Nnterhattlmgsblatt des Horwiirts Nr. 71. Dienstag� den 11. April. 1911 KKoAtitua vervoten.) 63 Das Sememäekmci. Erzählung v. Marie v. Ebner-EschenbaH- Wenn ihn die Vinska schalt, schloß sie meistens mit den Worten:„Und dumm bist du, dumm, der Dümmste im ganzen Dorfe." Vor kurzem noch hatte diese Versicherung ihn kühl gelassen, seit einiger Zeit begann sie ihn zu der- drießen: ihm schwante, daß etwas Wahres an ihr sei. ..Dumm," murmelte er und griff sich an die Stirn,—„aber so dumm doch nicht, wie sie glaubt, die Spitzbübin." So dumm doch nicht, daß aus seinem Gedächtnis alles der- schwunden wäre, was sich vor einem Jahre begeben hatte, und daß er nicht vermöchte, einen Verdacht, der damals schon flüchtig in ihm aufgestiegen war, von neuem, und jetzt kräftiger zu fassen. Das Hochamt dauerte lange; die Sonne stand im Scheitel, als Gesang und Musik endlich verstimmten, und die Beter so eilig aus der Kirche herausdrängten, wie sie hineingedrängt hatten. Pavels Augen suchten nur die eine und vermochten nicht, sie zu entdecken, auch dann nicht, als das Gewühl sich zerstreute, und ein Teil der Leute die Markt- buden umringte, der andere in leicht übersehbarem Zug die Dorfstraße hinanschritt. Vinska war wie verschwunden, und Peter mit ihr. Nach der Messe wäre es Pavels Sache gewesen, heimzu- kehren und mit Virgil das Vieh auf die Weide zu treiben; aber das fiel ihm heute nicht ein. Er vagabundierte in der nächsten Umgebung auf den Feldern und im Walde herum und suchte die Vinska. Bis zur Wut gesteigerte Ungeduld kochte in seiner Brust, und quälend nagte der Hunger an ihm. Gegen Abend kam er zum Wirtshaus, vor dem es lustig zuging. Betrunkene sangen, Buben balgten sich, kleine Mädchen hüpften im Neigen beim Schall des Zymbals und der Fiedeln, der durch die offene Tür herausgellte. Neugierige hielten die Fenster der Tanzstube besetzt, beobachteten, was drinnen vor- ging, und machten ihre Glossen darüber. Nach langem Kampf eroberte Pavel einen Platz zwischen ihnen und sah die Paare sich drehen im dunstigen, spärlich erleuchteten Gemach. Ganz nahe am Fenster, an dem er stand, schwenkte Peter die Vinska auf einem Fleck herum. Er war schon stark angetrunken, hatte die Jacke und mit ihr seine vornehme Zurückhaltung abgelegt. Der Peter in Hemdärmeln war ein so ordinärer Kumpan, wie der erste beste Knecht. Die Vinska in seinen Armen schlug züchtig die Augen zu Boden und erglühte feuerrot bei den Reden, die er ihr zu- flüsterte, und den Küssen, die er ihr raubte. Neber den Anblick vergaß Pavel seinen Hunger— seine Ungeduld wich einem rasenden, ihm unbegreiflichen Schmerz: wie in den Fängen eines Raubtieres wand er sich und brachte ein entsetzliches Röcheln hervor. Die Umstehenden erschraken; man stieß ihn hinweg, und er tvehrte sich nicht; er schlich davon, durch die langsam herein- brechende Dunkelheit, seinem unheimlichen Daheim zu. Aus der Hütte schimmerte ihm der ungewohnte Glanz einer bren- nenden Kerze entgegen. Sie war auf dem Fenstersimse auf- gepflanzt, und in dem von ihrem Schein erhellten Stübchen saßen Virgil und sein Weib aus der Bank, und zwischen ihnen stand ein Teller mit Braten und eine Flasche Branntwein. Die beiden Alten aßen und tranken und waren guter Dinge. Pavel beobachtete sie eine Weile vom Feldrain aus, stieg dann zum Hohlweg hinab, den die Dorfstraße bei den letzten Schaluppen bildete, und streckte sich auf die ausgebrochenen Ziegelstufen des Eingangs, den Kopf an die Tür angelehnt. So mußte, im Fall, daß er etwa einschlief, die Vinska ihn wecken, wenn sie ins.Haus wollte. Stunden vergingen: der matte Glanz, den daS Licht im Fenster auf den Weg geworfen hatte, erlosch. Das treibende . Gewölk am Himmel, der umschleierte Mond mahnten Pavel an die Winternacht, in der er ausgezogen war, Milada aus (der Gefangenschaft zu befreien. WaS für ein Narr war er damals gewesen— was für ein Narr geblieben bis auf den heutigen Tag... Von dem einzigen, der ihn nie beschimpft, dem einzigen, der ihm je eine Wohltat erwiesen, hatte er sich in blödsinnigem Mißtrauen abgewendet, und war der Betrügerin unterwürfig gewesen, die ihn zum besten hatte, ihn bestahl und verlachte.., O— ganz gewiß verlachte und verspottete! Sie spottete sc» gern, die Vinska, und so leicht bei viel geringeren Veranlassun- gen als seine grenzenlose Dummheit eine war... „Was tu ich ihr?" fragte er sich plötzlich und antwortete auch sogleich:„Ich schlag sie tot." Keine Ueberlcgung: was dann? Nicht die geringste Angst, nicht der kleinste Skrupel, nicht einmal ein Zweifel an der Ausführbarkeit seines rafch gefaßten Vorsatzes. Er stand auf, öffnete leise die Tür, holte den Knüttel Virgils von: Herde und legte ihn neben sich, nachdem er seinen früheren Platz und seine frühere Stellung wieder eingenommen hatte. Nun kam eine große Ruhe über ihn; die Augen fielen ihm zu, und er schlief ein. Nicht tief, so halb und halb, wie er zu schlafen pflegte, wenn er die Nacht mit den Pferden draußen auf der Hutweide zubrachte. Der Morgen dämmerte, als leichte Schritte, die sich näherten, ihn weckten. Sie war's. Heiter, bequem und fried- lich mit ihrer unschuldigen pfiffigen Miene kam sie einher, zögerte ein wenig, als sie Pavel daliegen sah, betrat dann ganz sachte die Stufen und beugte sich, um ihn zur Seite zu schieben.— Da packte er sie am Fuß und riß sie zu Boden. Sie fiel ohne einen Laut, erhob sich aber sogleich auf die Knie, während er nach dem Knüttel griff... Ein Blick in des Jungen Gesicht, und aus dem ihrigen wich alles Blut. „Pavel," stammelte sie,„was fällt Dir ein— Du wirst mich doch nicht schlagen?" Sie stemmte beide Arme gegen seine Brust und sah angst- voll und bebend zu ihm empop. „Schlagen nicht— erschlagen ivcrd ich Dich," ant- wartete er dumpf und wandte den Kopf, um ihren flehenden Augen auszuweichen.„Aber zieh zuvor meine Stiefel aus." „Jesus Maria! Wegen der Stiefel willst Du mich um- bringen?" „Ja, ich will." „Schrei nicht so... die Alten wachen auf.'' „Alles eins." Sie schmiegte sich an ihn, ein schüchternes Lächeln um- zuckte ihre Lippen.„Sie kommen mir zu Hilfe, wie kannst mich dann totschlagen? Geh— sei still, sei gut." Er suchte sich von ihrer Umarmung loszumachen, die ihn beseligte und empörte; er fühlte, mit Zorn gegen sich, den Zorn gegen sie unter ihren Liebkosungen schwinden:„Spitz- bübinl" rief er. „Mach keinen Lärm," mahnte sie;„wenn die Leute zu- sammenlaufen, was hast Du davon? Sei still! Schlag mich tot meinetwegen, aber sei still— schlag mich tot, Du dummer Pavel—" und nun kicherte sie schon völlig vergnügt und siegesgewiß. Zwischen den wirren Haaren, die ihm über die Augen hingen, schoß ein Blitz voll düsterer Glut hervor, der sie von neuem schaudern machte.— Das war kein törichter Junge mehr, es war ein frühreifer Mann, der sie angeblickt hatte. und instinktmäßig rettete sie sich in der Furcht vor ihm— an seine Brust. „Tu mir nichts! Wie leid wäre Dir!" Sie stand neben ihm und hielt seine Hand, der der Knüttel entsunken war. Sie bat, sie schmeichelte, sie suchte ihn zu rühren und hielt sich selbst eine Totenklage.„O wie leid wäre Dir um mich, niemandem so leid wie Dir um die arme Vinska." „Du bist nicht arm!" fuhr er sie an,„Du nicht!... Schlecht bist Du— und ich geh aufs Bezirksamt und der- klag Dich." „Wegen der Stiefel?" fragte sie und lachte herzlich und sorglos. ,.�a. � Flugs ließ Vinska sich auf die Stufen nieder, zog die Stiefel aus und stellte sie vor Pavel hin.„Da hast sie, Geiz- hals! Ich brauch sie nicht!— ich brauch nur dem Peter ein Wort zu sagen, so kauft er mir andere, viel schönere," Pavel ErllSte lormlich aus:„Petit, Itetnl Nimm die Weinen, behalt sie: ich schenk sie Dir. Nur geh nicht mehr mit dem Peter... Versprich's l" Er faßte sie an den Achseln und schüttelte sie, daß ihr Hören und Sehen verging:„Per- sprich's, verspricht!" „Sei ruhig— ich verspreche es," antwortete Vinska, doch war der Ton, in dem sie es sagte, so wenig überzeugend, und es flog ein so seltsamer Ausdruck über ihr Gesicht, daß Pavel die Faust ballend drohte: „Nimm Dich in acht!" 6. Tie nächste Woche brachte viel Regentage, und an jedem trüben Morgen packte Pavel seine Schulsachen zusammen und ging zum Gelächter aller, die ihm auf dem Wege dahin be- gegneten, in die Schule. Tort saß er, der einzige seines Alters, unter lauter Kindern und immer auf demselben Play, dem letzten auf der letzten Bank. Anfangs tat der Lehrer, als ob er ihn nicht bemerke: erst nach längerer Zeit begann er wieder, sich mit ihm zu beschäftigen. Einmal, als die Stunde beendet war, die Stube sich geleert hatte, Pavel aber fortzugehen zögerte, fragte ihn der Lehrer: „Was willst Du eigentlich? In Deinem Beruf kannst Du Dich bei mir nicht ausbilden." Pavel machte verwunderte Augen, und der Lehrer fuhr fort:„Hast Du mir nicht gesagt, daß Du ein Dieb werden willst? Nun, Unglücksbub— Unterricht im Stehlen geb ich nicht." Dem Pavel schwebte schon die Antwort auf der Zunge: „Darum ist mir's auch nicht zu tun, versteh's ohnehin." Aber er bezwang sich und sagte nur:„Lesen und schreiben möcht ich lernen." „Zur Not kannst Du's ja." „Just zur Not kann ich's nicht." „Mußt Dir halt Müh geben." „Geb mir Müh, kann's doch nicht." „Bring Dein Buch her." (Fortsetzung folgt.x Die Crcle ift weich» Von Werner Peter Larsen. Nun brechen schon allerorten die Knospen durch: auS dem Flieder vor meinem Fenster steigt es wie Recken und Dehnen, die Amseln pfeifen... tlll— tülü... und vor wenigen Tagen hat mir jemand einen Karton geschickt, irgend jemand, den ich nicht kenne—„Es will Frühling iverden", stand darauf, und darin lag ein später Strauß Schneeglöckchen. Sie trugen noch etwas an sich von dem Land da draußen, von diesem Land, das nun wieder erwacht, einen herben kühlen Dust von stillen Gärten und den großen Weiten, von dampfenden Schollen, von Tau und Wind; ich betrachtete abwechsend sie und die Schrift, — eS war die Schrift einer jungen Frau, und mir schien, die Buch- staben tanzten. Nun will eS Frühling werden, da ist kein Zweifel, denn die jungen Frauen wissen das genau; und die Luft schmeckt auch so ganz anders, so richtig prickelnd und würzig, und die Narzissen unten im Garten beginnen mählich zu keimen,— ich habe also zu Heinrich gesagt, nun sei es an der Zeit, nun wollten wir uns einen Hund kaufen. „Einen Hund?' fragte er ganz beglückt,„einen jungen—V Und ich nickte und sagte, gewiß, nur einen jungen, einen mit noch weichem Maul, von sechs oder acht Wochen. Ich habe mir ge- dacht, es solle ein Rassehund sein, nicht irgend so ein Bastard von Hund und Ratte, sondern ein edles Tier, eine Dogge oder ein Dal- „ratiner, von dem auch das Auge was hat. „Wir wollen ihn Perro nennen," sage ich,„wie denkst Du? DaS heißt auf Spanisch— Hund und klingt recht gut." „Hund?" sagt Heinrich.„Gewiß, das ist ein guter Name." Nun liegt also dem Heinrich der Hund im Sinn— der Perro— und er fragt mich zehnmal täglich, wie er aussehen wird— silber- grau? oder mehr schiefergrau? oder weiß mit schwarzen Tupfen? und wie groß? so etwa? oder nur so—? ja, und, bitte— wenn endlich wird er nun kommen? „Nun," sage ich.„auf den Tag läßt sich das nicht bestimmen: «in wenig mußt Du Dich schon gedulden— ich will mich umsehen— ober ich denke doch, so etwa in einer Woche." „In einer Woche," sagt Heinrich.„O, eine Woche ist lang..." Nun liegt er inzwischen, die Arme verschränkt, und blickt mit sehnsüchtigen Augen zum Fenster, hinter dem der Frühling beginnt. Ach, es ist bislang nur ein Zipfelchen vom Frühling, das habe ich «ine Weile bedacht und begonnen, das Beet umzugraben. Das war kein leichtes Stück Arbeit, denn die Erde ist immer tlvch verschlossen und zähe, und es ist noch etwas in ihr von Winter- licher Härte; bisweilen ächzte und knarrte der Spaten bedenklich; zu guter Letzt aber schaffte ich es doch. Ich sah absichtlich nicht zum Fenster hinüber, die ganze Zeit nicht, denn ich hätte dem Blick nicht standhalten können aus Heinrichs Augen— jetzt nicht—, aber später, als ich bei ihm eintrat, da sah ich ihn voll an, und da lächelte er... „Du gräbst ja schon," sagte er, und etwaS zuckte in seinem armen Vogelgesicht. „Gewiß," sagte ich,„es wird doch nun Zeit. Die Erde ist schon so wunderbar weich—." „Ja." sagte er und seufzt plötzlich auf.-- Am Abend, als der Doktor kam, da lag er im Fieber, und eS war ein häßlicher Spott der Farben, wie er aus dem Weiß der Kissen vortrat: aschfahl— gespenstisch fahl— mit riesigen Augenhöhlen und prächtigen roten Blumen auf den Wangen. „Nun wird die Erde schon weich," sagte er,„hören Sie, Doltor? — Die Erde wird weich--." Und dann kamen sie auf ihr Lieblingsthema— auf die Tropen — und als ich wieder eintrat, lag über Heinrichs Gesicht ein sonniges Leuchten. Der Doktor saß im Sesiel und sprach von Bolivien. Von La Paz. La Paz— ja, das ist eine merkwürdige Stadt; sie ist wohl die höchste der Welt— dreitausendsiebenhundert Meter über dein Meere— und eine Luft, ein Klima ist dort, wie nirgends sonst. Die Alpen? Die Riviera? Aegypten? Nein, mein Lieber, da können Sie einen Kranken wohl hinhalten, aber nicht heilen. Das aber tut La Paz.— Uebrigens, komisch ist das, denken Sie mal, da kommen Sie von den Bergen, aus der Kühle, in Wollzeug womöglich, kommen ganz ahnungslos und steigen hinab— puh, mitten hinein in die Glut der Tropen... Der Doktor spricht; er kann bisweilen stundenlang so sitzen und sprechen, vergleichen und Schlüsse ziehen; er ist ein tiefer Mensch. Er hat die Welt durchwandert nach allen Windrichtungen; er hat nichts besesien und ein Vermögen erworben, zwanzig Jahre lang erworben und in einer Stunde verloren beim Krach einer New Dorker Bank. Aber Was will das sagen? Er zuckt die Achseln und lächelt... Samoa— da hat er drei Jahre gelebt, da hatte er Weib und Kind. Ein prächtiges Volk, diese Samoaner, edel bis in die kleinste Gebärde I Noch heute zuckt es um seine Lippen, wenn er von seinem braunen Weibe spricht und dem zappelnden Kind. Das Weib ist nun längst schon tot, und das Kind— das nahm der King im Busch— der Stamm—, denn er hat Blutsfreundschaft mit ihnen geschlossen, und sie leben in Kommunismus... Samoa.— Und der Kongo? Den Kongo färbt das Blut der. Schwarzen.— Ketten klirren, Sklaven seufzen,— Foltern, Wahnsinn, Barbarei.— Und China?— Und die indischen Fakire... Der Doktor sitzt und spricht, und aus jedem seiner Worte schwingt das Heimweh nach den Tropen, nach der Einsamkeit der Steppen, wo nur Wind und Halme sind, und weite durchsonnte Himmel,— nach den schimmernden Städten des Orients... O, und er geht auch gewiß wieder fort— bald, sehr bald,— fort aus all dieser schnöden Maskerade und Scheinkultur, dieser zusammen- gebettclten, zusammengcstohlenen Kultnr, die nun überfließt von Dünkel und Ueberhebung—„Europa I"— und ihm doch so kindisch, so lächerlich borniert erscheint--. Aber nun wird es wohl Zeit zn gehen, denn eS ist sieben, und Heinrich soll ruhen. Der Doktor nimmt Hut und Stock, er nickt verbindlich, dann klappt die Tür, und er ist fort. Es wird still. „Wenn ich doch fort könnte," sagt Heinrich plötzlich, fort. fort..." Ich starre ihn schweigend an— die riesigen Augenhöhlen, die lohenden Wangen, und plötzlich durchranscht nnch ein halb ver- schollener Akkord: so blutrot hatten in meiner Kindheit am Friedhof die Rosen geglüht--- �# / Nun aber geschieht das Merkwürdige, da? Wunder— mit Heinrich geht eS bergauf. Die Stiche sind fort, und auch der Druck ist fort, dieser böse Druck, der die Brust zusammenkrampft und lähmt, ja sogar die Stimme ist teilweise wiedergekommen— das alles in wenigen Tagen— ich fasse mich an den Kopf und mag eS nicht glauben. ?5ch habe den Doktor beglückwünscht, er aber sah mich nur an chüttelte den Kopf. Da habe ich mich diese? Flackern? erinnert, und plötzlich sah ich sie wieder vor mir, all die Gebrochenen und Gezeichneten— in den dumpfen Höhlen Ost-LondonS, in den Arbeitervierteln Berlins. Nun geht eS also mit Heinrich bergauf und er ist guter Dinge; eS ist nun auch nicht mehr das schmerzliche Grübeln in ihm. sondern mehr ein feines, leichtes, sonniges' Sinnen; seit einigen Tagen hat er sogar seine Broschüre hervorgeholt, diese kleine Broschüre, die ihm besonders am Herzen liegt; es ist eine Studie über Arbeiter- Wohnungen und darüber steht:„Baut kleine Häuser!" Baut kleine Häuser I Die Ueberschrist gefällt mir und mich will bedünken, er hat sie fein gewählt, denn eS lugen dickleibige Werke und ein bitterer Hohn aus ihr. Kleine Häuser. Wie Heinrich sie gesehen hat. als er in England auf Wanderschaft war— bei den großen Industriezentren—; er macht sich durchaus keine Illusionen, behüte! aber er hat doch immerhin Stellen gesehen, wo Jrtiet sein Fleckchen Erde hatte und sein HauS, ein kleines Einzel- hauS für sich und die Seinen— mitten im Garten... Aber hier... Sein Gesicht flammt auf und seine Stirne furcht sich.«Hier haust Du womöglich im Keller des dritten Hofes, und Deinen Nacken drückt ein graues, fiinfstöckigcS Haus.. Bisweilen Sonntags, da kommen vier, fünf Männer zu uns heraus, Heinrichs Freunde, mit denen er früher am Schmelzofen stand, bis er das Glück hatte, die Schwindsucht zu kriegen und wegkam, geradewegs hinaus in den Grunewald. „Ist das nicht Glück?" pflegt er oft zu sagen..Riesenglück? Ha, wo wäre ich denn sonst?" Und er lächelt ein grimmige? Lächeln. Aber es ist ja nicht nur Glück, sondern auch anderes, denn so diele da drinnen fallen ja einfach um und sterben, und man sieht sie sterben und zuckt die Achseln und geht vorüber, ihm aber hilft man — alle helfen ihm, denn er ist ein guter Mensch und ein aufrechter, braver Genosse. Da kommen also Sonntags bisweilen vier, fünf Männer zu unS heraus, die stapfen mit offenen Mündern durch unseren Garten und schnappen die würzige Luft, und dann sitzen sie rund um Heinrichs Bett und reden ihm aufmunternd zu— o, überhaupt jetzt, wo es Frühling wird!— jetzt muff es ja besser wcrdenl „Der Frühsing.. sagt Heinrich versonnen, und in seiner Stimme zittert ein unendliches Sehnen.... Lange noch, nachdem die Freunde dann fort sind, liegt er still- lächelnd, und seine Augen sind ganz Dank und Rührung. „Das sind Freunde," sagt er,„was?— Ja, siehst Du— wir Verlassen einander nicht... nein, einer den anderen nicht". Und nun sieht man ja auch, datz die Freunde recht haben. Es geht im Sturmschritt vorwärts; nicht lange mehr, da wird Heinrich aufstehen und am Fenster sitzen. Er fühlt sich so wunderbar leicht, gerade in diesen Tagen; er hat nun große Pläne. Und wen» er sich erst völlig erholt hat, dann läßt sich ja auch noch erwägen, ob er sich nicht hinüberarbeiten kann nach La Paz— sozusagen zur endgültigen Heilung... Wenn eS aber erst hier warm und grün wird--. „Weißt Du, was wir dann machen? Dann laden wir sie alle eines Sonntags ein, und dann kommen sie aus ihren stickigen Löchern zu uns heraus ins Grüne. Da wollen wir mal lustig sein." Ich nicke. .Ja, und sag— haben wir dann auch schon den Hund? Gewiß. Und da werden wir denn beisammen sitzen— und der Doktor natürlich mitten dazwischen— und der Perro wird auch dabei fitzen oder vielleicht im Garten umherlaufen. Und dann habe ich ja auch die Stimme wieder, und da denke ich— ja, weißt Du, da möchte ich dann eigentlich aufstehen und an mein GlaS klopfen— und—* Er stockt einen Augenblick uud sieht mich an. .— da möchte ich dann eine Rede halten--." Dies ist sein Lieblingsgedanke, und ich muß sagen, er gefällt mir in seiner sonnigen Stimmung. Ab und zu kann es vorkoinmen, daß ich ihn selbst auZspinne; ich sehe dann alles ganz deutlich vor mir: die Laube voller Gäste, unseren guten Doktor, den Perro— daS kühle schattige Tischtuch— hier und da einen Lichtfleck, einen Sonnenringel— und daS schwere grüne geschliffene GlaS, an das Heinrich klopft... Bloß gestern früh gefiel mir Heinrich nicht; ich erschrak förmlich, als ich ihn sah, aber es war wohl nicht weiter schlimm, er hatte nur schlecht geschlafen. Ein knappes Stündchen die ganze Nackt, dielleicht auch nur ein halbes; es war so eine qualvolle Unruhe in ihm, und er mußte an so mancherlei denken. An so mancherlei. Wie um diese Stunde im Werk die Nacht- schicht beginnt, wie sie in dichter Reihe in die Hallen strömen, wie die Räder surren... urrr... urrr... urrr... und wie die Hämmer sausen, schwarz und wuchtig, durch Dampf und Glut—. Ob in Bolivien wohl auch die Malaria ist—. Und ob wir den Hund durchdringen werden, denn cS ist ja nicht leicht mit einem jungen Hund—. Und wie schön es doch sein muß, nun bald ge- sund zu sein—. Der Doktor sagte nichts weiter, als er um Mittag kam. er sah ihn scheinbar nur flüchtig an—„ja. man merkt, Sie haben schlecht ge- schlafen,—" aber er war gegen seine Gewohnheit merkwürdig einsilbig und verschlossen. Der Tag verging: es war ein stiller sanfter Tag, gegen Abend ober kam wieder die Unruhe, und des Nachts lag er und stöhnte,— er wollte hinan« und auf und abgeben— einmal nur I— aber, ach, es ging wohl nicht, er war doch noch zu schwach.... In der Frühe lag er da mit großen glänzenden Augen. DaS Bett war zerwühlt, und die Finger der rechten Hand zerschunden.— so hatte er sie in die Laken gekrallt—, aber seine Brust stampfte und keuchte, und sie gemahnte an ein alteS tapferes Schlachtroß. das sich trotz Mattigkeit und Wunden noch immer aufbäumt zu einigen Sprüngen. „Hast Du geschlafen?" „Nein..." keucht er,„uh... nein..." Die Stimme ist fort, und die Laute, die irgendwo aus der Brust. «US der Tiefe poltern, klingen wie Bellen. „Das Fenster--* keucht Heinrich.„Lust... Luft..." Er bohrt sich tiefer in die Kissen, es ist, als wiche er vor etwas zurück, vor irgend etwas, mit den, er einen wilden ungleichen Kampf Da nehme ich seine Hand. Ich nehme sie fest in die meine. ich sehe ihn ruhig an, und all mein Denken strahlt zusammen in einen einzigen winzigen Punkt. Ich spreche. Ich spreche vom Winter, der hinter uns liegt, und vom Frühling, der nun draußen steht vor den Toren.—„ja, stehst Du, wir ahnten ihn ja längst, o längst I aber nun ist er gekommen, nun ist er in Wirklichkeit da, und alles ist wieder Licht und Leben und Sonne--" Da plötzlich entreißt mir Heinrich die Hand, seine Augen rollen, er fuchtelt hiflos mit den Armen-- „So»— ne I" schreit er... Und plötzlich gibt ihm etwas einen Ruck, er schnellt empor winselt, röchelt— etwas würgt, drosselt ihn— er schnappt, gurgelt— bebt— sinkt vorüber-- und über daS Laken sprudelt ein heißer hellroter dampfender Strom--------— Wenn der Tag graut, sagt der Doftor, wird er fort sein. irgendwohin verschwunden— versunken oder emporgestiegen— ins Dunkel der Nacht oder das Licht des Tages.... Es ist nur noch ein winziges Atmen in ihm, ein leises lindes, müdes Verdämmern, selten nur setzt für Augenblicke die Kraft ein, die alte zähe ursprüngliche Kraft, und die Brust bäumt sich und ringt, und der Atem fliegt und pfeift-- Der Doktor sitzt am Fußende des Bettes, den grauen Kopf in den Händen und sinnt und lauscht. Die Brust, die Brust... es dröhnt, es hämmert... Ha, Heinrich will nicht sterben! Hier ist die Esse, und hier— der Hammer I Schlagt zu—! Diese Glut, diese Glut... l Ja, Freund, es siedet, brodelt... die Erze schmelzen... Wir steigen herab von La Paz, von den Bergen— aus der Kühle— oh... pich, mitten hinein in den Brand der Tropen.... Und das— dies Sausen— das ist der Oststurm— wir arbeiten uns hinüber— der Dampfer reitet, stampft, und cS ist Nacht über dem Meere. Wenn eS aber erst warm und grün wird, weißt Du, was wir dann machen? Dann kommen sie alle zu uns heraus ins Grüne. Wir wollen dann sehen, daß wir auch Wein kriegen, und dann decken wir den Tisch in der Laube und die Sonne fällt nur von oben herein, so ein klein wenig, weißt Du...? Da wollen wir dann alle beisammen fitzen und der Doktor mitten dazwischen— und Perro— ja, der Perro wird auch irgendwo umherlaufen, und da werden wir nun lustig sein. Da mit einem Male aber wird sich Heinrich erheben. Er hat seine Stimme natürlich längst wieder— o längst I— er wird sich also erheben und bescheiden an sein Glas klopfen. „Freunde!" wird er sagen.„Freunde und Genossen!../ Da wird eS still werden.— totenstill. Irgendwo nur wird eine Mücke summen. Und das schwere grüne GlaS wird funkeln.., Und Heinrich-- wird eine Rede halten. )Zus den ersten Stunden des Köm�reiebs Italien. Untröstlich nicht, doch wirklich traurig genug wars in Italien am Schlüsse des Jahres 1860: zu Venedig noch die österreichischen Weißröcke, am Tiber noch die französischen Rothosen, Savoven und Nizza als Trinkgeld gespendet und über Gaeta noch die Fahne der Bourbonen. In der Silvesternacht ward für den heiligen Vater in Rom demonstriert. Der dort lebende deutsche Schriftsteller Ferdinand Gregorovius sah den Akt an und schrieb darüber in sein Notizbuch:„Diese Menge in dem bunten Gemisch von Guelfen und Ghibellinen, die doch ihrem Haß nicht freien Ausdruck geben durfte, bot einen seltsamen Anblick dar: Soldaten von Sebastopok und Magenta mit ihren Medaillenz„Märtyrer" von Castelfcdardo mit ihren Peterskreuzen; Zuaven von St. Patrick, grün kostümiert wie Erin; verzückte Frauen mit weißen Schleiern; Priester, Mönche, uniformierte Mulatten, Mohren, Armenier; römische Sbirren, das lange Dolchmesser unter dem Mantel; verwundete neapolitanische Offiziere in Zivil, elend und jammervoll; die Garde der laterani» schen Pfalz; mittelalterliche Schweizer. All das ein wunderlicher Knäuel, des heiligen Vaters harrend. Dann frenetischer Jubel- ausbruch, Tücherschwenken und Evviva Pic Nona." Und weiterhin bemerkt Gregorovius noch:„Es scheint, daß Capua der Höhepunkt der Nationalbewegung war; sie stockt inr Süden. Man bezeichnet schon den Tag, an welchem Franz II. wieder in Neapel einziehen soll und eine Erhebung in Calabrien dürste organisiert sein." Die Gerüchte, die damals einander jagten, waren gar nicht aus der Luft gegriffen. Die Konterrevolution hatte mit der Arbeit nicht gezögert, und obendrein ward jetzt schon von den Spekulanten und Intriganten im Trosse des neuen Kurses viel, sehr viel verdorben. Indessen vermochte die frühere Wirtschaft sich nicht wieder empor zu lümmeln; sie war geliefert, und vergnüglich konnte das Haupt der savohischen Dynastie zu seinen Dienern sagen:„Wir sind beisammen, fanget an." Um das zusammen- geschweißte neue Reich, das zweiuniManzig Millionen Seelen Gahlte, muffte Set staatliche Reif geschmiedet, voraus ein Parlament Bestellt werden. Es geschah dies im Januar 1861 auf Grund der in Savoyen gültigen Bestimmungen; ein allgemeines Stimmrecht gab es nicht;"man wählte nach einem steifen Zensus. Die guten Re- sultate, deren es l-edurfte, wurden auch erzielt— da und dort unter freundlicher Nachhilfe des amtlichen Apparates— und einige Wochen darauf empfing das festlich geschmückte Turin die neuen Landes- Voten. Es lag der Enttvurf eines ganz kurzen Gesetzes vor, wonach Victor Emanuel für sich und seine Nacksolger den Titel eines Königs von Italien erhielt. Ter(durch Ernennung von oben ge- bildete) Senat diskutierte nicht lange und nahm es an mit 12? gegen 2 Stimmen. Etwas länger spann sich die Erörterung in der Kammer hin. Man hätte, hieh es mehrfach, die Initiative in dieser Angelegenheit der Vertretung des Volkes überlassen, auch zuwarten sollen, bis die Einheit wirklich vollendet sei. Da traf die angenehme Meldung vom Falle der Zitadelle Messinas ein— es trotzte bloß mach das kleine Felsennest Civitella di Tronto—, und jetzt erfolgte eine Annahme mit 292 gegen 2 Stimmen. Wie winzig die Minori- tat auch war, sie paßte nicht in den schönen Nahmen, und zwei Herren waren denn auch so gefällig, zu eröffnen, sie hätten nur �.aus Versehen" schwarze Kugeln eingeworfen. Am 14. April ward sodann nach bewährtem Pariser Muster verordnet, Victor Emanuel sei Herrscher„von Gottes Gnaden lun>d durch den Willen des Volkes". Eine lebhafte Debatte kam hier tn Gang. Mehrere Redner wollten dies zweifelhaste Gotttum ge- strichen haben. Doch war die Regierungsmehrheit kompakt genug, den Schnörkel zu retten. Der lustige Frankfurter Dichter Friedrich Stoltze verfaßte damals eine Regententafel, worin er die erlauchten Potentaten besang, die unter dem Beistand des Himmels auf den Thron und wieder herunter befördert worden waren; sie schloß mit den Worten: Auch Neapels Franz der Zweite Hatt' den Purpur und die Seide, Krön und Land von Gott direkt, Victor Hais dann eingesteckt. Edle Herzog der Toskaner, Modeneser und Parmaner, Gott gab euch den HerzogLhut, Und dem Victor steht er gut. Aus dem allen wird vernommen, Wie von Gott die Kronen kommen: Daß sie aber dann und wann Auch der Teufel holen kann. Ucber die Formalitäten und Dekorationen gelangte man sanft hinweg; nicht so über die dringliche Frage der Heeresorganisation; wo man diese anpackte, war sie stachlig: denn allerlei geheimer Hader zwischen den hohen Federbüschen spielte verderblich mit. Drei Armeen bestanden noch nebeneinander: die vormals königlich- sardinische, die vormals königlich-neapolitanische, die freiwillige «Garibaldis, die Südarmec genannt. Auf diese Irregulären, die «die Hälfte des neuen Reichsbodens erobert hatten, ivaren die Piemontesen aus Eifersucht erbost; sie suchten jener sich zu cnt- tledigcu und machten kaum Hehl daraus. Die unbrüderlichen Szenen, die entstanden, kamen anläßlich einer Interpellation Kamarmoras in>der Kammer zur Sprache. Man sei schnöde und erbärmlich mit der Südarmee verfahren, in deren Lager doch Italien war, wetterte General Sirtori, und da seine Anspielungen immer deutlicher ausfielen, die Vorwürfe immer massiver nieder- «prasselten, brauste ein Tumult auf, dem das Glöcklein des Präsi- «deuten Natazzi nicht entfernt gewachsen war; wie ein Greis, der sich nicht zu helfen weiß, rutschte er auf dem Äuhle herum, bis der Deputierte Massari den ersten besten Hut, der zur Hand war, er- Uriff, zu dem Armen hinsteuerte und ihm von hinten das Möbel über den Kopf bis über die Ohren hinunterstülpte. Natazzi befreite sich von der Hülle und schraubte, den Wink kapierend, den eigenen jZylinder auf, so andeutend, daß er die Sitzung unterbreche. Der fiärm wiederholte sich noch tobender am 18. April, da Garibaldi er- schien und dem Ministerium direkt die Anklage der Pcrfidie ins »Gesicht schleuderte.«Es ist nicht gestattet, uns so zu beleidigen, wir protestieren!", schrie Cavour auftpringend, worauf der Held in tühlcm Tone erwiderte:..Ich glaube durch dreißigjährige Dienste, die ich meiner Heimat leistete, das Recht erworben zu haben, den Vertretern des Volkes die Wahrheit aufzudecken." Die Herrschaft, die nun am Ruder war, begehrte freilich anderer.£as flammende Morgenrot der Auserstehung Italiens war am Verblassen; herbe und häßliche Prosa setzte ein: der gierige «Streit um die Beute. Ter Patriotismus forderte sein Honorar und kein geringes. Die Kulturarbeit, die doch so brennend not- wendig war, geriet tn ein lahmes Tempo hinein, es fehlte fortan der richtige Herzschlag. Dabei aber häuften sich die Schwierigkeiten. Rom, als Hauptstadt in Aussicht genommen, bot vorerst denen be- heglich Quartier, die konspiriert hatten und auch die komplette Umkehr Wagten. Im Februar schon war von Gacta her Franz II. init seiner Sippe und einem Rudel französischer Legitimisten ein- vetcossen; nicht so.entblößt", wie geschwatzt wurde. Seine Mittel reichten aus, Geld zu prägen und das heimische Brigantenwesen Berantioortl. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: großartig in Schwung zu bringen; Munition und Waffen wanderten in schwerer Quantität hin. Und die Exkönigin Maria Sophia tat das ihrige: Sie ließ sich bei dem Photographen Allessandri wohl in 69 Stellungen und Trachten abbilden. Die Proletarier hatten und» haben fteilich kein Gefühl dafür, welcher Opfer ihre Landesmüttev fähig sind._ d. g. kleines feuilleton. Geographisches. DaS Fazit für Peary. Endlich kann man nun wohl unier die langwierigen Erörterungen der Frage, ob Peary am Nordpol selbst gewesen ist. einen Strick macken. Der Rest, der sich aus allen Rechnungen ergibt, ist die für Peary gewiß nicht erfreuliche Tatsache, daß er an diesem Punlte selbst nicht gewesen ist. Aber dieser Rest ist andererseits so unerheblich, daß eS eine Haarspalterei wäre, ihm deshalb den Ruhm des Nordpolentdeckers schmälem zu wollen. Bei den meisten Erwägungen über die Erreichung den Pols ist ein Umstand nur selten in Betracht gezogen worden, der allerdings geradezu als eine Niedertracht dieser heiß umworbenen Erdstelle zu bezeichnen ist: daß sie nämlich nicht einmal an ein und demselben Orte bleibt, sondern ihn verändert. Die sogenannten Schwankungen der Erd- pole sind freilich innerhalb kürzerer Zeitabschnitte gering, aber sie können doch genügen, einen Fehler in der Ortsbestimmung zu er» zeuge», der ein Verfehlen des Ziels veranlaßt. Der Nordpol ver» ändert seine Lage täglich um etwa 15 Zentimeter, und Peary hat das Pech gehabt, daß diese Polverschiebung gerade seinem Reiieweg enlgegengerichtet war. Man könnte nun auf den Gedanken kommen, daß darin gerade eine Gunst der Natur bestanden hätte, weil ihm demnach der Pol gewissermaßen entgegengekommen ist. Die Hauptsache aber ist, daß ein Polarreisender diese Polverichiebungen wirklich kennt, und das ist beim besten Willen unmöglich, solange die Gesetze, nach denen sie sich vollziehen, noch nicht ergründet find. Otto Baschin hebt in einem Aufsatz in der.Zeitschrift der Gesellschaft für Erd- künde" hervor, daß nach den Ergebnissen deS internationalen Breiten» dienstes, der zum Studium der Veränderungen der geographischen Breite, d. h. der Erdpole, eingesetzt ist, die Bewegung des Nordpols gerade damals, als Peary auf der Reise begriffen war, so stark ge» wesen ist wie nie zuvor. Der von der Geographischen Nationalgcsellschast in Washington gewählte Ausschuß holte zunächst entschieden, daß nach seiner Ansicht Peary am 6. April 1999 tatsächlich- am Nordpol gewesen sei. DaS spätere Urteil eines vom Kongreß ernannten Ausschusses hat dann anders gelautet. NuS der Untersuchung der von Peary während der Reise benutzten Uhr hatte sich nämlich ergeben, daß die vor» genommenen Ortsbestimmungen in einem Maß ungenau gewesen sind, das die Schlüffe von Peary auf die Lage des Pols beeinflußte. Peary hat den eigentlichen Punkt des Pols nicht erreicht, sondern in einer Entfernung von 1,6 Minuten oder rund 3 Kilometern verfehlt. Am nächsten ist er ihm nickt am 6., sondern erst am 7. April gewesen. Für den Ruhm Pearys kann, wie gesagt, die» «Ergebnis, das vielleicht auch noch mit kleinen Fehlern behastet ist. als durchaus gleichgültig betrachtet werden. Haben die Vertreter der Wiffenschast das Wettrennen nach den Polen, so weit es mehr ein Ziel de« Ehrgeizes als des Forichungsdranges war. stets abfällig beurteilt, so spielt der Unterschied von wenigen Kilometern bei der Erreichung diese? Punktes erst recht keine Rolle. Astronomisches. Fortschritte der SonnenforschunA. Die junge Sonnenwarte auf dem Mount Wilion-Berg in Kalisornien hat sich als eine außerordentlich wertvolle Bereicherung für die Astronomie bewährt. Ihre Schaffung ist eins der Verdienste gewesen, die sich das Carnegieinstitut im ersten Jahrzehnt seines Bestehens um die Förderung der Wiffenschast erworben hat. Im Dezember 1994 wurde nach sorgfältiger Prüfung verschiedener Gegenden der Mount Wilson in der Nähe der Ortschaft Pasadena im südlichen Kalifornien als Platz für die Sonncnwarte ausgewählt. Der Gipfel liegt rund 1899 Meter über dem Meeresspiegel und ist durch geringe Bewölkung und sehr trockene und ruhige Lust begünstigt. In Professor Haie hat das Vorhaben einen Gelehrten von großer Sachkenntnis gefunden. ES werden an dieser Sonnenwarte jetzt täglich Photographien der Sonnenscheibe ausgenommen, ferner besondere Photographien mit dem logenannten Spektroheliograpben und solche vom Spektrum derSonnen» flecken. Daneben«verde» Bestimmungen der Sonnenumdrehung, Beobachtungen der Sonnenwärmen. Untersuchungen über die Natur der Spektra und schließlich auch Forschungen an anderen Sternen ausgeführt. Die Ausdehnung der an der Sonne gemachten Feststellungen auf die Kenntnis anderer Fixsterne bildet einen besonderen Teil deS Arbeits» Programms. Die Beobachtungen begannen bereits mit einem ge» waltigen Spiegelfernrohr von anderthalb Meter Oeffnung; jetzt aber befindet sich em Noch viel größeres Instrument im Bau, dessen Spiegel den unerhörten Durchmesser von zweieinhalb Metern er» halten soll. Um die außerordentlichen Erfolge dieser Anstalt zu er» messe» genüge die Tatiache, daß bisher bereit» 11 009 Linien im Spekt, m der Sonnenflecken beobachtet und gemessen worden sind. tZorwärtSBuchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer