Zlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 60. Sonnabend den 25. März. 1911 lAaSdruii ecojien.) 60] pelle der Gröberer. Roman von Martin Andersen Nexo. „Ich soll abgewiesen werden," brachte Pelle heraus und bohrte sich in das Hau, um das Weinen zurückzuhalten. „Das sollst Du doch woll nich?" Lasse sing an zu zittern. �Was kannst Du denn bloß verbrochen haben?" „Ich Hab den Pastor seinen Sohn halb totgeschlagen." „Ach, das war bald das Schlimmste, was Du tun konnt'st, Hand an den Pastor seinen Sohn legen! Ich weiß recht gut, daß er es woll verdient haben muß, aber— Dl: hätt'st es nu doch nich tun soll'n. Außer, wenn er Dich einen Dieb genannt hat— denn das braucht ein ehrlicher Mann sich von keinem Menschen gefallen zu lassen— und wenn es der König selbst war." „Er— er hat Dich Madam Olsens Kebslveib genannt," Pelle hatte Mühe, es herauszubringen. Lasse bekam einen scharfen Zug um den Mund ballte die Hände.„Hm, ja, hm, ja! Hütt ich ihn hier, ich wollt ihm die Gedärme aus'n Leib raustretcn, dem Affengesicht! Du hast ihm doch woll genug gegeben, so daß er es noch lange fühlt?" „Ne, so schlimm war es nich, denn er wollt sich nich wehren — er schmiß sich hin und schrie. Und da kam der Pastor!" Lasse ging eine Weile außer sich vor Zorn umher, von Zeit zu Zeit stieß er eine Drohung aus. Dann wandte er sich an Pelle.„Und nu haben sie Dich abgewiesen?— Bloß weil Du für Deinen alten Vater eingetreten bist! Immer muß ich Dich auch ins Unglück bringen, obgleich ich nur Dein bestes will.— Aber was machen wir denn nu. Du?" „Ich will hier nich länger bleiben," sagte Pelle sehr be- stimmt. „Ne, laß unS hier bloß wegkommen, hier is nie ein andres Kraut als Wermut für uns gewachsen, hier auf'm Hof. Viel» leicht liegen da draußen neue, frohe Tage und warten auf uns. Und Pastors gibt es woll überall. Wenn wir beide uns da draußen zu einer guten Arbeit zusammentun, können wir Geld wie Heu verdienen. Und dann gch'n wir einen Tag hin und schmeißen einem Pastor fünfzig Kronen auf den Tisch, und es müßt schnurrig zugehen, wenn er Dich nich auf der Stelle kun- firmieren tut— und sich am Ende noch obendrein einen Tritt vor den Arsch geben ließ. Die Art Leute, die sind bannig hinter Geld her." Lasse hatte sich straff aufgerichtet unter seinem Zorn und seine Augen hatten einen wütenden Ausdruck angenommen. Er schritt schnell durch den Futtergang und schleuderte rück- sichtslos nach rechts und links, was ihm in den Weg kam, Pelles abenteuerlicher Vorschlag hatte ansteckend auf die jugendlichen Gefühle in ihm gewirkt. Mitten während der Arbeit sammelten sie alle ihre Kleinigkeiten zusammen und packten sie in die grüne Kiste.„Na. werden die hier auf'm Hof morgen früh große Augen machen, wenn sie kommen und das Nest leer finden," sagte Pelle munter. Lasse lachte, daß es gluckste. Ihr Plan ging dahin, daß sie ihre Zuflucht zu Kalle nehmen und dort ein paar Tage bleiben wollten, während sie sich einen Ueberblick über das verschafften, waS die Welt bot. Ms am Abend alles besorgt war, nahmen sie die grüne Kiste zwischen sich und schlichen durch die äußere Tür nach dem Felde hinaus. Die Kiste war schwer, und die Dunkelheit machte ihnen das Gehen nicht leichter; sie bewegten sich in kleinen Stößen vorwärts, wechselten mit den Händen ab und ruhten sich aus. ».Wir haben ja die Nacht vor uns," sagte Lasse munter. Er war ganz aufgelebt; während sie mrf dem Kistendeckcl lagen und sich ausruhten, redete er drauf los über alles, was -da draußen lag und mff sie wartete. Wenn er schwieg, begann Pelle. Keiner von beiden hatte sich einen bestimmten Plan für die Zukunft gemacht; sie ertvarteten ganz einfach das Märchen selbst mit seinen unfaßlichen Ueberraschungen. Alles das, was sie imstande sein würden, an Bestimmtem auszu- führen, wenn sie sich irgendwo niederließen, erschien so winzig «im Vergleich mit dem, was kommen mußte; daher ließen sie es nach w'd gaben sich dem Ueberfluß in die Hände» Lasses Füße traten so unsicher in der Dunkelheit, immev häufiger mußte er die Last niedersetzen. Er ward müde und atemlos, die lichten Worte erstarben ihm auf den Lippen.„Ach, wie schwer sir ist!" seufzte er—„wieviel Dreck scharrt man nicht auch zusammen im Laufe der Zeit.„Und dann saß er auf der Kiste und rang nach Atem— er konnte nicht mehr. „Hätte man bloß ne kleine Stärkung gehabt," sagte er matt. „Wie dunkel und traurig es auch über Nacht is!" „Hilf mir die Kiste auf den Nacken!" sagte Pelle,„dann will ich sie ein Stück tragen." Lasse wollte nicht, gab aber schließlich nach, und es ging wieder vorwärts; er lief voran und meldete, wenn Gräben und Erdwälle kamen.„Wenn Bruder Kalle unS nu nich haben kann!" sagte er plötzlich. „Das kann er gewiß— da is ja Großmutters Bett, das is breit genug für uns beide." „Aber, wenn wir nu keine Arbeit kriegen?— denn liegen wir ihm ja zur Last!" „Wir werden schon was kriegen— es fehlt überall an Arbeitskraft." „Ja, Dich nehmen sie schon mit Kußhand, aber ich bin woll zu alt, um mich auszubieten." Lasse hatte alle Hoffnung ver- loren und untergrub nun auch Pelle. „Nu kann ich nich mehr!" sagte Pelle und ließ die Kiste fallen. Sie standen mit herabhängenden Armen da und starrten aufs gradewohl in die Dunkelheit hinein; Lasse verriet kein Verlangen, wieder zuzugreifen, und Pelle war jetzt erschöpft. Die Nackst lag dunkel um sie her und machte alles so verlassen, als flössen sie allein im Weltraum herum. „Dann müssen wir woll sehen, daß wir weiterkommen," rief Pelle aus und wollte die Kiste wieder aufnehmen; als Lasse sich nickst rührte, gab er es auf lind setzte sich hin. Sie saßen mit dem Rücken gegeneinander und konnten daS rechte Wort nicht finden— es entstand eine immer größere Kluft zwischen ihnen. Laffe kroch schauernd in der Nachtkälte zusammen. Wäre er nur zu Hause in seinem guten Bett! seufzte er. Pelle war kurz davor, zu wünschen, daß er allein gewesen wäre, dann wollte er sein Vorhaben schon ausführen. Der Alte war ebenso schwer mitzuschleppen wie die Kiste. „Ich glaub, ich geh wieder zurück. Du!" sagte Lasse endlich kleinmütig,„ich tauge woll nich dazu, die losen Wege zu treten. — Und Du wirst auf diese Weise ja auch nie kunfiermiert: Wenn wir zurückgingen und Kongstrup bäten, daß er ein gutes Wort bei dem Pastor für uns einlegt." Lasse stand da und faßte an den einen Henkel der Kiste. Pelle blieb eine Weile sitzen, als höre er nichts. Dann faßte er schweigend an und sie arbeiteten sich nach Hause über die Felder in einer anstrengenden Wanderung. Jeden Augen- blick war Pelle müde und mußte sich hinsetzen: jetzt, wo e? nach Hause ging, war Lasse der Ausdauernde.„Ich könnt sie am Ende ganz gut ein kleines Stück allein tragen— wenn Du sie mir auf den Nacken helfen wolltst," sagte er. Aber davon wollte Pelle nichts hören. „Puh, ha!" Lasse atmete wohlbehaglich auf, als sie wieder im Kuhstall in der Wärme standen und die Kühe in trägem Wohlsein pußten hörten.—„Hier is es gemütlich, Du. Es is beinah, als wär man wieder in seine Kinderheimat ge« kommen. Ich glaub, den Stall hier könnt ich an der Luft er- kennen, wo in der Welt sie mich auch dareinführteu, mit ver- bundcnen Augen." Nun, wo sie wieder zu Hause waren, konnte Pelle auch nich umhin, es hier wirklich ganz schön zu finden. — 23. Sonntagvormittag zwischen dem Tränken und dem Mittagessen stiegen Lasse und Pelle die hohe steinerne Treppe hinauf. Sie stellten die Holzschuhe oben auf die Diele und standen nun vor der Tür des Herrenzimmers und schüttelten sich— die grauen Strumpfsocken waren voll von Spreu und Erde. Lasse hob die Knöchel prüfend in die Höhe, hielt aber iime.„Hast Du Dich nu auch gut ausgeschnoben?" fragte er flüsternd. Seine Miene war gespannt. Pelle schnob noch ein- mal auf und fuhr mit dem Blusenärmel über die Nase hin. Lasse erhob abermals die Knöchel, er war sehr bedrückt. „Kannst Du denn nich ein bischen still sein?" sagte er ärgerlich zu Pelle, der wie eine MmiS dastand. Lasses Knöchel bewegten sich drei- viernial durch die Luft, ehe sie gegen die Tür fielen; Lann stand er mit Pekte fjart an der Türfüllung und lauschte. »,Es is woll keiner da," flüsterte er ratlos. „Dann geh doch bloß rein," rief Pelle aus—„wir können ja nich den ganzen Tag hier stehen bleiben." „Dann kannst Du ja zuerst reingehen, wenn Du meinst, daß Du Dich besser da auf verstehst," entgegnete Lasse verlehr. Pelle öffnete schnell und ging hinein. Es war niemand im Zimmer, aber die Tür zur Wohnstube stand offen, und da drinnen ertönte Kongstrups behagliches Prusten.„Is da jamand?" fragte er. „Ja, Lasse und Pelle!" antwortete Lasse mit einer Stimme, die nicht gerade sehr tapfer klang. „Könnt Ihr hier hereinkommen?" Kongstrup lag auf dem Sofa und las in einem Kalender, auf dem Tisch neben ihm lag ein Stapel alter Kalender und daneben stand eine Schale mit kleinen Kuchen und dergleichen. Er verwandte die Augen nicht von seinem Buch, nicht ein- mal als die Hand gewohnheitsmäßig nach der Schale langte, um etwas in den Mund zu stecken. Er lag da und sog es in sich hinein und schluckte es allmählich herunter, während er las; für sie hatte er keinen Blick— nicht eine Frage, was sie wollten oder irgend eine Aeußerung, die sie in Gang hätte bringen können. Dies hier war, als werde man ausgeschickt um zu pflügen und wisse nicht wo. Er war am Ende gerade bei etwas sehr Spannendem. „Na, was wollt Ihr denn?" fragte Kongstrup endlich mit seiner matten Stimme. »Ja— ja, der Herr müssen entschuldigen, daß wir so mit was kommen, was nichts mit der Wirtschaft zu tun hat. Aber so wie sich die Sachen nu mal stellen, haben wir keinen anderen Menschen, an den wir uns wenden können, und da sag ich denn zu dem Jung: der Herr wird wohl nich böse werden, sag ich, er hat manch liebes Mal gezeigt, daß er Herz für uns arme Deubels hat— und so! Nu is die Sache ja die, hier in der Welt, daß wenn man auch bloß ein armer Kerl is, der zu nichts nich gut is, als den Dreck vor den Andern aufzunehmen, so hat uns der liebe Gott sein Vaterherz doch nich von uns abgewandr. Und es kann einem ja weh tun, wenn man steht, daß die Schuld des Vaters für den Sohn ein Knüppel zwischen den Beinen is." Lasse stockte. Er hatte sich alles vorher ausgedacht und es so zurechtgelegt, daß es auf schlaue und ansehnliche Weise zu der Sache selbst führte. Aber nun kam die ganze Geschichte in Unordnung, und der Herr sah so aus, als habe er auch nicht einen Muck davon verstanden. Er lag da und langte nach den Kuchen und sah hilflos nach der Tür hinüber. „Die Sache is ja auch die, daß ein Mann den Witwer- stand satt kriegen kann," begann Lasse von neuem, gab es aber sofort auf, den Gedanken zu verfolgen. Wie er sich auch an- stellte, ging er rund um die Sache herum und konnte nirgends seinen Haken einschlagen— und nun fing Kongstrup wieder an zu lachen. Eine noch so kleine Frage von ihm hätte mitten in das Ganze hineinführen können: aber er pfropfte nur den Mund voll und kaute so recht breit. Lasse war äußerlich niedergeschlagen und inwendig wütend, er stand da und schickte sich an zu gehen. Pelle glotzte die Wilder und die alten, glänzenden Mahagonimöbel an, er bildete sich feine Ansicht über alles. lFortsetzung folgt.?! FjaiisemeKimg und Tolksfniltur. Von Professor Paul Natorp in Marburg.") Die Hauscrzichung und die Erziehungsarbeit der öffentlichen Schule sind die Grundlagen der VolkScrziehung überhaupt. Alle freie Arbeit an der Kultur des Volkes muß mit den Voraus- setzungen rechnen, die durch sie hergestellt werden, und ob sie nun deren Werk in gleicher Richtung weiterführen oder ihre Mängel ergänzen, ihre Fehler verbessern will, sie muß den Boden kennen, auf dem sie ihren Bau errichten soll. Aus diesen Rücksichten kann sie nicht gleichgültig sein gegen die Erziehungsarbeiten des Hauses und der Schule, gegen das, was sie ist, was sie unter geeigneten Bedingungen sein könnte und sein sollte. Mit einem Wort, wir sollten von Pestalozzi gelernt haben, daß die Aufgabe der Erziehung zuletzt nur als Ganzes ins Auge gefaßt werden darf, weil sie in sich ein unteilbares Ganzes ist. Wir rühren damit an die vielleicht ernsteste Schwierigkeit der Erziehung gerade in der modernen Entwickelung. Pestalozzi konnte ") Diese Ausführungen entnehmen wir dem Werke„Volkskultur und Persönlichkeitskultur", das dem Sozialisten eine Fülle von Anregungen bietet.(Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig. Kreis geh. 3 M.. geb. 3.60 M.) diese Schwierigkeit noch, nicht in der ganzen Schärfe empfinden, wie wir sie heute empfinden müssen. Die Industrie hatte ihruZ verderbenden Einfluß auf die Familie wohl hier und da schon gs, zeigt; aber noch konnte man hoffen, sie zu retten oder wiederhev- zustellen. Mit der ungeheuren Entwickelung, welche die Industrie seither genommen hat, ist die Gefahr unabsehbar gewachsen. Sie entzieht ja den Arbeiter, die Arbeiterfrau und oft das Arbeiterkind dem Hause. Immerhin, sie muß nicht das Hausleben sofort ganz zerstören; man hat auf Schutz sich besonnen; ein Bestreben auf Kürzung der Arbeitszeit und Erhöhung des Arbeitslohnes hat kräf- tig eingesetzt, ist in beträchtlichem Umfang schon mit Erfolg gekrönt, und ein weiteres Vordringen in dieser Richtung ist möglich? und mit Sicherheit zu erwarten. Aber vielleicht erst die ernsteste Schwierigkeit liegt darin, daß auch eine gewisse Bodenständigkeit der Bevölkerung, welche eine der wesentlichsten Vorbedingungen zum lebendigen Fortwirken eingewurzelter Sitte, dauernder, naher« unmittelbar wirkender menschlicher Beziehungen überhaupt, als be- sonders die wesentlichste Vorbedingung für die Möglichkeit eines Hauslebens, wie es Pestalozzi vor Augen steht, jedenfalls ist, mit dem Vordringen der Industrie kaum vereinbar scheint. Die Massen- ansammlung industrieller Unternehmungen in den Großstädten und in großen Jndustriebezirken(z. B. dem Niederrhcinisch-West- fälischen Industriegebiet) mit allen ihren unabsehbaren Folgen; der starke Zustrom nicht eingesessener, zumal fremdländischer Be- völkerung zu diesen Zentren; die mit der Industrialisierung un- vermeidlich zusammenhängende Verleitung zu oft nichtigen Ge- nießungen und Lebensgewohnheiten bei gleichzeitiger Verteuerung des notwendigen Lebensbedarfs; die aus derselben Quelle stam- niende gewaltige Vermehrung der Verkehrsmittel und-gelegen- heiten, die eine so ungeheure Unruhe in das ganze Leben solcher Zentren bringt— das und so vieles andere damit Zusammenhängende. was hier nicht alles einzeln aufgezählt zu werde«? braucht, kann ja nicht anders als auflockernd wirken ans einen sa zarten, vor allem auf eine gewisse Beständigkeit der Lebensverhält» nisse angewiesenen Organismus wie den der Familie. Und so sehen wir das Hansleben überall schwer erschüttert, stellenweise schon fast entwurzelt. Besonders das junge Geschlecht, in welchem nicht die Ueberliefcrungen des vorindustriellen Zeitalters noch mehr oder minder nachwirken, welches von der ungeheuren Flutwelle dieses„modernen" Lebens, dem oft kein Gestern und kein Morgen mehr zu gelten scheint, widerstandslos gepackt und fortgerissen wird, gibt sich ihm vielfach, ganz ohne Ahnung eines Unrechts, ohne Be- wußtsein einer ernsten Gefahr, gefangen, und meint damit vielleicht gerade die rechte Freiheit sich zu erobern. Die Ehe selbst hat viel- fach schon ganz den Sinn der lebenslangen Vereinigung verloren. Die Aufzucht der Nachkommenschaft, sonst noch der sicherste Halt für die Ehe selbst, wird mit ernstem Willen und Entschluß oft gar nicht mehr übernommen, wie sie denn auch durch die sich unablässig steigernde Not des Daseinskampfes offenbar zu einer immer drückenderen Last wird. Es tut bald nicht mehr not, daß da noch edle Volksfrsunde auftreten, welche ausdrücklich davon abraten, mit dieser Bürde sich zu belasten; es bedrfrf solcher Predigt schon kaum mehr, da das Leben jedes Tage? längst derber und brutaler, und damit nur um so wirksamer, dasselbe predigt. Die physische und moralische Zerrüttung freilich, die daraus nur folgen kann, kündigt sich gleichfalls in vielem schon an; es ist nachgerade unverantwort- lich, an diesen Dingen vorbeizugehen und sich schönen Träumen von einer edleren Volkskultur hinzugeben, wo schon die erste Wurzel vielfach so angefault ist. Es muß hier eine Rettung gefunden weroen, oder alle weitere Hoffnung ist vergeblich.... Ich denke mir die Lösung so: daß Verbände von Familien zwecks gemeinsamer Erziehung zunächst der vorschul- Pflichtigen Kinder sich bilden. Sei selbst der größere Teil den Familien in Arbeitcrkreisen außerstande, tagsüber den Kleinen Aufsicht, Zucht und erste Unterweisung in hinreichendem Maße zu- teil werden zu lassen, einer Gruppe von Familien wird es viel eher möglich sein, eine oder einige Personen für diese Aufgabe frei zu erhaflen, indem für sie der Unterhalt von den übrigen zugleich bestritten wird. Es müßten dazu natürlich die hierfür geeignetsten Personen ausgewählt werden, für die man sich leicht auch eine ge» regelte Ausbildung, ähnlich der unserer Kindergärtnerinnen, vor- stellen kann. Ich denke mir zunächst kleinste Gruppen etwa zn 20 bis 25 Kindern unier zwei oder drei leitenden Personen, älteren verheirateten Frauen oder Witwen, oder auch unverheirateten jün- geren oder älteren Mädchen; für tzandfertigkeitsübungen, Gärtner» arbeit und dergleichen könnten es sehr wohl auch Männer sein, die vielleicht zu schwererer Arbeit nicht fähig, aber zu solcher Tätigkeit vorzüglich geeignet sind. Fehlte es in einer Gruppe an geeigneten Personen, so müßten solche aus benachbarten, stets aber gleich- altrigen, also wiederum Arbeiterkreisen herangezogen werden. Für den Anfang natürlich müßten freiwillige Hilfskräfte aus den oberen Volksschichten gleichsam zur Pionierarbeit vorangehen, also solche Einrichtungen vorerst getroffen werden für Arbeiterkreise von Nicht- arbeitern, immer aber mit dem bestimmten ausgesprochenen Ziele» mehr und mehr Kräfte aus den Arbeiterkreisen selbst dazu heran- zuziehen und zu befähigen; mit der Bestimmung also, daß all- mählich die ganze Organisation auf diese selbst übergehe. Die ge- dachte Einrichtung würde, erst einmal da, übrigens ganz von selbst diese Wirkung haben; sie würde wie von selbst dafür taugliche Männer und Frauen der arbeitenden Klassen zu dieser Erziehungs- arbeit anlocken, ausrüsten und unvermerkt in sie hineiirwachsen lassen. Denn sch Sen!c thit tiefe Organisation tbiederum nicht isoliert. Zunächst müßten Gruppen solcher Gruppen sich wieder zu größeren Verbänden zusammenschließen zwecks gegenseitiger Hilfe; man würde je nach Zweckmäßigkeit zu Körperübungen, Spielen. Ausflügen, Festen sich vereinigen. Die kleineren Ver- bände brauchten auch nur kleinere Räumlichkeiten; für alles, was größere Räume fordert, wären die größeren Verbände da. Die laufenden Kosten, besonders den Unterhalt des Personals, würden die vereinigten Familien bestreiten, die Räumlichkeiten, namentlich größere, soweit nötig, würden von den Gemeinden oder etwa großen A Zeitgebern oder Vereinigungen von solchen gestellt oder gegen billigen Zins vermietet werden. Ueber das alles läßt sich voraus nichts theoretisch festlegen, die Praxis müßte lehren, was da im einzelnen das Richtige ist. Fest aber steht mir das Eine: alle Be- vormundung müßte streng ferngehalten, vielmehr alle Einrichtungen von Anfang an darauf gerichtet sein, die Selb st Verantwortlichkeit, die eigene Beteiligung des Volkes und Selbstkontrolle zu wecken und dauernd zu sichern. Dezentralisation muß hier wie in allem, die Losung sein; Gemeinschaft, aber freie, d. H. auf Selbstkontrolle gegründete. Gemeinde und Staat müßten gewiß für den schweren Anfang die nötige äußere Hilfe bieten, anregen, schützen, auf jede Weise fördern und ermutigen, nicht aber leiten und bevormunden, am wenigsten die ganze Sache in ihrer Hand halten wollen. Denn genau darauf kommt es an, daß das VoU nicht von der Erziehungs- Pflicht entbunden und ihrer Erfüllung entwöhnt, sondern zu ihrem vollen Bewußtsein wieder geweckt, aber auch in die Lage versetzt wird, sie erfüllen zu können in einer Weise, wie es den so tief ver« änderten Bedingungen seines ganzen Lebens angemessen ist. Denn den Glauben dürfen wir uns nicht rauben lassen, daß keine ganze Volksklasse sich dieser hohen und heiligen, geradezu für alle anderen grundlegenden Pflicht würde entziehen wollen, wenn sie zu ihrer Erfüllung nur klare und gangbare Wege sähe, wenn nicht vielmehr alles ihre Erfüllung ihr nur erschwerte und oft geradezu unmöglich machte. Denn keine ganze Volksrlasse will dem Verderben so Hand- greiflich in den Rachen laufen; eine solche Vorstellung halte ich für weltfremder als die verstiegensten Träume des pädagogischen Idealismus. früblingsblumen. Der ungemein gelinde Winter ist nicht ohne merklichen Einfluß auf die Vegetation geblieben. Die Flora, abhängig wie sie nun einmal von den klimatischen Verhältnissen ist, hat sich diesen voll- ständig angepaßt. Schon den ganzen Winter hindurch wurde von einzelnen Abnormitäten der Vegetation, hervorgerufen durch die ge- linde Witterung, berichtet. Im Februar setzte ein wahres Frühlings- Wetter ein und machte seinen Ginflllß auf die Vegetation im Freien in staunenerregender Weise geltend. Da hatte der März leichte Arbeit und das ganze Heer der Frühlingsblüher schickt sich an, seine Blüten zu öffnen; teils find sie schon da und warten nur darauf, gepflückt zu werden, um zu lockeren Sträußen in Vasen angeordnet, dem Heim naturfroher Menschenkinder als Zier zu dienen. Ein Ausflug aufs Land lehrt uns dieses. Da ist im Schutze einer Hecke ein gelbes Sternblümchen erblüht, die gelbe Vogelmilch. Die Hecke ist— wie Roßmäßler so treffend sagt—«ganz und gar das Bild des UebergangeS vom Tode zum Leben. Neben den ab- schreckenden Zeichen des Todes, den noch fest hängenden Blättern des Hornbaumes, gehen die tausend goldeuen Blütensternlein des Hartriegel auf, der mit jenem die Hecke bildet. Leicht erkennt man einzelne noch nicht aufgesprungene dicke Blütenknospen neben den schmalen, spitzen Laubknospen, die noch einige Wochen warten, ehe sie es jenen nachtuit. An den straffen, schnurgeraden Zweigen sitzen die zierlich m Blütensträußchen paarweise gegenüber, und so klein die Blüten sind, weben sie doch einen zarten, goldgelben Schleier über die Teile der Hecke, die die Hartriegelstämmchen mit ihrem eisenfesten Holze dnrchflechten. Am Fuße der Hecke finden wir bunte Genossen der Vogelmilch. Dort ist die Hainanemone, die wohl nirgends in Deutschland als eine der ersten Sendbotinnen des Frühlings fehlt; denn in Hainen und auf Wiesen, an Zäunen und Feldrainen erblicken wir sie überall, wie sie gesellig beisammensteht und auch dem unaufmerksamen Auge auffällt durch ihren regelmäßig abgeschlossenen Bau, indem am dünnen, spannenlangen Stengel ans dem Vereinigungspunkte der stets dreifach zerteilten Blätter die immer nur eine weiße, nickende Blüte emporragt. Dort lockt ein sumpfiges Gebüsch, auf dessen Gezweig der ver- hüllende Blätterschleier den Blick in sein Inneres noch nicht wehrt. Ein gelber, magischer Schimmer ist darüber ausgegossen. Er geht von den grüngelben Blütensträußen des Spitzahorns aus, von den gelben Kätzchen des Weidenbusches und den gelben Raupen der Frau Hasel. Wie ist hier so recht eigentlich alleö ein Auferstehungsfest I Alles trägt noch das Merkmal des jungen, erst geborenen Lebens. Alles leuchtet golden; denn fast nur gelbe Blüten strahlen uns ent- gegen. Junge? Leben und noch unverweste Leichname kämpfen noch um die Behauptung des Planes. Noch bedecken zahllose dürre Blätter den Boden. Die Macht der Auflösung ist noch nicht mit ihnen fertig geworden, aber sie sind morsch und ihrem endlichen Zerfallen nahe genug; die mit jedem neuen Morgen steigende Wärme, Tau und Regen wird fie bald vollends beseitigen, und bald legt sich ein dichter Rasen üppig emporsprießender Kräuter über sie hin und schöpft aus dem Stoffe ihrer Auflösung neuen Lebenssaft. Dort steht, alle überstrahlend, in kräftigem Bau die Dotter» blume. Ihre stranimen, kurzen Stengelglieder tragen in fügend» sicher Kraft die glänzenden, herzförmigen Blätter, durchdrungen von einem saftigen, fetten Grün. Jene ähnliche Pflanze ist das Schar» bockskraut. Während die meisten Frühjahrspflanzen ihr lachendes Blütengesicht zwar nur dem Frühling zeigen, aber noch lpnge dem nach ihm folgenden Herrn dienen, unter dessen Regiment ihren Samen reifend und in der Belaubung fortlebend— so erwacht und stirbt diese Pflanze mit dem Lenze, nichts übrig lassend als «Tausende von kleinen, neckenden Kobolden". So nennt der Nestor volkstümlicher Naturbeschreibung die kleinen Knöllchen, durch die sich das Scharbockskraut fortpflanzt und die die Ursache bilden zu den Erzählungen vom Getreideregen. Nicht nur draußen im Felde, auch im Garten sind FloraS Kinder, seit Wochen zum Teil, aus dem diesmal so kurzen Winter» schlaf erwacht. Maßliebchen hat init dem Blühen kaum aufgehört. Die Schneerose konnte längst ihre Pracht entfalten. Schneeglöckchen, Märzbecher, gelber Safran und seine weißen und blauen Brüder sind mit vielen anderen Zwiebelgeivächsen im Verein bemüht, dem Garten ein frühlingsmäßiges Aussehen zu verleihen. Im Boskett lnn's die Kätzchenträger ihren Schwestern und Brüdern draußen im Felde gleich. Und unter ihnen verbreitet ein Bewohner unserer Wälder balsamischen Duft: der Seidelbast, den der Gärtner in Kultur nahm, und der aus der kleinen Waldform verschiedene großblumige Gartenformen züchtete. Ein anderer Strauch entzückt durch seine gelben Blüten, es ist die Forsythia. Die schlanken, dicht mit Blumen besetzten Zweige dieses Strauches nehmen sich in der Blumenvase ganz besonders vornehm aus. Eine besonders frühe Magnolie hat bereits ihre weißen Blumen ge- öffnet; die farbigen Schwestern dieser Pflanze werden sich ihr in Kürze anschließen. Auch von Prunusaiten blühen manche schon recht zeitig im Frühjahr. Da ist der rosenrot gefüllte Mandelbaum, den die Gärtner bereits vor Weihnachten zur Blüte zwingen; dann die gewöhnliche Schlehe, von der die Gärtner auch eine gefüllte, gleich- falls weiß blühende Abart herangezüchtet haben; da ist die japanische Mandelkirsche und unser gewöhnlicher Mandelbaum mit seiner gefüllten Form— das sind nur einige der frühbltthenden Prunusarten. Die Ribesarten kommen hinzu mit goldgelb blühenden, rötlichen und bluttoten Blütentrauben. Die Spiräe entsendet aus ihrer artenreichen Gattung gleichfalls einige Frühblüher, so Thun- bergs Spiräe mit kurz gestielten, in Büscheln stehenden weißen Blüten» knöpfchen und andere mehr. Im Staudenguartier des Gartens will's dies Jahr natürlich anch zeitiger zur Blüte kommen. Das reckt sich und streckt sich und wächst heraus aus dem Boden, daß es eine Lust ist, zuzuschauen. Muß das binnen kurzem einen herrlichen Blumenflor abgeben l Wenn nur kein garstiger Sturm mit Eis und Kälte dazlvischenfährt und die zarten Kinder FloraS ob ihrer Naseweisheit straft I Es wäre schade um die keimende Herrlichkeit. Und wer ein Gärtchen sein eigen nennt, der gebe darum Obacht, er schütze seine Lieb» linge vor gefahrdrohenden Nächten; sie werden's dankbar lohnen. iL K. Kleines femtteton. Kunstgewerbe. Moderne Glasbilder. Zwei große Berliner Glas- maiereien haben den vernünftigen Gedanken gehabt, Werkstattausstellungen zu veranstalten. Es verlohnt sich sehr, dorthin zu gehen. Der eine Aussteller ist Gottfried Heinersdorff, Münchener Straß? 49, der andere I. Schmidt. Potsdamer Straße 38, im Lipper» heide-Hans. Sonnabend und Sonntag sind beide Ausstellungen bei freiem Eintritt noch zugänglich. Heinersdorf von 10—2� Schmidt von 9— 5 Uhr. Was gibt es dort zu sehen, was ist eine Glasmalerei? Wie werden sie zumeist als einen Scbmnck des Fensters vermuten. Das Fenster aber gehört zu den architektonischen Elementen. Um so mehr, wenn es durch Form und Farbe die Aufmerksamkeit in er» höhtem Grade beansprucht. Es hat den Gesetzen des Raumes und der den Raum begrenzenden Flächen zu gehorchen. Damit ist ge- sagt, daß das bunte Fenster, ob fest montiert, ob mobil, niemals eine Ausbuchtung des Räumlichen verursachen darf. Einem Fensterbild gebührt ke-n perspektivischer, dreidimensionaler Effekt; das Fensterbild soll, obgleich es das Licht einläßt, doch ein Abschluß sein und die Festigkeit des Raumes unterstützen. Welcher Art auch immer das Motiv des Glasfensters sein möge, die formale Lösung hat den Bedingungen des Ornamentes zu genügen. Das Fenster- bild, dos mechanisch das HinauSschwdfen des Blickes hindert, soll auch psychologisch und ästhetisch das sinnliche und geistige Auge in das Rauminnere bannen. Durch das Glasbild soll der Raum seinem Wesen nach eine erhöhte Wirkung, eine tiefere Wärme, einen größeren Reichtum, eine entschiedenere Geschlossenheit be- kommen. Dennoch bedeutet gerade die Transparenz das Leben des Glasbildes. Das Glasbild soll eine Mauer aus farbigem Licht vortäusche», � Mes. ivaS die TranSpar-nz mindert, ist zu meiden. Dazu gehört vor allem pastos aufgetragene garte. Woraus folgt, daß der Begriff Glasmalerei eigentlich ein Verlegenheitsprodukt ist. ES werden wohl einige Stoffe, das Schwarzlot, das Silbergelb Mit dem Pinsel aufgetragen; dem Prinzip nach betbleibt aber die Farbwirkung dem Glaskörper. Man könnte also mit Recht von «einem Glasmosaik reden, einem Zusammensetzen des Bildes aus einzelnen Stücken farbiger Gläser. Es hat in der Tat Zeiten ge- Reben, dw allein dies musivische Verfahren nutzten; auch heute derivendei zum Beispiel Kolo Moser in Wien prinzipiell das reine Gla-mosaik. In den weitaus meisten Fällen aber wird die Wir- ZfljK, der durch die Bleirutcn zusammengehaltenen farbigen Gläser mit Hilfe von Schvarzlot und Silbergelb bereichert. Durch das Schwarzlot lassen sich Schatten und Halbtöne, Abdunkelungen, Be- lebungen innerhalb einer Farbfläche schaffen; das Silbergelb kann «ls reine Farbe, kann aber auch als Mtschmittel genutzt werden, ickva so, daß Blau durch die Hinterschmelzung von Silber beim Lichldurchfall in Grün gewandelt wird. Die Skala solcher Nuan- rierung ist sehr groß. Es gibt indes noch andere Mittel, die Effekte des GlaSsensters zu mehren. Man kann zwei Gläser von der- schiedener Farbe übereinander legen, auch Gläser von verschiedener Struktur. Oder man vertvcnder Ueberfanggläser, das heißt Scheiben, die aus zwei übereinander geschmolzenen Farben be- stehen. Man kann dann nach dem Schema einer bestimmten Zeich- mung eine der Schichten fortätzen und so etwa weiße Streifen in «einer roten Fläche oder blaue Punkte in Violett(dann wurde das Rot fortgeäzt) gewinnen. Man sieht also, daß der Glasmalerei mancherlei Möglichkeiten der Farbmischung, der Lichtnuanciernng «und der Musterung innerhalb einer Glasfarbe zur Verfügung stehen; Bedingung aber bleibt: daß niemals Farbstoff in dem Sinne, wie ihn etwa die Tafel- oder Wandmalerei benutzt, aufge- malt wird. Und zwar darum, weil jede aufgemalte Farbe die Transparenz und dadurch die Wirkung des Glasbildes beeinträch Ligen würde. Solcherart sind nun die Arbeiten in den beiden Ausstellungen. Und was sonderlich beachtet sein will: sie sind zumeist Ausführungen «ach Entwürfen vortrefflicher Künstler. Bei Heincrsdorff finden »vir den leidenschaftlichen Pechstein, der satte Gluten aufbrennen läßt: wir finden Thorn-Prikkcr, einen Meister der monumentalen (Genie, der ein Aeußerstes aus den Bleien zu gewinnen weiß. Bei Schmidt gehören die besten Fenster dem Professor Joseph Goller, dem Professor A. Gußmann. Von Goller phantastische Kom- Positionen, stark und behäbig in der Form, saftig in der Farbe. Von Gußmni!» ein grüngrauer Kruzifixus, auf blauem, flächig ab- tschattiertem Grund, der Nhmbus und ein Fleck zu den Füßen in brennendem Rot. R. Br. Physiologisches. Die Bekömmlichkeit der Gemüse. Eine reichliche Werücksichtigung von Gemüse in der täglichen Ernährung gehört zu den Grundsätzen, die ganz allgemein befürwortet werden. Auch twenn man nicht der gänzlichen Ausscheidung von Fleisch aus dem Speisezettel daS Wort reden will, so besteht doch heute volle Einig- Zeit in der Annahme, daß reine Fleischnahrung unter Ausschaltung don Gemüse für die dauernde(Äsunderhaltuug des Körpers nicht guträg'ich ist. Dabei spricht aber eine merkwürdige Frage mit, deren «Ausklärnng der Wissenschaft nicht leicht fällt. Alle Pflanzenteile ienthalten eine größere oder geringere Menge von Holzstoff LZellulose), der außerhalb des Magens nur unter Mitwirkung von Waktericn gelöst werden kann, indem diese die Zellwände sprengen, «Und zwar dadurch, daß sie eine Gärung einleiten. Ueber das darin tliegende Rätsel der tatsächlich zustande kommenden Verdauung von (Zellulose im tierischen und menschlichen Körper hat sich Profesior Ad. Schmidt aus Halle im Verein für innere Medizin in Berlin «ausgesprochen. Die großen Wiederkäuer wie die Rinder können eine Sewaliige Menge von Zellulose ihrem Körper einverleiben, nämlich Itaglick etwa 3 Kilogramm. Allerdings tritt die Verdauung der (Zellulose hauptsächlich erst im Darm ein, und zwar beim Tier dort, (wo am meisten Bakterien vorhanden sind, während beim Menschen «merkwürdigerweise die Zelluloseverdauung am besten stattfindet, »venn möglichst wenig Bakterien:m Darm vorhanden sind. Diese Widersprüche lösen sich wahrscheinlich teilweise durch die Berücksichti- igung der Tatsache, daß die Zellulose immer mit anderen Stoffen verbunden vorkommt und demnach auch ganz verschiedenen Wir- {hingen, unterliegt. Soviel ist sicher, daß sie für den Menschen schlechthin unver- Haulick ist, wenn sie nicht für den Genuß in geeigneter Weise vor- bereitet ist. Deshalb sind alle Arten von rohem Gemüse, zum Bei- (spiel Radieschen oder Mohrrüben, schwer verdaulich und werden nur «zum Teil ausgenutzt. Wie in allen Fällen sind die einzelnen Mcnsct�n freilich auch in diesem Punkt nach ihren Fähigkeiten sehr verschieden veranlagt. Manche werden auch roh« Gemüse hinreichend bewältigen, während andere sogar gekochtes Gemüse, zum Beispiel jErbscn, nicht zu verdauen vermögen. Professor Schmidt hat den «Gründen nachgespürt, aus denen diese Unterschiede beruhen. Sie {beginnen kreiis bei der Zerkleinerung im Munde, deren gesund- Zeitliche Bedeutung auch bei der Kindercrziehung noch viel stärker berücksichtigt werden müßte, als es gewöhnlich bisher geschieht. K» zweiter Linie ist die Zusammensetzung und Menge des Magen- Efts von Bedeutung. Wo in dieser Hinsicht ein Mangel vorliegt, r im allgemeinen mit dem Ausdruck„schlechter Magen" bezeichnet töerantwortl. Redakteur: Älbcrt Wachs, Berlin.— Druck it. Verlag: wird, muß ein Gemüse, wenn es als Nahrungsmittel voll zur Geltung kommen soll, nicht allein gekocht, sondern auch noch durch- geschlagen werden, damit die Zellwände bereits vorher eine Zer« kleinerung erfahren haben. Am schwersten verdaulich von allen Stoffen, die mit den Gemüsen in eine Gruppe gestellt werden, sind die Pilze, weil sie außer der Zellulose auch noch das sogenannte Chitin enthalten. Beiläufig sei noch bemerkt, daß die Gewohnheit, einem Gemüse beim Kochen etwas Natron zuzusetzen, die Verdau- lichkeit der darin enthaltenen Zellulose nicht verbessert. Technisches. Das Spiegelglas und seine Herstellung. Die Kenntnis des Glases geht weit zurück in die Geschichte der Mensch- heit; die ersten Anfänge verlieren sich im Dunkel der Vergangen- heit. Die Geschichte der Herstellung des Spiegelglases hingegen liegt innerhalb der letzten 200 Jahre. Es besteht aus denselben Grundbestandteilen wie das gewöhnliche Glas mit Hinzusetzung von etwas Arsenik und Holzkohle. Die Fabrikation ist sehr müh- sam und verlangt große Sorgfalt, sofern die besten Qualitäten erzielt werden sollen. Das meiste Spiegelglas wird in Frankreich und Belgien verfertigt, und es ist wohl von Interesse, dem Fabri- kationsprozeß in einem dieser großen Spiegelglaswerke zu folgen. Wer zum ersten Male bei Nacht ein derart großes Spiegelglaswer! betritt, wird sich wundern, alle Schmelzöfen geschloffen zu finden. Nur das dumpfe Geräusch eines mächtigen, aber eingeschloffenen Feuers ist in der Stille vernehmbar. Von Zeit zu Zeit öffnet ein Arbeiter eine Klappe, um in den Ofen zu sehen und den Zu- stand des Glases zu beobachten. In den Augenblicken beleuchtet dann eine lange, bläuliche Flamme die Seiten der nahestehenden Kühlöfen, die schweren, großen Gicßplatten und einige Matratzen. auf denen halbangekleidcte Arbeiter ruhig schlafen. Plötzlich schlagt die Uhr; ein Signal erschallt, die Pfeife des Aufsehers ertönt, und ungefähr dreißig starke Männer erheben sich von den Matratzen. Jetzt beginnt die Arbeit mit einer Geschwindigkeit und Präzision wie bei einem Artilleriemanüver. Die Schmelzöfen werden geöffnet; große mechanische Vorrichtungen erfassen die glühenden Schmelz- tiegel, ziehen sie aus dem Ofen, heben sie empor und bewegen sie gleich kolossalen Feuerkugeln an den schwarzen, eisernen Balken der Decke entlang. Plötzlich halten sie an, und jeder der gewaltigen Kessel senkt sich'langsam über einen großen gußeisernen Tisch, der vor dem geöffneten Tchlunde eines Kühlofens steht. Wieder ertönt ein Signal; die Schmelztiegcl neigen sich, und die schöne, opal- artige Flüssigkeit ergießt sich glänzend, durchsichtig und geschmeidig über die Platten auf den Tischen. Auf ein neues Signal bewegt sich eine Walze über das glühende Glas, worauf dann ein Arbeiter nnt kühner, sicherer Hand die etwa sich zeigenden Fehler in der Flüssigkeit abschöpft. Hierauf schieben ungefähr zwanzig Arbeiter mit ihren Werkzeugen die großen Platten mit dem Glase in den Ofen, wo es langsam gekühlt wird. Das Herausnehmen aus dem Kühlofen ist nicht von so drama- tischen Szenen begleitet wie das Gießen. Dennoch ist es interessant zu beobachten, wie zwölf Arbeiter, nur mit Lcderricmen versehen, die große, dünne, zerbrechliche Platte heben und sie in langsamen, genau Takt haltenden Schritten auf den Kanten von den Oefen nach den Gestellen bringen, wo jetzt das Schleifen und Polieren vorgenommen wird. Das Glas ist noch rauh und undurchsichtig: erst allmählich bekommt eS durch das Schleifen und Polieren die kristallartige Durchsichtigkeit und wunderbare Glätte, die wir an ihm schätzen. Das Schleifen selbst wird durch Maschinen mit erst grobem, dann immer feinerem Sande bewerkstelligt, bis zuletzt eim Polieren, das bei dem besten Glase mit der Hand geschieht, allcrfeinsteS Sandpapier in Anwendung kommt. Bei diesem Prozeß verliert das Glas immer mehr als ein Drittel seines Ursprung- lichen Gewichtes. Die größten Platten, die bis jetzt angefertigt worden sind, haben einen Flächeninhalt von ungefähr 27 Quadratmetern, bei einer Dicke, die zwischen drei Fünftel und einem ganzen Zentimeter schwankt. Wie sich denken läßt, bietet der Transport dieser großen, dünnen Flächen erhebliche Schwierigkeiten. Solche Scheiben, die viele hundert Mark kosten, können unmöglich auf gewöhnlichem Wege von der Fabrik nach ihrem Bestimmungsort befördert werden; auch sind die gewöhnlichen Eisenbahnwaggons für den Transport ganz ungeeignet. Gewöhnlich werden drei große Platten in einem Holzkasten mit zwischen liegendem Stroh ganz eng zusammengepackt. Diese Kasten werden dann auf eigens dazu von den Glaswerken gebaute Eisenbahnwagen geladen, deren Boden so tief ist, daß er fast mit den Gleisen gleichlöuft. Diese Vertiefung ist notwendig, damit die hohen Kasten die Tunnel und Brücken passieren können. Die Kasten stehen natürlich auf der Kante, und jeder Wagen ent- hält sechs bis acht derselben. Von den Eisenabhnwagen werden sie dann mit großer Sorgfalt auf Wagen geladen, die wieder so gebaut sind, daß die Kasten so tief wie möglich zwischen die Achsen der Räder einsinken können. Der hohe Preis des Spiegelglases und die Gefahr des Zer- brechens, auch nachdem es in den Gebäuden angebracht ist. gibt natürlich zahlreichen Spiegclglas-Verfichcrungsgesellschaften ein ausgedehntes Betätigungsgebiet. Je nach der Lage des Gebäudes wird die Prämie bestimmt, da die Gefahr des Brechens natürlich sehr von der örtlichen Situation abhängt. vorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singers-Eo-xBerlinL VV,