemmnisse einen Weg bahnen, arbeiteten seine Gedanken weiter. Ein Mörder wurde mit dem Tode bestraft. Warum lief der Jäger frei herum? Weil die Menschen den Unterschied machten... den dummen, bösen Unterschied! Er aber, er wußte, daß das Brüderchen eine Seele hatte. Plötzlich erschrak«r. Eine Offenbarung kam über ihn. Es war die Seele, die vor ihm her durch den Nebel glitt, die sich nicht fangen ließ, die keine Ruhe hatte, weil der Mörder unbestraft sei und frei herumging. Die Füße zitterten dem alten Vagabunden. Er mußt« sich setzen. Mechanisch suchte er sich loieder die andere Seite des EhausseegrabenS aus. Hier war lein Ort, in dessen Nähe er nicht einmal mit Brüderchen gerastet. Alle Unruhe schiien von ihm genommen zu sein. Er starrte den ganzen Nachmittag vor sich, unbeweglich fast. Als es Abend wurde, schlich er um die Bauernhäuser. Niemals hatte er in seinem Leben gestohlen. Das wenige, waS er brauchte, hatte er verdient oder geschenkt bekommen. Aber jetzt brauchte er diel... brauchte Geld, harte Taler. Es gelang'.hm, eine Axt zu stehlen. Im Laufe der nächsten Tage bettelte er, nachts stahl er Kleinigkeiten. Ehe eine halbe Woche herum war, hatte er die ganze Tasche voll Kupfermünzen. Die Axt, und was er sonst noch erbeutet hatte, verkaufte er. Alles in allem, verfügte er nun über ein schönes Stück Geld. In einer Stadt, die zwischen den schmutzigen Dörfern lag. kaufte er sich dafür einen Revolver und ein Dutzend Patronen. Sechs davon verschoß er zur Probe. Bei jedem Schutz befiel ihn ein jäher Schreck, denn er hörte dann das donnerähnliche Rollen wieder, das fich durch die Lüfte fortpflanzte, wie beim Tode des Brüderchens. Dann hob er die Waffe mit den noch übrigen sechs Patronen, sicherte sie und begab sich auf den Platz, auf dem er damals geruht. In der Nähe standen, einen Graben verdeckend, der in einem rechten Winkel zur Chaussee lief, Brombcerbüsche. Dort versteckte sich Adam Kaiinka. Er saß ruhig da, den Revolver vor sich, und wartete. Er sah den Jäger zweimal. Aber er kam ihm nicht nahe. Eines Nachm'ttags jedoch— der Abend war nicht niehr fern— revierte der Hühnerhund gerade vor ihm das Kartoffelfeld. Er witterte die Nähe eines Menschen, hob den Kopf, wurde abgelenkt» sah sich um. Die Flinte schußbereit vor sich, ging der Jäger hinzu. Er trat nahe an die Büsche heran. In diesem Augenblicke wurde geschossen. Ein zweiter Schuß von anderem Klange tönte fast im gleichen Moment. Der Jäger war ins Herz getroffen. Seine Flinte entlud sich; er hatte den Finger am Abzüge gehabt. Er rief ein unverständliches Wort, machte einen merkwürdigen Schritt, fast einen Laufschritt vorwärts, und fiel dann schwer mit dem Gesicht in die Büsche. Adam Jtolinta vergrub den Revolver und schritt ohne Heber- fiürzung, aber mit triumphierendem Gesicht davon. Er war seit dem Tode Brüderchens zum erstenmal wieder fröhlich. Da scholl plötzlich ein Winseln herüber, das in langgezogene Hcultöne überging. Wie gebannt blieb der Vagabund stehen. Es war der Hund... der Hühnerhund, der an der Leiche seines Herrn heulte. Das fröhliche Lächeln auf den Lippen Adam Kalinkas schwand. Die Angst befiel ihn, das Grauen... er sloh über Stoppeln und Wiesen, keuchend, rastlos... immer verfolgt von dem Winseln und Heulen. Er lief auch jetzt durch drei Dörfer bis in sein Hcimatnest, wo die windschiefe Baracke stand. Und die Nacht war schrecklich. Er hatte keinen Schnaps mehr. Er wagte nicht, vor die Tür zu gehen. Er fürchtete, daß da der Hühnerhund sein würde. Den Jäger hatte er vergessen. An den dachte er nicht. Aber der Hund... der Hund! Am nächsten Morgen stellte er sich selbst dem im Dorfe stationierten Gendarmen. Der wurde zuerst gar nicht klug aus ihm, denn die beiden Hunde— das Brüderchen und der Hühnerhund— spielten in seinen wirren Erzählungen die Hauptrolle. Ganz nebenbei kam heraus, daß er den Jäger erschossen hätte. Da führte der Gendarm ihn dem nächsten Gerichtsgefäng- nisse zu. Nebeneinander schritten sie die Chaussee entlang. Es war herbstliches Wetter; ein feiner Regen rieselte; die Wipfel sauften und statt der Marienfäden taumelten Blätter, grüne und gelbe, durch die Luft. .Er heult," sagte er plötzlich und blieb stehen. Er weigerte sich, weiterzugehen. Der Beamte mußte ihn beim Arme nehmen. In dem langgezogenen Sausen des Windes hörte der Vagabund nur das winselnde Heulen des Hühnerhundes. „Pan Wachtmeister," sagte er stockend,»sie sind bessere Menschen wie wir. Selbst dem Mörder... halten sie Treue." Dann sank er wieder in sich zusammen und schritt neben dem Gendarm die Chaussee entlang... einer Zukunft zu, von der er sich freilich keine rechte Vorstellung machen konnte. Emanzipation dee flcifches. Zum 100. Geburtstag Karl Gutzkows(17. März). Unglückliche Jugend! DaS Feld der Tätigkeit ist dir verschlossen, im Strome der Begebenheiten kann deine wifsensmatte Seele nicht wieder neu- geboren werden; du kannst nur lächeln, seufzen, spotten, und die Frauen, wenn du liebst, Unglück- lich machen! Wally, die Zweiflerin. Die Wcimaraner des klassischen deutschen Schrifttums hatten das-, was die reaktionären Hetzer bis auf unsere Tage als die um- stürzlerische Teufelsunzucht der Emanzipation des Fleisches oder auch der freien Liebe verfchrieen haben, in der Praxis ihrer per- sönlichcn Lebensführung bereits vollendet. Wie das scheidende 18. Jahrhundert sich schon völlig losgelöst hatte von aller reli- giöscn Befangenheit, so wußte es auch nichts mehr von den as- ketischen Idealen des Christentums, und in der Ehe sah es nicht mehr als die höchst nüchterne Einrichtung bürgerlicher Zweck- Mäßigkeit. Ein Leben heidnischer Sinnlichkeit war nicht nur die Dichtung, sondern auch die Wirklichkeit Goethes. Die Ehekritik verlief sich merkwürdig häufig in das Problem der Doppelehe. Würger, Goethe, auch Schiller beschäftigten solche Gedanken in der Dichtung wie im Leben. In dieser Auflehnung gegen das geschlechtliche Philistertum entwickelte sich die selbständige Per- sönlichkeit der Frau. Die Zeit war reich an Frauen, die in der Entfaltung ihrer Lebensschnsucht keine Grenzen mehr achteten, das Recht auf Leidenschaft und freie LiebeSwahl ward von vielen bedeutenden Frauen betätigt. Lose, illegitime Bündnisse ebenso wie hastige Eheschließungen und Scheidungen waren häufig. Schon wagt die Tochter eines deutschen Gelehrten, von Ort zu Ort pilgernd, mit allen hervorragenden Männern Beziehungen anzu- knüpfen, zu dem ausgesprochenen Zweck, die Rasse mannigfach zu veredeln. Aber die Emanzipation der Frau bleibt innerhalb der Entfaltung ihrer geistigen und geschlechtlichen Bedürfniss?. Noch denkt kaum jemand an die politische und wirtschaftliche Gleichbe- rechtigung. Und als der Königsberger Bürgermeister Hippel, der vertraute Freund Kants, eine dämonisch verfallene Doppelnatur, in einem anonymen Büchlein zum ersten Mal die volle Gleich- berechtigung der Frau auf allen Gebieten fordert,„die bürgerliche Verbesserung der Weiber", hielt man allgemein die sehr ernsthafte Schrift für eine ausgelassene Satire auf die Emanzipierten. WaS die Klassiker unbefangen wie etwas Selbstverständliches im Leben durchführten, ohne sonderlich viel darüber zu philoso- phieren, wurde der romantischen Rcektion zum tieffinnigen Pro« blem. Die befreite Sinnlichkeit verzückte sich ins Mystisch» Religiöse. Die grausen Irrungen, die ehelichen und unehelichen Abenteuer, in denen sich die Romantiker, bevor sie katholisch wurden, tummelteu entwickelten sich zu iner schwärmenden Meta-> Physik der Liebe, zu einem weltlichen Sulonmarienkult. In kecken Witzworten spottete man der bürgerlichen Ordnung, um sie dann in verschlungenem, religtös-grübelndcm Schwulst zu begründen und zu verhimmeln. Friedrich Schlegel konstruierte in seiner! Lucinde die Religion der Wollust, und der Vater der liberalen Theologie von heute, Schlciermacher, verteidigte den angegriffenen Roman des Freundes in den inbrünstigen Sätzen seiner»ver- trauten Briefe" über die Lucinde. Je mehr die Deutschen unter dem Druck des Polizeistaates von jeder öffentlichen Betätigung ferngehalten wurden, um sa leidenschaftlicher tauchten sie in die Fragen des persönlichen Lebens. Die Beziehung der Geschlechter, die bürgerliche Ehe usur- pierte das revolutionär drängende Interesse, das sich in der Politik nicht betätigen durfte. In der Emanzipation des Fleisches ver- barg sich die Sklaverei des öffentlichen Lebens. Mit den Fragen der geschlechtlichen Moral aber versippten sich auf das engste die religiösen Probleme, nicht nur wegen der christlichen Askese. sondern auch aus dem natürlichen Grund, daß die damalige Ehe nur in der kirchlichen Segnung möglich war. Nach der Juli- revolution, die alle Gemüter in die ungeheuerste Gärung riß und ein neues frohes Reich der Freiheit in die Möglichkeit eines nahen Tages zu rücken schien, mischt sich in die Diskussion der Geschlechts- frage bereits die Erörterung der sozialen Stellung der Frau. Saint-Simons kommunistische Ideen beschäftigten alle Geister. In Frankreich zeichnete die Sand in Romanen die Gestalt der von aller bürgerlichen Konvention losgelösten Frau, und ihre Lclia befruchtete auch die junge deutsche Literatur. Aber die revolu, tionäre Theorie mußte sich in Deutschland tatenlos verbluten. Gerade deshalb, weil diese tatendurstige Jugend keine Beschäftigung fand, drängte sich ihre unfruchtbare Sehnsucht wieder in die gc- schlechtliche und religiöse Theorie zusammen. Der Zerrissene wird der typische Romanhelo. der im Irrgarten der Liebe taumelnde Kavalier, der aber jedesmal, wenn er eine Blüte pflückt, grüblerisch die Staubfäden zählt mrd über die Kelchblätter philosophiert. Mit einem dieser zahlreichen Emanzipationsromane sprang auch der junge Karl Gutzkow in die keck eroberte Unsterblichkeit dcS literarischen Skandals. 183S erschien seine..Wall y, die Z w e i f l e r i n", die seitdem in frommen Literaturgeschichten- niemals erwähnt wird, ohne daß die Verfasser sich in sittlichen! Mähungen winden. Die Bedeutung dieses Romans liegt nicht in dem, was in ihm geschrieben ist. sondern in der denunzierenden Kritik, die ihm folgte. Gutzkow hat in der Wally sich mancherlei persönliche Erfahrungen vom Herzen geschrieben, ohne daß es ihm gelungen wäre, sie künstlerisch gestaltend so zu objektivieren, daß das Werk auch ohne Kenntnis des privaten Daseins seines Ber- fassers als Dichtung zu wirken vermöchte. Gutzkow hat schon, vor- her sich mit der geschlechtlichen Moral und der bürgerlichen Ehe auseinandergesetzt. Als nach dem Tode Schleiermachers dessen Werke gesammelt, aber von den Frömmlern die vertrauten Briefe über die Lucinde in gottseliger Angst unterdrückt wurden, gab Gütz- iow diese Briefe neu heraus un!d begleitete sie mit einer ziemlich rücksichtslos sich bekennenden Vorrede. In der Wally versuchte ec nun dichterisch zu gestalten, was er in jener Vorrede theoretisch er- örtcrt hatte. Das Schicksal jener Charlotte Stieglitz schwebte Gütz- kow vor, deren Selbstmord eben in dieser Zeit die tiefste Bewegung hervorgerufen hatte. Um ihren nach einem kurzen literarischen Anlauf körperlich und geistig erschlafften Mann durch ein großes tragisches Erlebnis zu erwecken, hatte sich Charlotte Stieglitz, die sinnlos heldenhafte Erscheinung einer gespannten Zeit, selbst den Tod gegeben. Unglücklich« persönliche Liebescrfahrungcn vcrwob Gutzkow mit diesem Ereignis. Wally, eine ursprünglich gläubige, einfach natürliche Frau, verliert sich unter den Wirkungen einer hoffnungslosen Liebe— zwei Menschen, die sich lieben und die sich doch, aus dem Fatum der Zerrissenheit, niemals angehören können, in Zweifel an dem überkommenen Christentum, zerfasert ihr seelisches Leben und macht endlich der dunklen Qual gewaltstmr ein Ende. Den Hauptinhalt des Romans bilden Religionsgespräche, wetzende Unterhaltungen über allerlei gesellschaftliche Fragen, auch über liierarische TageSersckeinungen. Das Ganze ist blutleer, eine sprunghaft erregte Aphorismcnsammlung, die heute ganz und gar nicht aufregend wirkt. Unmittelbar nach dem Erscheinen des Romans erhob der damals allmächtige Stuttgarter Literatnrpapst Wolfgang Menzel das blut- dürstige Henkerbeil. In zwei Artikeln denunzierte er Gutzkow, den- er einige Jahre vorher in der Literatur bewundernd eingeführt hatte. der Verbrechen der Gotteslästerung und der Unzucht. Menzel- witterte in dem heraufkommenden Schriftsiellergeschlecht die Zerstörung seiner Alleinherrschaft, und er schrieb seine Artikel zu dem ausgesprochenen Zweck, sich die gefährlichen Rivalen mit Hilfe der Staatsgewalt vom Halse zu schaffen. Im Verlauf der wcitgespon- neuen literarischen Fehde appellierte er direkt a» die preußische und bundesrätliche Polizei. Preußen ließ sich nicht lange bitten, eS konfiszierte Wally und erließ dann zuerst jenes Verbot aller früheren und zukünftigen Werke des jungen Deutschland, das dann vom Deutschen Bundestag verallgemeinert wurde. Das Ver- bot, das bis zum Jahre 1842 aufrechterhalten wurde, zerbrach die Existenz der Getroffenen. Außer Heine hat nur Karl Gutzkow Lich durch die Zeit der Verfolgung, wenn auch unter Schädigungen seiner geistigen Gesundheit, die später zur Katastrophe führten» mannhaft durchgerungen. Alle anderen krochen bald mehr oder Minder kläglich vor der Gewalt zu Kreuze. Wolfgang Menzels Kritik ist eine einzige unflätige Bordell- Phantasie. Fast zwei Dutzend Flugschriften erschienen für und wider Wally. Gutzkow selbst verteidigte sich tapfer und wirksam. Er hatte recht. Sein Roman ist weder gotteslästerlich noch unzüchtig, und als er vom Mannheimer �ofgericht zu vier Wochen Gefängnis perurteilt wurde, geschah es lediglich wegen„verächtlicher Darstellung des Glaubens der christlichen Religionsgcsellschaft". Vor allem ist der Vorwurf der Unzüchtigkeit geradezu lächerlich. Wenn man gegen Gutzkow einen Vorwurf erheben kann, so umgekehrt den, dast es dem Roman an jeder sinnlichen Wärme künstlerischer An- schauung fehlt. Eine einzige in wenigen Sätzen dargestellte Szene ikonnte überhaupt nur den Schnüfflern Gelegenheit zu ihrer Eni- rüstung geben, zu der übrigens Wolfgang Menzel nach seinen eigenen sexuellen Gepflogenheiten die geringste Berechtigung hatte. Es ,st die berühmt gewordene Szene, wo Wally sich dem ewig Unerreich- baren geistig vermählt, indem sie fich ihm nackt zeigt— die Nach- ahmung eines Bildes aus dem mittelalterlichen Titurell:„Sie steht ganz nackt, die hehre Gestalt, mit jungfräulich schwellenden Hüften, mit allen zarten Beugungen und Linien, die von der Brust bis zur Zehe hinuntergleiten. Und zum Zeichen, daß eine fromme Weihe die ganze Ueppigkeit dieser Situation heilige, blühen nirgends Rosen, sondern eine hohe Lilie sproht dicht an dem Leib Sigunes nan an ein Buch, das es unternimmt, dem Laien das wichtigste unserer Kenntnisse vom Leben des Meeres zu ver- Mitteln, besondere Ansorderungen stellen müssen. Eine Prüfung in dieser Hinsicht besteht das Werkchen„Tier- und Pflanzenleben des MeereS" des Leipziger Univer- sitätsprofcssors Dr. A. Nathanson(Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig. Preis geb. 1,25 M.) sehr gut. Die Klippen des Auökramens allzugroßer Gelehrsamkeit und der unfruchtbaren Aufzählungen allzuvieler wissenschaftlicher Namen, die einen großen Teil der populärwissenschaftlichen Literatur veröden, sind glücklich umgangen. Ueberall ist nur das wesentliche herausgehoben, dieses aber auch eingehend geschildert. So lesen sich die Kapitel, die unS über den Bau, die Anpassungen und die Verteilung der MeereS- wesen, über das Planklon und die Wanderungen der Seetiere unter« richten und unS über die Instrumente des Meeresforfchers Auf- schluß geben, auch für den Laien ohne jede Mühe, gefördert durch eine klare Darstellungsweise. Es sei gestattet, hier eine Tatsache aus dem Buche anzuführen, mit deren Hilfe der Verfasser nachweist, wie überaus langsam da? Wachstum der Schichten auf dem Grunde der Ozeane vor sich geht. Aus den Kalk- schalen kleiner Lebewesen bildet sich der weiße Tiefseeton des Meeres- grundeS, der in noch größeren Tiefen in den sogenannten rolen.Tief- seeton übergeht. Im Allantischen Ozean ist diese Schicht von einer un» geheuren Zahl von Haifischzähnen durchsetzt. Jeder Zug mit dem Schleppnetz bringt mit dem Schlamm eine Menge solcher Zähne ans Licht; der Boden des Meeres ist damit geradezu übersät.?iun sind aber diese Haifische keineswegs so häufig wie man daraus schließen möchte, und„das lehrt, wie unendlich viele Generationen daz» beitragen müssen, um nur eine dünne Schicht des Meeresbodens herzustellen. Ja, wir finden sogar dicht unter der Oberfläche Zähne, die Haifischen angehören, die heute nicht mehr existieren.... Und doch liegen über den Resten dieser Geschöpfe nur wenige Zentimeter Schlatnm: so langsam geht also die Bildung vor sich." Auf der Oberfläche der Erde aber ruhen ganze Gebirge, die auS solchen Tiefseetonen bestehen, also einst Meeresgrund bildeten! Auch an vielen anderen Stellen wirkt die Lektüre des reich illustrierten Bändchens anregend. O. Phiisiknlisches. Rätselhafte Bewegungen der Flüssig! e�ifen. Ueber diese merkwürdige Naturerscheinung schreibt Pros. Dr„ Dessau in der„Natur", dem Organ der Deutschen Naturwiss. Gesellschaft: Im Jahre 1827 machte der Botaniker Robert Brown die merk- würdige Entdeckung, daß feste Körnchen, die in einer Flüssigkeit ver« teilt und so klein sind, daß man sie eben unter dem Mikroskop wahr- nehmen kann, ungemein rasche, zitternde Bewegungen vollführen. Ein äußerer Antrieb für diese Bewegungen ist nicht zu erkennen; ruhe- und ziellos, wie von einer geheimen Gewalt angetrieben und durch ebenso geheimnisvolle Hindernisse jeden Augenblick zur Aende- rung ihrer Richtung gezwungen, irren die Teilchen in dem Tropfen, der für sie die Größe eines Meeres hat, hin und her; und wenn man durch zweckmäßige Einschließung die Verdunstung der Flüssig- keit verhindert, so bleiben die Bewegungen Wochen-, ja jahrelang in unveränderter Stärke bestehen. Sie sind, wie heute feststeht, eine Folge der Stöße, denen die von der Flüssigkeit umgebenen Teilchen von seilen der Flüssigkeitsmolekeln ausgesetzt sind. Allerdings sind ja die Bewegungen der Flüssigkcitsmolekeln selbst durchaus unregcl- mäßige und darum müssen Teilchen, deren Dimensionen im Ver- gleich mit denjenigen der Molekeln beträchtliche sind, in jedem Moment gleich viele und gleich starke Stöße, in irgendeiner Richtung wie in der gerade entgegengesetzten erleiden und können daher nach keiner Richtung in Bewegung geraten. Sinkt aber die Größe der Teilchen unter eine gewisse. Grenze, so daß immer nur eine be- schränkte Zahl von Molekeln gleichzeitig einem und demselben Teilchen begegnen, so kann es nicht ausbleiben, daß in einem ge- gebencn Moment die Energie der Stöße(denn nicht nur auf die Zahl und Masse der Molekeln sondern auch auf die Geschwindigkeit ihrer Bewegung, mit anderen Worten ans ihre Energie kommt es an) in einer bestimmten Richtung überwiegt, und dann muß sich das ge- stohene Teilchen in dieser Richtung in Bewegung setzen. Allerdings ändert sich schon unmittelbar darauf sowohl die Gesamtencrgie der Stöße, als auch die Richtung der überwiegenden Stärke derselben, aber dies bewirkte im allgemeinen keinen Stillstand, sondern nur beständige Aenderungen der Geschwindigkeit und Richtung des ge- stoßcncn Teilchens, also jenes unaufhörliche Zittern, wie es sich dem Beobachter darbietet. Berlin LW.