Mnterhaltimgsvlatt des Horwärls Nr. 64. Freitag, den 31. März. 191t 2] Zreu. ICKatSSruJ rniotnj Von Alexander L. Kielland. II, Eines Tages im Spätherbst war eine Mittagsgesellschaft keim Großhändler: die Familie war schon längst wieder nach Her Stadt gezogen. Die Unterhaltung floß lange matt und swckend, bis sie sich plötzlich löste und zu einem wilden Wasserfall wurde. Denn unten an der Seite des Tisches, wo die Frau des Hauses .saß. war die Frage aufgetaucht: ob man eine Dame eine feine Dame— eine wirklich feine Dame nennen könnte, von der man wüßte, daß sie auf einem Dampfschiff ihre Füße auf ein Daburett gelegt hätte— niedrige Schuhe, gestickte Strümpfe. Und— seltsam genug, als ob jeder einzelne in der Ge- sellschaft sein halbes Leben damit verbracht habe, diese Frage gu erwägen— alle warfen ihre vollständig fertige, uner- schütterliche Meinung auf den Tisch: es bildeten sich in einem Nu zwei Parteien: die unerschütterlichen Meinungen prallten aufeinander, fielen zu Boden, wurden wieder aufgenommen, aint dann mit immer zunehmendem Eifer wieder verworfen zu werden. Oben an dem anderen Ende des Tisches nahm man nicht an diesem lebhaften Gespräch teil. In der Näl>e des Wirtes saßen meist ältere Herren, und wie brennend auch ihre Damen wünschen mochten, jener Frage dadurch ihre endgültige Lösung gu geben, daß sie ihre unerschütterliche Meinung aussprächen, mußten sie doch darauf verzichten, weil der Brennpunkt des lebhaften Gesprächs von einigen jungen Kandidaten ganz unten bei der Wirtin gebildet wurde und die Entfernung zu groß war. „Es scheint mir, daß ich das große, gelbe Beest heute nicht hier sehe," sagte Kandidat Hansen in seinem übellaunigen Ton. „Nein, leider!— Treu ist heute nicht hier. Der arme Kerl!— ich habe ihn ersuchen müssen, mir einen unange- inehmen Dienst zu erweisen." Der Großhändler sprach immer von Treu wie von einem geschätzten Geschäftsfreund. „Sie machen mich ganz neugierig. Wo ist das süße Tier?" „Ach— meine Gnädige!— das ist. weiß Gott, eine langweilige Geschichte. Denn— sehen Sie— draußen auf unserem Kohlenlager in Kristianshavn ist gestohlen worden." „Wie!— allmächtiger Gott!— gestohlen!" Vermutlich ist die Sache schon längere Zeit hindurch im Schwange gewesen." „Haben Sie denn beyrcrkt, daß die Vorräte abnahmen?" Doch da mußte der Großhändler lachen, was er selten tat:„Nein, nein!— bester Herr Doktor!— Entschuldigen Sie, daß ich lache: aber Sie sind wirtlich naiv. Es liegen wohl so ziemlich 100 000 Tonnen Lfohleit da draußen, Sie werden wohl begreifen, daß es schwer lväre—" „Da müßte schon die ganze Nacht mit zwei Pferden ge- stöhlen werden." fiel ein jüngerer Geschäftsmann, der witzig war, ein. Der Großhändler fuhr, als er ausgelacht hatte, fort: ».Nein, sehen Sie! Der Diebstahl ist dadurch entdeckt worden, daß gestern ein wenig Schnee fiel." „Was sagen Sie? Schnee— gestern? Davon habe ich nichts gemerkt." „Es war auch nicht zu einer Zeit, wo wir wach sind— gnädige Frau! sondern ganz früh am Morgen fiel gestern ein benig Schnee. Und als meine Leute an den Platz kamen, wo die Ltzohlen liegen, entdeckten sie Fußspuren des Diebes oder der Diebe. Es stellte sich heraus, daß einige Planken im Zaun lose waren, aber mit soviel Kunst wieder zusammen- geftigt, daß niemand darauf aufmerksam werden konnte. Und so findet also der Diebstahl Nacht für Nacht durch den Zaun statt:— ist das nicht empörend?" „Aber halten Sie denn keinen Wachthund, Herr Groß- Händler?" „Doch, natürlich: aber es ist ein junges Tier— übrigens ausgezeichnete Rasse— halb Bluthund— und wie es dies» Schurken fertig bringen, weiß ich nicht, aber jedenfalls sieht es aus, als ob sie mit dem Tier auf freundschaftlichem Fuß« stehen: denn man fand die Fußspuren des Hundes mitten unter denen der Diebe." „Das ist doch merkwürdig: und jetzt soll Treu also tietv suchen—" „Ja, ganz recht!— heute habe ich Treu hinausgeschickk, er wird mir schon die Schurken erwischen." Könnte man nicht die losen Bretter ordentlich festnageln?" „Das könnte man schon, Herr Kandidat Hansen!— aber ich will die Kerls fassen: sie sollen ihre wohlverdiente Strafe haben: mein Rechtsbetoußtsein ist aufs tiefste verletzt." „Es ist doch herrlich, ein so treues Tier zu haben." „Ja— nicht wahr?— meine Gnädigste! Wir Mensche» müssen zu unserer Schande gestehen, daß wir in so manche« Hinsicht vor den unvernünftigen Tieren zurückstehen." „Ja— aber Herr Großhändler! Treu ist auch eine Perle« Er ist ohne Zweifel der schönste Hund in ganz— Könstanti- nopel," unterbrach Kandidat Hansen. „Das ist ein alter Witz von Herrn Hansen," erklärte der Großhändler:„er hat das Athen des Nordens in das Kon- stantinopel des Nordens umgetauft, weil er findet, daß hiev zuviel Hunde sind." „Das ist gut für die Hundesteuer," meinte einer. „Ja, wenn die Hundesteuer nicht so ungerecht berleilk würde," brummte Kandidat Hansen: es hat doch keinen Sinn, daß eine grite, alte Dame, die sich einen Hund in einem Nähbeutcl hält,— daß sie ebensoviel bezahlen muß wie jemand, der seine Mitmenschen dadurch zu belästigen beliebt, daß er der Besitzer eines halbwilden Tieres von der Größe eines kleinen Löwen ist." „Wie würden— wenn ich fragen darf— der Herr Kandidat die Hundesteuer berechnet haben wollen»?" „Nach dem Gewicht natürlich," antwortete'Herr Viggo Hansen, ohne sich zu besinnen. Die alten Großhändler und Stadtverordneten lachten so» herzlich bei dem Gedanken, die Hunde zu lvägen, daß die untere Hälfte des Tisches, wo man noch immer eifrig mit un- erschütterlichcn Meinungen um sich warf, aufmerksam wurde und ihre Meinungen fallen ließ, um dem Gespräch über die Hunde zuzuhören. Und die Frage: ob man eine Dame eine feine Dame---» eine wirklich feine Dame nennen kann, von der man weiß, daß sie auf einem Dampfschiff ihre Füße auf ein Taburett gelegt hat— niedrige Schuhe, gesfickte Strümpfe— sie blieb auch un- gelöst in der Luft schweben. „Sie scheinen die Hunde geradezu zu hassen, Herr Kan« didat!" sagte seine Tischdame noch lachend. „Ich will Ihnen was sagen— Frau Hansen!" rief dev Doktor über den Tisch,„er hat so furchtbare Angst vor Hunden." „Aber eins müssen Sie doch zugeben— Herr Kandidat." fuhr Frau Hansen fort,„daß der Hund zu allen Zeiten der treue Begleiter des Menschen getvesen ist." „Ja— das ist wahr— gnädige Frau! und ich könnte Ihnen erzählen, sowohl was der- Hund vom Menschen, wie was der Mensch vom Hunde gelernt hat." „O, erzählen Sie bitte!" rief Man von mehreren Seiten« „Mit Vergnügen!— zunächsryat der Mensch den Hund das Schweifwedeln gelehrt." „Das wäre doch höchst merkwürdig!" rief die alte Groß- mutier. „Dann hat der Hund sich alle die Eigenschaften an- geeignet, die die Menschen niedrig und unzuverlässig machen: kriechende Schmeichelei nach oben und Roheit und Verachtung nach unten. Das engherzigste Beharren am eigenen und Miß- trauen und Feindschaft gegen alles andere. Ja, so gelehrig ist das edle Tier gewesen, daß es sogar die rein menschliche Kunst versteht: die Leute nach den Kleidern zu beurteilen: wohlgekleidcte Menschen läßt er unbehelligt, aber den Zer- lumpten fährt er ohne weiteres an dw Waden." Hier wurde der Kandidat durch einen vielstiminigen Ausruf der Entrüstung unterbrochen, und Fräulein Thyra ballte erbittert ihre kleine Hand um das Obstmesser, — 254— Aber es gab doch einige, die hören» tvolltcn, waS denn der Mensch vom Hunde gelernt habe, und Herr Viggo Hansen fuhr fort, immer eifriger und bitterer werdend. „Der Mensch hat vom Hunde gelernt, auf die kriechende, unverdiente Verehrung Wert zu legen. Wenn weder Unge� rechtigkeit noch Mißhandlung je etwas anderem als diesem ewigen Schweifwedeln, auf dem Bauchliegen> und Speichel- lecken begegnet sind, so endet es damit, daß der Herr sich für einen prächtigen Kerl hält, dem all diese Anhänglichkeit mit Recht zuteil wird. Und indem er die ain Hund gemachten Erfahrungen auf seinen nienschlichen Verkehr überträgt, legt er sich weniger Zwang auf— in der Erwartung, wedelnden Schweifen und leckenden Zungen zu begegnen. Und wird er dabei enttäuscht, so verachtet er den Menschen und wendet sich mit hohen Lobreden dem Hunde zu." Zum zweitenmal wurde er unterbrochen: einige lachten, aber die meisten waren empört. Viggo Hansen war indes in »Zug gekommen, seine kleine, scharfe Stimme drang durch die Einwendungen hindurch, und er behielt das Wort. „Und während wir von Hunden reden, möchte ich eine außerordentlich tiefsinnige Hypothese von mir selbst vor- bringen. Sollte es nicht ein für unseren Nationalcharakter bezeichnender Zug sein, daß gerade wir hierzulande diese edle Hunderasse hervorgebracht haben: die berühmten echten dänischen Hunde? Dieses starke, breitbrüstige Tier mit den gewaltigen Tahen, dem schwarzen Rachen und den fürchter- lichen Zähnen, aber dabei so gutmütig, unschädlich und liebens- würdig— erinnert es nicht an die berühmte, unverwüstliche dänische Loyalität, die der Ungerechtigkeit und Mißhandlung nie anders als mit einigem Schweifwedeln, auf dem Bauch Liegen und Spcichellcckcn begegnet ist? Und wenn wir dieses Tier bewundern, das nach unserem eigenen Bilde geschaffen ist, streicheln wir ihm dann nicht mit einem wehmütigen Selbstlob den Kopf: Du bist doch ein guter, treuer Hund, ein richtig großes, prächtiges Tier." „Hören Sie, Herr Kandidat Hansen! ich will nicht unter- lassen, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß es in meinem Hause gewisse Dinge gibt, die--" Der Wirt war zornig; aber ein gutmütiger Verwandter des Hauses beeilte sich, ihn zu unterbrechen:„Ich bin Land- mann, und Sie werden doch wohl zugeben, Herr Kandidat, daß für uns ein guter Hofhund geradezu eine Notwendigkeit ist— he?" „O ja— ein kleiner Köter, der kläffen kann, so daß der Knecht aufwacht." „Nein, ich danke, wir müssen schon einen ordentlichen Hund haben, der die Schurken am Schlafittchen kriegen kann. Ich für mein Teil habe einen Bluthund." „Und wenn dann ein braver Kerl gelaufen kommt, um Ihnen zu melden, daß es im Hintergebäude brennt, und ihm dann Ihr prächtiger Bluthund an die Kehle fährt— was dann?" „Ja— dann hat er Pech gehabt," lachte der Landmann; und die andern lachten auch. Herr Viggo Hansen war jetzt eifrig geworden, er ant- wartete nach allen«eiten hin und stellte die unsinnigsten Paradoxa auf, so daß besonders die Jugend sich köstlich anüi- sierte, ohne die zunehmende Bitterkeit iveiter zu bemerken. „Aber die Wachthunde— die Wachthnnde müssen Sie uns doch lassen, Herr Kandidat!" rief ein Kohlenhändler lachend. „Keineswegs! Es gibt nichts Unsinnigeres, als daß ein armer Mann, der keine Kohlen bat, der kommt, um seinen Sack an einem Kohlenberg zu füllen— daß der von wilden Tieren zerrissen werden chAl. Zwischen einem so geringen Verschen und einer so fürchterlichen Strafe besteht gar kein vernünftiges Verhältnis." „Dürfen wir nicht erfahren, wie Sie Ihren Kohlenberg beschützen würden, wenn Sie einen hätten?' „Ich würde einen sicheren Bretterzaun errichten lassen, und lvcnn ich sehr ängstlich märe, würde ich einen Wächter halten, der höflich, aber bestimmt denen, di� mit dem Sack kämen, sagen müßte: Entschuldigen Sie!— aber mein Herr ist sehr genau. Sie dürfen Ihren Sack nicht füllen: machen- Sie, daß Sic fortkommen." Durch das allgemeine Gelächter, das diesem Paradoxon folgte, machte sich die Stimnie eines würdigen Geistlichen, der an: unteren Ende des Tisches bei den Damen saß, bemerkbar. „Es kommt mir vor, als ob in dieser Diskussion— etwas fehle— etwas, was ich das ethische Moment nennen möchte. Ist es nicht so, daß wir alle, die wir hier sitzen, in unserem Herzen ein bestimmtes, deutliches Gefühl haben für baS Empörende, das in dem Verbrechen liegt, das wir Diebstahl nennen." Allgemeine und warme Zustimmung. „Und muß es uns des weiteren nicht aufs tiefste enchören, wenn wir hören, wie ein Verbrechen, das sowohl nach göttlichem wie nach menschlichem Gesetz als eins der schlimmsten genannt wird, wie das zu einem geringen und un- bedeutenden Versehen herabgesetzt wird? Muß das nicht in hohem Grade umwälzend und gemeingefährlich wirken?" „Erlauben Sie auch mir," antwortete der unverdrossene Kandidat Hansen,„ein ethisches Moment hervorzuheben. Ist es nicht so, daß Unzählige, die nicht hier fitzen, in ihrem Herzen ein bestimmtes und deutliches Gefühl für das Empörende haben, das in dem Verbrechen liegt, das wiv Reichtum nennen? Und ob es wohl des weiteren nicht die, die selbst keine andere Kohle als einen leeren Sack besitzen, empören muß, wenn sie sehen, wie einer, der sich erlaubt, zwei- bis dreihunderttausend Tonnen zu besitzen, wilde Tiere zun Bewachung seines Kohlenberges losläßt und zu Bett geht, nachdem er an das Tor geschrieben hat: Die Wachthunde werden bei hereinbrechender Dunkelheit losgelassen. Muß das nicht in hohem Grade aufwiegelnd und gemeingefährlich wirken?" „O. Du mein Gott und Vater! er ist ja ein Sansculot!" rief die alte Großmutter. Die meisten Versammelten murmelten auch unzufrieden vor sich hin; er ging zu weit; das war kein Vergnügen mehr, Nur einige wenige lachten noch: er meint kein Wort von dem, was er sagt; es ist nur seine Art:— prosit Hansen!" Aber der Wirt nahm es ernster. Er dachte an sich selbst, und er dachte an Treu. Mit einer unheimlichen Höflichkeit! fing er an: „Darf ich zunächst fragen, was Sie, Herr Kandidat, unter einem vernünftigen Verhältnis zwischen Verbrechen und Strafe verstehen?" „Zum Beispiel," antwortete Herr Viggo Hansen, der jetzt ganz wild geworden war,„wenn ich hörte, daß ein Groß- Händler, der zwei- bis dreihunderttausend Tonnen Kohlen besitzt, einem armen Teufel verwehrt hätte, einen Sack davon zu füllen, und das eben dieser Großhändler zur Strafe von wilden Tieren zerrissen worden märe,— seht, das wäre etwas, was ich sehr leicht verstehen könnte: denn zwischen einer so großen Herzlosigkeit und einer so grausamen Strafe bestünde doch ein vernünftiges Verhältnis—" „Meine Damen und Heren! Meine Gattin und ich bitten Sie, fürlieb zu nehmen. Gesegnete Mahlzeit!" Es entstand ein heimliches Flüstern und Reden, und eine gedrückte Stimmung herrschte unter den Gästen, als man sich in den Salons verteilte. Der Wirt ging mit einem gezwungenen Lächeln umher, n.nd sobald er damit fertig war, jedem einzelnen gesegnete Mahlzeit zu wünschen, ging er Kandidat Hansen aufzusuchen, um ihm mit unzweideutigen Worten für immer die Tür zu weisen. Aber es war nicht mehr nötig: Herr Viggo Hansen hatte sie schon gefunden. lSchluß folgt.) Die Spektralaiialyfe. Zur Erinnerung an den tvv. Geburtstag Robert Bunfens. lgcb. 3l. März 1811— gest. 16. August 1899.) Wenn uns heutzutage die Wissenschaft davon zu erzählen weiß, aus welchen Stoffen die in den unendlichen Wcltenräumen zcr- streuten Sterne und Nebelflecke bestehen, so hat der menschliche Geist diese Wirkung in die Ferne einer Entdeckung zu verdanken. die auf immer mit dem Namen Robert B u n s e n s verknüpft sein wird. Zwar ist die wissenschaftliche Tat Bnnsens nicht als eine plötzlicke Erleuchtung gekommen, sondern durch die vorhergehende Entwickelung der wissenschaftlichen Probleme allmählich vorbereite! und notwendig geworden. Aber trotzdem oder vielmehr gerade des» halb— je mehr wir uns die Situation vor und nach der Entdeckung Dunsens vergegenwärtigen—, desto größer erscheint uns seine Tat. Die Grundlage der Speftralanalyse bildet die im Jahre 1666 von Isaak Newton entdeckte Farbenzerstreuung(Dispersion) de» weiße» Lich's. Läßt man ei» Büschel Sonnenlicht(es kann auch das Licht eines beliebigen weißglühenden festen Körpers sein) durch ein Prisma aus durchfichtigem Material gehen, so werden die Licht- strahlen abgelenkt, aber auch gleichädtig gerstreut. Und fängt man sie, indem man am besten das Licht durch eine schmale Spalte ins dunkle Zimmer eintreten läßt, jenseits des Prismas auf, so erhält man ein prächtiges farbiges Band, das den Namen Spektrum trägt. Dieses Band besteht aus vielen Farben: rot, orange, gelb, grün, blau, indigo, violett, die allmählich ineinander übergehen. Daß diese Farben nicht etwa durch das Prisma er- -zeugt, sondern im weihen Lichte tatsächlich enthalten sind, bewies Newton dadurch, daß er durch die umgekehrte Anordnung des Ver- fuchs die sieben Farben wieder zu weißem Licht vereinigte. Die Wellentheorie des Lichts erklärt diese Erscheinung, indem sie das weiße Licht aus Wellen verschiedener Länge bestehen läßt. Rot hat die größte Wellenlänge(0,00075 Millimeter), Violett die kleinste(0,00039 Millimeter); bei der Farbenzerstreuung treten die Strahlen mit verschiedener Wellenlänge gesondert auf und so ent- steht das farbige Sprektrum. Durch diese theoretische Feststellung ist das wissenschaftliche In- keresse an der prächtigen Farbenerscheinung bei weitem nicht er- schöpft. Denn bei der näheren Untersuchung des Sonnen spek- trums ergab sich, daß dieses Sprektrum nicht ununterbrochen, oder wie man sagt, kontinuierlich verläuft, sondern an bestimmten Stellen von schwarzen Linien verschiedener Dicke quer durchbrochen wird. Diese Linien, von denen man heutzutage etliche Tausend zählt, wurden zuerst vom deutschen Forscher I. Fraunhofer (1787— 1826) eingehend untersucht und beschrieben, weshalb sie auch seitdem seinen Namen tragen. Sie bedeuten, was unschwer einzu- sehen ist, daß im weißen Sonnenlichte immer die Strahlen ganz bestimmter Wellenlänge fehlen. Dadurch unterscheidet sich das Sonnenlicht vom Lichte solcher Körper wie Eisen, Platin, Kohle usw., die zur Weißglut gebracht sämtlich kontinuierliche Spektren liefern. Woher dieser auffallende Unterschied? Die Wissenschaft stand hier vor einem Rätsel. Aber auch von anderer Seite her bereitete das Spektrumpro- blem neue Schwierigkeiten, als man dazu überging, die Spektren der glühenden Dämpfe und Gase zu erforschen. Diese Spektren bilden sozusagen ein Gegenstück zu dem Sonnenspcktrum. Denn sie bestehen immer nur aus einer gewissen Anzahl farbiger Linien, oder— in der Sprache der Wellentheorie ausgedrückt— die glühenden Gase senden nur Strahlen von bestimmter Wellen- länge aus. Ist dieser Umstand von der Natur des glühenden Gases abhangig? Bilden solche Linienspektra ein charakteristisches Merk- mal der gasförmigen Stoffe? Man vermutete es, aber es fehlte an Beweisen. Hier griff nun B u n s e n ein. Als Chemiker trat er dem Problem von der Seite nahe, die die meiste Ausbeute für die che- mische Analyse versprach. Und als wunderbar geschickter Experi- mcntator führte er zwei neue Instrumente ins Feld, die ihm die sicheren Erfolge gerade dort brachten, wo seine Vorgänger scheiter- ten. In seinem Brenner, ohne den jetzt die Arbeit im Labo- ratorium geradezu undenkbar ist, hatte er sich eine n i ch t l e u ch- t e n d e Flammenquclle von ungeheuer hoher Temperatur(mehr als 2000 Grad) geschaffen, die ihm das Verdampfen mehrerer Metalle ermöglichte, wobei der leuchtende Dampf frei von allen Beimischun- gen blieb. Und der van ihm in Gemeinschaft mit seinem jüngeren Kollegen, dem Physiker G. Kirchhoff(1824— 1887) gebaute Spektralapparat oder Spektroskop bot ihm die Mög- lichkeit, die erhaltenen Linienspektren jederzeit zu fixieren und genau zu messen. Als Ergebnis dieser mit staunenswerter Geduld und Genauigkeit durchgeführten Versuche ergab sich folgendes Ge- setz: Jeder chemische Grundstoff besitzt als glühender Dampf ein ihm eigentümliches Linienspcktrum. So wird Natrium durch zwei dicht nebeneinander gelagerte Linien im Gelb des Spektrums cha- rakterisiert, Kalium durch eine rote und eine blaue, Strontium durch einige rote orangefarbene, gelbe und eine blaue Linie usw. Das Linienspektrum erweist sich also als ein Mittel der chemi- schen Analyse. Und was für eines! Man braucht nur in der Nähe der Flamme auf seinen Rockärmel zu schlagen, wobei kleine Stäubchen in die Flamme fliegen, um das Notriumspektrum zu bc- kommen! Schon gleich nach seiner Entdeckung(1860) hatte Dunsen die Freude, im Dürckheimer Mineralwasser zwei neue Metalle, das Caesium und Rubidium, aufzufinden. Im nächsten Jahre fand der Engländer Crookes auf dem Wege der Spektralanalyse das Ele- ment Thallium, dann folgte die Entdeckung von Indium(1875) usw. Und im Jahre 1895 fand der englische Chemiker Ramsay ein WaS(Helium), das schon im Jahre 1868, und zwar nicht auf der Erde, sondern auf der Sonne ermittelt wurde. Dies führt uns auf die andere Seite des Spcktrumproblems zurück— auf das Geheimnis der Fraunhoferschen Linien. Diesis Geheimnis wurde von dem schon erwähnten Mitarbeiter Bunsens, Kirchhoff, gelöst. Indem er das Sonnenspektrum mit dem Spektrum einiger Metalldämpfe verglich, gelang eS ihm festzustellen, daß die charakteristischen hellen Linien der Linienspck- tren den dunklen Fraunhoferschen Linien des Sonncnspektrums genau entsprechen. Um diesen Zusammenhang weiter zu crfor- schen, ließ er das Licht des glühenden Kalis— das sogenannte Drummondsche Licht— vor dem Eintritt in den Spektral- apparat den glühenden Ratriumdampf passieren. Und nun sah er, daß das sonst kontinuierliche Spektrum jetzt zwei Fraunhofersche Linien enthielt, und zwar an der Stelle, wo sich sonst gelbe Ra- triumlinien befinden.„Ich schließe." sagt er in seiner denkwürdi- gen Abhandlung„Uebcr die Fraunhoferschen Linien"(1860),„daß die dunklen Linien des Sonncnspektrums, welche nicht durch die Erdatmosphäre Herborgerufen werden, durch die Anwesenheit de?» jenigen Stoffe in der glühenden Sonnenatmosphäre entstehen!, welche in dem Spektrum einer Flamme helle Linien an demsetbenl Orte erzeugen." Oder, wenn man diesen Schluß in einer allgeB meinen Form ausdrückt: jeder glühende Dampf Vera schlingt(absorbiert) immer genau dieselbe Ar< Strahlen, die er selbst bei den gleichen Tempera« turbedingunge n aussendet. Die Spektralanalyse hat seitdem ihren Einzug in die entlegen!» sten Tiefen der Sternenwelt gehalten. Sie hat uns Kunde von deilZ chemischen Zusammensetzung der Sonnenatmosphäre gebracht, fiel lehrte uns die Natur der Nebelflecke kennen, sie erlaubte uns sogao die Eigenbewcgung der Fixsterne zu bestimmen. Und jetzt, wo die» Probleme über den Bau der Materie die gesamte Physilerwelt in» Spannung halten, ist es wiederum die Spektralanalyse, die uns gestattet, die wichtigsten Zusammenhänge zwischen Licht und Magne« tismus zu ermitteln.„Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen"— diesen Mahnspruch hat die Wissen, schaft in der Verwertung von Bunsens Erbe treu und redlich be« folgt. B. Th. JVIUtelalterlichc Juftiz unter f rledncb„dein Großen". In der Franz v. Liszt gewidmeten Festnummer der„Zeitschrifß für die gesamte Staatsrechtswissenschaft" behandelt der Münchenev Reichsarchivrat Hermann Knapp das süddeutsche Prozehverfahrei» der Handhafte im späteren Mittelalter. Handhafte ist das. was an der Tat haftet, handhaft die Tat, deren Merkmale an der Hand! haften. Handhaften sind das bei der Tat vorgefundene geraubte oder gestohlene Gut, das zerzauste Haar einer Genotzüchtigten, aber auch der Gemordete selbst. Führt man einen handhaften Täter vor, so gibt es für ihn keine Rechtsgarantien mehr, er wird ohne weiteres gerichtet. „Bei handhaftem Ehebruch steht dem Ehemann(aber nicht der Ehefrau) lange das Tötungsrccht der beiden Schuldigen gegenüber zu- mit der blutigen Waffe in der Hand läßt er sie, lebend oder tot» aufeinander gebunden, vor den Richter schleppen. Entkommt eines von ihnen nach Empfang einer Wunde und wird es später gefangen. so verfällt es dem Tode," Nach österreichischem Recht werden die Ehebrecher, aufeinander gebunden, in eine Grube gelegt und ge-> pfählt. Findet man einen Juden bei einer Christin in flagranti („an der hantgehat"), so werden beide verbrannt. Besonders grausam wird das Verrücken der Marksteine bestrafk. Ter Schuldige wird totgepflügt oder bis an den Gürtel an der Stelle, wo der Markstein gestanden, in das Erdreich gegraben, und man gibt ihm einen Becher Wasser in die Hand. Die Grausamkeit des mittelalterlichen Rechts hat sich bis inS 19. Jahrhundert, selbst in zivilisierten Ländern, erhalten und ist! sogar noch vielfach gesteigert worden. In demselben Hefte der genannten Zeitschrift berichtet Ernst Rosenfeld von der Ver» brennung eines Brand st ifters Höpner zu Berlin» am 15. August 1786. Dies Verfahren erfolgte vor dem peinlichen Halsgericht, unter freiem Himmel, vor dem Rathause. Höpner war als Diener bei einem Kriegsrat Fäsch in Stellung und hatte Feuer in der Wohnung seines Herrn angelegt, um einen Diebstahl zn verdecken. Er hatte 1300 Taler gestohlen(die wiedergefunden wurden) und einen Brandschaden von 400 Talern angerichtet. Er war geständig. Deshalb wurde der Unglückliche,„im Namen Gottes, des Allerhöchsten Richters, im Namen seiner königlichen Majestät unseres allergnädigften Königs und Landcsherrn, und in» Namen eines hochedlen Magistrats und Stadtgerichts hiesiger Rest, denzien" bei lebendigem Leibe verbrannt! In der Urteilsbegründung wird ausführlich untersucht, wie daS Delikt anzusehen sei. Es gäbe Rechtskundige, die bei Brandstif, tungen im Sinne des Artikels 125 der peinlichen Halsgerichts» ordnung das Verbrechen nur dann für vollendet halten, wenn eine große Verwüstung angerichtet oder wenigstens die Häuser und Sachen gänzlich verbrannt. Danach hätte Höpner eine Brandstiftung nur „attentiert"(persucht), da weder eine große Verwüstung angerichtet, noch das Schreibspind und die Betistelle, worunter das Feuer an- gelegt, gänzlich verbrannt seien. Aber die neueren Rechtslehrcc feien sich darüber einig, daß die Brandstiftung schon als vollbracht anzusehen sei, wenn die Sachen wirklich gebrannt babcn. Ferne« gelte als„gefährlich" eine Brandstiftung, wenn die Wohlfahrt eines Privatmannes von der Erhaltung des Hauses abhänge. Das treffe in diesem Falle zu. denn wenn die Absicht gelungen und das Spinde ganz verbrannt wäre, dann wären auch die Wertpapiere vernichtet worden und der Geschädigte würde ein armer Mann geworden sein. Außerdem hätte eine sehr alte und taube Frau verbrennen können. Sehr schwierig sei die Frage, ob man von einem eigentlichen Mord» brande reden könne. Als Kennzeichen, daß es sich in der Tat un» Mordbrcnncrei und nicht allein um einfache Brandstiftung handle» wird die Aussage Höpners verwertet, daß er nicht aus Rache, sondern um dcS Geldes willen das Feuer angelegt. Für viel strafwürdiger wird es erachtet, daß der Malefikant erst gestohlen, und dann zur Verdeckung des Diebstahls das Feuer angezündet und sich nicht erst durch das Feueranlegcn den Weg zum Diebstahl gebahnt habe. Strafvcrschärsend sei serner, daß die Gefahr einer Entdeckung nicht gewesen sei, zumal Von seinem sonstigen Lebenswandel nichts tciliges bekannt gewesen.»Da er also zur Anlegung deS IFeuerS wenig oder gar keine Veranlassung hatte, so mutz es notwendig ein sehr hoher Grad von Verdorbenheit und Bosheit voraus- setzen, da er wirklich dazu geschritten." Und nun wird die ganze Echcusäligkeit deS Verbrechers geschil- Kert:..Ein nicht ganz verdorbener Mensch würde bei dem Gedanken, mach Begehung eines Diebstahls, dessen Beweis immer schwergehal- Iten haben würde, noch Feuer anzulegen, zurückgeschreckt und davon vbgehalten worden sein; allein der Jnquisit blieb dabei ungerührt.. Kiemand, der ihn vor der Tat sähe, bemerkte dergleichen an ihm, Ia, er sann sogar der Bornefeldtin(dem Hauemädchen) einige lugenblicke vorher noch den Beischlaf an, wahrscheinlich v.m sich dieselbe, im Falle fie ihn bei dem Verbrechen ertappen sollte, dadurch Ijünstig zu machen... oder sie, im Falle ein Verdacht wider ihn entstehen sollte, mit in denselben zu ziehen." Wird so die Ruhe des Verbrechers als Beweis seiner Verdcrbtheit verwertet, so wird Unmittelbar darauf auch der Umstand, daß er Tags zuvor sehr un- ruhig gewesen,.zur Vergrößerung seiner Schuld" benutzt, weil daraus klar werde,„daß er das Abscheuliche seines vorgesetzten Ver- Drechens deutlich genug eingesehen haben müsse". Aber für diese fürchterlichen Richter wird das, was der An- Deklagte geltend macht, zu einem Scheit Holz für seinen Feuertod. Als der„wichtigste Umstand" des unsühnbaren Frevels'wird ge- würdigt, daß Höpner das„Verbrechen an seiner Brothcrrschaft" ver- Äbt,„der er zu ganz besonderer Treue verbunden war", und daß jsie gcständlich immer sehr gut gegen ihn gewesen. Und das höchst sittliche Motiv des Diebstahls—„nämlich eine gewisse Hinzen zu Kandsbcrg, der er schon längst die Ehe versprochen, zu heiraten, sich mit dem gestohlenen Geldc teils zu etablieren, teils seine Mutter gu unterstützen"— ist für diese preußischen Richter„nicht von dem gering üen Gewicht". Dann muß der Richter noch einen großen Aufwand juristischer Gelehrsamkeit von sich geben, ob wirklich der dunkle Artikel der wittelaltcrlichen„Hochgerichtsordnung": „Die boshaftigcn überwundenen Brenner sollen mit dem Feuer zum Tode gerichtet werde n". vuf diesen Fall passe. Alle entgegenstehenden Auffassungen der Kommentatoren werden mit ruchloser Rabulistik entkräftet. Auch beruft sich die Begründung auf Präzedenzfälle:„Der Criminal- Senat verurteilte unter dem l9. Mart. 1779 eine gewisse Stoltzin, die aus Rache bei ihrer Herrschaft Feuer angelegt,"zur Strafe des Schwerts, Ferner unter dem 39. November 1778 eine gewisse Kuhnen, die, gleichfalls aus Rache, wegen einer Diebcsbeschuldigung Feuer angelegt... gleichfalls zur Strafe des Schwertes und Ver- lbrennung ibres Körpers: Und beide Urtel wurden allerhöchst be- stätigct." Auch sei eine Weibsperson, die Flachs gestohlen, sich für den Amtmann fürchtete und deshalb Feuer anlegte, mit der Strafe deS Feuers, jedoch mit der Maßgabe, daß sie unvermerkt zu er- drosseln," belegt worden. Weder die Jugend, noch den schlechten Religionsunterricht, noch die Schwäche des Verstandes, noch die Unkenntnis der Tatwirkungen «und der strafrechtlichen Folgen— was alles der Verteidiger geltend machte— würdigte das Urteil als Mildcrungsgründc. Nach alle- dem sei die Strafe der Hinrichtung durch das Schwert zu milde. Dieses Urteil wurde vom Stadtgericht am 19. Juni 1786 dem König zur Bestätigung mit dem Anheimstellen überreicht,„ob nicht der Jnquisit vor Anzündung des Scheiterhaufens, vor den Augen deS Publikums unvermerkt, zu erdrosseln sein möchte". Friedrich II. „der Große", der König der Aufklärung) bestätigte das Urteil, ndem er— gemäß seiner Geheimorder vom 11. Dezember 17-19— �hinzufügte:„daß der zur Strafe des Feuers verurteilte Höpner unmittelbar vor Anzündung des Scheiterhaufens auf eine vor den (Augen des Publikums unmerkliche Art erdrosselt werde". Alle (Gnadengesuche wurden abschlägig beschieden. Der Dienstherr selbst bat um Gnade und hob die Geringfügigkeit des Schadens und das anständige Motiv(Geld für die Heirat zu gewinnen) hervor. Auf daS Gnadengesuch des Kricgsrats Fäsch schrieb der humane König: .„Er soll sich von seiner Sache meliren," was heißen sollte, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Druckschriften Ifür und wider das Urteil erschienen Am 15. August 1786 wurde Höpner auf oder vielmehr in einem Scheiterhaufen verbrannt; es war eine Art Holzbude, in die der Verurteilte verbracht wurde. Illustrationen des Vorgangs wurden zum abschreckenden Bei- (spiel verbreitet, und eine Druckschrist klärte darüber auf, daß dieses entsetzliche Justizvcrbrcchen als eine Art Bekräftigung der treußischen Gesindeordnung gedacht war. Diese Ten- mz geht schon au? dem Titel hervor:„Lebenslauf des gewesenen Bedienten Johann Christian Höpner, der sich des Verbrechens eines (Hausdiebes und Mordsbrenners schuldig gemacht hat und dafür am llv. August 1786, nahe bei der Gericktsstätte von Berlin, lebendig lverbrannt worden ist. Nach seiner eigenen Aussage beschrieben und jungen Leuten, besonders Dienstbothen zur Warnung heraus- jgegeben. Nebst dem Bildnis des Delinquenten." Dos war preußische Justiz und soziale Auffassung unter dem �großen" König, zu einer Zeit, da die deutschen Dichter und Denker die Weltanschauung der Humanität lehrten und gestalteten. Die heutigen Vorkämpfer der Todesstrafe müpen voll Neid an diese herrlichen Zeiten zurückdenken!_ tverantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: kleines Feuilleton. Naturwissenschaftliches. Leuchtendes Fleisch. Betritt man nachts einen Raum« in dem mehrere Tage hindurch Seefisch« oder Schlachtfletsch auf- bewahrt wurden— lesen wir in Heft IV der„Natur", der Zeit- schrift der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft— so wird man aufs höchste überrascht sein von dem prachtvollen Anblick, den die einzelnen Fleischstücke bieten. Sie erglänzen fast durchweg? in einem ziemlich hellen, weißlich grünen Licht, so daß ihre Umrisse deutlich wahrzunehmen sind. Dieses, durch die Anwesenheit gewisser Arten von Leuchtbak- terien(z. B. Lecterium pliospboreum Molisch) bedingte Pho* nomen stellt sich nicht sofort ein; erst wenn das Fleisch, bezw. die Fische sich den ersten Stadien der Fäulnis nähern, gelangen die Bakterien zu üppiger Entwickclung und das Leuchten beginnt. Das Fleisch ist aber dabei noch vollkommen genießbar, ja wir können mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß wir sehr oft leuchtendes Fleisch zu essen bekommen. Das Phänomen wird nur nicht bemerkt. Bringt man eine Kleinigkeit der leuchtenden Subswnz, die sich ohne weiteres abwischen laßt, in Gläser mit geeigneter Nähr- gelatine, so gelingt es, sogenannte Reinkulturen der betreffenden Bakterien zu züchten, an denen man ihre Eigenschaften genauer erforschen kann.. Das von solchen Kulturen ausstrahlende Licht ist hinreichend stark genug, um bei Pflanzenkeimlingen heliotropische Krümmungen auszulösen. Auf die photographische Platte wirkt es naturgemäß kräftig ein, ja, bei Anwendung mehrerer von ihm konstruierter „Bakterienlampen" konnte M o l i s ch sogar u. a. eine Büste im Bakterienlicht photographiercn. Von einer praktischen Verwertung dieser eigenartigen lebenden Lampen kann aber trotzdem vorläufig keine Rede sein, da das Licht doch zu schwach und unbeständig ist. Molisch befaßt sich aber allen Ernstes mit dem Versuche, zu be- sonderen praktischen Zwecken verwendbare Bakterienlampen zu konstruieren, ein Beginnen, dem durchaus nicht Erfolgsmöglich» keit abgesprochen werden darf. Die Leuchtbaktericn, die in unseren Gegenden daS Leuchten des Fleisches sowie der Seesische hervorrufen, finden sich rcgel- mäßig im Mecrwasser. Daraus erklärt sich, daß sie nickt mir den toten Seefischen, sondern auch Muschelschalen und anderem an» haften. Und noch eine bei Züchtungsversuchen bemerkte Tatsache findet hierdurch ihre Erklärung, daß nämlich diese Bakterien in hohem Grade halophil sind, d. h. das Salz zu ihrer üppigen Eni- Wickelung bedürfen. Läßt man Fleischstücke in Glasschalen, die zur Hälfte mit dreiprozentiger Salzlösung gefüllt sind, in einem kühlen Zimmer(schattig) stehen, so wird sich bald-das erwartete Leuchten einstellen. Auf diese Weise kann sich ieder leicht den Anblick der eigenartigen Erscheinung verschaffen. Geographisches. Heid« und Moor. Unter der zunehmenden Urbarmachung deS Bodens schmelzen Heide und Moor rasch und rascher zusammen. Um so stärker wächst andererseits das Interesse der naturfreudigen Kreise an den Resten dieser eigenartigen Landschaften. Dem Kampfe um die Erhaltung von Naturdenkmälern(vergl. den so betitelten Artikel in der Nummer vom 16. Dezember 1919) ist es gelungen, in der Lüneburger Heide Boden zu gewinnen. Dort wurde der Wilseder Berg mit dem anschließenden Totengrund angekauft und weitere? Gelände wird wohl hinzulominen. In der Annahme, daß dieser Erdenfleck nun in steigendem Maße das Ziel von Naturfreunden werden wird, hat Dr. Ad. Koelsch das Bändchen«Heide und Moor"(Franckhsche BerlagShandlung. Stuttgart. Preis 1 M.) geichrieben. Er zeigt uns zunächst„Bilder der Land- schoft" in Bildern und in der ihm eigenen bilder- reichen Sprache.„Bilder der Pflanzenwelt' schließen sich an, nnd das Hcidelraut und seine Genossen enthüllen uns ihre Lebensgeheimniste. In einem dritten Kapitel werden «Bilder ans der Bergangenheit der heutigen Niederungsheiden" auf- gerollt; durch die Eiszeiten führt uns Koelsch, bis wir auf altem Grunde die Oberfläckenfornlen unserer Heimat entstehen sehen. Dann zeigt der Verfasser im bierten Abscknitt, an welche Be» dingungcn deS Bodens das Auftreten der Heide als Landschafts- form gebnnde» ist; nicht bloß(wie man bisher annahm) an eine bestimmte Niederschlagsmenge und deren gleichmäßige Verteilung im Jahre, sondern auch an eine bestimmte Beschaffenheit deS Bodens, nämlich dessen Abschluß von der Luft durch eine vorher gebildete Humusschicht.«Bitder vom Heidemoor' schließen daS Ganze. Sieht man von nebensächlichen Einzelheiten ab, so hat der Verfasser, der seinen Stoff gründlich kennt unb dem die Liebe zur Natur die Feder führte, ein reizvolles Bändchen geschaffen. Bon den vielen Abbildnngen wirkt die Photographie eines«HeidjerhofeS am Heideback"(Heidjer heißen die Bewohner der Lüneburger Heide) be- sonders stimmungsvoll. Auch außerhalb der großen Heidegebiete gibt es überall bei uns Heidekraul und kleine Miniaturheiden, nickt zum wenigsten um Berlin. Wer fich von ihnen angezogen fühlt, dem wird das Bändchen viel Belehrung bieten. L. LorwartSBuchdruckerei u.BerlagsanstaltPaut SingerLCo..Berlin5VV/'