Anterhaltmigsblatt des Jorwärls Nr. 66.' Dienstag, den 4. April� 1911 zlSZachdruck vcrvolen.1 i] Vag Gemeindefeind. Erzählung v. Marie v. Ebner-EschenbaH. 1. Im Oktober 1860 begann in der Landeshauptstadt B. die Schlußverljcmdlung im Prozeß des Ziegelschlägers Martin Holub und seines Weibes Barbara Holub. Die Leute waren gegen Ende Juni desselben Jahres mit zwei Kindern, einem dreizehnjährigen Knaben und einem zehnjährigen Mädchen, aus ihrer Ortschaft Soleschau am Fuße des Hrad, einer der Höhen des Marsgebirges, im Pfarrdorfe Kunovic eingetroffen. Gleich am ersten Tage hatte der Mann seinen Akkord mit der Gutsverwaltung ab- geschlossen, seinem Weib, seinem Jungen und einigen ge- dungenen Tagelöhnern ihre Aufgabe zugewiesen und sich dann zum Schnaps ins Wirtshaus begeben. Bei der Ein- richtung blieb es während der drei Monate, welche die Familie in Kunovic zubrachte. Das Weib und Pavel, der Junge, arbeiteten: der Mann hatte entweder einen Brannt- weinrausch oder war im Begriff, sich einen anzutrinken. Manchmal kam er zur gemeinschaftlichen Schlafstelle unter dem Dach des Schuppens getaumelt, und am nächsten Tag erschien dann die Familie zerbläut und hinkend an der Lehm- * grübe. Die Tagelöhner, die nichts hören wollten von der auch ihnen zugemuteten Fügsamkeit unter die Hausordnung des Ziegelschlägers, wurden durch andere ersetzt, die gleich- falls„kehr-um-die Hand" verschwunden waren. Zuletzt traf man auf der Arbeitsstäte nur noch die Frau und ihre Kinder. Sie groß, kräftig, deutliche Spuren ehemaliger Schönheit auf dem sonnverbrannten Gesicht, der Bub plump und kurzhalsig, ein ungcleckter Bär, wie man ihn malt oder besser nicht malt. Das Mädchen nannte sich Milada und war ein femgliedriges, zierliches Geschöpf, aus dessen hellblauen Augen mehr Leben und Klugheit blitzte als aus den dunklen Barbaras und Pavels zusammen. Die Kleine führte eine Art Kontrolle über die beiden und machte sich ihnen zugleich durch allerlei Handreichungen nützlich. Ohne das Kind würde auf der Ziegelstätte nie ein Wort gewechselt worden sein. Mutter und Sohn plagten sich vom grauenden Tag bis in die sinkende Nacht rastlos, finster und swmm. Laug ging es so fort, und zum Aergernis der Frommen im Dorfe wurde nicht einmal an Sonn- und Feiertagen gerastet. Der Unfug kam dem Pfarrer zu Ohren und bewog ihn, Einsprache dagegen zu tun. Sie blieb unbeachtet. Infolgedessen begab sich der geistliche Herr am Nachmittag des Festes Mariä Himmelfahrt selbst an Ort und Stelle und befahl dem Weibe Holub, sofort von feiner den Feiertag entweihenden Beschäftigung abzulassen. Nun wollte das Unglück, daß Martin, der eben im Schuppen seinen jüngsten Rausch ausschlief, sehr zur Unzeit erwachte, sich erhob und hinzutrat. Gewahr werden, wie Pavel offenbar voll Zustimmung mit aufgesperrtem Mund und hängenden Armen der priesterlichen Vermahnung lauschte, und hinter- rücks über ihn herfallen, war eins. Der Geistliche zögerte »richt, dem Knaben zu Hilfe zu eilen, entzog ihn auch der Mißhandlung des Baters, lenkte ober dadurch dessen Zorn auf sich. Vor allen Zeugen, die das Geschrei Holubs herbei- gelockt hatte, und deren Anzahl von Minute zu Minute wuchs, überschüttete ihn der Rasende mit Schimpfreden, sprang plötzlich auf ihn zu und hielt ihm die geballte Faust vors Gesicht. Der Pfarrer, keinen Augenblick außer Fassung gebracht, wandte angeekelt den Kopf ab und gab mit seinem abwehrend in der Rechten erhobenen Stock dem Trunkenbold einen leichten Hieb aut den Scheitel. Martin stieß ein Geheul aus. warf sich nieder, krümmte sich wie ein Wurm und brüllte, er sei tot, mausetot geschlagen durch den geistlichen Herrn. Im Anfang antwortete ihm ein allgemeines Hohngelächter, doch war seine Sache zu schlecht, um nicht wenigstens einige Verteidiger zu finden. In der Schar der Neugierigen, welche den am Boden Liegenden umdrängte, erhaben sich Stimmen zu feinen Gunsten, erfuhren Widerspruch und gaben ihn in einer Weise zurück, die gar bald Tätlichkeiten wachrief. Die Autorität des Pfarrers genügte gerade noch, um die Krakeeler zu zwingen, den Platz zu räumen. Sie zogen ins Wirtshaus und ließen dort den vom geistlichen Herrn Erschlagenen so lange hochleben, bis ein Trupp Bauernbursche dem wüsten Treiben des Gesindels ein Ende zu machen suchte. Da kam es zu einer Prügelei, wie sie in Kunovic seit der letzten großen Hochzeit nicht mehr stattgefunden- hatte. Die Ortspolizei gönnte dem Sturm volle Freiheit sich auszutoben, und hatte zum Lohn für diese mit Vorsicht gemischte Klugheit am nächsten Morgen das ganze Dorf auf ihrer Seite. Die all- gemeine Meinung war, m der Sache gebe es nur einen Schuldigen— den Ziegelschläger, und man solle keine Um- stände mit ihm machen. Zur Lösung des Akkords verstand die Gutsverwaltung sich gern, Martin hätte ihn ohnedies unter keiner Bedingung einhalten können: so fleißig Weib und Kind auch waren, zu hexen vermochten sie doch nicht. Holub wurde abgefertigt und entlassen. Von dem Gelde. das ihm außer den bereits erhobenen Vorschüssen noch zukam, sah er keinen Kreuzer: darauf hatte der Wirt Beschlag gelegt. Nach einem vergeblichen Versuch, sich sein vermeintliche? Recht zu verschaffen, blieb dem Gesellen nichts übrig, als seiner Wege zu gehen. Der Auszug der Ziegelschläger fand statt. An der Spitze schritt das Oberhaupt der Familie in knapp anliegender ausgefranster Leinwandhose, in zerrissener blauer Barchentjacke. Er hatte den durchlöcherten Hut schief aufgesetzt: sein rotes betrunkenes Gesicht war gedunsen: sein« Lippen stießen Flüche hervor gegen den- Pfaffen und die Pfaffenknechte, die ihn um feinen redlichen Broterwerb gebracht. Ein paar Schrite hinter ihm kam die Frau. Sie hatte die Stirn verbunden und schien sich selbst kaum schleppen zu können, schleppte aber doch ein Wägelchen, in dem sich Werkzeug und einiger Hausrat befand, und Milada in eine Decke eingehüllt lag. Krank? Zevliläut? Man konnte das letztere wohl vermuten, denn vor der Abreise hatte Martin noch entsetzlich gegen die Seinen gewütet. Pavel schloß den Zug. Mit beiden Armen gegm die Rückseite des Wagens ge- stemmt, schob er ihn kräftig vorwärts und half auch mit dem tief gesenkten Kopfe nach, so oft Leute des Weges kamen, die den Auswandernden entweder mit einem Blick des Mitleids folgten, oder einen Trumpf auf Holubs wilde Schimpfreden setzten. Einige Tage später, an einem stürmischen grauen Sep- tembermorgen, fand der Kirchendiener, als er, sich ins Pfarr- haus begebend, um dort die Kirchenschlüssel zu holen, an dev Sakristei vorüber kam. die Tür nur angelehnt. Ganz er- staunt und erst nicht wissend, was er davon denken sollte, trat er ein, sah die Schränke offen, die Meßgewänder auf den Boden zerstreut und der goldenen Borden beraubt. Er griff sich an den Kopf, schritt weiter in die Kirche, fand dort das Tabernakel erbrochen und leer. Ein Zittern befiel ihn.„Diebel" stieß er hervor.„Diebel" und er meinte, es fasse ihn einer am Genick und wußte nicht, wie er aus der Kirche und über den Weg zur Pfarrei ge- kommen.... Der Pfarrer pflegte seine Tür nicht zu versperren.„Was sollen die Leute bei mir suchen?" meinte er: so brauchte der Sakristan nur aufzuklinken. Er tat es... Schreck und Gvauen! Im Flur lag die greise Magd des Pfarrers aus- gestreckt, besinnungslos, voll Blut. Wie der scharfe Luftzug durch die offene Tür über sie hinbläst, regt sie sich, starrt den Kirchendiener an, und deutet mit einer schwackien, aber furchtbar ausdrucksvollen Gebärde nach der Stube des geist- lichen Herrn. Der Sakristan, der dem Wahnsinn-nahe ist, macht noch ein paar Schritte, schaut, stöhnt— und fällt auf die Knie aus Entsetzen über das. was er sieht.-- Eine Viertelstunde später weiß das ganze Dorf: der geist- liche Herr ist heute Nacht überfallen und. offenbar im Kampf um die Kirchenschlüssel, ermordet worden, im schweren Kampf. das sieht man. darauf deutet alles hin. IteBcr den Urheber 5er gräßlichen Tat ist niemand im Lweifel. Auch wenn die Aussagen der Magd nicht wären, wüßte jeder: der Marlin Holub hat's getan. In Soleschau wird zuerst auf ifp gefahndet. Er war vor kurzem da. hat seine Kinder beim Gemeindehirten in Kost gegeben und ist mit seinem Weibe wieder abgezogen. Nach kaum einer Woche wurde das Paar in einer Diebes- Herberge an der Grenze entdeckt, in demselben Moment, in dem Holub einen Teil der in Stücke gebrochenen Mon- stranz aus der Kirche von Kunovic an einen Hausierer ver» Handeln wollte. Der Strolch konnte erst nach heftigem Wider. stand festgenommen werden. Die Frau hatte sich mit stumpfer Gleichgültigkeit in ihr Schicksal gefügt. Bald darauf traten Heide in B. vor ihre Richter. Tie Amishandlung, durch keinen Zwischenfall gestört, jging rasch vorwärts. Von Anfang an behauptete Martin Holub, nicht er. sondern sein Weib habe das Verbrechen aus- geheckt und ausgeführt, und so oft die UnWahrscheinlichkeit ihm dargetan wurde, so oft wiederholte er sie. Dabei ver- rannte er sich in sein eigenes grob gesponnenes Lügennetz und gab das widrige, hundertmal dagewesene Schauspiel des ruch- losen Wichtes, der zum Selbstankläger wird, indem er sich zu verteidigen sucht. Merkwürdig hingegen war das Verhalten der Frau. Die Gleichförmigkeit ihrer Aussagen erinnerte an das bekannte: dion mi recordo(ich erinnere mich nicht); sie lauteten uzweränderlich: „Wie der Mann sagt. Was der Mann sagt." In seiner Anwesenheit stand sie regungslos, kaum atmend den Angstschweiß auf der Stirn, die Augen mit todesbanger Frage auf ihn gerichtet. War er nicht im Saale, konnte sie ihn nicht sehen, so vermutete sie ihn doch in ihrer Nähe; ihr scheuer Blick irrte suchend uncher und heftete sich plötzlich mit grauenhafter Starrheit ins Leere. Das Aufklinken einer Tür, das leiseste Geräusch machte sie zittern und beben, und erschaudernd wiederholte sie ihr Sprüchlein: „Wie der Mann sagt. Was der Mann sagt." Vergeblich wurde ihr zugerufen:„Du unterschreibt Dein Todesurteil"— es machte keinen Eindruck auf sie, schreckte sie nicht. Sie fürchtete nicht die Richter, nicht den Tod. sie fürchtete„den Mann". Und auf diese an Wahnsinn grenzende Angst vor ihrem Herrn und Peniger berief sich ihr Anwalt und forderte in einer glänzenden Verteidigungsrede, in Anbetracht der zu- tage liegenden Unzurechnungsfähigkeit seiner Klientin, deren Lossprechung. Die Lossprechung nun konnte ihr nicht erteilt werden, aber verhältnismäßig mild war die Buße, welche der Mitschuldigen an einem schweren Verbrechen auferlegt wurde. Das Verdikt lautete:„Tod durch den Strang für den Mann, zehnjähriger schwerer Kerker für die Frau." Barbara Holub trat ihre Strafe sogleich an. An Martin Holich wurde nach der gesetzlich bestimmten Frist das Urteil vollzogen. .(Fortsetzung folgt.jj Oer I�aiibenKotamrt als Gärtner und Kleintierziicbter. Pflanze ndüngung. Wenn der Frühling nach dem Kalender ins Land gezogen ist, so nimmt die Gartenarbeit wieder ein slottcs Tempo an. Wohl ist die Witterung noch unbeständig, wohl steht uns noch mancher Sturm und manche frostige Nacht bevor, aber trotz alledem mutz gegraben, gedüngt, gesät und gepflanzt werden. Von den Maßnahmen, die wir jetzt treffen, hängt zum erheblichen Teil der zukünftige Erfolg ab. Zum Graben muß man sich trockene, heitere Tage aussuchen, besonders da. wo es sich um lehmigen und Moorboden handelt. Sind solche Bodenarten naß und fest, so erschwert dies nicht nur die an und für sich anstrengende Arbeit, sondern sie läßt sich auch beim beste» Willen nicht so ausführen, wie sie ausgeführt sein soll. Weil die durchnäßte Erde zusammenklebt, ist sie schwer, auch am Spaten haftet sie, wird also durch die Grabarbeit nicht, wie es sein soll, gründlich durchlockert und durchlüftet. Mit sorgfältigem Graben, namentlich mit tiefem Graben, erweist man den Kulturen, die das Land für die Folge rnähren soll, schon einen wesentlichen «orteil. Man bietet ihnen dckiurch die Möglichkeit, mit ihren Wur- zeln weit und tief in daS Erdreich einzudringen, befähigt also die Wurzeln zu reicher Verzweigung und Nahrungsaufnahme. Mit! dieser Befähigung allein ist es aber nicht getan, man muß auchs den Boden mit den notwendigen Nährstoffen anreichern. DieS geschieht durch genügende und sachgemäß ausgeführte Düngung. Wo nichts ist. sagt der Volksmund, hat selbst der Kaiser das Rechts verloren, und wo sich der Boden arm an Nährstoffen erweist, wie in« unserem märkischen Sand, da ist alle Kulturpraxis für den Hund� wenn die Düngung fehlt. Am wirksamsten und in den meisten Fällen auch am emp-, sehlenswertesten ist stets eine Stallmistdüngung. Zur Wahl stehen» hier in der Regel Rinderdünger und Pferdemist. Ter erstere ist} in Berlin billig zu haben, wird aber häufig mit dem minderwertigen» Schweinemist verfälscht und zur Erhöhung seines Gewichtes der-» artig mit Spreewasicr getauft, daß er einer Kartoffelsuppe ähnlicheo als dem sieht, was er eigentlich sein soll. Bezieht man diesen Miss aus Groß-Berlin für die Vororte, wie es meistens geschieht, so kann» man in die Verlegenheit kommen, für SO Proz. wertlosen Spreewassers Eisenbahnsracht, Verladungs- und Abfuhrkosten zu be- zahlen. Diese Nebenkosten übersteigen den eigentlichen DungpreiÄ in der Regel allein um 23 bis 30 Proz. Pferdemist empfiehlt sich mehr für Moorboden und für lalle« schwere Bodenarten, die er lockert und wärmt, während Sandboden einer Lockerung und Wärmung durch die Düngung nicht bedarf. In Groß-Berlin find aber die Pferdeäpfel schon reichlich um das Drei- fache teurer als Rindermist, da die Automobile zwar unangenehm! riechen, aber keine Pferdeäpfel produzieren. Der Pferdedung wird! von den Gärtnereien Groß-Berlins stets, ganz besonders aber im Frühling, gesucht, weil es für ihn, bei Anlage warmer Mistbeete« höchstens im Eselmist einen vollwertigen Ersatz gibt. An Eseln mit langen Ohren und vier Beinen herrscht aber in Groß-Berlin gleichfalls Mangel. Zu einer guten Gartenlandvolldüngung gc- hören ö— 6 Kilo Kuhdung pro Quadratmeter oder etwa 4 Kilo des an und für sich bedeutend leichteren Pferdedunges. Dies mag den Kolonisten zur Richtschnur dienen. Es soll aber mit diesem Hin- weis nicht gesagt sein, daß wir die Dungmasse für jeden Quadrat- meter peinlich abwiegen müßten. Man braucht sich nur eine unge- fähre Vorstellung von einem 3— 8 Kilo wiegenden Quantum zu machen, um die nötige Gewichtsmengc bestellen und verteilen zu können. Man breitet zunächst den Dung über das betreffende Land» aus und bringt ihn dann durch das Umspaten in die Erde. ES bleibt sich dabei ganz gleich, ob man ein für Kohlpflanzen be- stimmteS Beet oder eine Obstbaumpflanzung düngen will. Mögen die Wurzeln eines Bauines noch so tief in den Boden gehen, ober- flächliches Unterbringen des DungeS ist und bleibt Bedingung. Von dem tiefen Eingraben des Mistes ist inan vollständig abgekommen« denn in der Tiefe kann er sich unter Ausschluß der Luft nicht: zersetzen, sondern vcrtorst, und seine Nährstoffe bleiben dann für die Pflanzen unausnehmbar. Außerdem weiß man heute, daß die in die Tiefe gehenden Baumwurzeln hauptsächlich der Wasserauf- nähme dienen, während die Aufnahme der Nährstoffe durch die sich» in geringer Tiefe ausbreitenden Saug- und Faserwurzeln(durch! die jüngsten Spitzen) bewerkstelligt wird. Wir müssen uns auch immer vergegenwärtigen, daß unser märtischer Sand wie ein Sieb wirkt: Die Niederschläge lösen die Nährstoffe des Dunges und lassen sie immer tiefer in den Boden dringe». Auf diesem Wege müssen sie von den Wurzeln aufgenommen werden. Was in größere Tiefen gelangt, ist verloren. Stalldung, überhaupt tierische und menschliche Exkremente« stellen die naturgemäßcste Art der Pflanzendüngung dar. Zu be-, achten ist aber, daß die hier in Frage kommenden Dungstoffe vor- wiegende Stickstoffdünger sind. Stickstoff befördert das Blattwachs- tum aller Gewächse und den Holztrieb der Bäume. Bei einseitigev Stickjtoffdüngung kann man deshalb weder auf reichen Blüten- flor im Ziergarten, noch auf namhafte Erträgnisse im Obstgarten und bei Fruchtpflanzen des Gemüsegartens, wie Blumenkohl. Tomaten, Gurken usw. rechnen. Deshalb empfiehlt es sich, auch der Mistdüngung noch mineralische oder konzentrierte Düngestoffe mifi zn verwenden, also noch Kali und Phosphorsäure zu geben. Eine leichte Kunstdüngung ist in armem Boden auch bei jenen Gewächsen» des Gemüsegartens angebracht, die frischen Stallmist nicht ver? tragen, wie Kartoffeln, Rüben und Hülsenfrüchte. Prietzke weiß ganz genau, daß die Pflanzen nicht nur die drei Hauptnährstofse nötig haben, die wir dem Boden regclinäßig zu- führen sollen, also Stickstoff, Phosphorsäure und Kali, sondern noch! fast ein Dutzend anderer. Diese anderen Nährstoffe sind aber in» jedem Kulturboden dauernd in ausreichender Menge vorhanden; in manchen Bodenarten auch eines oder das andere der genannten wichtigsten, häufig indessen in unlöslicher Form. Aus diesem Grunde ist eine Düngung von Wichtigkeit, die die Nährstoffe des Bodens aufschließt, das heißt, für die Pflanzenwurzeln aufnahmefähig macht. DieS indirekte Düngemittel, das aber auch von vielen Pflanzeimrten direkt aufgenommen wird, ist der Kalk. Ein Kalken des Bodens bildet also die Grundlage jeder Düngung. Ta Kaitz den Wurzeln nicht schadet, kann man mit ihm auf Vorrat düngen« Wenn man einem preußischen Morgen S Zentner Kalk gibt, so» dürfte man dem Kalkbedurfnis des Bodens auf acht bis zehn Jahre Genüge getan haben. Ob Kalkdüngungen notwendig, läßt sich durchs ein einfaches Experiment feststellen. Man nimmt einige Bodenproben. läßt sie etwas abtrocknen und beträufelt sie dann mit Salz- säure oder Essigessenz. Braust hiernach das Erdreich stark auf, so »ft das ein Zeichen genügenden Kalkvorrates, flnser märkischer SandboLen und die MoorböLeu, die finr gleichfalls iit Set Mark dielfach antreffen, find fast durchweg kalkarm. Den fogenamUen Abfall- oder Staubkalk, der zur Düngung genügt, bekommt man in den Rüdersdorfer Kalkbergen schon für wenige Groschen. Ten besseren Düngekalk mit einem Gehalt von 88— 90 Proz. an kohlensaurem Kalk bezahlt man mit 1— Ilh M. pro Zentner. Tie Kalk- düngung erfolgt durch gleichmäßiges Ausstreuen über den Boden mit nachfolgendem Umgraben. Vertveiidet man ungelöschten(Aetz-) Kalk, so schichtet man ihn zunächst auf Haufen und bedeckt diese mit Erde, bis er unter der Einwirkung von Luft und Feuchtigkeit nach einigen Wochvn zerfallen und damit sür die Pflanzenwurzeln unschädlich geworden ist. Bei Verwendung von mineralischen und konzentrierten orga- Nischen Düngemitteln läßt sich in vielen Fällen Geld sparen. Diese Düngemittel gelangen mit wenigen Ausnahmen in Säcken von 100 Kilogramm Inhalt in den Handel. Kauft man solche Original- säcke in Verbindung mit Nachbarn und teilt dann den Inhalt, so stellen sich diese Dünger verhältnismäßig billig. Die Preise schwan- ken je nach Angebot und Nachfrage. Muß man von Stallmist- düngung absehen, so kommen für eine Stickstoffdüngung Chili- salpeter, ein Salz mit 15 bis 16 Proz. Stickstoff, und Hornmehl oder Hornfpäne in Frage, die etwa gleichen Stickstoffgehalt haben. Preis beider Düngemittel beträgt 12—13 M. pro Zentner. Auf ein Quadratmeter Gartenland gibt man je nach Bedarf 20— 40 Gramm. Die Preise für Kunstdünger schwanken stets je nach der Marktlage. Es ist darauf hinzuweisen, daß die ausschließliche Anwendung mineralischer Düngemittel eine Art Raubbau darstellt, namentlich bei unserem an und für fich humusarmen Sandboden, der dadurch mehr und mehr entwertet wird; deshalb ziehe man, wo eS nur möglich, die konzentrierten organischen Düngemittel den minera- lischen vor, gebe also an Stelle des Chilisalpeters Hornmehl oder Hornspäne; erstercs wirkt nach kürzester Zeit, letzteres zersetzt fich nur langsam, so daß sich seine Wirksamkeit über den ganzen Som- mer ersteckt. Für Phorphorsäuredüngnng steht uns Thomasmehl mit 14 bis 20 Proz. Gehalt und Knochenmehl mit etwa 30 Proz. Gehalt zur Verfügung. Wie Kalk, so kann man auch Phosphor- säure dem Boden aus Vorrat geben, d. h. stärkere Mengen schaden nichts. Stickstoff, Phosphorsäure und Kalk gibt man jetzt vor der Bodenbearbeitung. Für Kalidüngung steht uns das 40prozentige Kalisalz und feingemahlenes Kainit mit etwas über 12 Proz. Kali- geholt zur Verfügung; ersteres kostet zurzeit 4,50 M., letzteres 1,75 M. pro Zentner. Bon Kalisalz rechnet man 20— 40 Gramm pro Quadratmeter, von Kainit muß, des geringeren Gehaltes halber. annähernd das dreifache Quantum gegeben werden. Kainit ist also nur scheinbar billiger, unter Umständen stellt es sich teuerer, namentlich wenn es mit der Eisenbahn bezogen werden muß, weil dann etwa ein Drittel der Menge von 40prozentigem Kali genügt. Für Obstbaumdüngung gibt man Kalisalz am besten im Winter, indem man es über den Schnee ausstreut, mit welchem es später schmilzt und in den Boden eindringt. Ein guter organischer Kali- dünger ist Holzasche, sie ist aber schwer erhaltlich. Kohlenasche ist wertlos. Von allen mineralischen und konzentrierten Kunstdüngern ist der Stickstoffdünger entschieden der teuerste. Prietzke spart als Praktikus die Ausgabe hierfür vollständig, und zwar durch den Anbau von Gründüngungspflanzen. Hülsenfrüchte besitzen be- kanntlich die Eigenschaft, den Stickstoff aus der Luft aufzunehmen und in ihren Stengeln, Blüten und Blättern, namentlich aber in den durch Wurzelbaktericn verursachten Wurzelknöllchcn aufzu- speichern. Sät man diese Pflanzen an und gräbt sie dann während oder nach der Blüte ein. so reichert man hierdurch nicht nur den Boden fast kostenlos mit Stickstoff an. sondern auch mit Humus, den die verrottete Grünmasse bildet. Unter Ausnutzung der Grün- düngungspflanzcn ist man in der Lage, nicht nur den Stickstoff- dünger, sondern dauernd auch jede Stallmistdüngung zu erspare», das heißt man kann bei Anbau von Gründüngungspflanzcn in Verbindung mit Kalk. Phosphorsäure- und Kalidüngung dauernd erfolgreich arbeiten, ohne Raubbau zu treiben. Für unsere Ver- Hältnisse ist die gelb blühende Lupine die beste Gründüngungs- pflanze. Ein Zentner Saatgut reicht, weitläufig ausgestreut, was empfehlenswerter als dichte Saat ist, sür etwa 75 000 Ouadratfutz Gartenfläche aus. In zweiter Linie ist die Seradella zu empfehlen. die sehr kleinsamig ist und daher noch weit weniger Saatgut er- fordert. Die Lupine steht bereits 2% Monate nach der Saat in voller Blüte und kann dann eingegraben werden, doch entzieht man immerhin durch ihren Anbau das betreffende Land während eines erheblichen Teiles der Kulturperiode anderen Kulturen. Mineralische und konzentrierte organische Düngemittel eignen �ich auch zur Herstellung von Dungwasser. Man rechnet dann auf jeden Liter Wasser 3 Gramm Knochenmehl. Mit diesem Dung- Wasser, das man wöchentlich ein- bis zweimal bei trübem oder bei Reigenwetter gibt, fördert man die Entwickelung der Gemüse, namentlich der Kohlgewächse, Tomaten, Gurken. Auch mit Geflügel- dung kann man eine vorzügliche Jauche herstellen; es ist dabei aber immer zu beachten, den flüssigen Dünger lieber öfter und in starker Verdünnung, als weniger oft und zu kräftig zu geben, denn in letzterem Fall können die Wurzeln unter Umständen geschädigt werden. Für allerkleinste Verhältnisse nimmt man Alberts Univcr- faldüngcr, einen hochkonzentrierten Kunstdünger, der außer Kalk alle Pflanzennährstoffe enthält. Von Marke A G. für Gartcn- kulturen rechnet man 50 Gramm pro Quadratmeter, von Marke ? X bk. für Obstkttlturen 50—80 Gramm pro Baum, je«och Großik Zur flüssigen Düngung gibt man l— 2 Gramm pro Liter Wafs«, ' tHAi Der neue HlpentunncL Kandcrstcg(Berner Oberland). 1.?. fli"*! Seit heute früh ist Europa um einen Riesentunnek reichet, Pünktlich zur erwarteten Stunde— soweit ist die montan-trigono« metrisch-geodätische Wissenschast bereits gediehen— erfolgte der vor» allen Beteiligten mit Ungeduld erwartete Durchstich des Latsche berges, von jubelnden Zurufen der Menge und Böllerschüssen freudig begrüßt. Obwohl cs noch stockfinstere Nacht Ivar, herrschte bald nach den ersten Kanonenschlägen im ganzen Städtchen ein lebendiges Treiben. Alles jubelte. Jung und Alt fiel sich vor Freude um den Hals, und die Ingenieure beider Stollen, die Helden des anbrechenden Tages, umarmen und küssen sich, obwohl sie beimi flackernden Schein der zahllosen Laternen kaum ihre verstaubten Gesichter erkennen können.«Auf allen Vieren" krochen einige von ihnen durch die Oeffnung, die soeben der letzte Dynamitschuß in den wuchtigen Berg gerissen, und italienische und deutsche, öste» reichische, kroatische, schweizerische und mazedonische Arbeiter! stürmen von hüben und drüben herbei, um den denkwürdigen Moment inmitten des Bergriesen zu feiern., Wieder wie beim Gotthardt- und Simplontunncl, diesen beiden allein ebenbürtigen Brüdern der«Galleria Lötschberg", hat diq Jngenieurkunst schöne Triumphe gefeiert: Genau wie vorher be-! rechnet sind beide Mineurkolonnen aufeinandergestoßen, die von Süden aus Eopperstein und die von Norden aus Kandersteg. Fünf lange Jähre arbeitete man von hüben und drüben, zusammenzu« kommen; seit über acht Wochen härte man bereits gegenseitig diel Sprengfchüss«, seit drei Tagen war auf den Zentimeter genau die noch zu durchbohrende Strecke festgelegt— und nun endlich löste{idj die Spannung in einem jubelnden:„Eviva Genossel Evive» Bruder!", Tank der Liebenswürdigkeit der Ingenieure war cs uns mög!« lich, die Rendezvousstelle im Herzen des Berges mittels ErtrazugeA alsbald nach dem Durchschlag zu erreichen. Mit ledernen und steif« leinenen Schutzanzügen und Hüten angetan, sahen wir aus wi« Trapper, die in einen amerikanischen Urwaldregcn gekommen. Nur erging esurns schlechter als diesen, denn die Luft im Tunnel war alles eher als frische Waldesluft. Wohl stehen sowohl am Nord- wie am Südportal deS Tunnels zwei Riesenventilatoren, di« mit vielen Hunderten von Pserdekräften frische Luft in«das Loch" pumpen und schlechte heraussaugen; allein die qualvolle Hitze unk» das tropfende Wasser fressen mehr, als der stärkste Motor leisten kann. Jetzt erst ermißt man, welche Qualen die 1600 Arbeiter ausgestanden, die hier seit Jahren Tag für Tag acht Stunden lang bei harter Arbeit diese Luft einzuatmen gezwungen waren. An 2528 Tagen(1160 auf der Nord-, 1368 auf der Südseite). Es spricht für die fabelhafte Zähigkeit dieser jungen Leute(die meisten der 1600 sind Mischen 17 und 20 Jahre alt), daß die Ingenieure uns mit einem gewissen Stolz erzählen, daß Krankheiten unter rhnen verhältnismäßig selten waren. Ebenso die Unglücksfälle. Neben den fast unausbleiblichen Quetschungen, Stürzen, SteiMvürfcn usw. gabt cs in diesen fünf Jahren„nur" zweimal ein größeres Unglück? Das war vor drei Jahren, als plötzlich ein Wasserfall in eine Spalts der Felsen geriet und den Tunnel auf rund 1500 Meter wieder zuschüttete. 24 Arbeiter büßten dabei ihr Leben ein, und da dem Kapitalismus Pietät ein Fremdwort ist, so suchte man nicht längs nach den Leichen, sondern raffte die Glieder ,er Zunächstliegeudew eiligst zusammen und ließ die übrigen liegen. Wenige Tage nachher war die Unfallstelle zugemauert— und nie wird ein Menscheuaugs von diesen Opfern des Tunnelbaues mehr etwas sehen. Wenigs Wochen vorher hatte eine Latvine weitere 10 Stollenarbeiter ver« schüttet und getötet. Interessant ist, daß dieser Riesenbau, für den rund 72 Millionen Mark ausgegeben weroen, ohne einen einzigen größeren S t r e i> bis hierher geführt wurde. Tank der Anspruchslosigkeit der Italiener und Türken, die einen Tagelohn von 6 Frank trotz de» wahnsinnigen Hitze im Stollen und der furchtbar anstrengen den Arbeit unter den etwa 100 Aufsehern als gute Bezahlung ansehen« Einzig die Bohrer und Mineure usw., sowie die Maurer erhieltenl 8 bis II Frank pro Tag. Gearbeitet wird in drei Schichten un« unterbrochen. Wäbrend all der Baujahre ist der Betrieb nur eini einziges Mal, zu Neujahr, unterbrochen worden, freilich nur füv 5 Stunden. Dabei waren in der ersten Zeit die Arbeiter nicht im geringsten vor Krankheitsschädigungen geschützt. Erst als ein Teil reklamierte, nahm man sie sür 75 Centime monatlich in eins Krankenkasse auf, die ihnen in Krankheitsfällen täglich 2 Franl zahlt.,> Naturgemäß beherrschen die Jtäreuer das ganze Städtchens, das sonst nur etwa 500 Einwohner, jetzt aber mit den Italienern usw. über 4000 zählt und mit seinen Baracken und Trattorienl (Kneipen) usw. fast völlig italienischen Charakter angenommen hat« Zum großen Aerger der Kurgäste von Kandersteg, Blausee, Mitholz, die zwar gern in dem Ruhm des neuen IBertes sich sonnen, ade» derer, die es geschaffen, nicht gern gedenke»«. Da ist selbst die kapitalistische Gesellschaft(ein Konsortium französischer Geldleute), die den Tunnel bauen ließ, toleranter: Sie weiß, was sie diesen italienischen Arbeitern schuldet, und um diesen Dank wenigstens in etwas abzutragen, veranstaltet sie ihnen gu Ehren morgen ein großes Fest, zu dem ringsum bereits alles rüstet. Früh 10 Uhr wird ein Umzug mit Musik, dann ein Festakt vor dem Tunnelcingang stattfinden, und nachher erhält jeder von den LOCH) Arbeitern ein Mittagessen und drei Flaschen Wein. In Centimen wird ihnen so von dem gegeben, was sie an Fünfliren den 'Kapitalisten erarbeitet. Denn das ist sicher: Die Strecke wird sich dereinst— in zwei Jahren wird sie fertig sein— großartig rcn- Itieren. Nicht nur das Berner Land, auch das Walliser, mit dem >eS durch den 14 600 Meter langen neuen Tunnel verbunden wird, wird von der neuen Bahn großen Nutzen haben. Desgleichen �Italien und Frankreich, denn der Lötschbergdurchstich beseitigte das «letzte Hindernis bis zur Simplonlinie Brig— Domodossola. Auch hier wird die Eisenbahn als stille, aber wirksame Re- volutionärin wirken: Auf der Südseite des Berges herrschte bisher noch völlige Weltfremdheit: die Bewohner sind wie bei uns im Mittelalter noch ihre eigenen Tischler, Stellmacher, Weber und Schuster. Nicht nur ihre Hemden und Röcke weben sie selber, sondern sogar ihre Strohhüte flechten sie sich selber, wie sie ihre Hütten bauen und ihr Vieh schlachten. Der Hosenrock, in den Großstädten augenblicklich das Ereignis der Mode, ein Stein des Anstoßes für alle Sittlichkeitsfanatiker, ist hier seit altcrsher das gewohnte weibliche Kleidungsstück, und zwar in seiner kultur- fremdesten Form. In wenigen Jahren wird der Pfiff der Loko- motive durchs stille Lötsch-Kandertal schallen und die Bewohner «ms einer Welt aufschrecken, die ihnen bisher ewig zu dauern schien. Technisch ist über den neuen Tunnel noch manches zu sagen. Der größte Triumph der Wissenschaft und Technik beruht darin, ldaß die beiden Tunnelenden genau aufeinander gestoßen sind, ob- «wohl— ganz im Gegensatz zu allen anderen Tunnels— dieser infolge des durch den Unfall von 1908 erzwungenen Umweges nicht weniger denn drei größere Kurven aufzuweisen hat. Auch eine völlige Traceänderung wußte im Bauche des Berges vorgenommen werden. Man kann es den Ingenieuren nachfühlen, daß sie heute mit siegesstolzen Mienen durch die festlich geschmückten Straßen schlendern. Ter Tunnel überwindet bei einer Marimalsteigung von 27 pro 1000 Meter eine Höhendifferenz von über LOO Meter, d. h. er steigt von Nord nach Süd um ebensoviel.— Ihren Ausgangspunkt hat die nun kommende neue Bahnlinie im Bahnhof F r u t i g e n der jetzt elektrisch betriebenen Spiez— Frutigen-Bahn, «nb in prächtig gewundenen Kurven, über hohe Brücken und tiefe Schluchten wird sie unter Zuhilfenahme zweier Kehr- und Schleifentunnels bis Kandersteg führen. Mit dem Lötschbergtunnel erhält die Schweiz jetzt den dritten Tunnclriesen: Der größte ist der Simplontunnel(1904 durch- schlagen»: er ist 19ö80 Meter lang. Dann folgt der durch den St. Gotthard, der 1882 fertig wurde und lö 600 Meter lang ist, und nun der jüngste mit 14 536 Meter. So konimen sich die Völker immer näher. Ein Bergesriese nack »dem anderen ivird durchstochen, und in seinem Innern reichen sich —- ein Symbol!— die Proletarier von hüben und drüben brüderlich !>ie Hand, einen Weg bahnend zur endgültigen Beseitigung der künstlichen Landcsgrenzen und zur Ueberbrückung der Unterschiede von Rasse und Ration! R. A. ScKiffsKmlel und Schlingertanks. Der alte Jammer der Seekrankheit ist für das seereisende Publikum noch immer nicht behoben. Zwar gibt eS zahlreiche Mittel, die Seekrankheit zu verhindern, aber von ihnen treffen nur wenige das Grundübcl, und die wenigen werden nicht angewandt. Meist wird versucht, den Körper an den Ssegang und die Schiffs- schlingerungen zu gewöhnen. Da gibt es Arzneien, Vibrierstühle usw. All das ist nur bei wenigen Menschen wirksam. Was jedoch ollein bilft, ist eben die Beseitigung der Schlingerungen selbst. Es «ist ja nicht allein die Seekrankheit, die es zu beseitigen gilt. Auch andere Verrichtungen erfordern ruhigen Schiffsgang. Man denke an Forschungsschiffe, die loten und untersuchen wollen, an Kabel- dampfer. die auch bei hohem Seegang weiter arbeiten müssen, aber tmmer Gefahr laufen, daß ihnen das schwere Kabel, das ja oft tiefer zu liegen kommt, als die Reißlänge es eigentlich gestattet, »abreißt. Man denke ferner an das Arbeitete der Geschütze und Torpedokanonen, die nicht genau schießen können, wenn das Schiff »schlingert und was dergleichen mehr ist. Vor einigen Jahren hat der Konsul O. Schlick ein Mittel aus- findig gemacht, dos geeignet ist, das Schlingern der Schisse auf- tuheben, indem er dem Schiffe einen Kreisel einbaute. Unter einem i reiset versteht man technisch und mechanisch ein sehr schnell rotierendes Schwungrad. Am bekanntesten ist der Kreisel als Kinderkreiscl. Man schlägt den Kreisel mit der Peitsche von der Seite und erhält ihn dadurch in Drehung. Der Kreisel tanzt dann in der bekannten Weise. Wie das kommt, kann hier nicht ausein- andergeseht werden, denn das Kreiselproblem ist eins der schwierig- 1 sten Problem«, die der Mechanik gestellt werden. Auch eine leicht« satzliche und plausible Erklärung erfordert immerhin etwas Kennt- nis in der Mathematik. Der Kinderkreisel ist aber eine so bekannte Erscheinung, daß man seine Eigenschaften ohne weiteres auch auf ein größeres Instrument dieser Art der Anschauung nach über- tragen kann. Die hervorstechendste Eigenschaft des Kreisels ist die, die Dreh- achse immer in derselben Richtung beizubehalten. Hat man einen großen Kreisel, der sich sehr schnell dreht, bei dem auch große Massen an der Rotation beteiligt sind, so muß man sehr starke Kräfte aus- üben, wenn man die Achse in ihrer Richtung verlagern will. Auch die Erde'ist bekanntlich ein Kreisel, weil sie an den Polen ab- geplattet ist und damit einen riesigen Wulst am Aequator trägt, der sich mit der ungeheuren Geschwindigkeit von etwa 420 Meter in der Sekunde bewegt. Wollte man auf die Erde eine Kraft aus- üben, die imstande wäre, ihre Achse wesentlich zu verlagern, so müßte die so groß sein, daß dabei die ganze Erde in Stücke geben müßte. Jedenfalls macht man von den Eigenschaften des Kreisels mannigfachen Gebrauch. Kinderkreisel, Jahrmarktskreisel usw. sind Spielsachen, aber auch die Technik benutzt den Kreisel, z. B. als Kompahkreisel— der allerdings noch der weiteren Ausbildung be- darf—, als Regulierkreisel für Torpedostcuerung usw., und nicht zuletzt auch als Schissskreisel. Der Schiffskreiscl soll dazu dienen. das betreffende Schiff, in das er eingebaut ist, zu stabilisieren. Man wird das für einigermaßen unmöglich halten, denn wie soll ein Apparat imstande sein, ein ganzes großes Schiff, das in die 10 bis 60 und noch mehr Tausend Tonnen wiegt, zu stabilisieren. Die Praxis hat gezeigt, daß die Kreisel in richtigen Größen ebenso ge- waltige Richikräfte entwickeln, daß sie das ganze Schiff zu stabili- sicrcn vermögen. Man braucht zu dem Zlvecke Kreisel, die etwa 8 Prozent des ganzen Schiffsgewichtes ausmachen. Kreisel erfordern naturgemäß einen Antrieb, um die eigentliche Schwungradmasse in Bewegung zu setzen. Man benutzt dazu Elektromotoren oder Dampfturbinen. Schlick verwendete letztere bei seinem ersten Per- suchskveisel, der überraschende Wirkungen ergab. In neuester Zeit, ja eigentlich sckon vor Schlick, wandte der Engländer Brennan den Kreisel zur Stabilisierung von Bahnen an, die auf einer Schiene lausen. Auch er hat die praktische Ausführbarkeit der Sache bewiesen. Der.Schiffskreisel kann also die Seekrankheit beheben. Daß er bisher noch so wenig Anwendung gefunden, kommt einfach daher. daß er einigermaßen teuer ist. Dennoch drängen die steten Ver« größerungen der Schiffe dazu, ein Stabilifierungsmittel zu haben. Es kommt ja immer darauf an, die sogenannten Rollbewcgungen des Schiffes aufzuheben, d. h. die Schwankungen des Schiffes um die Längsachse, die also in seitlicher Richtung erfolgen. I« breiter nun die Schiffe sind, desto unangenehmer wirkt das Rollen an den seitlichen Schiffsstellen. Die Vergrößerung der Schiffe muß aber auch in die Breite gehen, denn sonst werden sie zu lang oder zu tief. In die Tiefe kann man aber nicht beliebig, weil die Häsen sonst nicht alle angelaufen werden können. Für breitere Schiffe braucht man also Stabilisierungsvorrichtungen. Man hat nun neuerdings eine Vorrichtung ausgebildet, die noch wohlfeiler ist als der Schiffskreisel, nämlich die sogenannten Schlingertanks. Diese Einrichtung wurde auf der Werft von Blohm und Voß ausgebildet und besteht der Hauptsache nach aus ztvei Behältern, die durch eine große Röhre miteinander verbunden sind, physikalisch gesagt, aus zwei kommunizierenden Röhren. Oben sind die beiden Behälter ebenfalls durch eine Röhre verbunden, da- mit die Luft von einem zum anderen überströmen kann. Diese enge Röhre oben kann durch Schieber abgeschlossen oder in ihrem Durchlaß reguliert werden. Diese Vorrihtung hat nun die Eigenschaft eines Dämpfers der Rollbewegungen. Man richtet es so ein, dcch bei einem Stoß gegen das Schiff da? Waffer in den Behältern in genau derselben Zeit hin und herwogt, wie das Schiff selbst schwankt, daß beide miteinander in Resonanz sind, wie man physikalisch sagt. Stößt nun eine Welle gegen das Schiff, so ist die Stoßkraft derselben am größten, wenn das Schiff noch keine Schwankungen macht, am ge- ringstcn in dem Augenblicke, wenn das Schiff am weitesten aus- schwingt. Das Wasser in den Behältern aber schwingt nicht sogleich mit. sondern für es ist das Schiff der Anstoß. Das Wasser im Be- hälter steht also still, wenn die Schiffsschwingung am größten ist und schlägt erst zu größter Schwankung nach einer Seite cnis, wenn das Schiff wieder steht. DaS beißt nichlS anderes, als daß daS Wasser in den Behältern dem Wellenschlage gerade entgegenwirkt. .Beide kämpfen gewissermaßen gegeneinander, und da man das Be- Hälterwasser buch die Drosselung in der oberen Vcrbindungsröhre immer genau auf daS Schiff einstellen kann— dessen Eigenschwingung ja mit der Ladung usw.»vcchselt— so erreicht man mit dieser Einrichtung ebenfalls eine Stabilisierung des Schiffes. � Diese Einrichtung hat sich in der Praxis schon bewährt. Schwankungen und Schiffsneigungen in der Seite von 13— 15 Grad konnten mit ihrer Hilfe auf den vierten Teil verringert werden. Die Hamburg— Amerika-Linie hat sich daher entschlossen, auch in ihre neuesten großen Sckiffe von mehr als 55 000 Tonnen Wasser» Verdrängung solche Frahmschen Schlingertanks einzubauen, nach- dem sie bei mehreren kleineren Dampfern damit die besten Er- fahrungen gemacht hat._ F. L. Lerantwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärtSBuchdruckereiu.VerlagsanstaltPaulSingerä:Co.,BerlinLW.