Mnttthaltungsblatt des Horwärts Nr. 53. Sonnabend den 18. März. 1911 (NaSdruil verloren.) 65] pcllc der Eroberer. Roman von Martin Andersen Nexö. 21. Pelle war beim Pastor gewesen. Jetzt fast er unten in der Gesindestube und verschlang sein Mittagessen: gekochten Hering und Grütze. Es war Sonnabend, und der Verwalter war zur Stadt gefahren, deswegen faß Erik hier unten in der Wärme.(St sagte nie etwas von selbst, hatte aber eine eigene Art, zu glotzem Seine Augen folgten Pelles Bewegungen ihm und her zwischen Mund und Teller. Die Augenbrauen zog er beständig in die Höhe, als sei ihm alles neu. Sie waren nahe daran, ihre Form vollständig zu verlieren. Vor ihm stand der Trinkkrug in einem großen See. Er trank von Zeit zu Zeit und verschüttete jedesmal etwas. Die blonde Marie stand an der Abwasche. Jeden Augen- blick guckte sie herein, um zu sehen, ob Pelle nicht bald fertig war. Als er den Hornlöffel ableckte und in die Schublade warf, kam sie mit etwas auf einein Teller herein— sie hatten oben zu Tisch Rippenbraten gehabt. .„Hier is ein kleiner Mund voll für Dich— Du bist gewiß noch hungrig," sagte sie.„Was krieg ich nu dafür?" Sie hielt den Teller in der Hand und stand da und lächelte ihn an. Pelle war noch sehr hungrig— einen förmlichen Heißhunger hatte er. Er saß da und sah den leckeren Bissen an, bis ihm das Wasser im Munde zusammenlief. Dann hielt er pflichtschuldigst den Mund hin und Marie küßte ihn. Sie sah uwvillkürlich verstohlen zu Erik hinüber. Es huschte ein Schimmer von etwas über sein dummes Gesicht— wie eine ferne Erinnerung. „Da sitzt der große Kerl und schlabbert'." sagte sie scheltend und riß ihm den Krug weg. Sie hielt ihn unter die Tischplatte und strich das verschüttete Bier mit der Hand wieder hinein. Pelle hieb in das Stück Rippenibraten ein und kehrte sich an nichts weiter. Aber sobald sie hinaus war, spie er nachdrücklich zwischen seine Beine und nahm eine kleine Reinigung mit dem Aermel seiner Bluse vor. Dann ging er in den Stall und reinigte Krippen. Lasse striegelte Kühe. Es sollte ein bißchen ordentlich aussehen zum Sonntag. Während der Arbeit erzählte Pelle ausführlich die Erlebnisse des Tages und wiederholte alles, was der Pastor gesagt hatte. Laste hörte aufmerksam zu und kam mit kleinen Ausrufen: Ach so!— Das ist doch des Teufels!— So'n Bock is David gewesen und doch wandelte er vor dem Antlitz des Herrn! Ja, Gottes Langmut is groß— das is sicher und gewiß! An der Außentür klopfte es. Es war eins von Kalles Kindern mit dem Bescheid, Großmutter wolle ihnen gern Adieu sagen», ehe sie heimgehe. „Dann macht sie es gewiß nich mehr lange," rief Lasse aus.„Es wird Kalles schwer ankommen, wenn sie sie her- geben müssen, so glücklich wie sie zusammen� gewesen sind. Aber ein bißchen mehr Esten is dann ja für die andern da, versteht sich." Sie beschlossen, erst alles fertig zu machen, ehe sie hin- gingen und sich dann heimlich wegschlichen. Wenn sie sich jetzt frei baten, bekamen sie sicher nicht wieder frei zum Begräbnis. ».Und das wird ein ganzer Festtag mit Essen und Trinken aus dem Vollen, wenn ich Bruder Kalle recht kenne," sagte Laste. Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren und Abendbrot gegessen hatten, schlichen sie durch die Außentür auf das Feld hinaus. Lasse hatte das Deckbett aufgewühlt und eine alte Pelzmütze so hingelegt, daß sie gerade am Kopfende hervor- guckte. Flüchtig gesehen, konnte sie sehr gut für das Haar eines Schlafenden gelten, wenn jemand kommen sollte, um nachzusehen. Als sie ein Stück Weges gekommen waren, mußte Lasse noch einmal wieder umkehren, hm wegen Feuersgefahr nachzusehen. Der Schnee fiel weich und still. Die Erde war gefroren, so daß sie geradenwegs über alles hinweggehen konnten. Jetzt, wo ihnen der Weg bekannt war, wurde er ihnen gar nicht so lang. Ehe man sich's versah, hatte das Ackerland ein Ende, und der Felsbodew Hub an. Es war Licht in der Stube. Kalle war auf und erwartete sie.„Nu geht es mit Großmutter zu Ende," sagte er so ernst- Haft, wie Lasse sich nie erinnerte, ihn gesehen zu haben. Kalle öffnete die Tür nach Großmutter» Stube und flüsterte etwas hinein. Seine Frau antwortete leise von da drinnen aus dem Dunkeln. „Ja, ich wache!" ertönte die Stimme der Alten langsam und eintönig.„Ihr könnt gern laut sprechen, ich schlaf nich." Lasse und Pelle zogen die ledernen Schuhe aus und traten auf Socken ein.„Guten Abend, Großmutter!" sagten sie beide feierlich.„Und Gottesfriede!" fügte Lasse hinzu. „Ja, hier lieg ich nu," sagte Großmutter und klopfte schwach auf das Federbett. Sie hatte große Fausthandschuhe an.„Ich war so frei, zu Euch zu schicken, denn nu Hab ich nich mehr lange noch. Wie sieht es im Kirchspiel aus? Sind da Todesfälle?" „Nee, nich daß ich wüßt'!" sagte Lasse.„Aber Ihr selbst, Großmutter, Ihr seht ja so gesund aus— so rot und rund! In zwei, drei Tagen seid Ihr gewiß wieder auf den Beinen� das sollt Ihr mal sehen!" „Ja, Ihr habt gut reden!" Die Alte lächelte nachsichtig. „Ich seh woll aus wie eine junge Braut, die zum erstenmal Kindbett abhält? Aber ich bedank mich, daß Ihr gekommen seid. Ihr gehört so mit dazu!-- Ja, nu is nach mir ge- schickt, und ich geh in Frieden davon. Ich Hab es wahrhaftig gut gehabt hier auf Erden, ich Hab nich zu klagen. Einen guten Mann Hab ich gehabt und eine gute Tochter— Kalle da nich zu vergessem Und meine Augen Hab ich wieder- gekriegt, so daß ich die Welt noch mal gesehen Hab." „Aber man bloß mit dem einen Aug'— so wie die Vögel, Großmutter!" sagte Kalle und versuchte zu lachen. „Ja, ja— sie war gut genug, auch so. Da war so viel Neues und Schönes hinzugekommen, seit ich mein Augenlicht verloren hatt'. Der Wald hatte sich ausgebreitet, und eine ganze Familie war herangewachsen, ohne daß ich es so recht wußte. Ach ja, es is schön gewesen, so alt zu werden und sie alle um sich zu haben— Kalle und Marie und die Kinder. Und alle meine Altersgenossen sind mir vorausgegangen. Es war schön, zu leben und zu sehen, was aus jedem einzelnen geworden is." „Wie alt seid Ihr jetzt eigentlich, Großmutter?" fragte Lasse. „Kalle hat es im Kirchenbuch nachgeschlagen: demnach soll ich ja an die achtzig sein. Aber das is woll nich richtig." „Ja woll is es richtig!" sagte Kalle. Der Pastor hat es selbst für mich nachgeschlagen." »Ja, ja— die Zeit is schnell vergangen, und ich möcht' gern noch ein bißchen leben, wenn es Gottes Wille wär'. Aber nu ruft das Grab, ich kann es an den Augenlidern merken." Das Atmen wurde der Alten etwas schtverer, aber der Mund stand ihr nicht still. „Mutter spricht wirklich zuviel!" sagte Marie. ..Ja, Ihr habt woll Verlangen, auszuruhen und zu schlafen," sagte Lasse.„Ob wir Euch nich lieber Adieu sagen?" „Nee, nu will ich Erlaubnis haben, zu plaudern. Es is ja das letztemal, daß ich Euch seh, und ich Hab dann Zeit germg, mich auszuruhen. Meine Augen sind so leicht geworden— Gott sei Lob und Dank, es is auch nich ein Schlafkörnchen darin." „Großmutter hat eine ganze Woche nich geschlafen, glaub ich," sagte Kalle bedenklich. „Nee, warum sollt' ich meine letzte Zeit woll verschlafen — wo ich doch nachher Zeit genug dazu Hab. Des Nachts, wenn Ihr schläft, lieg ichcha und horche auf die Atemzüge von jedem einzelnen— und freue mich über Eure Gesundheit. Oder auch, ich guck nach dem Heidestrauß hin und denke an Anders und all das Gute, was wir zusammen gehabt haben" Großmutter lag eine Weile schtveigend da und schöpfte Atem, während sie zu einem tvelken Heidekrautstrauß hinauf- starrte, der unter dem Balken hing. „Den hat er zusammen mit mir gebunden, das erstemal, als er unser Lager in der blühenden Heide machte. Er macht' die Heide so schrecklich gern. Anders, und jedes Jahr nahm er mich aus Sem Schlaf heraus und führte mich da hinaus, wenn sie blühte, bis Zu allerletzt, bis er abgerufen wurd'. Ich war ihm immer neu, wie an dem ersten Tag. Darum haben das Glück und die Freude awch beständig Wohnung in mir ge- nommen. Kein Kleid konnte über meiner Brust zusammen- halten, so fröhlich atmete ich, und die Bänder an meiner Schürze riß er vor Freude an mir mitten durch." „Nu sollt' Mutter lieber still sein nich so viel von so was reden!" sagte Marie und glättete verschämt das Kopfkissen der Alten. Wer Großmutter ließ sich nicht halten. Ihre Gedanken verwirrten sich nur ein wenig. „Ja, ja, die Zähne Hab ich schwer gekriegt und auch schwer wieder verloren. Meine Kinder Hab ich mit Schmerzen ge- boren und sie mit Gram ins Grab gelegt— das eine wie das andere. Aber sonst hat mir nie was gefehlt, und einen guten Manu Hab ich gehabt. Er hatt' offene Augen für Gottes Schöpfungswerk, und wir standen an Sommermorgenden mit den Vögeln auf. Dann gingen wir zusammen auf die Heide hinaus und sahen, wie die Sonne so wunderbar aus dem Meere aufstieg, ehe wir an unser Tagewerk gingen." Großmutters schwer wandernde Stimme verstummte, es war, als wenn ein Lied in ihren Ohren zu klingen aufhörte. Sie richtete sich auf und holte tief Luft.„Ach ja, die Stimme der Erinnerung is schön!" sagte Lasse. „Wie is das eigentlich damit. Lasse, ich hör'. Du siehst Dich nach einer Frau um?" fragte die Alte plötzlich. lFortsetzung folgt.), Die JVIärztac{c* Von Karl Gutzkow. Im Herbst des Jahres 1843 veröffentlichte Karl Gutzkow eine Schrift:„Deutschland am Vorabend seines Falles oder seiner Größe". Der bürgerliche Radikalismus entfaltet in diesen revolutionären Blättern zugleich seine Bedeutung und seine Be- schränktheit. Einige Blätter seiner alten Schrift— die Schilderung der Berliner Märztage— hat Gutzkow später seinen Lebenserinnerungen(„Rückblicke") ein- verleibt, die jetzt auch in die neueren Auswahlausgaben aufgenommen sind. So wenig man dieser Erneuerung auch den Vorwurf machen darf, daß die ursprüngliche revolutionäre Tendenz abgeschwächt sei, so sind doch gerade die uns besonders interessierenden Bemerkungen über die Klassengegensätze der revolutionären Bewe- gung und die Aktion der Arbeiter in den„Rückblicken" fortgefallen; in den nachstehenden Auszügen werden sie— wohl zum erstenmal seit 1848— unverändert und unverkürzt reproduziert. Der Sozialismus. Der Sozialismus wird mit der zunehmenden Bildung der unteren Volksklassen eher zu- als abnehmen, aber er wird mit dieser Bildung, wenn es eine wahre ist, auch anfangen, minder gefährlich zu werden. Den Menschen der Quelle der Natur näher zu führen, die Zäune wegzureißen, die den Hungernden von einem Obstbaume trennen, das ist ein so furchtbarer, keilförmig andrängender Trieb der Menschheit, daß ihm mit Kartätschen nur momentaner Wider- stand geleistet wird.... Dauernd ist die Frage nicht abzuweisen. Sie wird immer wieder auftauchen, immer wieder das Schreckens- gespenst des Besitzes werden, so lange, bis nicht etwa das Eigentum gefallen ist, sondern das Privilegium des Eigentums. Mit einer tüchtigen Volksschule, einer gereinigten, allgemein freigegebenen Religion und einer aufrichtigen Demokratisierung des Staates werden die sozialistischen Forderungen nicht mehr in so bedrohliche Extreme ausarten, wie es notwendig bei Religionsformen sein mutz, ldie den Kern des Volkes unberührt lassen.... Die Güterteilung des IS. Jahrhunderts wird aufgehen... in etwas Höherem. Die gewünschte Beseitigung der Gefahr schließt dabei nicht aus, daß alles, was zur Abhilfe der ungleichen Verteilung der Lebensgüter geschehen kann, wirklich versucht werde. Berlin vor dem 13. März. Man gedachte ganz Europa zu zeigen, wie Preußen und Ruß- lond mit solchen Bewegungen der Widerspenstigkeit, der schon drei- mal in Frankreich ein Thron erlegen lvar, umzuspringen wisse und wie man hier von oben her„seine Schuldigkeit" täte, die man in Paris und überall vernachlässigt hätte.... Aber die Truppen- entWickelung hatte die ganze Stadt aus ihrem alten Vegetations- schlafe aufgeschreckt.... Nun kam auch die Kunde, daß hier und da ein Stein geflogen, ein Säbelhieb tödlich gewesen war; der ruhige Beobachter überzeugte sich bald, daß die Soldaten, dieser ■nächtlichen Promenade überdrüssig, erbittert und von ihren adeligen Führern fanatisiert wurden. Wenn einige fünf oder sechs Menschen zusammentraten, die sich eine neue Nachricht mitteilten, sprengte «n Nu ein Dutzend Kavalleristen heran und trennte sie mit einer Heftigkeit, die die immer zunehmende förmliche Kampflust dieser Leute verriet. Auf ein Spottwort, auf einem einzigen, aus einem Menschenhaufen fliegenden Stein, ließ man ein ganzes Peloton- feuer geben.... Berlin hätte ganz ruhig bleiben können und wär es seiner alten Natur auch geblieben, wenn man es zu Gewalttätig- leiten von oben her nicht gezwungen hätte.... Die beleidigte An- maßung des Polizei- und Militärstandes ruhte nicht eher, bis nicht die neue Freiheit auch einen neuen, tief gefurchten Boden erhielt und diesen mit Blut düngte.... Der Zustand, der sich wie von selbst machte, wurde unerträglich. Sein Haus des abends zu finden, war mit Gefahr verbunden. Man konnte einer ergrimmt in der ganzen Breite der Straße anrückenden Truppenkolonne begegnen und fand nach polizeilicher Vorschrift alle Haustüren verschlossen, um sich zu bergen. Wem noch möglich wurde, sich an die Häuser- wand zu drücken, konnte froh sein, mit einem barschen:„Scheren Sie sich nach Hausei" davon zu kommen. Ueberhaupt entwickelte sich in dieser Woche der ganze schöne Kern der deutschen Umgangs- spräche und des offiziellen Stils. Das Volk in Bewegung. Die Menschen waren seit Montag gereizt, sie wollten sich nicht mehr aus-, nicht mehr einreden lassen. Ihr Herz war voll Kummer. Alle verhaltenen langjährigen Empfindungen der Unterdrückung kamen zum Ausdruck. Sie hörten von Freiheit, von gestürzten Königen, fallenden Ministern und die alte bekannte Brutalität der Polizei, der Gendarmen, die Arroganz der Offiziere, die blind draufzufahrende Rohheit der in Un formen gesteckten Bauernjungen hörte nicht auf.... Wie ich Gesellen, Kleinbürger, Frauen so rennen, mit zornglühenden Mienen gen Himmel um Rache rufen hörte, wie ich sah, wie sich den Menschen das Weiße im Auge ver- kehrte und ihr Geschrei: Waffen! Waffen! Man verrät uns! zwar dem Wortlaute nach eine Reminiszenz der neuesten Lektüre aus der Vossischen Zeitung war, aber die Vorstellung, die man damit ver- band, weckt die ganze sich endlich lösende Last des polizeilichen Re- gimentes seit 181S, da fühlte ich, wenn hier ein äußeres Mitzv�- ständnis stattfand, ein inneres war es nicht. Es sollte einmal zu- fammenbrechen, diese alte Herrschaft des roten Kragens, es sollte einmal eine Bevölkerung aus ihrer faselnden und nur witzelnden Unbedeutsamkeit, aus ihrer anerzogenen Knechtschaft und Polizei- furcht sich erheben. Die alte Frau, die in der Breiten Straße den Fliehenden zurief: Feiglinge steht! der junge, glühend exaltierte Gesell, der an der Brücke bei der Neumannsgasse aus einer Trödel- bude mit einem alten Säbel gerannt kam und mit bloßem Kops durch die Straßen lief und zum Kampf aufforderte, der kleine Handwerker, der vor mir lief und mit starrem Auge, wie geistes- abwesend, immer mit Zähneknirschen vor sich murmelte: Nun muß er dran! alle diese Menschen waren weder Emissäre noch Wühler, noch irgend etwas anderes, als beim ersten Anblick geradezu Opfer des Todes, dem sie sich selbst zu weihen entschlossen schienen. Es war das einfache verletzte Menschenrecht, das beleidigte gute Bürger- gefühl, was sie zu Politikern machte. Die Niederwerfung der Armee. " Der Militärstand mußte fühlen lernen, daß man sich nicht mehr in Stein verwandeln läßt, wenn uns sein starres Gorgonenhaupt anblickt. Der moralische Kredit der Armee, den das Volk, wenn es gegen den Feind geht, schon wieder heben wird, mußte in seiner falschen sittlichen Bedeutung, in seiner Stellung zum inneren Staate, ihr entzogen werden. Diese Armee mußte aufhören, der Sitz, die Rücklehne des Absolutismus, das Spielzeug und die Nahrungsquelle eines anmaßenden Adeltums, der Schlupfwinkel einer geheimen, schleichenden Reaktion zu sein. Der Grund der neuen preußischen Verfassung lag nicht auf dem Boden eines königlichen Tintenfasses. Er wurde dahin gelegt, wo man drei Tage darauf zweihundertfünfzig Leichen versenkte, die Schatten des Friedrichshaines. Die Arbeiter des 13. März. Man sah in der Tat fast nur die zerrissenen Kleider der Ar- beiter, die plötzlich wie durch einen Zauber ein Etwas bekommen hatten, was man in diesem Gewände sonst nie anerkannte. Die Choräle, die sie im Schloßhofe bei den Leichen anstimmten, die Spuren des nächtlichen Kampfes, den sie gewagt hatten, die zer- rissenen Kleider der unglücklichen Toten selbst, schufen plötzlich eine Emanzipation der untersten Volksmassen, die nun auch durch Hal- tung, Gefühl und Aeußerungen überraschten. Zu diesen Arbeitern sprach man denn vom Schloß herab, oder, emporgetragen auf den Schultern der Masse, vom vereinigten Landtage! Welch ein Unsinn! Wuterfüllt wandten sie sich ab, weil das keine Ant- wort auf ihren Schmerz war. � Bourgeois und Bürgerwehr. Diese neue Schöpfung(der Bürgerwehr) schien sehr bald eine Waffe, die mehr gegen, als für die Freiheit geschmiedet war.„Das Eigentum ist bedroht!" Unter diesem Bannerspruch versammelten sich die wohlhabenden Bürger, die in diesen Schreckenstagen sich verborgen gehalten hatten, die Beamten, Pensionärs,»ie alten „Kameraden" aus den Befreiungskriegen. Es schien weit mehr die Angst, als die Begeisterung hier bcftiedigt zu sein... Die reichen Kaufleute und Hoflieferanten, die man ihrer Muße, ihres sicheren Auftretens und ihrer stattlichen Figuren wegen zu Hauptleuten ge- wählt hatte, flößten dem Institut anfangs einen Geist ein, der bei den Offizieren der Garde nicht ärger sein konnte. Auf Klubs und fcelannte politische Persönlichleiten hetzte man förmliche Mord- anfalle. Gerade der neuen Freiheit und ihren Verfechtern gab man dem stockenden Verkehr Schuld. Der alte Satz, jeder Preuße hätte in sich seinen geborenen Gendarmen, er- lebte höchst klägliche Beweise. Doch von unten her erwuchs diesem Geist der Unterdrückung und der altpreutzischen Servilität ein ge- fährlicher Gegner, innerhalb des Instituts selbst. » Die Reaktion. Die Reaktion, dieses furchtbare Ungetüm, das sich in den Pro- vinzen erhob, ist ein Werk Camphausens. Der weichliche, blöde, bürgerliche Politiker hatte dem Adel in die Hände gearbeitet. Der 19. März war vergessen, ausgestrichen aus dem Kalender des Staats. Die Erhebung des Volkes war wieder eine Empörung ge- worden, die Barrikadenkämpfer hießen Taugenichtse, die letzten Bewilligungen des Throns, Bürgerwehr und allgemeines Wahlrecht, wurden dargestellt als erzwungene, nur dem Berliner Pöbel ge- machte Fiiaeitändnisse. » Die Anarchisten. Galt es doch nur eins zu bekämpfen, die»Anarchisten". Die Anarchisten waren aber gerade nur die Beamten, die man abzusetzen nickt den Mut hatte, die Rittergutsbesitzer, die sich vor dem neuen Steuersystem fürchteten, die militärischen Pensionärs, die, zum so- genannten Fahnenadel gehörend, mit Vater, Kind und Kindeskind schon seit hundert Jahren von den Revenuen des Staates und wie oft aus der Schatulle des Königs allein lebten, diejenigen Gewerbs- leute, die das Stocken, ihrer Geschäfte der Revolution und dem sich „gekränkt fühlenden Adel" zuschrieben. Die?reußischeDynastie. Das Band der Preußen an ihr Fürstenhaus ist längst gelockert. Nirgends ein Haupt in dieser Dynastie, auf das es noch mit voller glücklicher Befriedigung blickt... Während andere deutsche Völker hier und da Fürsten besitzen, die sich die Liebe des ganzen deutschen Volkes zu erwerben wußten, ist diese preußische Dynastie so un- populär.... Um diese Dynastie verliert Preußen eine große ge- schichtliche Misskm für das deutsche Vaterland. Erträgt das ein Volk? Wird es dies selbst dann noch ertragen, wenn es sich gestehen muß, diese Prinzen nehmen keine Lehre an, ihr Bund mit Ruß- land, mit der Aristokratie, mit dem alten Militärgeiste ist unauf- löslich und wir leben auf einer Mine des Verrats, die in jedem Augenblicke springen könne? Soziale Ideen. Die Mogiichleit einer neuen Form unserer Vergesellschaftung ist an und für sich nicht abzuschneiden.... Der Staat, von den Psingstzweigen der Liebe geschmückt, wird schon selbst den Winter- lichcn Stubendunst des Egoismus verlieren. Wird das Unrecht auf den Thronen verfolgt, sollte es sich da in den Speichern der In- dustrie, in den Kontoren des Handels erhalten? Das Gelt/ist eine ungeheure Macht, aber zu großem Widerstande bedarf es einer mo- ralischen Anlehnung, und diese gibt der Besitz des Geldes nicht. Der Reiche wird seine Rechte immer nur vom Zufall herzuleiten wagen und niemals ehrwürdig erscheinen, was selbst den verjährten Despotismus der politischen Macht nicht selten möglich gewesen ist. ... Der sicherste Weg, die Anarchie zu bekämpfen, den Geist der Unruhe aus den Städten, die Auflehnung gegen die Gesetze vom flachen Lande zu bannen, liegt nur in dem ehrlichen Bündnisse der Regierungsgewalt mit der friedlichen Revolutionspartei.... Es ist nicht mehr bloß die Erfüllung gewisser allgemeiner Freiheiten, um die es sich allein noch im deutschen Volksleben handelt, sondern unendlich mehr der Trieb nach Organisation, nach neuer und um- fassender Staatsbildung, der befriedigt sein will. I�inokritik. ii. Am letzten Sonnabend, den 11. März, tagte im Reichstags« gebäude die Versammlung mit dem fast amtlich langen Namen: Konferenz über die Nutzbarmachung des K i n e- matographen für BildungSzwecke. Amtlich war sie auch insofern, als Vertreter besonders der Schulbehörden aus ver- schiedenen Teilen Deutschlands, ja sogar des Auslandes und auch des Berliner Polizeipräsidiums unter den Anwesenden nicht nur „bemerkt", sondern gehört wurden. Man tagte mit amtlicher Gründlichkeit von ßszl Uhr nachmittags bis über die Tages- stunden hinaus, man slimmre sogar einen nach zweistündigem Reden und Anhören gestellten Antrag auf Eintritt einer Pause von zehn Minuten nieder und kain trotz alledem zu keinem anderen Resultat, als daß man nach achr Uhr abends mit roten Köpfen un- einig auseinanderging. Die völlig allgemein gehaltene, im fast leeren Saal gefaßte Resolution, die den vorbereitenden Ausschuß