Unterhaltungsblatt des Uorwärts Nr. 68.- Donnerstag, ven 6. April. 1911 CJIaiSfcnüI tetSstenj 61 Das GememÄekinä. Erzählung v. Marie v. Ebner-EschenbaH. Einmal rief er laut:„Bist da?" richtete sich im Halb- schlafe auf. wiederholte:„Bist da?" tastete suchend umher und ettvachte darüber völlig. Mit der Schnelligkeit des Blitzes, mit der Gewalt des Sturmes kam das verwaisende Gefühl der Trennung über ihn imd warf ihn nieder. Der harte Junge brach in Tränen, in ein leidenschaftliches Schluchzen aus, weckte die Leute in der Stube, weckte die Häusler, seine Wandnachbarn mit seinem Geheul. Die ganze Gesellschaft kam herbei, bedrohte ihn, und da er taub blieb für jede, auch die nachdrücklichste Ermahnung, wurde er niit vereinten Kräf- ten zur Tür hinausgeschlcudert. Das war eine tüchtige Abkühlung, selbst für den Heistesten Schmerz. Pavel blieb eine Weile ganz ruhig und still aus der fest gefrorenen Erde liegen. Die ihm neue und gräßliche Empfindung einer ungeheuren Sehnsucht verminderte sich allmählich, und eine alte wohlbekannte trat an ihre Stelle: Trotz, kalter wühlender Groll. „Wartet," dachte er,„ivartet, ich werde Euch!"... Der Entschluß, ein Ende zu machen, war gleich da: der Plan zu dessen Ausführung reifte langsam in Pavels schwer- fälligem Kopfe. Nachdem aber die große Anstrengung, ihn auszudenken, überstanden war, erschien dem Burschen alles übrige nur noch wie Spielerei. Er wollte ins Schloß ein- dringen, die Schwester entführen, mit ihr über die Berge»in die Fremde gehen, sich als Arbeiter verdingen und nie wieder den Vorwurf hören, daß er der Sohn seiner Estern sei. Mit dem Bewußtsein eines Siegers erhob sich Pavel vom Boden und ging im weiten Bogen hinter den Häusern des Dorfes dem Schloßgarten zu. Die Pfeife des Nachtwächters warnte freundlich vor den Wegen, die zu vermeiden waren. Aus den Feldern lag harter, hoher Schnee: die Erde schim- merke lichter als der Himmel, an dem die bleiche Mondes- sichel immer wieder hinter treibendem Gewölk verschwand. Pavel gelangte ans Gartengitter, überkletterte es»nd ließ sich von oben in die Fichten und dann von Zweig zu Zweig zu Boden fallen. Da befand er sich nun im Garten, wußte auch, in welcher Gegend desselben, in der dem Dorf entgegenge- setzten, der besten, die er hätte wählen können, für jetzt sowohl wie später zur Flucht. Von steigender Zuversicht erfüllt, ging er vorwärts... immer gerade cm's, und man muß zum Schlosse kommen. Was dann zu geschehen hätte, malte Pavel sich nicht deutlich aus: er ging, Miloda zu befreien, das war ihm herrlich klar, und mochte alles übrige Zweifel und Rat- losigkeit sein, der Gedanke erleuchtete ihm die Seele, den hielt er fest. Daß er jämmerlich zu frieren begann in seinen elen- den Kleidern, daß ihm die Glieder steif wurden, grämte ihn nicht: aber schlimm war's, daß immer tiefere Finsternis ein- brach und Pavel alle Augenblicke an einen Baum anrannte und hinfiel. Wenn er auch das erste Mal gleich wieder auf die Beine sprang, beim zweiten Male schon kam die Versuchung: ..Bleib ein wenig liegen, raste, schlafe!" Trotzdem aber er- hob er sich mit starker Willenskraft, tappte weiter und gc- langte endlich ans vorgesetzte Ziel— ans Schloß. Hochauf schlug ihm das Herz, als er an die alte verwitterte Mauer griff. Weist Gott, wie nahe er der Schwester ist: weiß Gott, ob sie nicht in dem Zimmer schläft, vor dessen Fenster er jetzt steht, das er zu erreichen vermag mst seinen Händen.... Es könnte so gut sein— warum sollte es nicht? Und leise, leise sängt er an zu pochen.... Da vernimmt er dicht am Boden ein knurrendes Geräusch, auf kurzen Beinen kommt etwas herbeigekrochen, und ehe er sich's versieht, hat es ihn ange- sprungen und sucht ihn an der Kehle zu packen. Pavel unter- drückt einen Schrei: er würgt den Köter aus allen seinen Kräften. Aber der Köter ist stärker als er und wohlgcübt in der Kunst, einen Feind zu stellen. Das Geheul, das er dabei ausstieß, tat seine Wirkung, eS rief Leute herbei. Sie kamen schlaftrunken und ganz erschrocken: als sie. aber sahen, daß sie eS nur mst einem Kinde zu tun hatten, wuchs ihnen sogleich der Mut. Pavel wurde umringt und überwältigt, obwohl el? raste und sich zur Wchr setzte wie ein wildes Tier. 3. Was Pavel im Schlosse grwollt, erfuhr niemand, abev die Hartnäckigkeit, mit der er jede Auskunft verweigerte, be- wies deutlich genug, daß er die schlechtesten Absichten gehabt haben mußte. Einbrechen wahrscheinlich oder Feuer anlegen; dem Kerl ist alles zuzutrauen. So sprach die öffentliche Mci- nung, und die mit Elternrechten ausgestattete Gemeinde be- schloß Pavels exemplarische Züchtigung durch den Herr» Lehrer Habrecht in Gegenwart der sämtlichen Schuljugend. Der Lehrer, ein kränklicher, nervöser Mann, verstand sich! äußerst ungern zur Ausübung des ihm zugemuteten Strafe gerichts. Seine Ansicht war, daß solche vor einem jugend» lichen Publikum vorgenommene Exekution dem selten nützt, an dem sie vollzogen wird, und denen, die ihr zusehen, immev schadet.„Dieses Vieh wird durch den Anblick ein noch ärgeres Vieh," äußerte er, viel zu derb für einen Pädagogen. Man hatte, wenn auch nicht ganz überzeugt, feine Einwendung oft gelten lassen, dieses Mal fruchtete sie nichts. An dem Tage, der zur Bestrafung des nächtlichen Ein« schleichers bestimmt war, übernahm ihn denn der Lehrer seufzend aus den Händen der Schergen und führte ihn am Schopfs bis zur Tür der Schulstube. Hier blieb er stehen, hob den ge» senkten Kopf des Knaben in die Höhe und sagte: „Schau mich an, was schaust denn immer auf den Bodentz schlechter Bub!" Nicht liebreich waren diese Worte, und doch, woran lag es denn, daß sie dem Pavel ordentlich wohltaten, und daß so» gar die Art, in der der Herr Lehrer ihn dabei an den Haare» zauste, etwas Vertrauen Einflößendes hatte und wie eins Herzstärkung wirkte? „Fürcht Dich, Du Bosnickel, Du Trotznickel! Furcht Dich!" fuhr jener fort, machte schreckliche Augen und schwang mit äußerst bezeichnender Gebärde den dürren Arm in der Luft. Und Pavel, aus dem seit drei Tagen kein Wort herauszu» bringen gewesen, der seit drei Tagen keinem Menschen inS Gesicht geschaut hatte, richtete mit einem Male seinen scheue» Blick blinzelnd auf den Lehrer und sprach mit einem halbe» Lächeln: „Ich fürcht mich aber doch nicht!" Aus der Schulstube hatte eS früher heransgesummt wie aus einem Bienenkörbe, dann war das Summen in wüste» Lärm übergegangen, und jetzt wurde da drinnen gerauft um die besten Plätze zum bevorstehenden Schauspiel. Der Lehrer brummte unwillig vor sich hin und schüttelte Pavel vo» neuem: „Wenn Du Dich schon nicht fürchtest, so schrei, schrei was Du kannst, mt ich Dir!" sagte er, öffnete die Tiir und trat ein. Sogleich wurde es still in der Stube, nu'r einzelne unwillkürliche Ausrufe befriedigter Erwartung ließen sich! hören: freundschaftlich rückte man aneinander in den Bänken; die rührendste Eintracht herrschte. Der Lehuer stellte Papel neben das Katheder und sah sich nach der Rute um. Da er sie eine Weile nicht fand oder nicht zu' finden schien, rief eins Stimme:„Dort im Fenster steht sie, im Winkel." Die Stimme kam aus einer der letzten Reihen und gehörte dem Arnost, dem Sohne des Häuslers, bei dem Virgil zur Miels wohnte. Pavel ballte die Faust gegen ihn, was zu einem Ge» mnrmel der Entrüstung Anlaß gab. Mehr als hundert Augen richteten sich schadenfroh und gehässig auf den braune» zerlumpten Jungen. In ihm kochte die Galle, und so klar er zu denken vermochte, so klar dachte er:„Was Hab ich Euch getan? Warum seid Ihr meine Feinde?" Habrecht gebot Stille und hielt eine Ansprache, in der en die Schuljugend auf eine merkwürdige Enttäuschung vorbe- reitete.„Ihr seid voll Vergnügen. Warum? Wieso? Tu» Euch die Prügel wohl, die ein anderer kriegt? Paßt aufl Weh tun werden sie Euch! Jeder vcu Euch"— seine Stimma senkte sich zu einem geheimnisvollen Geflüster, und er streckt» den Zeigefinger langsam gegen das Auditorium aus:„Jeder. der dasitzt und vor Schadenfreude aus der Haut fahren möchte, wird bald vor Schmerz aus der Haut fahren mögen. Jeder, der herglotzt uvä zuschaut, tele ich meine Schläge anstelle, wird sie mitspuren.T, mitspüreni" wiederholte er seine unheimliche Prophezeiung, bei der ihm selbst zu gruseln schien. „Und jetzt gebt acht, was der Herr Lehrer kann!" Alle Kinder schauderten vor dem Wunder, das sich an ?hnen vollziehen sollte: nur noch von der Seite streiften zage Blicke den gefürchteten Mann, dessen Erscheinung in ihrer Länge und Magerkeit etwas Gespenstisches hatte. Die Buben stierten zu Boden, die Mädchen verdeckten die Augen mit den sSchürzen- Der Lehrer aber ging rasch ans Werk. Mit fabelhafter !Geschwindigkeit ließ er die Fuchtel um den Kopf des Delin- yuenten Wirbeln und führte dann eine Anzahl Hiebe, die Pavel für die Einleitung zur eigentlichen Strafe hielt. Statt diese jedoch folgen zu lassen, sprach der Lehrer plötzlich:„Herr- Hott, da fällt mir jetzt die Brille herunter.... Heb sie auf.... Für die Strafe bedanken kannst Du Dich nach der Stunde." Pavel starrte ihn mit stumpfsinnigem Staunen an; er wartete noch auf die richtigen Wichse— da hörte er, daß er sie schon habe, und erhielt den Befehl, sich zu setzen:— auf den letzten Platz in die letzte Bank. Der Lehrer zog das Taschentuch, wischte sich den Schweiß von der Stirn, nahm umständlich eine Prise und begann den Xlnterricht. Arnost, der so rot war wie ein Krebs, flüsterte seinem Ndachbar zu:„Hast g'schaut?"„Ein bisset," antwortete der.— .„Spürst was?"—„Ich spür's im Buckel."—„Mich brennt's öin Ohr."— Ein neugieriges kleines Ding von einem Mäd- chen, das zufällig mit einem Auge an einen Riß in der Schürze geraten war und ihn zum Auslugen benützt hatte, gestand einigen Gesährtimwn, daß es meine, auf lauter Erbsen zu sitzen. Nach beendigter Lehrstunde wollte Pavel sich mit den anderen davonmachen: aber der Schulmeister hielt ihn zurück, betrachtete ihn lange mit stechenden Blicken und fragte ihn endlich, ob er sich schäme. Pavel antwortete leise:„Nein!" „Nein? Wieso nein? Hast aller Scham den Kopf ab- gebissen?" Der Bursche verfiel wieder in das hartnäckige Schweigen, das der Lehrer an dem armseligsten und seltensten Besucher seiner Schule kannte. Bisher hatte er ihn laufen lassen, heute jedoch, als er ihn strafen sollte für eine unerwicsene Schuld, Mitleid mit ihm gefühlt. Um diese Regung tat's ihm nun Zeid, und er fuhr giftig fort: „Aufgewachsen in Schande, ja wirklich schon aufgewachsen, bald vierzehn Jahre— an die Schande gewöhnt, weiß nicht einmal mehr, wie sie tut!" Nun sprach Pavel:„Weiß schon," und den Mund des Kindes verzerrte ein alternder Zug verbissener Bitterkeit. Er hatte nicht verstanden, was der Herr Lehrer früher gewollt «mit seinen Schlägen, die beinahe nicht weh taten: daß er ihm jetzt den Jammer seines Lebens vorwarf, verstand er wohl. „Weiß schon," wiederholte er in einem Tone, durch dessen jungezwungene Keckheit unbewußt ein tiefer Schmerz drang. Der Lehrer betrachtete ihn aufmerksam— er war das verkörperte Elend, der Bub! l— Nicht durch die Schuld der Natur. Sie hatte es gut mit ihm gemeint und ihn kräftig und gesund angelegt: das zeigte die breite Brust, das zeigten die roten Lippen, die starken, gelblich schimmernden Zähne. Nbcr die wohlwollenden Absichten der Natur waren zuschanden gemacht worden durch harte Arbeit, schlechte Nahrung, durch Verwahrlosung jeder Art. Wie der Junge dastand mit dem wilden braunen Haargestrüpp, das den stets gesenkten Kopf unverhältnismäßig groß Erscheinen ließ, mit den eingefallenen Wangen, den vortretenden Backenknochen, die magere derbe Gestalt von einem mit Löchern besäten Rock aus grünem Sommerstoff umhängen, die Füße niit Fetzen umwickelt, bot er einen Anblick, abstoßend und furchtbar traurig zugleich, weif das Bewußtsein seines kläglichen Zustandes ihm nicht ganz verloren gegangen schien. Lange schwieg der Lehrer, und auch Pavel schwieg: aber immer verdrossener ließ er die Unterlippe hängen und begann verstohlen nach der Tür zu fchen, wie einer, der eine Gelegenheit zu entwischen wahrzu- nehmen sucht. Da sprach der Lehrer endlich:„Sei nicht so dumm.— Wenn Du aus der Schule draußen bist, sollst Du denken: wie kann ich hinein und nicht, wenn Du drin bist: wie kann jch hinaus?" Pavel stutzte: das war nun wieder ganz unerklärlich und stimmte mit der weitverbreiteten Meinung uberein, der Schul» meister vermöge die Gedanken der Menschen zu erraten. „Geh jetzt," fuhr jener fort,„und komm morgen wieder und übermorgen auch, und wenn Du acht Tage nacheinander kommst, kriegst Du von mir ein Paar ordentliche Stiefel." fFortsetzung folgt.x (Nachdruck vtrdoteH.t Der Scbnauzl» von Karl Schön Herr. (Schluß.) Da läßt der Karrner allgemach das Pfeifen sein; steht auf. Langsam, schwer und ungeschlacht, als hielte ihn der Boden ge- waltsam fest. Endlich steht er aus den Beinen. Bläst sorgsam jedes Stäubchen vom Aermel; jeden Grashalm streicht er umständlich von Joppe und Hose, als ob es bei seinen zerlumpten paar Fetzen auf einen Grashalm ankäme. Aber ich meine, er wollte nur Zeit gewinnen. Endlich, endlich schickt er sich zum Gehen an: „Schnauzl, komm!" Der Schnauzl zuckt auf; sieht befremdet seinen Herrn an. Tas ist nicht mehr geredet; das geht ans Leben. Wer der Schnauzl erhebt sich pflichtschuldigst; studiert ängstlich seines Herrn Miene; schleicht scheu an ihm vorbei und drückt sich an die Mutter. Springt an ihr hinauf, leckt ihr die Hand, tut ihr schön. Aber die Mutter sagt: „Geh' nur, Schnauzl!" Schiebt ihn von sich und wendet sich, als wollte sie weinen. Der Kärrner etwas freundlicher:. „Komm', Schnauzl! Wir gch'n ein Haserl suchen... im Wald ... ein Haserl..." Ach du mein Gott! Ein Haserl! Der Schnauzl ist nicht von gestern. Tas merkt doch jeder Hund, daß es heute nicht seine Richtigkeit hat. Aber er ging. Wird der Schnauzl nickt folgen, wenn der Herr ihn ruft? Demütig, mit eingezogenem Schweislein trippelt er neben dem Karrner her; scheu, bang an dem finstern Manne hinaufblinzelnd, aber immer hart an seiner Seite. Hinter dem Erlcnbusch neben der„Waldsee-Froschlacke" hält der Karrner still; sieht sich schnaufend um. Tas Hündchen mit der großen Angst in den Augen bleibt auch stehen. Pflichtschuldigst. Und tut zärtlich wie noch nie. Springt und tvedelt an seinem Herrn hinauf; schmiegt und drückt sich an ihn; leckt ihm die Hände; noch einmal... und noch einmal. Wenn es seinen Herrn nur jetzt ein bißchen froher macken könnte. Das Hündchen mit der großen Angst in den Augen macht seine drolligsten Kunststücke vor; sonst hatte sein Herr dazu immer gelacht. Aber heute ist schon einmal alles umsonst. Ter Karrner schaut finster wie eine Wetterwolke. Bis zur„Waldseelacke" dringt das Gekreische der hungrigen Raben: „Vater, o! Muetter, o!" Er greift nach dem Stcchmesscr. Zieht der Schnauzl den Schweif ein; legt sich platt auf den Boden; springt wieder winselnd auf; will fliehen und bleibt doch wieder. Wird der Schnauzj von seinem Herrir geh'nl Nein. Da bleibt er, und soll er daran sterben. Sagt der Karrner tief auf- schnaufend: „Schnauzl! Es muß sein! Tas Schimmlköpfl nagt an ein� alten Lederfleck I" Und sticht das Hündchen mit dem Messer. Fällt das Köterlein hin und wedelt noch. Als wäre ihm nun leichter, da das Blut zu: fließen beginnt. Ter Kärrner hält es nicht aus. Läuft ein Stück weit in das Birkenbergerwäldchen und hebt zu fluchen an, daß sich Baum und Sträuckcr biegen. Wünscht der ganzen Menschen- brut einen einzigen Hals, stnd der sollte ihm unter sein Stechmesser kommen.. Als er nach einer Weile wieder näher kam, lag der Schnauzl ruhig; den Kopf ein wenig zur Seite geneigt; so lag er da und war tot. Nun ja! Wixun es sein mußt Als der Vater heimkam, da waren die Kinder froh. Ter Vater hat ein„Haserl" heimgebracht, schön ausgeweidet, ganz weid- männisch. Ter Schnauzl habe das Häschen aufgejagt, und der Schnauzl werde bald nachkommen; jage nur noch ein bißchen inr Walde herum, so zu seinem Vergnügen. „Der Schnauzl ein Hasl''funden... der Schnauzl". weint und lacht das Schimmelchen. Bald brennt vor dem Karren ein lustiges Feuer. Leuchtet wie ein Freudenfcucr in die neblige Herbstnacht des..Spridrig". Die Kinder tanzen um die Pfanne, in der das„Häschen" schmort; jauchzen und wackeln mit den zausigen Köpfen. Ja, wenn man ein Haserl hat... da ist leicht gesotten und gebraten. Ter Vater hockt abseits. Seine Augen flackern Tie Muter hebt von Zeit zu Zeit den Teckel von der PfanneZ wendet den Braten um und wischt sich zwischendrein über die Uugen; denn sie hak zum Feuern grüncS Hokz genommen; das macht so viel Rauch. S früher wurde sie geraubt— die nicht einmal ihre eigenen Kleider behält. Der Gatte ist der unbeschränkte Herr seines Weibeö. Er kann sie prügeln, auch wegschicken; noch größere Gewalt hat der Schwiegervater über die Schwiegertochter. Auch in den äußeren Sitten prägt sich diese Verachtung der Frau aus. Es gilt als un- schicklich, wenn die Frau im Beisein von anderen mit ihrem Manne plaudert, ja, sie darf ihn nicht einmal beim Namen nennen. Und niemals wird der Ehemann vor andern seiner Frau eine Zärtlichkeit erweisen oder nur mit ihr scherzen. Herrisch und rauh spricht er mit ihr. Die Familie haftet solidarisch für alle Vergehen eines einzelnen Mitgliedes. Zwischen den einzelnen Stammeshorden wird Blutrache geübt, die man in neueren Zeiten aber auch, um die Ausrottung ganzer Familien zu verhindern, mit Geld ablöst. Die Verfassung ist patriarchalisch-demokratisch. Die höchste Gewalt übt das Volk selbst in Volksversammlungen auS, die im Laufe des Jahres mehrmals stattfinden. In der Volksversammlung muß von jedem Hanse wenigstens ein Vertreter erscheinen. Wer ausbleibt, muß eine Strafe von zwei bis vier Schafen zahlen. Die Volksversammlung entscheidet über alle Angelegenheiten des Bezirks, der Gesetzgebung, der Verwaltung und der Justiz. Der Stammeshäuptling leitet die Verhandlung und unterbreitet die Vorschläge. Vier bis sechs Häuser stellen je einen Unterhäiiptling, die Gjobaren. In den Volksversammlungen werden namentlich die Bußen festgesetzt, die durch Ucbertretung der be- stehenden Weidesatzungen. durch Feldfrevel entstehen. Die Bußen werden in der Regel in Schafen bezahlt, während der Versammlung eingetrieben und dann unter die Gjobaren verteilt. Diese Volks» Versammlungen entscheiden auch über Einschränkungen der Blutrache. Durch das Kriegshandwerk bedingt ist die weitverbreitete Sitte der Bruderschaften. Zwei junge Leute können sich als Brüder adoptieren und sind sich dann auf Tod und Leben verpflichtet. Solche Paare bilden auch größere Verbände. Aus diese» Verhältnissen er- klärt sich wohl auch die Sitte der Knabenliebe, die besonders bei den Ghegen herrscht. Schilderungen, die die Ghegcn selbst von dieser Knabenliebe geben, erinnern in ihrer schwärmerischen Reinheit an die Darstellungen von Platon Symposion. So schilderte ein Ghege dem besten Kenner Albaniens seine Gefühle:„Veranlassung zur Liebe gibt der Anblick eines schönen Jünglings; dieser erzeugt in dem Bc- trachtenden das Gefühl der Bewunderung und öffnet die Türen seines Herzens dem Genuß, welche die Betrachtung dieser Schönheit ge- währt. Nach und nach stellt sich die Liebe ein und bemächtigt sich des Liebenden in dem Grade, daß sein Denken und Fühlen in ihr aufgeht. Er beobachtet, wie der Liebling geht, wie er sich bewegt; toU er die Nugen auf und niederschlägt und mit den Dränen zuikt, tote er die Lippen öffnet und schließt, er borcht auf den Ton seiner Stimme. Er vermeidet es, ihn mit der Hand zu berühren und iußt thm mir selten die Stirn zum Zeichen der Verehrung, weil dort die göttliche Schönheit strahlt." Der Knabcnliebe ist auch dieses ghegische Lied gewidmet: Du findest keinen Vogel, der singt. Lille sitzen und weinen. Der ärmste Liebhaber, wie schwer duldet eil Deun sie trennen ihn von dem Liebling. Die Sonne, welche am Morgen aufgeht, Ist wie du, o Knabe, wenn du um niick bist; Wenn sich mir das schwarze Auge zuwendet, Treibst du mir Leben und Verstand aus dem Kopfe. Die dem anderen Geichlecht gewidmeten Liebeslieder sind im Gegensatz zu dem schwärmerisch senlimemalen Weisen der Knabenliebe voll derben Spottes, und zeigen wiederum die Verachtung der Frau. So heißt eS in einem Frühling-lied au ein Mädchen: Der Frü�-ng ist gekommen, Die Rose ist aufgesprungen, Die Knospen öffnen sich. Möge das künftige Jahr Auch keinen Knochen mehr von dir finden. Ein tieferes und weicheres Gefühl verrät das Abschiedslied beS Soldaten, der seine Gefährtin daheim lassen muß: Ich ging hinaus, Kameraden, hinaus ging ich, Ach nahm die Fahne und wanderte; Durch die Bergspalte ging ich über baS Gebirge; Ich wandte meinen Kopf und schaute zurück; Die Augen wurden mir voll Tränen. Ich ließ dich zurück, o Hausfrau. Ich ließ dich hinter mir als Slellvertreterin zurück, Als Slellvertreterin in meiner Sache, Durch dich besieht noch mein Haus. In neuerer Zeit find auch politische Lieder entstanden, die den SiegeSziig revolutionärer Kultur beweisen. In den Tagen des Berliner Kongresses sangen die Albaner eine Marseillaise. Das Volk wird in diesem Kampflied aufgerufen, sich nicht durch du Religion trennen zu lassen: Hört nicht anf die HodschaS und Priester, Denn Gott ist für alle Einer; Die wollen unter uns Unkraut säen Uno unsere Bruderschaft zerstören. kleines feuilleton. Kunst. Ein Tiermaler. Bei Schulte, Unter den Linden, zeigt Heinrich Zügel eine Reihe trefflicher Bilder von Tieren und all den Eeschehmffcn, die das Licln auf dem gell der Rinder und in der Wolle der Schafe vollbringt. Es ist heute nicht mehr notwendig zu beweisen, daß eine Ziege blau und ein Ochs violett und die Luft wie ei» zerstäubter Regenbogen aus- schauen kann; das haben die Leute mittlerweile gelernt. Einst ärgerten sie sich darüber und hielten den Maler, der die Kühe nicht braun und die Geißlein nicht schneeweiß machte, für einen Tollhäusler. Euch das wollte ihnen gar nicht gefallen. daß die Tiere nicht fein artig, bis auf da? einzelne Haar des Schwanzes durchgezeichnet waren, so elwa wie die Spitze von Ludwig Richter. Heute haben sie sich auch daran gewöhnt, sie glauben eS jetzt, daß die. lockere Elastizität eines Schaffelles durch temperamenivoll lockere und elastische Pinselstriche, durch Farbflocken am besten wiederzugeben ist. Sie glauben auch, daß die Kühe nicht frisiert herumlaufen und der Maler recht wt, wenn er von dem Atmen und dem Dunstkreis der Kreatur, von dem Zittern der Nüstern, etwas von dem ewig Kauenden in seine Bilder mit hineimnall. So Weit wären wir also heute, und wer nicht just blind oder ein un- heilbarer Philister ist, der nimnil die in Farben sprühenden und unter praffelnder Sonne aufbrennenden, die dampfenden und brüllenden Tiere, wie sie Zügel malt, als das Selbst- Verständliche. Solche Wandlung der Zuschauer ist erfreulich, sie be- deutet eine Bereicherung, eine Höherenuvickelung des Auges. Man sollte darob nie vergessen, daß der Künstler eS war, der den Weg in das Neuland wies. Man sollte an dem Beispiele der Bilder Zügels ein für allemal verlernen, über einen Maler zu lachen, mich wenn er noch so merkwürdige und bisher unbekannte Dinge aus seiner Leinewand verkündet. Nicht inimer ließ Zügel das Fell der Rinder in bimten Spieken leuchten und die Wunder des HinunelS sich auf den schwarzen Kolosien spiegeln, nicht immer wandelte er Kühe und Ochsen in tönende Instrumente, die Hymne der Sonne zu verkünden. Dazu kam er erst später, nachdem er durch I Frankreich und Belgien gereist war, nm dort an sich i selber da? Wunder vom Sehenlernen des Lichtes und der Lust, be» Staube? und der perlenden Feuchtigkeit zu erfahren, vis dahin halte er mehr da? Psychologische als das Optische gemalt. Er hatte stühzeitig die Tiere keimen gelernt; mit seines ValerS Schafen lag er auf der Weide und wurde der Seele des Tieres vertraut, die sich in dem Blick der Lugen, in dem Falten des Felles, in dem Pendeln des Schwanzes offenbart. ES gibt einen Zusammenhang zwischen der inodernen Nalurforschung und der Malerei von Zügel und deren um ihn. Gewiß, am Anfang zeigen Zügels Bilder ost eine Episode, einen Schafmarkt oder eine Schaflväsche, mit all dem Darum und Daran des Dorfes und der Bauern. Da weiß man noch mcht recht, ob as die Tiere oder die Menschen sind, die ihn am meisten interes.ieren. Bald aber wird das deutlich, und wenn man dann sieht, wie ihn die schlottrige Hilflosigkeit neugeborener Lämmer tief rührt und heftig erregt, wie er das Knacken in den Gelenken einer jungen Ziege erhört, wieviel Freude ihm die feucht« Weichheit eines OcdfenmaulcS bereitet, welweS Behagen ihm di« sonnentrunkcne Faulheit gelagerter Schafe verscbafft, wenn man«so sieht, wie Zügels Instinkt sich auf alle Regungen des Animalischen einstellt, dann erkennt man den Maler des Tieres, den Porträtisten der Schafe und der Rinder. Die große, dem Blut dcS ScdäiersohneS innewohnende Leidenichast zum Tier hat Zügel auch später nicht darangegeben; auch al» er die Sonne enideckle, blieb er ein Hcrdengenosse und hatte nun doppelte Freude, seine Lieblinge mit dem Zauberm.intel aus goldenem Feuer und farbig zuckenden Flammen zu schmücken. Seine Tiere wurden ihm zu Gesäßen und Offenbarern der atmosphärischen Feste. Nun ivetterleuchien die Kühe in Blau und Violett und die Schafe in Violett und Blau. R. Br. Medizinisches. Zur Verhütung der Masern. Die Masern haben den für die Wissenschaft peinlichen Ruhm, eine der am weitesten der- breiteten Ktaukheiicn zu sein, deren Erreger bis auf den heutigen Tag noch nicht entdeckt worden ist. Vielleicht hat der Umstand, daß nur verhältnismäßig wenige Menschen auch unter den Kindern an dieser Krankheit sterben, dazu geführt, daß die ihr gewidmete Auf» merksamkeit nicht so lebhaft gewesen ist, wie bei anderen ansteckenden Krankheiten. Auch der Umstand, daß eine einmalige Erkraulung in den meisten Fällen einen dauernden Schutz verleiht, mag in derselben Richtung mitgewirkt haben. Immerhin ist diese Lücke unseres Wissens umso mehr zu bedauern, als die Masern zu den austeckendsten vo» alle» Leiden gehören und in dieser Hinsicht nur mit den Pocken und dem echten Typhus ver» glichen werden können. Auch müssen wir es als eine Schmach be» trachten, daß durch die Einschleppung von Masern aus Europa nach fernen Ländern und besonders nach den Inselgruppen der Südsei Epivemien erzeugt worden find, die an Heftigkeit mit jeder anderen Seuche wetteiferten. Das bekannteste Beispiel ist die Masernepidemi« aus den Fidscht-Jnseln, wo im Jahre l87S in vier Monaten 40(XX) Eingeborene starben, deren Gesamtzahl überhaupt nur ISOlXX) be» trug. Diese Tragödie ist der stärkste Beweis dafür, wie verheerend Krankheiten, die in anderen Ländern als vergleichsweise harmlo» gelten, unter Völker» austreten, denen sie bis dahin ganz unbekannt gewesen waren. Da ähnliche Fälle noch jetzt jederzeit eintreten können, so sollte die Bekämpfung der Masern in jedem Laude mit möglichster Tatkraft betrieben werden. Die darauf gerichtete Arbeit wird dem Menschen von der Natur sehr erleichien. Der Erreger der Masern, wie er auch beschaffen sein mag, ist jedenfalls ein empfindliches Wesen, daS schon durch Sonnenlicht und frische Lust gelölet werden kann, ganz zu schweigen von eigentlichen Desinfektionsmitteln. Es müßte also sehr wohl möglich sein, die weitere Verbreitung der Masern zu verhindern, wenn eine Erkrankung eingetreten ist. Die Schwierigkeit besteht nur darin, daß die Ansteckung anderer Familienmitglieder gewöhnlich bereits erfolgt ist, wenn der unverkennbare Hautausschlag bei einem von ihnen sich erst zu zeigen beginnt. Dennoch läßt sich die An» steckung meist vermeiden, wenn die-ersten Merkmale der Krankheit genügend deachtet werden. Diese bestehen gewöhnlich in schnupfen» artigen und kalharrhalis-ven Erscheinungen, die zunächst den Folgen einer gewöhnliche» Erkaltung gleichen. Gerade während dieser Zeit ist infolge der starken Ausscheidungen der Nase und des Schlundes die AmicckungSgefahr besonders groß. Da» her sollten eS sich Eltern zur Pflicht machen, ein Kind schon dann von seinen Geschwistent zu Nennen, wenn eS noch nicht sicher ist, ob eS nur an einer leichteren Erkältung oder an Masern erkrankt ist. Hat der Hautausschlag sich zu zeigen begonnen, so ist es dazu eben gewöhnlich zu spät. Ter Kranke sollte also möglichst bald in einen entlegenen Raum gebannt und nur von einer einzigen Person bedient und gepflegt werden, die schon eine Maiern» erkrankimg hinter sich hat. Dem Arzt sollte ein leinenes Ueberkleid zur Verfügung gestellt werden, daS er nur in dem Krankenzimmer selbst trägt und bei seinem Verlasien wieder ablegt. Bor allem muß aber für eine gründliche Desmtektion aller Gegenstände Sorge getragen werden, die mit dem Kranken in Berührung gekommen find. Bücher und Spielzeug sind am besten ganz zu vernichten. Die Zeit de» Absperrung muß auf mindestens drei Wochen bemcsien werden. wenn keine Verwickelungen eintreten. Das Kraitketizimmer selbst muß danach besondets gründlich gelüstet und der Sonne ausgesetzt außerdem noch mit Formaldehydämpsen desinfiziert werden._ lßersutwortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: vorlvärtsBuchöruckerei u.VerlagsanjtciltPaulSmgerZcCo., Berlin 2VV,