NnterhattungsSlatt des'Dorwarts Nr. 53. Donnerstag den 23. März. lSI» (J!a&uua cuiotes.2 68] pelle der Gröberer. Roman von Martin Andersen Nexö. Fries hatte so lange davon geredet, daß er abgehen wollte, setzt begriff er auch das nicht mehr. Zur bestimmten Zeit schnxinkte er zur Schule und von der'Schule wieder nach Hause— und wußte wohl auch davon nichts. Ihn geradezu abzusetzen, das kannte man nicht übers Herz bringen. Mit Ausnahme der Gesänge, die ein wenig zu kurz kamen, war auch eigentlich als Lehrer nichts über ihn zu sagen. Bisher war noch kein Junge aus seiner Schule abgegangen, der nicht sowohl seinen Namen schreiben, als mich ein gedrucktes Buch lesen konnte, wenn es mit der alten Schrift gedruckt war. Den modernen Druck mit lateinischen Bnchstaben lehrte Fris nicht, obwohl er in seiner Jugend Latein gelernt hatte. Fris selber spürte Wohl kaum die Veränderung, er hatte aufgehört, zu fühlen— für sich selbst wie auch für andere. Niemand kam mehr mit seinen menschlichen Sorgen zu ihm und fand Trost bei einer mitfühlenden Seele— seine Seele war nicht zu Hause. Sie schwebte außerhalb seines Körpers, halbwegs losgerissen, so wie ein Vogel, dem es schwer wird, sein altes Nest zu Verlasien, um die unbekannte lange Reise anzutreten. Diesem Flattern der Seele folgten wohl seine Augen be- ständig, während sie matt in ihren Höhlen standen und sich bewegten, dem leeren Räume zugewandt. Aber die jungen Leute, die iits Dorf zurückkamen, um zu überwintern, und Fris als alten Freund aufsuchten, spürten die Veränderung. Für sie mar daheim ein leerer Platz entstanden; sie vermißten den alten Brummbär, der sie alle durch die Bank haßte, solange sie in der Schule saßen!— um sie dann später alle mit gleicher Liebe zu umfassen, gute wie schlechte, und von einem Jeden von ihnen ein drolliges: er war mein bester Junge! zu sagen. Die Kinder machton früh Pause und stürzten hinaus, noch che Pelle das Zeichen gegeben hatte. Fris trippelte seinen gewohnheitsgemäßen Gang nach dem Dorf, um die gewohnten zwei Stunden wegzubleiben. Die Mädchen stellten sich an den kleinen Häusern auf und verzehrten ihr Butterbrot, die Knaben wirbelten wie losgelassene Vögel auf dem Platz herum. Pelle war wütend über die Auffässigkeit und sann über ein Mittel nach, wie er sich in Respekt setzen könne. Er hatte heute die anderen großen Jungen gegen sich gehabt. Er fuhr über den Platz wie eine kreisende Möve, den Körper schräg vornübergebeugt, die Anne ausgespreizt wie ein Fliigelpaar. Die meisten machten ihm genügend Platz, wer nicht srei- tmllig aus dem Weg ging, mußte dennoch weichen. Die Stellung war bedroht, und er hielt sich in unablässiger Be- wcgring, als wollte er die Frage in der Schwebe halten, bis sich eine Möglichkeit Zeigte, niederzustoßen. So ging es eine Weile weiter. Er stieß einige und schlug im Laufen gegen andere, während sich ein zorniges Macht- gefühl in ihm regte. Er wollte sie alle zu Feinden haben. An der Kletterstange fingen sie an, sich zusammenzurotten, und plötzlich hatte er die ganze Schar über sich. Er versuchte, sich aufzurichten und sie alle abzuschütteln, so daß sie hierhin und dorthin flogen, vermochte es aber nicht. Und die Knöchel drangen von oben herab durch den Haufen und trafen ihn, so daß es brannte. Er arbeitete unverdrossen, aber es wollte nichts Rechtes werden, bis er seine Gutmütigkeit aufgab und zu den weniger feinen Mitteln yriff: er bohrte seine Finger in die Augen, in den, Mund, in die Kehle und wohin er kommen konnte. Dann bekam er Lust und konnte sich aufrichten und einen letzten kleinen Burschen über den Platz schleudern. Pelle war arg zerschunden und ganz außer Atem. Aber er war froh. Tie ganze Schar stand da, sperrte Mund und Augen auf und ließ ihn sich ruhig abbürsten— er war der Sieger. Er ging mit seiner zerrissenen Bluse zu den Mädchen hinüber, und die hefteten sie mit Stecknadeln zusammen, und gaben ihm Näschereien. Zum Dank dafür knotete er zwei von ihnen mit den Zöpfen aneinander. Sie kreischten und ließen ihn gewähren, ohne böse zu werden. Und das Ganzs war so, wie es sein sollte. Aber ganz sicher war er seines Sieges nicht. Er konnte nicht, wie Henrik Bödker seinerzeit, gleich nach einer Prügelei quer durch die ganze Schar gehen, die Hände in den Hosen» taschen, und so tun, als existierten sie gar nicht. Er mußte von Zeit zu Zeit nach ihnen hinüberschielen, während er an den Strand hinabfchlenderte und mit aller Macht bemüht war, seine Atemzüge wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Nächst dem Weinen war die größte Schande, die einen treffen konnte, wenn man außer Atem geriet. Pelle ging an den Strand hinab und bereute, daß er nicht gleich wieder auf sie losgesprungen war, während der Drauf- losgehemut noch in ihm war. Jetzt war es zu spät. Dann würde es vielleicht auch von ihm geheißen haben, daß er die ganze übrige Klasse zusammen verprügeln könne. Jetzt mußte er sich damit begnügen, der stärkste Junge in der Schule zu sein. Ein wildes Kriegsgeheul von oben von der Schule her machte ihn zusammenzucken. Die ganze Schar kam hinter dem Giebel heraus mit Stöcken und Holzscheiten in den Händen. Pelle wußte, was auf dem Spiel stand, wenn er entfloh. Er zwang sich, ruhig abwartend stehenzubleiben, obwohl es ihm in den Beinen zuckte. Aber plötzlich stürzten sie in wilder Eile auf ihn los, und er wandte sich mit einem Sprung zur Flucht. Da lag das Meer vor ihm und ver- sperrte ihm den Weg, dicht bepackt mit schaukelndem Eis. Er lief auf eine Eisscholle hinaus, sprang von da auf die nächste, die nicht so groß war, das sie ihn tragen konnte— mußte weiter. Die Flucht war ihm in die Glieder gefahren und ge- staltete die Angst vor dem, was hinter ihm lag, übermächtig groß. Unter ihm gaben die Eisschollen nach; er mußte von einer Scholle auf die andere springen. �Die Füße gingen unter ihm wie die Finger auf den Tasten. Er hatte noch so viel Besinnung, daß er die Richtung geradeswegs auf die Hafenmole zu einschlug. Drinnen am Strande standen die andern und sperrten Mund und Augen auf, während Pelle auf dem Wasser tanzte wie ein Stein, der die Fläche nur von Zeit zu Zeit streift. Die Eisschollen tauchten unter, sobald er sie nur berührte, oder sie legten sich aus die hohe Kante. Aber Pelle kam und glitt vorüber wie ein Anschlag, warf sich blitz- schnell nach der Seite hinüber, griff ändernd, mitten im Sprunge ein, wie eine Katze. Es war wie ein Tanz auf glühen- dem Eisen, so schnell zog er seine, Fuß wieder zurück, brachte ihn an einer neuen Stelle an und hatte ihn auch schon wieder weggenommen. Von den Eisschollen, die er berührte, spritzte das Wasser schimmernd und quatschend auf, und hinter ihm lag ein krummer Streifen von Unruhe bis zu der Stelle, wo die Jungen standen und den Atem anhielten. Es gab keinen zweiten wie Pelle. Niemand hätte ihm das da nachmachen können. Als er sich in einem letzten Sprung auf dem Bauch über die Mole warf, riefen sie hurra für ihn. Pelle hatte in seiner Flucht gesiegt! Ermattet und keuchend lag er auf der Mole und starrte stumpfsinnig zu einer Brieg hinüber, die vor dem Dorf vor Anker gegangen war. Ein Boot kam hineingerudert, vielleicht mit einem Kranken, der abgesondert werden sollte. Das arg mitgenommene Aeußere des Schisses erzählte, daß es auf der Winterreise ausgervcjen war in Eis und schwerer See. Die Fischer kamen aus den Hütten heraus und schlenderten auf die Stelle zn, wo das Boot anlegen mußte. Alle Schulkinder kamen gezogen. Auf der Achterbank des Bootes saß ein älterer, wettergebräunter Mann mit einem Kranzbart. Er war in blauem Anzug; vor ihm stand eine Schifssklste.„DgI is ja Bootsmann Olsen!" hörte Peter einen Fischer sagen. Dann stieg der Mann an Land und reichte die Hand rund hm»,!. Die Fischer und die Schulkinder bildeten einen dichten Kreis um ihn. Pelle schlug den Weg nach oben hinauf ein. Er schlich sich hinter Booten und Schuppen dahin. Sobald er von dem Schulhaufe gedeckt war, jagte er in schnellem Lauf gerades» Wegs über die Felder auf Ctengaarden zu. Der Gram brannte bitter in seiner Kehle, die Schande veranlaßte ihn, einen großen Bogen um Häuser und Menschen zu machen. Das Paket, das er am Morgen nicht hatte abliefern können, war gleichsam ein offenbarer Zeuge seiner Schande für alle. Cr warf es während des Laufens in eine Mergelgrube. In den Hof hinein wollte er nicht, er donnerte an die Außentür des Stalles.„Kommst Du schon nach Hause?" rief Lasse ersteut aus. „Nu— nu is Madam Olsen ihr Mann wiedergekommen!" stöhnte Pelle und ging an dem Vater vorüber, ohne ihn an- zusehen. Lasse war es, als zerspringe die ganze Welt und als bohrten die Splitter sich ihm ins Fleisch. Alles schlug ihm fehl. Er ging umher und zitterte, griff alles verkehrt an. Sprechen konnte er nicht, das Uhrwerk war stehengeblieben. Cr hatte einen Strick- in die Hand genommen und ging auf und nieder, hin und her und sah dabei in die Luft hinauf. „Da trat Pelle zu ihm heran.„Was willst Du mit dem Strick?" fragte er barsch. Lasse ließ den Strick aus der Hand fallen und sing an zu jammern, so traurig und armselig war das Leben. Man ver- Cot eine Feder und dann noch eine Feder. Schließlich stand man als Vogel ohne Federn im Dreck— alt und abgetan, ohne jede Hoffnung auf ein sorgenloses Alter. So fuhr er fort, halblaut vor sich hin zu jammern, und die Klage verschaffte ihm Linderung. lFortsetzung folgt.Zj (Nachdruck verdaten.) tTulpcnnarrbcit im XVII. j(abr- bundert. Bon Dr. Alfred Siegbert(Friedenau). Wohl eins der interessantesten Ereignisse in der Geschichte unserer Zierpflanzen bildet jene Tnlipomanie, wie man die hollän« dische Tulpenbegeisterung genannt hat, die wie ein Taumel in den Jahren 1ö34 bis 1637 die ganze Bevölkerung des Landes erfaßt hatte. Einem Kaufmann in Antwerpen war von einem Geschäfts« freund in Konstantinopel mit einer Sendung Baumwolle eine An» zahl Tulpenzwiebel geschickt worden. Der Kaufmann, der von der Bestimmung der Knollen keine Ahnung hatte, ließ fich einige mit Essig und Oel als Salat zubereiten, andere setzte er zwischen Kohlstaudcn in seinen Garten, wo sie verkamen. Nur einige waren unter den Küchengemüsen aufbewahrt worden und zu« fällig dem Kaufmann Georg Rye aus Mecheln, einem eifrigen Blumenfreund, in die Hände geraten, der den Fremdlingen eine bessere Pflege angedeihen ließ und dafür bald mit herrlichen Blüten belohnt wurde. Aus kleinen Anfängen heraus entwickelte sich nun in Holland zur Zeit, da in Deutschland der dreißigjährige Krieg wütete, jener berühmte Tulpenschwindel, den man in gewifler Beziehung mit unserem heutigen Briefmarkenhandel vergleichen darf. Anfangs war der Handel durchaus ehrlich. Die Züchter von Blumenzwiebeln, deren Erfolge in Holland, begünstigt durch Boden und Klima, noch heute unerreicht dastehen, erwarben wertvolle neue Sorten zur Vermehrung und Weiterverbreitung zu beträchtlichen Preisen, die aber mit Rücksicht auf die herrschende Moderichtung durchaus gerechtfertigt waren. Bald aber bemächtigten fich wagelustige Kapitalisten im Verein mit inter« nationalen Schwindlern des Tulpenhandels, der nun ganz geschäfts- und börsenmäßig betrieben wurde. Die auf den Handelsplätzen er- scheinenden Leute waren weder Tulpenzüchter noch Gärtner? aber ebensowenig waren die meisten Käufer etwa begeisterte Blumen- freunde, die um jeden Preis eine seltene Pflanze erstehen wollten. Es handelte sich dabei um ein reines Spekulationsgeschäft, an dem fich die ganze Bevölkerung aufs lebhafteste zu beteiligen� suchte. Alles kaufte und verkaufte Tulpenzwiebel, weil sie eben gesucht waren und die Nachfrage immer höhere Preise veranlaßte. Der holländische Handelsstand, sagt ein Berichterstatter jener Zeit, sah in diesem eigentümlichen Blumenhandel eine neue, unversiegbare Ein- nahmcquelle des Landes. Zwar ließen im Anfange die Harlemer ihre Tulpenzwiebel aus Ryssel, dem damaligen französischen Flandern, kommen, wo die Geistlichen sich zuerst mit der Tulpen- kultur beschäftigten. Bald wurden die Franzoien in der Kultur überholt, und die Harlemer fanden in ihrer Erdmischung einen besonders günstigen Boden. Nach einer alten holländischen Schrift wurden Edellente, Kaufleute, Handwerker, Schiffer, Bauern, Torf- träger, Schornsteinfeger, Knechte, Mägde und kurz alles von der Tulpcnleideuschaft ergriffen. In allen Städten waren Wirts- Häuser, die statt der Börse dienten, in denen Vornehme und Geringe um Tulpen handelten und die Kontrakte mit großen Trakta- menten bestätigten. Sie hatten ihre eigenen besetze, Notare und Schreiber. Tulpen waren so eifrig gesucht wie 1856 Kreditaktien in Deutschland, heißt eS in dem Buche„Ge- schichte der Handelskrisen", und in der Tat war die Tulpe dasselbe, was heute eine Aktie vorstellt. Geschäfte wurden abgeschlossen aus die Lieferung gewisser Tulpenzwiebeln, und wenn, wie es vorkam. nur zwei Stück auf dem Markte waren, so wurden Land, Pferde, Ochsen, Hab und Gut verkauft, unr die Differenz zn zahlen. Kontrakte wurden abgeschlossen und Tausende von Gulden für' Tulpen bezahlt, die weder die Makler noch Käufer oder Verkäufer gesehen hatten..Die Rose, die Königin der Blumen, wird mißachtet� klagt der holländische Humanist SchreveliuS in seiner Beschreibung von Haarlem,.die Tulpe dagegen um so mehr überschätzt die Nachwelt wird unsere Verirrungen kaum glaublich finden." Am tollsten steigerte fich die Manie für Tulpen in Amsterdam, Utrecht, Haarlem und einigen anderen Städten; in Haarlem gerade in der Zeit, da die Pest am furchtbarsten wütete. Manche Angaben mögen übertrieben sein, aber auch die wohl beglaubigten lesen sich heutzutage wie lächerliche Uebertreibungen..Die Stadtkammer- register von Alkmaar bezeugen, daß im Jahre 1637 hundertzwanzig Tulpen zugunsten des Waisenhauses um 90 OOO Gulden versteigert wurden." Der Botaniker Munting zog aus den Handelsregistern einige Preise für Tulpenzwiebeln aus, von denen nur die für die Spielart Viceroi erwähnt sei. Es wurden für eine Zwiebel zwei Lasten Weizen, vier Lasten Roggen, vier fette Ochsen, acht fette Schweine, zwölf fette Schafe, zwölf Oxhof Wein, vier Tonnen Bier, zwei Tonnen Butter, zehn Zentner Käse, ein vollständiges Bett, ein Kleid und ein silberner Becher, alle? im Gesamtwerte von 2600 Gulden verschrieben. Die Spielart Semper Augustus weiß mit Lackrot aus einem blauen Grunde bis zum Rand fein und eben- mäßig geflammt, kostete 2- bis 5000 Gulden; etwas niedriger im Preis standen die Spielarten Admiral van Eyck, Admiral Liefken, Schilder und andere. Für eine Zwiebel wurden einmal, wie Münsing erzählt, 4600 Gulden verschrieben, und da sich der Ver- käufer damit noch nicht begnügte, gab der Käufer eine neue, mit zwei Apfelschimmeln bespannte Kutsche dazu. War man in den Wirts- Häusern, wo sich Käufer und Verkäufer drängten, einig geworden, hatte man Verttäge von Lieferungen auf Zeit abgeschlossen, so wurden sie mit luxuriösen Festen gefeiert. Alle Stoffe mußten da- mals, wie die berühmten Brabanter Spitzen mit Tulpenmustern versehen sein, wenn man ungewöhnlich hohe Preise erzielen wollte. Auch in den Werken der holländischen Maler des 17. Jahrhunderts offenbarte sich die Tulipomanie. Der sonst nüchterne, prosaische Holländer hegte damals die Ueberzeugung, daß der Tulpen- Handel niemals aufhören könne, daß ganz Europa sich mehr und mehr daran beteiligen und daraus die Millionen Holland zufallen müßten, das dadurch zu einem Lande mit einer nie versiegenden Geldquell» werden würde. Mancherlei Anekdoten sind aus jenen Tagen überliefert. So hatte unter anderem ein Amsterdamer Kaufmann eine Tulpenzwiebel um 500 Gulden gekauft. Noch lag der unscheinbare Schatz auf dem Tisch, als ein Matrose in? Zimmer trat und eine Bestellung über- brachte. Der Kaustnann ließ ihm eine Kanne Bier und einen Hering vorsetzen und unbemerkt griff der Matrose nach der Zwiebel, schälte und aß sie— ein Frühstück, das dem Kaufmann mehr kostete, als wenn er den Prinzen von Oranien bewirtet hätte. Einem jungen Manne kam da? Abhäuten einer Zwiebel teuer zu stehen. Er war mit anderen in einen Blumenladen getreten und hatte dort auf dem Ladentisch eine Zwiebel liegen sehen. Er nahm sie auf und entfernte zum Zeitvertreib eine Schale nach der anderen. um schließlich auch den weißen Kern zu durchschneiden— es war die Tulpe.Van Eyck". Als der Besitzer diesen Frevel bemerkte, erstarrte er vor Entlehen, packte den Uebeltäter bei der Brust und übergab ihn der Wache. Vergebens war alles Beteuern des Mannes, daß er nicht in böser Absicht gehandelt habe. Er wurde verurteilt. 4000 Gulden zu zahlen oder so lange Gefangener zu bleiben, bis das Geld erlegt sei. Ein unbedeutender Zufall führte die KrisiS herbei, die ohne ihn freilich nur verzögert, niemals aber ausgeblieben wäre. Jn Harlem war zu Anfang deS JahreS 1637 große Tulpenbörse. Da fiel Plötz- lich der Kurs einer beliebten Spielart um mehrere hundert Gulden. Das Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt und erregte in allen beteiligten Kreisen größte Bestürzung. Die kleinen Leute wollten ihr Geld retten, indem sie rasch Barzahlungen ver- langten. Das hatte ein Sinken aller Kurse und eine Panik auch in allen anderen Städten Hollands zur Folge. Die wirklichen Tulpenzüchter wollten die vor kurzem so kostbaren Zwiebeln in Natura abliefern, aber niemand wollte sie annehmen. Diejenigen, die sich eine Woche zuvor einiger Tulpen erfteuten, blickten ttaurig und verblüfft auf die erbärmlichen Knollen, die vor ihnen lagen und nun wertlos und zu keinem Preise mehr zu verkaufen waren. Alle Symptome des Bankerotts zeigten sich im ganzen Lande, wie sie.sich ein Jahrhundert später bei dem Aktienschwindel der Lawschen Compagnie in Frankreich wiederholten. Die gewerbs- mäßigen Tulpenschwindler aber, die von nah und fern herbei- gekommen waren, um die Torheit eines ganzen Volkes auszubeuten, verließen in größter Eile mit ihrem Raube den Schauplatz ihrer Spekulationen. In Holland wollte man von der einst vergötterten Tulpe nichts mehr wissen. Man betrachtete die unschuldige Blume wie eine Verbrecherin, die Tausende ruiniert hatte. Manche hofften in der ersten Zeit den Markt durch Reklame von neuem zu beleben. Man berief öffentlich« Versammlungen und hielt pomphafte Reden, in denen man nachwies, daß eine so edle Pflanze auf die Dauer ihren Wert nicht verlieren könne und daß diese Blume stets die Fürstin der Garlenflora bleiben müsse— aber es war niemand da, der eS glaubte. Der Tulpenprophet predigte tauben Ohren. Vergebens riefen die in jhrer Existenz Bedrohten die Hilfe de? Staates an: die Generalstaaten weigerten sich, das Schwindelgeschäft durch obrigkeitlichen Schutz ' gleichsam zu sanktionieren. Die Gerichte aber nahmen Klagen wegen t Kontraktbrüchen nicht an, weil fie nun plötzlich den ganzen Handel als Gpielgeschäst betrachteten. Alle die tragischen Details mitzuteilen, die die Tulipomanie im Gefolge hatte, würde zu weit führen. Wenige hatten sich dabei be> reichert, die meisten aber waren finanziell zugrunde gerichtet, und es vergingen viele Jahre, bis sich Holland von den Schlägen erholte, die ihm der erdichtete Wert einer Tulpenzwiebel gebracht hatte. Heute gibt es schönere und weit zahlreichere Tulpenvarietäten als zur Zeit der Tulipomanie, und trotzdem gehört die jetzt immer noch als Winter- und Frühlingsblume beliebte Tulpe zu unseren billigsten Zwiebelgewächsen._ KünftUcbe Säe! steine. Von Hanns Günther. Stuttgart. Als die Naturforschung vor fünf Jahrhunderten neu erstand, hüllte sie sich zuerst in das phantastische Glitzergcwand der Alchemie. Aus der Goldmacherkunst jener ward die Chemie ge- boren, die die Untersuchung der Stoffe ausführt. Und aus der Chemie erstand die Physik, denn man sah bald, dah die Stoffe auch Kräfte in sich bargen. Chemie und Physik aber zeugten zusammen das Wunderkind unserer Zeit: die moderne Technik.„Sie macht aus Fensterglas Kanonen und Kronjuwelen aus Papier," so kriti- sierte sie einst Arno Holz in seinen„Liedern eines Modernen", und heute ist das spöttische Wort schon eine alte Wahrheit geworden. Heute zaubert uns Techne, die Kunst unserer Zeit, die Schätze Abdallahs in Tausend und eine Nacht aus einer Handvoll Staub. Der Traum der Alten war, Gold zu machen und dadurch mühelos Reichtümer zu gewinnen. Heute ist dieser Traum zur Wahrheit geworden. Wir zaubern edle Steine aus einer Handvoll Erde, und ich will hier erzählen, wie man das macht. Edelsteine nennen wir eine Reihe von Produkten des Mineral- reichs, die sich durch Seltenheit, schöne Farbe, grohe Härte und starkes Lichtbrechungsvermögen auszeichnen. Woraus bestehen die Edelsteine? Man kann das durch chemische Zerlegung— Analyse sagt dazu die Wissenschaft— nachweisen, und dabei zeigen sich merk- würdige Dinge. Diamanten, die uns durch ihr strahlendes Feuer entzücken, sind nichts als gewöhnlicher Kohlenstoff, der Kohlenstoff, aus dem auch unsere Heizkohle besteht. Nur ist er im Diamanten kristallisiert, in der Kohle amorph. In die Sprache des Laien über- setzt, heißt das: bei den Diamanten haben sich die kleinsten Teilchen des Kohlenstoffs nach bestimmten Gesetzen auseinandergelegt, bei der Kohle liegen sie in wirrem Durcheinander da. Je freier von fremden Beimengungen nun der kristallisierte Kohlenstoff ist, desto farbloser, reiner ist auch der Diamant. Sind aber färbende Stoffe vorhanden, so gibt es gelbe, blaue, schwarze Diamanten usw. Beim Diamanten sieht inan aber meist die Farbe nicht gern. Je reiner der Stein, desto schöneres„Feuer" zeigt er nach dem Schliff. Anders die farbigen Edelsteine! Je satter und tiefer da die Farbe leuchtet, desto wertvoller scheint uns der Stein. Wir wollen hier nur zwei Beispiele heranziehen, weil sie wohl jedem bekannt sind: den roten Rubin und den blauen Saphir. Beide bestehen aus ganz gewöhnlicher Tonerde, aus dem Stoff, aus dem wir unsere irdenen Töpfe machen. Das leuchtende Rot verdankt der Rubin ganz ge- ringen Spuren von Chromoxyd. Das tiefe Blau der blauen Saphire geht auf das Vorhandensein von Kobaltoxyd zurück! Als man so die Zusammensetzung der Edelsteine enträtselt hatte, da war bei ihrem Wert natürlich sofort das Bestreben ge- geben, sie nun auch künstlich herzustellen. Das ist eigentlich nicht einmal ein ganz neues Problem, wenn man es in etwas weitcrem Sinne saht. Schlagen wir unseren Plinius auf, so finden wir schon bei ihm die Nachricht von Edelsteinfabriken in Rom, und Seneca erzählt von Leuten, die den Smaragd so schön herzustellen wußten, daß er von natürlichen Steinen nicht zu untm-en war. Aber im Grunde hat das mit unserer Frage nichts zu tun, denn damals handelte es sich um gefärbte Glasflüsse, um Bleiglas oder plumdum vitnum, wie die Römer sagten. Auf solche„Edel- steine" fallen wir heute nicht mehr hinein. Dies kleine Streiflicht aus dem Altertum gibt uns jedoch Gelegenheit zu einer Begriffs- bestimmung. Man muh nämlich unterscheiden zwischen„gefälsch- ten" und„künstlichen" Edelsteinen. Künstliche Steine sind den echten, den natürlichen, in allen Punkten gleichwertig. Von den gefälschten kann man das gerade nicht behaupten. Wenn man heute fälschen will, ist man allerdings ein wenig geschickter, als jene alten Herren. Wir haben ja nicht umsonst in der Zeiten Lauf zugelernt. Nur ein ganz modernes Kapitelchen sei da ge- streift. Vor zwei Jahren starb in Paris M. Bcrthelot, einer unserer größten Chemiker. Der hatte einen Assistenten namens Bordas. Dieser Herr Bordas kaufte eines Tcches ein paar schlechte Korunde, Steine, die auch aus kristallisierter Tonerde bestehen, wie der Rubin und der Saphir. Nur sind die Korunde nicht schön klar und rot oder blau gefärbt, sondern trüb und wolkig. Das Zeug dient seiner Härte wegen in der Technik als Schleifmittel. Solche Korunde kaufte Bordas— Stück für Stück um 2 Frank— und setzte sie dann der Einwirkung von Radiumstrahlen aus. Einer der Steine war anfangs weingelb, aber ganz trüb. Vier Wochen lang ließ thn Bordas zusammen mit einer Radiumverbindung in einem Kästchen liegen, und als er ihn dann auspackte, war er zu einem herrlichen Rubin geworden. Flugs ging Bordas zu dem Juwelier, hei dem er vorher die Korunde gekaust hatte und fragte ihn, was er für diesen Rubin zahlen wolle. Der bot ihn« nach genaue Prüfung 600 Frank!! So kann man Smaragden aus bläulichen« weiße Saphire, die an Schönheit mit Diamanten wetteifern, aus violetten Korunden machen. Aehnlich wie das Radium, nur noch! heftiger, wirken die Röntgenstrahlen. Mit ihrer Hilfe lassen sich in vierzig Minuten aus Bergkristall, dem Stoff, aus dem man neuerdings vielfach Brillengläser schleift, prächtige Rubine, aus Zitrin, einer anderen billigen Ouarzart, gelbe Saphire herstellen, Von diesen Kunststückchen sprechen wir nun nicht, wenn wiv von künstlichen Edelsteinen reden. Der Chemiker drückt sich da ge« nauer aus: er spricht nicht von„künstlichen", fanden von.syntheti« schen" Edelsteinen und meint damit Steine, die aus ihren natür- lichen Bestandteilen im Laboratorium von Grund auf neu erzeugt wurden. Das scheint ja an sich recht einfach zu sein. Diamant ist kristallisierter Kohlenstoff, also läßt man Kohlenstoff kristallisieren und hat Diamanten in Menge. Mit Tonerde macht man daS gleiche, fügt den entsprechenden Farbstoff hinzu und schon liegen Indiens Schätze vor unseren Augen. So schnell vollbringt aber selbst unsere Zeit diese Wunder noch nicht. Da sind nämlich noch ein paar kleine Schwierigkeiten, an denen lange alles zu scheitern drohte. Ter erste der Edelsteine, den man auf synthetischem Wege gewann, war der Diamant. Daß er aus Kohlenstoff bestand, be» hauptcte schon der alte Newton, und Lavoisier, der Vater der moder» nen Chemie, ein Zeitgenosse der französischen Revolution, bewies das haarscharf durch Verbrennungsversuche. Um nun Kohlenstoff zum Kristallisieren zu bringen, mußte man ihn zuerst auflösen. Das Zeug löst sich aber nicht etwa in Wasser, wie etwa unser Zucker, sondern ausgerechnet nur in geschmolzenem Eisen. Davon wußte man anfänglich gar nichts, und so hat man sich lange Jahre vergeblich damit abgemüht, das Problem zu lösen, bis es— gerade zehn Jahre ist es jetzt her— Henri Moissan, einem zu früh ver- storbcnen französischen Elektrochemiker, gelang, den großen Wurf zu tun. Moissan fand einst mitten in Meteorsteinen, also in jenen Eisenmassen, die aus der Unendlichkeit des Raumes hinab auf den Erdstern stürzen, kleine Diamanten. Das war ein Wink, den er sich zunutze machte. Wahrscheinlich war der Kohlenstoff, aus dem diese Diamanten bestanden, aus dem Eisen der Meteore selbst her» auskristallisiert. Andere Tatsachen, die ihm bei unablässigem Tasten und Suchen auffielen, wiesen darauf hin, daß ein äußerst hoher Druck bei der Kristallisation stattgehabt haben müsse. Was lag näher, als den gleichen Weg zu gehen und Kohlenstoff in geschmol- zenem Eisen unter hohem Druck zum Kristallisieren zu bringen. Dazu gehörte nun zunächst einyial eine ungeheuer hohe Temperatur. Um diese zu erzeugen, mußte. Moissan erst einen neuen Ofen er- finden, denn die Hitzegrade, die man damals kannte, reichten bei weitem nicht aus. Er konstruierte daraufhin den ersten elektrischen Scbmelzofen. einen viereckigen Kalkblock, der in der Oberflächen- mitte eine kleine Vertiefung hat. In diese Vertiefung ragen vgA beiden Seiten zwei Kohlenstäbe hinein, zwischen denen bei Strom- zufuhr ein elektrischer Lichtbogen übergeht. Ein Teckel mit einer kleinen Vertiefung schließt das Ganze ab. Auf die kleine Höhlung, in der der eiserne Schmelzticgel mit EisenfeUspänen, darauf ge- pulverter Buchenholzkohle und wieder Eisenfeilspäncn steht, be- schränkt sich nun die ganze gewaltige Hitze des Flammenhogens, die etwa 4000 Grad Celsius beträgt. Damit war die erste Bedingung geschaffen. Nun der hohe Druck. Es gab nur eine Möglichkeit. Man mußte den Tiegel plötzlich in kaltes Wasser tauchen, dann kühlte sich das Eisen von 4000 Grad auf etwa 10 Grad Celsius ab, und dabei zog es sich so rasch zusammen, daß ein ganz ungeheurer Druck im Innern entstehen mutzte. Dies Experiment, von dem man so einfach liest, war aber eine verteufelt gefährliche Sache, da gar keine Erfahrungen darüber vorlagen, was bei der Geschichte passieren konnte. Moissan wagte es, und es gelang. Erst kristalli- sierte der Kohlenstoff in schwarzer Form als Graphit, später ge- langen die Versuche immer besser, und schließlich bekam Moissan Steine, die wirkliche Diamanten waren. In unseren Tagen ist die Sache von einem französischen Chemiker angezweifelt worden, und auch in Deutschland hat man sich erzählt, die ganze Geschichte sei Schwindel. Das entspricht keineswegs den Tatsachen. MoissanS Versuche sind— Dr. Neuburger hob das erst kürzlich in einem Vortrag, den er in der Polytechnischen Gesellschaft zu Berlin hielt, scharf hervor— so fest fundiert und in seinem Buche über den elektrischen Ofen so eingehend beschrieben, daß an der Tatsache kein Zweifel möglich ist. Seine Steine waren allerdings sehr klein, und ihre Herstellungskosten waren weit größer als ihr Wert, so daß das Verfahren keine praktische Bedeutung hatte. Darum aber hat sich Moissan nie gekümmert. Als er die Frage experimentell gelöst hatte, stellte er, darin eine echte Gelehrtennatur, seine Ver» suche ein. Ein Engländer, namens Henri Fisher, nahm die Ver, suche wieder auf. um sie praktisch auszunutzen. Eine kleine Ab, änderung des Moissanschen Verfahrens ließ ihn größere Steine be« kommen, aber für Handelszwecke waren auch sie noch zu klein. Zweifeln läßt sich aber nicht daran, daß man hier bald weiterkommen wird, und wir können das Problem der künstlichen Herstellung echter Diamanten heute als gelöst bezeichnen. Glücklicher noch ist man beim Rubin gewesen. �Man erzeugt da heute Steine von einer Größe, die bei natürlichen Steinen selten ist. Und die Stücke sind zugleich von einer Schönheit und Reinheit, die ebenfalls nicht übertroffen werden kann. Kein Mensch vermag sie von natürlichen Steinen zu unterscheiden, und wir stehen nicht an, auch sie als.echt" anzuerkennen, weil sie in jeder Hinsicht dCffl Natürlichen Produkt gleichwertig sind. Rubine— und auch Saphire — hat man bereits 184L durch Erhitzen von Tonerde mit Borax «nd durch Hinzufügen von Chromoxyd, das"tot gab, oder Kobalt« oxhd, das die Steine blau machte, erzielt. Slder die Steine waren sehr klein, und alle Versuch«, sie zu vergrötzern, führten nicht zum Ziele. Da kamen auf einmal knapp nach 187ö von der Schweiz her aiemlich große Rubine in den Handel, die man sofort für künstliche Erzeugnisse hielt. Später stellte man das denn auch fest. Der Erfinder war ein Schlveizer Pfarrer, der sein Geheimnis jedoch mit in den Tod nahm.*"93 fand man es in Frankreich wieder. Nach diesem Verfahren erzeugt man heute die>ogenannten rekonstru- ierten Rubine. Man schmilzt in kleinen Platinschälchcn Rubin- splitlcr, Abfälle von echten Rubinen, die allmählich zusammenlaufen und einen großen Stein bilden, der allerdings immer ctlvas wolkig tst. Synthetische Steine sind das natürlich im Grunde nicht. Das Verfahren zu deren Herstellung fand l8Sl der französische Forscher Fremh und dessen Assistent Verneuil. Heute hat man es technisch weitergebildet und auf dieser Grundlage beruhen alle Methoden, nach denen wir heute beliebig synthetische Rubine erzeugen. Wir haben da Tiegel mit einem Rost an Stelle des BodenZ. In dem Tiegel ist Tonerde und Chromoxhd oder Tonerde und Kobaltoxyd, je nachdem man Rubine oder Saphire herstellen will. Das Gemisch fctllt in ganz kleinen Mengen durch ein langes Glasrohr, in das seitlich Sauerstoff und etwas tiefer Wasserstoff eintritt. Die Gase werden unten entzündet und verbrennen als Knallgas mit großer Hitzeentlrickelnng. Die Tonerde, in der steh da? Chrom- und Kobaltoxyd auflöst, schmilzt und fällt noch flüssig auf ein kleines Platin- lblech. Die nächste Portion geschmolzener Tonerde mit Chrom- oder Kobaltoxhd folgt sofort noch und vereinigt sich mit der ersten. Der Prozeß geht weiter und der künstliche Stein wird größer und größer. Man hat auf diese Weis« Steine von-ZV— 60 Karat erzielt. und wenn die Mischung der Slosfe sorgfältig genug vorge- -nommcn wird, so sind die Steine außerordentlich klar und feurig. Die Kosten für einen solchen Rubin betragen für l Karat unge- schliffencn Steins etwa 10 Pf. und 4 Karat davon sind nötig, um ■1 Karat geschliffenen Steins zu bekommen. Das SeWeifcn"selbst kostet etlva 1,80 M., die Gesam! kosten betragen also 1.60 M. Dem steht der Wert der natürlichen Steine so gegenüber: getvöhnlichc Rubine kosten etwa 100 M. pro Karat, die besonders beliebten tanbenvlutfarbenen Steine aber erzielen für 1 Karat bis zu 1000 Mark. Der Unterschied wird noch gewaltiger, wenn man bedenkt, daß der Preis nicht mit der Größe im gleichen Verhältnis zunimmt, sondern diel schneller. Ein Siein von 3 Karat kostet nicht 300 M., sondern schon 700 JH., einer von 2 Karat nicht 200, sondern etwa 800 M. Die synthetischen Steine wird man natürlich nicht zu den gleichen Preisen verkaufen, I Karat kostet davon etwa 20 M., Steine von 2 Karat 40 M., von 6 Karat 100 M. usw. Allerdings sft aucb das noch eine ganz gute Verzinsung des Anlagekapitals. Außer Rubinen und Saphiren find bisher noch Topase und Alcxan- drit» auf diesem Wege hergestellt worden. Unterscheiden kann man, das sei noch einmal betont, die synthetischen Steine von den natürlichen nicht. Sie sind ihnen auch in jeder Beziehung gleich- inert ig, so daß man tatsächlich nicht von echt und unecht reden darf. Sicher sind durch diese Entdeckung ungeheure Werte entwertet und man sagt, wr Edelsteinhandel verlöre sein, ganze gesicherte Basis. Eine Tatsache macht sich da jetzt schon fühlbar, die mit der Ge- schichte auch zusammenhängt. Die Pfand- und Leihhäuser beleihen nämlich heute weder Rubine noch Saphire mehr, und das ist tat- fachlich manchmal:echt schmerzlich! kleines feuitteton. Die Tragödie Karl Gutzkows. Das erschütterndste Drama, das Karl Gutzkow gedichtet, war sei» eigenes Leben. Mit der satanischen Kraft semer zermalmenden Phantasie hat er aus dem letzten Jahr- zehnt seines Daseins ein grausiges Nachstück des Wahns gestaltet. Der in feinen Werken immer etwas kühle und spröde Dichter lvurde in der Umdichtung seines persönlichen Schicksals von einer alles auf- lösenden, verzehrenden Kraft. Vor«inigen Jahren hat im»Literarischen Echo" ein Arzt nach den Akten der Heilanstalt, in die Karl Gutzkow 186ö nach einem Selbstmordversuch»erbracht wurde, eine Schilderung seiner entsetz- lichen Krankheit gegeben. Jetzt bringt der Gutzkow-Forscher Houben in der»Zeitschrift sür Bücherfreunde" aus derselben Quelle neue» Material. Gutzkow war in der Wirklichkeit seines Daseins ein von Kindheit an Verfolgter und Gehetzter. Erst preßte ihn da? soziale und geistige Elend seiner proletarischen Herkunft. Als ihn ein gütiger Zufall ins Freie hob. war der preußische Polizeistaat hinter ihm her mid ließ ihn nicht niehr los. Dazu kam die dauenide materielle Sorge, die er durch eine Produktion von ungeheurer Fruchtbarleft nicht zu bannen vermochte. Mag sein, daß der Dämon von Anfang an in ihm hauste, es genügt aber zur Erklärung des schließlich ausbrechenden VerfolguiigSlvahnsinns, die Rastlostg- keit seüier äußeren Lebensumstände, die ihn kaum jemals zur Ruhe kommen ließ. Gutzkow hatte sich 1861 in eine Stellung nach Weimar locken lassen, vc» der er eine materielle Sicherheit erhoffte, die ihn aber bei elendft, Bezahlung und einer aufreibenden, durch alle möglichen Awmfttportl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin. ! Hof-Jntrigen und Literaten-Streitigkeiten vergiftenden Tätigkeit erst l recht entwurzelte: er ward Sekretär der Schillerstiftung, deren Schöpfung im wesentlichen sein Verdienst war. In den jämmerlichen Händeln dieser Weimaraner Zeit brach er zusammen. Im Januar 186S verließ er sein HauS. reiste unstet in Deutschland umher. Am 13. Januar brachte er sich in der Rächt in einem Friedberger Hotel mit Dolch mid Rasiermesser sieben furchtbare Stiche und Schnitte bei. Die Wunden gelang es zu heilen, aber sein Geist verfinsterte ' sich immer mehr. Niemals hat der Versolgungswahn so gräßlich« Einbildungen ausgebrütet, wie in diesem unseligen Mann. ES war als ob er alle Kräfte seiner dichtenden Phantasie zu seiner Selbst« zerstörung gesammelt und gesteigert hätte. Gutzkow glaubte sich von einer Verschwörmig seiner Feinde umringt, die ihn mit der Ent- hüllung austilgen wollte, daß er alle seine Werke— abgeschrieben habe. Ucd nnn marterte der Arme Tag und Nacht sein Gehirn, einmal um die Plagiate zu erfinden(als Behauptungen seiner Verfolger) und dann um die Vorwürfe zu widerlegen. Für jede einzelne Szene seiner Dichtungen suchte er den inneren und äußeren Anlaß nachzuweisen. Am 28. März 1866 schreibt er(mft falscher JahreS« zahl) einen Abschiedsbrief an seine Frau. Er spricht von seinem tiefen, entsetzlichen Fall:»Ich höre das Rasen der hungernden Hunde, die auf mein Fleisch warten; ich höre über mir die Leinwand at» meinem Sarg festnageln I" Die tcuslische Selbstmarter trieb ihn. gerade da! Werk, das ihm am tiefsten ans Herz gewachsen war, den»Uriel Acosta", als Plagiat bezichtigen zu lassen, und verzweifelt wehrt er sich gegen diesen Vorwurf. »Unter Anrufung des allmächtigen GotteS" beschwört er den Anstaltsarzt:»Bewahren Sie sich selbst vor der Schuld, eine in der Geschichte der Literatur noch nie vorgekommene gräßliche Erscheinung, daß man einem Autor die von ihm verfaßten Werke aberkennt, durch eine Prozedur herbeigeführt zu haben, die diesen Autor schon bei Lebzeiten für tot erklärte und die Feststellung jenes gräßlichen Faklilins rein der Willkür, dem cinseftigen Belieben der Ueberlebcnden anheimstellt." Am 12. August,»am Geburtstage meines lieben Kinde? Selma und im Angesicht meines mir vom Wahn der Menschen verhängten gräßlichen Todes" wiederholt er seine Be- teuerungen:»Mein Eingeständnis, daß keine Handschriften von mir existieren, macht die Frevler nur übermütiger... Ich scheide auZ dem Leben, von der Welt verflucht I" Schließlich schreibt er in cüicm Auftuf»An die Deutschen" seine Verteidigung nieder:„Da ich die Unabänderlichkeit meines grauen- vollen Geschicks kenne, so bin ich längst ermüdet, in den Nebel hinaus- zusprechen und mich gegen die Anschuldigungen des JrrmmS oder der BoSheit zu verteidigen.... Nur bei meinen Dramen noch regen mich der Wahnsinn m:v die Ungerechtigkeit der Menschheit zu sehr auf. Wenn ich mir denke, daß man unserer Nation die Schmach auf« bürden will, zu behaupten und durch die gräßlichste ErmordungS- Prozedur gleichsam festzustellen, daß ein deutscher Schriftsteller gewagt hatte, Dramen, die Ruf erhalten haben, Ruf sogar außerhalb Deutschlands, als von ihm herrührend auszugeben,„während sie von anderen verfaßt feien", so ergreift mich ein Zorn, der die Eifcn- stäbe an meinem Feilster ausreißen und den, ganzen Menschengeschlecht rufen möchte: Du bist verrückt." Gutzkow hat noch mehr als ein Jahrzehnt gelebt. Er wurde au? der Anstalt entlassen und hat— mft ungetrübter Intelligenz— noch viel und Hervorragendes geschrieben; aber das Gespenst deS Versolgungswahns begleitete ihn bis zu jener letzten Nacht, da er bei einem Zimmerbrand ersUckte. Geologisches, Die Rege„bogen brücke. Der au Naturwundern fb überaus reich« Westen der Vereinigten Staaten besitzt im Bereich deS Staates Utah eine zwar auch an anderen Stellen der Erde— man denke an das Prebisch-Tor der Sächsischen Schweiz— vorkommende aber hier besonders großartig entwickelte Sehenswürdigkeit in seinen natürlichen Brücken. Bisher kannte man drei Beispiele davon, die eS schon zu einer besonderen Berühmtheft gebracht hatten. Im August des JahreS 1909 wurde dann von einer gcolo- giicken Expedftiou, die ein Lehrer an der StaatSuuiversität von Utah veranstaltet hatte, noch eine vierte natürliche Brücke enldeckt, ein Beweis dafür, daß bie_ Vereinigten Staaten noch immer nicht ganz durchforscht sind. Diese letzte Brück« ist sogar die großartigste. Es hat sich, wie jetzt Dr. Pogue vor der Geologischen Gesellschaft in Washington berichtet hat. herausgestellt, daß sie schon den Indianern bekannt gewesen ist. die freilich rhr Land besser ge« kannt haben mögen als seine jetzigen Bewohner. Sie hatten der Brücke eigentümliche Namen beigelegt. Barohoini oder Noimezoschie, wovon der erstere soviel bedeutet wie Regcnbogcnbrücke. lieber» trafen schon die früher belauulen Naturbrücken von Utah um ein bedeutendes ihren vor längerer Zeit entdeckten Neben- bnhler von Virginia, so muß die Rcgenbogenbrücke jetzt als die größte von allen derartige» Natnrlpielen aus der Erde bezeichnet werden. Sie ist deshalb auch gcwüroigt worden, von eiucr� be- sonderen Abordnung der geologischen LandcSwitersnchung untersucht zu werden, die nun auch genaue Messungen vorgenoininen hat. Da- nach besitzt die Brücke eine Spanmveite von rund 80 Metern und erhebt sich um mehr als den gleichen Betrag über dem Tal eines kleinen Flusses. Der Bogen ist'ausgemeißelt aus dem sogenannten La Plata-Sandstein und liegt in einer großartigen Wüstenlandschaft. — Druck u. Verlag: vorwärtsBuchdruckerei u.BerlagSanstait Paul SingerktCo., Berlin L�V.